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Nr. 226 Erster oiuu

KZ. Jahrgang

Dienstag, 27. September 1927

6r|d)eUttaeIi^, aufeet Sonntags nnb Jtiertag«.

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Gietzener Anzeiger

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Derantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; sür den An­zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Biegen.

Schwere Unwetterkatastrophe im Alpengebiet.

Tm Hilfszug auf der Brenner strecke in die Eisack gestürzt, elf Personen ertrunken. - Furchtbare Wetter- schäden in Tirol, Graubünden und Vorarlberg.

I c i e n t, 26. SepL (TU.) 3m Lisacktal bei Jran- zensseste stürzte ein mit einem Ingenieur, einem Eisenbahnfunktionär und elf Arbeitern besetzter hilsszug in den Fluh. Rur zwei Personen konnten sich retten, während die übrigen elf, darunter der Ingenieur, ertranken.

Infolge der starken Regengüsse der letzten Tage schwoll die Lisack gestern außerordentlich an und überschwemmte die E i s e n b a h n st r e ck e bei Franzensseste auf der Linie Trient Brenner. Die Lage an der Eisenbahnlinie wurde immer verzweifelter. Die wassermassen stiegen mehr und mehr, und die Gefahr wurde immer drohender. Gegen 9 Uhr abends wurden die telegraphi­schen und die telephonischen Verbin- dangen durch das Unwetter unterbrochen. Inzwischen setzte das reihende Wasser sein Werk fort und unterminierte die Lisenbahnstrecke. Ein h i l f s z u g , besetzt mit einem Ingenieur, einem Lisenbahnfunktionär und elf Arbeitern wurde von Trient aus entsandt. Schon eine halbe Stunde spater traf in Trient die Nachricht ein, daß Loko­motive und Beiwagen des hilssiuges indenFluß gestürzt waren und das; sich nur zwei Per­sonen retten konnten. Die übrigen elf, darunter der Jnoenicur und der Eisenbahnsunktionär, wurden von dem reihenden Fluß forkgeschwcmmt und er­tranken. heute wurde bereits ein Leichnam ans Land gezogen. Es ftetlle sich aber heraus, dah es sich um einen Dachtmann handelte, der an den Wehren des Flusses Wache hielt und fortge­spült worden war. Auch ein fiarabinieri ist ums Leben gekommen. Bon Trient aus sind neue ksilsszüg'e entsandt worden, die Lisenbahn­strecke ist in der Länge eines halben Kilometers ge- jperrl.

Wie sich herausgestellt hat, hatte der hn Lause des EonntagS auch hn Elsackta! cht» getretene starke Regen zu Vermurungen an der Vrennerstrecke geführt. Insbesondere wurde toefffi'') von FranzenSfeste eine Streck- von 100 Meter boTFtänMq durch einen Er dstnrz der schüttet. Roch in der Rächt ging ein Hilsszug mit Rrbeit-rn ab. Zwei Kilometer hin- ter Franzensfeste führt die Strecke» über eine Drücke, unter der ein Seitenbach der Cifnck mündet. Durch das Hochwa'ser waren anschei­nend die Fundamente der Drücke unterwaschen d als der HilfSzug über die Drücke fuhr, stürzte sie ein. Der Rlaschinensührer konnte sich durch Absvringen retten. Dagegen verfaulen alle elf Arbeiter mit dem Zuge, der aus Loko- mvtive und einem Waggon bestand, in die Ties« dar E'sack. Kein einziger von ihnen konnte sich retten. Hnm'ttetoar neben der Drücke stand ein M ä r t« r h a u s, das ebenfalls mit in die Tiefe gerissen wurde. Wäh-cnd der Dahn- toäricr und seine Frau sich retten konnten, kamen ihre Kinder ums Leben. Ein weiteres, vielleicht noch weit größeres Anglück wurde verhütet, denn bald nach dem Hillszna kam der Münchener D-Zug an die Unglücksstelle, der sicherlich in die Tiefe gestürzt wäre, wenn nicht die Drücke schon vorher mit dem Hilsszug eingestürzt wäre.

Der Eisenbahnverkehr über den Brenner unterbrochen.

9t o m , 29. Sept. (WTB.) Der Eisenbahnverkehr zwischen Franzensfeste und dem Brenner ist vor­läufig unterbrochen. Der Verkehr zwischen dem Trentino einerseits und Oesterreich und Deutschland andererseits erfolgt über die Linie Franzens- feste Innichen Spittal.

Die Unwelterfchäden in Südtiro?.

Rom, 27.Sept. (WTB. Funkspruch.)Messag- gern" niolbet, daß in Klausen der untere Teil der Straße überschwemmt ist. Der Fluß erreichte um 17 Uhr abends 4,20 Meter über dem Normal­stand. Nachrichten aus Sterzing besagen, daß die Ueberbleibfel von fünf jer ft orten Brücken durch den Fluß mitgeführt werden. Die Nationalstraße ist an vier Punkten unterbrochen. Der Schaden soll 2 Millionen Lire betragen. Im Passeier Tale beträgt der Schaden über eine Million Lire.

Auch im LeMin Ueberschrvemmungen.

Berlin, 27. Sept. (SU.) Das Unwetter, das über dem Kanton Graubünden niederging, hat auch im Deltlin gehaust. Infolge d-s starken Regens sind alle Flüsse bedeutend gestiegen. In S v n d r i o, dem Hauptort des Veltlins, hat der Fluß Maliers den Damm durchbrochen und die Brücken der Staatsstraße fortge- schwernrnt. Der untere Teil der Stadt ist unter Wasser gesetzt. Das große Gebäude der Provin- zialverwaltiing ist infolge des Dammbruches eingestürzt. Die Bevölkerung von Sondrino hat die ganze Rächt im Freien verbracht. Die Stadt ist ohne Licht und T rin kw äs­se r. Ferner ist die Adda über die Ufer ge­treten und ein Teil des Ortes A r d e n n o steht unter Wasser. Im Ma 1 enzeta 1 sind mehrere Brücken eingestürzt. Da alle Verbindungen un­

terbrochen sind, laßt sich die Tragweite. der Überschwemmungskatastrophe noch nicht über­sehen. Bis jetzt sind sieben Tote gemeldet.

Va§ Unwetter in Nordtirol.

Lchwerc Verwüstungen im Gschnitz- und Zillertal.

Innsbruck, 26. Sept. (TU.) Die Aus­wirkungen der Unwetterkatastrophe in Rordtirvi sind nach ben neuesten Meldungen bedeutend um­fangreicher als zuerst angenommen wurde. Im G s ch n i h t a l wurden sämtliche Brücken weg­gerissen. Militär aus Innsbruck muhte eine grö­ßere Anzahl Menschen aus den Häusern befreien. In Innsbruck trat die CE-iu in zwei Stadt­teilen aus den Ufern. Zwei Brücken wurden! weggerissen, das städtische Sillwerk, das die Stadt Innsbruck mit Strom versorgt, war sehr gefährdet. Hm 9 Uhr vormittags mußte die Straßenbahn in Innsbruck wegen Strom­mangels den Verkehr einst eilen. Kata­strophale Folgen hatte das Unwetter im 3Il­le r t a l e. Die Sill richtete Überschwemmungen an, so daß die Verbindungen zwischen den ein­zelnen Orten unterbrochen sind. Der Damm dec Zillertaler Bahn wurde an zwei Stellen überflutet und durchbrochen. Ebenso sind die Telegraphen- und Telephonleitungen zer­stört, so daß die Hinteren Gemeinden des Tales nicht mehr erreichbar sind. Das Dors Rams - berg ist vollständig überflutet Die Be­wohner sind in den Häusern eingeschlos- f e tl Auch in die Ortschaft Zell ist das Wasser eingedrungen Die Ortschaft Stumm ist voll­ständig abgeschnitten Die Stromversorgung deS Tales ist unmöglich Das untere Zillertal ist von der Katastrophe noch nicht mit genommen.

Die Hochwasserkatastrophe hat nach den bis­herigen Feststellungen drei Todesopfer ge­fordert. In Innsbruck selbst sind zwei Ar­beiter bei Eindämmungsarbeiten tn der hoch- Sbenben Sill ertrunken In Zell wurde ein rbeiter von den Fluten weggerissen und konnte nicht mehr geborgen werden Die Schäden im Zillertal sind sehr groß. Die Verwüstungen, die im ganzen Gschnih-Tale angerichtet wurden, lassen sich noch nicht übersehen, Der Gschnihbach hat an vielen Stellen ein ganz neues Bett durch Kulturland genommen Eine Hilfs­aktion wurde durch die Tiroler QanteSregierung eingeleitet.

Die Verheerungen in Graubünden.

Das Cbcrrfjcintal und das Engadin schwer betroffen.

Basel, 26. Sept. (TU.) Ununterbrochen treffen neue Rachrichten über schwere Schäden ein, die das furchtbare Unwetter am Samstag und Sonntag angerichtet hat. So wurden auch im Kanton Tessin von Biasca abwärts sämtliche Dämme überflutet. Die Gvtt- hardstrahe ist an mehreren Stellen unterbrochen. Jeder Verkehr ist unterbunden. Besonders kri­tisch ist die Lage im M i s o x e r t a 1. Dort haben große Felsblöcke die Wasser der Moesa abge­drängt. Artillerie ist dorthin beordert worden, um die gefährdeten Stellen wieder freizumachen. Im Cngaoin, wo von Cellerina bis nach Samaden das ganze Inntal unter Wasser gesetzt war, ist jetzt der Verkehr nach St. Moritz wieder ausgenommen wordem Das Hochwasser ist an vielen Stellen im Zurückweichen begriffen. 3n den Alpen fällt seit Sonntag vormittag Schnee.

In Graubünden gestattete 'sich die Unwetterkata­strophe zu der schlimmsten Heimsuchung feit dem Jahre 1868. In Chur mußte bereits am Vormit­tag ein Sappeur-Bataillon aufgeboten werden, um in Irimmin, wo eine gewaltige Steinlawine die Kantonstraße auf einer Breite oon 120 Meter völlig zerstört und jeglichen Verkehr im Rheintale unterbrochen hatte, die Bahnlinie zu schützen. Bei Taoanasa, wohin ebenfalls Hilfe entsandt werden mußte, wurde ein Doppelwohnhaus mit acht Be­wohnern und ein Bahnwärterhäuschen durch Stein- fchlag in den Rhein geschleudert und hin­weggeschwemmt. In Waltensburg wurde^ die Verdindungsbrücke zum Bahnhof zerstört. Ein Feld- aufseher ertranf in den Fluten, während fein Be­gleiter schwer verletzt gerettet werden konnte. In der Gemeinde Ringen berg mußte die ganze Bevöl­kerung vor dem hereinbrechenden Steinschlag fliehen. Alle Telephonverbindungen sind unterbrochen. In Vals steht der untere Teil des Dorfes vollständig unter Wasser. In Reichenau wurde ein großes Holz- und Bretterlager von den Fluten wegge- schwemmt. In Sargans verwandelte die Unwet­terkatastrophe die ganze Gegend in einen See. In Prä11igau versetzte ein Dammbruch des Schrar- baches die Einwohner von Schiere in großen Schrecken. Sehr schwer wurde auch B e r ge 11 heim- gesucht. Der Illsbach ergoß sich mit großen Geröll- maffen in das Dorf (Tafaccia, so daß die Be­völkerung nur mit großer Mähe von der aus St. Moritz herbeigeeitten Feuerwehr gerettet werden konnte. Chur und Umgebung blieben von dem Un­wetter mehr oder weniger verschont.

Montagabend brach auch die Brücke in Rin­ke n b e r g zusammen. Die Rebenflüsse desRheins bringen immer noch Geschiebe ins Tal. Die Gefahr dauert an. Abends gegen 6 Uhr setzte mietet leichter Regen ein. Die Tem­peratur ist gestiegen. Falls auf den mit Reu­schnee bedeckten Höhen Regen fallen sollte, müßte eine neue Katastrophe entstehen. In Waltensburg sind d r e i T o i e zu beklagen. Der Sachschaden ist noch unübersehbar. Der Dahn- verkehr im Bündener Oberland von Reichcmau aufwärts wird noch während einiger Tage un­terbrochen bleiben.

va§ Hochwasser in Liechtenstein Md Vorarlberg

Basel, 26. Sept. (TU.) Bei ter schweren Unwetterkatastrophe, die das Rheintal am Sonn­tag heimsuchte, ereignete sich in der Rähe von Buchs ein Dammbruch, wodurch der Rhein auf eine Breite von 200 Meter anschwell, die sich nach der Liechten st eins ch en Gemeinde Schaan und weiter nach Liechtenstein hinein vertiefte. Der Bahnhossvorstand von Schaan ertrank, während seine Frau und einige Feuerwehrleute vermißt werten. Schaan steht zum großen Teil unter Wasser. Der Dammbruch geht bis zur Eisenbahnbrücke, deren Pfeiler unter­spült sind, so dah die Schienen in das Wasser hängen. Das gonge Gelände gegen den Schellen­berg bildet einen großen See. Im Dorfe Schaan reicht das Wasser bis zu den Türen der Grdgeschvßwohnungen. Auch die Gleise und der Bahndamm sind auf einer Länge von 300 Metern vollkommen überschwemmt. Der Drahtverkchr mit Liechtenstein ist unterbrochen. D?i G a m p r i n hat ter Rhein in einer Brette von 30 Meter eine Lücke in den Damm gerissen. Die Bewohner flüchten auf die Dächer.

Der Landeshauptmann von Vorarl­berg, Dr. Ender, hat sich in das Ueberschwem- mungs gebiet begeben. Dom Ortskommandv Bre­genz sind gegen 200 Mann mit zahlreichen Booten zur Hilfeleistung dorthin geschickt worden. Bei

der Einmündung der 111 in den Rhein müssen die Dämme abgetragen werden, um den Wafsermassen Absluß zu schaffen. Don ter Eifenbahnbrücke bei Duchs steht nur noch ter mittlere Bogen: die Vorbrücken sind von den Fluten w e g g e r i s s e n worden. Auf der Liechtensteinschen Seite ist der Bahndamm in einer Ausdehnung von 1000 Metern ver­schwunden. Die Schienen ragen tn tee Luft. Die Regierung des Fürstentums Liechtenstein hat sich an den Schweizerischen Bundesrat mit ter Ditte um Hilfeleistung gewandt. Darauf hat der Dundesrat eine Sappeurabteilung in das dortige Hochwassergcbiet entsandt. Wegen Gefährdung der Rheinbrücke bei Duchs und Ueberschw.mmung sowie teilweiser Zerstörung des Bahnkörpers ist der gesamte Verkehr auf der Strecke Feldkirch Duchs eingestellt worden. Auf der Teilstrecke Feldkirch ^chaan-^Vaduz be­trägt die Dauer ter Verkehrsstörung ungefähr eine Woche, auf ter Strecke VaduzDuchs voraussichtlich drei Monate. Der durch­laufende Verkehr mit der Schweiz wird durch Umleitung aufrechterhalten.

Hochwassergefahr

in der Rheinprovinz.

Koblenz, 26. Sept. (TU.) Vom Ober­rhein wird starkes Steigen des Flusses gemeldet. Der Pegel von K o n st a n z ist seit gestern um 40 Zentimeter gestiegen und zeigt heute einen Stand von 4,82 Meter. Der Heidelberger Pegel zeigte 3,61 Meter gegen 2,78 Meter gestern morgen. Infolge des Hochwassers wurde die Schiffahrt eingestellt. Auch von den Reben- flüssen wird weiteres Steigen gemeldet. Der R e cf a r ist bei Iagstfeld innerhalb 24 Stunden um rund 2 Meter und bei Plochingen um 1,32 Meter gestiegen. Auch der Main ist beträcht­lich angeschwollen, an seinem Oberlauf durch­schnittlich um einen Meter. Ein Steigen ter Mosel ist zu befürchten, da tn ihrem Quell­gebiet erhebliche Rieterschläge gefallen sind. Wie amtlich gemeldet wird, muh in Koblenz m 11 einem Steigen deS Wafser - auf 4,50 Meter gerechnet werden.

Die Fortsetzung -er ttriegrschulddebatte.

Die Angst vor der Mührheit.

Was Reichspräsident v. H i n ö e n b u r g auf dem Schlachtfelde von Tannenberg gesagt hat, war für 99 Prozent aller Deutschen eine Selbst­verständlichkeit. Daß wir reinen Herzens in den Krieg gezogen sind, daß wir unser Schwert mit reinen Händen geführt haben, dafür bedarf es für uns keines Beweises. Es werten Bedenken dagegen erhoben, ob es zweckmäßig war, daß Herr v.Hindenburg das in diesem Augen­blick sagte aus innerpolitischen Grünten hat sich vor allem die Oppositionspresse daraus gestürzt es werten auch Einwendungen da­gegen gemacht, ob die Formulierungen, die er gebraucht hat, glücklich gewesen sind, aber in der Tendenz sind wir alle bis an die äußersten Greifen der linken Sozialdemokratie einer Meinung. Deutschland hat bis hinauf zum Kaiser diesen Krieg nicht gewollt, geschehen ist, was geschehen konnte, um ihn, nach­dem der Knoten einmal geschürzt war, zu Der« hi nbern, nur durch die Maßregeln der Geg­ner ist nachher Deutschland gezwungen worden, zur Wasfe zu greifen. Wenn die anderen das auch von sich sagen könnten, es stünde besser um ihre Sache. Aber bei ihnen liegen doch handgreifliche Beweise dafür vor. daß nicht etwa unmaßgebliche Außenseiter, sondern v e r a n t - wörtliche Ratgeber undMinister alles getan haben, um Oel ins Feuer zu gießen und solange zu Hetzen, bis ter Krieg da war. Iswolski, ter russische Botschafter in Paris, hat ja auch keinen Hehl daraus genracht, daß diesfein Krieg" sei: andere, die mit ihm am selben Strange zogen, haben es nicht öffentlich ausgesprochen, haben aber dasselbe gemacht.

Es war also selbstverständlich, gut und not­wendig, daß der Reichspräsidertt an der Stelle, wo ter russische Zug nach dem Westen zusammen­brach, noch einmal mit unmißverständlicher Deut­lichkeit erklärte, daß das erzwungene Schuld­eingeständnis von Versailles eine Lüge ist. Es war ebenso selbstverständlich dah der Reichsaußenmini st er sich hinter ihn stellte und tem Aus lande gegenüber die Deckung ter Aeuherungen des Reichspräsidenten übernahm. Es wäre schließlich begreiflich gewesen, wenn von draußen her einige mehr oder minder erregte Gegenäuherungen kamen, wenn zumal die chau­vinistische Presse aus dieser Blüte Honig zu saugen und die Befriedung Europas zu ver­hindern versucht hätte. Mit einer solchen Wir­kung konnte man sich abfinden. Sie schadete nichts, im Gegenteil, sie hätte wie ein lüft» reinigendes Gewitter gewirkt. Etwas ganz an­deres aber ist es doch, wenn derIntransigent" und seine Leute nicht allein bleiben, sondern eine

Gefolgschaft erhalten von belgischen und fran­zösischen Ministern, die sich überflüssiger­weise veranlaßt sehen, in den Streit einzugreifen, noch dazu nach Methoden, die einen Rückfall in die schlimmsten Zeiten des Krieges bedeuten. Woche um Woche ist Herr P o i n c a r 6 durch die Lande gezogen, hat Hunderte von Denk­mälern eingeweiyt und nicht ein einziges Mal versäumt, einige Steine auf Deutschland zu Wer­sen. Unsere amtlichen Stellen haben meistens dazu geschwiegen, sie haben nur hin und wieder einmal eine leise Einwendung gemacht. Und jetzt, wo ohne offensiven Beigeschmack vom deut­schen Standpunkt aus einfache Tatsachen fest­gestellt werden, da geht mit einem Mal ein Höllenlärm los. Ist das wirklich der G e i st -won Locarno, ter doch die Gleichberechtigung aller Staaten zur einfachen Voraussetzung hatte? Ist das der Sinn des ganzen Spieles, wenn heute ein belgischer Ministerpräsident kommen darf, um Deutschland der Brandstiftung, des Mortes, der Verwüstung und der Sklaven­halterei anzuklagen? Wobei doch gerate Herr Iaspar wissen muß, das) tatsächlich Belgien vor 1914 die ibm zugesicherte Reutralität aufge - geben und sich auf die Seite unserer Gegner gestellt hatte.

Wir haben die Probe auf das Exempel machen wollen und haben hier mit Entrüstung erleben muffen, wie die anderen Herren mit uns glauben umspringen äu können. Wir hätten uns damit abfinten müssen, wenn sie daraus be­harrten, daß der erzwungene Vertrag von Ver­sailles endgültig Recht schafft, denn in solchen Dingen entscheidet zunächst die Macht, und sie ist auf der Gegenseite. Deutschland denkt im Augenblick an eine große außenpolitische Aftion nicht, wir werden uns den Zeitpunkt schon Vor­behalten, wo wir den Kampf gegen die Schuld - lüge mit allen Mitteln betreiben. Was der Reichspräsident gesagt hat, ist weiter nichts, als ein Ragel, an dem wir jederzeit unsere Aktion! anhängen können. Bis dahin bleiben wir dabei, daß es unerträglich ist, wenn Ankläger und Richter dieselbe Person sind und daß deshalb vor dem Urteil der Geschichte die Versailler Formulierungen nicht starrdhalten kön­nen. Wenn Herr Poincare, Herr Iaspar und wie sie alle heißen mögen, wirklich ein so gutes Ge­wissen fjaben, warum sträuben sie sich denn so heftig gegen den deutschen Vorschlag, daß ein unparteiischer Gerichtshof die Frage der Kriegsschuld untersuchen soll? Doch nur des­halb, weil sie Ang st vor der Wahrheit haben und weil sie befürchten, daß vor neutralen Beobachtern die bewußte Hetze, mit der sie Eu­ropa in den Krieg bineingetrieben haben, nicht verborgen bleiben farm.