Nr. 225 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Südwestdeutscher Landeseisenbahnrat. WEN. Der Landeseisenbahnrat
Frankfurt a. 2N. für die Direktionsbezirke Frankfurt a. M., Kassel und Mainz hielt jetzt seine Herbsttagung in Mainz ab.
Als Vorsitzender eröffnete der Präsident der Reichsbahndirektion Frankfurt a. M., Dr. Ro- f e r, die Sitzung und betonte, daß die diesjährige Sitzung an einem Platz außerhalb Frankfurts eine Ausnahme von der Regel sei. Sie finde ihre Begründung in der Absicht, dem besetzten Gebiet die stets bekundete Sorge um seine Derkehrsbelanae zu beweisen und ihm eine Huldigung darzuvrinaen für feine vaterländische Ge- sinuung, in der Hoffnung, daß die baldige Befreiung von der Last der Besatzung sem verständnisvolles Ausharren kröne.
Bürgermeister Adelung-Mainz begrüßte daraus die Anwesenden und betonte, daß das besetzte Gebiet keine Sonderwunsche verlange, sondern sich mit der Befriedigung der Belange begnüge. die den Verkehr des Westens kennzeichnen.
Präsident Dr. Roser ging dann u. a. auf die Ausführungen ein, die Oberbürgermeister Dr. Landmann beim Empfang der „Vereinigung für staatswissenschaftliche Fortbildung" am 19. September in Frankfurt a. M. in einem Vortrag über die „Gegenwartsprobleme des Rhein- Mainischen Wirtschaftsgebietes" gemacht habe, in denen dieser u. a. ausgeführt habe, daß die Reichsbahn in der
Befriedigung des Berufsverkehrs zwischen Arbeiisstäkte und Wohnort
versage, weshalb der Reichsbahn starke Kon- kurrcnz aus der Errichtung von Schnellbahnen, Omnibus- und Kraftwagenlinien erwüchsen. Präsident Dr. Roser gab zu, daß zahienliiäßig im Frieden mehr Berufszüge in der Umgebung Don Frankfurt gefahren worden seien. Der Grund ihrer Verminderung sei der Zwang zu stärkerer Rücksichtnahme auf Wirtschaftlichkeit. Ausschlaggebend sei aber nicht die Zahl, sondern die Stärke der Züge und die Fahrplanlage. Trotz geringerer Zahl könne fahrplantechnisch nicht von einem Versagen der Reichsbahn die Rede fein. 2m letzten Jahre sei der Fahrplan stetig verbessert worden: wesentliche Klagen seien nicht mehr bekannt geworden, und große Werke hätten sogar ihre volle Befriedigung über die jetzigen Fahrpläne ausgesprochen. Infolge ihrer bessereil. Besetzung seien die Züge jetzt wirtschaftlicher: das bedeute jedoch nicht, daß die Reichs- bahll ein Feind des Berufsverkehrs sei. Der Autoverkehr werde auch von der Reichsbahn gepflegt, doch habe er teilweise feine allzu "verlockenden Ergebnisse gezeitigt, und manche Linien seien deshalb wieder auf gegeben worden. Die großen Städte und die Reichsbahn betrachteten manche Fragen von ninern grundsätz lich verschiedenen Standpunkt. Während die Reichsbahn einen wirtschaftlichen Standpunkt anlegen müsse, behandelten die Städte die Verkehrsbelange vom werbetechnischen Standpunkte aus. Ihnen komme es nicht darauf an, ob der Verkehr sich trage. Dabei könne es zweifelhaft sein, ob das Wachsen der großen Städte ein Segen für die deutsche Bevölkerung bedellte. In diesem Zusammenhang zitierte Dr. Roser die Aeußerung des Geheimrats Du is berg auf dem Industrie- und Handelstag, in der er der Industrie empfahl, aufs Land zu gehen und die großen Städte zu meiden. Bezüglich des Vorortverkehrs betonte der Präsident, daß es - gefährlich sei, Berliner und Hamburger Verhältnisse auf andere Städte zu übertragen, in der bestimmten Voraussicht, daß hier wesentliche Ausfälle entstehen. Schon früher sei man über die Rentabilität des Personenverkehrs zweifelhaft gewesen. Die Betriebsrechnung des Jahres 1926 enthalte für den Personenverkehr eine Wirtschaftszahl von 110 Prozent, d. h. auf 100 Mark Edrnahmen entfallen 110 Mark Ausgaben. Die Reichsbahn bewilligte also dem Personenverkehr aus den Einnahmen des Güterverkehrs bewußte Zuschüsse.
Wenn Dr. Landmann die Elektrifizierung der Linie Frankfurt—Basel gefordert habe, so wäre an sich dieser Wunsch auch der der Reichsbahndirektion Frankfurt. Im übrigen wür- Zwischen siinsundsieben Roman von Liesbet Dill.
Copyright bei Morawe & Scheffelt Verlag, Berlin. 23 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Es war stark verräuchert, überheizt und fast alle die kleine Marmortische waren besetzt. Nur ein Platz in der Ecke war noch frei. Sie setzte sich und nahm eine Zeitung, in die sie blickt«^ während man ihr den Kaffee hin^tellte. Sie las ... „Der Orchesterabend von Dr. Manfred war größtenteils der modernen Musik gewidmet und fand eine vollbesetzte Singakademie. Manfreds enthusiastische, fast fanatische Begeisterung, die das Letzte aus dem Orchester und den Werken heraushoit — — —" Das war sicher der Konzertabend vorgestern ... er war früh fortgegangen, und sie hatte ihn nach Mitternacht Heimkommen hören ... Sie wußte nicht eimal, was er gespielt hatte .... sie hatte nichts mehr mit ihm gemein ... Die „Große Fuge von Beethoven", mit „plastischer Eindringlichkeit gestaltet", eine Orchestersuite von Strawinski ... sie hatte ihn neulich die „Balalaika" daraus spielen hören ... hinter geschlossener Tür ... Heut' abend war in der Oper Novitätenabend ... sie hatte vergessen, ihre Logenplätze abzubestellen ... Bender dirigierte ... eine Uraufführung, „Royal Palace" und eine Pantomime „Don Pedros Pyppenspiel" ... Dirigent Ernst Bender . . . Sie legte das'Matt fort. Am Nachbartisch hatte man die schöne Frau erkannt, man steckte die Köpfe zusammen, der junge Mann, der ihr gegenübersaß, starrte sie durch seine schwarzgefaßten, runden Brillengläser durchdringend an . . . Sie ging . . .
Heber der katholisci>en Kirche flatterten die Tauben, diese Türen standen immer offen ... Sie trat ein ... Eino kühle, erhabene Stille umfing sie. In dem hohen Kirchenschiff glimmte die ewige Campe. Weiße und violette Listern blühten in goldenen Vasen auf dem Altar, die letzten Blume des sterbenden Jahres . . .
Zwischen den Bänken stand ein Sarg, mit einer schleppenden, schwarzen Samtdecke behangen, auf die ein silbernes Kruzifix genäht war. Wahrscheinlich hatte eine Messe für einen Verstorbenen sta.'tgesun- den, und der Sarg, das Symbol, war noch stchen- fleb(ieben.
den die Vorteile der Elektrifizierung überschätzt. Der Vorteil liege weniger in der Wirtschaftlichkeit, als in der rascheren Fahrzeit und der größeren Reinlichkeit der Anlagen und Betriebsmittel. Man dürfe sich aber dabei auch nicht darüber täuschen, daß auch dann keineswegs alle Wünsche restlos erfüllt würden, und es sei irrig, anzunehmen, daß die Zugzahl erheblich vermehrt würde. Auch nach der Elettrifizierung bedinge die Rücksicht auf Rentabilität ebenso die Bemessung der Zugleistungen.
Geh. Regierungsrat Dr. Häuser ergänzte die mit Beifall aufgenommenen Ausführungen hinsichtlich der Frage der Elektrifizierung dahin, daß es heute noch fraglich sei, ob die Verwendung elektrischer Kraft den Vorzug vor der Beförderung mit einer Maschine verdiene, die aus Erzeugnissen der Kohle gespeist werde. So sei z. B. der Dieselmotor rauchlos und schnell und stehe der elektrischen Förderung rächt nach. Die Frage, ob Elektrifizierung oder nicht, sei deshalb mehr eine technische Frage.
Einen großen Teil der Tagesordnung füllten die Wünsche auf
Eine Madonna stand auf dem Altar, unnahbar mit ihrem Iesusknaben im Arm. Sie trugen beide goldene Aureole^ die Mutter eine große, das Jesuskind nur einen feinen Reif, der durch die Dämmerung flimmerte. Beide schauten ernst auf sie herab.
In der Ecke brannten mehrere dünne, lange Kerzen auf einem schwarzen Blechtisch. Der Tisch war mit dicken Wachstropfen bedeckt wie von erstarrten Tränen. Eine alte Frau, auf einer Wärmekruke sitzend, eingemummelt in wollene Schals, hielt in der dunklen Ecke Rosenkränze und Wachskerzen feil. Sie kaufte ihr eine lange, gelbe Kerze ab, ging damit an den Tisch und zündete sie an. In einem Strohstuhl kniend, sah sie zu, wie ihr Licht Knisternd brannte, zwischen den anderen. Ein kleines Licht erlosch, andere brannten tropfend nieder, wurden Heiner... Ein junger Mann kam auf Krücken durch das Halbdunkel vorbeigeschlürft, ein feuchter Luftzug wehte herein. Ihr Licht verlöschte.
Sie erhob sich, um die Kerze wieder anzuzünden. Nun brannte sie wieder und knisterte.
Die heiße Stirn in den Händen betete sie ... „Erlöse mich... sei mir gnädig ... gib mir Frieden."
Als sie aufblickte, brannte ihr Licht nicht mehr. Es war zum zweitenmal erloschen ... und sie erschrak ... Das ist kein gutes Zeichen, dachte sie. Sie fröstelte ...
Die gnadenreiche Madonna blickte streng und unnahbar fremd, das Iesuskindchen drückte sich ängstlich in ihren weiten, faltigen Mantel, als fürchte es sich und flüchtete zur Mutter, während es mit großen Kinderaugen auf sie heruntersah ...
„Frau Gräfin wartet schon seit einer halben Stunde im Salon."
Die Tür flog auf ... „Ethel! Was bringst du?" Aber als sich die Freundin vom Sofa erhob, sah sie ihr an, daß es nichts Gutes war...
„Setz' dich, Melitta ... Sei ruhig ... ruhig ..." Aber Melitta blieb stehen.
„Was ist's — sag's rasch. Bringst du--eine
Antwort? Sprich doch, Ethel, sprich!"
„Ich habe keine Antwort ..." kam es tonlos,..
„Was heißt ... das ... Ethel, Ethel, sag' mir die Wahrheit ... Sag' alles!"
„Ich kam vor eine verschlossene Tür ..."
„Ah" ... Der Stoß traf.
Verbesserung der Fahrpläne im Personenverkehr durch Einlegung neuer Züge
(z. B. Eilzug Gießen—Fulda) und Aende- rung der Fahrzeiten aus. Wochenendwünschen der Stadt Kassel und Wünschen auf Führung von Feriensonderzügen außerhalb der Ferienzeit konnte nicht zugestimmt werden. Dem Antrag Frankfurts, bei Zugverspätungen die Sperren 'm Frankfurter Hauptbahnhof frühzeitiger zu öffnen, soll entsprochen, ferner soll zu den verspäteten Zügen im Wartesaal aufgerufen werden. Dadurch wird das unbequeme Drängen vor den Sperren beseitigt.
Gutsbesitzer v. Stedmann machte interessante Ausführungen über einen großzügigen Plan der Landwirtschaft, für den Absatz der landwirtschaftlichen Produkte, insbesondere von Obst, Gemüse, Eiern. Frühkartoffeln und Molkereierzeugnissen, Erzeugermarkthallen und Märkte in den Ueberschuhgebieten einzurichten. um durch sie Absatz- und Verbrauchs- aebiet einander zu nähern und den Zwischenhandel einzuschränken.
Die nächste Tagung findet Mitte März 1928 wieder in Frankfurt a. M. statt.
Melitta griff sich an das arbeitende Herz. „Weiter, erzähl'..."
„Ich fuhr zuerst vor sein Haus ... Es war ein Diener da ... sonst niemand. Der alte Herr habe Sitzung und käme nicht vor zwei Uhr zu Tisch. Der junge Herr sei seit gestern nacht zurück von seiner Reise und auf die Fabrik gegangen. Ich bat, nach ihm zu suchen. Man rief sein Bureau an . . . der Direktor antwortete, Valentin junior sei eben in der Fabrik gewesen und vor zehn Minuten mit dem Auto fortgefahren."
„Wohin — hierher?"
„In der Richtung nach der Stadt, meinte der Diener."
„Also hierher." In dem erloschenen Blick Me- littas leuchtete es auf. Eine vage Hoffnung belebte sie. „Er ist unterwegs ... ist vielleicht schon hier! Und wartet auf mich. Er will nicht in mein Haus kommen, ich verstehe das ... Ist nicht Freitag heute, ja? Sieh doch auf dem Kalender nach ... Ich weiß kein Datum mehr ... Freitag? Richtig ... er wird in der Platanenstraße sein--. Ich werde zu spät
kommen ... er sott nicht warten."
Sie schellte. „Meinen Hut, mein Cape", rief sie dem Diener zu, der auj ihr Klingeln kam ... „Ich muß fort, ein Auto, rasch ..."
„Melitta, willst du ... dorthin?"
„Natürlich, er wird dort sein ... er wartet auf mich ... ich verstehe jetzt alles ... Er war nicht da ... war verreist, wie ich ahnte ... als er heimkam, hat er die Briefe gefunden ... Und ist sofort hergefahren ... Wie endlos das dauert, bis man hier einen Wagen bekommt, bei dem Wetter ..." Draußen klatschte der Regen. An den Scheiben floß er herab.
Ethel sah der Freundin zu, wie sie sich mit nervösen Händen das Haar feststeckte, das Netz darüber zog vor dem Spiegel, etwas Puder auflegte, und die blaffen Lippen färbte.
„Nun, Ethel . . . wird es sich entscheiden . . . in dieser Stunde noch . . ."
Der Diener bracht» das Cape und den Hut . . . „Rasch, rasch — — ich bin — — eingeladen. Ich komme spät--heute. So, danke... warten Sie
nicht auf mich." Sie wandte sich an Ethel. „Vielleicht komm' ich nicht mehr zurück . . . dann sag' es ihm . . . Meine Koffer hab' ich hier gelassen — ich schreibe dir — du sorgst für alles, nicht wahr?
verbandstagderheWchenVauVemneinGiehen
* Gießen, 25. Sept.
Der Verband der gemeinnützigen Bau vereine in Hessen trat heute auf der Liebigshöhe zu seinem diesjährigen Verbands- ta g und unter Leitung feines Vorsitzenden, Ministerialrats Klump, Darmstadt, zusammen. Die Tagung war von Delegierten aus allen Teilen des Landes sehr stark besucht.
Ministerialrat Klump stellte in feiner Eröffnungsansprache u. a. fest, daß die im vorigen Jahre gehegten Hoffnungen hinsichtlich der Besserung der Baulage in diesem Jahre nur teilweise in Erfüllung gegangen seien. Als Erklärung dafür erinnerte der Redner vor allem an die Leere des Geldmarktes, die heute noch nicht behoben sei. Bei aller Würdigung der ausländischen Kapitaleinfuhr müsse doch gesagt werden, daß zu viele Verpfändungen von Realwerten an das Ausland keinen Gewinn für unser Volksvermögen darstellen. Immerhin habe es sich ermöglichen lassen, auf die Landgemeinden in diesem Jahre 13 Millionen Mark Baudarlehen zu verteilen, gegen 4 Millionen Mark im Vorjahre. Geldgeber waren die Hessische Landesbank und die hessischen Bezirkssparkassen. Der Redner wies in diesem Zusammenhänge auf die großen Vorteile der zinsver- bilHgenben Darlehen für den Kleinwohnungsbau hin und betonte, wenn diese zinsoerbilligenden Darlehen beibehalten würden, dürfte bis 1932 die Wohnungsnot in den Landgemeinden als beseitigt anzusehen sein. Nur dadurch, daß der Hessische Staat für die Aufnahme der Anleihen die 'Bürgschaft übernahm, war es leichter möglich, diese Gelder hereinzunehmen, weil die Geldgeber dadurch die Sicherheit für ihr Geld in hohem Maße erhielten. Für die Baugenossenschaften sei es wichtig, sich auf dieseiß Wege in größerer Zahl einzuschalten. Der Redner begrüßte dann noch die Vertreter der Behörden, verschiedener Organisationen, der Tagespreise und die Verbandsmitglieder und dankte zum Schluß dem Minister für Arbeit und Wirtschaft für die bisherige wohlwollende Unterstützung der Baugenossenschaften. Die Abwesenheit des Ministers entschuldigte der Redner mit dem Hinweis auf eine Erkrankung des Ministers.
Beigeordneter Dr. Hamm, Gießen, begrüßte hierauf den Verbandstag im Namen der oberhessischen Provinzialhauptftaot, dankte für die Einberufung nach hier und übermittelte weiter im Auftrage der Vertreter der staatlichen Verwaltungen deren beste Grüße und Wünsche. Der Redner hob sodann hervor, in Gießen sei man der Auffassung, daß die Bau- genossenschaften tatkräftig gefördert werden müßen, denn sie seien es, die der Stadt die Fürsorge für kleine Wohnungen abnehmen, für die sich die private Bautätigkeit zur Zeit weniger interessiere und auch geringer einsetzen könne. Von diesem Standpunkt ausgehend, habe die Stadt Gießen der hiesigen Baugenossenschaft kräftig geholfen. Dadurch war es möglich, beim jüngsten Bauprogramm statt der ursprünglich vorgesehenen 150 Kleinwohnungen deren 270 mittels Baudarlehen zu schaffen. Auch in der Zukunft unserer Baugestaltung werde den Baugenossenschaf
ten ein ganz hervorragender Anteil zukommen. Deshalb verfolge die Stadt Gießen die Arheit der Baugenossenschaften mit größtem Interesse. Zum Vorteil für die Baugenossenschaftssache möge auch diese Tagung sein.
Nunmehr hielt Regierungsrat Enes. Darmstadt, (Landesfinanzamt) einen sehr instruktiven Vortrag über „D i e verschiedenen Steuergesetze und ihre Bedeutung für die gemeinnützige Bautätigkeit“. Anschließend sprach Staatsanwalt Dr. Brauns, Worms, fesselnd und aufschlußreich über „D a s Erbbaurcch t“. Beide Vorträge, über die wir noch besonders 'berichten werden, fanden den lebhaften Beifall der stark interessierten Zuhörer. In der anschließenden Aussprache machte Beigeordneter Dr. Hamm. Gießen, aus dem reichen Schatze seiner Erfahrungen auf städtebaulichem Gebiet noch bemerkenswerte Ergänzungen und Vorschläge zum Thema „Erbbaurecht", aus die wir im Zusammenhang mit dem Abdruck der Grundgedanken dieses Vortrages noch zurück- kommen werden.
Als erster Punkt der geschäftlichen .Angelegenheiten stand der Geschäftsbericht für 1 9 26 zur Beratung, aus dem wir folgenden Auszug geben: „Das Geschäftsjahr 1926 brachte unter der Auswirkung der Stabilijierungserschei- mtngcn in der allgemeinen Wirtschaft eine rege Tätigkeit. Insbesondere erforderten die bei vielen Genossenschaften zu Beginn des Jahres noch bestehenden älnsicherheften in den Aufwertungsfragen mancherlei Aufklärung, die teils schriftlich. teils mündlich erteilt wurde. Inzwischen sind diese Zweifel in mehr oder weniger befriedigender Weise gelöst worden. Leider sind einzelne, vor 1914 sehr tätige Genossenschaften dadurch außerordentlich nachteilig betroffen worden, daß sie die nach dem Kriege errichteten Reu- bauten sehr bald veräußert haben und jetzt über keinen Hausbesitz oder andere Realwerte verfügen. Soweit Hypotheken oder Restkaufgeldguthaben bestanden, geschah die Aufwertung nach der gesetzlichen Regelung. Der fühlbare Mangel an flüssigen Geldmitteln verhinderte vielfach die Wiederaufnahme der Bautätigleit, die nur unter Bereitstellung größerer Zuwendungen seitens der Gemeinden neben den Landesbaudarlehen in Gang gebracht werden konnte. Ein erheblicher Teil der aufklärenden Tätigkeit erstreckte sich auf die Mietpreisfestsehungen in zahlreichen Fällen, bei denen die Mieteingänge nicht mehr zur Bestreitung der Kosten für den Hausbesitz ous- rerchten. Obwohl der Hausbesitz gemeinnütziger Baugenossenschaften der gesetzlichen Mietpreisregelung nicht unterliegt, war es in einer Reihe von Fällen nicht möglich, geringe Mietsteigerungen über die allgemeine Grenze hinaus durchzu- fiihren, obwohl die gezahlte Miete vielfach unter dem örtlichen Durchschnittssah der Miete für andere gleichartige Wohnungen lag. In der Zuteilung der Baudarlehen aus öffentlichen Mit-
Montag, 26. September 1927
fein (Hauszinssteuer bzw. Sondergebäudesteuer) trat eine Aenderung gegen das Vorjahr nur insoweit ein, ols der Wohnungsbauanteil ganz in dem staatlichen Steuerausschlagsah enthalten war und das einzelne Darlehen vom Staate bewilligt wurde, ohne daß die Gemeinde, wie es in 1924 und 1925 der Fall war, einen Pflichtanteil zu leisten hatte. Es wurde ein Wohnungsbauprogramm auf längere Sicht behandelt, das sich für die Landgemeinden erstmals im Baujahr 1927 auswirken wird, indem statt rund 4 Millionen Mark jetzt rund 13 Millionen Mark Baudarlehen auf die Landgemeinden verteilt werden. Ferner hat die Regierung zu der Tätigkeit der Deutschen Bau- und Siedlungsgemeinschaft sowohl im Landtag. als auch durch Aufklärung in den Tagesblättern im Oktober 1926 Stellung genommen. Es erübrigte sich daher, noch weiter in der Sache einzugreifen." Anfang 1926 gehörten denk Verbände 50 Genossenschaften an, ausgeschieden smd im Berichtsjahre 2, so daß Ende 1926 noch 48 Genossenschaften als Mitglieder vorhanden waren. Die Gesamtzahl der im Jahre 1926 erstellten genossenschaftlichen Wohnhäuser beträgt 373. Hebet die Mitgliederzahlen her angeschlossenen Genossenschaften wird mitgeteilt, daß 13 Genossenschaften bis 50 Mitglieder haben, 15 Genossenschaften 51 bis 100 Mitglieder. 8 Genossenschaften 101 bis 200 Mitglieder. 5 Genossenschaften 201 bis 400 Mitglieder und 5 Genossenschaften 401 und mehr Mitglieder.
Der Geschäftsbericht für 1926 und die Rechnungsablage für den gleichen Zeitraum, die mit 1854.51 Mk. Einnahme. 1037,43 Mk. Aus- gäbe und 817,08 Mk. Bestand abschließt, wurden glatt genehmigt. Einstimmige Annahme fand auch der Voranschlag für 1928, der in Einnahme und Ausgabe mit 2000 Mk. abschließt: einhellig zugestimmt wurde auch der etwas erhöhten Dei- tragsfestsehung für 1928, die nach der Mitgliederzahl der einzelnen Genossenschaften gestaffelt ist: einstimmig abgelehnt wurde ein Antrag der Baugenossenschaft Bensheim, den Beitrag wieder auf die Vorkriegshöhe herabzusehen, gegen den Antrag wurde geltend gemacht, daß er zur Lebens- unfähigkeit des Verbandes führe.
Die turnusmäßig ausscheidenden Vorstandsmitglieder Ministerialrat Klump- Darmstadt und Bürgermeister Müller- Rüsselsheim wurden einstimmig wiedergewählt, ebenso einstimmig wurde Ministerialrat Klump der Vorbands- vorsih wieder übertragen. Beim Dotenreformer- Bund soll die Mitgliedschaft erworben werden.
Als Ort des nächstjährigen Derbandstages wurde Darmstadt gewählt. Für die mit Der nächstjährigen Tagung verbundenen Feier des 25jährigen Bestehens des Verbandes wurde die Erhebung einer einmaligen Sonderum- lage auf die angeschloffenen Genossenschaften in Höhe des halben diesjährigen Beitragssatzes beschlossen, mit der die Kosten ter Feier bestritten werden sollen.
Rach Erledigung einiger kleinerer interner Angelegenheiten äußerte sich auf Wunsch der Versammlung Regierungsrat Dr. Rinds uß- Friedberg noch über die Deutsche Bau- und Siedl ungsgemeinschaft in Darmstadt, die er sehr kritisch besprach und vor der er alle Daulustigen aufs dringendste warnte, da das zinslose System dieser Organisation nichts anderes sei als „zinsloser ünfinn" oder, wie ein anderer Genossenschaftler sagte, „zinsloser Unfug", denn von Zinslosigkeit könne gar feine Rede sein: den Vorteil hätten nur die paar Leute, die zuerst zum Bauen kämen, alle übrigen aber hätten nur große Rachteile. Im Anschluß hieran wurde einstimmig eine, Entschließung angenommen, in ter die öffentlichen Behörden ersucht werden, die Gründung und Bestätigung zweifelhastcr Organisationen für den Wohnungsbau durch öffentliche Warnung und andere geeignete Maßnahmen zu verhindern, ferner dafür zu sorgen, daß die bei den Brzirkssparkassen und ähnlichen Geldinstituten einlaufenten Spargelder der minderbemittelten Bevölkerung in erster Linie den dem Verband angeschlossenen gemeinnützigen Baugenossenschaften zugeleitet werden.
Rach einigen weiteren Erörterungen fand ter Verbandstag in der dritten Rachmittagsstunde seinen Abschluß. Im Anschluß an ein gemeinsames Mittagsmahl besichtigten die Teilnehmer der Tagung die von der Gießener Baugenossenschaft 1894 errichteten Wohnungen, sowie ter Einzel-
— — Und . . . auch — — für ihn ... Nimm dich seiner an. Er soll nicht leiden ... er wird mich vergessen ... Ein Zurück gibt es nun nicht mehr. Ja, Ethel, ich habe alles eingesetzt — —."
„Laß mich dich wenigstens begleiten," bat Ethel, „nur bis vor die Haustür dort . . ."
„Nein", sagte Melitta entschlossen . . . „Diesen letzten Gang muß ich allein gehen . ." Mit einer müden Beweguna setzte sie den kleinen Brokathut auf und wickelte fid) in ihren schwarzseidenen Umhang ... „Adieu, Ethel. Hab' Dank ..." Und sie umarmte die Freundin.
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Das Auto glitt die nebelfeuchte Straße hinunter ... In ihrem zermarterten Kopf, überanstrengt von den durchmachten Nächten, fühlte sie jeden Stein, über den die Räder glitten . . . jede Kurve, die sie nahmen. Durch das regenbesprühte Gras sah sie glänzende Läden, Lichter, Menschen, im Nebel und Regen.--Lilles tauchte auf und verschwand.
Das strahlend erleuchtete Kurhaus jetzt . . . eine lange Villenstraße, in denen Laternen brannten. Die Platanenstraße tat sich auf, dunkel und einsam. Im Unterstock der dritten Villa brannte kein Licht, die kleine Gartentür stand offen, wie immer ... Im ersten Stock tönte das heisere Gekläff des Hundes der Prinzessin ... er bellte wie immer, wenn sie kcrm ... Als wollte er mich verraten, dachte sie.
Der Flur war trüb beleuchtet ... im Hintergrund stand ein Rollstuhl ... es war, als siche er ♦ ihr zu, während sie die Tür des Zimmers mit zitternden Händen aufschloß. Sie machte Licht. Das Zimmer war leer ... die beiden Sessel standen vor dem Ofen, dazwischen der Rauchtisch, auf dem eine leere Zigarettenschachtel lag. Sonst nichts. Die blau- grünen Vorhänge hingen leblos herab. Das Klavier war verstaubt, in einer Vase stand ein Strauß welker Nelken. Wie tarnen die Blumen hierher? — Sicher nicht von ihm ... er brachte nur Zigaretten mit und schob sie ihr hin ... er rauchte fortwährend, sie kannte ihn nur mit der Zigarette ...
Sie setzte sich in den Sessel und schaute auf die Uhr, während sie nach draußen lauschte. Schritte klangen im ©arten, knirschend auf dem Kies, eine Tür ging, schloß sich wieder ... irgendwo trillerte ein Kanarienvogel. Es mußte unten in der Küche sein . . .
(Fortsetzung folgt.)


