Nr. 22? Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten)
Mittwoch, 28. September 192?
Aus dem Reiche der Frau.
Die frauliche Frau.
Von Anne-Mari« Mampel.
Man macht der modernen Frau zum Vorwurf, daß sie nicht mehr fraulich sei, führt als Beweise dasür den Bubikopf, den kurzen Rock, die gan^e herrenmäßige Einstellung der Mode ins Feld, das selbstbewußte und energische Auftreten, das betonte Recht auf Persönlichkeit und Willensbehauptung, die starke sportliche Detatt- gung, das Studium, die überhandnehmende Berufstätigkeit, die veränderte Einstellung zur Familie, zum Manne und zur Ehe —, mit einem Wort alles, was eben daS innere und äußere Mesen der Frau von heute ausmacht. Uni) als Idealbild wird ihr die Frau von ehedeiy vor- aehalten, die als Gattin, Mutier und Hausfrau ihr Genügen fand und im Dienst und der Aufopferung für die Ihren rest- und wunschlos glücklich war.
Wüßte num von der modernen Frau nrchts als jene Schilderung ihrer Gegner (deren Wissen sich von jenen besonders in der Großstadt aufdringlich und unangenehm in Erscheinung tretenden Auswüchsen geitgcnö s scher Weiblichkeit herleitet), könnte man tatsächlich glauben, dah ein Riedergang der Fraulichkeit zu verzeichnen, dah ein Begriff im Schwinden sei, der früher un- trennbar war von der echten Frau und ihren Wert auSmacht«, ohne dah neue Werte an dessen Stelle treten.
Ist dem wirklich so?... Um eS unpartensch festzustellen, muh Lebensaufbau und Ablauf der Arau von einst und von heute nebeneinander- gestellt und gegeneinander gewogen werden.
Schon bei seiner Geburt war das lleine Mädel ehemals Gegenstand der Enttäuschung, die seiner offenbaren Minderwertigkeit galt, und dieser Makel deS nicht Vollgültigen blieb haften. Qegt* man Wert auf die Erziehung und Ausbildung deS Sohnes, die der Tochter war nebensächlich. Galt es, ihm Welt- und Menschenkenntnis zu vermitteln, ihr verschloß man sie. Es genügte, der Tochter die einfachste Schulbildung beizubringen; was darüber hinaus geschah, der Klavier-, Gesang- unt> Malunterricht, die feinen Handarbeiter die Sprachstunden und — wenn's hoch kam — das bißchen Literatur- und Kunstgeschichte, das ihr eingetrichtert wurde, hatte rücht den Zweck, irgendwelches gründliche Wissen und Können zu geben; es war ledialich für den „Salongc brauch" gedacht, und um die angehende junge Dame dem angenehm zu machen, für den sie ausschließlich erzogen und bestimmt war, dem zrckünftigen Gatten.
Heiratete das Mädchen von ehemals nicht, wurde es nach Iahren vergeblichen HoffcnS und Harrens die „alte Jungfer", die, von der jüngsten Frau über die Achsel gesehen, die gute, selbstlose Haustochter und Familientante spielen muhte, ohne eigene Rechte, ohne Freiheit und Lebensinhalt, niedergedrückt von dem bemütigenben Gefühl, „sitzengeblieben", vom Glück übergangen worben zu sein.
Heute wird daS kleine Wäbel nicht anders als ein Iunge erzogen. Körperliche Ertüchtigung durch Spiel und Sport steyt im Ausbildungsprogramm ebenso wie gediegenes, durchaus ernst zu nehmendes und auf spätere Berufsausübung hinzielendeS Studium. Offen liegt die Welt mit ihren Problemen. Röten und Schätzen vor der Frau; sie wird mitten hineingesteltt in den Kampf, muh sich wirtschaftlich und menschlich behaupten und durchsetzen, muh die Waffen ihrer Tüchtigkeit brauche l, um zu bestehen. Das schafft einen anderen Frauentyp als den von einst; das bestimmt Kleidung und Gebaren.
Raturgemäß erkennt diese Frau das System der alten Haushaltführung als Kraftvergeudung und Zeitverschwendung. sucht es zu rationalisieren und umzuwandeln. Und ganz selbstverständlich sieht diese Frau im Manne nicht mehr den Herrn und Gebieter, sondern den Leben-kameraden, dem sie als Gleichwerttge und Gleichberechttgte die Hand zum Bunde reicht, wenn ihr Herz für ihn spricht, und sie in der Uebereinsttmmung oder Ergänzung der Charaktere und Reigungen ein reines Gluck für sich erwartet. Denn lediglich der Versorgung halber zu heiraten, hat die berufstätige Frau nicht mehr nötig, und eine „alte Iungfer" wird sie nicht, auch wenn sie ledig
bleibt. Dah tiefste Frauenerfüllung in der wahrhaft harmonischen Ehe und In der Mutterschaft liegt, ist dem modernen Mädchen dennoch voll bewußt. —
Das also ist die Frau von heute (nicht zu verwechseln mit denen, die sich dafür ausgeben, ohne es zu sein). Sie ist frellich anders als ihre Schwestern aus der vergangenen und vorvergangenen Generation und doch nicht weniger fraulich, wenn man berücksichtigt, dah dieser Begriff sich gewandelt hat. Denn fraulich sein heiht heute nicht mehr, in engumzirkeltem und wohlumhegten Gebiet zu walten. Fraulich im neuen Sinne ist's, alle Gaben des Körpers, des Geistes und des Gemütes zur Vollendung zu steigern, ein Mensch zu sein mit anerkannten Rechten und Pflichten, und als solcher mitzuarbeiten an den Ausgaben der Zeit, am Aufbau menschlicher Kultur, am Glück der eigenen befreiten Persönlichkeit.
Zwischen Gesellschaftszimmer und Aüche.
Don Emmy von Domsdorff-Leibing.
Iede Hausfrau, die auf eigene Arbeitsleistung angewiesen ist, weih, wie peinlich das Doppelleben zwischen Gesellschaftszimmer und Küche ist, gleichviel, ob es sich um größere Einladungen handelt, oder um ein Zusammensein im engsten Familienkreis. Meistens hat sie bis zum letzten Augenblick mit den Vorbereitungen zu tun,
möchte die Gäste empfangen und unterhalten und doch auch das Essen, mit dem sie Ehre einlegen will, nicht inzwischen verbrodeln lassen. Wie unangenehm, wenn sie drinnen im schönen Abendkleid einhergeht und sich drauhen rußige Hände holt.
Hat vielleicht auch dies« Hausfrau Töchter, jene Hausfrau Richten, die hilfreich zugreifen, so bleibt sie selbst doch unentbehrlich. Sie möchte durchaus allem, was auf die Tafel kommt, den letzten Schliff geben, oder alles noch einem letzten prüfenden Blick unterziehen. Höchst peinlich, roeirn die Hausfrau hochrot und abgehetzt ihre Gäste empfängt, bei der Unterhaltung wie auf Kohlen steyt, zerstreute Antworten gibt, weil ihre Gedanken beständig abschweisen und schließlich die Gäste auf sich selbst angewiesen sind, weil die Hausfrau auffallend lange in die Küche verschwindet.
Die praktische Hausfrau von heute vereinfacht sich das Doppelleben zwischen Gesellschaftszimmer und Küche. Sie wird selbstverständlich nicht ausgerechnet Hammelbraten reichen, weil der allzu schnell verkühlt und dann ungenießbar wird, sie bringt auch nicht Hefenklöhe, die die Gäste möglichst schnell verschlingen müssen, sie vermeidet gebackene Leber und alles, was das Warmstellen nicht verträgt. Ihre ganze Speisenfolge ist so zusammengestellt. dah ihre minutenweise Abwesenheit gar nicht bemerkt wird.
Mit liebenswürdiger Ruhe hat die Frau ihre Gäste empfangen, die mit den Vorbereitungen
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Die Mo-efilhouette öe$ herbster.
Von Elsbeth Unverricht.
AuS den ersten Anzeichen einer femininer werdenden Mode, die Frühjahr und Sommer unverkennbar brachten, hat sich nun eine auf der ganzen Linie stinkt durchgesührte ausgesprochen weibliche Mode herauslristallisiert. Wenn auch in den Einzelheiten bei Beginn der Saison noch Zurückhaltung geboten ist, so liegen doch in großen Zügen die Linien für die modische Silhouette fest. Der Straßenanzug allein hat noch maskulinen Charakter, während alle anderen Toiletten, sowie das ganze sonstige Beiwerk sehr kapriziös, sehr lleidsam ist. Und zwar ist es fast ausschließlich der Rock, der in seiner reichen Ausdrucksfähigkeit diese Rote hervorruft. Diagonal angeordnete Volants, Flügel- und Glockenteile, Raffungen, Tuniken und Schärpen verleihen eine phantastische Unregelmäßigkeit. Sinfeilige Oamitur und unwillkürlicher unsymmetrischer Ausschnitt verstärken diesen Eindruck. Während die Taillenlinie etwas verkürzt ist, hat der Rock ungefähr 3 bis 4 Zentimeter an Länge gewonnen. Auch zeigen Gesellschaftskleider überdies häufig den Rock hinten länger als vorn, eine Reuerung, die für kleine Figuren außerordentlich vorteilhaft ist. DaS Iacken- kleid, daS in der vergangenen Saison für die Straße so dominierend gewesen, wird durch den Mantel etwas verdrängt, dem die Modeschöpfer eine ganz besondere Sorgfalt angedeihen lassen. Reben dem Garconnemantel. der als Sport- und Vormittagsmantel seinen Platz behauptet, tritt wieder die lange vergessene Raglanform. auch für den eleganten Typ. Phantastische Abendmäntel, deren modische Besonderheit sich in subtilster Ausgestaltung graziöser Linien äußert, zeigen Goders und Falten in originellen Anordnungen, stark gekreuzte Vorderteile, kapriziöse Kragen.
Auffallend für diese Saison ist die Zusammenverarbeitung starklontrastierenLer Farben und Materialien, sowie eine außerordentliche Gar- niturfreu'oigleit. Man schwelgt geradezu in reichen und originellen Verzierungen: Tressen, Blenden, Diesen, Knöpfe, Schnallen und Stepperei. Bei aller Farbenfreudigkeit ist doch keine eigentliche Modefarbe zu nennen, schwarz scheint von seiner jahrelangen Beliebtheit nichts eingebüßt zu haben, daneben bevorzugt Paris einen warmen, tiefbraunen Ton, der ins Lila hinüberspielt, und den Ramen „Royau" erhalten hat. und einen etwas helleren braunen Pastellton „tabac blond“
genannt. Blau in allen Ruancen behauptet sich als Standardsarbe.
Der bevorzugte M o d e st o s s des Winters dürfte „Velour de Smyrne“ werden, der in sehr geschmackvollen Ausführungen gebracht wird, hauptsächlich in Wabenmuster, aber auch kariert, schottisch, oder unregelmäßig-gestreift. Auch Mate- lasse ist augenblicklich sehr bevorzugt, besonders für den „angezogenen Mantel", dessen ohnehin elegante Rote noch wesentlich durch cingetoebte, leuchtende Metallfäden verstärkt wird. Als ausgesprochene Reuheit der Herbstsaison dürste ein zweiseitiger Stoff, Dragon-Atlas, anzusehen sein, dessen Rückseite wie Crepe Marocain wirkt. Große Beachtung sowohl für Rachmittags- als auch für Abendkleider findet Sami, fassonniert ober einfarbig, der in so feiner Qualität hergestellt wird, daß er graziös und schmieg- fam wie Musselin fällt, Eigenschaften, die ebenfalls die vielfach verarbeiteten Crepe Georgettes, Crepe rvmains und Failleseiden in sich vereinigen. Daneben bringen Halbstarre Seiden, wie Taffet und Moiree Abwechslung in das Mode- bild.
Die Beliebtheit und Verwendung deS Pelzes nimmt von Iahr zu Iahr zu und wird in diesem Winter als wesentlichste Unterstützung der weiblichen Rote einen noch größeren Umfang annehmen. Die neuen Modelle erfüllen ihre Mission, dekorattv und wärmespendend zu sein, außerordentlich gut. Die Mode läßt die ganzen Frou-frous vergangener Tage wieder auferstehen
Eine beschwingte Heiterkeit liegt über der Erscheinung der Dame, wesentlich untersttitzt noch durch das ganze modische Beiwerk. Im Ru haben sich allerhand komplizierte, überflüssige und unlogische Dinge das Feld erobert: in vielen verschwiegenen Falten kleine versteckte Täschchen, den Hut umspannen duftige pikante Schleier, die ihrer Trägerin einen geheimnisvollen Reiz zu geben wissen, Mantel und Toilette schmücken hauchzarte Blumen in den feinsten Pastelltönen, der Handschuh mit breiten farbigen Raupen und aparten Manschetten, versteht graziös Zweckmäßigkeit und Koketterie zu verbinden
Die Frauen können mit dem Auftakt der Herbstsaison 1927 Wohl zufrieden sein Wie kaum eine Mode, versteht die diesjährige in ihrer Reichhaltigkeit und schillernden Farbenfreudigkeit jedem Typ gerecht zu werden, und „wer vieles bringt, wird jedem etwas bringen“.
Appetitlose Kinder.
Don Dr. Hermann Vollmer, Oberarzt am Kaiserin-Augusta-Viktvria-Haus Berlin
Unter den „Sorgenkindern" sind die „schlechten Esser" die größte Plage für die Eltern Betrachtet man eine Reihe solcher Kinder, so ist man überrascht, wie verschieden sie aussehen Die Vertreter aller Typen findet man unter ihnen: vom dürftig entwickelten bis zum Prachtkind, vom abgezehrten bis zum übermäßig fetten, und zwischen diesen Extremen alle llebcrgänge. Lind doch bringen die Mütter bei allen diesen Kindern die gleiche verzweifelte Klage vor: „sie wollen nicht essen" Sieht man sich bei jedem Kind die zugehörige Mutter an, so wird einem manches klar. Eimnal begegnet uns ein wohlgenährtes Kind an der Hand einer nervösen, überängstlichen Mutter, ein andermal ein elend aus sehendes bei einer ruhigen, verständigen Frau. Bei reicher Erfahrung wird der Arzt im ersten Fall die ganze Vorgeschichte vorauswissen und innerlich lächeln, im zweiten Fall erkennt er sofort den Ernst der Situation Das sind nur zwei Möglichkeiten Wie mannigfach aber die Beziehungen sind, erkennen wir, wenn wir im folgenden versuchen, den Llrsochen der Appetitlosigkeit auf den Grund zu gehen und eine gewisse Einteilung zu schaffen.
Beginnen wir mit dem wohlgenährt aus- sehenden Kind, von dem die Mutter behauptet,' baß es „gar nichts ißt". Wir erfunbigen uns nach dem Spetse^etrel und erfahren, daß die Rah- rungsaufnahme nicht nur hinreichend, sondern geradezu üppig ist. 215 :r die Mut er ist damit nicht zufrieden und stellt viel höhere Ansprüche. Die reichlich getrunkene Milch wird nur als Flüssigkeit, nicht aber in ihrem hohen Nährstoffgehalt bewertet. So wird dem Kind durch unberechtigte Vorwürfe und unaufhörliches Zureden jede Mahlzeit, jeder neue Tag zur Qual, und erst der Arzt kann es aus seiner unangenehmen Lage befreien, indem er der- Unvernunft der
Mutter entgegentritt. Es ist llar, daß solche „schlechte Esser" sofort vorzüglich essen, sobald man sie in Ruhe läßt und ihnen die Cßeftimmimg des Rahrungsmaßes überläßt, ein Vorgehen, das der gute Ernährungszustand unbedenklich zuläßt.
Demgegenüber erweisen sich viele Kinder als wirllich schlechte Esser, d. h. sie sind nicht dazu zu bewegen, das richtige Rahrungsmaß, das ihnen zusteht, anstandslos zu sich zu nehmen. Qlber obwohl ihre Rahrungsaufnahme relativ gering ist, sind sie körperlich gut entwickelt und lassen keine Zeichen der .Unterernährung erkennen.^ Man muß bedenken, baß das Alter ober das Körpergewicht keineswegs absolut über den Rahrungs- bedarf entscheidet, sondern daß der individuelle Bedarf beim Kinde wie beim Erwachsenen außerordentlich verschieden ist. Man sieht dicke Kinder, die wenig essen, und magere, die trotz eines immensen 2lppetits immer mager bleibsn Hier ist die Konstitution bas Entscheidende, und Konstitutionen lassen sich nicht umstimmen. Wie es sparsame Oefen gibt und solche, die viel Brennstoff „verschlingen", so ist es auch beim Kinde. Kein Mensch wird über die Sparsamkeit eines Ofen£ jammern, solange er genügend heizt. So wäre es auch von einer Mutter unvernünftig, über den geringen Rahrungsbebarf ihres Kindes zu Hagen, solange es gesund ist und wohlgenährt arissieht.
Diel größer ist begreiflicherweise die Sorge um ein in der Tat abgemagertes Kind. Unb hier ist auch für den Arzt am schwierigsten^ Rat zu wissen, Qlbßilfe zu schaffen, Trost zu bringen. Mit appetitanregenden Säften und Tropfen erreicht man wenig, wenn man sich nicht bemüht, die Wurzel des Uebcls zu erkennen. Freilich muß zunächst eine Krankheit als Ursache der Appe- tttlosigkeit und Qlbmagerung ausgeschlossen werden. Dann verschafft man sich Einblick in die Familie, in der das Kind lebt. Lind hier findet der Psychologe bald des Rätsels Lösung. Etwa ein einziges Kind, umgeben von nervösen Eltern, Tanten und Großmüttern, von allen in gleicher Weise mit einer verhängnisvollen Affenliebe ge
hegt. mit Schokolade und anderem Raschwerk verwöhnt. Ein solches Kind kommt notwendig appe- tttlos zur Mahlzeit. Run beginnt das Zureden und das Versprechen schönster Belohnungen, das Märchenerzählen und zahllose andere Kunstgriffe, die das Kind dazu bringen sollen, einen Bissen zu nehmen. So wird bas Kind in eine unumschränkte Machtstellung gedrängt. Sein Machtmittel ist das „Richtessenwollen", mit dem es jeden Willen durchsetzt, jedes Ziel erreicht. Und es ist — unbewußt — schlau genug, diese Machtstellung zu erhalten und auszubauen. Bringt man diesen Heinen Tyrannen aus seinem Milieu, etwa in einem Kinderheim in die Umgebung hungriger Mäuler, wo nicht viel geredet wird, und wo ein „Rörgler" sich allgemeine Mißachtung und Vernachlässigung zuzieht. so drängt ihn der einmal erzweckte Wille zur Macht und Zentralstellung es den anderen im Essen gleichzutun oder ihnen vorauszusein. Rach der Heimkehr kann jedoch die laute Bewunderung des „braven" Kindes in einem Tage wieder alles verderben.
Freilich liegt nicht jeder Fall so einfach wie dieser. Er sei nur ein Beispiel dafür, baß Erziehungsfehler törichter Eltern eine Eßunlust zur Folge haben können. Zweifellos gibt es auch Kinder, an denen erzieherisch in feiner Weise gesündigt wird, deren Eltern in kluger Einsicht die richtige Einstellung zum Kinde haben, und die dennoch nicht gedeihen, weil sie nicht essen wollen. Es sind dies oft nachdenkliche, kluge, früh entwickelte Kinder von ftiller Art, die es lieben, allein zu fein, und die, tief ins Spiel versunken, aus kärglichen Gegenständen bunte Phan- tafietoellen bauen. Es sind die Problematik er, die sich mit allem und jedem beschäftigen, die, mit reger Phantasie begabt, der realen Welt zumeist entrückt sind. Der Ruf zur Mahlzeit ist für sie eine Störung, ein Fall aus ihrem Himmel auf die Erde; sie haben förmlich „keine Zeit zum Essen". Rur gezwungenermaßen nehmen sie einige Bissen, derweil ihr Sinn beim Spiel, überhaupt in jener anderen Welt ist, der sie entrissen wurden. Wer ihr Wesen begrei|t, erkennt
früh genug begann. Ohne jede Aufregung verteilt sie feinsinnig die kleinen '•Köllen, die die Töchter oder Richten als liebe Hilfskräfte spielen sollen und verteilte mit Ueberlcgung die coentuc.,.n Tafelkarten und den Blumenschmuck des Tisches. Die Gäste sind versammelt. Die Tafel beginnt. Draußen in der Wärmeröhre stehen fertig auf dem Servierbrett die Tassen mit klarer Fleischbrühe ober die Suppenterrine, je nach dem Charakter, ben bie Tafel haben soll. Ist eine kleine Vorspeise erwünscht, sei es Fleischsalat in garnierter Schüssel, ober Fischsalat auf einzelnen Muschelschalmr. Mayonnaise, selbstgeba«... ne kleine Pasteten, es wartet auf dem Serviertisch und wird von der Hausfiau, ohne daß sie das Zimmer zu verlassen braucht, liebenswürdig selbst gereicht. Die Vorspeise kann natürlich auch Wegfällen. Der Fisch — sei es Karpfen, Forellen, Schleie, steht ebenfalls fertig angerichtet, be n s mit Zitrone und Petersilie garniert, auf eine n Topf siedenden Wassers, mit einer Schüssel zu- gedeckt, ebenso die Kartoffeln dazu. Die Bull.r wird frisch gegeben, kann aber auch schm zerlassen in der Wärmeröhre bereitstehen; all ii:s wird von den jungen Hilfskräften, von denen jede genau weiß, was sie hereiirzubringen und wie sie es zu reichen hat, serviert. Doch auch der Fisch ist nur bei größeren Gesellschaften nötig.
Am Braten wird bie Hausfrau auf feinem Weg zur Tafel lieber noch einen fürsorglichen Blick widmen. Draußen auf dem Anrichtetisch liegt schon alles Werkzeug bereit, mit kundiger Hand schneidet sie die gefüllte Kalbsbrust, den gespickten Rinderbraten oder ben saftigen Schweinsrücken, legt auf der Bratenplatte i'en Braten in seiner ursprünglichen Form wieder zusammen, um ein Erkalten zu vermeiden, das Gemüse, ober bas Weinkraut, der Spargel, oder die Kartoffeln, alles steht fertig in seinen Schüsseln in der Wärmeröhre und das letzte Ab- schmecken der Dvühe ist ihr schließlich noch die kleinste Mühe, während Töchterchen mit freundlichen Worten bie Teller wechselt. Salate und Kompott, je nach Bedarf, stehen längst auf dem Serviertisch bereit. Roch einfacher aber hat es die Hausfrau, wenn sie gekochten Schinken, dem sie ja geschnitten kauft, warm reicht (zwischen zwei Tellern auf heißem Wasser warm gehalten) und dazu Kartoffelsalat, der ebenfalls etwas angetoärmt fein sollte.
Auf diese Weise kann die Hausfrau die Anwesenheit lieber Gäste mit Ruhe genießen und kann die Pausen zwischen den einzelnen Gänzen mit Plaudern und Fröhlichkeit verschöneir, denn das Essen ist ja keine Hetzjagd.
Irn Kühlschrank wartet die süße Speise, die mit den einfachsten Mitteln hergestellt worden sein kamr und in der Vorratskammer steht bie fertige Käseplatte, bie ben Herrenkreisen immer erwünscht ist. Für das Trinkbare sorgt der Hausherr. Er wird sich diese schone Sorge keinesfalls abnehmen lassen — wird allerdings Tee gereicht, so möchte dieser stets nach dem Gin- schenken wieder heiß stehen und auf dem Tisch prangen Zucker, Zitronenscheiben Sahne und eine kleine Karaffe oder Flasche mit Rum friedlich beieinander, möglichst auf einem kleinen Brettchen zusammen, um gemeinsam herumgereicht zu werden, da bie Feinschmecker für Tee verschiedene Geschmacksrichtungen haben.
Erst nachdem alle Gäste das Besteck nicbcr» gelegt haben und mit dem Speisen fertig sind, wird die Tafel aufgehoben, dies steht allein der Hausfrau zu. Will sie nach einiger Zeit noch Kaffee reichen, während die Herren durch den Hausherrn mit Zigarren und Zigaretten bedient werden, so kann sie sich auch dies erleichtern, indem sie das Kaffeewasser fiisch anfetzt (von abgestandenem Wasser schmeckt der Kaffee fahl) und sich, bis es kocht, noch immer ihren Gästen widmen Der Kaffee steckt schon gemahlen in einem Säckchen in der Kaffeebüchse, die große Kleiderschürze, die in der Küche hängt, verdeckt ihr ganzes Kleid, wenn sie den Kaffee aufbrüht und sie erntet totsicher lebhaften Dank, tocnnl sie ben frischen buftenben Kaffee ßereinbringt.
Es ist also gar nicht so schwer, das Doppelleben zwischen Gesellschaftszimmer und Küche zu führen, und eine gewandte Gastgeberin kauft auch eine gute Hausfrau sein.
bie Aussichtslosigkeit, ihnen burch eine Medizin zu helfen, weiß die besorgte Mutter zu beruhigen. Ein denkender Arzt kann seine Aufgabe nicht darin sehen, solche Kinder zu mästen. Cs tun, hieße diese Wesen aus ihrer ureigenen Dahn drängen.
Man darf nicht vergessen, baß eine ständige Appetitlosigkeit auch rein körperlich bedingt fern kann, baß sie oft ihren Grund in einer Unzu- länglichkeit der Verdauungsfunftionen hat. sei cs, daß der Magen zuwenig oder zuviel Salzsäure produziert, oder daß andere Funktionen durch nervöse ober organische Einflüsse gestört sind. Eine recht häufige Ursache ist die mangelhafte Salzsäureproduttion des Magens und der Erfolg einer sachgemäßen Behandlung beweist, baß bie Eßunlust durch eine greifbare Störung bedingt war.
Eine ganz andere Rolle spielt die vorübergehende Appetitlosigkeit eines sonst gut essenden Kindes. Sie ist oft Vorbote einer kommenden oder Zeichen einer bereits bestehenden Allgemeinerkrankung und in diesem Fall eine zweckmäßige Einrichtung der Ratur. Der von der Krankheitsabwehr ganz in Anspruch genommene Organismus darf von seiner dringenden Aufgabe nicht abgelenkt werden, indem man ihm bie Verabreichung großer Rahrungsmengen zu- mutet. Wird der Magen des kranken Kindes gleichwohl überlastet, so entledigt er sich durch zweckmäßigen Reflex des Erbrechens des störenden Ballastes. Schon beim «Säugling ist eine plötzlich auftretende Nahrungsverweigerung als warnendes Signal zu bewerten, dessen Mißachtung sich bitter rächen kann Man soll n'-cht weiser sein wollen als die Ratur, sondern sich bemühen, ihre Sprache zu verstehen.
Dem Arzt wäre es leichter, helfend einzugreifen, wenn die Angst vor dem Hungernlassen bei den Eltern nicht so tief eingewurzelt wäre. Rie ist ein Kind an den Folgen der Appetitlosigkeit verhungert, während der Hrrngcr das wirksamste Heilmittel gegen sic ist.


