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Nr. 176 (Elftes blatt

177. Jahrgang

Samstag, 30. Juli (927

Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags.

Beilagen:

Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

DTonat$»Be3ngsprei$: 2 Reichsmark und 20 Reichspfennig für Träger, lohn, auch bei Richter» scheinen einzelner Nummern infolge höherer Gewalt. Fernsprechanschlüsse: 51, 54 und 112.

Anschrift für Drahtnach­richten: Anzeiger Gießen.

franf&rtamCmXii68s. vnick und Verlag: vnihl'sche Universitäts-Buch- und Lteindruckerei K Lanze in Liehen. Schriflleitung und Geschäftsstelle: Zchulstrahe 7.

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.

Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re- klamean->eigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrist 20° , mehr.

Chefredakteur

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An» zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen.

Deutsche wirtschastsaussichten.

Dicht ungünstig Im Vergleich zu den Vorjahren scheint das Bild der deutschen Wirtschaft um die Jahresmitte 1927 zu sein. Mit Erleichterung sieht man, rote die Arbeitslosen - Ziffern von bei­nahe 2 Millionen am 1. Februar 1927 auf rund 0,75 Millionen zurückgegangen sind. Die Pro­duktion aller Wirtschaftszweige zeigt für die erste Jahreshälfte steigende Zahlen; im Bergbau wird die Vorkriegs-Förderung sowohl absolut wie im arbeitstäglichen Durchschnitt nicht nur er­reicht, sondern sogar übertroffen, ungeachtet der starken Vermehrung der Braunkohlen-Förderung. Auch die Eisen- und Stahl-Industrie weist Re- kord-Zisfern aus. Die Güter-Zirkulation und der Verbrauch haben zugenommen, wie sich an ver- schiedenen Zahlenreihen zeigt.

Allerdings ist mit der allgemeinen Konjunktur- Kurve auch die der Preise nach oben gerichtet gewesen. Die gesamte Großhandels-Indexziffer, die im Jahresdurchschnitt 1926 134,4 betragen hatte, erhöhte sich bis zum Juni 1927 auf 137,9, während der Lebenshaltungskosten-Index von 144.3 im Dez. 1926 auf 147.7 im Juni hinaufging. In etwas stärkerem Maße stiegen die Löhne, so daß der Durchschnittswochenlohn eines gelernten Ar­beiters im Juni 49,15 Mark (139,1 Prozent von 1913), der eines ungelernten Arbeiters 36,65 Mark (155,9 Prozent von 1913) erreichte.

Die Belebung der Wirtschaft und ihre daraus resultierenden höheren Kreditansprüche läßt die Gestaltung des Geldmarktes, dessen Lage im Vor­jahr durch eine außerordentliche Geldflüssigkeit gekennzeichnet war, erkennen. Im Laufe des Jah­res 1927 trat eine völlige Umkehrung dieser Lage ein, wie die Steigerung der Zinssätze zeigt. Be­sonders syinptomatisch hierfür ist die E r h ö h u n g des Deichsbank-Diskontes, der am 11. Januar auf 5 Prozent gesenkt worden war, aus wieder 6 Prozent am 10. Juni. Veranlassung hierzu gab die Veränderung in den Kapitalan­lagen der Deichsbank. Ihr Wechselbestand er­reichte trotz Abnahme der Valutawechsel am 30. Juni beinahe zweieinhalb Milliarden Mark gegen 1,8 Milliarden am 31. Dezember 1926, während der Doten-Umlauf auf über 3,8 Milliarden Mark gestiegen war, so daß sich wegen gleichze.tiger leich­ter Verminderung des Gold-, aber sehr starker des Deckungs-Devisenbestandes das Deckungsverhält­nis für die umlaufenden Doten, für Gold und Devisen zusammen, von 62,9 Prozent auf 49 Proz. verschlechterete. Bei Berücksichtigung der Renten­bankscheine ergibt sich für die Jahresmitte sogar nur eine Deckung des gesamten Dotenumlaufes von 38,7 Prozent gegen 48 Prvz. 1926.

Entscheidend für die Entwicklung war die Ge­staltung des Außenhandels, die nur auf der einen Seite, nämlich in bezug auf die Einfuhr, der allgemeinen Konjunktur gefolgt ist, während die Ausfuhr stagniert bzw. sogar einen Rück­gang aufweist, nämlich von 815,2 Mill. Mark im Monatsdurchschnitt 1926 auf 796 Mill. Mark im ersten Halbjahr 1927. Insbesondere ist bei dem wichtigsten Exportposten, den Fertigwaren, bei welchen sich im Vorjahre eine günstige Entwick­lung anzubahnen schien, kaum eine Veränderung festzustellen. 3m Monats-Durchschnitt 1926 hatte die Ausfuhr hieran 580,4 Mill. Mark betragen; im ersten Halbjahr 1927 waren es 580,5 Mill. Mark, d. h. genau soviel wie die Einfuhr von Rohstoffen und halbfertigen Waren in dem glei-° chen Zeitraum ausmachte, die 1926 monatsdurch­schnittlich nur 412,3 Mill. Mark erreicht hatte, 1927 also um mehr als 40 Prozent gestiegen ist. Dagegen bleibt die Ausfuhr der Rohstoffe und Halbfabrikate mit 184 Mill. Mark im Durchschnitt hinter dem Vorjahre mit 194,3 Mill. Mark zurück. Auch bei den Lebensmitteln weist die Einfuhr mit einem Monats-Durchschnitt von 346 Mill. Mark gegenüber dem Vorjahre mit 297,6 Mill. Mark eine stattliche Erhöhung auf. Auf der gan­zen Linie sehen wir also bei der Einfuhr steigende Zahlen, bei der Ausfuhr sinkende, so daß sich für das erste Halbjahr 1927 ein Einfuhrüberschuß von beinahe 2 Milliarden Mark ergibt, der selbst unter Zugrundelung berichtigter Zahlen des Sta­tistischen Reichsamtes auf eindreiviertel Milliarden Mark veranschlagt werden kann und damit durch­schnittlich größer ist als die Passiv-Salden unseres Außenhandels in den Jahren 1924 und 1925.

Diese ungünstige Außenhandelsbilanz bildet die Schattenseite der sonst in fo vieler Beziehung relativ günstig anmutenden Lage der deutschen Wirtschaft.

An' sich würde eine passive Handelsbilanz noch nicht allzuviel besagen, wenn nur die Zah­lungsbilanz aktiv sein würde, wie sie es vor dem Kriege für Deutschland war. Heute können wir unseren Einfuhrbedarf nicht mehr aus den Erträgnissen unserer Ausland-Anlagen finanzieren, sondern sind auf andere Quellen angewiesen, wie sie uns im Vorjahre nicht nur durch den kleinen Ausfuhr-U eberschuß, son­dern vor allem durch Auslandkredite in so gro­ßem Umfange zur Verfügung standen, daß die Reichsbank ihren Goldbestand und ihr Devisen­polster erheblich verstärken konnte. Die Umkeh­rung der Handelsbilanz hat jedoch im Jahre 1927 eine entgegengesetzte Entwicklung herbeige- führt, so daß die Reichsbank im 1. Halbjahr einen Gesamtverlust von Gold und Devisen von rund 900 Mill. Mk. zu verzeichnen haben durfte. Zur Bezahlung des Restes der überschüssigen Einfuhr mußten andere Mittel dienen, vor altem wieder Auslandkredite, die, nach anfäng­licher Stagnation in den ersten Monaten, neuer­dings wieder in größerem Umfange herbeizu­strömen scheinen.

Allerdings bestehen gegen eine unbegrenzte Kapital-Hergabe des Auslandes verschiedene D e-

viechundM-Zahrseier der lilarburger Universität.

Der erste Festtag.

Sonderbericht desGießener Anzeigers".

sch. Marburg, 29. Juli. Endlich ist sie angebrochen, die Vierhundertjahrfeier, das mit Sehnsucht erwartete, das mit ungeheuren Kosten vorbereitete Fest. Die Sonne lacht vom blauen Himmel herunter und freut sich des bunten Getümmels in den von Flaggen und Wimpeln wogenden, mit Girlanden und Blumenschmuck überladenen Straßen, in die sich aus den ständig einlaufenden Zügen flutende Mengen fest­licher Besucher ergießen, die widerhal­len von Tritten Unzähliger, widerhallen von dumpfem Paukenschlag, schmetterndem Trompeten­ton und hellem Hörnerklang.

Um 16 Uhr versammelten sich die F e st - teilnehmer aus dem Stadion, wo sportliche Veranstaltungen von der Studentenschaft geboten wurden. Schätzungsweise hatten sich 2000 Gäste eingefunden. Pünktlich be­gannen die 250 Studenten und 80 Studentinnen mit einem Umzug im Laufschritt um das Sta­dion. Dann folgten über den ganzen Platz ver­teilt eine Reihe von Einzett arbietungen, die einen Einblick in die Fülle studenti­scher Leibesübungen gewährten. Den Höhepunkt und den Abschluß bildete die 10- mal-100-m°Staffel, ousgesührt von der ersten und zweiten Mannschaft des Akademischen Turnverbandes, der kombinierten Mannschaft der Turnerschaften und Burschenschaften, des Stö« Jener Verbandes. Die erste Mannschaft des Aka­demischen Tumverbandes ging mit l,56'/s Sek. als Sieger, die kombinierte Mannschaft mit 1,59,9 Sek. als zweiter Sieger hervor.

Das Ehrendenkmal für die Gefallenen.

Im Anschluß an die sportlichen Veranstal­tungen sand die Enthüllung des Ehren­mals für die 587 im Weltkriege gefalle­nen Dozenten und Studenten der Marburger P h i l i p p su n i ve r s i t statt, zu der nur die Studenten, die Angehörigen der gefallenen Studenten und die Ehrengäste zugelassen waren; doch in unübersehbarer Menge flauten sich die übrigen Gäste unb die Mar­burger Bürgerschaft in den vom Rudolphsplatz achzweigenden Straßen. Mit klingendem Spiel nahm eine Abteilung des hiesigen Reichswehr- bataillvns und die Studentenschaft vor dem Denkmal Aufstellung. Die Militärkapelle nahm auf der Freitreppe der Universität Platz. Unter den Klängen des Händelschen Trauermarsches zogen die Dozenten der Universität unter Füh­rung seiner Magnifizenz, des derzeitigen Rek­tors der Universität, Geheimrat Pros. Dr. Busch, sowie die Chargierten der studentischen Korporationen in vollem Wichs mit eingeroll­ten Fahnen auf. In der Luft herrschte Gewitter­stimmung, drückende Schwüle legte sich auf den Denkmalsplah. Die Sonne hatte sich wie trauernd hinter einer finsteren Wolkenwand ver­borgen. Das tiefe und doch so beredte Schweigen brach der Sprecher der Studentenschaft, stud. jur. Otto Stallmann, der das Rednerpult be­treten hatte:Eine feierlichem st eStunde ist es, zu der wir zu Beginn der 400jährigen Jubelfeier unserer alma mater philippina ver­eint sind, um der Marburger Studenten und Dozenten zu gedenken, die im Weltkriege ihr Leben geopfert haben für die Ehre und Freiheit des deutschen Vaterlandes getreu dem alten Römerspruch: dulce et decorum est, pro patria mori. In furchtbarem Kampf brach die deutsche Front vor der Uebermacht der Feinde zusammen. Einem grausamen Kriege folgten Irrungen und Wirren, und fast vernich­tet lag Deutschland am Boden. Doch allmählich kam das Besinnen auf die deutsche Verantwortung zurück und heute sind alle Kräfte darauf gerichtet, ein neues starkes Deutschland zu schaffen. In diesem rastlosen Streben wollen und öürfen wir nicht vergessen, daß wir denen Dank schulden, die im großen Völkerringen für uns gestorben sind. Zu diesem Zwecke ist dieses hehre Denkmal errichtet mit dem Standbild des Löwen, als Symbol deut­

schen Stolzes unb deutscher Kraft, beim für uns sind fie gestorben. Wenn es über­haupt einen Sinn In der Weltgeschichte gibt, dann können die Opfer nicht umsonst ge­bracht fein. Uns aber liegt die Pflicht ob, für das zu leben, wofür sie starben: für des Deutschen Vaterlandes Ehre und Freiheit. In diesem Sinne soll das Denkmal geweiht sein, als ein Zeichen unvergänglichen Dankes und zugleich als eine dauernde Mahnun g." Der Vorsitzende des Denkmalsausschusses, Prof. Dr. Erich Jung übergab das Denkmal dem Oberbürgermeister ter Stadt Marburg mit folgenden Worten:587 Gefallene ist eine erschütternd hohe Z a h l. Dieses Denkmal, unmittelbar vor der Universität, soll im Geben und Verkehr stehen und die Lebenden immer an den Opfer tob der 587 gefallenen Marburger Studenten erinnern.

Danach wurde unter dem gemeinsamen Gesang Ick) hatt einen Kameraden" das Denkmal enthüllt. U. a. wurden Kränze ntebcrgelegt von Kultusminister Dr. Becker. Reichsminister H e r g t, Oberpräsident Dr. Schwander, Ge­neral Reinhardt und Generaloberst v. S ch u - b e r t. Draus übernahm Oberbürgermeister Müller, mit dem Gelöbnis, daß die Marbur­ger Bürger in Erinnerung an die Toten ihre Pflicht dem Vaterland gegenüber jederzeit er­füllen werden, das Denkmal in ben Schuh der Stadt Marburg. Rach einem Schlußwort des Rektors der Universität, Geheimrat Pros. Dr. Busch, und dem gemeinsamen GesangIch hab mich ergeben", fand die stimmungsvolle Feier ihren Abschluß.

Ein Begrüßungsabend.

Im Anschluß an die Enthüllung des Ge­fallendenkmals fand bann vor geladenen Gästen die Einweihung der zum Jubiläum gestifteten Wohnheime, des Carl- Dulsberg-Hauses und des For st Hofes statt. Am Abend versammelten sich die Festteil* nehmer zu einem Begrüß ungsabend ;n der großen Festhalle auf dem Käiirpfrasen. wäh­rend die Studentenschaft am Bahnhof zu einem Fackelzug antrat, der sich unter Vorantr tt der Chargierten durch die Straßen der Stadt zur Festwiese bewegte. Die Stadt glich am Abend einem Flammenmeer. Sämtliche Häuser waren überreich illuminiert; die gesamte Dürgerchaft brachte so in beredter Weise ihr i n n i g e s V e r - bundenseinmit der Philippsunivcr- s i t ä t zum Ausdruck.

So endete der erste Tag der Jubelseier, die am Sonntag ihren Höhepunkt erreichen dürste mit dem historischen Festzug und dem Volksfest auf dem Schloß.

Rektor und Kurator der Philipjüna Ehrenbürger von Marburg.

II Marburg, 29. Juli. Aus Anlaß des 400= jährigen Universitätsjubiläums ernannte die Stadt Marburg den Kurator der Philipps- Universität, Herrn Geh. Oberregierungsrat Dr. jur. Dr. med. h. c. Ernst v. Hülsen, sowie deren Rektor, Geh. Reg.-Rat Pros. Dr. Wilhelm Busch, zu Ehrenbürgern der Stadt Marburg.

Die Wahrheit über Orchies

Die deutschen Dokumente über die Greueitaten

Berlin. 30. Juli. (WB.) Das urkund- siche Material über die Vorgänge in Or­chies im September 1914. auf das sich die vor­gestrige Wolffmelbung zur Widerlegung der Re de Poincares vom letzten Sonntag stützte, wirb in ben heutigen Morgenblättern teilweise in vollem Wortlaut veröffentlicht. Es handelt sich um fünf Urkunden, die die deutsche Darstellung durch zahlreiche erschütternde Einzelheiten ergän­zen und im Gegensatz zu ben gestern von Havas verbreiteten Schriftstücken eine lückenlose Darstellung ber Vorgänge geben, die schließ­lich zur Zerstörung von Orchies führten.

Bei dem ersten Dokument handelt es sich um einen Auszug aus dem dienstlichen

Bericht des Freiherrn von Slolftngen, Führers der bei den Vorgängen beteiligten Abteilung der Freiwilligen Krankenpflege, vom 26. Sep­tember 1914.

Nach diesem Bericht erhielt die Kolonne, zu der die Abteilung des Berichterstatters gehörte, am 23. Sep­tember ungefähr einen Kilometer von Orchies ent­fernt plötzlich Feuer. Der Führer der Kolonne, Ober­stabsarzt Morgenrot, gab darauf Befehl, um­zukehren. Zur Deckung des Rückzuges nahmen mit Karabiner beroaffnte militärische Transportmann­schaften und Ehausfeure das Feuer auf. In dem Be­richt wird ausdrücklich feftgefteUt, daß die Sanitäter nur mit Seitengewehren bewaffnet waren. Die An­greifer, teils uniformierte Franzosen, teils Franktireurs, feien zahlreich gewesen. Von sieben Krankentransportautos feien vier zurück­gekommen; bei der Rückkehr hätten sieben Sani­täter und der Oberarzt Lichtenberger, der zweite Führer der Kolonne, gefehlt. Die am 24. September nach Orchies entsandte Kompagnie des 35. Landwehrregiments habe nichts ermitteln können, da sie an der Ueberfallstelle auf ft a r k e feindliche Abteilungen gestoßen fei und schwere Verluste erlitten habe. Am 25. September fei dann das bayerische Festungs-Pionier-Bataillon Ingolstadt nach Orchies entsandt worden. Der Be­richterstatter, der sich dem Bataillon angeschlossen hatte, stellte fest, daß die sorgfältigsten Absuchungen der Umgegend nach den Vermißten und ihrer Aus­rüstung o ö 11 i 0 ergebnislos blieben. Auch von Gräbern habe pian keine Spur gefunden. Nach­fragen bei Einwohnern von Orchies und einem dort

in Orchies.

gefundenen deutschen Verwundeten vom 24. Sep­tember feien ergebnislos geblieben. Auch von den drei fehlenden Autos sei keine Spur zu ent­decken gewesen.

Das zweite Dokument enthält in wöttlicher lieber» setzung den

Bericht des ftanzösischen Krankenpflegers und Geistlichen 3. Laudon vom 26. September 1914.

Caudon stellt einleitend fest, daß er die volle Wahrheit sage und gibt dann eine eingehende Schilderung feiner Erlebnisse. Danach sei dem Komitee vom Roten Kreuz in Lille am 25. Sep­tember gemeldet worden, bah in Orchies infolge des Kampfes vom Tage zuvor hilflose Ver- wunbete unb auf ben Felbern vielleicht noch unbegrabene Toten seien, und daß die Verwun­deten mit Rahrung versehen werden müßten. Er habe sich darauf mit Kameraden unter Mit­nahme von Lebensmitteln unb ärztlichem Tedarf aus den Weg gemacht. An der Eisenbahnlinie habe man drei Leichen gefunden An ihnen habe er zum ersten Male mit Bedauern die törichten zwecklosen Grausamkeiten fest- gestellt, die an ben Toten zu bemerken waren. Die Unglücklichen seien ganz ausgeraubt worben, sogar bie Strümpfe habe man ihnen genommen. Die Papiere unb Erkennungsmarken habe bie städtische Behörde morgens an fid) ge­nommen; sie habe auch angeordnet mit der Be­erdigung ber Toten zu beginnen. Caudon schil­dert dann das Einrücken ber deutschen Truppen. Er stellt weiter fest, daß der Kom­mandant befohlen habe, beim Abbrennen der Stabt zur Strafe für die begangenen Verbrechen die Kirche zu schonen. Später sei er vor ben Kommandanten gekommen, ber ihm seine 6 m» pörung über bie begangenen Ge - toalttaten aussprach unb ihm abgeschnittene Finger, zerstörte und ausgerissene Augen zeigte. Er Caudon habe dem Kommandanten sein Bedauern ausgesprochen. Caudon erklärt bann wörtlich weiter:

..Wem sind diese Toten zuzusä, reiben? Dreierlei kann ich mit Bestimmtheit sagen:

1. Unter unseren Truppen waren T u r k o s, und man weiß, wieviele Mühe es unseren Offi­zieren oft macht, diese afrikanischen Truppen von Unmenschlichkeiten und Unvorsichtigkeiten abzu-

denken währungspolitischer und auch anberer Art. in ben Vorjahren konnte sie gerechtfertigt werden mit der Rotwendigkeit, ber deutschen Wirtschaft Betriebskapital zur Verfügung zu stellen unb bie Rohstoff-Dorräte aufzufMen. Das ist im großen Umfange geschehen. Sowohl in Form von Gold und Devisen als auch gleich­zeitig unb später noch mehr in Gestalt einer; Waren-Einfuhr vollzog sich die ilebertragung der Deutschland eingeräumten Kredite, bie notwen- big zu ber starken Passivität ber Handelsbilanz der Jahre 1924 unb 1925 führen mußte. Wenn damals schon Bedenken gegen diesen reichlichen Kapitalstrom auftauchten, so konnte auf die erwähnten wirtschaftlichen Rotwendigkeiten hin­gewiesen werden, sowie darauf, daß die deutsche Wirtschaft durch bie Ermöglichung von Ratio­nalisierungs-Maßnahmen unb Produktivitäts- Verbesserungen in den Stand gesetzt werde, in größerem Ausmaße zu exportieren und durch bie hierbei erzielten Ueberschüsse sowohl die Auslandschuld zu amortisieren, wie auch den Deutschland auferlegten Reparationsverpflich­tungen zu genügen. Die hieraus gesetzten Hoff­

nungen haben sich jedoch bisher als trügerifd) erwiesen. Wie oben dar gelegt, stagniert die deutsche Waren-Ausfuhr, nach einem bescheide­nen Aufschwung im Jahre 1926, völlig, während die Einsuhr, nach einem Rückgang zu Anfang 1926, immer noch recht hohe Ziffern und bisher in diesem Jahre eine steigende Tendenz zeigt. Sowohl unser dauernd starker Einfuhrbedarf an Lebensmitteln und Rohstoffen wie bie Ver­zinsung unb Amortisierung ber Auslandschulb unb bte Reparationszahlungen erheischen aber bringend eine Exportsteigerung.

Letzten Endes wird hiervon auch bie Krebit- bereitschast des Auslandes abhängig fein. Cs ist ein Beweis für die hohe Einschätzung von Deutsch­lands Leistungsfähigkeit, daß ihm bisher vom Auslande in derartig großem Umfange Kredite zur Verfügung gestellt worden sind. Dennoch muß im Hinblick auf die schon bestehende Ver­schuldung unb bie kommende Erhöhung der Re­parationsverpflichtungen immerhin mit ber Mög­lichkeit eines Rachlassens ber auslänbischen Kre- ditbereitschaft gerechnet werben, aber auch damit, daß andere Gründe zu einer Einschränkung des

Kapital-Zuflusses aus dem Auslande nötigen, dessen Ventile soeben erst wieder geöffnet iv r- den sind.

Unter diesen Umständen, wegen der Ab­hängigkeit von zuviel unbekannten Faktoren, u. a. auch dem Ernteausfall, ist eine Konjunk­tur-Prognose kaum möglich. Das Kredit- Vermögen und die Kreditwilligkeit des Auslan- - des werden wesentlich für weitere Entwicklung bestimmend sein, entscheidend aber die Art, in welcher wir selbst die und zur Verfügung stehen­den Kapitalien verwenden unb unseren Export heben. Erst in weiterer Folge kann sich zeigen, ob der Konjunktur-Zyklus, ber nach den letzt- jährigen Erfahrungen erheblich kurzfristiger als vor dem Kriege geworden zu sein fdjeint, wo die Konjunktur durch Jahre hindurch breit an* stieg, sich wieder den aus Friedenszeiten ge­wohnten Verhältnissen annähert ober ob wis auch fernerhin noch aus Gründen mangelndes Elastizität unseres Kapitalmarktes mit kurzwelli­gen Konjunkturperioden zu rechnen haben.