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Ur. 25 Zweiter Blatt
Die Grippe.
Don Professor Dr. PH. Kuhn, Direktor des Hygienischen Instituts der Hniverfität Gictzcn
Die Grippe ist seit langem als Seuche bekannt und unter den verschiedensten Namen beschrieben worden. Den Namen Influenza hat die Krankheit während einer Epidemie im Iahre 1743 erhallen. Er bedeutet den Einfluh der kalten Witterung. Im gleichen Iahre erhielt die Krankheit in Frankreich den Namen Grippe, der von gripper-greifen kommt und das plötzliche Einsetzen der Krankheit bedeuten soll. Die erste sichere Epidemie, die wir aus der Geschichte der Medizin kennen, fällt in da- Iahr 1387 Seitdem sind unS in jedem Iahrhundert mehrere groß« Epidemien bekannt. Man nennt sie Pandemien, weil sie sich über alle Länder zu verbreiten pflegen. Wir sehen also, dah die Eigenschaft vieler Seuchen in Stößen aufzutreten, bei der Grippe ganz besonders ausgeprägt ist. Während des Verlaufs eines Jahrhunderts bricht sie plötzlich mit unheimlicher Gewalt hervor, wie ein Windstoß über die Lande ziehend, be.ällt alt und jung in rascher Folge um nach drei bis vier Wochen an den einzelnen Orten ihre Etohkraft einzubühen. Zur Beurteilung der jetzt wieder um sich greifenden In- sluenzafälle ist es nun auherordentlich wichtig, dah wir aus der Geschichte eine weitere Eigentümlichkeit der Seuche kennen: Eine solche Pandemie verläuft in Wellen. Die letzte große Ausbreitung des vorigen Iahrhunderts kann uns dos deutlich zeigen. Sie wälzte sich im Iahre 1889 von Osten heran: sie wurde im Februar des Jahres 1839 in Buchara beobachtet, breitete sich dann langsam über Nuhland aus, so- dah Mitte November in Petersburg 150 000 Menschen krank lagen. Bon Ruhland aus überzog sie mit Windesschnelle ganz Europa, da die Berkehrsmittel der europäischen Länder die Berbreitung des AnsteckungsstosfcS begünstigten. Mitte November trat die Seuche in Berlin, Bre-lau und Leipzig auf: Ende November und Anfang Dezember erschien sie in Paris, Stockholm, Kopenhagen. Wien, Hamburg, München: Stuttgart. Milte Dezember brach sie in Neuyorl aus und so zog sie bis zum Herbst des Jahres 1890 in der ganzen Welt umher. Damit aber war der Stob noch nicht beendet. Wir hören von Nachstöhen aus den Wintern 1891/92, 95/96 und 1906 bis 1908. Während der groß« erste Stoß der beschriebenen Pandemie auherordentlich gefährlich war, und namentlich viele schwächliche und alte Leute dahinraffte, traten die Nach- epidemicn viel milder auf.
Seit dem Jahre 1908 haben wir keinen pandemischen 6tob mehr gespürt, bis im August 1918 ein neuer gewaltiger Ausbruch von Spanien ber einsehte, der uns allen noch in Erinnerung ist. Er suchte seine Opfer besonders unter kräftigen jungen Menschen, besonders unter schwangeren Frauen und Wöchnerinnen, alte Leute wurden viel mehr verschont als im Jahre 1889. Nachdem der erste grobe Stob abgelaufen war. erlebten wir in den anschliebenden Jahren eine weitere Welle. Seit dem Jahre 1925 ist wieder eine Welle in Europa zu spüren. In England trat sie im November 1925 auf, in Wien hat sie frch im Frühjahr 1926 bemerkbar gemacht. Das ilnifiebgteifen der Influenza, bab wir jetzt erleben, ist als ein solcher Nachstoß aufzufassen. der mit dem Stob des Jahres 1918 zufammen- hängt.
Wie haben wir uns diese eigenartigen Seuchenzüae der Jnsluenza zu erklären? Man muh annehmen, dah die Seuche bei den befallenen Menschen eine gewisse Immunität, einen Schutz gegen Wiederansteckung hinterlä t. Zieht sie über ein Land dahin, so verschont sie alle diejenigen, die für Influenza nicht empfänglich sind und ergreift mit einigen Ausnahmen alle diejenigen, welc!)« keine Widerstandsfäyigle t besitzen. Diese erhalten nun durch das Hebet fielen der Krankheit bestimmte Schutzlräfte im Blut. Wenn der erste große Stoß vorüber ist, so folgen noch weitere schwächere Stötze. so Lange noch Menschen vorhanden sind, die die Grippe nicht gehabt haben. Dazu kommt, daß der Schuh der überstandenen Krankheit mit den Jahren schwächer wird, und ferner find -neue empfängliche
(Erinnerungen an Gustav Trautmann.
Zum Gcdächlniökonzcrt Mtiunyrtbcrcine.
• Don Irma Ködding-Müller.
Noch unter dem Eindruck des allzu frühen Heimganges unseres hochverehrten und unvergeßlichen Lehrers Professor Gustav Trautman n stehend, drängt es mich, zu versuchen, eine Heine S.izze niederzuschreiben über die Eindrücke, die ich durch sein Wirken als Lehrer und Dirigent von ihm empfing.
Seine feinfühlige, jeder Oberflächlichkeit und Effekthascherei abholde Natur verstand es. dem Lernenden das Handwerksmäßige als Mit el zum Zweck so lieb zu machen und eine solche Begeisterung für wahre Kunst mitzuteilen, daß man meinte, erst durch ihn in das eigentliche Wesen der Musik einzudringen. Außerdem war er imstande. durch sein großes Können, sein reiches Wissen und Verstehen, kurz durch seine musikalische Vielseitigkeit eine Fülle von Anregung zu geben. Weil ein Fach daS andere ergänzte, die Hebermittlung in einer Hand und in einer Meist e r hand lag. so gab es keine Zerrissenheit. keine Halbheit, keine Hnflatbeit Deshalb erschien mir persönlich sein Hnterricht als Ergänzung nach Abschluß einer rein schulmäßigen Ausbildung so besonders fördernd, und so wurde seine Hntertocifung — wenigstens für mich — zu einer Kette von musikalischen Erlenntnissen.
Beispielsweise: Seb. Dach wurde mir erst unter Trautmann wahrhaft lebendig. Eine wie absichtslos mitgespielte kleine Phrase oder eine karge Bemerkung (wortreich war er nie!) warfen plötzlich Lichter in die Dämmerung des Schiller- daseins. Ergänzend kamen dann freilich hinzu seine Donnerstagabend-Kolleg, in welchen er unter anderem auch die Präludien und Fugen des wohltemperierten Klaviers in einer Weise erläuterte und vortrug, daß sie sicherlich den meisten Hörern eine Höhe des musikalischen Erlebens bedeuteten. Indem er erst durch Zergliederung den Hörern einen Einblick in den Aufbau Der Fuge gegeben hatte, bat er sie nun, all diese Weisheit zu vergessen und sich nur dem Stimmungszauber des Werkes hinzugeben. den er als
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Wesen seit dem Abklingen der Grippe geboren. Die Stöße werden aber schwächer und schwächer, bis die Seuche als Epidemie erlischt. Wenn bann viele Iahre vergangen sind, und die Immunität derer, die die Seuche überstanden haben, verschwunden ist, und riele Menschen herangewachsen sind, die erst nach dem Abziehen der Grippe geboren wurden, hat die Seuche wieder die Möglichkeit. sich zu erheben, sie entwickelt sich irgendwo unter Bedingungen, die für sie besonders Sonstig sind und verbreitet sich bann über bic rbe; so brach sie das letzte Ma! in Spanien aus.
Gs entsteht nun die wichtige Frage, wo hält sich der Ansteckungsstoff zwischen den Pandemien? Man nimmt an, hab es chronische Influenzaerkrankungen gibt, bei denen bet Erreger lebensfähig im Körper des Kranken bleibt, es ist auch möglich, daß unter den jährlichen Erkältungskrankheiten, bi« wir namentlich im Winter beobachten, echte Influenzafälle ftnb, die den ansteckenden Keim von Iahr zu Jahr unter einer beschränkten Anzahl von Menschen weiter verbreiten.
Wir würden über diese Fragen besser Bescheid wissen, wenn wir mit voller Sicherheit den Erreger der Influenza kennen würden.
Es war im Jahre 1892, als R. Pfeiffer, ein Schüler Robert Kochs, mittcilte. er habe den Jnfluenzabazillus entdeckt.' Es handelt sich um ein stäbchenartiges Bakterium, daß auf Nährböden gut gedeiht, denen man Blut zugefetzt hat. Man findet dieses Stäbchen bei den meisten Influenzakranken im Auswurf. Die strengen Anforderungen. die wir stellen, wenn wir ein Kleinlebewesen als den Erreger einer Seuche anerkennen sollen, sind bisher bei ihm nicht erfüllt. Es fehlt ber Nachweis baß eine Reinkultur des Pfeifferschen BazilluS die Krankbeit bei Gesunden hervortust. Auch andere Beobachtungen haben manche Forscher stutzig gemacht, so die Tatsache, daß man den Pfeifferschen Bazillus auch außerhalb der Grippe-Epidemien bei Kranken findet, die an ganz anderen Krankheiten leiden, wie z. B. an Lungenschwindsucht und Gehirnhautentzündung. Pfeiffer und seine Anhänger erklären dieses Vorkommen damit, daß es sich um echte, aber abgeschwächte Jnsluenzabazillen handele. die im Körper von chronisch Kranken weiterwuchern. Im Jahre 1920 fand auf einer Dak- teriologen-Tagung in Jena eine große Aussprache über die Rolle der Pfeifferschen Bazillen statt. Pfeiffer selbst gab einen Bericht über seine Erfahrungen und Anschauungen und faßte feine Ausführungen dahin zusammen, daß er nach wie vor an der Erregernatur seiner Bazillen festhalte. Die meisten Gelehrten, so Neufeld, der Direktor des Berliner Instituts Robert Koch. H u e b s ch m a n n. der Pathologe von Düsfeldorf. Hhlenhuth, der Hygieniker von Freiburg, traten ber Ansicht. Pfeiffers bet Mehrer« erkannten die entscheidende Rolle des Jn- sluenzabazillus nicht an. so Kruse, der Hygieniker von Leipzig, und Selter, der Hy- gieniker von Bonn. Letztere stehen auf dem Standpunkt?, daß das Pfeiffersche Stäbchen sich im Gefolge der Influenza zeige, es fei einDegleit- bafterium; das eigentliche Jnfluenzagift fei ein anderer noch unbekannter Organismus. Der Lefer erficht aus dieser Darstellung, daß die Rolle des Pfeifferschen Bazillus als Erreger der Influenza noch nicht als gesichert angesehen werden kann.
Das D'.ld. unter dem die Influenza auftritt, ist sehr treffend in einer Arbeit geschrieben worden. die der Hessische Obermedizinalrat Neid- hart über die Jnfluenza-Cp d.mi? des Win cr3 1839/93 im Großherzogtum Hessen veröffentlicht hat. Ich lasse es folgen.
Der Beginn der Krankheit ist in der Regel ein plötzlicher. Er ist häufig so unvermutet, daß der Name Blitzkatarrh für viele Fälle Autre'fcnb erscheint. Bei manchen Fällen zeigen sich Vorboten von Hnbehagen und Frösteln, als ob eine starke Erkältung im Anzuge sei. Die Krankheit selbst seht mit Frost ein, es schließt sich ein schweres Krankheitsgefühl mit Mattigk.it und Abgeschlagenheit an. hcfllge Kopfschmerzen, meist in die Etirngegend verlegt, nicht selten auch auf den Hinterkopf ausgedehnt. Kreuz- und Gliederschmerzen, schmerzhalle Empfindungen im Nacken,
in der Oberbauchgegend, und in den Brustseiten fehlen fast nie. Dom ersten Tage an besteht Appetitlosigkeit, oft völliger Widerwille gegen jede Nahrungsaufnahme Nach Einigen Tagen, in den leichtesten Fullen oft am zweiten oder dritten Tage, läßt das Fieber meist unter Ausbruch von Schweiß nach, das Mattigkeitsgefühl, die Kopf-, Rücken- und Gliederschmerzen verringern sich. Mit diesem typischen Krankheit«- bild gehen fast immer Krankheitserscheinungen einher, die ein bestimmtes Organsystem betreffen, meist beziehen sie sich auf die Atmung«- Organe und bestehen in Katarrh der Luftwege, mit Schnupfen, quälendem, krankhallen Husten, Auswurf eines sparsamen zähen Schlein^s. Seitenstechen. Bei anderen Patienten betreffen die Erscheinungen die Derdauungswege: Schlingbeschwerden. Ausstößen. HebeHeit, Erbrechen. kolikartige Schmerzen. Durchfälle. Bei der dritten Gruppe herrschen Klagen über rheumatische Schmerzen in den Gliedern und Gelenken und Nervenschmerzen.
Wenn auch diese verschiedenen Organbeschwerden bei ein und demselben Kranken Vorkommen können, so zeichnen sich doch die Ausbrüche an den verschiedenen Orten vielfach durch einen be- sonderen Eharakter aus. indem die Krankheit das eine Mal sich besonders auf die Atmungswege und die Lunge wirft, das andere Mal mehr die Verdauungswege betrifft. Ein eigenes Erlebnis ist hier besonders bezeichnend. Als die Seuche im Iahre 1918 an der Westfront zuerst auftauchte, wurde ich als beratender Hygieniker einer Armee zusammen mit dem beratenden Inneren Mediziner Prof. R o st o f k i nach Saarburg in Lothringen gerufen, wo zahlreiche Soldaten an Fleischvergiftung erkrankt sein sollten. Wir fanden folgendes Bild: Im Garnison- lazarett lagen eine große Anzahl von Mannschaften, die ziemlich schwer an Baucherkrankung litten und starke Durchfälle hatten. Niemand von ihnen klagte über die Lunge oder hustete. Der behandelnde Arzt nahm eine Fleischvergiftung an, während der Garnifonarzt auf Grund einer genauen Kenntnis der Influenza Nipp und klar behauptete, es handele sich um die spanische Grippe. Wir schlossen uns dem letzteren an. Wenige Tage daraus brach in Straßburg i. E. die Grippe aus. Sie befiel hier durchgängig die Atmungsorgane, insbesondere die Lungen, und es starben viele Menschen an Lungenentzündung. 6o wechselte das Bild der Influenza an den Orten in wenigen Tagen.
Was die Vorbeugung der Influenza anlangt, so ergibt die Betrachtung ihres Verlaufes den Schluß, daß es sehr schwer fein muß, die Influenza zu vermeiden. Immerhin ist zu fordern, dah Influenzakranke nähere Berührungen gesunder Personen so viel wie möglich vermeiden, namentlich das Ansprechen und Anhusten sind gefährlich, auch das Küssen muh unterlassen werden. Wer von der Krankheit befallen ist, soll sich so viel wie möglich schonen: bei keiner Erkältungskrankheit ist cs so wenig angebracht, wie bei der Influenza, den Starken hetauszubeitzen. Wer sich nicht schont und herumläuft, trotzdem er Fieber hat, anstatt sich ins Bett zu legen, kann der Gefahr einer Lungenentzündung unterliegen. Wer aber nach den Anordnungen des Arztes sich schont, braucht bei der Grippe-Epidemie, die jetzt durch Hessen durchzieht, keinerlei Angst zu haben, da sie. wie wir gesehen haben, nur ein leichter Nachstoß ist.
Indien nach den Wahlen.
Don unserem F. H. - Berichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Bombay, Januar 1627.
Die indischen Wahlen sind nun vorüber und die Entscheidung über die zukünftige Zusammensetzung des Zentralparlamentes und ber einzelnen Provinzialparlamente für die nächsten drei Iahre ist gefallen. Aber das Land ist weit davon entfernt, sich nun einem Zustand der Ruhe hinzugeben, obgleich jetzt scheinbar an dem äußerlichen Bilde der Politik wenig mehr zu ändern ist. 3m Gegenteil, die allgemeine Hnruhe ist trotz äußerlich gerne',fer.en Ganges der Ereignisse sogar noch gestiegen — weil die Wahlen keine klare Ent-
aus der jeweiligen Tonart hervorgegangen und durch diese getragen kennzeichnete. Bei aller Klarheit und Feinheit des Spieles — kein Faden des herrlichen Gewebes verwirrte sich un:cr seinen Händen — war man sich immer der titanischen Größe eines Bach bewußt, nie drängte sich der Ausführende zuungunsten des Komponisten in den Vordergrund. Ferner trugen zum vollen Verständnis Bachscher Kunst die herrlichen Ausführungen ber großen Chorwerke bei, bie ich ebenfalls unter Traulmanns tiefverständnisvoller Leitung begeistert mitstudierte.
Außer Bach und Beethoven (ich erinnere nur an bie wunbervollen, mehrlernestrigen Vorlesungen über Beethovens Werke) stanb ihm bann wohl Johannes Brahms am nächsten unb vielleicht auch am höchsten. Ich entsinne mich noch beutlich einer Gesangftunbe, in welcher er mein Verstänbnis in bie richtige Bahn leitete, indem er gerade bie Kompositionen wählte, welch« meiner Veranlagung zunächst am besten entsprachen. So wählte er als erstes bas Lied .Geheimnis". Mit diesem Lied wurde mir wieder ein bisher wen g betretenes, aber herrliches Gebiet zugänglich. Denn nicht nur die Lieder unb Duet e. auch einen Teil ber Klavierkompositionen, Sinfonien unb Chorwerke lernte ich burch Trautmann kennen. Ich glaube es aussvrechen zu bürfen. bah Tr. ganz besonbers dazu berufen schien. Drahmssche Werke zu interpretieren.
Ebenso schätzte unb liebte er Schubert sehr, unb unter seiner geschmacksicheren Führung lernte ich nahezu 103 wenig bekannte Lieder, darunter viele köstliche Perlen kennen. Welch ein Hochgenuß war es aber auch, unter feiner Begleitung zu fingen. Er verstand es, durch fein Spiel dem Singenden die Seele des betreffenben Gelange- wertes zu offenbaren. Nicht zum wenigsten trug bazu fein wundervoller Anschlag bei, ber sich in gegebenen Momenten bis zu orchestraler Klangwirkung steigern konnte, weshalb es ihm auch gelang. Orchesterwerke glänzend am Flügel wie- derzugeben. (Ich erinnere an Wagner!)
Niemals stehen zu bleiben, bas lehrte Trautmann. auch niemals einseitig sich an eine vorgefaßte Meinung ober Richtung festklammem. Stets nur am Werk selbst, niemals nur am Namen bes Komponisten seinen Wert me'sen. Das Gute unb Echte überall heraussinben. das Mangelhalle. Seichte ober Mittelmäßige bavon trennen unb
meiben. Neben Schubert, Schumann unb Brahms auch Co nel.us, Wagner und Liszt verstehen und schätzen lernen, bas war ihm nicht charakterlos, sonbern gerecht unb selbstverständllch. Ich bcnle ba an bie Aufführung ber »Heiligen Elisabeth" von Liszt, beren schwierige Sopran-Partien ich unter seiner gebulbigen Leitung ftubieren unb sogar in ber Hauptprobe anstelle ber noch fehlen- ben Sängerin fingen bürste. Als ich in ber Erregung ben ersten schwierigen Einsatz verpaßte, meinte er zwar gütig lächelnd, aber doch energisch. »Nur mitgehn, mitgchn!" Da raffte ich all meinen Mut unbme.neEncrgiezu'amm n, brachte biePartie auch glücklich ohne musikalischen Fehler zu Ende. Dafür empfing ich privatim ein Lob, welches bei feiner Art, sehr selten zu loben, für mich ein besonderes Schwergewicht erhielt.
Hnbckanntere. mll Hn.echt v.rgessene Heinere Meister zog er hervor. Er lehrte sie uns schätzen, das Intime, weniger Volkstümliche berücksichtigen unb sich nicht nur an bie oft vorgetragencn, beim großen Publikum beliebten W rle zu halten. (Vorlesungen über verschollene Musik.)
Beim Ensemle-Spiel oerftanb er es meisterlich. einem klar ju machen, wie jebes Instrument zu Wort kommen mutz, wie Begleitung eigentlich selten nur Begleitung, sonbern fast immer Mitwirkung ist.
In ber Harmonielehre blieb er nicht an trockenen Regeln unb Echulbeispie'en hängen, fon« bem steuerte immer auf bas kompositorische Element zu, inbem er bas Formale klar heraus- ftellte. Wiederholung:n ber Melobien burch neue Harmonien Bereicherung unb Leben zu geben trachtete usw. Als ich durch seine D rmittlung bei Vorträgen über bas Hessische Volkslieb, bie Pfarrer Schulte hier unb in ber Hing egend veranstaltete. singend mitwirkte, war es wiederum Trautmann. der mich lehrte, einen schlichten Kla- vierfay dafür finden. Wenn ich im Heberfchwang meiner Eriindungslust und als Unerfahrene ben einfachen Weisen einmal ein gar zu kunstvolles Kleidchen anziehen wollte, so wütete seine Feber mit schwarzen Strichen gar arg in meinem — wie ich glaubte — so schönen Notengebilbe Aber was lernte ich burch diese Strichel 3m übrigen ließ er mir große Freiheit unb Selbständigkeit und freute sich über Wohlgelungenes. Letzteres war wohl auch ber Grund, weshalb ber Lernende seine Lust unb Liebe an ber Sache nie verlor.
Montag, Januar 1927
scheldung gebracht haben. Ss ist schwer, ber einen oder der anderen Partei einen Sieg tu- zusprechen, ohne den Dingen Gewalt anzutun. und ebenso schwer, sein Urteil etwa dahin zusammen zu fassen, dah alles beim alten geblieben wär«. Denn da- ist nicht der Fall, so lange es noch nicht entschieden ist. was lür eine Politik nunmehr getrieben werden wird. Hängt doch von den bisher unbekannt gebliebenen Beschlüssen der Regierung, die nach wie vor nur in verhüllenden Phrasen spricht, und den Beschlüssen der Swarajisten «S eigentlich ab. waS werden so(I. während als dritter Faktor das mögliche Wiederaufleben deS Religionskampfes bestehen bleibt, um da« Bild noch weiter zu komplizieren.
Deshalb mögen zunächst einmal die Tatsachen für sich sprechen. Die Swarajisten. haben unter dem Namen der ..Kongreß-Partei" einen auherordentlich starken Wahlsieg erfochten, da von insgesamt 114 gewählten Mitgliedern be« Zentralparlament» wieder 55 Stra- rajisten geworden sind. Die Swarajisten stellen also die stärkste unb geschlossenste Fraktion im inbischen Unterbaute bar. ba der Rest in Gruppen zu Zehnern unb Zwanzigern gespalten ist. bie wieder untereinander nur lote zusammen- bängen. 3n Madra«. in den Zentralprovinzen, in Bombay unb in Bengalen haben bie Swarajisten in ben Provinzparlamenten bie absolute Mehrheit erringen können. Nur vereinzelt haben sie schwerere Nieberlagen erlitten, unb auch bann nur in ©egenben, in benen klare Mehr- heitsverhältnisfe zugunsten ber mohammedanischen Bevölkerung bestanden. Diese Erfolge ber Swara^ jiften sink) für sie um so höher einzuschätzen. als ihre Kanbibaten sich überall verpflichten mußten, sich streng an bie Weisungen beS Kongresses zu halten, woburch bie Hervorkehrung ber schlagkräftigsten Parole, nämlich der der religiösen Gegensätze für sie meist verboten war Sie mutzten sich also, so weit sie Propaganda für ihre Sache treiben konnten, auf Erklärungen gegen die englische Dureaukratie beschränken, Schlagworte, bie den Massen nicht immer verständlich gewesen sein dürsten. Da« geringe 3nteresse der Bevölkerung an den politischen Vorgängen zeigte sich denn auch in der Wahlbeteiligung, die nirgends über 33 Prozent der Wahlberechtigten htnauSglng. Was aber wählte, da« wählte eben bann bic ..Kongreß- Partei" meist mit so überwältigender Mehrheit, daß bie gegnerischen Kanbibaten oft nur wenige Stimmen erhielten, wenn ber Kongretz- lanbibat mehrer« Tausend bekam. 3n fast allen Fällen, in benen bie Swarajisten geschlagen wurden, halten ihr« Gegner nur eine Mehrheit von wenigen hundert Stimmen.
Man sollte demnach meinen, daß bie Swarajisten mit ihrem Erfolg, ber unter so schwierigen Hmftänben erfochten tourb«, wohl zufrieden fein könnten. Aber ba« ist keineswegs ber Fall. Sie hatten viel größere Hoffnungen, auf ben' AuSaang ber Wahlen gefetzt unb |inb nun enttäuscht, weil sie in der Mehrzahl ber indischen Provinzen nur ein« starke Minorität barst eilen unb immer noch nicht bie Parlamente absolut beherrschen. Zwar finb sie überall stark genug, um bie Dllbung einer parlamentarischen Regierung zu verhindern — ba das heterogene Gemengte! ber anberen Parteien nicht bazu fähig ist — aber gerabe biefer Zustand nimmt den Swarajisten bie Macht in ben Parlamenten, da er es den Engländern geglättet, angesichts ber Hnmöglichkett et .-.er frecn Regierungsbildung eirte Regierung nach ihrem Gutdünken. und zwar ohne bie Swarajisten einzufetzen. Damit finb bie Swarajisten dazu verurteilt, ihre Obstruktionspolitik — Nichtbe eili- gung an ber Regierung, Verweigerung bet Dud- getbetoUligung unb Fortführung der Propaganda gegen die Regierung — f o r t z u f e h e n. 3n so weit hat denn auch ber Kongreß in Gauhall, der 41. seines Zeichens, beschlossen, bie bisherige Politik sortzusehen unb in so weit ist das Ergebnis ber Wahlen eintoanbfrei se'tzustelten: Sie Opposition bes nationa en 3nb:.en gegen bic englische Herrschaft unb bic Reformen ist unvet- minbert geblieben.
Aber abgesehen von dieser rein parlamentarisch-taktischen Frage des indischen Prob.ems
Andererseits war freilich seine Wortkargheit (er klagte selbst darüber, daß eS ihm schwer falle, sich in Worten frei und leicht zu äußern) oft etwas Bedrückendes, besonders für solche, die noch im musikalischen Flügelkleide wandeltet und manchmal wohl unter einer mitteilsameren Führung sicherer gefahren wären. Aber Trautmann war eben in erster Linie Künstler in deS Wortes wahrster Bedeutung. Er lebte so ganz in den musikalischen Vorstellungen, datz er einfach „DorauS- setzte" unb gar nicht auf ben Gedanken kam, elementarste Dinge immer wieder einzudrillen. Vermutlich hatte er diese selbst schon sehr früf) unb spielend Überwunden und konnte sich deshalb nicht vorstellen, bah wir weniger Begabten oft unter ben hanbwerklichen Schwierigkeiten heftig unb lange stöhnten unb nicht immer allein dc Weg finden konnten zur Heberwinbung techni^ scher Schwierigkeiten.
Cr war ein aerabezu glänzenber Vomblatt- spieler. Leine Leistungen hierin grenzten an bas Hnglaubliche. 3ch erinnere nur an die späten Deethoven-Klavier-Sonaten und an die Diabelli- Variationen op. 120, bie er so wundervoll in den AbendkolkegS vortrug. 3ch hatte oft Gelegenheit, vor den DonnerStag-Kollegs in seinem HauS zu sein unb kann mich nicht erinnern, baß Trautmann nun bie z. T. sehr schweren Stücke in .unserem" Sinn geübt hätte. Er las sie sehr aufmerksam burch unb spielte sie, mehr um in sie einzubringen, als um technische Schwierigkeiten zu meistern. Derblüffenb waren oft seine Wieber- gaben ber Orchesterpartien gelegentlich bet Chorproben. Sie brachten auch ohne erklärende Worte bie feinsten 3ntentionen des Komponisten dem Verstänbnis ber Chormitglieber nahe. Trotzdem war er nicht eigentlich ein Dirtuose im genauesten Sinne bes Wortes. Dafür war er zu sehr innerlicher Künstler. Stets nur strebte er banach. Be- wunberung für daS Werk, niemals für sich selbst, zu erringen.
Zum Schluß möchte ich Pros. Trautmann unb fein Wirken mit biefen Worten charakterisieren: Die Reinheit seiner Kunst spiegelte ben Menschen. unb bie Reinheit bes Menschen spiegelte sich in seiner Kunst toiber.
Wie könnten wir es ihm besser banken, als indem wir bas von ihm Empfangene in feinem Sinne weitergeben.


