Ausgabe 
4.2.1928
 
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Nr.30 Dritter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Samstag, 4. Hebruar '928

Geschichten aus aller Welt.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten I)

Hilfsaktion für Tristan da Cunha!

(f) London.

Die großen hauptstädtischen Blätter rucen auf zur Hilfsaktion für Tristan da Cunha. Die meisten Briten wissen allerdings mit öieicm poe­tisch llingend en Flamen herzlich tcenig an zu an gen. Aber die Zeitungen tun ein übriges, um leinen steuerzahlenden Staatsbürger in geographische Verlegenheiten zu bringen und erklären, wobei man u. a. folgendes erfährt: Die Inselgruppe Tristan da Cunha liegt verlassen im Süden des Atlantik, fern von jedem Kontinent und jedem Verkehr, unweit der mittleren Treibeis­zone, schutzlos preisgegcben den frostigen Stür­men der Antarktis, Stürmen, die aber letzten Endes wohl doch nur dazu dv sind, um den Union 3ad, der von der höchsten Jnselspihe weht, desto stolzer flattern zu lassen. Und Bri- tannia rules the waves....

Nun sind aber die Tristaner oder Cunhaner man wähle bitte in großer Not. Die sieben Familien, zusammen 150 Köp,e, die da am Rande der bewohnten Zone ihr Dasein mit Hilfe von Seevogeleiern, Fischen und Kartoffeln fristen, haben keine Seife, und ein solcher Zu­stand ist eines Untertanen Seiner Britischen Majestät durchaus unwürdig. Dazu kommt, daß sage und schreibe nur einmal im Jahre e i n P 0 st s ch i f f an die traurigen Gestade kommt. Zwar legen die Cunhaner durchaus nicht etwa Wert darauf, regelmäßig je nach ihrer politi­schen Einstellung dieDaily Mail", denDaily Herold" oder denDaily Chronicle" zu lesen, von denTimes", die sich für die Inseln be­sonders einsetzen, ganz zu schweigen nein, es ist profan, man muß es aber sagen, die Tri­staner wollen sich einmal richtig nach Herzens­lust waschen können. Deshalb macht man für sie jetzt Propaganda. Einst, so heißt es, hatten sie sich im Kalender verrechnet und das Weihnachts­fest eine Woche später gefeiert. Da stellte ihnen die englische Hochkircheschnell" eine Kapelle hin. Seitdem geht kalendermäßig alles richtig seinen Gang, und auch der Empire-Tag wird pünktlich gefeiert. Die jetzige Aktion scheint von Erfolg begleitet zu sein, zumal die Cunhaner sofort die Sympathien des britischen Reiches eroberten, als bekannt wurde, daß sie fleißig Cricket spielen. Dazu muß man sich aber doch von Zeit zu Zeit auch reinigen.

Das Ehehindernis.

(r) Amsterdam.

Das Oberste holländische Gericht hat jetzt das letzte Wort in dem Prozeß über die Heirats­fähigkeit des Bankbeamten Georg Hensen aesprochen, in einem Prozeß, der monatelang die Oesfentlichkeit der Vereinigten Niederlande beschäftiat hatte. Besagter Georg Hensen, 26 Jahre alt, wollte zu Beginn des vorigen Jahres die Tochter eines reichen Landwirts heiraten. Den Eltern des Mädchens paßte die Partie nicht und so machten sie von dem in Holland geltenden Einspruchsrecht gegen die Heirat Gebrauch. Als Grund ein solcher muß doch vorhanden sein wurde angegeben, der junge Georg wäre nicht energisch genug, um in der Eh« das Zepter zu führen, das aller Voraussicht nach alsbald in die Hände seiner besseren Hälfte überginge. Ja, in Holland ist das eben- ein Ehehindernis.

Und in der ersten Instanz entschied das Ge­richt entsprechend. Eine Frau, die nicht zum Manne aufsehen kann, wird nicht glücklich basta. Der energielose Georg gab sich aber mit diesem Urteil nicht zufrieden und legte Revision ein. Und das Oberste Gericht fällte folgendes Urteil:Georg Hensen ist zwar ein schwacher Charakter, der nicht imstande sein dürfte, im neuen Hausstand sofort die Herrschaft über die Frau und später über die Kinder zu führen. Aber man darf nicht vergessen, daß in den m e i st e n Ehen der Mann über kurz oder lang auf seine Hausherrenrechte verzichtet und sich darein findet, daß die Frau stets das letzte Wort behält. Das Oberste Gericht ist daher der An-

Cs zogen drei Burschen wohl über den Mein ... ^

Roman von Erica Grupe-Lärche r.

85. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Aufrecht stand sie, kaum auf ihren Krückstock ge­stützt, da, so stark, so aufrecht, wie Melusine sie feit Jahren nicht mehr gesehen! War es möglich, daß die Freude einem gebrechlichen Greisenkörper eine so aufrüttelnde Kraft verlieh?

Monsieur Bouoier richtete sich vom zierlichen Ro- kokojessel auf. Seiner überschwenglichen schwärmeri­schen Natur war es, als befände er sich in einem Märchen. Dieses schöne Schloß, dessen Stilreinheit gerade jetzt unter den laublosen Aesten der alten Bäume doppelt hervortrat, der Empfang durch den würdigen alten Jean in tadelloser Livree, das In­nere des Schlosses, diese Salons in reinstem Ro- kokogeschmack, die Greisin im schwer fließenden schwarzseidenen Kleide, das weiße Haar überspielt von den sanften Lichtreflexen des prismenbehange­nen Kronleuchters das alles formte sich zu einer Atmosphäre, die so fern war dem Milieu seines bisherrgen Lebens: dem Bourgeoistum französischer Provinz!

So lag in seinem Benehmen eine Mischung von berechnender Absicht und wahrhafter Ergebenheit, als er der Greisin ihre Fragen und Aeußerungen zu beantworten begann. Er dankte ihr mit schwär­merischer Begeisterung für den Empfang, den sie ihm, einem ihr Fremden, zuteil werden ließ. Er sprach von der unentwegten Treue, der sehnsüchtigen Zähigkeit, mit der jeder in Frankreich das Gedenken an die treuen, einst entrissenen Provinzen festgehal­ten und lebendig erhalten habe.

In dem feinen blassen Gesicht der Greisin stand eine Freude von großer Lebendigkeit. Mon Dieu, dachte Monsieur Jean Paul, in dieser alten Dame lebte noch ein ungeheuer starker Geist, und da war es klug, sich ihre Protektion zu sichern! Zweifellos befaß sie einen starken Einfluß auf ihre ganze Fa­milie.

Ganz gewiß würde Monsieur Bouoier hier, wenn er sich jetzt gleich in Straßburg niederlicße, einen weiteren Wirkungskreis und reiches Verständnis für

sicht, daß man Georg Hensen aus diesem Grunde die Ehe nicht verbieten kann." So geschehen in Amsterdam am 15. Januar 1928 nach Christi Geburt.

Hochwohlgeborener Herr Bolksbolc!"

(v) Budapest.

Das Titelunwesen in Ungarn treibt seltsame Blüten. Eigentlich müßte manAnredcwesen" sagen, denn wie man angeredet wird, mit dem schlichten Herr, geehrter, sehr geehrter, wohl- geborener oder hochwohlgeborener Herr, davon Sängt die soziale Stellung ab. Diese Bezeichnun­gen beruhen auf freier Uebersetzung rein ungari­scher Wörter, aber sie decken sich ungefähr mit den bei uns üblichen Begriffen: nur mit dem Unterschied, daß wir im Höchstfall einwohl- geboren" oder dergleichen auf den Briefumschlag oder an den Kopf des Briefes sehen, während in Ungarn diese Ausdrücke Bestandteil der An­rede sind. Genug, ein geehrter Herr Doktor steht tief unter einem wohlgeborenen Doktor, da letzterer sozial irgendwie dem ersten über­geordnet sein muß.

Dies muß man wissen, um zu verstehen, daß die ungarischen Abgeordneten, die jetzt eine Er­höhung ihresChrensoldes" so nennt man hierzulande euphemistisch die Diäten erhalten, Wert darauf legen, mit hochwohlgeboren", statt wie bisher mit nurwohlgeboren" angeredet zu werden. Darüber sind heftige Debatten ent­standen, die so hitzig find, daß die Beteiligten im Feuer des Wortgefechts gar nicht bemerken, wie unsterblich lächerlich sie sich machen.

Seltsame Schülersammlungen.

(a) Neuh 0 rk.

2n diesem glücklichen Lande verfällt man auf die sonderbarsten Ideen: die ausgefallensten Modetorheiten, die lächerlichsten Versicherungen und auch die merkwürdigsten Enqueten. So hat jetzt ein Professor einer Realschule des Westens nichts Besseres zu tun gehabt, als eine Statistik über den Tascheninhalt feiner Schüler aufzustellen. Und wie Kolumbus auf dem Wege nach Indien Amerika entdeckte, so stieß auch unser Professor bei seinerStatistik" auf ein gariA unerwartetes Moment. Er fand nämlich in den Taschen feiner Schüler außer dem üb­lichen Kram wie Bleistifte, Bildchen, Taschen­tücher (mehr oder weniger saubere), Bindfäden, Murmeln und dergl. auffallend viele Medi­kamente und Drogen, vom Aspirin bis zur Kokaintablette. Das Entsetzen des würdigen Ge­lehrten war groß und zahlreich dieblauen Briese" an die Eltern, die ihren Kindern der­artige Gifte mitgeben, anstatt im Bedarfsfälle den Schularzt (bei Kopfschmerzen und dgl.) zu Rate zu ziehen. Die Eltern antworteten, sie wären über die Mitteilung des Lehrers ebenso entsetzt wie dieser über das Gebaren ihrer Kinder, und ihnen wäre nicht bekannt usw. Nun wurde eine große Untersuchung eingeleitet und das Ergebnis war verblüffend genug. Die Kinder sammelten an Stelle von Briefmarken und Schmetterlingen, wie dies andere anständige Kinder tun Medikamente. Und unser Pro­fessor hatte bald Gelegenheit, auf dem Schulhof während einer Pause zu hören:Halloh, Smith II, kannst du mir für drei Aspirin­tabletten eine Drvmpille geben? ..

Tclephon-Gczwitscher.

() Paris.

Man hat es sich daheim gemütlich gemacht: auf dem Tischchen steht neben der Havanna­kiste ein Aperitif ober, je nachdem, die Flasche Haut-Sauternes, schließlich tut es auch ein Schälchen würzigen Kaffees, und vertieft sich nun, wohlig, zusrieden, eingebet:in das mol­lige Gefühl, in seinen traulichen vier Wänden zu hocken, in ein schönes Buch, das bezaubernde Bilder und erhebende Erkenntnisse vor die Seele gaukelt, da plötzlich: rrrrr: das Telephon. Wie weggeflogen ist alle Verzauberung, die böse Welt meldet sich von draußen, wütend wirft man

sein musikalisches Können finden, ermunterte die Greisin ihn. Auch sie empfinde eine förmliche Sehn­sucht nach Musik, wo ihr Blick wieder lichter in die Gegenwart und die Zukunft $u sehen vermöge. Jahrelang war kaum ein Ton in ihrem Hause er­klungen. Aber jetzt!

Ob er ihr etwas vorspielen dürfe?" fragte er, ihr auf halbem Wege entgegenkommend. Da dankte sie ihm mit leuchtenden Augen. Ihre Gedanken überflogen die Vergangenheit. Ihre jugendliche Ela­stizität, ihre prickelnde Lebenslust war vorüber, mit der sie einst noch am Hof des dritten Napoleon den frivolen Galopps eines Jacques Offenbach in der Schönen Helena", den fröhlich-volkstümlichen Me­lodien einer Mamsell Angnt gelauscht. Aber viel­leicht sang er eines der schönen französischen Volks­lieder?

Er verneigte sich yiftimemnb vor der alten Dome und schritt zum Flügel. Melusine hatte bereits den Deckel aus Ebenholz aufgeschlagen.Wünschen Sie irgend etwas aus den Noten?"

Lächelnd dankte er. O nein! Es stand ihm ja eine solche Fülle von Liedern, von Melodien zur Verfügung! Er schüttelte die Einfälle zu seinen Im­provisationen förmlich aus den Aermeln. Melusine zog sich wieder zurück und ließ sich auf dem zier­lichen halbrunden Rokokosofa nieder, das, in der Nähe vom Lehnstuhl ihrer Großmutter, eine Ecke des Salons bildete. Hier konnte sie sich ungestört ihren Gedanken und Eindrücken überlassen. Aber die alte Dame war schon bei den ersten Klängen ganz Ohr. In den jungen Jahren ihrer Ehe, die in die letzte Zeit des zweiten Kaiserreiches in Paris fielen, hatten sie intensiv am Musikleben teilgenommen. So hörte sie schon bei den ersten Akkorden, an seinem Anschlag, an der Art seiner Phrasierung, an dieser Vereinigung von Begabung, Kunst und Tempera­ment den Künstler heraus.

Er begann nach einem kurzen phantasievollen Vorspiel das Lied von BärangerLes Adieus de Marie Stuart". Schon bei den ersten Klängen reckte sich die Greisin in ihrem Lehnstuhl etwas auf.

Als er noch einige Stücke gespielt und gesungen, erhob sich Melusine. Es sei Zeit, wieder aufzubrechen und nach Hause zu fahren. Die Grandmama pflege um diese Zeit zu Nacht zu speisen, und zu Hause würde man sie zurückerwarten, da sie nur einen kurzen Besuch auf dem Schloß beabsichtigt habe.

daS schöne Buch in die Ecke, und wird sich wieder der schrecklichen Tatsache bewußt, daß man nur ein Teil ist der hastenden, lauten betriebsamen Welt, die einem nicht einmal im eigenen Heim in Ruhe läßt. Tausende und aber Tausende haben deshalb schon das Telephon ver­wünscht, zumal es sein Dasein durch ein geradezu infernalisches Geräusch kundtut, dieses rasselnde, schreckhafte Klingeln, das einen in der an- melnden Stille wie ein Strauchdieb überfällt. Wie oft mögen sich Männer, die gerade beim Rasieren waren, in das Kinn geschnitten, mögen Dienstmädchen wertvolle Services aus die Erde haben fallen lassen, wenn dieses höllische Rasseln plötzlich hereinbrach...

Das soll, wenigstens in Frankreich, jetzt anders werden. Die Franzosen haben sowieso schon die empfindlichsten Nerven Europas, u.,b es ist daher kein Zufall, wenn sie mit dieser Reform den Ansang machen. Hm es kurz zu sagen: im französischen Postininisterium wird jetzt eine technische Erfindung ausgeprobt, die das bisherige Klingeln des Telephonapparates durch das Gezwitscher etwa des Kanarienvogels erseht.

Welche idyllischen Aussichten eröffnen sich hier­durch für den durchaus wahrscheinlichen Fall, daß dieser Plan Wirklichkeit wird! Man stelle sich z. B. einmal vor, welch liebliches Gezwitscher fürderhin etwa in einem großen Derlagshause mit seinen zahlreichen Hausapparaten ertönen wird! Man wird sich wie in einer mit ge­fieberten Sängern reichlich beschickten Voliere Vorkommen

Nur einen Haken hat bie Reform, unb auf ihn wirb man doch noch irgendwie Rücksicht nehmen müssen. Denn zweisellos gibt es auch in Frankreich sehr viele Telephonteilnehmer, die gleichzeitig auch Halter von Kanarienvögeln sind. W i e sollen gegebenenfalls diese Leute unter­scheiden, wenn ihnen am Schreibtisch plötzlich das verlockende Zwitschern in die Ohren klingt, ob es der Jubel einer kleinen Vogelseele ist, ober aber der ergrimmte ®Iäü6ia?r, der sich zum so und soviellen Male am Fernsprecher wut­schnaubend nach dem nächsten oayiungstermin erkundigen will?

Die entzauberte Holte.

(h) Konstantinopel.

Wer die traditionellen Schilderungen der Hölle kennt, wird kaum auf den Gedanken kom­men, daß diese eine Grundlage in der Wirklich­keit haben, daß sozusagen eine natürliche Hölle existiert, von der die ursprünglichen Schilde­rungen der Hölle angeblich beeinflußt sind. Da gibt es nämlich einen Ort nicht weit von Kirkuk im alten Assyrien, wo ein bestimmter Landstrich dafür bekannt ist, daß er nach Pech und Schwefel stinkt. Ein riesiges Feld, das mehrere Kilometer Länge unb Breite umsaßt, ist nicht nur mit Schwefel bebeckt, fonbem auch so stark naphta- haltig, baß bieses in Form von Asphalt (fälsch­lich Erdpech genannt) an die Lust tritt und die ganze Gegend verpestet. Das Feld hat dabei die Eigentümlichkeit, daß bei feinem Betreten durch nicht ganz aufgeklärte Vorgänge die Gase, die ständig in geringer Menge über ihm liegen, in Brand geraten, was für den Wanderer meist ungefährlich, aber sicher nicht angenehm ist. So wird auch noch dasHöllenfeuer" Wirklich­keit, das man zur Abrundung des Bildes der Hölle nun einmal braucht. Man kann so mit­unter ein fabelhaftes Schauspiel erleben; man kann bet günstiger Gelegenheit z. D. auch sehen, daß tatsächlich burtfle Gestalten wie durch ein FeuSrmeer schreiten Diese Erscheinung, die im ganzen Orient bekannt war unb erst in ber sog. Neuzeit in Vergesseirheit geriet, ist nun durch ein Erlebnis ber letzten Zeit toieber in bas Bewußtsein ber Menschen gerückt. Man hat nämlich auf biefem Felde bas erste Petroleum gefunden, das man in Mesopotamien mit den modernen Bohrversuchen überhaupt gefunden hat. Die Hölle" hat dabei aber, wie ja auch die Presse berichtet, ihren alten Ruf bewahrt, denn als man auf das Petroleum stieß, brach dieses mit solcher Wucht hervor, daß sich sofort riesige Petroleumseen bilbeten, unb von den in ber Nähe toeilenben Arbeitern brei getötet unb über ein Dutzend durch das Petroleum schwer verletzt wurden. Die' Hölle hat ihrem alten Ruf wieder

Aber die alte Dame ließ keinen Aufbruch gelten. Längst schon hatte sie auf einen Knopf der elektri­schen Klingel gedrückt, der alte Jacques war in (ei­ner lautlosen Art im Salon erschienen, hatte sich zu seiner Herrin herabgeneigt und von ihr in we­nigen Worten einige Anordnungen empfangen, mit denen er sich sogleich wieder zurückzorn ohne daß Melusine in ihrer Versunkenheit oder Monsieur in seinem Spiel am Flügel es bemerkt hätte.

Deswegen beantwortete sie jetzt den beabsichtig­ten Aufbruch der Enkelin mit dem unter ein Lächeln gestellten Vorschläge: sie beide möchten doch jetzt ihre Gäste beim Nachtessen sein! Das wäre ihr eine liebe Abwechslung gegenüber ihren sonst immer ein­sam eingenommenen Mahlzeiten. Monsieur Bouoier nahm dankend an. Die Gastfreundschaft dieser alten würdigen Dame war entzückend! Und auch Melu­sine entschloß sich zu bleiben. Wenn man auch ihre Mutter nicht telephonisch benachrichtigen konnte von ihrem- Ausbleiben, da man seit Kriegsbeginn wegen Spionagegefahr keinerlei Telephonverbindungen im Elsaß mehr besaß, so brauchte man sich zu Hause doch nicht über ihr längeres Ausbleiben zu äng­stigen.

Als der Nachtisch kam, erschien der alte Jacques mit einem silbernen Eiskübel, den er neben der Kredenz postierte. Ueber seinen Rand ragte der schmal zumündende Hals einer Champagnerflasche in goldgelber Staniolumbüllung.

Er lächelte diskret, als er Melusine jetzt sagen hörte:Grandmaman, wie? Du servierst uns Cham­pagner?" In (einem runzeligen, glattrasierten Do- meftifengejidyt lag ein Gemisch von Stolz und Be­haglichkeit. Oh, er war verbunden mit der Stim­mung und dem Schicksal dieses Hauses, daß er es vollkommen verstand, wie er nun seine Herrin ant­worten hörte:Ja, meine Liebe! Es ist mir ein Bedürfnis, diesen Tag würdig auch durch ein äuße­res Zeichen zu begehen, an dem es mir vergönnt ist, den ersten Besuch eines Landsmannes, den ersten Gast zu emofangen, den mir mein französi­sches Heimatland wieder zusenden kann!"

Monsieur Bouoier hatte bis jetzt noch kaum Ge­legenheit gehabt, in so exklusiv vornehmen Kreisen zu verkehren. Aber mit der dem Franzosen ange- 6orenen hohen Selbsteinschätzung und Selbstsicher­heit war er der Situation im Auftreten durchaus gewachsen. Ohne Unsicherheit oder Verlegenheit er»

Ehre gemacht, wenn auch nicht zu bezweifeln ist, daß nunmehr die modernen Apparate wenig­stens diesem angeblichen llrbilb ber Holle sehr bald ein Ende setzen.

Oberhessen.

Landkreis Gictzcn.

211 le n b 0 r f (Lahn), 3. Febr. Am Mittwoch­abend fand im hiesigen Evangelischen Vereinshaus die diesjährige Eoangelisationswoche der hiesigen Christlichen Gemeinschaft ihren Abschluß. Jugendsekretär K r e u z k a m p (Braun­fels), der aus früheren Jahren in unserer Gegend gut bekannt ist, hielt allabendlich während dieser Zeit Eoangelisationsvorträge über wichtige religiöse Fra­gen, die jedesmal von hiesigen, wie auch von aus­wärtigen Gemeinschaftsgliedern stark besucht waren. Der hiesige Gemischte Chor wußte durch iine Liodervorträge die Versammlungen wirkungsvoll zu verschönern.

:: Beuern, 2. Febr. Die gestern-hier ab- gehaltene Nuhholzsubmission ergab fol­gende Preise: Los 1, Buchenstämme, 3. Kl. 43 Mk., 4. Kl. 45. Los 2, F i ch t e n st ä m m e, la-Kl. 27, Ib-ÄL 30, 2a-Kl. 34,80, 2b-Kl. 36,80, 3a-Äl. 39,23, 3b-Kl. 41, 4a-Kl. 41, 4b-Kl. 41. Los 3, K i e f e r n st ä m m e, lb-Kl. 26 85, 2a-Kl. 29,85. 2b-Kl. 33,85, 3a-Ku 45. Los 4. Fich­te n st ä m m e, la°Kl. 28, lb-Kl. 33, 2a-Äl. 35. 2d-Kl. 38. 3a-Kl. 40, 3b»Kl. 42. Los 5, Fich­te n st ä m m e, lb-Kl. 33, 2a-Kl. 35, 2b-Kl. 38. 3a-Kl. 40. Los 6, Fichtenstämme. la°Kl. 30. lb-Kl. 35. 2a-Kl. 37. 2b-Kl. 40. 3a-Äl. 43.80. 3b-Kl. 45,75 Mk.

5 Saasen. 3. Febr. Am Mittwochabend hielt der ©Dang, kirchliche Frauen- und Jungfrauen-Verein Saas en eine Abendunterhaltung im Saale des Gastwirts Karl Schepp ab. Welchem Bedürfnis der Abend ent» gegenkam. zeigte der Besuch es wurden 125 Frauen und Mädchen gezählt. so daß der Saal bis zum letzten Platz besetzt war. Mit dem ChoralLobe den Herren" wurde die Feier eröffnet, woraus der Leiter des Vereins, Lehrer Herber, bie Ansprache hielt. Er rebete von dem Zwecke des Vereins, der in dem Namen evang. kirchlicher klar zutage tritt. Aus ber Geschichte bes Vereins, ber als Kriegskinb 1914 gegründet würbe unb zunächst Kriegsaufgaben lösen half, der dann vor 12 Jahren dem Qllice- Frauenvereinsverband sich anschloß unb nach Kriegsschluh, besonbers auch nach dem Anschluß an Den Verband evang. kirchl. Frauenvereine einen neuen Aufschwung nahm, entwickelte der Redner die Gegenwartsaufgaben, die so schwer­wiegend und bedeutsam sind. Es gilt, durch die Familien unserem so arm gewordenen Volk den Reichtum des Christenlebens aufzuschlichen. Dazu, um dieses teuerste Gut im Leben umzumünzen, forderte der Leiter auf. das ist der schönste Dienst an der lieben Heimat. Dieser Heimat, dem kostbarsten irdischen Gut galt bie Feier, es war ein rechter Heimatabend, der nun nach einer kurzen Pause von Mitgliedern des Vereins unter Leitung des Lehrers Herber unb nach feinem Programm bargeboten wurde. In angenehmem Wechsel zwischen Vorträgen von Gedichten und gemeinsam gesungenen Liedern mit mehrstimmigen Gesängen des Jungfrauen­chores ging der Abend wie im Fluge vorüber. Die Schönheit der Heimat, ber Abschied vom Vaterhaus, in der Fremde, die Heimkehr, Mutter­glück und Muttersegen, daS alles wurde ver­bunden durch erflärenöe Ansagen des Leiters den Frauen vor Augen gestellt. Die Jung­frauen hatten, eingeübt unb geleitet von Lehrer Herber, wirllich Gutes geleistet. Nach einem kurzen Schlußworte des als Gast antoefenben Pfarrers von Wirberg, der bie Auf­gaben der Frau in der Familie für bie Heimat hier unb broben nochmals unterstrich, gings zum gemütlichen Teile weiter. Er begann nut dem Trinken des Kaffees, wozu das nötige Gebäck nicht fehlte. Damit auch die Seele in diesem Teil nicht zu kurz kam, gab es noch eine ganze Reihe Darbietungen, meist in dialektischer Form. Besonders wollen wir noch erwähnen, daß eines der ältesten ber Mitglieber, bie trotz bes Silber­haares ihren Humor nicht verloren hat, befon- beren Beifall durch ihre Vorträge fand. Das

griff er seinen spitzen hohen Kristallkelch, hob das Glas etwas vornüber geneigt erst der alten, bann ber jungen Tischbame zu unb sagte, nacheinander jeher von ihnen tief unb bedeutsam in bie Augen sehend:

Ich danke Ihnen im Namen meiner Heimat? Wenn ich die Ehre habe, von Ihnen, Madame, als ein Abgesandter Frankreichs jetzt betrachtet zu wer­den, so ist es mir ein tiefes Bedürfnis, aussprechen zu dürfen, welch eine beglückende Freude es für uns Franzosen ist, nicht nur den Boden dieser 'ent­rissenen teuren Provinzen wieder betreten zu kön­nen, sondern auch eine so warme und aufrichtige Anhänglichkeit an das einst entrissene französische Vaterland zu finden! Diese Stunden, die ich heute in Ihrem Hause zum erfteritnal im Elsaß verbrin­gen darf, Madame, werden sich mir unauslöschlich einprägen!"

Unb bann zu Melusine geneigt:Unb ebenso ift es mir eine stolze Freude, mit Ihnen heute auf dem Boden des Elsaß unsere Gläser erklingen lassen zu können, Baronesse! Erinnern Sie sich noch meiner Prophezeiung von damals? Wir würden uns bald im Schatten des Straßburger Münsters Wieder­sehen? Aber ich schätze mich in dieser Stunde nicht nur als Patriot glücklich, im Elsaß weilen zu kön­nen, sondern ich danke auch meinem persönlichen Schicksal das mir das Geschenk gab: <5ie Wie­dersehen zu dürfen!"

Mit kecker Sicherheit setzte er seiner kleinen An­sprache nun noch das funkelnde Lichtlein werben­der Verehrung auf! Denn aus einer Anzahl von Beweisen hatte er ja das uneingeschränkte Wohl­wollen der Schloßherrin zu seiner Persönlichkeit herausgefühlt. Er ahnte es, in dieser Greisin würde er einen starken Bundesgenossen, eine Hilfe haben, wenn, er ferne Bewerbung um die junge Baronin sortsetzte!

Der feine, halbsüße Geschmack des französischen Champagners rann ihr durch die Kehle. Wie ein süßer, schwerer Schleier begann es sich über ihre Gedanken zu legen. Köstlich war doch dieses Zu­sammensein hier! So ganz anders, als wenn sie Dietwart gegenüber saß und es eine von beiden Seiten peinlich empfundene Unterhalttmg über Dinge gab, die nun einmal nicht zu ändern, unb über Gefühle, die nicht zu beschwören waren!

(Fortsetzung folgt)