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Sprache, nämlich Untersuchungsausschuß, Am- und Hilfsmaßnahmen für die Hinterölie- '-eneu der Opfer. Der Aufforderung Seipels, i der Partei einen scharfen Trennungsstrich zu iehen, könne er nicht entsprechen. Angesichts er Rot des Volkes zeuge die Rede des Dundes- inzlers von Blindheit gegen das, was in den liefen der Volksseele vorgeht. Vach siebenjähriger .sfizieller und inoffizieller Regierung Seipels ü der 15.3uli das blutige Ergebnis. Die Re­gierung beobachte jetzt den Tatsachen gegenüber ine kleinliche, pharisäische Haltung. Wehe dem Lande, das so kleinlich in solcher Stunde regiert werde. (Anhaltender Lärm rechts.) Als wieder Ruhe eingetreten ist. überreicht Dr. Bauer dem Präsidenten zwei Anträge feiner Partei: 1. auf Einsetzung eines älnterfuchungsausschus- ' e s, 2. einen Mihtrauensantrag gegen ! v.e Regierung. (Lebhafter Beifall bei den So­zialdemokraten.) Für die Christlich-Sozialen er­greift nun der

Nationalrat KunschaK

das Wort zu folgenden Ausführungen: Auch wir sehen das Urteil im Schattendorfer Prozeß als ein Fehlurteil an. Man darf nicht das Volk au? die Straße führen, um gegen solche angebliche Klassenjustiz zu demonstrieren. Diese Demonstration war von Anfang an eine poli­tische Kundgebung. 3d) bin gegen die Einsetzung eines parlamentarischen llntecsuchungs- ausschusses, weil die gesetzlichen Organe zur Durchführung solcher Untersuchung da seien und sicher ihres Amtes gewissenhaft walten wür­den, bei einer parlamentarischen Untersuchung aber erfahrungsgemäß nichts herauskommt. Der Redner verurteilte dann die gegenwärtige Hetze gegen die Regierung und erwähnte den Ausdruck Dr. Bauers:Sieben 3ahre Regierung Seipels und das Ergebnis: 100 Tote." Bei solcher Sprache darf man sich nicht wundern, wenn eine noch schrecklichere, blutigere Saat aufgehen würde, als am vorigen Freitag. Seine Partei werde den Mißbilligungsantrag Bauers gegen die Regierung ab lehn en und viel­mehr dem Kanzler den Dank aussprechen, daß 'eine Regierung dem Blutvergießen und dem Aufruhr bei 85 Toten eine Grenze zu ziehen vermochte und von der Republik den Zusammen­bruch abwehrte. (Stürmischer Beifall rechts.)

Abg. Renner (Soz.)

erklärte, ein Abbau derlog. illegalen F o r- Motionen würde von allen Seiten begrüßt wer­ben, wenn nickst ein allgemeines Mißtrauen be­stände, daß die gesetzlichen Mittel nicht ausreichen, um Leben und Freiheit der Bürger zu schützen. Die Vorwürfe der Sozialdemokratie wegen der blutigen Ereignisse am Freitag richten sich nicht gegen ein­zelne Polizeibeamte, sondern gegen die Führung der Volizei. Die Sozialdemokratie in Oesterreich ist immer eine Partei des Aufbaus, der Belehrung und cziehung der Massen auf dem legalen Wege der /)emofratie gewesen, und wünscht dabei in Ruhe gelassen zu werden. Die Erkenntnis muß durchgrei- fen, daß Wien und die Länder neben» und mit­einander bestehen müssen.

2lbg. Woitowa (Grotzdeutsch) sagte, daß die Revolte nicht zur Revolution aus­artete, sei nicht das Verdienst der Sozialdemo­kratie, die seit 3ahren die Staatsautorität unter­gräbt. Auch die Frage ist nicht erledigt, ob wir nicht doch noch eine Revolution bekom­men. Dagegen müssen wir uns wehren, und vor allem die Staatsautorität aufrecht erhalten. Eine Amnestie zu gewähren, erscheint mrs unmöglich. Wottawa tritt dann für eine Reform der G e - schworenenoerichte und für eine Presse- res orm ein und verlangt ein Tumultentschädi­gungsgesetz. sowie ein Antiterror-Gefetz.

Vizekanzler Hartleb

verliest dann den ausführlichen Polizei­bericht über die Vorgänge am vergangenen Freitag. Die Verlesung vollzieht sich unter an» ! «auernder älnruhe im Hause, besonders an der Stelle, wo von dem Gebrauch von Revol­vern durch die Demonstranten gegen die Polizei die Rede ist. Trotz erhobener Stimme ist der Vizekanzler auf der Tribüne kaum ver­ständlich. Der Vizekanzler erklärt, daß die Re­gierung auf die Ausländer in Wien und Oesterreich, soweit sie eine Gefahr für den Staat bedeuten könnten, fortan ein strengeres Augen­merk richten werde. Das gleiche gelte von jenen Zeitungen, die seit 3ahren die Bev ölke - rung gegeneinander aufgeheht hätten. Auf sozialdemokratische Zwischenrufe über die Tätigkeit der Gemeindewehren über­gehend, sagt Hartleb noch, daß diese nicht auf­gestellt worden seien, um eine Diktatur aufzu­richten, was sich das Landvolk übrigens auch nicht gefallen lassen würde. 3nsbesondere der Polizei sei es in erster Linie zu verdanken, daß der Rationalrat heute hier zusammentreten konnte.

Freilassung des Abgeordneten Pieck.

Wien, 26. 3uli. (Wolff.) Rach Mitteilun­gen der Staatspolizei wurde hier die vom Land­gericht gegen den kommunistischen Landtagsabge­ordneten Pieck geführte Untersuchung durch Zu- rücktreten des Staatsanwalts von der Anklage gestern eingestellt. Pieck wurde der Polizei wieder bergeben: diese genehmigte auf Wunsch Piecks essen Abreise nach Deutschland, welche heute : folgte.

Der Rücktritt des Oberprasidenten HLrsing.

B e r I i n , 26. Juli. (WTB.) Amtlich. Das neußische Staatsministerium hat in seiner Sitzung am 26. Juli in Uebereinstimmung mit dem oor- uegenden Antrag, ihn von den Pflichten seines nntes zu entbinden, den Dberpräfibenten der Pro­vinz Sachsen, chörsing, in den e i n ft m e i (i - gen Ruhestand versetzt. Ein Beschluß über Ve Person seines Nachfolgers wurde noch nicht gefaßt.

TeklenburgsStreH^er Regierung.

>rdt^ÄshV ^tfchnationaler Antrag, wonach

^nl-^ufted^ Ministerium Schwab ' e ut (D e m.) ersucht werden sott.

im Amt zu bleiben, mit 19 gegen 15 Stimmen An­nahme. Die Regierung stützt sich auf sämtliche Parteien des Bürgertums einschließlich der Demokraten, äleber einen sozialdemokratischen Mihtrauensantrag gegen die Regierung soll hcute abgestimmt werden.

Heine Antwort an Belgien.

Berlin, 26. 3uli. (Wolfs.) Lieber die deut­sche Stellungnahme zu dem letzten belgischen Memorandum in der Angelegenheit Broque- ville wird von unterrichteter Seite folgendes mit geteilt:

Es muß mit Bedauern festgestellt werden, daß der belgische Kriegsminister auch in diesem neuen Memorandum seine gegen Deutschland erhobenen Beschuldigungen aufrecht erhal­ten zu dürfen glaubt, obwohl er nickst imstande ist, auf die amtlichen deutschen Feststellungen mit irgendwelchen konkreten Anga­ben zu antworten. Graf de Droqueville kann ein derartiges Dorgehen in keiner Weise damit rechtfertigen, daß er die Quellen, auf die er seine Behauptungen stützen will, als geheime be­zeichnet. Wenn der Minister eines Landes öffentlich Anklagen gegen ein anderes Land erhebt und wenn er dann die einwand­freie Widerlegung dieser Anllagen einfach damit abtat, daß er sich auf den geheimen Cha­rakter seiner 3nformationsquellen beruft, wird die Oefsentlichkeit von selbst ihre Schlüsse dar­aus gieren. Die Reichsregierung sieht jedenfalls keinen Anlaß, die von ihr bei der belgischen Regierung eingelegte Verwahrung, die selbst­verständlich in vollem Umfang zu Recht bestehen bleibt, in einem neuen Memorandum nochmals z u wiederholen.

Was die Bemerkung der belgischen Regierung zu den Veröffentlichungen des Unter­suchungsausschusses des Reichstags anlangt, so ist nicht verständlich, inwiefern die Arbeit dieses Untersuchungsausschusses in irgendeinem Z u - saminenhang mit der Angelegenheit Broquevilles stände und in Verbindung damit erörtert werden könnte. Bei den Veröffentlichungen des Untersuchungsausschusses des Reichstages han­delt es sich um .ein Verfahren, das bekanntlich durch einen Beschluß der verfassunggebenden deutschen Na­tionalversammlung vom August 1919 aus Anlaß der im Versailler Vertrag (Artikel 227 bis 231) gegen Deutschland erhobenen A n - schuldigungen eingeleitet wurde und nunmehr nach siebenjähriger Arbeit vor . dem Abschluß steht. Die belg. Regierung hat eine der von ihr dem belgi­schen Parlament oorgelegten Denkschriften über die Veröffentlichungen des Üntersuchungsauschusses un­längst auch der deutschen Regierung mrtgeteilt; diese beabsichtigt, die belgische Denkschrift dem Unter­suchungsausschuß zu übermitteln.

Der deutsche Gesandte in Brüssel ist beauftragt worden, diesen Standpunkt der Reichsregierung der belgischen Regierung zur Kenntnis zu bringen. Dr. von Keller hat dem belgischen Außenministerium in Verfolg dieses Auftrags mitgeteilt, daß die deut­sche Reichsregierung nicht die Absicht habe, auf die letzte Note der belgischen Regierung zu antworten.

Der Streit um Chorzow.

Der polnische Einspruch vom Haager Schiedsgericht abgelehnt. Eigener Drahtbericht desGießener Anzeigers".

Berlin, 26. 3ull Soeben erfahren wir aus dem Haag, daß sich der Haager 3nternationale Schieösgerichtshof in der Angelegenheit der Festsetzung der von feiten Polens an Deutsch­land zu zahlenden Entschädigungssumme für die Stick st offwerke von Chorzow für zuständig erklärt. Diese Rachricht ist um so mehr zu begrüßen, als damit der Ständige 3nternationale Gerichtshof im Haag erneut be­wiesen hat, daß er es mit der Erledigung inter­nationaler Rechtsstreitigkeiten ernst nimmt und gerade darin seine Aufgabe erblickt, diese Strei­tigkeiten zu schlichten. Damit entspricht er auch vollkommen den Voraussetzungen, unter denen er seinerzeit ins Leben gerufen wurde. Wenn er bisher noch kein anderes Ergebnis erzielte, so lag dies darin begründet, daß es sich um eine An­gelegenheit handelte, die für den Gerichtshof in ihrer Form vollkommen neu war. Mit der Ver­werfung des polnischen Einspruchs gegen die Zuständigkeit des Haager Schieds­gerichts hat der 3ntemationale Gerichtshof erneut bestätigt, daß das Stickstoffwert Chorzow deutscher Besitz ist, über welche Frage aller­dings die Entscheidung erst endgültig fallen wird. Bezüglich der deutschen Forderungen für die Höhe der Ersatzsumme behält der Ge­richtshof feine Entscheidung vor.

Die polnischen Vertreter werden sich sicherlich nicht ohne weiteres mit dem Entscheid zufrieden erklären. Das wird aber nicht verhindern, daß der nach dem internationalen Recht zulässige Entscheid Deutschland gegenüber getroffen wird. Welches Ergebnis der Haager Prozeß endgültig bringen wird, steht noch dahin. Die deutschen Forderungen belaufen sich bekanntlich auf 80 Millionen Mark, eine Summe, die bei weitem unter dem tatsächlichen Wert liegt, ungeachtet des unsichtbaren Schadens, den die ehemaligen Besitzer, die oberschlesischen Stickstofswerle und die Bayerischen Stickstoffwerke erlitten haben. Man darf erwarten, daß der Gerichtshof auch in dieser Frage den Rechtsgrundsähen ent­sprechend entscheiden wird, und auch in der Fest­setzung der Entschädigungssumme auf die von Deutschland geforderte Höhe kommen wird.

Die Wünsche der Saarbevölkerung.

Saarbrücken, 26. Juli. (WTB.) Der neue Präsident der Regierungskommission des Saargebie­tes, Sir Ernest Wilton, Ijat heute im Beisein des Regierungskommissars Koßmann den Präsiden­ten des Bundesrates, Scheuer, und die Führer der einzelnen Lande s^ratsfraktionen emp­fangen. Nach,Vorstellung der Herren durch Landes­ratspräsidenten Scheuer trugen die Fraktionsführer dem Präsidenten der Regierungskommisfion ihre prinzipiellen Wünsche in bezug auf das Zusam­menarbeiten des Landesrates mit der Regie­rung vor, wobei sie besonderes Gewicht darauf leg­ten, daß für die Zukunft die Gutachten des Landesrates mehr als bisher Berücksichtigung erfahren und die Regierungskommission mithelfen möge, daß das Saargebiet entsprechend dem Wunsche seiner Bevölkerung baldmöglichst zum Deut­schen Reiche zurückgeführt werde. Der Präsident der Regierungskommission gab seiner Freude Ausdruck, die Vertreter der Bevölkerung

bei sich zu sehen, und sprach die Hoffnung aus, durch die persönliche Fühlungnahme zu einem guten Ver­hältnis zwischen Regierung und Landesrat zu kommen.

D!e Krisis des Saatbergbaues.

S t. 3 n g e r t, 26. 3uli. (Wolff.) Die Gene- raldireltion der Saargruben erklärte in einer Verhandlung mit den Vertretern der Arbeiter- organifationcn, daß die Verwaltung gezwungen fei, die Belegschaft zu vermindern, die Saargruben würden durch die Konkurrenz er­drückt. Reuanlegungen könnten nicht mehr er­folgen. Die Verwaltung hat mit dem Abbau schon begonnen, die Belegschaft verringert sich von Monat zu Monat: sie beträgt jetzt nur noch zirka 72 000 Mann. Daß von nun an keine Arbeiter mehr neu eingestellt werden sollen, wird den Arbeitsmarlt im preußischen und bayrischen Teil des Saargebietes und dar­über hinaus stark belasten. Bisher waren min­destens so viel Arbeiter neu eingestellt worden, als der Abgang infolge Alters oder sonstiger Llrsache ausmachte.

Geheimnisvolle Todesanzeigen in Petersburg.

Berlin, 27. Juli. (TU.) Nach den Morgen­blättern bringen die Petersburger Sowjetblütter der letzten Tage über 20 Todesanzeigen hrroorragenber Petersburger Sowjetbeamter. In allen Anzeigen findet sich der Hinweis:© e ft o r o < ii imD.ei; ft für das Proletariat." Es ist anzunehmen, daß es sich um die Opfer eines neuen gegenrevolutionären Anschlags han­delt, von dem das Ausland noch nichts weiß.

Die Kämpfe in China.

Schanghai, 26. Juli. (WTB.) Nach einem Funkspruch aus Hantau hatte Borodins kürzlicher Besuch in Kuling eine Besprechung mit V e r- tretern Tschiang-Kaischeks zum Ziel, der bekanntlich Borodins Vorschlag einer Einigung mit der Hankauregierung ablehnte. Man glaubt, daß Borodin nunmehr sich mit Feng Au-hsiang ,n Ver­bindung setzte, um ein Bündnis mit Ruß­land zustande zu bringen. Nach einer Funkmeldung aus Nanking ist Ksu Tschu-fau, der Stutzpunkt für den nationalistischen Vormarsch gegen Peking, am 23. Juli durch die Nordtruppen erobert. Bereits am folgenden Tag jedoch wurden sie durch die Streit­kräfte Feng Pu-Hsiangs wieder zurückgewor- f e n. Die Nachricht ist insofern bedeutungsvoll, als sie zum ersten Male die Anwesenheit Fengs in dieser Gegend zeigt. Die nationalistische Front ver­läuft jetzt 25 Kilometer südlich bei Ku-Tschen. Die militärische Position Tschiang-Kaischeks ge­staltet sich von Tag zu Tag schwieriger. Sunt- fdjuangfang hat die an der TientsinPukow- Eisenbahn gelegene Stadt Pergou, 110 Meilen nördlich von Nanking, eingenommen und rückt am nördlichen Ufer des Pangtse entlang auf Tsche- t i a n g vor.

Die Tübinger Ehrendoktoren.

Tübingen, 26. Juli. Zu dem Bericht über die gestrigen Feierlichkeiten aus Anlaß des 400= jährigen Jubiläums der Eberhard-Karls-Universität ist noch nachzutragen die Liste der Ehrenpromotionen und Ernennungen zum Ehrensenator, die die Uni­versität bei dieser Gelegenheit ausgesprochen hat. Unter den Ehrensenatoren befinden sich der Stutt­garter Oberbürgermeister Lautenschlager und die bekannten württembergischen Verleger Siebeck (Verlag I. E. B. Mohr) und Kohlhammer. Zu Ehrendoktoren der Theologie wurden promoviert u. a. der Direktor des evangelischen Pressedienstes, Lic. August Hinderer, der Bischof von Rot­te n b u r g und die Benediktineräbte von Beuron und Maria-Laach. Die rechtswissenschaftliche Fakultät ernannte u. a. den Berliner Philosophie­professor Heinrich Maier, ferner die Schwedin Elsa Brand ström für ihre Hilfe, die sie den deut­schen Kriegsgefangenen in Sibirien gebracht hat, und den ehemaligen württembergischen Staatspräsiden­ten Dr. v. H i e b e r. Die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät promovierte den Feldmarschall Herzog Albrecht von Württemberg im Gedenken an die jahrhundertelange Förderung der Universität durch das württembergische Fürstenhaus, ferner den berühmten Berliner Historiker Professor Dietrich Schäfer und den österreichischen Bundespräsiden­ten Dr. Michael H a i n i s ch. Die medizinische Fa­kultät hat zu Ehrendoktoren ernannt den in Tü­bingen lebenden Verfasser des Paracelsusromans, E. G. Kolbenheyer und den derzeitigen würt­tembergischen Staatspräsidenten Bazille. Die philosophische Fakultät den holländischen Historiker Huizniga in Leiden, den Generalleutnant von Moser und den Vizerektor der Universität Madrid, Professor Tornoy-Monzo. Die naturwissen­schaftliche Fakultät promovierte u. a. den bekannten Botaniker Oberreallehrer Bertsch.

Aus atüer Welt.

Der Reichspräsident in Pekkus.

Der Reichspräsident folgte heute einer Einladung des Besitzers der Saatzuchtbe- t r i e b e in Petkus, F. v. Lochow. Zwischen Der Besichtigung des Hauptwirtschaftshoses in Pellus und einer Rundfahrt zu den einzelnen Saatzucht­stau ^nen begrüßte der Reichspräsident die An­gestellten und Arbeiter Der Lochowschen Betriebe, ferner die Mitglieder zahlreicher lanowirt schäft- licher Vereine aus Der näheren Umgebung.

Rellungslat des Abg. von Lindeiner.

3n Bansin rettete der deutschnationale Reichstagsabgeordnete v. Lindeiner-Wildau un­ter eigener Lebensgefahr die Frau eines Ber­liner Fabrikanten vorn Tode des Ertrinkens.

Die Deutsche Bauausstellung 1930.

Die Verhandlungen zwischen der Dauwirtschaft und dem Berliner Magistrat über den Plan einer großen Dauausstellung im 3ahre 1930 haben zu einer Verständigung geführt. Es ist beschlossen worden, der Bauwirtschaft ein ausgedehntes Ge­lände in der Rähe der Ausstellungshallen am Koiserdamm, das eigene Eisenbahnanlagen erhal­ten soll, aus dieDauer vonzehn Fahren zu überlassen. Die Bauausstellung 1930 wird eine Dauer ausstellung werden, die zehn 3ahre lang dem Publikum geöffnet fein wird. Die Kosten­fragen sind noch nicht endgültig geflärt und be­dürfen der Genehmigung der Stadtverordneten­versammlung.

Eine Diebesbande von Zwölfjährigen.

In Beuthen wurden nach langen Ermittlungen ' vier Schulknaben im Alter von 12 bis 14

Jahren festgenommen, die regelmäßig Diebes» f a h r t e n unternommen und dabei Uhren, ©old» sacken, Bücher usw. gestohlen hatten. Der Führer der jugendlichen Bande war ein 14jähriger Junge. Als Arbeitsfeld juchte er sich u. a. Fußball» platze aus. Außerdem juchte er mit den übrigen Drei Knaben systematisch Villen heim, in denen sie alle möglichen Gegenstände stahlen. Die gestohle» nen Gegenstände wurden von den Jungen sofort z u Geld gemacht, das sie vernaschten. Man über­raschte sie, als sie gerade mehrere Uhren verkaufen wollten.

Von einem Bären zerfleischt.

Am Weserufer bei Corvey hatte ein Baren- führertrupp Haltgemacht. Ein an einem Baum angekoppelter Bär riß sich los, fiel auf der Straße ein 19jähriges Mädchen an und schleppte sein Opfer in einen Wassergraben. Ein Domänenpächter machte das Tier durch mehrere Schüsse unschädlich. Das lebensgefährlich verletzte Mädchen wurde dem Kran­kenhaus zugcführt. Auch einer der beiden Helfer erlitt schwere Verletzungen. Die Bärenführerfamilie wurde festgenommen.

Sturz vom Omnibusverdeck.

Ein seltsamer Unglücksfall ereignete sich in der Hauptstraße in Berlin-Schöneberg. Ein Spanndraht der Strahenbahnoberleitung hatte sich gelockert. Als ein Autobus vorbeifuhr, wurde ein Fahrgast, der auf dem Oberdeck saß, von dem Draht ersaßt und auf das S traß enps la - ft e r geschleudert. Er erlitt schwere äußere und innere Verletzungen und mußte ins Kranken­haus gebracht werden.

Wettervoraussage.

Zeitweise stärker bewölkt, warm, Rieder­schläge zum Teil mit Gewitter.

Gestrige Tages.'emperaturen: Maximum 23,8, Minimum: 11,5 Grad Celsius. Heutige Morgen­temperatur: 17,9 Grad Celsius.

Sonnenscheindauer: 11 Stunden.

Mitterungsaussichten für Freitag: Wolkig, auch aufhciternd, noch einzelne Gewitterstörungen.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 27. 3uli 1927.

Strohwitwer und Strohtochter.

Meine Tochter und ich find allein zu Haufe. Meine Tochter ist fünfzehn und ich bin entsprechend älter. Meine Frau frühstückt in Travemünde und wir machen Picknicks in der Wohnung. Von dem hundertvierzigteiligen Eßservice find nur noch zwei Teller unbenutzt, die anderen stehen in der Küche, und ba wir sehr viel Kartoffelsalat gegessen haben, gucken überall Messer und Gabeln dazwischen her­aus, die völlig mit Grünspan überzogen sind. Da wir beide für schöne Farben find, freuen wir uns, wenn wir in die Küche kommen, immer über das herrliche Grün, das von Tag zu Tag leuchtender wird. Kürzlich beschlossen wir einmal, da ein Schnupfen die Putzfrau weggefegt hatte, selber ab­zuwaschen. Zunächst wurden alle Kessel und Töpfe voll heißes Wasser gemacht. Wir warfen uns in in­dianische Kostüme, aber als mir zwei Teller aus der Hand gerutscht waren, ließen wir das Wasser wieder falt werden, und ich las meiner Tochter einen Gesang aus Horner vor. Arn schönsten ist es jedoch, wenn wir uns einmal selber Mittagessen kochen. Wir leben bann von Nachspeisen, und haben alles Eingemachte bis auf einen kleinen Rest vertilgt. Aber nicht etwa, daß wir roh und gefühllos die Einmachgläser auslöffeln, wir erfinden uns Speisen dazu, die von unerhörtem Raffinement find. Aus Eiern. Zucker, Oelfardinen, geriebenen Haselnüssen und Schweizerkäse haben wir unter ständigem Um- rühren einen Flammeri erfunden, ber, wenn er falt geworben, selbst bei der Hochzeit des Prinzen von Wales als Vorgericht gereicht werden könnte.

Jetzt, da die Heimkehr unserer treuen Mutter bevorsteht, überlegen wir, was wir ihr zur Ueber- raschung veranstalten könnten. Wir schwanken zwi­schen dem Ersah des zerschmissenen Geschirrs und dem Kochen einer Nachspeise ober einer achttägigen Abwesenheit, bis bie arme Frau alles verschmerzt hat. Denn leiber haben wir an einem ber letzten Sonntage mit einigen Freunbinnen meiner Toch- ter auch nochWilhelm Test" aufgeführt, unb dazu viele Kleider unb Kostüme, bie wir vorfanben, teils verbogen, teils kürzer genäht. Immerhin, meine Tochter als Bertha von Bruneck sah nicht übel aus, unb ich als Rubenz gefiel allen jungen Mäbchen ganz besonders. Wegen ber Rollenverteilung gab es jedoch eine dramatische Verwickelung, bie zu einer völligen Verfeindung aller Mitglieder führte. Als schließlich nur noch Bertha von Bruneck und ich als Ueberrefte ber Gruppe vorhanben waren, begaben wir uns ans Nähen unb Reinigen mit Benzin. Die weißseibene Bluse Gertrub Stauffachers war total mit Kaffee bekleckert, Frau Tells Kleib trug einen Riß ä la Poiret auf der Seite. Ich schlug vor, ob man die Sache nicht zuhäkeln könne, während meine Tochter mehr für Kreuzstich war. Ich meinte, bas beste wäre, es so zu machen, daß man später nichts merken würde, worauf Bertha von Bruneck einwandte, ich sollte dann lieber einen neuen Rock kaufen unb ihr ben alten für bie nächste Aufführung schenken. Etwas betrübt trugen wir bie Kaffeetassen in unsere Orünfpanfammer, wobei uns biesnial bie Kaffeekanne entglitt. Wir stellten fest, daß der Scherbenhausen neben dem Kohlenfasten feit drei Wochen von Tag zu Tag bunter und größer ge­worden sei, und daß es ratsam wäre, die Scherben vor bie Haustür zu werfen, bamit sie ber Aschen­mann abholt. Das taten wir benn auch.

Da liegen sie nun seit drei Tagen unb sind immer noch nicht weg, unb so fürchte ich, meine Frau be­kommt ben ersten Ohnmachtsanfall schon an ber Haustür. Sollten wir eine Serviette über bie Scher­ben legen? Wir haben boch kürzlich zwei beim Plätten meiner Hosen verbrannt. Dieses verfluchte Bügeln! Wenn ich baran benfe! Das muß einem doch gesagt werden, daß man auf einem Mahagoni­tisch etwas unterlegen muß, unb baß die Serviette feucht sein muß. Jetzt find meine Hosen blank und der Mahagonitisch hat eine Falte. Eine breite Fläche zieht sich über ihn elegisch dahin. Wir haben zwar mit einer felbftcrfunbencn Mischung von Leinöl, Petroleum, Spiritus und Eigelb, die wir mit einem wollenen Hausschuh auftrugen, beide wie verrückt aus ber Platte herumgerieben, die Folge indes war, baß, da ber Hausschuh Schnallen hatte, ber Tisch jetzt clenb verkratzt ist unb zubem fürchterlich stinkt. Jetzt suchen wir in Zeitungsannoncen nach, ob nicht irgendeiner eine Mahagonitischplatte loswerden möchte.

Dabei fällt mir ein, baß wir sicherlich Dickmilch bis zum Weihnachtsabend haben, benn der Milch­mann hat unentwegt jeden Tag feinen Liter Milch gebracht, wir haben nie davon getarnten, ba wir immer für Obst unb Bier waren. So ist jeder Topf in ber Küche voll Milch. Zuletzt haben wir Vasen, Bowlen, Waschschüsseln unb Einmachgläser genom»