Nr. 128 vierter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gbertzefsen)
Samstag, 2. Juni (928
Vie neuen Arbeiisamisbezirke gebildet.
Di« durch daS Gesetz übet ‘XrbtiMfrermiltlung und Arbetrslosen Versicherung (ADADD) not- toenbiQ gewordene neue Abgrenzung der Arbeitsamtsbezirke ist nach dem Dorschlag deS DerwaltungeauSschustc- des Landes- ardeu-amlS Hessen mit geringfügigen Aende- rungen jetzt vom Dorstand dcr Reichsanstalt ie n e h m i g t worden Die Arbeitsämter, deren tä^er heute noch Gemeinden und Gemeinde- verbände find, sollen zum 1. August von der Reichsan st alt übernommen werden. Die Dorsitzenden der Arbeitsämter sind in Zukunft nicht mehr wie jetzt ehrenamtlich. sondern die ersten Beamten der Arbeitsämter! dadurch kommt der Lharakter einer Selbstverwaltungsorganisa- lion deutlich zum Ausdruck. Der größte Teil der Derantwortung liegt in Zutunst bei den Organisationen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer.
Der nächste Schritt ist nach der Genehmigung der neuen Bezirke nun die Dildung der Derwal- tuTmSouSfchüsse. 3n diesen müssen Arbeitgeber. Arbeitnehmer und die öffantlichen Körperschaften in gleicher Zahl vertreten sein. DaS Gesetz schreibt für jede Gruppe die Mindestzahl von fünf Mitgliedern vor Die Vertreter der öffentlichen Körperschaften werden aus Dorschlag der Gemeinden und Gemeindeverbünde von der 'Regierung ernannt, die Dertreter der Arbeitgeber und Arb.iiuetzmcr auf Dorschlag der in Betracht kommenden Arbeitsorganisationen vom Derwal- lunaSauSschub des LandeSarbeitSamtS. Dach dem ADADD werden die Doriitzenden der neuen Arbeitsämter und deren Stellvertreter nach Anhörung der DerwoltungSauSschüffe vom Dor- ftond der Reicheanstalt ernannt. Der Dorstand will aber über das Gesetz hinaus den Dcrwal- tungSauSschüflen ein DorschlagSrecht einräumen und werden die neugebildeten DerwaltungSaus- fchüffe al« erste Tätigkeit dieS wichtige Recht auSzuüden haben. Die Arbeitsorganisationen müssen ihre Dorschläge btS spätestens 15. 3unt beim LanveSarbcitSamt eingereichl haben. Zur Erzielung einer Einheitsliste empfiehlt eS sich für die Organisationen, eine Verständigung zu suche,».
DaS künftige Arbeitsamt Dillenburg wird folgendermaßen gebildet: Dilltreis, vom Kreis Biedenlops die vorgeschlagenen 65 Orte. 3m DerwaltungSauSschuß find die drei Gruppen mit je fünf Beisitzern vertreten.
DaS neue Arbeitsamt Gießen (Im Derwal- lungSauSschuß ist jede Gruppe mit sieben Beisitzern vertreten): Gießen-Stadt und Land, Kreis AlSseld. die Kreise Schotten, Büdingen und Friedberg (ohne tne zwölf zu Frankfurt kommenden Orte) und der KreiS Lauterbach (ohne die 17 Orte, die zu HerSfeld kommen).
DaS neue Arbeitsamt Limburg. in dessen DerwaltungSauSschuß jede Gruppe mit fünf Beisitzern vertreten sein wird, umfaßt: den Kreis Limburg, den Oberlahnkreis, den ^Interlahnkreis mit den vorgeschlagenen 51 Orten, den KreiS Westerburg mit den vorgeschlagenen 56 Orten und den gesamten Oberwesterwaldkrels (Dorschlag 46 Orte).
DaS künftige Arbeitsamt Marburg wird umfassen: die Kreise Marburg und Kirchhain, vom KreiS Biedenkopf 17 Orte und vom KreiS Äranlenberg die vorgeschlagenen 45 Orte. 3m BerwaltungSauSschuß erhält jede Gruppe fünf Beisitzer.
Riede rkahnstein (pro Gruppe fünf Beisitzer) wird umfassen die Kreise Goarshausen und äknterwcsterwald. vom Kreise Westerburg 26 Orte und UntcrlahnkreiS 32 Orte, beide wie voraeschlagen
Wetzlar (je Gruppe fünf Beisitzer) umfaßt vorfchlagsgemäß den KreiS Wetzlar, vom KreiS Biedenkopf acht Orte, vom KreiS Ufingen 14 Otte.
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Aus dem Amtsverkündigungsblati.
• Da» Amtsverkündigungsblatt 9t r. 39 oom 1. Juni enthält. Hufbcfchlag. — Die Bekämpfung der Krähen. — Dienstnachrichten.
iielSmil öen flehen 5BfierD.
Roman von Edgar Wallace.
Copyright by Wilhelm Goldmonn, Berlag, Leipzig. 22. Fortsetzung Nachdruck verboten.
„Über selbstverständlich, liebes Kind, darum bin ich ja hier. Ich wollte Sie xu uns zum Tee bitten. Mein Mann legt den größten Wert darauf. Sie noch heute zu sprechen. Elisabeth, hat er zu mir gesagt, nimm da» Auto, fahre zur Dcllingham-Biblio- thek und suche Miß Lansdown zu bewegen, unser bescheidenes Heim mit ihrem Besuch zu beglücken. Der Gegenstand unserer Unterhaltung verbietet einen öffentlichen Ort Und so bin ich hier. Ich sage Ihnen, wir hoben Mühe gehabt, Ihre Adreste zu beschaffen. Aber was tut man nicht für das Kind eines alten Geschäftsfreundes."
^Wohnen Sie weit?" fragte Sybil, gegen den Wortschwall ankämpfend.
„Was heißt weit, wenn man ein Auto hat! Keinen Fordwogen etwa — bewahre — einen Sieb- zig-Ls-Rolls-Royce." Sie rollte das Wort mit der Zunge, als könne sie sich nur schwer von ihm trennen. „Wir wohnen in Süsser, dicht an der Chaussee nach London. Im Handumdrehen können wir da fein."
Es fiel Sybil flüchtig ein, baß sie schon gestern diesen Wea gefahren war.
Sic blickte auf die Uhr.
„Gut," sagte sie, „ich werde kommen. Aber wir schließen erst um vier. Vorher kann ich die Biblio- thek nicht verlassen."
schadet gar nichts, mein liebes Kind", beeilte sich Mrs. Cody zu erwidern. .Ich mache noch ein paar Einkäufe und warte bann mit meinem Wagen unten vor der Tür."
Sie verabschiedete sich. Hinter ihr folgte wie ein Kometenschweif ein Geruch von Tuberosen.
Sybil stand einen Moment regungslos. Mrs. Codys Besuch hatte die Erinnerung an ihren Baler berausdeschworen und an die traurigen Monate, die seinem Tode vorangingen. Sie mar im Tiefsten erregt. Die ungeheuerliche Ungerechtigkeit, die an ihrem Vater begangen worden war, ließ sie noch heute erbeben. Biel, viel mehr als dcr verlorene Glanz schmerzte sie das unverdiente Unglück des Vaters.
Sie rief die Mutter an, um sie von dem Dorgefallenen in Kenntnis zu setzen. Niemand meldete sich.
Geschichten ans aller Welt.
Nachdruck auch mit Quellenangabe, verboten.
Tie Stimme des ttewiffenh.
(f) London.
Dov^r. Zollrevision. Ginc junge Blondine. Lilian Greern. Gattin eines Londoner RechtSanwal'.S. kehrt aus Paris heim. Die übliche Frage: .Haben Eie etwas zu verzollen?" Frau Lilian antwortet mit einem etwas unsicheren .Rein", Der Ton macht bekanntlich die MuNk. und der Beamte fühlt sich veranlaßt, noch einmal zu fragen: .Wirklich nichts? Auch keine Seidenwäsche?" Er schaut dabei die elegante blonde Dame von der Seite scharf an. Mit einem Blick, den man nicht gerade .galant" nennen konnte. Der Blick ist vielmehr beinahe einer beleidigenden Der- dächtigung gleichwenig. Frau Lilian ist denn auch tief gekränkt Mit einem verächtlichen Achlel- zucken wiederholt sie. nunmehr ganz energisch, daß sie wirklich nichts zu verzollen habe, und fügt schnippisch hinzu: .Sie können ja mein Gepäck durchsuchen!' Der Beamte Ist wieder die personifizierte Höflichkeit selbst, salutiert und verneigt sich: .Richt nötig, entschuldigen Sie die Belästigung. Gnädige Frau!" Frau Lilian atmet auf: Zollgrenze passiert. Da. aus einmal, beginnt sie bitter zu weinen und läuft zum Beamten zurück: „3d) habe Sie belogen, mein Herr, ich führe sechs Paar Seidenstrümpfe bei mir. 3n Paris gekauft." Der Beamte ist sprachlos: so etwas hat er noch nie erlebt Er kann die Frage nicht unterdrücken: .3a. aber warum denn diese nachträgliche Deichte?" Frau Lilian schluchzt kleinlaut: „Sie waren so höslich zu mir, ich habe es nicht überS Herz gebracht, mein Gewissen mit einer gemeinen Lüge zu belasten." — Leider kennen die Paragraphen der englischen Zoll- aesetze .Gefühlsschwäche" nicht als mildernden ilmftanb an: Frau Greern mußte dreifachen Zoll als Strafe bezahlen.
Die Schlange und das Flötenspiel.
(u) Reval.
Don einem aufregenden Ereignis konnten kürzlich die Reoaler Zeitungen berichten. Ein estnischer Ingenieur, der eine fclt’amc Leidenschaft für Schlangen besaß, hatte sich von einer ausgedehnten Reise durch Indien eine Kobra als Reiseandenken mitgebracht. Er wollt? mit diesem Exemplar der gefährlichsten Gi.tschlangenart irgendwelche Experimente anstellen. Zu Hause, in Reval, angelangt, war die Kobra scheinbar in einen starrkrampf-ähnlichen Zustand gefallen, so daß sie der Ingenieur sorglos in einem... Blumenkorb unkerbrachte, und sich im übrigen der Wiedersehensfreude mit Weib und Kind überließ. Am nächsten Morgen wollte er einigen Freunden fein Andenken zetgen. Er öffnete den Korb — aber die Schlange war verschwunden. Die Aufregung und die Angst war groß; die Mutter bringt die Kinder in Sicherheit, und das ganze HauS wird von unten und oben untersucht. Aber alle# vergeblich — das Reptil blieb verschwunden, und man wußte sich schließlich keinen anderen Rat, als für die nächste Rächt Wachen auSzustellen, die die Schlafenden vor dem tödlichen Schlangenbiß bewahren follten.
Man kann sich die Angst der Mutter, den Grimm deS ManneS vorstellen. Eine Kobra ist ein fataler Hausgenosse für europäische Rerven, die schon vor einer harmlosen Blindschleiche erbeben I Alle Wiedersehenssreude nach jahrelanger Trennung war bei dem Ehepaar verschwunden, und die Schlange schien zur Zerstörerin ehelichen Glückes zu werden. Ob die Frau mit Abreise und Scheidung gedroht hat, weiß ich nicht. jedensallS kam im .rechten Augenblick' ein junge- Mädchen auf den rettenden Gedanken.
DaS heißt — der Retter war eigentlich der Direktor des deutschen ZirkuS Earra'ani. der vor einiger Zeit eine Reise nach dem Baltikum Mächte und dabei einen indischen Schlangenbeschwörer vorsührte. der Dertreterinnen eben jener Schlangenart zu einer Flöte tanzen ließ. Run — das junge Mädchen machte ein Experiment. Sie war
zwar keine Meisterin deS FlötenfpielS. aber sie brachte doch eine eintönige Melodie zustande, ähnlich der. die sie bei bem Fakir im ZirkuS gehört hatte. Mutig kauerte ste. die Flöte an den Lippen, am Abend deS zwecken Tages in der Diele des Hauses, während der Ingenieur, mit einem Knüppel bewas'net. sich In Sichtweite hielt, und während die übrige Hausbewohner- schalt mit Kind und Kegel, Sack und Pack zum Rachbarn übcrgcflcbclt war. um nötigenfalls dort die zweite Rocht zu verbringen.
DaS Experiment war erfolgreich. Die Kobra schlich aus irgendeinem dunklen Dersteck und hauchte bei den Klängen der trügerischen Flöte ihre musikalische Seele auS.
„Wylrczwitjclj".
(u.) Riga.
Unter diesem Ungetüm von Wort verbirgt sich die neueste Einrichtung der Moskauer Stadt- gewaltigen, und man kann eS übersetzen mit „Ernüchterungshau S". Wer Sorten hat. hat auch Likör, und seit das Sowjetregime das ganze öffentliche Leden dirigiert, hat der Suff in Rußland — gelinder läßt eS sich nicht bezeichnen! — gcraS.'iu schreckenerregend Angenommen. Die rote Polizei achtet nunmehr aus den Moskauer Straßen genau daraus, ob jemand sich in der bewußten Zickzack-Manier durch den öflentlichen Derkehr bewegt, nimmt ihn fest und bringt ihn ins .ErnüchterungShaus", wo er zuerst einigen kalten Wasserstürzen unterworfen und bann vierundzwanzig Stunden lang eingefperrt wird, um feinen Rausch auszuschlafen.
Die erste dieser wohltätigen Anstalten ist kürzlich eröffnet worden, und mit Spannung faß die Stadtverwaltung dem Berichte der ersten Rächt entgegen, der erweisen sollte, ob eine derartige Institution praktischen Wert habe oder nicht. Der Bericht des.Wytrezwitjelj"-Dlrigen!en lief auch ein und besagte lakonisch: .Deicht bei weitem nickt aus. Die Rachsrage ist größer als daS Angebot!" Und am Tage daraus lief ein anderer Bericht ein, unterzeichnet von bem Dorsteher bcs Stadtbezirks, wo das ErnüchterungS- haus steht, dieser Bericht war geradezu eine Hymne auf die wunderbare neue Einrichtung. War doch — wie die .Prawda" feststellt — der Herr Dorsteher einer der zuerst Eingelieferten gewesen.
Der Querschnitt der Liebe.
(N) Moskau.
. . . Die Männer heiraten, um eine gewisse Frau zu bekommen, die Frauen lassen sich ehelichen, nur um überhaupt verheiratet zu fein. Jeder Mann braucht einen Anker um feinen HalS, und der soll die Frau fein. Die Männer sind aber alle Verbrecher, und haben eS daraus abgesehen, die armen wehrlosen Damen unglücklich zu machen. DeweiS: erst .beäugen" sie die Auserwählte, dann verehren sie die Dame ihres HerzenS. springen um diese herum wie verliebte Känguruhs, und später heiraten sie die Maid. Rach der Ehe ändert sich die Situation: die Frau wird nur noch — kritisiert. AuS diesem Grunde sollten sich die Schönen In acht nehmen, und einen Mann nur dann heiraten, wenn sie .total in ihn verschossen" sind. Auch dann ist Dorsicht am Platze: die Dame soll bei der Wahl ihres Gatten zumindest so viel Sorgfalt verwenden alS sie bei der Auswahl eines neuen — HuteS aufbringt. Die Liebe ist eben so schwer zu regulieren wie die Dampfheizung in einem Flugzeug. Daher sollte man Ehepaare nur nach zehnjährigem Zusammenleben beglückwünschen! . . .
Dies alles erzählte der bekannte amerikanische Dichter und Schriftsteller Douglas Malloch seinem Auditorium in — Leningrad. Die Genossinnen und Genoflen lauschten den weisen Worten des überseeischen .Liebesphilosophen", und versprachen hoch und heilig, diese zu beherzigen. Den denkwürdigen „Aufklärungsabend" veranstaltete — wie denn anders? — daS DollS»
Da fiel ihr ein, daß ihre Mutter diesen Tag bei ihrer Freundin verleben wollte, und sie hängte den Hörer an. Ihr nächster Impuls war Dick. Sie mochte es sich nicht eingestehen, baß eine kleine Unsicherheit in ihrem Innern zurückblieb. Sie hätte gern seine starke, zuversichtliche Stimme gehört. Doch auch dieser Anruf endete erfolglos.
Um vier Uhr verließ sie die Bibliothek. Das Auto hielt an der Bordschwelle. Der Chauffeur war ein jüngerer Mann in schlichter Livree. Er lächelte chr zu, als er sie erbüdte, und fein offenes frisches Lächeln zerstreute ihr letztes Bedenken. Sie stieg ein.
Tom Cawler fetzte den Motor in Bewegung. Der wunderbare Wogen glitt wie beschwingt über den Fahrdamm. Eine elastische Federung fing jeden oloß auf.
„Haben Sie Ihrer Mutter Bescheid gefagt?" fragte Mrs. Cody, indem sie eine schimmernde Moirsdecke über Sybils Knie legte.
Das junge Mädchen schüttelte den Kopf.
„Sie war nicht zu Hause", sagte sie unbefangen.
„Nun, bann haben Sie doch jemand anders von dem Ziel Ihres Ausflugs unterrichtet, damit sich Ihre Mutter nicht über Ihr Verbleiben beunruhigt ?
„Oh," sagte onbil, „so schlimm ist das nicht. Meine Mutter ist daran gewöhnt, daß ich zuwellen mit Freundinnen ausgehe."
Mrs. Cody sagte nichts mehr. Aber in ihrem Gesicht spiegelte sich ein befriedigtes Lächeln.
18.
„Sic sind also die Tochter meines alten Freundes!" So begrüßte Codn das junge Mädchen, als das Auto vor der Terrasse seines Hauses hielt.
Sybil blickte ihn forschend an und suchte in ihrem Gedächtnis. Sie war sicher, sie hotte diesen kahlköpfigen Mann noch nie zuvor gelegen.
„Können Sie sich meiner nicht mehr erinnern?" fragte er.
Sybil schüttelte mit einem um Entschuldigung bittenden Lächeln den Kopf.
„Nun." meinte Cody. „bas ist so seltsam nicht. Als ich Sie das letzte Mal sah, machten Sie gerade Ihre ersten Gehversuche."
Er bot dem jungen Mädchen den Arm an und führte sie ins Haus. Mrs. Cody sandte ihm einen warnenden, gereizten Blick nach, aber er zog vor, ihre säuerliche Miene zu übersetzen.
Im Wohnzimmer schob er Sybil den bequemsten Seifet hin und legte ihr ttotz ihrer lachenden Pro
teste noch ein schwellendes Kissen in den Rücken.
Der Tisch war zierlich gedeckt.
„Der Tee kommt sofort, mein Kind. Gewiß hat die lange Fahrt Sie angegriffen?"
Er suchte ihren Blick.
Plötzlich stand, wie aus bem Boden gezaubert, Mrs. Cody vor den beiden. Codn. der sich halb über das junge Mädchen gebeugt hatte, fuhr ertappt zurück.
„C", sagte sie streng, „darf ich dich einen Moment sprechen?^ Und dann mit süßlichem Lächeln zu Sybil: „Miß Lansdown, wollen Sie meinen Gatten für einen Augenblick entschuldigen?"
Sybil, die ihre Absicht durchschaute, mußte ein Lächeln verbeißen. Sie begnügte sich mit einer Hof- ließen Bewegung der Hand.
Cody aber war durchaus nicht gelaunt, eine Gardinenpredigt zu hären, er funkelte feine Frau böfe an.
„Das kann wohl bis nachher warten, meine Liebe", sagte er abweisend.
Eine Blutwclle schoß Mrs. Cody in den Stopf. Sie versuchte ihren Mann mit einem vernichtenden Blick nicdcrzuschmettern, und do ihr das nicht gelang, schoß sie wie ein Bolzen aus dem Zimmer. Nichts blieb von ihr zurück als der betäubende Geruch verwesender Blumen.
Sofort bot Cody seinem Galt eine Zigarette an, und nach einer Weile hatte der Tabakrauch das Zimmer gesäubert.
In der Halle stand der Chaufleur, die Hände in den Hosentaschen. Er klimperte mit losem Geld und pfiff leise ourch die Zähne. Als Mrs. Cody wutentbrannt aus dem Wohnzimmer fegte, drehte er sich auf dem Absatz herum.
„Tante, wer ist die Same? Warum umtanzt sie der Onkel wie eine Henne ihr Kücken? Es sieht lächerlich aus!"
„Was gebt es dich an," sagte sie unwirsch, „deine Neugierde fällt mir nachgerade auf die Nerven."
Er überhörte den Vorwurf.
„Sie hat ein nettes Lärvchen . . Ich wundere mich, daß du die beiden allein läßt."
..Wundere dich gefälligst im stillen — und jetzt geh und bring das Auto in die Garage. Ich habe noch weitere Befehle für dich!"
Tom Cawler zuckte die Achseln.
„Wozu sich abhetzen? Ein schönes Sprichwort lautet: Eile mit Weile. Was will der Alte von ihr?"
komrmflariat für Kultuswefcn Da könnten sich die kapitalistischen Ministerien für Doll-erzieh ung wirklich ein Beispiel daran nehmen!
(rin Enkel Tolstojs alo Einbrecher.
(n.) Prag.
Dor dem Schöffengericht in Prag steht ein junger, blaß ausfeßmder Mensch in heruntergekommener K.cidung, nervös, bei jedem Worte losen und verweinten Augen. Die Feststellung der Personalien erg bt daß er rus!l cher Flüchtling ist. Sergiu- Ko emberg heißt, und daß seine Mutter bie Gräfin Tolstoj, die Tochter des aroßen rufüchen Dichtn?- und Reliiions- Philosophen ist. Er ist ein acher Zimmermann von Berus und bei einem Mcister in einer Prager Dorstadt angestellt. Zwei andere jung« ruflilche Emigranten slankieren ihn aul der An- DagebanL
Er wird beschuldigt, auf Ansti ten feiner beiden mit angeklagtcn Freunde Atoci verwegene nächtliche Einbrüche in einer Bäckerei und in einen Zigarrenladen begangen zu haben Ohne großen Erfolg allerdings. Etwas Schokolade und elnije schlechte Zigarren find ihm in d.e Hände gefallen.
Der Angellagte ist vollauf geständig und bricht bei der Dertündung de- milden Urteil-, da- auf vier Monate Gefängnis lautet, schluchzend zusammen. Väterlich verbucht ihn der Dor itzende zu trösten und richtet die Frage an ihn:
„K.nnen Sie die unsterblichen Werke Ihre- Großvat.'rS?"
„Rein!" antwortet der Angellagte tränen- überströmt. „Ich habe bisher feine Zeit gehabt, mich mit ihnen zu beschäftigen."
„Ich werde veranlassen, daß man Ihnen im Gefängnis einige Schriften des großen Weisen von Krasnaja Poljana zu lesen geben wird und bin überzeugt, daß sie Ihnen dazu verhellen werden, den sittlichen Lebensweg wiederzufinden!"
Eine schüchterne Derbeugung des Dellnguenien, und Polizisten, führen ihn hinaus zur Hast.
Weh dir, daß du ein Enkel bistl
Kirchliche Nachrichten.
Evangelische Gemeinden.
Sonntag, den 3. Juni. Trinitatis.
Stadkkirche. 8 Uhr: Pfarrer Mohr: Christenlehre für die Neuton firmierten aus der Matthäusgemc e; 9.30: Pfarrer Becker; 11: Kindcrkirche für die Dior- kusgemeinde; Pfarrer Becker. — Iohanneskirche. 8 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer: Christenlehre für die Neukonfirmierten aus der Lukasgemeinde: 9.30: Pfarrer Ausfall); zugleich Militärgottesdienst: 11: Kinderkirche für die Iohannesgemeinde: Pfarrer Ausfeld; 8: Bidelbefprechung im Iohannesfaal; Pfarrer Müller — Lapelle des Alten Friedhofs. 9.30: Pfarrer Lenz. — Llisabetb-stleinkinberschule (Wetzlarer Weg 59). vormittags 9.45 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. — wiefeck. 9.30; 10.45; Christenlehre. — Alten-Vuseck. 9J0: Beichte; 10: Gottesdienst; 11: hl. Abendmahl; 1.30. — Haufen.Garben- trich. 7.30: Garbenteich; 10: Hausen; Christenlehre. — Cid). 9.30: Stistsoechant Rahn, Christenlehre für die weibliche Jugend; 12.45: Kindergottesdienst; 2: Stiftspfarrer Schoriemmer. — Kirchberg. 11: Christenlehre für die männliche, konfirmierte Jugend; 1.30: Mainzlar. — TDaßenborn • Steinberg. (L30: Christenlehre, 9.15: Predigt.
katholische Gemeinden.
Samstag, den 2. Juni.
Gießen. 4.30 und 7 Uhr: Beichte.
Sonntag, den 3. Juni. 1. Sonntag nach Pfingsten.
Fest der heiligsten Dreifaltigkeit.
Gießen. 6.30 Uhr: Deichte; 7: Messe; Kommunion der Männer; 8: Kommunion; 9: Hochamt mit Predigt. 11: Messe mit Predigt; 2: Andacht mit Segen.— Grünberg. 9-30: Messe mit Predigt. — Hungen. 18: Andacht. — Caubadi. 10: Messe mit Predigt. — Cid). 7.30: Hochamt mit Predigt. — Ridda. 8.30: Hochamr mit Predigt.
Er deutete mit dem Daumen über seine Schulter ins Wohnzimmer.
„Weiß ich's?" stieß sie hervor. In ihrer Stimme schwang lang verhaltene Wut.
Tom tat einen leisen Pfiff durch die Zähne. So also stand es. Der Fuchs oa drinnen fischte auf eigene Faust.
„Hat sie den Schlüsiel mit?" fragte er langsam.
Mrs. Cody starrt« ihn an. Ihre farblosen Augen wurden noch bleicher, so sehr drängte sich Das Weiße vor.
„Was weißt du. von dem Schiüstek?"
Tom Cawler wiegte den Kopf. Wieder vergrub er die Hände in den Taschen. Er tat, als hätte er ihre Frage nicht gehört.
„Das Haus ist leer", sagte er. „Ich werde mir meinen Tee alleine brauen müssen. Die Mamsell und die Köchin sind auf Urlaub, das Stubenmädchen liegt krank im Hospital. Merkwürdige Geschichte, merkwürdiges Paar, du und er."
Ohne noch einen Blick auf seine Tante zu werfen, schlenderte er zur Tür. Er betrachtete Den Griff, er hob die Hand, doch plötzlich fuhr er herum.
Er hatte die Stirn oorgeftredt, das Kinn zurück- gebogen.
„Was habt ihr vor, Tante?"
Mrs. Cody verlor die Beherrschung, um die sie mühsam während der ganzen Unterredung gekämpft hatte.
„Schweig, Tom, ich sag dir, schweig. Es bat sich ausgetantet. Ich bin keine Tante für dich. Ich bin Mrs. Cody. Hast du verstanden, du Galgenvogel? Hast du ..."
Ihre Stimme war zu schriller Höhe gestiegen und brach jäh ab.
Da wandte sich Tom Cawler und ging hinaus, um sein Auto in die Garage.zu bringen.
Seit sieben Jahren lebte er im Hause feiner Tante. Er bezog ein gutes Gehalt. Sein Pflichtenkreis hielt sich in bescheidenen Grenzen. Es hatte Monate in seinem Leben gegeben, um die bessere Leute ihn beneidet hätten. Alles dies verdankte er einem gewissen Einblick, den er in das Leben der Witwe getan hatte, ehe sie Codys Frau wurde. Wozu aber sollte er den Dogen Überspannen? Er hatte manches Seltsame gesehen und konsequent die Augen dazu geschlossen. Konnte er sich nicht auch diesmal dazu bringen?
(Fortsetzung folgt)


