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Kt. 176 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, 50. Juli 1927
Außenpolitische Umschau.
Don Prof. Dr. Otto Hoetzsch, M. d. R.
Zwischen Belgien und Deutschland ging ein sonderbares Gezänk hin und her, das hoffentlich jetzt bald endgültig sein Ende erreicht. Der belgische Kriegsminister, der, nicht zu vergessen, Ministerpräsident im Kriege gegen uns war, hat Vorwürfe gegen die deutsche Entwaffnung erhoben, die durch und durch unbegründet, eigentlich kaum der Widerlegung wert sind.
Und weil diese Vorwürfe so schwach waren, hat er sie mit Völkerrechtsfragen verquickt, die damit nichts zu tun haben und in denen der bekannte Untersuchungsausschuß des Reichstages die Dölkerrechtslage auch zwischen Deutschland und Belgien im Kriege objektiv und umfassend bearbeitet hat. Der vom Zaun gebrochene Streit stört die Beziehungen zwischen beiden Ländern, die sich allmählich leidlich anlieHen, und auch zum Beispiel in der Angelegenheit der deutschen Markbestände in Belgien eine Einigung erwarten lieh. Wir verstehen den Streit recht, wenn wir ihn als einen Teil auch der französischen Propaganda und Arbeit gegen Deutschland nehmen, die so gern verhindern will, dah aus der nun vollständigen und bis ins letzte fertigen und bescheinigten Entwaffnung Deutschlands die schlechterdings nicht mehr zu umgehenden Folgerungen gezogen werden. Auch vergessen wir dabei nicht, dah Belgien und Frankreich miteinander nicht so einig sind, wie es scheint. Belgien will sich nicht in das neue französische Defestigungs- shstem hereinziehen lassen und will nicht eine wirtschaftliche Union, weil es zwischen England und Frankreich selbständig bleiben will. Es hat mit diesem Willen, die durch den Weltkrieg errungene Selbständigkeit und Unabhängigkeit auch gegen die Freunde zu wahren, durchaus recht, recht auch im Sinne des europäischen Friedens.
So ist diese Auseinandersetzung mit Deutschland nur eine Episode, peinlich und bezeichnend, jedoch nicht gefährlich für den Frieden. Anders aber sieht es aus im Südosten Europas. Zwar vollzog sich der Thronwechsel in Rumänien als Folge des Todes des Königs Ferdinands ohne Erschütterung. Bratianu hatte gut dafür gesorgt und in bezug auf die Regentschaft und das Parlament die Lage so gestaltet, wie sie ihm günstig erschien. Er ist heute zusammen mit der Königin, die von ihm abhängig bleibt, weil er Herr auch über die Dynastie ist, mit der Regentschaft und einer ergebenen Parlamentsmehrheit der Diktator des Landes, das er bis zur Großjährigkeit des fünfjährigen Thronfolgers beherrschen will. Was Rumänien wurde, wurde es durch einen Hohenzollern, den Oheim des eben dahingeschiedenen Königs. Auf rumänischem Boden ist diese Dynastie nicht besser geworden, — man denke an die Rolle, die der eigentliche Thronfolger Prinz Carol gespielt hat! Was Grohrumänien heute geworden ist, wurde es durch den Abfall von seinen Verbündeten, mit denen es ein volles Menschenalter verbunden war und die ihm Schrch und Stütze gegen Rußland gewährten. Ob seine territorialen Erwerbungen: Siebenbürgen, Bukowina und das sogar dem verbündeten Rußland abgerissene Bessarabien, ein Segen für das eigentliche Rumänien werden steht sehr dahin. Die Aufgaben, diese Teile miteinander zu verschmelzen, sind lange nicht gelöst. Run bringt dieser Zustand der Regierung eines fünfjährigen Königs, einer ehrgeizigen Königinwitwe, einer Regentschaft, einer reinen Parteiherrschaft gerade hier eine Unsicherheit in die Verhältnisse, der man nur mit Sorge zusehen kann. So ruhig sich der Thronwechsel vollzog, so sehr hat er die Gefahren- mvmente im Südosten Europas vermehrt!
Grell wie ein Blitz beleuchtete die Lage die Wiener Revolution vom 15. Juli. Woher sie kam, woran sie ausbrach, wer sie vorbereitete und förderte — das steht heute im einzelnen noch nicht fest. Ein Maß von revolutionärer Gärung, kommunistischer, linkssozialistischer oder rein banditenmäßiger Herkunft trat zutage, über das Europa erschrak. Tiber ist das eigentlich ein Wunder? Kann ein derartig verkrüppeltes armseliges Staatswesen mit Massen
Als Bismarck von uns ging.
Persönliche Erinnerungen aus dem Nachlaß von Hans B. Grube.
Am 30. Juli 1898, abends 11 Uhr, hatte der größte Deutsche des 19. Jahrhunderts die Augen sirr immer geschlossen, und noch in derselben Rächt verbreitete sich die Trauerbotschaft mit Windeseile durch Stadt und Land. Jeder spürte den schweren Schlag, den das ganze deutsche Volk durch den Verlust des Heimgegangenen Rattonalhelden erlitten, und tieferschüttert vernahm man die verhängnisvolle Nachricht.
In der Mitte der letzten Juliwoche brachte mir ein Telegramm die Nachricht von dem bevorstehenden Ende des Fürsten. Ich brach sofort meinen Ferienaufenthalt ab und reiste eilig nach Friedrichsruh. Als ich dort eintraf, erfuhr ich, daß es sich diesmal noch um eine Falschmeldung handelte. Aber das Befinden des Altreichskanzlers war doch derart, dah ich im Sachsenwalde blieb, um abzuwarten, ob es der kräftigen Natur des Fürsten noch einmal gelingen würde, sich aufzuraffen. Fast schien es sö, denn zur Ueberraschung aller seiner Hausgenossen erschien er am Spätnachmiittage des 28. Juli bei der Familientafel. Er nahm lebhaft an der Unterhaltung teil, trank etwas Champagner und rauchte nach Tisch zum ersten Male seit längerer Zeit wieder einige Pfeifen. Am Freitag blieb das bessere Befinden unverändert, auch noch am Samstagmorgen befand sich der Fürst wohl. Er las in den Zeitungen und sprach mit seiner Umgebung über Politik, besonders über russische. Er genoß im Laufe des Vormittags Speise und Trank und beklagte sich dabei scherzhaft über den geringen Zusatz von geistigen Getränken zu dem Wasser, das man ihm reichte. Dann trat plötzlich eine Verschlimmerung ein. Der Puls stockte wiederholt, und im Laufe des Nachmittags verlor der Fürst häufig das Bewußtsein. In den Abendstunden des Samstags nahmen die bedenklichen Erscheinungen zu Der Tod trat leicht und schmerzlos fast auf den Glockenschlag 11 Uhr abends ein. Geheimrat Schwenrn - ger, der erst kurz zuvor in Friedrichsruh em- getroffen war, konnte dem Sterbenden den Tod noch erleichtern. Er entfernte ihm mit einem Taschentuch den Schleim aus dem Munde und
33. Mittelrheinisches Kreisturnfest.
Erster Tag: Gedenkfeier und Begrühungsabend.
* Darmstadt, 29. Juli.
Das 3 3. Mittelrheinische Kreisturn - f e ft macht sich immer stärker im Straßenbilde Darmstadts bemerkbar. Die Hauptstraßen der Stadt prangen schon sett einigen Tagen im Fest- schmuck, aber fast von Stunde zu Stunde wird er reicher ausgestaltet. Die Inhaber der größeren Ge- chäftshäuser an der Rheinstraße wetteifern z. B. ärmlich in der Ausschmückung ihrer Häu- e r f r o n t e n. Vornehmlich werden als Festschmuck Girlanden und elektrische Glühbirnen verwendet. Die leidige Flaggenfrage tritt insofern kaum m die Erscheinung, weil in erster Linie Fahnen und Wimpel in den hessischen Farben rotweiß oder in den Farben der Stadt Darmstadt blau-weiß verwendet werden. Die staatlichen Gebäude zeigen schwarz-rot-gold und die hessischen Farben; auch sie sind mit Girlanden und Flaggen reich geschmückt, namentlich die den Luisen- platz einsäumenden Gebäude des Landtags, des Ministeriums des Innern (im Volksmund „Kanzlei" genannt), das Alte Palais, das heute im wesentlichen das Finanzministerium beherbergt, und die Reichs- poft. Hervorragend durch Schönheit des Materials und durch künstlerischen Geschmack ist die Umgestaltung des Ludwigs-Monuments zu einem' großartigen ornamentalen Gebilde, das weithin ins Auge fällt. Kurz gesagt, man kennt Darrn st adtnicht wieder, der Gesamteindruck, den die Innenstadt bietet, stimmt zur Festesfreude; hinzu kommt noch der überaus rege Verkehr. Der Zustrom der Fremden macht sich schon sehr stark im Straßenbild bemerkbar. Der F e st p l a tz , der ganz in der Nähe des Bahnhofs liegt, zeigt selbst in den stillen Tagesstunden schon einen regen Verkehr; daß die über 5000 Personen fassende Festhalle nicht ausreicht, um die Teilnehmer zu fassen, haben die bisherigen Veranstaltungen schon bewiesen, die vorwiegend von Darmstädtern besucht waren. Die Halle ist dabei so groß,
daß ein Redner kaum mit seiner Stimme durchzudringen vermag. Wer einen Sitzplatz erhalten will, muß sich schon etwa eine Stunde vor Beginn einer Veranstaltung einfinden. Daneben sind gleichzeitig die Gaststätten auf dem Dergnügungsplatz sehr stark besucht.
Weibab von dem lebhaften Verkehr sanden heute vormittag schlichte, aber höchst eindrucksvolle Gedenkfeiern an den Gräbern hervorragender Persönlichkeiten im Darmstädter Turnverein statt. Hm 10 Uhr versammelten sich die Turner im Friedhof an der Niederramstädter Straße. Im geschlossenen Zug, die Fahnen an der Spitze, begab man sich zum Grabe des unvergeßlichen Schmuck. Die Kapelle spielte das Niederländische Dankgebet, dann ergriff Komm.-Rat Schil l das Wort zur Weiherede für das Grabmal. „Heute, wo die Musik die Turner zum Einzug in Darmstadt und zum ftöhlichen Wettkampf ruft, zieht uns ein Herzensbedürfnis auf diesen Friedhof, der ein heiliger Boden ist für den Kreis und für die ganze Turnerschaft. Denn hier liegen Männer bestattet, die führend und Richtung gebend waren in jeder Hinsicht. Männer der Tumgemeinde waren es, und die Tumgemeinde kann stolz darauf fein, daß der Geist Jahns in ihren Reihen weiterlebt. Hier an Emanuel Schmucks Urne wollen wir es bezeugen: „Und 'die Treue, sie ist doch fein leyrer Wahn!" Weiter arbeiten wollen wir im Sinne des Unvergeßlichen! Und so übergeben wir dies Ehrenmal der Obhut der Geschwister Schmuck zum Zeichen, daß wir unseres Führers ewig gedenken. So lege ich diesen Eichenkranz nieder an deinem Grab und grüße dich, teurer Freund!" Im Namen der Deutschen Turnerschaft sprach Prof. Dr. Berger. Heißen Dank sagte er dem Freund, der allen ans Herz gewachsen. Ueberall, wo Turner wohnen, wird sein Andenken hochgehalten
dem
ten Johanna am Schneckenberge gegenüber Schlosse zur ewigen Ruhe beigefetzt.
erleichterte dadurch dem Fürsten das Atmen. Das letzte Wort, das der Fürst sprach, war an seine Tochter, die Gräfin Marie Rantzau, gerichtet, die ihm den Schweiß von der Stirne getrocknet hatte: „Danke, mein Kind!" An Bismarcks Sterbelager war die fürstliche Familie versammelt und außer den Aerzten, Geheimrat Schweninger und Dr. Chrysander, noch Baronin Merk.
In der Frühe des nächsten Tages, eines prachtvollen Sonntagmorgens, führte mich Schweninger an des Fürsten Totenlager. Der Fürst lag noch genau so da, wie im Augenblick seines Dahinscheidens. Da lag nun der gefällte Recke, schlicht und groß wie im Leben, so im Tode. — Rechts und links vom Sterbelager standen im Dienstanzug die die Ehrenwacht haltenden Förster.
Das äußere Bild Friedrichsruhs erschien auf den ersten Blick unverändert. Schloß und Park waren abgeschlossen für jedermann. Ausnahmen machte man nur, wo ein ausdrücklicher Befehl des Fürsten Herbert vorlag. Vor dem Parkeingang, wo sonst so viele dem Fürsten Bismarck bei seinen Ausfahrten zugejubelt hatten, standen auch heute viele Männer und Frauen aller Stände, denen die tiefe Erschütterung, über das Weh, das Alldeutschland mit dem Verlust seines größten Sohnes betroffen hatte, auf dem Antlitz geschrieben stand. Zahlreiche Vertreter großer deutscher und ausländischer Zeitungen waren auf der Postdiele mit der Abfassung und Aufgabe von Drahtnachrichten beschäftigt oder standen in halblaut geführter Hnterhallung auf der Landstraße vor dem Parktor in Gruppen beisammen. Diese Herren hatten einen schweren unfruchtbaren Dienst, denn es wurde niemandem Einlaß gewährt. Als die Freveltat der beiden Hamburger Photographen bekannt wurde, die die wachthabenden Forstbeamten bestochen und in der Nacht vom 30. auf den 31. Juli eine Blitzlichtaufnahme des toten Fürsten gemacht hatten, wurde die Absperrung des Bismarckschen Besihtumes noch strenger als zuvor.
Am Montag begann man mit der Ausstattung des Sterbezimmers. Das Totenzimmer war überaus einfach hergerichtet, wie es dem Sinne des Entschlafenen entsprach. Der Sarg stand ungefähr auf derselben Stelle, wo früher das Bett des Fürsten stand, in dem er seinen letzten
Der Kalenderturm,
Seit Jahrhunderten werden die Kirchtürme und Rathäuser mit großen Uhren versehen, um den Menschen von so hochragender Stelle aus die Zeit zu verkünden. Vielfach hat man seinen Stolz daran gesetzt, Kunstwerke zu schaffen, die nicht nur die Zeit, sondern auch die Mondphasen und dergleichen anzeigen, Glockenspiele in Be-
vvn arbeitslosen Arbeitern und abgebauten proletarischen Beamten etwas anderes sein als ein Herd des Bolschewismus? Die Moskauer Regierung selbst war erstaunt über diesen Ausbruch in ihrem Sinne und freute sich natürlich darüber. Die Unterdrückung der Revolte ist gelungen und die Gefahr einer Intervention von feiten Italiens etwa und der Tschechv-Slowakei ist vermieden. Was nun weiter wird, weiß niemand so recht, und wenn man sich auch beruhigt, ist damit die Krankheit nicht geheilt. Die Gefahr bleibt, die Gefahr neuer solcher Ausbrüche in Wien und der sehr begreiflichen Gefahr der Trennung dann der anderen Teile des Staates, die sich schlechterdings nicht von Sozialisten und Kommunisten in Wien beherrschen lassen wollen. Werden die Völkerbundsmächte, die Oesterreich schufen und Oesterreich angeblich „sanierten", sich besinnen, solange es noch Zeit ist? Nach Mitteln suchen, um zu verhindern, daß hier eine bolschewistische Gefahr über die Grenzen hinausflutet und mit dem Auseinandersprengen des kümmerlichen Staates erst recht eine große internationale Gefahr eintritt? Es sieht nicht danach aus, und der Wille, die Augen vor dieser Gefahr zu verschließen und vor den Mitteln, mit dem allein sie zu beheben ist, ist überall bei den Mächten, die den Frieden von St. Germain gemacht haben, schr groß.
Was hat nun die Anfchlutzf rage mit dieser Wiener Revolte zu tun? Liest man Herrn Sauerwein, so meint man, dah Deutschland darauf und daran sei, den Anschluß zu vollziehen, und mit allem Nachdruck heißt es dann, dah nur die französische Besatzung im Rheinland die Sicherung Frankreichs gegen solche Gefahr gäbe. Worin liegt denn eigentlich die Gefahr, wenn Oesterreich mit Deutschland verbunden würde, für Frankreich oder für Italien? Oder für die Tschechv-Slowakei? Wo läge die Sicherheit für Frankreich mit der Rheinlandsbesetzung, wenn ein solcher Anschluß irgendwie plötzlich ein träte? Das
sind doch hergeholte Gründe und Vorwände, aufgeblasen, um eine bestimmte Stimmung gegen Deutschland aufrechtzuerhalten.
Der Kriegsausgang hat den grohdeut- s ch e n Gedanken wieder möglich gemacht. Das Selbstbestimmungsrccht Deutsch-Oesterreichs weist nach Deutschland. Mit ganz geringen Ausnahmen will jedermann in Deutsch-Oesterreich die Verbindung mit dem Reich. Im Reich hat der grohdeutsche Gedanke gleichfalls die Herzen wieder ergriffen. Es war und ist so selbstverständlich, wie irgend möglich, dah vom reichsdeutschen Volke aus diese Verbindung wieder gewünscht wird, die in der Geschichte zerrissen war und ohne die die Donaudeutschen kulturell und seelisch verkümmern müssen. Dieses Staatswesen mit einer Zweiwillionenstadt und bäuerlichen Alpenrepubliken ist unmöglich, läht keinen Staatsgedanken aufkommen, muh zur politischen Korruption führen und kapselt zugleich ab von den großen Quellen des kulturellen Lebens im gemeinsamen Volkstum. Man wende nicht ein, dah die Schweiz doch auch nicht zu Deutschland gehöre und gleichwohl ein reiches deutsches kulturelles Leben habe! Das Unberechtigte eines solchen Vergleichs liegt auf der Hand. Doch niemand in Deutschland drängt nach dem Vollzug dieses Anschlusses oder wlll ihn herbeiführen mit Gewalt, die niemand hat. Jedermann weih, dah gegen den Willen Italiens und der Tschccho- Slowakei diese Verbindung nicht zu erzielen ist und ohne die Zustimmung des Völkerbundes erst recht nicht. Aber verboten ist, nebenbei und nachdrücklich gesagt, der Anschluß durch den Friedensvertrag nicht, in dem ausdrücklich (Qlrtilel'SO) gesagt ist, „dah Deutschland die Unabhängigkeit Oesterreichs als unabänderlich anerkenne, es sei denn, dah der Rat des Völkerbundes dieser Abänderung zustimme." Und wenn kürzlich in einer Zeitung der Rechten Argumente aus der Innenpolitik, durch geschichtliche Erinnerungen verbrämt, gegen eine Verbindung Oesterreichs mit dem
Atemzug getan. Koniferen, Buchsbaum und Lorbeer umschlossen das Kopfende des auf nicht sehr hohem Katafalk stehenden Sarges. Zwei kunstvolle zwölfarmige, silberne Leuchter standen am Ende des Sarkophages, zu Fühen zwei mächtige Altarkerzen. Unweit des Fuhendes des Sarges war ein winziger, mit schwarzem Stoff bekleideter Altar ausgestellt, auf dem eine alte, stark abgegriffene Bibel lag. Der durch die schwarze Tuchdrapierung nicht bedeckte Teil der hellgrauen, mit Oelfarbe gestrichenen Wände war noch mit dem beziehungsreichen Bilderschmuck bedeckt, mit dem sie der Fürst im Laufe der Jahre versehen hatte. Zwei Oelgemälde, die ihn und seine Johanna in jungen Jahren öarftellten, lugten nur zur unteren Hälfte aus dem schwarzen Behang hervor. Ebenso das dazwischen hängende Bild Kaiser Wilhelm 1. Darunter hingen Aquarelle, die Partten aus Schönhausen darstellten, wo Bismarck seine erste Kindheit verlebte. An der Schmalwand des Zimmers hing ein alter Plan von Hanau in Kupferstich und eine Lithographie, Hanau und dessen südliche Umgebung aus der Vogelperspektive.
Der Sarg trug vier Kränze, die die nächsten Angehörigen des Entschlafenen dort niedergelegt hatten. Auf die Nachricht vom Tode des Fürsten Bismarck hatte der Kaiser sofort erklärt, dah er den Dahingeschiedenen im Dom zu Berlin beizusetzen wünsche. Aber diesem Wunsche des Kaisers konnte nicht wlllfahrt werden, da Otto von Bismarck die Bestimmungen über seine letzte Ruhestätte selbst getroffen hatte. Der Sarg blieb in dem Sterbezimmer, wo er aufgebahrt war und erst im folgenden Frühjahr nach Erbauung der Grabkapelle wurden die irdischen Ueberreste des Fürsten zusammen mit denen seiner am 27. November 1894 in Varzin gestorbenen gelieb-
werden in herzlicher Erinnerung. Er ruhe in Frieden!
Vom X. Kreis übermittelte Amtsgerichts-Direktor Dr. Wohlfard Grüße dem verstorbenen Führer und Weggenossen, dem treuen Ekkehard der Süd- roeftmarf. Im Namen aller derer, die nicht antucicnb [ein konnten, dankte er dem Token, der sich als tfreunb in allen Nöten der Turnerschaft bewiesen hat. Sein Fest ist es, das wir heute feiern und seine Arbeit wollen wir sortftihren in herzlicher Dankbarkeit.
Nach einigen dankerfüllten Worten von Rechtsanwalt Kalbhenn zogen die Turner zum Grabe Reuters. Hier gedachte Kreisoertreter Pfeif- f e r des verstorbenen Führers und der Zeit, da Reuter die Leitung des Kreises in Händen hatte. Eines eisernen Charakters bedurfte es damals, sich durchzusetzen als Vertreter einer Sache, die vieler- orts unbeliebt war. Seine ungeheure Arbeit müssen wir uns vor Augen halten, wenn wir heute uns all' der technischen Kleinarbeit unterziehen müßten. Dank Dir für Deine Aufopferung! Dank und Liebe bis über das Grab hinaus! Schlaf wohl, stiller Schläfer. „Gut Heil!"
Mit schlichten grünen .Kränzen wurden Schmucks und Reuters Ruhestätten bedacht. Auch am Grabe von Spieß wurden Kränze niedergelegt. Turner Kalbhenn widmete Worte der Dankbarkeit dem Begründer des Schulturnens, dem unvergeßlichen Führer Adolf Spieß. Weiter leben soll diese Dankbarkeit in der Jugend bis in alle Zukunft. Im Namen des Mittelrheinkreises legte Turner Pfeiffer dann feinen Kranz nieder. „Nicht nur der Kranz ist das Zeichen der Erinnerung, Tausende und Abertausende von Kinderaugen leuchten auf, wenn sie deinen Spuren folgen. Vielleicht erst in später Zukunft werden die Früchte deiner Arbeit geerntet werden.
An Rothermels Grab widmete Turner Pfeiffer dem Verstorbenen einen Nachruf. Er
Reich, aufgeführt wurden — wer von den deutschen Anschlußfreunden hat sich denn diese Argumente nicht schon an den Schuhsohlen abgelaufen? Wer von den Anschlußfreunden, der sich die Mühe nimmt, in die ganze Kompliziertheit des österreichischen Problems einzudringen, meint denn, daß ein solcher Anschluß sich derartig mechanisch durch Formierung Oesterreichs zu einem deutschen „Land" im Sinne der Weimarer Verfassung oder einer preußischen oder bayerischen Provinz oder dergleichen vollziehen ließe? Wer nur etwas von der Geschichte weiß, der weih auch, wie zwar die Donaudeutschen mit den Deutschen im heutigen Reich von Urzeiten her durch Blut und Sprache und Geschichte verbunden sind, aber zugleich im 19. Jahrhundert im eigenen Staat eigene Wege gehen muhten, bis König- gräh die Trennung endgültig vollzog.
Wie auch der einzelne tm Reich zu diesem Problem stehen möge, nach unserer Ueherzeugung wächst es deutschem Volle zu. wir mögen wollen ober nicht. Aber gerade weil dem so ist, denkt kein politisch Verständiger daran, zu drängen, das Risiko einer internationalen Verwickelung herauszufordern, sondern wünscht jedermann, daß diele Anschlußfrage langsam reife tm großen Zusammenhang europäischer Hkmbhmgen, die dvch einmal sich vollziehen müssen. Aber das wünscht allerdings weder der Anschlußfreund noch bet Anschlußgegner in Deutschland, daß hier an unserer Reichsgrenze in unmittelbarer Nachbarschaft von uns ein Herd des Bolschewismus unter Feuer gehalten werde, aus dem jederzeit die Funken wieder und noch weiter aufspringen können, wie am 15. Juli. Unsere Sache ist es allein, warnen. Pflicht derer, die Oesterreich so geschaffen haben und die glaubten, ihm mit der Dölkerbunbsanleihe auf die Beine zu helfen aber ist es, hier auf den europäischen Frieden und seine Wahrung bedacht zu fein, ehe es zu spät ist!
toegung setzen und in früheren Zeiten mannigfache Figuren sich beim Glockenschlag bewegen ließen. Auf den Gedanken aber, das Kalenberdatum und den Wochentag, die doch auch so manchen interessieren, anzuzeigen, ist man bisher nicht gekommen. Einen Vorschlag dieser Art macht nun Ober-Regierungsrat Dock in her „Umschau". Er regt an, bas große Antriebsgewicht des Uhrwerkes, das bisher schamhaft im Innern des Turmes verborgen wurde, dazu zu benutzen, und zeigt, wie diese nützliche Nebenaufgabe ohne große Mehrkosten erreicht werben kann. Wenn man das Uhrgewicht aus dem Turm hervorholt und außen an einer • mittleren Führungsschiene herabgleiten läßt, so muß seine Größe derart gewählt werden, daß seine Fallhöhe innerhalb eines Monats etwas geringer ist, als die Höhe des Turmes unterhalb des Zifferblattes, so bah also nur einmal am Monatsende das Aufziehen nötig ist. Haben wir z. D. einen Turm, der unter dem Uhrwerk noch eine Länge von 35 Meter hat, so kann das Gewicht in 24 Stunden einen Fallweg von etwa 1 Meter zurücklegen. Man teilt bann die Turmfläche neben der Führungsschiene in 31 Abschnitte von je 1 Meter Höhe und setzt in jeden Raum eine Tageszähl. Das Uhrgewicht gibt dann durch seine Stellung an, welchen Tag wir im Monat haben. Hot ein Monat weniger als 31 Tage, so wird die Uhr eben einen Tag früher auf gezogen. Will man nicht nur bas Datum, fonbern auch ben Wochentag anzeigen, so braucht man nur bas Gewicht dementsprechend auszubilden. Man nimmt einen Kasten, dessen Vorderfläche nur zur Hälfte abgedeckt ist und der sechs dünne hintereinanderliegende Blechtafeln mit den Namen der sechs Wochentage enthält. Diese Tafeln werden abwechselnd in ben freien Kastenausschnitt herabgelassen, und zuletzt erscheint dec Name des siebenten Wochentages auf der Hinteren Kastenfläche. Das Heben und Senken der Blechtafeln kann automatisch in derselben Weise erfolgen, wie es bei den Fahrtrichtungs-Anzeigern auf den Bahnsteigen her großen Bahnhöfe der Fall ist. Der „Kalendertum" gibt uns bann nicht nur die Zeit an, sondern em Blick nach ihm unterrichtet uns auch über das Datum und ben Wochentag, ben wir gerade haben.


