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Wo der Bewegungs- und Tatendrang unterbun­den wird, wo die Eltern das Kind verzärteln und verweichlichen, da muß es zu Störungen kommen: daher die Nervosität des einzigen Kindes, an dem mehr als an anderen Kindern herumerzogen zu wer­den pflegt. Das Kind braucht Freiheit, es muß die Möglichkeit haben, feine Natur zu betätigen und auszule^en; es darf nicht von allen Spielen und Gefährten, von allen Gefahren ausgeschlossen wer­den. Leicht zieht es sich sonst von der Welt zurück, spinnt sich in sich ein, wird frühreif, verträumt, krank.

So erweist sich also die Welt des Knaben als von der des Erwachsenen verschieden: aber die Welt des Erwachsenen steht neben seiner eigenen, und Konflikte zwischen beiden sind häufig. Den Knaben drängt es etwa, den Erwachsenen zu necken und zu reizen, seine Unruhe an ihm auszulassen und ihn zum Ziel seiner Bubenstreiche zu wählen: der Knabe entdeckt die Schwächen des Erwachsenen im allgemeinen sehr rasch, und er weiß, sie zum Gegen­stand seines Spottes zu machen. Dabei zeigt er Er­findungsgabe, Umsicht, Wagemut. Das Treibende ist hier oft, die eigene Minderwertigkeit zu überwin­den, sich dem Erwachsenen überlegen zu zeigen, in der eigenen Gemeinschaft etwas zu gelten.

Damit wären im wesentlichen die Gedanken des anregenden und inhaltreichen Buches von Goldbeck umschrieben. Goldbeck zeigt uns eindringlich, daß die Welt für den Knaben anders aussieht als für den Erwachsenen. Das, was dem Erwachsenen als Spiel erscheint, ist für den Knaben Lebensnot­wendigkeit: nimmt man ihm diese Betätigungsmög­lichkeit, dann muß es zu Stauungen und Störungen kommen, die ihn aufs schwerste gefährden. Nicht die geordnete Bewegung im Turnen oder Spazieren­gehen ist das Element des Knaben, sondern die freie Bewegung, das Tollen und Toben: alles geordnete und gezwungeneSpielen" und Turnen ist nicht das gleiche: eine Tortur geradezu aber ist Be­wegungslosigkeit. In dem Tollen und Toben erlebt er die Höhepunkte des Lebens: ohne sie macht sich eine Langeweile breit, die keinen Frohsinn, keine Freude aufkommen läßt. Der Erziehung er­wächst aber die Aufgabe, bei aller notwendigen Ge­wöhnung an die Arbeit, dem Knaben die Freiheit und die Möglichkeit zu geben, seine Kräfte spielen zu lassen und auszuwirken, ihn in seiner Welt leben und genießen zu lassen, ihm Freiheit hierzu zu ge­währen.

Zur Frage des juristischen Prüfungswesens in Hessen.

Von der Juristischen Fakultät der Lcmdesuni- versität wird uns geschriebene

In der Sitzung des hessischen Landtages vom 2. Juni ds. Is. ist bei der Beratung des Iustiz- etats auch das juristische Prüfungswesen berührt. Vach dem Bericht des Gießener Anzeigers vom 3. 6. ds. Is. hat dabei der 2lbg. Schul in bezug auf die Prüfungen an der Juristischen Fakultät der Landesuniverckttät gemeint ist augenschein­lich die sog. Fakultäts- (Referendar-) Prüfung ausgeführt, die Prüfungen seien dadurch auffal­lend, daß sehr eingehend im Kirchenrecht geprüft werde. Es sei sonderbar, daß fast regelmäßig etwa die Hälfte der Kandidaten durchfalle: es müsse da mit dem Prinzip der Prüfungen etwas nicht sttmmen. Rach dem Bericht des Darmstadter Tag­blattes vom gleichen Tage hat der Abg. Schül ferner bemertt, es würden derart entlegene Fra­gen gestellt, daß man eine bestimmte Absicht da­hinter suchen muffe. Der Redner hat vorgeschlogen, daß ein richterlicher oder ein Ministerialbeamter den Vorsitz in der Prüfungskommission erhalte, er hat wegen des Prüfungsverfahrens auf die Verhältnisse in andern Ländern, namentlich in Baden, hingewiesen.

Der Wortlaut der Rede des Abg. Schül liegt zwar noch nicht in authentischer Fassung vor. Jedoch schon die Form, wie die Aeußerungen des Abg. Schül durch die Presse verbreitet sind, birgt die Gefahr einer Mißdeutung der wirklichen Sach­lage in sich, der entgegenzutreten, die Stellen genötigt sind, die sich durch die Art der Weiter­gabe dieser Darlegungen in der Oeffentlichkeit einer abfälligen, aber sachlich nicht begründeten Krittk ausgesetzt sehen. Denn wenn hier bemerlt ist, daß wegen der großen Zahl der ohne Erfolg geprüften Kandidaten mit dem Prinzip der Prü­fungenetwas nicht stimmen muffe, und wenn diese Erscheinung alssonderbar" bezeichnet wird, so können die gebrauchten Wendungen von den mit den Verhältnissen nicht näher vertrauten Kreisen kaum anders als in einem Sinne ver­

standen werden, der Zweifel an der Objettivität des beobachteten Verfahrens aufkommen lassen muß.

Gegenüber den in die Tagespresse überge­gangenen Ausführungen des Äbg. Schül stellen wir folgendes fest:

1. Konkrete, eine Rachprüfung ermöglichende Angaben sind mit einer gleich zu erwähnenden Ausnahme von dem Abg. Schül nicht gemacht. Es hätte dies um so eher erwartet werden dürfen, als die Prüfung sich im denkbar weitesten Um­fange in voller Oeffentlichkeit abspielt, da nicht nur zu der mündlichen Prüfung unbeschräntter Zutritt gewährt wird, sondern nach der Prü­fungsordnung den Kandidaten auch gestattet ist, nach Beendigung der schriftlichen Prüftrng ihre Arbeiten einzusehen, eine Befugnis, von der regel­mäßig Gebrauch gemacht wird. Was die Hervor­hebung des Kirchenrechts anbelangt, so liegt eine offenbare Verwechslung vor mit der juristischen Doktorprüfung, für deren wissenschaftliche Ausge­staltung allein die Fakultät die Verarttwortung trägt und zu deren Ablegung niemand gezwungen ist. In der Dottorprüfung wird allerdings regel­mäßig Kirchenrecht, wenn oud) nur in den Grund­zügen, geprüft. Man wird dtes auch an anderen Universitäten geübte Verfahren kaum beanstanden können, solange die juristische Doktorwürde als die eines Dr. juris utriusque, eines Doktors beider Rechte, d. h. des weltlichen und des kirchlichen Rechtes, verliehen wird.

2. Wenn der Abg. Schül bemängelt hat, daß in der Referendarprüfung fast regelmäßig etwa die Hälfte der Kandidaten durchfalle, so bedarf diese Behauptung der Berichtigung. Rach den Ergeb­nissen der in den letzten vier Jahren abgehal­tenen acht Prüfungen hat in zwei Prüfungen rund die Hälfte der Kandidaten nicht bestanden und zwar handelte es sich dabei um Frühjahrstermine, die erfahrungsmäßig meist schlechtere Leistungen aufweisen als die Herbsttermine. Im übrigen be­wegt sich die Zahl der Kandidaten, die nicht be­standen haben, zwischen 31 und 41,7 P^wzent, im Gesamtdurchschnitt für alle acht Termine auf 39,5 Prozent und unter Ausscheidung der beiden schlechtesten Termine auf 36,8 Prozent, also etwas über ein Drittel. Das klingt aber wesentlich anders als die Behauptung, daß fast regelmäßig unge­fähr die Hälfte der Kandidaten dnrchfalle.

3. Cinzuräumen ist ohne weiteres, daß auch so noch ein Ergebnis der Prüfungen übrig bleibt, das ernsteste Beachtung erheischt. Völlig verfehlt ist es jedoch, darin eine Erscheinung zu erblicken, die nur für Hessen gilt, und sie in Verbindung zu bringen mit der besonderen Ausgestaltung der hiesigen Prüfung und der Zusammensetzung der Prüfungskommission. Was hier entgegentritt, ist eine Allgemeinerscheinung, die genau in der­selben, zum Teil sogar in noch schärferer Form auch in anderen Ländern zu beobachten ist.

ilm einige Beispiele zu geben, so beläuft sich für Preußen nach amtlichen Angaben, die uns zu Gebote stehen, der Prozentsatz der Kandidaten, welche die erste juristische Prüfung nicht bestanden haben, für 1924 auf 28 Prozent, für 1925 auf 30,37 Prozent, für 1926 auf 30,23 Prozent.') Diese Prozentsätze sind als Durchschnitts- zahlen zu bewerten: für eine ganze Anzahl von Oberlandesgerichtsbezirken kommen Ergebnisse heraus, die sich in nichts von den hessischen Zahlen unterscheiden. In der letzten Frühjahrs­prüfung in Braunschweig sind von 18 Prüflin­gen 7 = 38,89 Prozent durchgefallen. Geradezu grotesk klingt es, wenn der Äbg. Schül auf die Verhältnisse in Baden hinweist und im Hinblick auf die wenig befriedigenden Ergebnisse der Prüfungen in Hessen das dort gegebene Muster zur Rachahrnung empfiehlt. Die Ergebnisse der badischen ersten juristischen Prüfung sind aus nachstehendes Tabelle") zu entnehmen:

Frühjahr 1925: zügel. 50, nicht best. 20 = 40%,

Herbst 1925: 73..... 35 = 48%,

Frühjahr 1926: 57, 25 = 44%,

Herbst 1926: 65, 32 = 49%,

Frühjahr 1927: 51 20 = 39%.

Die Ergebnisse sind also in Baden keineswegs besser, im Durchschnitt sogar erheblich schlechter als bei uns. Und dieser lleberblick zeigt ferner, daß das Gesamtbild vollkommen unabhängig ist von der in den mitgeteilten Fällen sehr ver- *)*)

*) Vgl. hierzu auch ©teurer, Präsident des juristischen Landesprüfungsamts, Deutsche Iuristenzeitung 1926 SP. 712/13.

*) Siehe wegen der Zahlen für die Jahre 1925 und 1926 Oberlandesgerichtsrat Buzen­ge i g e r, Juristische Wochenschrift 1927 S. 6.

schiedenen Art, wie die Prüfungskommissionen zusammengesetzt sind.

4. Worin die Ursachen der schlechten Prü­fungsleistungen zu erblicken sind, kann hier nicht abschließend verfolgt, sondern nur in einigen An­deutungen gestreift werden.

Einmal ist zu sagen, daß zwar im großen und ganzen, wie rückhaltlos anerkannt werden soll, heute auf den Universitäten, insbesondere in Gießen, fleißig und eifrig gearbeitet wird, daß es aber immer noch eine Anzahl von Studieren­den gibt, die in der Ausnutzung ihrer Studien­zeit zu wünschen übrig lassen. Wenn, wie es vorgekommen ist, Rechtskandidaten in der Prü­fung den Unterschied zwischen Schöffen und Ge­schworenen nicht zu erklären vermochten, oder nichts von dem Vorhandensein einer Reichs- versicherungsordnung wußten, so kann das ledig­lich auf Unfleih zurückgeführt werden. In der­artigen Fällen eine unsachgemäße Milde walten zu lassen, wird wohl niemand empfehlen.

Dazu kommt weiter der ungesunde Andrang gerade zum juristischen Studium, der nach vor­übergehendem Abflauen neuerdings wieder ein­gesetzt hat. Es ist selbstverständlich, daß dabei sich auch ungeeignete Elemente der juristischen Lauf­bahn zuwenden. zu der sie weder Reigung noch Befähigung treibt, und daß dadurch das Ergebnis des Examens ungünstig beeinflußt wird.

Und endlich darf nicht verschwiegen werden, daß auch die Leistungen unserer höheren Schulen nicht immer an die Anforderungen hinanreichen, die im Interesse eines erfolgreichen Studiums der Rechtswissenschaft nun einmal gestellt werden müssen. Es mag in diesem Zusammenhänge ge­nügen, auf die Betrachtungen hinzuweisen, die erst vor kurzem der jetzige Vizepräsident des Preußischen Landesprüfungsamts, Geh. Justizrat Dr. S a 11 e l m a ch e r, den Ergebnisfen der ersten juristischen Prüfung in Preußen im Jahre 1926 gewidmet hat.ff Wenn dort bemerkt wird, daß nach den erstatteten Berichten die verhältnis­mäßig hohe Zahl der Mißerfolge in Preußen zum Teil aus eine ungenügende Auslese der für das S!udium befähigten Schüler auf den höheren Schulen zurückzuführen fei, wenn in Preußen darüber geklagt wird, daß die Allgemeinbildung der Studierenden in immer stärkerem Maße Nach­lasse und daß dies insbesondere gelte von den Kenntnissen der Studierenden in der vaterländi­schen und Weltgeschichte, der Fähigkeit, einen Ge­dankengang logisch klar zu gliedern, und der Beherrschung der deutschen Sprache, so treffen ähnliche Beobachtungen auch für eine größere Anzahl der hier geprüften Kandidaten zu und sind bei der Bewertung der hessischen Prüfungs­ergebnisse mit heranzuziehen.

t) Deutsche Iuristenzeitung 1927 Sp. 969 f.

NsMandsmatznahmen für die LLnWettergeschädrgten in Rheinhessen und Starkenburg,

Der Minister für Arbeit und Wirtschaft hatte auf dein 25. Juli die Vertreter zahlreicher Be­hörden und landwirtschaftlichen Organisationen, den Präsidenten des Landtags und verschiedene Abgeordnete sowie mehrere Interessenten zu einer Besprechung eingeladen, die dem Zweck dienen sollte, die dankenswerterweise vielerorts im Lande ins Leben gerufenen Hitf saktiv- men f ü r die nwetter g es chä bi g ten in Rheinhessen und Starkenburg zu- sammenzufassen, hierdurch eine Zersplitterung der Hilfe zu vermeiden und eine einheitliche plan­mäßige Aktion in die Wege zu leiten. Wenn auch die Schäden in den Oemarfungen Stadecken, Ober- SauPeim, Lldenheim usw., die durch das Un­wetter am 16. Juli verursacht wurden, ihrem Umfang nach bei weitem die stärksten sind und einer Hilfe dringend erheischen, so wurden jedoch durch das Unwetter am 2. Juni d. Is. auch in der Gemarkung Osthofen und am 15. Juli b. Is. in Lorsch und Umgebung 6cf)eiben ungerichtet, die eine Einbeziehung auch dieser Gebiete in eine allgemeine Rvtstandsattion erforderlich machen. Die Abschätzung der Schäden ist bereits im Gange, so daß in Kürze deren Umfang im einzelnen festgestellt sein wird. Aber schon jetzt kann gesagt werden, daß ganz außerordentliche Schäden, besonders in hochwertigen Kulturen, vorliegen, so daß auch bedeutende Mittel es Wohl nur erlauben werden, dort HÄfend einzugreifen, wo eine Bedrohung der wirtschaftlichen Existenz der geschädigten Landwirte in Frage steht. Die

Der Iudensriedhos von Pretzfeld.

Von Anton Schnack.

Er ist ein phantastischer Ort, gelegen auf einem Hügelrücken, der Schuh beim Ausstieg klappert über Kalkfchntt, ein dünner Roggen schwemmt sich da und dort über die Steinhalden.

Pretzfeld ist ein fränkisches Bauernnest, ein­gebettet in den breiten Wiesenstrich der Wiesent, die mit einem dunklen Samtgrün und mit reichen Forellenschwärmen aus der Fränkischen Schweiz kommt utzd bei Forchheim in die Regnih fließt.

Der Friedhof ist dem Himmel entgegengehal­ten, der ihm ganz nahe ist: den Wolkenzügen, die mit breiten Schattenbatten über das Tal auf die gegenüberliegenden Höhenrücken springen: dem Wind, der, um zu ihm zu kommen, erst stunden­weite Wälder durchreiten muß.

Sein Tor ist offen. Kein Wächter steht an der Tür, die in verrosteten Angeln knarrt. Kein Pfad ist zu erkennen. Ueber die Gräber hat sich mit einer unwiderstehlichen Woge das Grün ge­schwemmt. Die Steine sind schwarz und dutckel geworden im Wandel der Jahreszeiten: Herbst- regen hat die Schriftzüge bis zur Unkenntlichkett verwaschen, heiße Sommersonne hat sie gebleicht und der Frost langer Winter hat sie zernagt.

Flechten und graues Moos haben die hebräi­schen und riesengroßen Schriftzeichen der Platten bewachsen. Steine, die vielleicht die Seelen stärke und untadelige Tugend eines Toten preisen, sind mitten entzweigebrochen, als habe ein wilder, gigantischer Hammer an sie geschlagen und sie zertrümmert. Andere sind wie Tand auseinander­geblättert, und Sandkorn für Sandkorn riefelt aus ihren offenen Wunden, die das Sommemest erschreckter Eidechsen geworden sind.

Das riesenhafte Quadrat der Mauer und des Friedhofs ist eine Flut ungestümen Wachstums ge­worden, bas keine Sichel schneidet und keine Sense mäht. Es vergeht wieder, tote es geworden ist und entzündet sich in jedem neuen Frühling immer üppiger und schwelgerischer an sich selbst. Fette Säulen von blauen Ratternköpfen haben sich mit zäher Kraft in die Steinfugen der Mauer ge­

zwängt, die in sich zusammenstürzt und im grünen Chaos von Brombeersträuchern verschwindet. Blutrote Mohnflecke haben weite Gräberflächen überzogen, als sei hier Blut offen zutage ge­treten. Man versinkt bis zu den Schenkeln im Gras. Wunderbare Dolden von blauen Glocken­blumen erheben sich bis zur Handhöhe, Schnüre von großkelchigen Lichtnelken glühen tote ewige Feuer und werden von Hummeln und wilden Bienen umschwärmt.

Tiere sind überall.

Vögel flattern aus der Wirrnis bei jedem Schritt, ihre Rester hängen in den Hecken, die über die Gräber schießen: auf den Platten sonnen sich die Silberstifte der Blindschleichen, die beim Ge­räusch meines Schrittes hinter die Steine ver­schwinden. Der ewig lebendige Pan, der wilde, heidnische Gott, hat sich mit trunkenem Sieg über den Tod geworfen. Alle, die hier ruhen schon jahrzehntelang, scheinen vergessen zu sein. Alle, die hier ruhen, scheinen nie gelebt zu haben. Welches Herz denkt noch an sie? In welcher Stirne steht noch eine Erinnerung an sie auf? Die Juden, die hier früher wohnten, in Pretzfeld, in Ebermannstadt, in Hiltpoldstein, in Gößwe'n- stein und in den anderen versunkenen und wald- umrauschten Restern, haben das Land verlassen und sind in die Städte gezogen. Keiner wird hier mehr zur ewigen Ruhe eingebettet. Ver­lassen ist der Ort des Todes, aufgegeben ist er, weil sich kein Toter mehr findet, der hier in die Ruhe der Jahrtausende eingehen soll.

Wer tritt hier noch herein? Ein brauner Bauer vietteicht mit einer Sense über dem Rücken, der von einem der hochgelegenen Kleeäcker kommt. Ein Bauernkind vielleicht, das Blumen und Beeren pflückt, ein dörfliches Liebespaar am Abend oder am Sonntag, das die Verborgenheit für seine Liebesfeier suchen geht.

Was soll ich hier tun? Beten für die, die ich nicht kenne und deren Ramen ich nicht ent­ziffern kann? Was bedeutet ein Grab? Was be­deutet eine verwaschene, schon ins Unlesbare versunkene Inschrift? Ich kenne keinen, ich habe keinen gesehen und mit keinem gesprochen. Sie

waren vielleicht schon tot, als ich erst ins Leben kam. Ihr letzter Weg ging hoch hinaus, mitten auf den wilden Berg, mitten in das Herz des Waldes, der in ewiger Unruhe mit den Wipfeln saust.

Ich trete ganz vor, wo der Weg in die Tiefe bricht und den Blick freigibt. Der Eindruck ist unvergeßlich: zahllose Hügel habe ich in meinem Blick, iicberall ist Wald. In der Tiefe grünt das Tal. In den Dörfern wachen die Glocken auf, um den Mittag anzuzeigen. Rauch ist über den Häusern.

Ich trete zurück und gehe noch einmal über den Schutt der Gräber. Die Ruhe ist ungeheuer und lastet mir auf dem Herzen. Eine riesengroße, blühende Königskerze schießt aus einem Grab wie ein feuriges lebendiges Schwert. Ich fürchte mich vor Pan und gehe hinaus.

Zählt der Vogel seine Sier?

Ob die Vögel Zahlenverständnis besitzen, ist neuerdings verschiedentlich untersucht worden. So hat Werner Fischei das Aufpicken von Körnern durch abgerichtete hungrige Vögel für die Er­forschung ihres Zahlensinns verwertet und sest- gcstellt, daß kleinere Singvögel, z. B. der Stieg­litz und die Gartengrasmücke, das Rechenexamen gut bestanden, während andere Arten allerdings viel schlechter abschnitten. Verwendet nun der Vogel dieses Zahlenverständnis auch für seine Eier? Don dem entarteten Haus Huhn dürfen wir dabei allerdings nichts erwarten, denn es läßt sich seine Eier ruhig wegnehmen, und das gleiche ist bei manchen andern Vögeln der Fall. Eine gute Gelegenheit, die Kenntnis der Eier bei den einzelnen Vogelarten zu beobachten, bietet aber die freche Gewohnheit des Kuckucks, dessen Eier bisher in den Restern von 145 verschiedenen Vogelarten gefunden wurden. Da gibt es manche Vögel, wie z. B. Zaunkönige, die ihre Ristgelege verlassen, wenn sie ein Kuckucksei darin finden, und andere Vögel werden jedenfalls durch solch ein fremdes Ei sehr beunruhigt und erregt. Das läßt auf eine gewisse Beobachtung der eigenen Eier schließen. Reuerdings hat nun Eberhard

Aussprache am 25. Juli hatte das Ergebnis, daß nach einer ausgiebigen Erörterung der Lage und der etwa zu ergreifenden Maßnahmen, wobei im allgemeinen die b i s jetzt von der Re­gierung unternommenen Schritte ge- billigt wurden, eine Kommission unter dem Vorsitz der Ministerialabteilung für Ernährung und Landwirtschaft gebildet wurde, in der außer den Ministerien des Innern und der Finanzen! sowie den staatlichen lokalen Derwaltungs- und Landwirtschaftsbehörden, die Landwirtschasts- kammer, die in Frage kommenden wirtschafts­politischen Organisationen der Landwirte sowie die Zentralinstitute der landwirtschaftlichen Ge­nossenschaften vertreten sind. Die eingesetzte Kom­mission wird auch über die Verwendung der Mittel zu befinden haben, die erfreulicherweise von vielen Stellen des Landes bis jetzt bewilligt und gesammelt wurden. Die Kommission wird alsbald ihre Tättgkeit aufnehmen, so daß- zu er­warten steht, daß unverzüglich nach Feststellung der Schäden die erforderlichen Rvtstands- mahnahmen in Angriff genommen werden können.

Oberhessen.

Landkreis Gießen.

* Albach, 26. Juli. Der Gesangverein S ä n g e r k r a n z" feiert nächstes Jahr im Juni sein 25jähriges Jubiläum.

Muschenheim, 26. Juli. Am vergan­genen Sonntag beging der hiesige Männer­gesangvereinLiederkranz" fein 50- jähriges Stiftungsfest. Außer ben acht zum SängerbundWettertal" gehörigen Vereinen waren noch zwei Gastvereine, Ober-Hörgern und Bellersheim, erschienen. Rachdem am Vormittag, im Anschluß an den Gottesdienst, der gefallenen Sänger durch Pfarrer Doering gedacht war, setzte sich am Rachmittag nach Empfang der aus­wärtigen Vereine, der stattliche Festzug in Be­wegung. Dann hielt Bürgermeister Becker die Festrede, in der er insbesondere der drei noch lebenden Mitbegründer des Vereins gedachte. Mit einem Hoch auf das deutsche Lied und die deutsche Heimat schloß der Redner feine mar­kante Ansprache. Sodann überreichte Fräulein Anna Weil nach einem entsprechenden Vor- fpruch eine von ten Frauen und Jungfrauen ge­stiftete Fahnen schleife. Die einzelnen Vereine brachten dann je einen Pflicht- und einen Wahl­chor zu Gehör. Besonders hervorzuheben ist noch der von dem Vorsitzenden des Bundes, Lehrer Günther, dirigierte Massenchvr, vorgetragen von etwa 200 Sängern.

Kreis Friedberg.

sf. Friedberg, 26. Juli. Gestern sand eine S tadtverordnetensi hung statt, in der die Verlängerung der Gasleitung in der Langgasse mit einem Kostenaufwand von 1800 Mk. genehmigt wurde. - In der Mainzer Toranlage wird wieder die Gasbeleuchtung ein­geführt werden. In den städtischen Flachbauten (Rotwohnungen) wird elektrisches Licht angelegt, was etwa 550 Mk. Kosten verursacht. Zur Linderung der Rot der durch die llrttoetter Ge­schädigten stellt die Stadt Beträge zur Ver­fügung, und zwar nach längerer Aussprache f ü r R-h einhessen 500 Mk. und für das sächsische ©ebiet 350 Mk. Die Kosten für den kürzlich gekurbelten Heimatfilm, den die Stadt in­zwischen käuflich erworben hat, werden nachträg­lich mit 781 Mk. genehmigt. Als Unter- stützung gibt die Stadt zukünftig an bie Stu­dentenküche, die am hiesigen Polytechnikum besteht, 3600 Kubikmeter Gas jährlich kostenlos ab. Den Hauptpunkt- der Tagesordnung bildet der Antrag der Sozialdemokratie, öle Löhne der städtischen Arbeiter zu erhöhen, da ein Miß­verhältnis Zwischen den Arbeiterlöhnen hier und in Bad-Rauheim oder Gießen bestehe. Bürger­meister Dr. Sehd verliest darauf ein Schreiben des Marburger Städteverbandes und stellt fest, daß die Löhne der städtischen Arbeiter höher sind als die der Privatindustrie und der Reichsbahn, gibt jÄwch auch zu, daß die Löhne der Rach- barftäbte höher seien. Dies treffe jedoch auch für die Beamten zu, und es ginge nicht, daß eine Kategorie Lohnempfänger jetzt aus dem Lohngebäude herausgenommen werde. In der weiteren Aussprache weist Dr. Leuchtgens darauf hin, daß es eigenartig sei, daß die Sozial­demokratie gegen die von ihr geforderten Kollek- tivverträge jetzt selbst Sturm laufe. Es wird dann ein Antrag der Sozialdemokratie, der die Der- Drescher im Raturfchutzgebiet Ellguth bei Ott- machau in Schlesien eine lange Reihe von Jahren! hinknirch das Vchchalten der Brutvögel zu ihren Eiern beobachtet und in 77 Fällen durch ziek- bewußte Eingriffe wichttge Aufschlüsse erhalten. Wie Hermann Radestock im neuesten Heft der ZeitschriftDer Raturforscher" berichtet, nahm der Vogel in 43 Prozent dieser 77 Fälle den Eingriff nicht übel und führte die Brut durch; bei 57 Prozent aber wurden die gelegten Gier entweder verlassen, oder die Fremdeier entfernt; in einigen Fällen wurde erst der ausgebrütete Fremdvogel verstoßen. Eine Singdrossel z. D., die zu ihren fünf Eiern noch ein Amfelei er­hielt, warf dieses hinaus. Bei einem Amselnest mit fünf Eiern wurde das eine durch das Ei eines anderen Amselnestes ersetzt: auch hier beförderte der Vogel das fremde Ei heraus. Im allgemeinen ergibt sich aus diesen neuen Ver­suchen, soweit es sich um die Beobachtung von Kuckuckseiern handelt: Wird das Kuckucksei er­kannt und herausgeworfen, so brütet das Weib­chen sein Gelege aus; bleibt das Kuckucksei im Rest, so verläßt der Vogel entweder das Rest, oder beginnt trotz einer oft ganz geringen Zahl eigener Eier sofort mit dem Brüten. In diesem letzteren Falle ist keineswegs erwiesen, daß der Vogel das fremde Gi nicht bemerkt hat, son­dern es geht aus feinem ganzen Verhalten her­vor, daß er sich, bevor er selbst noch alle Eier gelegt hat, schnell mit der Sachlage abfindet, um neue Eingriffe zu verhindern, und nicht vom Reste weicht. Drescher fand innerhalb von 14 Jahren bei 2503 für den Kuckuck in Betracht kommenden Restern nut in 28 Fällen ein Kuckucksei. Das beweist, daß in den überwiegen­den Fällen der Vogel dem Kuckuck nicht den Gefallen des Ausbrütens tut, sondern die Sach­lage erkennt. Da das Kuckucksweibchen sehr frucht­bar ist und bis zu 20 Eier legt, so würde ja ohne diese Maßnahme der andern Vögel eine ungeheuere äleberzahl von Kuckucken ent­stehen. Man kann also sagen, daß der Vogel in vielen Fällen seine (Ster Wohl kennt und zählt, wenn sich auch freilich im Verhalten der Brut­vögel sehr große Verschiedenheiten finden.