Einzelbild herunterladen

Nr. 200 Erstes Blatt

177. Jahrgang

Samstag, 27. August (922

Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags.

Beilagen:

Gießener FamiNenblätter Heimat im Bild Die Scholle.

Monati'vezugrpreir:

2 Reichsmark und 20 Reichspfennig für Träger« lohn, auch bei Richter, scheinen einzelnerRummern infolge höherer Gewalt. Fernsprech ans chlüsse: 51, 54 und 112.

Anschrift für Drahtnach­richten: Anzeiger riehen. Postscheckkonto:

Zrankfnrl am Main 11686.

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

vnlck und Verlag: VrLHI'sche llniverfttäts-Vuch- und SteindruSerei R. Lange in Sieben. Schristleitung und Geschäftsstelle: Zchulstraße 7.

Annahme von Snzelgen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.

Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re- Klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20°, mehr.

Chefredakteure

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Derantworllich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An­zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen.

Deutschland und der Völkerbund. Don Professor Dr. W. Goetz, Leipzig.

Mitglied des Reichstags.

2lls Deutschland in den Völkerbund eintrat, stand es vor zwei Möglichkeiten: entweder kam eS dadurch zu einem Einfluh in allen Fragen der grohen Politik und damit zu einer lieber» Windung des Versailler Vertrags, oder es wurde unter einem täuschenden Schein gezwungen, Ge­schehenes anzuerkennen und sich stets von der französisch-englischen Seite überstimmen zu lassen. Entscheidend für Deutschlands Eintritt war aber die Erkenntnis, daß es außerhalb des Völker­bundes keinerlei Einfluß auszuüben vermöge, denn nur das mit dem Völkerbund zu getollt» nende Vertrauensverhältnis zu anderen Mächten Formte Deutschland die Möglichkeit zu neuem Ein­fluß geben. Bei dieser unabänderlichen Sachlage gab es zuletzt keinen Zweifel: Deutschland muhte dem Völkerbund beitreten, gleichviel ob unsere Mitwirkung wls direkte Vorteile bringen würde oder nicht; selbst das Zusammengehen mit den einstmals neutralen Staaten setzte den Eintritt in den Völkerbund voraus, denn sie hatten ihr Schicksal nun einmal alle mit dem Völkerbund verknüpft.

Fragt man heute, ob wir durch den Völker­bund zum Schweigen und Dulden gezwungen wor­den sind oder ob wir etwas für uns erreicht haben, so ist die Antwort kaum zweifelhaft: wir haben Wohl bireft im Völkerbund noch nichts Wesentliches erreicht, aber nur über den Völker­bund ist der Weg zu allen jenen Verhandlungen gegangen, die der deutsche Außenminister mit den französischen und englischen Staatsmännern führen konnte und die zu kleineren Zugeständnissen an Deutschland und zu einer trollen Wiederaufnahme Deutschlands in den Kreis der Großmächte ge­führt haben. Aber das sind moralische Gewinne, die unsere größten Schmerzen nicht heilen. Wir wollen in erster Ginie die Räumung des Rheinlandes; solange sie nicht erfolgt, kann unser Vertrauen zum Wert des Völkerbundes nicht allzu hoch steigen. Oder liegen die Hinder­nisse nicht beim Völkerbund? Es ist in der Tat so: unsere Aufriahme in den Völkerbund hat zu Abmachungen geführt, die wir dankbar be­grüßen müßten, wenn sie ausgeführt worden wären. Die Hindernisse liegen nicht beim Völker­bund, sondern ausschließlich in Paris bei jenen Kreisen, deren Füchver der Ministerpräsident Poincar6 ist.

Es ist eine von Chamberlain erhärtete Tatsache, daß in Locarno die baldigeRäu- m u n g des Ryeinlandes z u g e s a g t worden ist. Für die Verzögerung ist nicht der französische Außenminister Driand verantwortlich, sondern seine französischen Gegner, jene unversöhn­lichen Feinde Deutschlarrds, die mit Ge­waltmitteln die zu rasche Wiedererstarkung Deutschlands verhindern möchten. Der Minister­präsident Pvincarö benutzt seinen Einfluß, um das Versprechen des französischen Außenministers zu durchkreuzen. Aber es bleibt trotzdem bestehen, daß Deutschland von den Außenmini­stern Frankreichs und Englands in Lo­carno die feste Zusage auf die Räumung des Rheinlandes erhalten hat; damit ist aber doch eine Rechtslage geschaffen, an der selbst die französischen Rationalisten auf die Dauer nicht vorbeikommen werden. Wenn Chamberlain die Ehre Englands in dieser Sache enga­giert sieht, so wird sich auch in Frankreich der Standpunkt Briands schließlich durchsetzen müssen die Zeit wird stärker sein als Poincare.

Wer unsere Lage nach dem Weltkrieg unbe­fangen betrachtet, wird schon in dem Erreichten und dem Zugesagten Fortschritte sehen müssen. Der Grundirrtum aller unbefriedigten Kritiker auf diesem Gebiete ist, als ob wir im Handum­drehen wieder erhalten könnten, was uns mit kalter Berechnung genommen worden ist. Die einzige Möglichkeit einer vollen Wiederherstel­lung der Rechte und der Grenzen Deutschlands besteht in einer zähen, geduldigen Poli­tik im Rahmen des Völkerbundes. Tagungen ohne wesentliches Ergebnis wie die letzte müssen hingenommen werden; unsere Politik kann nicht auf heute oder morgen eingestellt sein. Das Schlimmste, was wir machen können, wären Fehler aus Verstimmung über das zu langsame Tempo unserer Erfolge. Wir haben doch nun genugsam gesehen, daß alle Hoffnungen auf Zwist unter unseren ehemasigen Gegnern eitel sind, und daß das Verttauen der Welt zu uns nicht durch bloße Worte gewonnen werden kann. In sieben Jahren ist eins zum andern langsam hin­zugekommen, unsere Stellung zu bessern; der Grund ist breiter geworden, auf dem wir wieder bauen können. Vor einigen Jahren wäre es noch nicht möglich gewesen, daß der deutsche Außen­minister im Ausland gefeiert worden wäre, wie es in Genf und in Oslo der Fall gewesen ist.

Die letzte Tagung des Völkerbundes war ohne Zweifel so gut wie ergebnislos. Ob die deutsche Politik bei stärkerer Initiative mehr erreichen könnte, bleibt dahingestellt. Wir müssen schon zufrieden fein, wenn Frankreich, wie in den Tagen des Ruhrkampfes als der Störenfried angesehen wird Frankreich kann erfahrungs­gemäß solches Verdikt der öffentlichen Meinung nicht lange ertragen. Ob in Genf privatim dennoch etwas erreicht worden ist, ob die De- sprechungen der drei Außenminister weiter ge­führt haben als die offiziellen Verhandlungen, entzieht sich unserer Kenntnis; sicher ist wohl nur, daß die abenteuerlichen Gerüchte über Zu­geständnisse auf militärischem Gebiet, die von

Besatzungsabbau um nur 1OOOO Mann.

Paris sieht Locarno alsniemals abgeschlossen" und jedenfalls wertlos für den Frieden an.

Paris, 26. Aug. (WTB.) Der Gonöoncr Berichterstatter der Havasagentur will den In­halt der englischen Antwortnote zur Frage der Besahungsverminderung wie folgt skizzieren können: Die englische und französische Regierung seien durchaus einer An­sicht darüber, daß die Besetzung ausschließlich vdm Standpunkt des Dawesplanes ange­sehen werden müsse, dessen Garantie sie sei, wäh­rend der Sicherheitsfaktor, was man auch gesagt haben möge, nicht im Vordergründe ge­standen habe. Die beiden Regierungen seien gleicherweise der Ansicht, daß Deutschland keine Ziffern aufzustellen habe, sondern daß es Sache der englischen und französischen Regierung sei, hierüber zu entscheiden. Es sei jedoch klar, daß beide Regierungen anerkennten, das Deutschland im Jahre 1 9 2 5 betreffend die Besatzungs­verringerung gegebene Versprechen halten zu müssen, ohne daß man sich jedoch auf die deutsche Auffassung von der sogenannten nor­malen Besetzung festlegen könne. Die englische, belgische und französische Regierung würden also den Bestand ihrer Truppen festzusehen haben. Der Llnterschied zwischen London und Paris in der Verwendung dieser Effektivbestände beziehe sich auf eine beschränkte Ziffer, da es sich nur um eine Spanne zwischen 60 000 und 5 6 000 handele. Vom englischen Gesichts­punkt aus sei die Ursache ^hierfür besonders in Gründen technischer Art zu suchen, da ja die Organisation der englischen Besatzungstruppen durch ein Berufsheer gebildet werde, und auch in einer Art Prestigefrage der militärischen Würde, die den Wunsch rechtfertigte, im Rheinland eine im Vergleich mit den französischen Truppen an­gemessene Anzahl englischer Truppen oeizube- halten. Es handett sich also darum, die These der Diplomatie und diejenige der Mili­tärs in Einklang zu bringen, was übrigens nicht für unnötig angesehen werde, da ja die Verständigung zwischen beiden Regierungen im Prinzip erfolgt sei. Dies fei der Inhalt der Antwortnote, die vom englischen Kabinetts­rat gestern formuliert worden fei. Die Antwort, so erklärt der Londoner Berichterstatter der Havasagentur, regelt nicht die ganze Frage, be­endet aber die Erörterungen zwischen London und Paris. Diese würden vielmehr in einigen Tagen direkt zwischen dem englischen und französischen Außenminister fortgeführt werden, da Cham­berlain am 30. August in Paris weile und bis zur Weiterfahrt nach Genf, die am Abend desselben Tages erfolge, genug Zeit haben werde, um sich mit Briand zu besprechen.

Die englische Antwortnote betref­fend die Herabsetzung der Besatzung s- truppen im Rheinlande ist heute, wie derTemps" berichtet, von der englischen Bor­schaft in Paris dem Quai d'O r s e y übermittelt worden.

Englisch-französische Verständigung.

Paris, 26. Aug. (Wolff.) Heute vormittag wurde ein Ministerrat abgehalten. Das amtliche Communique darüber besagt lediglich, daß die Sitzung von 9.30 Uhr bis 13.10 Uhr gedauert und sich mit der Erledigung laufender Angelegenheiten beschäftigt habe. Der nächste Ministerrat ist auf Freitag, den 2. September angesetzt worden. Rach Schluß des Ministerrates erklärte B r i a n d, daß mit der englischen Re­gierung eine

Verständigung übSr die Verminderung der Be- sahungslruppen so gut wie erzielt sei.

Er erklärte ferner, daß Senator d e 2 ouve - n e I, der von der Dölkerbundsdelegation zurück­tritt, nicht durch einen anderen Delegierten er­seht werde.

Die Havasagentur verbrei et folgende Auslassung: Die englische Rote betreffend die Effektivbestände im Rheinland ist heute vormittag dem M i n i st e r r a t unter­breitet und von diesem geprüft worden. Diese Rote behandelt zwei Fragen, die noch uner­ledigt geblieben waren, diejenige des Gesamt-- effektivbestandes der DesahungLtruppen und diejenige ihrer Verteilung. Die erste Frage ist bereits als gelöst anzusehen.

Line Gesamiziffer ist festgesetzt worden, die mit den von den militärischen Sachverständigen gegebenen Hinweisen übereinskimmt.

Was die Verteilung der Effeküvbestände betrifft, so dürfte die französische Regierung sofort ihre Antwort nach London übermitteln und eventuell neue Vorschläge bcfanntg:ben, die auf j.den Fall von den englisch-en Anregungen nicht sehr weil

kommunistsicher Seite verbreitet werden, hinfällig sind; zur Zeit hat der deutsche Außenminister bei feinen vertraulichen Besprechungen mit Driand und Chamberlain wohl noch wichtigere Aufgaben zu betreiben als die Steigerung der deutschen Rüstung. Poincare sieht eine große Gefahr in der Räumung des Rheinlands, aber er kann es nicht verhindern, daß sich auch in Frankreich nach jeder ergebnislosen Tagung des Völker­bundes Die uns entgegenkommende Stimmung wieder verstärkt.

Wir wollen uns nicht über das bisher Er­reichte täuschen, es ist nur ein Anfang. Aber

entfernt sein werden. Sie glaube zu wissen, daß die Zifter, auf die sich zu einigen die beiden Re­gierungen im Begriffe stehen, eine Kompro­mißlösung zwischen den ursprünglichen eng­lischen und den französischen Ansichten darstellt. Man darf also auf eine Herabsetzung der französtschen Besahungstruppen gefaßt sein, die sich auf etwa 8000 Mann belaufen könnte.

Befriedigung der englischen Regierung. London, 26. Aug. (WTB.) Reuter er­fährt, daß in maßgebenden britischen Kreisen Befriedigung über die Erklä­rung Briands besteht, daß die britische und französische Regierung tatsächlich zu einer Eini­gung in der Frage der Rheinlandbesahung ge­langt seien. Es wurde erklärt, daß es sich bei der ganzen Frage um das Verhältnis, in welchem die Truppenstärken herabgesetzt werden sollten, gehandelt habe.

Einzelheiten über den Pariser Kuhhandel.

London, 27. Aug. (WTB. Funkspruch.) Zu dem in der Frage der Verminderung der Rheinlandtruppen angeblich erzielten franzö­sisch-britischen Kompromiß auf der Basis der letzten Vorschläge des bri­tischen Kabinetts berichtetTime s" aus Paris:Die britisch-ftanzösischen Meinungs­verschiedenheiten seien überwunden. Die französische Regieung nehme grundsätzlich die britische Auslegung der Funk­tionen des Besatzungsheeres an, daß nämlich der Hauptzweck die Bildung einer Ga­rantie für die deutschen Zahlungen gemäß dem Dawesplan sei. Die Frage der Sicher­heit sei nicht erörtert worden.

Die britische Regierung stimme einer Herab­setzung um nur 10 000 Mann zu. Es werde erwartet, daß Frankreich davon 8000 Mann zurückziehen werde.

Es bestehe guter Grund zu der Vermutung, daß dies die endgültige Lösung ist und daß ihre Annahme durch die französische Regierung noch vor der Genfer Zusammenkunft verkündet werden wird. Die Gesamtzahlen der Truppen im Rheinland würde dann etwa 60 000 Mann betragen, und es ver­laute, daß die belgische Regierung hiermit ein­verstanden sei. Der Berichterstatter fügt hinzu, daß in Paris eine Tendenz besteht, die L v - carno-Ablommen so zu behandeln, als ob sie niemals abgeschlossen worden wären und jedenfalls wertlos für die Wiedericrstel- lung und für die Aufrechterhaltung des Frie­dens seien. Der Korrefvondenl bemert. aber, die Deutschen hätten sich selbst dafür zu bedan­ken, wie die letztenbeunruhigenden" Vorgänge in Deutschland auf die Beziehungen der beiden Länder zurückwirken.

Pertinax berichtet imDaily Tele­graph" aus Paris: Die Frage der Verminde­rung der Rheinlandtrupven könne jetzt als ge­regelt angesehen werden. Etwa 1 8 0 0 britische, 1100 belgische und 6800 französische Truppen würden zurückgezogen werden.

Der diplomatische Korrespondent desDaily Telegraph" schreibt: Die französische Ant­wort auf die letzten britischen Vorschläge war bis gestern spät abends noch nicht in amtlichen britischen Kreisen eingetroffen. Der Korrespon­dent wendet sich in eingehenden Ausführungen gegen di e französische These, daß

die Besetzung des Rheinlandes durch alliierte Truppen rechtlich über die Vertragsgrenzen hinaus verlängert

werden könne, um eine vorgeschobene Stel­lung für S r a n t c e i a> zu schaffen. Eine solche ausgedehnte Besetzung würde die Sicher­heit bedrohen, die Deutschland durch den Locarnovertrag versprochen fei.

Englands 6 Punkte.

Paris, 27. Aug. (WTB.-Funkspr.)M a - tin" will in der Lage fein, Angaben über den Inhalt derRote zu machen, die das Foreign Office gestern vormittag am Quai d'Orsay über­reichen ließ und über deren Inhalt der Minister- rat gestern beriet. Dieses Schriftstück enthalte sechs Punkte:

1. Die Lage erlaube, dem Versprechen einer Herabsetzung der Stärke der Besahungs­truppen nachzukommen. >

2. Diese Herabsetzung werfe in feiner *

wir müssen daran fest halten, daß der begonnene Weg ohne Schwanken weitergegangen werden muh, daß er der einzige ist, der überhaupt zu Erfolgen führen kann; daß er nur langsam zu der Höhe führen kann, auf der wir Deutschland wieder sehen wollen, liegt ebenso deutlich zutage. Die Geduld ist in der Gegenwart die Voraussetzung jeder posittven deutschen Politik.

Einkreisung Nankings?

Schanghai, 26. Aug. (WTB.) Rach der gestern erfolgten Besetzung von Tungtschau, 80

Weise den Grundsatz der vorzeitigen Räumung auf und könne nicht als Etappe zum vollkommenen Verzicht auf die ter­ritorialen Pfänder angesehen werden.

3. Der Zweck der Besetzung fei, die Zahlungen nach dem Dawesplan zu verbürgen.

4. Es fei nicht Sache Deutschlands, die Zahl der Effeftivbest-ände festzu- fehen, und die Gesamtheit der Zahl der deut­schen Garnisonen vor dem Kriege von 50 000 Mann könne nicht als Grundlage für die Herab­setzung der gegenwärtigen Rotwendigkeiten an­gesehen werden.

5. Man forme insgesamt 60 000 Mann englischer, französischer und «belgischer Truppen als berechtigt, notwendig und genügend erachten.

6. Die Zurücknahme von etwa 9000 Mann würde sich proportional ver­teilen, damit Großbritannien im Rheinland einen Stamm von Truppen erhalte, der es ge­nügend vertrete.

Echo de Paris" glaubt übrigens mitteilen zu formen, daß es im gestrigen Ministerrat bei Besprechung der englischen Rote nicht ohne Erregung zugegangen sei.

Rücktritt

Lord Robert Cecils?

London, 26. Aug. (WB.-Reuter.) In poli- tischen Kreisen sind in den späten Abendstunden Gerüchte im Umlauf, wonach ViscountCecil, der Kanzler des Herzogtums Lancaster, von feinem Posten im Kabinett zurück- getreten ist, und zwar soll der Grund in Meinungsverfchiedenheiten mit mehreren feiner Kabinettskollegen bestehen, die sich auf den Völ­kerbund beziehen.

Das Gerücht vom Rücktritt Lord Ro­bert Cecils erregt beträchtliches Aufsehen. Premierminister Baldwin hat auf eine An­frage, ob das Gerücht zutreffe, erklärt, er könne es we der dementierennochbestätigen. Cecil gab auf eine Anfrage an:Ich kann diese Frage nicht beantworten" Der polittsche Korrespondent derWestminster Gazette" ent­nimmt aus der Antwort, daß eine Reibung zwischen Lord Cecil und seinen Kabinettükol- legen bestehe, die sich bereits bei der letzten Flottenkonferenz zeigte.

Der politische Sonderberichterstatter desDaily Expreß" schreibt, der Grund für das Rücktritts- gesuch Lord Cecils sei eine Kabinettsspal- t u n g , die seit mehreren Tagen in politischen Krei­sen ein offenes Geheimnis sei und besonders Chamberlain und Cecil betreffe. Die Krise, sei entstanden wegen der Frage der Verminde­rung der Rheinlandtruppen.

Cecil habe den Standpunkt vertreten, die Weige­rung der französischen Regierung, ihre Trup­pen um mehr als 5500 Mann zu verrringern, sei ein verbrechen gegen den Geist von Locarno. Cecil gehe noch weiter und erkläre, daß über­haupt feine Besatzung mehr bestehen dürfe, da die französische Sicherheit durch Locarno und das gesamte britische Heer gewährleistet sei.

Chamberlain ergreife, wie gewöhnlich, die Partei Frankreichs. Es werde daher das außerordentliche Schauspiel geboten, daß Cecil zu­rücktrete oder mit seinem Rücktritt drohe als Pro - test gegen Chamberlains Haltung und nm den Locarnovertrag zu retten, für den Chamberlain die Hauptanerkennung erhalten habe. Man glaubt nicht, daß die aus Paris gemeldete Vereinbarung, das Besatzungsheer auf 60 000 Mann herabzusetzen, Lord Cecil zufriedenstellen werde.

Dienstag Kabinettsfitzung in Berlin.

Das Reichskabinett wird, wie die Berliner Blätter berief).en, am Dienstagvormil.ag zu einer Sitzung zusammen treten. An ber Sitzung werden voraussichtlich nur wenige Mit­glieder des Kabinetts teilnehmen, da sich die meisten Minister noch im Urlaub befinden. Bei dieser Gelegenheit werden u. a. die Genfer Ratstagung und die Vollversammlung des Völkerbundes noch einmal behandelt. Da die eigentliche Aussprache im Hinblick auf Genf im Kabinett schon vor den Sommerferien statt- gesunden hat, so wird man von der Sitzung am Dienstag keine neueren Beschlüsse mehr er­warten können. Reichsaußenminister Dr. S i re fe­rn a n n tritt am Dienstagabend feine Reife nach Genf an. Die Mitglieder der deutschen Delega­tion folgen erst später, wenn die Vollsitzungen beginnen. Staa ssekre.är Weißmann begleitet die Delegation als Vertreter des Reichsrates.

Kilometer nördlich von Schanghai, am linken Hfer des Jangtse, durch die Truppen Sunt- schuanfangs ixicö der lieber gang des S 1 r o- mes an zwei Stellen geweidet. Die Nordtruppen haben diesen Tiebergang bei Lungtan, 24 Kilo­meter flußabwärts von Nanking, und an einer anderen Stelle, 16 Kilometer flußaufwärts von dieser Stadt bewerkstelligt. Anscheinend beab­sichtigt Suntschuansang, Nanking zu um­kreisen und den Rückzug der Verteidiger dieses Platzes zu verhindern. Zu diesem Zweck soll er die PekingScha ng Hai- Eisenbahn bei ßungtan angeschnitten Hecken.