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Roman von Robert Misch.
Copyright by Carl Dunker. Berlin SW 62.
5. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Isa lächelte.
„Auch das wird dein Vater nie erlauben. Es wäre auch dumm, mein Lieber, wenn einem das Bett so weich gemacht ist wie dir."
„Das weiß ich. Isa. Schon um deinetwillen möchte ich mich nicht mit Papa entzweien — um deinetwillen allein."
Sie faßte seine dargereichte Hand und druckte sie dankbar. Wie kleine Funken tanzte es in ihren Augen, die so unschuldsvoll blickten. Und er sah es als einen heimlichen Berspruch an. als Verlobung ohne Ring und Feierlichkeit.
Hermann Nettebohm sah in seinem Allerhei- ligsten, dem Privatkontor, vor dem riesigen Schreib- lisch und rechnete. Er zog die Halbjahresbilanz aus seinen Geheimbüchern, wie jedes Jahr, ehe er sich in Karlsbad den Magen ausspülte oder „innerlich Toilette" machte, wie er es nannte.
Er rechnete und lächelte. Es waren seine glücklichsten Stunden. Die „Ernte" wurde festgestellt, und sie wuchs mit jedem neuen Jahr.
Hermann Nettebohm schmunzelte. Er konnte beruhigt nach der schönen Sprudelstadt fahren und Gattin und Sohn nach Norderney schicken, von wo er sie dann zur Nachkur abholen würde. Alles ging nach Wunsch: die Welt war doch schön.
„Doch mit des Geschickes Mächten ..."
Das Schicksal nahte zunächst in Gestalt eines vierschrötigen Herrn mit zerzaustem, graublondem Vollbart und runder Eulenbrille, dem der schwarze Bratenrock bis zum Knie ging, der sich durch seine Karle als Professor Dr. Eugen Bartsch, Oberlehrer am Friedrichsgymnasium, melden ließ._____________
Eberhardts Mathematiklehrer. bei dem er in dieser nützlichen, aber nicht mehr von ihm geliebten Wissenschaft, Privatstunden erhielt. Was wollte der gute Mann? Aufbesserung seines Honorars? Sollte er haben. Oder Klagen? Die Mathematik war zum Gluck nicht maßgebend für die Versetzung.
Der vierschrötige Herr nahm mit feierlich-ernster Miene den angebotenen Stuhl ein, daß dem Kommerzienrat gleich nichts Gutes schwante. Der Herr Professor druckste erst ziemlich lange herum, bis er sich „seiner wenig angenehmen Bolschast" entledigt hatte.
Eigentlich nur ein Dummerjungenftreid) — aber man mußte natürlich ein Exempel statuieren. Man nahm freilich Rücksicht auf dies „angesehene Haus", den „eyrenwerten Vater", der usw. Aber man —..man" war das Lehrerkollegium und der Herr Direktor — man ersuchte den Herrn Kommerzienrat, den jungen Menschen schleunigst aus der Schule zu nehmen, ehe ein consilium abeundi feierlichst dekretiert wurde.
Die Geschichte war die: für die Schüler der Untersekunda fände eine Art Versetzungsprüfung in verschiedenen Wissensgebieten statt. Jedenfalls hielte er selbst in der Mathematik es so, die manche dieser jungen Herren etwas über die Achseln anschauten, trotzdem sie doch die Grundlage usw.
Eberhard hatte eine solche mathematische Prüfungsarbeit, die in „Klausur" gelöst werden sollte, vor seiner Privalstunde heimlich vom Schreibtisch des Herrn Professors „entwendet", kopiert und wieder zurückgebracht, sie dann auch einigen Schülern des betreffenden Jahrganges kundgetan. Wohl niemals wäre diese „unsittliche Tat" ans Licht gekommen, wenn der „unselige Jüngling" sich nicht selbst verraten hätte — ein „deutliches Beispiel" für den Finger des Verhängnisses, um nicht zu sagen „Gottes". Denn in der entsprechenden Originalarbeit fand sich ein Liebesgedicht an eine gewisse Isa, zwar nidjt unterzeichnet, ober in Eberhards wohlbekannter Handschrift.
Mit spitzigen Fingern übergab es der Herr Professor dem Großkaufmann als „einen m 1 • ■
Beweis für dke sittliche Unreife, um nicht zu sagen frühreife Verderbnis des unseligen jungen Mannes", der sonst zu den besten Hoffnungen berechtigte, wenn er auch freilich in der Mathematik...
„Man wolle die Sache nicht an die große Glocke hängen", ersuchte aber den Herrn Kommerzienrat im Namen des Direktors und des gesamten Lehrer- kollcgii-ms, „den unglücklichen Jüngling" abzumelden und nach den großen Ferien nicht mehr zurück- tehren zu lassen. Man riete im übrigen dem Herrn Kommerzienrat, den sonst wohlbegabten jungen Menschen den Gefahren der Großstadt und dieser gewissen Isa zu entziehen und- in ein Internat außerhalb Berlins zu bringen.
Kühl und schweigend hörte der Kommerzienrat die wohlgesetzte Rede des Herrn Professors an.
„Nun, da bleibt mir ja auch nichts weiter übrig, als ihn schleunigst sortzunehmen, ehe man ihn f(* ’ ", meinte er schließlich.
Herr Professor bedauerte sehr, auch per« .i er sich für den „wirklich begabten jungen r wie gesagt nur leider in der Mathematik ; auf der Höhe stände, wahrhaft interessiert l)äi .-. — Und da er die innerliche Abneigung des Großiaufmanns gegen seinen Beruf wohl fühlte, warf er auch eine letzte kleine Handbombe seines Unmutes.
„Er soll ja doch bloß Kaufmann werden — da könnten Sie ihn ja auch, trotz seiner noch nicht abgeschlossenen Bildung, gleich ins Geschäft stecken."
„Ich werde es mir überlegen, Herr Professor." Auf diese Weise verschwand einige Tage später Eberhard aus dem Gesichtskreis der angebeteten Isa. — *
Vater und Tochter Mengers standen im Privatkonto,: des Kommerzienrats.
Der erfahrene Gefchaftsn.ann fetzte seinen Kneifer auf und beschaute sich diese „verdammt hübsche kleine Person" von oben bis unten. Er nannte sie plötzlich „Sie". Das war wahrhaftig schon eine sehr zielbewußte junge Dame, kein kleines Mädchen mehr. —
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„Wollen Sie mir freundlichst sagen, Fräulein Isa, was für einen Beruf Sie nun zu ergreifen gedenken?" fragte er halb spöttisch, halb ärgerlich.
Herr Mengers stieß bei dieser Anrede einen unartikulierten Laut aus, den er aber aus Respekt schleunigst unterdrückte.
„Sehr gern, Herr Kommerzienrat — und ich hoffe, daß Sie mir Ihre gütige Unterstützung dazu ichenken werden. Mein Gesanglehrer in der Schule und mein Klavierlehrer haben mir gesagt, daß ich Stimme und auch musikalisches Gehör hätte — ich will Sängerin werden."
Vater Mengers wurde blaurot im Gesicht. Der Gedanke, daß seine Tochter mit Singen Geld ocr- dienen wolle, kam ihm ganz absurd vor. Nun würde ihr der 5)err Kommerzienrat gründlich den Kopf roafdjen, wie sich das gehörte für solche vor rückten Pläne. Aber der machte gar keine Anstalt dazu, fuhr sie nicht heftig an, sondern fragte ruhig:
„Was für 'ne Art von Sängerin hoben Sie sich dann gedacht, mein Kind?"
„Ich weiß noch nicht ... das wird sich ja später finden. Arn liebsten ginge ich zur Bühne!"
Nun hielt sich Vater Mengers nicht länger. Diese verfluchten Theaterideen hatte ihr die Mucter eingeredet. Noch immer hegte er einen kleinen Ab scheu gegen das „Lumpenvolk", dem seine Frau einmal angehört, und zu dem sie hinter seinem Rücken wahrscheinlich noch Beziehungen hatte. Er wollte seine Tochter nicht geschminkt, mit „bloßen Beinen" im Chor stehen sehen. Denn daß sie darüber hinaus kommen könnte, konnte er sich absolut nicht vorstellen.
„Da habe ich doch auch noch ein Wörtchen mit» zureden. — Sie entschuldigen schon, Herr Kommerzienrat. — Damit du oerlieberft und verbummelst."
Er ließ seinem ganzen Groll gegen die „Thenterei" die Zügel schießen. Aber Isa blickte ihn nur spöttisch an, und jein hoher Ches schüttelte mißbilligend den Kopf.
(Fortsetzung folgt.)
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