vnd Stühe KU bieten, um mit ihnen eine feste geistige Gemeinschaft zu halten zur Pflege des Zusammenhanges der deutschen Sprache und Kultur. Und wenn wir der Kräfte gedenken, die die Träger dieser Bewegung sind, richten wir unsere Äugen dankbar auf den Gustav-Adolf-Verein. Graz und Steiermark haben volles Verständnis für die Deulschtums- arbeit des Gustav-Adols-Dereins. Mögen die Beziehungen. Vie in dieser Tagung Hunderte von Mannern und Frauen aus dem Reiche mit der alten Grenzstadt verknüpfen, dazu beitragen, das Gefühl untrennbaren Derbundenseins aller Deutschen zu tärken, mögen sie Brückn schlagen von Herz zu Herz. So wird diese Tagung nicht nur unserer evangelischen Kirche, sondern dem ganzen deutschen Vater- lande zum Segen gereichen.
Schließlich begrüßte der Präsident des österreichischen evangelischen Oberkirchenrates Dr. Eapesius die Versammlung im Damen von 260 000 evangelischer Glaubensgenossen Oesterreichs. Er dankte dem Gustav-Adolf-Verein für seine seit fast einem Jahre geleistete Hilfe für die zerstörten österreichischen evangelischen Kirchen und Schulgemeinden. Er gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß der kirchliche Zusammenschluß zwischen dem evangelischen Deutschland und Oesterreich, der seit 1862 auf dem Boden des Gustav-Adolf-Vereins bestanden habe, sich seht <md> durch Oesterreichs Eintritt in den evange- kisc^n Kirchenbund verwirklicht habe.
Der Vorsitzende des Zentralvorstandes und Leiter der Tagung, Geh. Kirchenrat Prof. Rend- t o r f f (Leipzig) teilte mit, daß von Bundes- Präsident Hainisch und vom Bundeskanzler Dr. Seipel sehr freundliche Schreiben eingegangen seien, in denen sie den Verein in Oesterreich willkommen heißen. Auch der Reichsinnenminister habe in einem Briefe seine herzlichen Wünsche für die Tagung ausgesprochen.
Als Präsident des Obersten Kirchenrates der preußischen Kirche und zugleich als Präsident Le 5 Deutschen Evangelischen Kirchenbundes dankte Dr. Kappler dem Gustav-Adolf-Verein für die mutige Tat, die Einladung nach Oesterreich angenonrmen zu haben und nannte diese Einladung ein köstliches Dokument brüderlicher Gesinnung. So groß die Freude dieser Tage auch sei, so gelte es doch den Blick nicht abzuwenden von den hohen Zielen, welche dem deutschen Pvo- lestantismus gesteckt seien. Die großen sozialen Röte mancherlei Art in Deutschland forderten eifrige Arbeit, sie erforderten Opfer. „Wir müssen und wir werden helfen," schloß Dr. Kappler seine Rede, „das ist für unsere Kirche die Forderung dieser Tage."
Mit I>em stehend geßmgenen Kirchenlied „Run danket alle Gott" schloß die Feier.
Sberheffen.
Lauvkreis Oietze«.
• Heuchelheim, 30. Sept. Wie aus dem heutigen Anzeigenteil ersichtlich, findet am Sams- tag und Sonntag in der Turnhalle zu Heuchrl- hu eine Ausstellung des Obst- und G.arlenbauvereins statt. Ausgestellt werden Obst- und Gartenbauerzeugnisse, sowie Geräte. Rach den zahlreich eingrgangenen Anmeldungen zu urteilen, wird die Ausstellung bei der diesjährigen reichen Obsternte eine außerordentlich gute Beschickung erfahren. Gin Besuch wird sich für alle Obst- und Gartenbauliebhaber empfehlen. Die Prämiierung findet am Samstagvormittag durch auswärtige Preisrichter vor der Eröffnung statt. Auf den sehr lehrreichen Vortrag am Sonntagnachmittag 3 Llhr sei besonders hingewiesen.
00 Klein-Linden, 29. Sept. Schon aus vorigen Freitag war eine Sitzung des Gemeinderats einberufen worden, in welcher die Beratung des Gemeindevoronschlags für das Rechnungsjahr 1927 vorgenommen werden sollte. Die Sitzung konnte aber wegen De- schlußunsähigkeit nicht durchgeführt werden. In der «Ätzung vom Mittwochabend stand die Durchberatung des Gemeindevoranschlags für 1927 abermals auf der Tagesordnung. Auch diese Sitzung führte zu keinem Ziel, da die Gemeinde- ra'smitglieder die Durchberatung be? Voranschlages nicht «her vornehmen wollen, bis jeder Fraktion eine Abschrift des Voranschlags ausgehändigt worden ist. Es wurde deshalb die Vervielfältigung des Voranschlags beschlossen und der ilebernahme der Kosten zugestimmt.
DGroßen-Linden, 29. Sept. Gestern wurde Das O b st auf der Straße nach Klein-Linden, Das der Provinz Oberhessen gehörte, öffentlich versteigert. Die Käufer, darunter viele Gießener, konnten für verhältnismäßig wenig Geld ihren Winterbedarf decken. So kosteten die größten Bäume mit 3 bis 4 Zentnern feinster Tafeiäpfel selten mehr als 10 Mk., so daß der .Zentner auf 2 bis 3 Mk. zu stehen kommt. Wirlschaftsapfel waren im Preise noch billiger und stellten sich im Zentner auf 1 bis 2 Mk.
)( G roßen-Llnden, 29. Sept. Der im Zähre 1906 von Beuern hierher versetzte Pfarrer Schulte ist schon längere Zeit leidend und tritt Deshalb am 1. Oktober tn den Ruhestand. Zu seinem Rachfolger wurde der hier wohnende Pfarrer von Allendorf (Lahn) und Diakonus von Großen-Linden, Schultheis, durch den hiesigen Kirchenvorstand ernannt. Bei der nächsten Vakanz steht wieder der Kirchenregierung das Recht zu, den Pfarrer zu ernennen. Diese Einrichtung, baß abwechselnd Kirchenvorstand und Kirchenvegierung den Pfarrer ernennen, bestand im Kreis« Wetzlar schon längst und wurde für den Volksstaat Hessen neu eingeführt. — Die Gastwirtschaft „3 um Deutschen H of" dahier wurde durch das Amtsgericht Gießen zwangsweise versteigert. Höchstbietende blieb die frühere Besitzerin, Heinrich F i s ch e r 4. Witwe.
Großen-Linden, 29. Sept. Die günstige Witterung der letzten Tage hat einen raschen Fortgang der Kartoffelernte in unserer Gemarkung ermöglicht. Das zeitraubende Hacken der Kartoffeln wird hier nur noch vereinzelt ausgejührt, meist ist die Hackmaschine in Tätigkeit, kleinere Landwirte pflügen ihre Kartoffeln aus, ivährend alle verfügbaren Arbeitskräfte zum Auslesen herangezvgen werden. Kav- t off elf orten wie Industrie, Hassia, Preußen, Vater Rhein usw. bringen aus allen Böden hohe Erträge: die leichte Fäulnisbehaftung mancher 3n- Dustrieknvllen auf feuchten Aeüern fällt nicht sehr ins Gewicht. Auch der Stand der Dickwurzfelder ist reckst gut, die Blätter der Dickwurz liefern letzt eine wilsiommene Beigabe zur Grunsütterung, ebenso wie der Futtermais, der zumeist über zwei Meter lang gewachsen ist.
# Hungen, 29. Sept. Der hiesige, sehr gut besuchte Prämiierungsmarkt hatte einen starken Auftrieb zu verzeichnen. Allein der Schweinemarkt war mit 562 Jungtieren beschickt. Auch das zur Prämiierung gestellte Rindvieh war zahlreich vertreten, es warm dabei besonders schöne Stücke zu sehen. Auf dem Ferkelmarkt setzte zu Beginn lebhaftes Geschäft ein, im Verlause des Marktes wurde der Geschäftsgang flauer, so daß der Auftrieb nicht ganz abgeseht werden konnte. Besonders den Eigenzüchtern aus der Landwirtschaft waren die Preise zu gering. Es kosteten 6 Wochen alte Ferkel 10 bis 12 Mk., 7 Wochen alte 13 bis 16 Mark, 8 bis 9 Wochen alte 20 bis 25 Mk. Springer und Einlegschweine waren nur in geringer Zahl vertreten und wurden ie nach Größe und Alter zwischen 28 und 45 Mk. gehandelt. Die Prämiierung des Rindviehs, die durch zwei besondere Kommissionen vorpenommen wurde, batte folgendes Ergebnis: Simmentaler Rasse: Bullen über 2 Jahre: Gemeinde Lich 1. und 3. Pr.: Gemeinde Langsdorf 2. Pr.: Gemeinde Hungen 3. Pr.: Gemeinde Diltingen lobende Anerkennung. Jüngere Bu l len: Richard Schmidt, Kolbenmühle, 2. Pr.: Wilhelm Koch, Berstadt, 2. Pr., Karl Hau III., Villingen, 3. Pr.: Jakob Wenzel II., Langsdorf, und Gustav Schmidt, LangSdorf, je eine lobende Anerkennung. Kalbinnen: Wilhelm Weil, Inheiden, 1. Pr.: Georg Zimmer, Villingen, 1. Pr.: Otto Üotz, Villingen, 2. Pr.: Heinrich Rürnberger. Villingen, 3. Pr.: Konrad Schet'.er« mann, Rabertshausen, 3. Pr.: Karl Schäfer, Inheiden, 3. Pr.: Ferdinand Holzapfel, Steinheim, und Karl Hau^Viklingen, je eine lobende Aberkennung. Rinder: Konrad Högy III., Ruppertsburg, 2. Pr.: Otto Zimmer II., Vil- lingen, 3 Pr.: Jakob Wenzel, Langsdorf, 3. Pr.: Otto Zimmer I., Villingen, 3. Pr.: Friedrich Leidner, Ruppertsburg, Otto Scharmann 1., Steinheim, imb Heinrich Haas, Hungen, je eine
Die diplomatische „Karriere" gestern und heute.
Von Dr. A v. Wilke.
Der Tod des Freiherrn von Maltzahn hat eine so unersetzliche Lücke in die deutsche Diplomatie gerissen, daß wahrscheinlich ein großes Revirement auf den deuttchen Dot- schafterposten im Ausland erfolgen muh. Unser Mitarbeiter schildert tn diesem Zusammenhang, welche Wandlungen in der Auswahl der Diplomaten in der letzten Zeit stattgefunden haben.
Der tragische Unglücksfall, dem der Botschafter in Washington zum Opfer gefallen ist, hat das Auswärtige Amt vor größere Schwierigkeiten gestellt, als man im allgemeinen wohl annehmen wird. Ist es doch außerordentlich schwierig^ einen befähigten Diplomaten, der sich in die Gewohnheiten und Sitten eines Landes eingelebt hat, schnell zu ersetzen. Es fällt erschwerend ins Gewicht, daß viele frühere Diplomaten aus politischen Gründen aus dem Staatsdienst ausgeschieden find, ohne daß es bisher möglich war, die entstandenen Lücken in allen Fällen glücklich auszufüllen. Bei der Ergänzung muh ja auch darauf Rücksicht genommen werden, daß sich die Vertreter des Deutschen Reiches in die gesellschaftliche Atmosphäre einfügen, in der sie sich in der fremden Hauptstadt bewegen sollen. Das diplomatische Korps — der Ausdruck bekundet, daß die Diplomaten der verschiedensten Länder sich in gewisser Hinsicht als eine Einheit betrachten. Sie bilden in den einzelnen Hauptstädten tatsächlich ein, trotz politischen Diver- ganzen, geschlossenes internationales Gartzes, haben ihren „Doyen" und ihre „Doyenne", die in den einst so ungemein wichtigen geseNschaft- lichen Fragen des Vorrangs und des Zeremo- niells ihre Interessen wahrnehmen. Bei festliche Gelegenheiten weist man ihnen einen gemeinsamen Platz an, und die Aelteren unter ihnen kennen sich auf das. intimste, sind gute Freunde oder persönliche Feinde, sind manchmal auch miteinander verschwägert und versippt. Der Zufall der Karriere hat sie von Etappe zu Etappe als Attaches, als Sekretäre und Räte, als Gesandte und Botschafter zusammengeführt. Sie sind professionelle Globetrotter. Lind entstammen in der Regel denselben gesellschaftlichen Schichten, bekennen sich zu denselben Lebensanschauungen, Vorurteilen und, häufig, zu derselben menschenverachtenden Blasiertheit....
So war es früher allgemein. Inzwischen hat sich die diplomatische Arbeit gründlich gewandelt. Lind es genügt, einen Blick auf die Verzeichnisse der diplomatischen Beamten zu werfen, um zu bemerk«:, daß bei ihrer Auswahl andere Ge- sichtspimtte mehr und mehr geltend geworden sind. Dort, wo, wie in Deutschland, Oesterreich, Rußland, an der Stelle der Monarchie eine Republik errichtet wurde, ergab sich die Limge- staltung des diplomatischen Deamtenkörpers zwangsläufig. In Deutschland brachten viele Diplomaten es nicht übers Herz den monarchischen Traditionen, in denen sie groß geworden waren, gleichsam von heute auf morgen zu entsagen, und zogen daraus die Konsequenz. Diejenigen, die blieben und dem Daterlande weiterhin dienten, formten sich auf das Wort berufen, das, nach 1871, der Herzog von Aumale (selbst ein Prinz von Geblüt, ein Sohn des Königs Ludwig Philipp im'o unter dem zweiten Kaiserreich exiliert) als Vorsitzender des gegen den Marschall Ba- zatne wegen der Liebergabe von Metz Unberufenen Kriegsgerichtes sprach — Dazaine entsckul- digte sein Verhärten damtt, daß er nach Sedan, nach dem Sturze deS Kaiserttuns, „nichts mehr gegeben habe". — „II n’y avait plus rieni“ meinte er achselzuckend. „Monsieur", belehrte ihn, hvch- aufaerichtet, der Herzog von Aumale. „il y avait la FranceI“ — „Mein Herr, Frankreich war dal"
Außerdem hat man in Deutschland die Schranken beseitigt, die die eigentliche diplomattsche und die konsularische Karriere schieden. Hier ist nicht der Ort. um die Zweckmäßigkeit einer Maßregel zu erörtern, für und gegen die sich Argumente darbieten. Dagegen könnte man allenfalls ins Treffen führen, daß sich gegenwärtig immer schärfer innerhalb jedes Berufes Spezialgebiete ausprägen, die sich wohl berühren, doch nicht ineinander übergreifen Dafür spricht ohne weiteres. daß die sog. hohe Politik, die von höfischen. nicht nur männlichen Einflüssen mitbestimmt wurde und Vertrautheit mit den Verhältnissen in den nunmehr zumeist entthronten Dynastien und ihrer Umgebung vorausfetzte, einem Wettkampf wirtschaftspolitischer Intereßcn gewichen ist. Wie hatte man beispielsweise am Hof der stolzen Habsburger in Wien, wo die Hoffähigkeit, mit den geringen Ausnahmen sehr
lobende Anerkennung. Kühe: Emil Sonnen- bura, Tiergarten bei Hungen, 1. und 3. Br.: Wilhelm Parr V., Ruppertsburg, 2. Pr.; Otto Zimmer l„ Villingen, 2. Pr.: Hermann Moll, Hungen, 3. Pr.: Heinrich Kohler, Langsdorf, 3. Pr.: Otto Roth, Steinheim, und Julius Schmalz, Hungen, je eine lobende Anerkennung: Philipp Schäfer, Langd, zwei lobende Anerken- mm gen. Vogelsberger Rasse: Bullen: Prinz Ludwig zu Solms Lich auf MühLsachsen 2. Pr.: Karl Schneider, Ettingshausen. 3. Pr. Kühe: Prinz Ludwig zu Solms Äch auf Mühl- fachsen 1. und 2. Pr.: Richard Schäfer, Hungen, 2. und 3. Pr.: Heinrich Pfarrer, Diklingen, 3. Pr.: Wilhelm Sauerwein, Hungen, zwei 3. Pr.: Richard Schäfer. Hungen, lobende Anerkennung. Rinder: Wilhelm Parr I., Ruppertsburg.
2. Pr.: Richard Schäfer, Hungen, 3. Pr.: Heinrich Pfarrer, Villingen, lobende Anerkennung. Familie: Wilhelm Sauerwein, Hungen, 3. Pr. Der Prämiierungsmarkt wurde auf Anregung der Bürgermeisterei heuer zum erstenmal mit Unter - stühung des Landwirtschaftskammerausschusses für Oberhessen abgehalten. Auftrieb und Besuch haben die Rotwendigkett einer solchen Tierschau für den Bezirk Hungen erwiesen.
Kreis Friedberg.
am. Staden, 29. Sept. Gegenwärtig sind unsere Landwirte damit beschäftigt, die letzten Kartoffeln zu ernten. Mit Ausnahme der Industrie sind alle Sorten gut geraten. DaS schöne Wetter der letzten Tage hat die Feld- arbeit sehr gefördert. Die reich ausgefallene Apfelernte ist ebenfalls begonnen. Leider fehlen hier vollständig die Händler, welche die Obsterträge aufkaufen.
# Melbach, 29. Sept Bei der hiesigen B ü r g e r m e i st e r w a h l wurde der seitherige Düraermeister Fourier gegen drei Gegen- "kandldaten wiedergewählt. Die Wahlbeteiligung war sehr stark. Von drn 368 abgegebe
alter ahnenreicher Adelsgeschlechter, bei den gräflichen Familien begann, einen bürgerlichen Botschafter mit einem Stab von bürgerlichen Untergebenen akkreditieren sollen! Der alte Kaiser Franz Joseph hätte in solchen Fallen Wohl den Untergang der Welt als unmittelbar bevorstehend angesehen, und fein neulich verstorbener Oberst- Hofmeister. Fürst Monienuodo. hätte möglicherweise Selbstmord verübt. Rach Wien, und ähnlich nach St. Petersburg, gingen als deutsche Diplcm im nur Grafen und Prinzen, allenfalls als Botschafter ein kaiserlicher Generaladjutant, wie der General Lothar von Schweinitz.
Rormen. die Bismarck, der den Organismus des Deutschen Reiches, hinsichtlich des Beamten- ttnns, nach dem Riesenmaß seiner Persönlichkeit zugcschnitten hatte, aufstellte, erwiesen sich unter seinen weniger großen Rachfolgern als schädlich oder nicht mehr angemessen. Brsmarck befürwortete den Liebertritt jüngerer oder auch älterer Offiziere zur Diplomatie, weil er von ihnen, die Gehorsam gelernt hatten, nicht Widerspruch oder Intrigen zu befürchten hatte, wie sie etwa Gras Harry Arnim gegen ihn angezettelt hatte. Insofern paßt auch — wie in entsprechend gewandelter Bedeutung auf Goethe — der Er- sahrungssah auf dckn Begründer des Reiches, daß das Genie keinen Rachwuchs züchtet trnd aufstrebenden Talenten den Weg verdunkelt.
Die „Karriere" ist von Anfang an die kostspieligste aller Karrieren gewesen. Deshalb ergänzte sie sich einerseits aus der begrenzten Zahl der alten Adelsfamilien, die über hohe Einkünfte verfügten, andererseits aus dem jungen Industrie- und Geldadel. In England, wo die Staatsbeamten besser bezahlt werden als bei uns, überwiegt die Robilily und die Gentry nicht mehr im diplomatischen Rachwuchs, und wenn als erster Rachkriegsbotschafter beim Deutschen Reich das Londoner Kabinett Lord D'Abernvn erkor, so erfolgte seine Wahl um deswillen, weil Lord D'2lbernon, als er noch Sir Edgard Vincent hieß, eine Autorität war im Arrangement verzwickter finanzieller Situationen, selber wett mehr Finanzmann als Diplomat. In Frankreich liefert das begüterte Bürgertum der Diplomatie zahlreiche Würdenträger, u. a. die Brüder Paul und Jules Cambon. aber manchmal fällt ein fetter Botschafter- oder Gesandtenposten auch einem regierungsfrommen Deputierten zu oder einem Freunde einem Privatsekretär der jeweiligen Machthaber und einen Journalisten, der die auswärtige Polittk der Regierung in einem angesehenen Blatt unterstützte. Zuweilen schneit auf solche Weise ein krasser Außenseiter tn die „Karriere" hinein, und dann wird ein Monsieur Hennessy, steinreicher Echnapsbrenner, in allen Erdteilen wegen der Marken .Dreisterne" und .Verrh old" von den Liebhabern eines guten Tropfens geschätzt. Besitzer von Schlössern. Segeljachten und Renn- ftällen, Mitglied feudalster Klubs, blutsverwandt mit Qltarqute und Grafen, Botschafter der Republik in Denn. Die neu erwählten Präsidenten der Vereinigten Staaten belohnen nicht selten Multtmiklionäre (Mr. Tower, Mr. Leifhman usw.) die ihre Wahlcampagne finanziert haben, als Gegenleistung mit Botschaften und Gesandt- schaft in der Alten Welt, wo sie. ihre Frauen und Töchter sich mit bewundernswertem An- paflungSvernrögen — man hat jedoch auch Ausnahmen gefeiten — tn das fremde Milieu ein- (eben. Die Tendenz ist jedenfalls tn L1.S.A., seitdem diese ihr früheres grundsätzliches Desinteressement an den europäischen Händeln abgelegt haben, auf die Züchtung eines straff — sowohl politisch als auch volkswirtschaftlich — geschulten diplomatischen Stammes gerichtet.
Die Zufuhr frischen Blutes durch Einstellung von Outsidern so unsympathisch diese den Männern von der „Karriere' sein mögen, wird bei den unsicheren, wechselnden Zuständen, an denen Europa laboriert, nicht zu entbehren sein. Es fornrnt nur darauf an, die rechten Männer zu entdecken — im Handel, in der Industrie, der Finanz, der Presse, der Verwaltung, dem Parlament — und sie auf den rechten Platz zu stellen. Anfänge damit sind bei uns ja bereits damit unternommen, und es mag genügen, die Ramen Wiedsicld, Derenberg-Goßler, Sthamer, Rauscher, Pfeiffer anzuführen, ohne ein Werturteil über ihre zum Teil bereits nicht mehr unter den Lebenden weilenden Träger zu fällen. Eine „Ochsentour", die man vormals beim Militär das „Anciennitatsshstem" nannte, darf die „Karriere" niemals werden.
nen Stimmen erhielt Bürgermeister Fourier 256, der sozialdemokratische Gegenkandidat 63, die beiden anderen Kandidaten 26 und 23 Stimmen. Rach Bekanntgabe des Resultats tourbc dem Gewählten ein Ständchen gebracht und eine Rachfeier in den verschiedenen Lokalen begangen.
Kreis Schotten.
□ Laubach, 29. Sept. Dieser Tage fand die Ob st Versteigerung des Kreises Schotten in hiesiger und Wetterfelder Gemarkung statt. Das Ergebnis der beiden Tage waren 1200 Mk. Der Zentner Tafelobst kam im Durchschnitt auf 3 bis 4 Mk.: Wirtschafts obst galt etwas weniger. Birnen galten 20 bis 30 Prozent weniger als Aepfel. In dieser Woche wird hier die Obstversteigerung des Kreises zu Ende geben. Die Versteigerung der Apfel - ernte der Gemein de findet in kommender Woche statt. — Am Samstag fand eine Versammlung der aktiven Mitglieder des hiesigenMusikvereins (bzw. Feuerwehr- kapelle) unter Leitung des Dirigenten Diehl statt. Den ganz unbegründeten Gerüchten von der Auflösung des Musikvereins gegenüber, der 15 aktive und über 60 passive Mitglieder zählt, wurde in voller Einmütigkeit erklärt, auch weiterhin fest und treu zusammenzuhalten und sich von keinerlei widrigen Strömungen beeinflussen zu lassen. Außerdem wurde beschlossen, die Zahl der Musikinstrumente zu erweitern und verschiedene Waldhörner nebst einer Konzerttvommel anzuschassen. Der Musikvevein gedenkt, demnächst ein größeres Konzert zu veranstalten.
Kreis Lauterbach.
& Lauterbach, 29. Sept. Aus der jüngsten Sitzung des Stadtvorstandes: Die Retchszentrale für Heimatdienst beabsichtigt, wie in den beiden vergangenen Jahren, auch demnächst wieder hier einige staatsbürgerliche Bildungsvorträge zu halten. Sie ist an die Stadt herangetreten mi der Ditte um Bewilligung einem Zuschusses. De. Stadtverstand beschloß, zur Deckung der Koste einen Betrag bis zu 50 M. zu bewilligen. C wurde angeregt, bei der Reichszentrale dah. vorstellig zu werden, daß mindestens zwei Q3oi träge an einem Abend gehalten werden, um da durch allen Devölkerungskreisen die Möglichkeit zu geben, die Vorträge zu besuchen In bei vergangenen Jahren war es einem großen Teil der Handel- und Gewerbetreibenden und vor allem fast der gesamten Arbeiterschaft ohne Zeitverlust und Verdienstausfall nicht möglich, diese Vorträge anzuhören, da sie nur während der Tagesstunden gehalten wurden. — In der Vogelsberg st raße werden z. Zt. die Vorbereitungen für die demnächst von der Provinz vorzunehmenben Pfla st erarbeiten getros - fen. Durch diese Arbeiten wird eine Erhöhung des Fußsteiges bedingt. Der Bürgermelsto-. empfahl, bei dieser Gelegeirhrit den Fußstei In einer Breite von etwa 1,30 bis 1,59 Mei mit Mosaikpslaster zu befestigen. Die Versami lang beschloß demgemäß. — Beim nächsten Pw der Tagesordnung entspann sich eins länge Aussprache. Die B a u a r b e i t e n für die ('* richtung einer Entsäuerunasanlage fi; vom Kulturbauamt ausgeschrieben worden E sind drei Mrgebote eingelaufen, und zwar ei: Angebot von einer arrSwärtigen Firma und zwei von Lauterbacher Unternehmern. Die hiesige Firma Rössel, Selbmann, Stöpler ftyr- bet! für dre Ausführung der ausgeschriebenen Arbeiten rund 4650.— M., während der Unternehmer H. Hardt, Lauterbach, 5055.— M. verlangt. Das Kulturbauamt Gießen schlägt vor, die Aweiten der Firma H. Hardt zu übertragen, da diese durch die Ausführung der Gntsäuerungs- antage In Landenhausen die erforderliche Erfahrung auf diesem Gebiet besitzt, und diese Anlage auch mustergültig auSgeführt tourbc Rach längerer Debatte wurde die Angelegenheit an die Baukommission zur nochmaligen Prüfung zurückverwiesen. — Zur Bekämpfung und Linderung der dringendsten Wohnungsnot beabsichtigt die Stadt vier Wohnbaracken mit je zweimal Zweizimmerwohnungen zu errichten. Die Küche, sowie jedes der beiden Zimmer ist zwölf Quadratmeter groß Die Errichtung erfolgt am sogenannten Pfeifsenweyerweg Finanz- und Baukommission haben sich mit dieser Angelegenheit bereits beschäftigt, sie empfahlen emfttmmtfl. das Projekt anzuneymen und bald zu vertoin- lichen. Rach kurzer Aussprache erhob der Stadtvorstand den Vorschlag der Kommissionen zu seinem Beschluß und bewilligte die hierfür erforderliche Bausumme von rund 30 000.— M. — Daurat Pfeiffer erläuterte sodann an Hand eines Lageplanes der Stadt die gedachte künftige Erweiterung der Stabt bzw. des Straßennetzes. Rach den Ausführungen des Baurats, sowie des Bürgermeisters sind die- feine endgültigen Vorschläge, sondern nur Richtlinien, die im dernnachsti^en Feldbereinigun^- verfahren als Unterlagen dienen sollen. Der Dtadtvorstand nahm von den Ausführungen Kenntnis und beschloß, die Anregungen dem Feldbereinigungskommisfar bei der Aufstellung des Mellorattonsplanes für das Feldbereini- aungsverfahren als Richtlinien zu übergeben. — Gemeinderat Kunz hatte beantragt, den städt. Beamten ab 1. Oktober die gleichen Vorschüsse zu gewähren, wie sie die Hess. Staatsbeamten erhalten. Dieser Antrag wurde von Gern.-Rat Dr. Schütz dahingehend erweitert, die städttschen Beamten nach den Richtlinien des Reiche« zu besolden und ihnen auch die gleicheir Vorairszahlungen zu gewähren. Rach längerer Aussprache wurde beschlossen, den städt. Beamten die Vorauszahlungen nach den Sätzen des Reiches zu gewähren, falls der Hess. Staat bis zum 1. Oktober noch keine bestimmten Richtlinien herauSge- geben hat.
8 Queck, 29. Sept. Auf dem stillen Derg- sriedhof in dem benachbarten Ober-Weg- fu r t h wurde gestern der Bürgermeister Livs von Llnter-Schwarz, der infolge eines Unfalls plötzlich aus dem Leben geschieden war, zur letzten Ruhe bestattet. Eine große 3Dauertet- sammlung, darunter auch die Gräfliche Familie und der Kreisdirektor Dr. Michel von Lauterbach, gaben dem Verstorbenen bad letzte Geleit. Der Ortsgeistliche hielt eine ergreifende Trauerrede, in der er die Eharakteveigenschaften deS Verewigten in das rechte Licht steluv. Kvan/,- niederlegungen fanden statt von Kreisdirektor Dr. Michel für das KreiSamt, von anderer Seite für die Bürgermeister des Kreises, für den Zweckverband „Schliherland", für die Bezugs- und Absahgenossenschaft, für den Kriegerverein und für den Kirchenvorstand. Der Abgeschiedene war eine im ganzen Schliherland beliebte Persönlichkeit.


