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Samstag, 5. Mär; 1928

(78. Jahrgang

Nr 51 Erster Blatt

annahmt oon Bnjetgt« für die lagesnummer bis zum Nachmittag vorher.

Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig. für Ne- klamean^eigen von 70 mm Brette 35 Reichspfennig, Platzvorschrist 20u , mehr.

Thefredakteur

Dr Fnedr Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr Fr Wilh Lange, für Feuilleton Dr H Thyriot, für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den An» zeigenteil Kurt hillmann, sämtlich in Gießen.

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ivotkstrauenag.

Es ist ein tiefes poetisches Gefühl, das dem Ge­danken des Dolkstrauertages zugrunde liegt:Ein Tag im Jahre ist den Toten frei"; das ist die Me­lodie des Totensonntages. Der Dolkstrauertag aber soll allen denen geweiht sein, die in dem gewaltigen vierjährigen Ringen ihr Leben dem Daterlande ge­opfert haben. Ein lag der Dolkstrauer, der nicht staatlichen Vorschriften, sondern privater Initiative seine Entstehung und seine Pflege verdankt. Das ift an sich eine Halbheit, denn es will uns nicht in den Kopf, dah auch an diesem Tage Tanzfestlich­keiten und andere öffentliche Lustbarkeiten ruhig veranstaltet werden dürfen. Kaum eine deutsche Fa­milie wird es geben, die nicht ein Mitglied be­klagt. In keinem Volk der Erde hat der Würgeengel des Krieges so tiefe Wunden geschlagen, wie bei uns. Und die Deutschen sind die einzigen, bie sich der Pflicht des Erinnerns bisher entzogen haben. Wir haben zwar einen Nationalfeiertag, der dem Gruß an die neue Verfassung gewidmet ist, wir haben aber keinen Tag, der von Staats wegen der Toten gedenkt. Das mag eine Folge der inneren Erschütterung sein, eine Folge auch der Verzweiflung, die damals über uns alle ging, als wir zu fühlen begannen, daß die heroischen Opfer umsonst gebracht w ren. Aber um so mehr haben die Toten ein Recht darauf, daß sie nicht spurlos im großen Meer des Vergessens versinken, um so mehr hat das deutsche Volk die Pflicht, d i e Erinnerung zu pflegen an die Millionen, die an der Front wie in der Heimat bei der Ver­teidigung der Muttererde fielen.

Eigentlich seltsam, daß gerate die Deutschen, die gegenüber den nüchternen Engländern und den ro­mantischen Romanen den Vorteil, aber auch die Nachteile des tieferen seelischen Empfindens haben, es so gar nicht verstanden, dem Kult der Gefallenen eine eigene Form zu geben. Der Gedanke des unbekannten Soldaten ist so schön, daß er deutsch sein könnte; wir haben ihn bisher nicht einmal nachempfunden. Wer den einfachen Grabstein in ter Westminster-Abtei Londons, wer das ewige Feuer unter dem Triumphbogen von Parts gesehen und, man darf schon sagen, erlebt hat, ter wird es gerate um Der seelischen Wir» hingen, die von dieser symbolischen Huldigung aus­gehen, doppelt bedauern, daß wir in ter deutschen Reichshauptstadt etwa» ähnliches nicht haben.

Seit Jahren streiten wir uns um das Projekt eines Ehrenhains und kommen damit nicht vorwärts. Aber wenn wir uns endlich über b-n Platz geeinigt haben, bann wirb biefer Platz für bie Deutschen, die ihn besuchen, gewiß eine Stätte stillen Gedenkens sein; er wird aber doch wohl mehr Anziehungspunkt für neugierige Ausländer bleiben. Das ist gerade das, was wir nicht wollen. Was wir brauchen, ist ein Stein, mitten hineingestellt in die Großstadt, a n dem tagtäglich Millionen vorüber­ziehen und gezwungen werden zur Erinnerung an den Krieg, gezwungen werden zu denken vor allem an den traurigen Abschluß. Ein Volksdenkmal, das nicht nur den Toten des Weltkrieges, sondern auch den Verlorenen gewidmet ist, den Verlusten unseres Volkstums, das heute Zwangsbürgerschaft in allen möglichen europäischen Staaten genießt und sich doch zur deutschen Heimat zurücksehnt. So wollen wir es mit dem Volkstrauertag halten, daß wir still unsere Fahnen senken zu Ehren derer, die ihr Leben ließen, daß wir aber auch derer gedenken, die kom­men, und ihnen ins Herz hämmern:Was ist des Deutschen Vaterland? Soweit die deutsche Zunge klingt und Gott im Himmel Lieder singt, das ganze Deutschland soll es sein!"

Gegen die Annexion Ostafrikas.

Eine Protestkundgebung der kolonialen Neichsarbcitsgerneinschast.

Berlin 2. März. (WTB.) Die Koloniale Reichsarbeitsgemeinschaft, in der bie kolonialen und kolonial interessierten Verbände Deutschlands vereinigt sind, veranstaltete eine überaus stark besuchte Protestve.sammlung ge­gen die Einverleibung früherer deutscher Schutzgebiete in den Kolo­nialbesitz der Mandats machte. Gou­verneur z. D. Dr. Schnee wies daraus hin, baß die Manda ace die Verwaltung der Man- datsgebiele zu treuen Händen des Völ­kerbundes zu führen haben. Vol e acht Iayre nach dem 2nkra ttre en des Ve.sailler Vertrages und der einen integrierenden Bestandteil des­selben bildenden Döl e bundssatzungen gehe die englische Politik daraus aus, doch noch unter der Hand die tatsächliche AnnexionDeutsch- O st a f r i k a s vorzuberei'en und die Welt vor eine vol'eadele Tatsache zu stellen. Man stutze sich dabei auf das 1922 an England erteilte, vom Völkerbund genehmigte Mandat über Ost- asrika, welches die Möglichkeit einer Föderation zu Zoll-, Finanz- und Verwaltungszwecken vor- sebe.

Dies widerspreche den klaren Vor­schriften der Völkerbundssatzung. Ruch gehe aus den Aeuherungen des Kommissars von Tan- ganhika, sowie der gesamteü Stimmung in Uganda hervor, daß eine Vereinigung dieser Gebiete mit der englischen Farmerkolonie Kenya d en Interessen der Eingeborenen durch­aus widerspreche, toelc- e zu wahren Haupt­aufgabe der Mandatare sein müsse. Durch der­artige Methoden solle dem deutschen Volke end­gültig der Weg abgeschnitten werden zur Wiedergewinnung des für seine Erhaltung notwendigen Vodenraumes über See. Gleich­zeitig wolle England sich auf diese Weise un­rechtmäßig Gebiete von ungeheurem Wert an- eignen. die es zunächst unter dem Vorwand

Mit der Höllenmaschine im Reichsentschädigungsamt.

eines alten Ostafrika-Farmers.

Gprengstoffanfchlag

Berlin, 2.Marz. (1BB.) Lin schweres Mtten- (at, dem nur durch einen glücklichen Zufall niemand zum Opfer gefallen ist, wurde heule von einem ehemaligen Farmer aus Deutsch-Ost- afrika im Reichsenlschädigungsamt in der Rhemsiraße 4556 zu Friedenau verübt. Der Täter, der jetzige Kaufmann Heinrich Langkopp, der jetzt in Cauenburg bei Hannover wohnt, erschien heule morgen gegen zehn Uhr im Zimmer des Vizepräsidenten des Reichsentschädigungs­amtes, Dr. Vach. Er hatte einen Augenblick abge- paßt, in dem das Vorzimmer leer war, nm ohne Anmeldung unbemerkt einzutreten. Lr forderte ohne weiteres die sofortige Auszahlung einer Entschädigung in höhe von 1 20 0 0 0 Mark, widrigenfalls er einen Koffer mit Sprengpulver jur Explosion bringen werte. Damit stellte er einen Aluminium-Iropen- koffer auf den Schreibtisch, aus dem zwei Z ü n b - chnüre heraushingen, die ter Attentäter um die Finger der linken Hand gewickelt hatte. Vizepräsident Dr. Bach versuchte, auf gütlichem IDege zu verhandeln, da er hoffte, daß inzwischen einer der Beamten das Zimmer betreten werde. Da aber zufällig niemand erschien, saßen sich ter Prä­sident und Langkopp länger als drei Stun­den gegenüber. Dr. Bach mußte sich schließlich da­zu verstehen, Langkopp eine Zahlungsanwei­sung über 12 000 Mark und einen Scheck über 90 000 Mark auszuschreiben. Langkopp rief daraus, ohne den gefährlichen Koffer ans der Hand ju las­sen, einen Bekannten durch den Fernsprecher herbei, ter ebenfalls unbemerkt ein trat und den Scheck in Empfang nahm. Er bemühte sich dann eine Stunde lang, den Scheck von einer Bank honoriert zu bekommen, hatte aber keinen Er­folg, da der Soi^ck nicht ordnungsmäßig ausgeschrie­ben war. Als jetzt Vizepräsident Dr. Bach erklärte, er wolle bei der Kasse des Amtes Geld holen und das Zimmer zu verlassen suchte, gab Langkopp fünf Schüsse aus einem Revolver ab. Keiner der Schüsse hatte getroffen. Gleichzeitig hatte Langkopp den Koffer fallen lassen, und es gab einen kurzen Knall. Durch einen Zu­fall war die Sprengladung nicht zur Explosion ge­kommen. 2luf die Schüsse hin liefen Beamte aus den anderen Zimmern herbei, die Langkopp über­wältigten und dem UeberfaUfommanbo über­gaben.

Bei bet Vernehmung auf der Polizei gab Ge­heimrat Bach an, Langkopp habe fortdauernd zu ihm gesagt:Wir beide verlassen das Zimmer nicht lebendig!" Als Bach einmal die Hand sinken ließ, habe Langkopp gerufen:Ich habe in meiner Hand bie Zündschnur!" Als ter Be­kannte Langkopps dann mit dem nicht eingelösten Scheck zurückkam, hat Geheimrat Bach in seiner Rot Langkopp ein Flugblatt In die Hand gedrückt, das Langkopp sich auch ansah, aber trotzdem gelang die Flucht des Geheimrats nicht, und er hat es nur einem Zufall zu verdanken, daß die Schüsse Lang­kopps fehlgingen. Längkopp schoß hinter ihm h e r, bis ihm ein anderer Beamter in den Weg trat, den Langkopp ebenfalls erschießen wollte. Erst bann gelang es Geheimrat Bach, den Schützen von hinten zu umfasien und zu Boden zu werfen. Roch am Boden liegend, hat Lang­kopp geschossen. Während der Schüsse hat Langkopp die Zündschnur abgezogen.

Dsr Täter.

Langkopp wurde noch gestern abend eingehend von der Kriminalpolizei vernommen. Er gibt

da, die Absicht gehabt zu haben, nach end­gültiger Ablehnung seines Entschä­digungsantrages ein Sprengstoffattentat zu verüben. Zu diesem Zwecke habe er sich fünf­zehn Pfund Dynamit besorgt. Lieber die Her­kunft des Sprengstoffes verweigert Langkopp jede Auskunft. Fest steht jedoch, daß er bei seiner Ankunft in Berlin bereits im Besitz der DIechkiste mit dem Pulver gewesen ist.

Die Polizei hat sich daher noch gestern abend mit der Kriminalpolizei in Lauenstein in Han­nover, von wo Langkopp nach Berlin gekommen war, in Verbindung gesetzt und eine Durch­suchung der Wohnung Langkopps an- geordnet. .

Heber die Persönlichkeit des Täters wird aus Lauenstein folgendes gemeldet: Langkopp ist mit seiner Frau und mit feiner jetzt 14jährigen Tochter im Sommer 1919, als er von den englischen Behörden mit zahllosen Sei» denSgenossen von Haus und Hof vertrie­ben worden war, in feine alte Heimat zurück­gekehrt und wohnte zur Miete in einem Häus­chen. 2m Jahre 1920, nachdem Langkopp feine Entschädigungsanst räche in Berlin angemeldet und erstmalig eine kleine Abschlagszahlung er­halten hatte, schaffte er sich Pferd und Wagen an und betrieb in dem Ort und in der Hmgegend ein Fuhrunternehmen, das jedoch nicht florierte, so daß Langkopp schon nach einem 2ahr das Geschäft wieder aufgab. Don da an lebte er hauptsächlich aus den Geldern, die er vom Reichsentschädigungsamt als Vor­schußzahlungen erhielt. Er war im ganzen Ort als ein geistig vollkommen klarer Mann bekannt, der sehr ruhig auftrat, der auch nur selten in den Gastwirtschaften zu finden war und im übrigen sich allgemeiner Achtung erfreute. Er war ein eifriger Jäger und fröhnte dieser Leidenschaft mehr als ihm gut gewesen ist. Dor einiger Zeit wurde ihm nämlich zu ungewöhn» lich ungünstigem Preise ein Bauerngut mit Jagdberechtigung angeboten, das 90 000 Mark kosten sollte. Langkopp hat geglaubt, durch einen Gewaltstreich sich bie Mittel für die Grün­dung einer neuen Existenz schaffen zu können, die ihm auch die Möglichkeit gab, seiner 2agd- passion huldigen zu Knnen. Am Mittwoch er­klärte der Täter seiner Frau, er müsse nach Berlin, um dort eine endgültige Ver­rechnung mit dem Reichsentschädigungsamt vorzunehmen. Er hat jedoch nach der Schilde­rung seiner Angehörigen mit keinem Wort an» gedeutet, daß er eine Gewalttat vorhabe. Die Angehörigen waren bei der Rachricht, daß L. verhaftet worden sei, vollkommen fassungs­los.

Die Höllenmaschine.

B e r l i n, 2. März. (WB.) Die Höllenmaschine, die bei dem bereits gemeldeten Anschläge im Reichsentschädigungsamt zur Verwendung ge­langte, bestand ait8 einem kleinen Handkoffer aus Blech, der außen einen Fibrebecag besitzt. Auf dem Boden des Koffers hatte Langkopp mit Schrauben und Draht einen Armee- revolver Modell 08 befestigt und an dem Abzug des Revolvers einen Draht angebracht, der in einer dünnen Schnur endete, die aus dem Koffer herausging. Die Mündung des Revolvers war auf die Ladung ge­richtet, die aus 15 Paketen Schwarzpulver zu je ein Pfund bestand. Den Revolver hat Lang­kopp durch Ziehen an der Schnur auch zur De­tonation gebracht, jedoch hat sich die Haupt- ladung nicht entzündet, da sie etwas feucht geworden war. Langkopp wird schon am Samstag dem silntersuchungsrichter vorgeführt. Die Hntersuchung gegen ihn wird voraussichtlich wegen versuchten Mordes, Vergehens gegen das Sprengstoffgesetz und Erpressung ge­führt werden.

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der seither fallengelassenen Schuldlüge in Man­datsverwaltung genommen habe. Gegen dieses Vorgehen mühte schärfster Protest erhoben werden. Cs wurde eine Entschließung ein­stimmig angenommen, in der es heißt: ..Die Koloniale Reichsarbeitsgemeinschaft erhebt ein­mütig Protest gegen die Bestrebungen, unter Verletzung der V ö l k e r b u n d s s a h u n g deutsche, unter Mandatsverwaltung gestellte Kolonien ihres Charakters als Mandats­gebiete zu entkleiden und fremden Staa­ten ein^uverleiben. Sie richtet daher an die deutsche Reichsregierung die dringende Auf­forderung, im Völkerbund auf die dem Man­datssystem drohenden Gefahren aufmerksam zu machen und zu veranlassen, dab die deutschen, unter Mandatsverwaltung ges ellten Kolonien den Bestimmungen der Völkerbunossahung ent­sprechend und unter völliger Wahrung ihres Mandats charakters verwaltet werden."

Oer Gichsrheitsausschuß.

Genf, 2. März. (WB.) 2m Reda tionslomitee des Sicherheit Zausschusses hat man sich heute abend in bezug aus die guten Dienste, die der Bat eventuell beim Abschluß von Schieds- und Vergleichsverträgen wie auch von regionalen Sicherheits­

verträgen zur Verfügung stellen können soll, auf eine Formel geeinigt, nach der der Rat nur dann seine guten Dienste zur Verfügung stellen könnte, toejm die Verhandlungen zum Abschluß von Schieds- und Vergleichsoerträgen bzw. von regionalen Sicherheitsverttägen auf Schwie­rigkeiten stoßen. 3n diesem Falle soll der Rat, toenn ein dahingehender Wunsch an ihn gerichtet wird, den interessierten Staaten seine guten Dienste zur Verfügung stellen können, aber nur nach Prüfung der politischen Lage und unter Berücksichtigung des allgemeinen Friedensinter­esses. Außerdem soll die Vermittlung des Rates von einer freiwilligen Anna hme durch die beteiligten Staaten und davon abhängig ge­macht werden, daß sie Aussicht auf erfolgreichen Abschluß der Verhandlungen bietet.

Zur Weiterbehandlung der deutschen Anregun­gen für Kr iegsverhü tung hat das Re- daltionslomitee beschlossen, einen Berichterstatter zu ernennen, der für ihre gründliche Prüfung bis zur nächsten Tagung einen Bericht ausarbei­ten soll unter Berücksichtigung der Ergebnisse der bisherigen Diskussion und der "Seiner urigen, die von den Regierungen eingereicht werden könnten. Der Entschließungsantrag betont die außerordentlich große Bedeutung der deutschen Anregungen, die zur Verstärkung der kriegsvor­beugenden Maßnahmen geeignet seien.

Aotgemeinschast.

Das Bild, das die Oesfentlichkeit in den letzten Wochen vom neudeutschen Parlamentarismus be­kommen hat, war nicht gerade ergötzlich für den, der trotz aller Enttäuschungen immer noch an ein Hineinwachsen des deutschen Volles in ein ihm von Ratur nicht Angeschnittenes staa.spolitisches System zu glauben wagt. Weil es sich als Hn- möglichleit hecausstellte, einer im ursprünglichen Regierungsprogramm vorgesehenen Gesetzesvor­lage eine Form zu geben, die alle seine Wünsche berücksichtigte, halte das Zentrum kurzerhand den mit regierenden Parteien die Freundschaft gekündigt und gedachte nun durch einen ge­waltigen Salto mortale direkt in den Wahlkampf hinein mit den schweren inneren Wirren, die die eigene Partei seit Monaten erschütterten, auf* zuräumen. Das trat zumindest nicht sehr staats­politisch gedacht, denn es blieben ja für die Regierungskoalition noch eine Reihe anderer Aufgaben, deren Lösung man von diesem Reichs­tag erwarten muhte. Aber das Zentrum lieh sich nicht halten. Zumal die Krankheit des Reichskanzlers und Parteiführers Marx dem ehrgeizigen Herrn von Guerard eine sich selten bietende Gelegenheit bot, die Führung der Partei an sich zu reihen und unter rücksichts­loser Ausnutzung der politischen Situation dem Zentrum eine günstige Plattform für den in absehbarer Zeit unvermeidlichen Wahlkampf zu schaffen. Der bekannte Brief des Reichs­präsidenten hat den Zentrumstak i em einen Strich durch die Rechnung gemacht. Man stutzte und merkte dann auch gerade noch rechtzeitig genug, dah draußen im Lande die 2nitiative des Staatsoberhauptes von allen sachlich Denken­den aufs wärmste begrüßt wurde als ein Weg zur Erledigung dringendster ftaatspolitischer Ar­beiten, aber auch als Sieg des Staatsgedankens über Parteiegoismus und Wahldemagogie. Das Zentrum wich also, toenn auch wider Willen, einen Schritt zurück und dem Vizekanzler Hergt gelang es nun, die schon auseinandergeslatterten Koalitionsparteien wieder an den Verhandlungs­tisch zu bringen. Verhältnismäßig schnell einigte man sich dann auf Zahl und Begrenzung der diesem Reichstag noch vvrzulegenden Gesetzent­würfe und Verordnungen, und nach acht Tagen Faschingsferien, die die Reichsboten sich gönnten,, konnte der Vizekanzler Anfang dieser Woche dem Reichstag das Rotprogramm vorlegen.

Es ist selbstverständlich ein Konglomerat der besonderen Herzenswünsche, die die einzelnen ehemaligen" Regierungsparteien, wie sie sich jetzt selbst zu nennen belieben, unter Dach und Fach bringen möchten, bevor sie in die Wahl­schlacht ziehen. Aber auch das entspricht der Ratur der Sache, dah nur solche Punkte Auf­nahme finden konnten, die mehr oder weniger alle Parteien als dringend anerkannten. Da ist in erster Linie die Hilfe für die Land­wirtschaft, die natürlich nur ein Provisorium, ein erster Anlauf zur Behebung der dringendsten Rotftände fein konnte. Es handelt sich dabei in der Hauptsache um die Umgestaltung der drücken­den Schuldenlast und die Gewährung der hierzu erforderlichen Kredite. Auch die landwirtschaft­lichen Genossenschaften sollen durch die Hergabe von Reichsmitleln wieder in den Stand gesetzt werden, besser als bisher ihrer Aufgabe der Finanzierung des Personalkreditbedarfs und des Warenumsatzes ge.echt zu werden. Weitere Mah- nahmen sind als Hilfe für die durch ausländische Konkurrenz und eingeschleppte Seuchen schwer leidende Viehzucht gedacht. Hierzu gehört auch die von der Opposition heftig bekämpfte Herab­setzung des Kontingents für zollfrei eingeführtes Gefrierfleisch. Das Rotprogramm schließt ferner auch die Verabschiedung des In den Ausschüssen schon seit langem erörterten Kriegsschäden- schlußgesehes in sich, das namentlich den Auslanddeutfchen und Vertriebenen, die im Ver­sailler Vertrag vom Reich übernommene Entschä­digung für ihre aus den Beschlagnahmen erwach­senen Vermögensverluste sicherstellen soll. Die ursprüngliche Regierungsvorlage ist bekanntlich seinerzeit von allen Parteien einmütig als un­zulänglich abgelehnt worden. Man hat sich nun entschlossen, an Cntschädigungskapital 300 Mil­lionen Mark mehr zur Verfügung zu stesten, aber mit Rücksicht auf die Tragfähigkeit des Reichs- hauShalts d'e auszuzah'endenBeträge auf dis nächsten 2ahre verteilt. Auch sonst weist die neue Vorlage eine Reihe von Verbesserungen im einzelnen auf, so dah anzunehmen ist, dah die um ihr ganzes Hab und Gut gebrachten Ausland- deutschen und Verdrängten in kurzer Zeit wenig­stens zu einem Teil für die Verluste entschädig! werden, die ihnen der unglückliche Ausgang deS Weltkrieges in materieller Hinsicht gebracht hat. Weitere Punkte im Rotprogramm betreffen di« Fürsorge für die Kleinrentner, für die Kriegshinterbliebenen und die Rent­ner der 2nvalidenversicherung. Es ist so ein Arbeitsplan entstanden, der zwar ar sich ohne innere Einheit ist, wohl aber nach der Absichten der Regierung als ein Ganges an- gesehen werden will. Man d nkt daran, oen Ge­setzentwürfen eine Schluhklaus l anzufü^en, nach der der Zeitpunkt ihres 3nfraf!tret ei 'hsistich festgelegt würde, um damit zu verbi id:m, dak einzelne Punkte des Programms angenommen andere jedoch vom Reichstag fallen g lasten wer­den. Das Programm soll also als Ganzes in einem Zuge verwirklicht werden.

Rach be** politischen Seite hin war an der Re­gierungserklärung von 2ntercffc. die besonder« Betonung, mit der der Vizekanzler die Auf­fassung unterstrich, dah durch das Scheitern des Schulgesetzes die verfasiungsmähige Zuständigkeil