Kr. i75 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Mittwoch, 27. Juli 1927
Jugend und Hochschule.
Zwischen 5taatseinficht und akademischen Idealen.
Das Ergebnis des 10. Deutschen Ltudententages in Würzburg. Don Dr. Friedrich Kruspi, Berlin.
Es ist bekannt, daß seit Jahresfrist etwa die Deutsche Studentenschaft, die Organisation der Einzelstudentenschaften an den Hochschulen des deutschen Sprachgebietes, einen lebhaften Kampf um ihren Bestand mit dem preußischen Unter» richtsbehörden führt. Denn der Bestand der Deutschen Studentenschaft (D. St.) ist in Frage gestellt durch die Botschaft des preußischen Kultusministers vom Dezember 1926 an die preußischen Einzelstudentenschaften, die auf die Landtagsbeschlüsse vom Mai 1926 zurückzuführen ist.
Seit Jahren ist die Verschiedenheit des Mitgliedmodus in den reichsdeutschen und den auslandsdeutschen (Oesterreich, Sudetendeutschland und Danzig) Studentenschaften die Quelle des Streites in der D. St. Während alle reichsdeutschen Studentenschaften von den einzelnen deutschen Ländern, teilweise in Form des sogenannten Studentenrechts, autorisiert worden sind und infolgedessen die Mitgliedschaft jedem deutschen Staatsbürger gewähren müssen, sind die auslanddeutschen Studentenschaften in Wien, Prag usw. freie Zusammenschlüsse, die nach dem arischvölkischen Prinzip orientiert sind. Dun fordert Preußen durch Landtag und Ministerium, daß die preußischen Studentenschaften nur mit allen oder keiner auslanddeutschen Gruppe eine Koalition eingehen. Das bedeutet praktisch die Alternative, daß entweder neben den völkischen auch die übrigen auslanddeutschen Studentengruppen in die D. St. ausgenommen werden, oder daß die preußischen Studentenschaften aus der D. St. ausscheiden müssen, also in diesem Fall das Ende der D. St.
Zn einer Besprechung im Ministerium am 15. Februar d 3. haben sich die Vertreter der preußischen Studentenschaften bereit erklärt, durch Verhandlungen mit den österreichischen Studentenschaften, um die es hauptsächlich geht, zu versuchen, daß G e s a m t Vertretungen der deutschen Studenten in Oesterreich geschaffen werden und für den Fall der Erfolglosigkeit dieses Versuches die gegeßenen Folgerungen zu ziehen, d. h. aus der D. St. auszuscheiden. Zur Durchführung der Unterhandlungen mit Oesterreich wurde den preußischen Studentenschaften vom Minister eine Frist bis zum 1. Oktober 1927 gewährt.
Bei dieser Sachlage kam dem diesjährigen 10. Deutschen StudententageinWürz- b u r g eine besondere Bedeutung zu. Freilich stand im Mittelpunkt der Tagung die feierliche Einweihung des Denkmals für die im Weltkrieg gefallenen deutschen Studenten, und die Stunden dieser Feier, der ein Zug mit 1000 Chargierten, und mehr als 300 Fahnen und eine Reichswehrabteilung mit den Fahnen der Studentenregimenter von Flandern das Gepräge gaben, waren das Erlebnis dieser Tagung. In den sachlichen Verhandlungen aber traten die Beratungen über die Leibesübungen, die Auslandsarbeit und die internationale Studentenpolitik, Studien- und Fachschaftsfragen, die Wirtschaftsarbeit und andere Gegenstände an Bedeutung zurück gegenüber der Derfassungsfrage, deren Lösung über das Schicksal der D. St. entscheiden wird.
Innerhalb des Studententages traten die preußischen Studentenschaften zu einer Sondertagung zusammen. Cs ist zu begrüßen, daß ihre Beschlüsse ruhig und sachlich gehalten sind. Sie besagen, daß eine Beschlußfassung des Deutschen Student en t a ges z. Zt. noch nicht möglich ist, weil die Verhältnisse an den österreichischen Hochschulen noch nicht genügend geklärt sind, und daß die preußischen Studentenschaften bereit sind, den Oesterreichern nach Prüfung der Verhältnisse Vorschläge zur Aenderung ihrer Organisation zu machen, einen Zwang auf Oesterreich auszüben, aber ablehnen. Auch die Gesamtheit des Deutschen Studententages beschräntt sich darauf, in einer Entschließung das unbedingte Festhalten an der groß deutschen Organisation zu erklären, und für We auslanddeutsc^n Studentenschaften gemäß der Würzburger Satzung der D. St. von 1922 die Freiheit zu fordern, sich nach ihren eigenen Wün-
Gustav Roethe.
Von Dr. I. Petersen, o. Professor an der Universität Berlin*).
Nichts war bezeichnender für die umfassende Spannweite seiner großen Natur, als daß er die denkbarsten Gegensätze persönlich zu vereinen wußte, so daß er als wandelbar, widerspruchsvoll und unberechenbar erscheinen konnte, während seine Vielseitigkeit tatsächlich nur durch unvergleichliche Ordnung des ganzen inneren Haushaltes und durch unwandelbares Festhalten an dem Mittelpunkt seines Charakters möglich war. Er hätte nicht so viele Rollen ohne Schauspielertum spielen können, wenn er nicht seiner selbst ganz sicher gewesen wäre, und seine Vielseitigkeit bestand in der Tat in vielerlei Einseitigkeiten, die alle im Grunde durch eine sehr geradlinige und einfache Struktur seines Wesens bedingt waren. Dazu gehörte eine tiefe Pietät vor der Tradition, in der er ausgewachsen, ein unbedingtes 'Beharren bei alle dem, wasser sich an Lebensgrundsätzen erobert hatte, ein schnell gefaßtes und unbeirrbar festgehaltenes, sittliches Urteil über Menschen und Verhältnisse, ein gleich wuchtiges Einsetzen seiner ganzen Persönlichkeit für große wie für kleine Dinge, so daß er keine Sache, auch die geringfügigste nicht, mit Gleichgültigkeit behandeln konnte, und endlich eine stete Bereitschaft, jede Aufgabe, die ihm zugemutet wurde, um der Sache willen auf sich zu nehmen und mit der ganzen Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit seines Wesens durchzuführen. Das astes floß bei ihm zusammen in den Geboten der Ehre und der Treue, die die Maximen seines Lebens waren.
*) Diesen Beitrag zur Charakteristik des großen Germanisten entnehmen wir der hinreißenden Ansprache Petersens bei der Trauerfeier des Ost- bundes am 10. Oktober 1926 in Berlin, die in Buchform beim Verlag Quelle & Meyer in Leipzig erschienen ist.
schen zu organisieren; die Entschließung schiebt denjenigen Stellen, welche die Deutscherhaltung der auslanddeutschen Hochschulen erschweren, die Verantwortung dafür zu.
Die Beschlüsse sagen wenig und sind doch das einzige, was man erwarten konnte, wenn die Stellungnahme nicht eine schroffe Ablehnung sein sollte. Ohne Prestigeverlust und Aufgabe der Ideale der übergroßen studentischen Mehrheit, bzw. ohne einen Bruch der am 15. Februar übernommenen Verpflichtungen konnte der Studententag zu dem Verfassungsstreit schlechterdings nicht konkret Stellung nehmen. So muß die ausgesprochen abwartende Haltung des Studententages befriedigen. Der Geist von Würzburg war würdiger als der des Bonner Studententages. Störungen wie der Bonner Flaggenzwischenfall, die gerade einer akademischen Versammlung unwürdig sind, waren unmöglich, der Verhandlungston zwischen den hochschulpolitischen Gegnern war wirklich akademisch, auch die Minderheit kam zu Worte und wurde gehört.
Die Ideale der heutigen Träger der Deutschen Studentenschaften Oesterreichs, die österreichischen Hochschulen vor Heberfremdung zu schützen, und die Treue der Überwältigendei, Mehrheit der Kommilitonen im Reich zu ihnen, in der sich für sie die großdeutsche Tat ausspricht, sind in ihrer Reinheit gewiß sympathisch. Aber die Homogenität deutschen Volkstums ist ja nicht nur in Oesterreich eine Fiktion. Cs wäre töricht, darin zu irren. Und der Anschluh- gedarrke, den die Führer der D. St. mit Recht vertreten, hat doch, wird er einmal zur Wirklichkeit, die Einbürgerung aller österreichischen Bürger zur Folge. Aber davon abgesehen ergeben sich für Studentenschaften, die staatliche Anerkennung und aus ihr das Recht der Zwangsbesteuerung ihrer Mitglieder genießen, gewisse
staaisnor'mendige Folgerungen. Solche Studenten- schaften können nicht mit ihren Beiträgen, die sie den Leistungen von Studenten aller politischen Richtungen entnehmen, einen studentischen Gesamtverband finanzieren helfen, in dem wesentliche Teile betont völkischen Charakters sind. Mit anderen Worten, hier ist zwischen Staats» einsichten und Idealen zu wählen.
Am 1. Oktober oder wenig später wird die Entscheidung fallen müssen: durch Einsicht der Studentenschaft oder durch Machtspruch des Ministeriums. Mit wenigen Ausnahmen haben die preußischen Studentenschaften erklärt, für ihre studentische Selbstverwaltungsarbeit auf die staatliche Anerkennung nicht verzichten zu können. Mit Recht! Denn freie Studentenschaften, deren Bildung von Utopisten propagiert wird, würden gar bald zu Korporationsausschüssen herabsinken, auf wesentlichen Arbeitsgebieten der heutigen Studentenschaften leine Wirkungsmöglichkeit haben und müßten allein schon an der Frage der Finanzierung scheitern. So wird man hoffen müssen, daß Würzburg nicht nur Ruhe vor dem Sturm war, sondern daß sich die Studentenschaft ihre mit Recht als große Tat bezeichnete groh- deutsche Organisation erhält und die doch von manchen schönen Erfolgen begleitete Errungenschaft der Selbstverwaltung nicht aufzugeben braucht, indem sie eine sie selbst und das Ministerium befriedigende Lösung einnimmt. Das Opfer, Gruppen wie die Sozialisten und die nationalfreiheitliche Studentenschaft in Wien neben der heutigen Deutschen, d. h. völkischen Studentenschaft Wiens zur D. St. zuzulassen, ist weder für die letzten selbst noch für die studentische Mehrheit im Reiche so groß und untragbar, daß die Zerschlagung der D. St. von ihren Führern mit gutem Gewissen verantwortet werden könnte.
Die Wett des Knaben.
Don Professor Dr. phil. et med. Erich Stern, Gießen.
Die Psychologie war lange Zeit in einem verhängnisvollen Irrtum befangen: der Forscher hielt die Welt, in welcher er lebte, für die einzig mögliche und wirkliche, und er versuchte, von dieser aus auch das Seelenleben des Kindes und des ,ugend- lichen Menschen zu deuten. So kam die Anschauung aus, daß Kind und Jugendlicher genau so beschaffen seien wie der Erwachsene auch, nur daß alle Funktionen und Fähigkeiten gleichsam geringere Dimensionen zeigten: das Kind verfüge über einen geringen Schatz von Vorstellungen, über weniger Assoziationen, seine Kräfte seien geringer — und mit dieser quantifizierenden Betrachtung glaubte man sich begnügen zu dürfen. Erst die Forschungen der letzten Jahrzehnte haben mit dieser Auffassung gebrochen; man mußte einsehen, daß das Kind, daß der Jugendliche in einer anderen Welt lebt wie der Erwachsene. Und in dieser ihrer eigenen Welt find Kind und Jugendlicher nicht unvollkommen; diese Welt hat ihre eigenen Schönheiten und ihre eigenen Schwächen.
Für die Erziehung besteht hier eine sehr große Schwierigkeit: sie soll „kindesgemäß" sein, d. h. die Welt des Kindes erhalten und nicht zerstören, sie soll an das auf jeder Stufe der Entwicklung Gegebene anknüpfen; aber zum andern soll sie das Kind doch über die jeweils erreichte Phase hinaus- führen und es zur Einordnung in die Erwachfenen- roett bringen. Je älter das Kind wird, um so mehr tritt diese neben seine eigene Welt. Daß damit die Möglichkeit zu mannigfachen Konflikten gegeben ist, dürfte ohne weiteres klar sein. Für den Erwachsenen aber besteht noch die Schwierigkeit, die Welt des Kindes zu verstehen, und sie richtig zu deuten. Das, was der Erwachsens als sinnlos und töricht betrachtet, ist dem Kinde oft bitterer Ernst; will er das Kind verstehen, so muß er versuchen, in dessen Welt ein zu - tauchen; die Erinnerung vermag nicht, sie wieder ganz lebendig in ihm zu machen. So kann das Bild, welches der Erwachsene vom Kinde zeichnet, nie das Erleben des Kindes vollkommen widerspiegeln — es gibt immer nur die Welt des Kindes, so wie der Erwachsene sie sieht, sie sich.vorstellt, sie konstruiert. Auf der anderen Seite ist aber das Hinausreichen über die zu beschreibende Phase notwendig, um auch das zu
sehen, was als Anlage zu künftigem Werden in ihr liegt.
Ernst GoIdbecks Buch „Die Welt des Knabe n", (153 S., 8°, Berlin, Hensel & Co., — 403) bietet Ansätze zu einem tieferen Verstehen dieses Lebensabschnittes. Es ist kein systematisches Werk, es gibt keine streng aufgebaute Analyse dieser Phase, es entwirft Einzelbilder, die überall über das bisher Erarbeitete weit hinaus führen. An ganz alltägliche Beobachtungen, wie das Leben auf der Straße und auf dem Hofe sie bietet, knüpft Golb- deck an; seine Methode ist nicht das Experiment — er sucht den Knaben in seiner Welt auf, sucht, sich in diese einzufühlen und zu fassen, was in dem spielenden und tobenden, in dem kletternden und lärmenden Knaben vorgeht.
Auffallend beim Knaben ist in erster Linie sein ungemein starker Bewegungsdrang: er will rennen und klettern, gleiten, rutschen, und dem graben, glatten Weg zieht er das Steigen über Bänke und Schneehaufen, das Balancieren über Gitter und Balken vor. Er will sich austoben, und der sonntägliche Spaziergang, an der Hand der 6Item, widerspricht seinem innersten Wesen. Besonders lockend sind alle Unternehmungen, wenn sie gemeinschaftlich mit anderen ins Werk gesetzt wer- den; der Knabe hat ein ausgesprochenes G e • meins chaftsgefühl; kann er es betätigen, dann wächst die Lebensfreude; er will froh fein mit anderen und lachen. Das Spiel erfordert Gewandtheit und Geschicklichkeit, das Schlittern, das Hinab- rutschen des Geländers usw. sogar ein recht erhebliches Maß; hinzu kommt das Gefahr- moment; der Ehrgeiz spielt in hohem Maße mit: man will glanzen, seine Kraft zeigen und bewundern lassen, den anderen übertreffen, zum mindesten nicht hinter anderen zurückstehen. Eine gewisse A n g st, die dem Klettern oder Springen, dem Abrutschen voraufgeht, und die zur Vorsicht mahnt, hat ihre besonderen Reize.
Der Knabe hat kein spontanes Innenleben; für ihn bedeutet Rollerfahren, Klettern, Rodeln, Rutschen, Schlittern, Gleiten, eine Welt. Und auch der Erwachsene, den innerlich nichts ausfüllt, sucht hier, in der Bewegung und den mit ihr verbundenen Reizen, den Erlebnissen der Angst und des Rekordes seinen Ausgleich — er steht in vieler
Es war vielleicht ein Stück Selbsterkenntnis, wenn er einmal von der Treue als der Seele germanischer Ganzheit sagte, daß sie gelegentlich an Eigensinn streifen könne. Denn er wußte, daß er feine eigene Ganzheit verloren hätte, wenn er nur eine Kleinigkeit von dem preisgegeben hätte, wozu er sich bekannte. Woran er zäh festhielt, das waren die Traditionen, in denen und durch die er groß geworden war, und die sich zum Kern seiner Persönlichkeit gefestigt hatten.
Das war einmal der harte Pflichtbegriff, durch den Preußen zum Siege gelangt war. In feine ersten Jugendjahre fiel der Aufstieg Preußens und die Reichsgründung; mit sieben Jahren erlebte der junge Graudenzer, der in dem alle nationalen Hoffnungen beflügelnden Schillerjahr 1859 am 5. Mai geboren war, den Eindruck des Sieges bei König- grätz; mit elf Jahren jubelte er den neuen Erfolgen Bismarcks und Moltkes zu. Es war ihm ein Stolz, nach beendeter Studienzeit in der preußischen Garde sein Jahr zu dienen, und noch als Göttinger Professor bei der Kaisergeburtstagsfeier in des Königs Rock zu erscheinen. Preußen war für ihn die Seele Deutschlands; er konnte nicht glauben, daß seine Mission einmal ausgespielt sein könne. Und wie hätte man von ihm verlangen können, daß er die Monarchie preisgab und dem Hause Hohenzollern die Treue aufsagte!
Ein zweiter Punkt, für den er mit gleicher Ueber- zeugung eintrat, war die Ueberlegenheit des humanistischen Gymnasiums über alle anderen Schularten und seine alleinige Vollgültigkeit als vorbereitende Grundlage eines wissenschaftlichen Universitäts- studiums. Wenn er in der Erinnerung an die Graudenzer Gymnasialzeit die vielen Nachtstunden, die er über dem Auswendiglernen römischer Gesetze zubrachte, eine seelenstärkende Anspannung nannte, die auch seinem Körper gut bekommen sei, so wird deullich, wie dieser asketische Formalismus seinem System der heilsamen Pflichterfüllung sich eingliederte. Ader er vergaß doch nicht zu erwähnen, daß ihm diese Schulart genug Freiheit ließ, eigenen Nei
gungen nachzugehen und schon als Sekundaner der rätselhaften Gestalt Wolframs nahezutreten, wie als Primaner mit dem englischen Shakefpearetext gut Freund zu werden.
Auch die berühmt gewordene Abneigung gegen das Frauenstudium mag in der treuen Anhänglichkeit an das Althergebrachte wurzeln; die liebgewordenen Erinnerungen an die eigene Studentenzeit haben sicher mitgewirkt, die Gewöhnung an das veränderte Bild im Auditorium zu erschweren. Die hohe Verehrung, die er im übrigen der Frau als Malierin im Hause, als Mutter und Erzieherin zuteil werden ließ, entsprach wie alle grundsätzlichen Anschauungen seiner persönlichen Lebenserfahrung und dem Glück, das er selbst gefunden hatte.
Die Eindrücke feiner Leipziger Studienjahre hat Roethe in der Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen des dortigen deutschen Seminars festgehalten. Als klassischer Philologe war er von Göttingen gekommen; „Coniecturae Aristophaneae" hieß Die Erstlingsschrift des Einundzwanzigjährigen (1880), und die folgenden Konjekturen galten der mittel- lateinischen Eustachiuslegende; bann folgten in den beiden nächsten Jahren die Ausgabe des für die neuhochdeutsche Schriftsprache wichtigen Syllabiebüch- leins von Helber und die Dissertation über Reimar von Zweier (1883). Neben Curtius und Ribbeck waren Zarnke und Hildebrand feine Lehrer geworden, und so hatte sich der Uebergang von der klassischen Philologie zur Germanistik vollzogen, der dann unter Wilhelm Scherers Einfluß in Berlin endgültiger wurde.
Nach feinen persönlichen Erfahrungen mußte für Roethe der Weg, den er gegangen und den vorher die Begründer der mittelhochdeutschen Textphilologie, Karl Lachmann und Moritz Haupt, gewiesen hatten, als der richtigste erscheinen. Die klassische Philologie blieb ihm, nicht nur historisch betrachtet, die Mutterwissenschaft der deutschen Philologie; er war auch weiterhin der Ueberzeugung, daß man noch immer viel von ihr lernen könne, unb in feinem ersten Berliner Semester horten wir von ihm bett
Hinsicht gar nicht so hoch über dem Knaben, und gelegentlich kommt selbst bei bem geistig Regsten und Angespanntesten ein Drang zum Durchbruch, sich auszutoben, alle Hemmungen auszuscl)alten und dem unterdrückten Verlangen nach Bewegung Lust zu machen: woher sonst bei Menschen, die in den engen Raum gebannt sind, die wachsende Freude am Sport in all seinen Formen?
Schon die Vorstellung der Gefahr, das Spielen mit ihr, ein leichtes Anbeuten erzeugt eine gewisse Erregung beim Knaben. Uebrigcns auch beim Erwachsenen; denn weshalb hat er eine Freude an Kämpfen und Akrobatenkunststücken; es ist nicht allein die Bewunderung der Kraft unb ber Leistung, es finb bie Spannungen, in welche er versetzt wird, die Gefahr, die er schauend mit- erlebt. Beim Knaben sind diese Eindrücke vielleicht noch stärker unb lebhafter. Natürlich sind bie Spannungen im allgemeinen ba größer, wo man selbst handelt unb mittut, und sie wachsen mit ber Aufgabe unb Anstrengung; mit ihr wächst aber auch bie Besriebigung, bie Selbsteinschätzung, unb an dieser liegt bem Knaben viel. Er klettert auf Stangen unb Gerüste, auf Bäume unb Zäune; sein Freiheitsgefühl regt sich, er fühlt sich ber Einmischung ber Erwachsenen entrückt. In all biefen Erlebnissen mischen sich Angst unb Wonne, weshalb Golbbeck hier trefjenb von bem Erlebnis ber Wonneangst spricht.
Auch starke Geräusche, plötzlich einsetzenb, lang cmhaltenb, oft wiederholt, finb bei bem Knaben überaus beliebt. Manche von ihnen, so z. B. das Trommeln mit den Fingern, stellen gleichzeitig eine motorische Entladung dar, die auch beim Erwachsenen, besonders bei nervösen Menschen, ober bei heftiger innerer Unruhe, nicht selten ist; ähnliches gilt vom Scharren, Trampeln, vom Zischen usw. Beliebt ist das Schlagen auf Gegenstände, das Schleudern von alten Konservenbüchsen mit den Füßen usw., Türenknarren unb -werfen; aber auch schon leise Geräusche üben bisweilen einen starken Nervenreiz aus. Eine Schar von Knaben, in einem Raum zusammen, beginnt im allgemeinen nach kürzerer ober längerer Zeit zu heulen; man stelle sich bie Schulklasse vor, beren Lehrer zu spät erscheint. Auch optische Reize wirken stark auf den Knaben.
Am stärksten wirken immer bie Erlebnisse, die mit einer gewissen Gefahr verbunden finb; bie Angst barf naturgemäß eine gewisse Grenze nicht überschreiten, sonst würbe sie die eigenartige Verbindung mit der Wonne gefährden. In diesem Gefahrmoment liegt übrigens auch der Uebergang zum Kriminellen: bas Stehlen (ober wie es beim Knaben heißt: bas „Klauen") reizt nicht allein, weil man den Gegenstand besitzen will, sondern weil man dabei Gewandtheit, Geschicklichkeit, Keckheit, beweisen muß, weil man sich der Gefahr aussetzt; Feuer wirkt unheimlich, erregend. Die Gefahr, die Möglichkeit, die Kräfte zu entfalten, sich auszuzeichnen, andere zu übertreffen, befriedigt das Geltungsbedürfnis, das in jedem Knaben lebendig ist: der Knabe will ein Held fein, und will fein Heldentum in der Ueberwindung von Schwierigkeiten erweisen.
Die Ideale des Knaben entsprechen denen eines recht prtmittven Menschen; sie schetnen von zeitlichen unb örtlichen, von kulturellen Faktoren in weitem Umfange unabhängig zu fein. „Mit den Auswühlungen bes Reifealters pflegen grundsätzliche Abänderungen unb Bereicherungen auch in biefer Richtung einzutreten. Dennoch läßt sich behaupten, daß bei einem ungeheuren Teil der Menschheit diese simplen Knabenideale fortleben, allerdings nur im Zustande des Zuschauens. Die ungeheuren Mengen, die allerlei Sport und besonders dem Ringen unb Boxen zuzuschauen lieben, tauchen bamit, ohne es zu wissen, in bie flotte Knabenzeit zurück ... lieber- Haupt pflegt Prügelei aller Art, wenn sie nicht ernst gemeint ist, unb besonders bei festlichen Gelegenheiten, Geburtstagen ober Silvester, gerabe wenn sie von Erwachsenen, würdigen Personen ausgeführt wird, einen ungeheuren Spaß auszulösen."
Hinter all dem Tun des Knabens, hinter all feinen Spielen steckt ein reges Innenleben. Wenn er auf den Schnee- ober Sandhaufen klettert, fo wird ihm dieser zu einem großen Berg, den er bezwingt; wenn er mit bem Holzschwert in ber Hanb unb ber Hühnerfeber an ber Stirn auf der Straße einherrennt, fühlt er sich als siegreicher Feldherr unb Eroberer; nur bas füllt ihn aus, was feine Phantasie anregt unb beschäftigt. Wo bas Tun selbst nicht ausreicht, muß bie Lektüre aus» gleichend unb ersetzend eintreten.
Ausspruch, ber könne eigentlich kein rechter Germanist werben, ber nicht eine Horazinterpretation bei Dahlen gehört habe. Wieder war es vor allem bie strenge Zucht, die Erziehung zur Treue, in ihrem vollen sittlichen Ernst aufgefaßt, in ber er eine unerläßliche Vorbebingung aller wissenschaftlichen Ausbildungen erblickte.
Das Abhängigkeitsverhältnis der beiden Wissen- fchasten war für ihn nur eine Gleichung des Ver- hältmsses, das zwischen den Literaturen selbst bestand: deutsche Sprache unb Dichtung verdankten, wie der spätere Vortrag über „Humanistische unb nationale Bildung" als Grundüberzeugung ausführt, ihre beste formale Ausbildung und ihren höchsten Jdeengshalt bem Geist unb Vorbild bes Altertums. Die deutsche Dichtung begann ihm erst recht lieb zu werden von dem Augenblick, wo diese Einwirkung in Erscheinung trat, ober wo sie ihm lieb mar, würbe diese Einwirkung gesucht. Solche Einstellung wirkte mitbestimmend auf bie Beobachtung ber großartigen Komposition bes zweiten Teiles im Nibelungenlieb, die sich nur durch ein zugrundeliegendes lateinisches Vorbild erklären lassen sollte; sie führte dazu, bei Walther von der Dogel- weide und sogar bei Wolfram bie Folgen einer Berührung mit ber humanistischen Bilbung Mittel- beutschlanbs wahrzunehmen, unb diese These sand ihre Krönung in der durchaus richtigen Erkenntnis, daß ein wirkliches deutsches Nationalgefühl erst aus dem Humanismus erwachsen war. Was vor bem antiken Kultureinfluß lag, mußte dafür im Schatten bleiben: bas mehr ober weniger konstruierte Urgermanentum, bie prähistorisch» Forschung, bie Mythologie, auch die Dichtung des Nordens hat sich doch nur einer sekundären Würdigung erfreuen dürfen. Jede Form der Deutschtümelei aber, bie eine kulturelle Unabhängigkeit bes Germanentums zur Voraussetzung ober zum Ziel haben konnte, stieß bes ihm auf unbedingtes Mißtrauen ober, wie bie Bestrebungen des Sprachvereins, auf offene Gegnerschaft, weil im Hintergrund immer dir Befürchtung einer Mißachtung ober Verdrängung des Humanis» mus stand.


