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Nr. 201 Erstes Blatt

irr. Jahrgang

Montag, 29. August,92r

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Sietzeim Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange: für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein: für den An­zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen.

Mißtrauen oder Verständigung?

Sehr zur rechten Feit, also unmittelbar vor Beginn der Dölkerbundtagung in Genf, hat Lord Robert Cecil dem britischen Kabinett und besonders dem britischen Außenminister Sir Austen Chamberlain seinen R ü ck t r i t t von dem Posten als Vertreter Englands beim Völkerbund angekündigt, weil er mit der ganzen Politik Englands in der letzten Zeit keineswegs einverstanden ist. Dieser auffallende Schritt Lord Roberts ist eine ernste Mahnung für die britische Regierung, insbesondere für Chamberlain, eine festere Haltung gegen diejenigen einzunehmen, die ganz in französischem Fahrwasser segeln. Lord Robert Cecil hat England bei sämtlichen Ta­gungen des Völkerbundes amtlich vertreten, wenn sich auch Chamberlain die Vertretung bei den Ratssitzungen Vorbehalten hatte.

Di^ Lord Robert nahestehenden englischen Blätter geben zur Begründung des Rücktritts an, daß er unzufrieden sei, einmal mit der Haf­tung der englischen Regierung in der allgemeinen Abrüstungskonferenz, zweitens mit der Haltung Englands in der aufgeflogenen See» a b stungskonferenz und drittens mit der Haltung Englands i n der Rheinlandfrage. Ein starker Zwiespalt in der englischen Politik in allen drei Fragen ist häufig zutage getreten. 3n der Seeabrüstungskonferenz z. B. sah Lord Robert Cecil als Vertreter der südafrikanischen Union zusammen mit den englischen Admiralen, und es offenbarte sich sehr bald, daß die gar nicht entgegenkommende Haltung Englands in der Kreuzerfrage den Vereinigten Staaten von Amerika gegenüber kein größtes Mißfallen her­vorrief. Dasselbe gilt für die Verhandlungen in der allgemeinen Abrüstungskonferenz, in der England zwar in bezug auf die Landabrüstung gegen Frankreich auftrat, im übrigen aber die typisch englische Auffassung über die englische Vorherrschaft zur See bei jeder Gelegenheit in den Vordergrund schob. Roch viel undurchsichtiger und unklarer ist von jeher die englische Politik in bezug auf die Räumung des Rheinlandes ge­wesen. In diesem Zusammenhang verdient eine Aeußerung besondere Beachtung, die Cham­berlain vor kurzem in der Öffentlichkeit ge­tan hat. Er hob als besondere englischen Cha­rakterzug hervor, daß sich England nie von grundsätzlichen oder theoretischen Erwägungen leiten lasse, sondern stets nur von Fall zu Fall nach der jeweiligen Sach­lage entscheide. Mit diesem Satz hat Chamberlain wenigsteirs die Politik, die er stets befolgt hat, sehr zutreffend gekennzeichnet. Mit solchen Grund­sätzen oder vielmehr mit einem solchen Mangel an Grundsätzen kann man ungefähr alles rechtfertigen, was man tut, auch wenn es in schroffem Widerspruch zu dem stehl, was man noch vor kurzem gesagt hat. Chamberlain hat wiederholt versichert, daß er die Räumung des Rheinlandes als den richtigen Ausfluß der Poli­tik von Locarno betrachte. Dabei hat er den fran­zösischen Wünschen nach Beibehaltung der Be­satzung im Rheinland regelmäßig nachgegeben und ihnen auch bei der Behandlung der Frage, ob und inwieweit die Truppen im besetzten Ge­biet ihrer Stärke nach vermindert werden soll­ten, jetzt wieder nur sehr geringe Widerstands­kraft entgegengesetzt. Es ist kein Wunder, datß ein überzeugungstreuer und charaktervoller Mann wie Lord Robert Cecil eine solche Politik des ewigen Schwankens nicht länger mit» machen will, weil er klar erkennt, daß dadurch nicht die Verständigung der Völker gefördert, sondern nur von neuem Mißtrauen hervor­gebracht wird.

Die Atmosphäre des Mißtrauens wird gleich­zeitig hervorgerufen und vermehrt durch Vorgänge, wie die auf der Tagung der Interparlamen­tarischen Union in Paris. Es ist ein gerade­zu beschämendes Schauspiel, das dort der franzö­sische Senator de Iouvenel zusammen mit einem belgischen Vertreter der Welt geliefert hat. Wie oft und wie nachdrücklich ist nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich und England und an­derwärts betont worden, durch die Verträge von Locarno und durch die englisch-italie­nische Garantie sei die Sich >xr heit Frankreichs oollständig gewährleistet. Ein Locarno des O st e n s ist nicht nur von Deutsch­land, sondern auch von England abgelehnt worden, nachdem ein Schiedsgerichtsvertrag zwischen Deutschland und Polen abgeschlossen worden ist. Da­mit ist auch Polen gegen einen Angriff Deutsch­lands gesichert, und es ist der Gipfel der Unauf­richtigkeit, wenn jetzt plötzlich ein Franzose von der Bedeutung de Jouvenels mit der Behauptung her­vortritt, die Besatzungsarmee im Rheinland bedinge allein die Sicherheit Polens. Wenn es also nach ihm geht, mühte das Rheinland bis zum jüngsten Tage besetzt bleiben, auch über das Jahr 1935 hinaus, trotz aller gegenteiligen Der- tragsverpflichtungen. Roch schlimmer ist die Tat­sache, daß Herr de Iouvenel, nicht irgendein be­liebiger Politiker ist, sondern daß er bis jetzt Ver­treter Frankreichs im Völkerbund war, also mit allen einschlägigen Fragen und Verhandlungen aufs engste vertraut fein muß. Wenn ein Mann in solcher Stellung imstande ist, so vollständig den Sinn der Politik von Locarno zu verkennen, dann möchte man allerdings zweifeln, daß sich diese Politik je in Frankreich so durchsetzen werde, wie es im Inter­esse der Verständigung beider Völker und damit des europäischen Friedens wünschenswert ist.

Neuer Flug über den Atlantik.

gwei Amerikaner auf einem Flug um die Welt. - Don Amerika nach England in 24 Stunden.

Harbour Grace, 27. Aug. (Wolff.) Wil- liam Brock und Edward Schlee, die von Old Orchard auf dem EindeckerStolz von Detroit" einen Flug um die Welt angetreten haben, sind heute hier zu ihrem transatlan­tischen Flug gestartet.

Begeisterter Empfang in England.

London, 28. Aug. (Wolff.) Die Piloten Brock und Schlee, die mit ihrem Flugzeug Stolz von Detroit" gestern früh 5.14 Ahr ame­rikanischer Zeit zu dem Transozeanflug gestartet waren, sind heute vormittag 10.33 Uhr in Croh- don gelandet, haben also die e r st e E t a p p e ihres Weltfluges in etwa 24 Stun­den zurückgelegt. Der gelbe Eindecker nä­herte sich dem Flugplatz bei schönstem Sonnen­schein mit großer Schnelligkeit und landete voll­kommen glatt unter den Beifallsrufen einer viel- hundertköpfigen Menge. Die Flieger wurden bei ihrer Landung von Vertretern der Behörden bewillkommnet und fuhren dann sofort im Auto nach London. Sie erklärten, sie hätten eine glänzende Ueberfahrt gehabt, fühlten sich aber trotzdem ermüdet.

Das FlugzeugStolz von Detroit" hat P l y- m v u t h heute um 6 Uhr morgens überflogen.

Was der Pilot erzählt.

London, 28. Aug. (WTB.) Der Pilot Schlee erklärte in einem Interview, das Flug­zeugStolz von Detroit" hätte drei Stunden lang die Orientierung verloren, als es in einer Höhe von 5000 Fuß über dicken Wolken über die Grafschaft Devon flog. Zuerst hätten die Flieger geglaubt, sie wären über Irland. Da aber die Küste anders aussah, seien sie auf 200 Fuß her» abgegangen, lieber einer Ortschaft hätten sie einen Zettel niederfallen lassen mit der Frage, wo sie sich befänden. Jemand habe in dicken Buchstaben mit Kreide auf den Boden geschrieben: Seaton, Grafschaft Devon, und die Küstenwache habe die Nationalflagge gehißt. Nun hätten sie Bescheid gewußt. Schlee sagte weiter, auf ihrem Fluge hätten sie nichts gegessen, aber viel Wasser getrunken. Betriebsstoff hätten sie noch für 8 Stunden gehabt. Ihre Maschine befinde sich in tadelloser Verfassung.

Die beiden Flieger Brock und Schlee des er­folgreichen FlugzeugesStolz von Detroit" berichten, daß sie in Höhen von 200 bis 10 000 Fuß geflogen sind. Das Flugzeug geriet sehr oft in der Dunkelheit in Luftlöcher, die es wie einen Stein 200 bis 300 Fuß durchsacken ließen. Ihre G e - schwindigkeit betrug durchschnittlich 80 Mei»

len b i e Stunde, war jedoch sehr verschieden. Von 355 Gallonen Benzin, die beim Start an Bord genommen wurden, ist ungfähr nur d i e Hälfte verbraucht worden. Schlee erklärte wei­ter:Wir versuchen einen Rekord für den Flug um die Welt zu schaffen, der von Evans aufge­stellte Rekord ist 26 läge, und wir versuchen ihn zu drücken." Heute nachmittag begaben sich die bei­den Flieger nach Croydon, um ihre Maschine zu besichtigen, an der Mechaniker den ganzen Tag gearbeitet hatten.

Unterwegs nach München.

London. 29. Aug. (DTR. Funkspruch.) Das FlugzeugStolz von Detroit Ist heute vor­mittag 8.31 Uhr von hier zum Fluge nach Mün­chen gestartet.

München, 29. Aug. (WTB. Funkspruch.) Bei der für heute nachmittag zwischen 14 und 15 Uhr vorgesehenen Ankunft der IDeltflieger Brock und Schlee in München handelt es sich um eine Zwecklandung zur Aufnahme von B e n - z i n. Der Flug dürfte heute nachmittag in der Rich­tung Wien Konstantinopel fortgesetzt wer­den.

Ein weiterer Start

Amerika-England.

Windsor (Ontario), 27. Aug. (WB.) Die Plloten Schiller und Wvvd, die auf die Nachricht vom Abflug desStolz von De­troit" überraschend in Curtißfield ge­startet sind, sind 1,17 Uhr nachmittags mit ihrem FlugzeugRoyal Windsor" hier einge­troffen, von wo sie den Flug nach Windsor in Gngland anzutreten beabsichtigen.

Heute Start in Paris?

Paris, 28. Aug. (TU.) Angesichts des glücklichen Verlaufes des Atlantikfluges der amerikanischen Flieger Schlee und Brock rech­net man damit, daß die französischen Flie­ge r am Montagvormittag zum Fluge Paris R e u y o r k starten. Seit gestern abend ist auf dem Flughafen Le Dourget ein besonderer Wetterdienst, der auch nachts arbeitet, eingerichtet worden.

Tin Eindecker in westlicher Richtung über dem Atlantik?

London, 28. Aug. (Wolff.) Ein um 21 Uhr auf der Insel D a l e n t i a (Südwesttrland- auf­gefangener Funkspruch des DampfersCali­fornia" berichtet, daß ein Eindecker auf 51 Grad

nördlicher Breite und 24 bis 25 Grad westlicher Länge in 1000 Fuß Höhe gesichtet wurde, ter in westlicher Richtung flog.

Anmerkung des W.T.B.: Rach den In­formationen, die wir zu dieser Meldung einge­zogen haben, kann es sich nicht um ein deut­sches Flugzeug handeln. Könnecke, der bekanntlich einen Zweidecker fliegt, ist noch in Köln. Don Junkers wurde auf Anfrage er­klärt, daß dieBremen" undEuropa" noch in Dessau seien. Die übrigen in Vorbereitung be­findlichen deutschen Ozeanflugprojette finö nach Ansicht eines von uns befragten hervorragenden Fachmannes noch nicht so weit gediehen. Unter diesen Umständen liegt die Annahme nahe, daß es sich um ein englisches oder französi­sches Flugzeug handelt, vorausgesetzt, daß die Beobachtungen derCalifornia" richtig gewesen sind.

Der Atlantiksturm

N e u y o r f, 27. Aug. (Wolff.) Die Pasfagiere und Mannschaften der heute hier eingettossenen Ozeandampfer berichten über eine unge­wöhnlich stürmische Ueberfahrt. Der Sturm, der eine Geschwindigkeit zwischen 80 und 100 Meilen in der Stunde erreichte, türmte die Wellen zu gewaltigen Wasserbergen, die Höhen von fünfzig Fuß erreichten. Wie Korke wurden die Schiffe hin- und hergeworsen. Besonders abenteuerlich war die' Fahrt des italie­nischen DampfersMartha Wafhingwn", die mit 617 Passagieren aus den Mittelmeerhäfen mit ein­tägiger Verspätung m Nouyork eintraf. Das Schiff geriet Dienstagnacht in einen Orkan, der im Laufe des folgenden Tages an Stärke zunahm. An Boro herrschte große Bestürzung und Unruhe. Die Zwischendeckpassagiere verbrachten die Zeit im Ge­bet, die Frauen meistens hysterisch. Sechzig Passa­giere erlitten Verletzungen und mußten in ärztliche Behandlung genommen werben. Die Radioanten- nen wurden weggefpÄt, jedoch gelang es der Mann­schaft, ttotz des wütenden Sturmes sie wieder her» zustellen.

St. Johns (Reufundland), 28. August. (Wolff.) Bei dem Sturm am Donnerstag sind im Küstengebiet 33 Menschen imtgefontmen. Der Sachschaden wird auf etwa 150 000 Dollar geschäht. Fünf Fischerschvner sind mit Mann und Marrs untergegangen, ebenso sind elf andere Fischerfahrzeuge ge­sunken, deren Mannschaft aber gerettet wurde. 25 Fischerboote wurden im Hafen von Donavista vernichtet. Menschen kamen dabei nicht zu Schaden. In Bay de Verde tourten fast alle Fischerei­einrichtungen zerstört. Die Küstendampfer Arghle" undPhilomela" tourten auf den Strand getrieben, Passagiere und Mann­schaften ter beiten Schiffe wurden gerettet.

Besatzungsabbau und englische Kabinettskrise

London, 27. Aug. (Wolff.) Das Foreign Office gibt amtlich bekannt, daß zwischen Eng­land, Frankreich und Belgien über die Stärke der Besahungstruppen im Rheinlante eine Regelung erfolgt sei. Einzelhei­ten werten nicht bekanntgegeben. Ein Beamter des Foreign Office erklärte, daß eine proportio­nierte Herabsetzung der Truppenstärke im Rhein­lante ftattfinten werde. Die G esamtzah l der Truppenstärke werde 60000 Mann be­tragen. Reuter zufolge verlautet, daß die fran­zösische Regierung ihre Truppen um 8000, die britische und die belgische Regierung um ins­gesamt 2000 Mann herabsehen werten. Die Ge­samtherabsetzung ter Rheinlandtruppen würde daher 10 000 Mann betragen.

Französisches Werben für ein Oft-Loearno.

Paris. 28. Aug. (WTB.) Zur Frage der Rheinlandräumung schreibt derQud = tiöien: Man muß sich freuen, daß die fran­zösische und die englische Regierung sich vor der Völkerbundstagung über die Besahungsverringe- rung verständigt haben. Nichtsdestoweniger ist festzustellen, daß hinter der Frage der Herab­setzung ter Truppenzahl eine andere Frage immer deutlicher hervortritt: die der vorzeitigen Rheinlandräumung. Warum also- gern, davon zu sprechen? Es ist für Frankreich so leicht, in dieser Hinsicht eine klare und loyale Politik zu verfolgen. Die Räumung wird ge­wünscht von ganz Deutschland, von einem Teil der öffentlichen Meinung Englands und von einem Teil der öffentlichen Meinung Frankreichs. Es besteht heute kein Zweifel, daß sie auch von der französischen Regierung gewünscht werden würde, sobald Deutschland damit einver­standen wäre, daß diese Räumung zum Gegen­stand eines den europäischen Frieden garantie­renden allgemeinen Abkommens ge­macht würde. Die Räumung des Rheinlandes würde Deutschland erneut die friedfertigen Ab­sichten Frankreichs bestätigen. Es wäre gerecht, toenn Deutschland durch Garantierung seiner Ost grenze Europa seine friedfertigen '2Ibfid)ten zum Ausdruck bringen würde. Zu diesem zweiseittgen Abkommen ist Frankreich be­reit. Das Wort hat jetzt Deutschland.

DasJournal des Debats" schreibt: Wenn auch unter einem gewissen Gesichtspunkt

das Ergebnis, zu dem man mühsam gekommen ist, als befriedigend angesehen werden könne, unter ter Bedingung jedoch, daß die französischen militärischen Sachverständigen tat­sächlich die festgesetzten Ziffern gebilligt haben, so liefert doch die Verhandlung, die vor dem Abschluß steht, Beweggründe zur Beunruhi­gung. Was man auch behauptet, es wird immer augenscheinlicher, daß die englische Regierung wünscht, der Besatzung so früh wie möglich ein Ziel zu setzen. Gewiß ist die Frage der Räu­mung nicht im Verlaufe der kürzlichen Ver­handlungen ausgewogen worden, und das ist nicht erstaunlich, da ja selbst Stresemann es nicht für angebracht gehalten hat, sie in diesem Jahre aufzurollen. Man kann sich aber doch in London nicht royalistischer jeigen als ter König selbst. Ater es ist ganz sicher, daß das Londoner Kabinett allmählich zu einer vorzeitigen 3 u r ü d b e r u f u n g des Be­satzungskorps hinzulenken versucht. Die all­mähliche Schwächung dieses Korps ist eines der Mittel zur Erreichung dieses Ziels.

Hoesch bei Briand.

Paris, 27. Aug. (Wolfs.) Der deutsche Bot­schafter von H o e s ch hatte heute vormittag eine neue Unterredung mit dem Außenminister Briand, in der allgemeine Fragen der deutsch-ftanzösischen Politik erörtert wurden. Der Botschafter brachte bei dieser Gelegenheit Briand die Befriedigung zum Ausdruck, die die deutsche Regierung trotz der bedauerlichen Nichterfüllung einiger ihrer Forderungen über den Abschluß des deutsch-französischen Handelsvertrages empfinde. Briand sprach in ähnlicher Weise die Genugtuung der französischen Regierung über den erfolgten Ab­schuß aus.

Morgen Kabinettssitzung in Berlin.

c Berlin, 27. Aug. An ter Sitzung tes Reichskabinetts am Dienstag werten, wie dasB. T." berichtet, voraussichtlich nur Reichs- außenminister Dr. Stresemann. Reichswehr- minister Dr. G e ß l e r, Reichsernährungsminister Schiele und Reichsitmenminister v. Keudell teilnepmen. Ob Vizekanzler Hergt und Aeichs- verkehrsminister Dr. Koch anwesend sein werden, ist noch zweifelhaft. In der Sitzung selbst wird

vor allen Dingen Die außenpolitische Lage besprochen werden. Eine besondere Rolle wird dabei zweifellos die Frage ter Verminde­rung der Rheinlandbesatzung spielen. Daneben dürfte aber auch die deutsche Ver­tretung in der Mandatskommission zur Sprache kommen. Cs steht fest, daß die Frage der Reuverteilung der Mandate auf dieser Ta­gung des Völkerbundes durch Deutschland nicht angeschnitten werden wird. Wer als deutscher Vertreter in die Mandatskommission entsandt werden wird, steht noch nicht fest. Reben den auhenpollttschen Fragen werden noch laufende Angelegenheiten innenpolitischer Ratur von den Ministern besprochen werten.

Die Krise im englischen Kabinett. London, 29. Aug. (WTB. Funkspruch.) Die T i m e s" berichtet, daß Cecil gestern abend mit Baldwin zusammengetroffen ist. Es wird er­wartet, daß er heute eine eingehende Erklärung über seine Stellung abgeben werde. Cecil scheine die An­sicht zu vertreten, daß er die A b r Ü st u n g s f r a g e besser außerhalb der Regierung erörtern könne.Daily Sketch" behauptet, Cecil sei von Baldwin überredet worden, in der Regierung zu bleiben. Er werde Chamberlain nach Gens begleiten.Daily Expreß" schreibt:Unser Heer in Deutschland ist zu klein, um irgend jemand anders als uns felbft zu bedrohen. Cecil hat vollkommen recht. Die britischen Truppen müssen heimbefördert werden. Ihre weitere Verminderung in Uebereinftimmung mit der neuen französisch-englischen Vereinbarung vergrößert nur die gefährliche Inkongruenz der Lage."

DerObserver" schreibt, das R ü ck t ri 11 s- gesuch Lord Cecils sei auf das Scheitern

Flottenbeschränkungskonferenz zurückzuführen. In den letzten Stadien der Kon­ferenz hätte Lord Cecil angestrengt danach ge­strebt. ein vollständiges Scheitern zu vermeiden, sei iedoch durch die Vertreter tes Flottenstand- punttes überstimmt worden.Observer" berichtet weiter, toenn Lord Cecil auf seinem Gesuch be­harre, werte voraussichtlich ein anderes Mitglied ter brittschen Delegation für Genf seinen Platz einnehmen. Cecils Aktion berühre aber kein anderes Kabinettsmilglisd, Sein