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m. 199 Erstes Blatt

177. Jahrgang

Freitag, 26. August 1927

Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags.

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Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Das Rußland-Problem.

Der Westen ist in den letzten Jahren so stark in den Vordergrund getreten, daß für die Fragen des Ostens nur noch wenig Interesse ükwig blieb. Dabei liegen dort die Verhältnisse so, dah die europäischen Fragen im Osten in den kommenden Jahren einen 2lktionspunkt haben werden, der in seiner Bedeutung nicht unterschätzt werden darf.

Zwischen Deutschland uni) Rußland besteht bekanntlich der Berliner Vertrag. Sein wesentlichster Kernpunkt ist die Frage der Reutralität. Diesen Punkt mußten natur- notwendiF auch die baltischen Staaten aufgreifen, zumal sie als die Pforte Rußlands zur Ostsee für Rußland eine außerordentliche Bedeutung haben Litauen und Lettland haben zunächst Verträge mit Rußland abgeschlossen, ohne dabei ihre Beziehungen zu Rußland grundsätzlich geregelt zu haben Es handelt sich für diese Staaten eigentlich mehr um einen Orientierungs­versuch, dessen Grundlagen noch keineswegs ver­vollständigt worden sind und der noch außer- ordentlich komplizierter Arbeit bedarf, um reali­siert zu werden

ES verbleibt noch Polen Wie die Dinge zur Zeit liegen, scheint es von feiten Po­lens zu einer Initiative in dieser Frage gekommen zu sein, die in ihrer Tragweite sich noch kaum überblicken läßt. Der sowjetrussische Geschäftsträger in Warschau ist am Mittwoch vom Vertreter des polnischen AußenniinisteiB Knoll zu einer mehrstündigen Besprechung empfangen worden, die wohl auch im Zusammen­hang mit der Besprechung des polnischen Ge­sandten in Moskau Pa 1 ek mit dem russischen Rußenkommissar Tschitscherin stehen dürfte, und in deren Mittelpunkt wahrscheinlich die Frage eines russisch-polnischen Vertrages gestanden hat. Dieser Entschluß Polens bedeutet allerdings eine Wendung in seiner gesamten Ostpolitik, und sollte es wirklich zu einem Ver­trage mit Rußland kommen, so müßte es not­wendigerweise auch zu einer Reuorientierung der polnischen Außenpolitik gegenüber den Rand- und den baltische^ Staaten kommen. Gewiß lie­gen in dieser Richtung noch außerordentliche Schwierigkeiten, deren Losung keineswegs ein­fach sein dürfte, doch besteht wohl die Möglichkeit, daß diese einmal überwunden werden können. In erster Linie gehört hierher das Wilna- Problem, das, wenn es nicht in irgendeiner Form gelöst wird, kaum eine Annäherung zwi­schen Polen und Litauen ermöglichen lassen wird. Mit Lettland liegen die Dinge etwas einfacher; es könnte, wenn es zu einem russisch-polnischen Vertrag käme, auch ohne größere Schwierig­keiten zu einem lettländisch-pvlnischen Vertrage kommen. Im Wilna-Problem hat sich ja bekanntlich Rußland festgelegt, indem es Wilna als den Litauern gehörig anerkannt hat; also in dieser Richtung liegen noch außerordent­liche Schwierigkeiten, die eine Klärung- in Kürze wohl kaum möglich werden lassen. Immerhin ist es zu begrüßen, wenn der Osten von sich aus zu einer Verständigung zu gelangen versucht.

In diesen Zusammeichang gehört auch noch die Frage der deutsch-polnischen Be­ziehungen, die ja durch einen deutsch-polni­schen Handelsvertrag geklärt und eine geeignete Grundlage bieten toürce, um auch hier zu einer allgemeinen Verständigung zu kommen. Betrachtet man also das Rußland-Problem in seiner Ge­samtheit, so kann man nur feststellen, Ml es eines der politisch kompliziertesten mit ist. Wohl­muß es einmal gelöst werden, doch welcher Weg zu seiner endgültigen Lösung führen wird, das wird sich wohl erst aus der weiteren Entwicklung ergeben können.

Deulsch-rujsischer Abend in Königsberg.

Königsberg. 25. Aug. (WB.) Auf Ein­ladung des Messeamtes vereinten sich gestern, abend die Vertreter der Stadt Königsoerg. der wirtschaftlichen Organisationen und der Univer­sität mit den zahlreichen russischen Gästen, die die Herbs»in»sse besuchen, und den diploma­tischen und wirtschaftlichen Vertretern der Sow­jetunion in Königsberg zu persönlicher Füblrmq- nahme. Bürgermeister Dr. Gördeler führie in seiner Ansprache aus. Königsberg begrüße es. daß es eine alte Sieberlieferung wie.er auf» nehmen könne, einer der Vermitt ler zwi­schen Rußland und Deutschland zu fein. Der russische Konsul in Königsberg, Meo r° Ion, betonte, die Aufbauarbeit, die in der Sow- jehmion geleistet werde, fordere enge und rege Beziehungen wirtschaftlicher und politischer Art zu anderen Ländern, ungeachtet der Staatsformen, die dort herrschen. Die Sowjetunion habe großes Interesse daran, der Wxltfriede aufrechterhalten wird. Er laube. daß die wirtschaftlichen Bezie­hungen zwischen Deutschland und Ruß­land aus einer festen Grundlage steben Das Mitglied des Moskauer Ackerbaukommissa- riatö. Sawtschenkow, bezeichnete die krie- gerische Auseinandersetzung zwischen Deutschland end Rußland als einen sinnlosen historischen Feh- icr un_> sagte u. a. weiter: Wir bewundern in 'ein, was wir auf dieser Messe gesehen haben, cn kraftvollen Aufstieg Deutschlands. Mit Freude empfanden wir es, daß die Deut­schen, allen voran Ostpreußen, die ersten waren, je i en Wiederaufbau Rußlands unter» stützten. Das werden wir Deutschland immer gedenken.

Französische Hetzrede vor Friedensfreunden.

Paris, 25. Aug. (Wolff.) In Anwesenheit von etwa vierhundert Parlamsntariern aus 35 Staaten ist heute früh die 2 4. Jahreskon­ferenz der Interparlamentarischen Friedensunion eröffnet worden. Rach An­sprachen des zum Vorsitzenden der Tagung ge­wählten Präsidenten des französischen Senats D o u m e r und des französischen Senators M e r- l in ergriff Ministerpräsident P oi n c a r e«das Wort, um im Ramen der französischen Regierung die Teilnehmer zu begrüßen. Poincare ging bei feinen Ausführungen aus von der Weltausstel­lung in Paris, den damals bezeichnenden Fort­schritten der Technik und der Wissenschaft, sowie von dem großen Aufblühen der Menschlichkeit, die durch den Krieg jäh unterbrochen worden sei. Die Lehre des Krieges sei die, daß man in noch stärkerem Maße jedes Werk unterstützen müsse, das der Annäherung diene, nicht aber etwa, daß dadurch die einzelnen Rationen ihre Kraft und ihre Vitalität verloren hätten oder verlieren mühten.

Das Vorhandensein unabhängiger Rationen, die einander nacheifern und sich nicht mehr feind­selig gegenüberstehen, ist eine der unerläßlichen Garantien 'für den Fortschritt der Zivilisation.

Keiner von uns, wessen Landes Bürger er auch sein möge, würde darin einwilligen, nur ein Weltbürger zu sein. So wünschenswert und so notwendig auch die Harmonie zwischen den Völkern ist, so fuhr Poincarö fort, so läuft sie oft Gefahr, durch unvorhergesehene Besttrnmungen ge­stört zu werden, fei es nur, daß hier und dort Inter­essengegensätze, Rivalitäten, Eigenliebe, intensive Vorurteile, vielleicht sogar nur ein in gewissen Krei­sen gepflogener Hintergedanke vorhanden find. Auf- gäbe der Interparlamentarischen Union muß es des- halb sein, soweit als möglich das zu beseitigen, was die Rationen entzweit, und das zu festigen, was sie einander näherbringt.

Als erster Punkt stand auf der Tagesord­nung die Diskussion des Geschäftsberichts des Generalsekretärs. Als erster Diskussionsredner gab der kanadische Senator Dandurant der Hoffnung Ausdruck, daß die Vereinigten Staaten, England und Frankreich die Interparlamentarische Friedensunion in ihrem höchsten Ziele, dem obli­gatorischen Schiedsgerichtsverfahren, einen Schritt näher bringen toürben. Der Vorsitzende der eng­lischen Delegation Treawen begrüßte mit Ge­nugtuung die in den letzten zwei Jahren durch das Abkommen von L o c a r n v erzielte Stär­kung des Vertrauens. Er kritisierte die Haltung Rußlands, das es ablehne, seinen internatio­nalen Verpflichtungen nachzukommen. Er kenn­zeichnete den gegenwärtigen Wirtschaftszustand als äußerst beunruhigend, um so mehr müsse man aber Deutschland und Frankreich Anerkennung zollen für den Abschluß von Wirtschaftsabkommen, durch die sie zur Belebung des Handels beigetragen hätten.

Reichslagspräsident Löde, der mit Beifall begrüßt wurde, gab dem Wunsche Ausdruck, daß die diesjährige Konferenz zur Kon­solidierung des Friedens beifteuem möge. Seit zwei Jahren habe man auf dem Wege der Verständigung ernste Probleme lösen können, und es sei zu hoffen, daß der gleiche Weg für sämt­liche Fragen eingeschlagcn würde. B r i a n d habe Mut bewiesen durch Aufnahme von Verhand­lungen mit Strcsemann. Man habe jedoch den Eindruck, daß auf dem Wege der V e r st ä n d i - gung ein S t i l l st a n d eingetreten fei. Z u oft öffne man d i e Wunden, die aufge­hört hätten, zu bluten. Die Geheimver­handlungen seien gleichfalls geeignet, das Miß­trauen der Völ.er zu wecken. Mißtrauen aber sei schlimmer als Haß. Die Beziehungen zwischen den Völkern müßten öffentlich fein und die Geheim­diplomatie abgeschafft werden. Der Mechanismus des Völkerbundes arbeite mit äußerster Langsam­keit.

Beim llebergaag vom wort zur Tal fei ein versagen festzustellen.

Wenn Frankreich uns erklären würde, am 1. Januar 1928 wird kein Franzose mehr auf deutschem Ge­biete stehen, bann würde man ein Wort aussprechen, das der Sache der Menschheit dienen würde.

Rach Erklärungen von Tabeke (Japan) und D e m b i n s k i (Polen), die von der Verbesserung des Parlamentarismus eine politische und soziale Erneuerung erwarten, wurde die Sßeiterberaturg auf nachmittags 3 Uhr vertagt. Bemerkenswert ist, daß in der Dormittagssitzung einstimmig der Vor­schlag angenommen wurde, die Redezeit auf zwanzig Minuten zu beschränken.

Aus die Rede des Reichstagspräsidenten Löbe antwortete in der Rachmittagssihung. in der die Diskussion über den Tätigkeitsbericht fortgesetzt wurde,

Senator Henri de Iouvenel folgendes: Löbe sagte, man müsse die Ver­gangenheit vergessen imb aus ihr nur Lehren zurückbehalten, denn der Blick müsse in die Zukunft gerichtet werden Eine vernünftige Politik müsse sich weniger mit den Beweggrün­den, als mit den Folgen beschäftigen. Aus die­sen Gründen sei eine Enquete über die K r i e g s- verantwortlichkeit gefährlich Jeder Mensch soll sich vertragen und seinen Ramen verteidigen. Aber man sehe, daß der Reichs- t a g offiziell Dokumente veröffentliche, aus denen sich ergebe, daß Belgien seine eigene Reu­tralität verletzt haben soll. Die jetzige Gene­ration sei noch zu jung, um in Ruhe die Kriegs­

ereignisse zu beurteilen. Wir dürfen hier nur die Verantwortlichkeit in Gemeinschaft mit dem Frieden verurteilen. Um das Friedenswerk zu fördern, müssen wir die wirtschaftlichen Fragen über die territorialen Fragen stellen, sonst kommt es eines Tages zu einem Konflikt. Man müsse die Solidarität des Friedens orga­nisieren, wenn nicht eines Tages die schreck­liche Solidarität des Krieges kommen soll. Löbe sagte heute morgen, er habe den Eindruck, daß man zurückhaltend mit dem Frieden sei; das ist darauf zurüctzuführen, daß zwei Europa beschlossen wurden: Ein Westeuropa, in bem der territoriale Status quo durch die Großmächte garantiert ist, und ein O st­ell r o p a , in dem die Unterschriften zweier Großmächte, nämlich Englands und Ita­liens als Garanten fehlen. Deutschland habe auch das Abkommen mit Rußland ge­troffen in dem Augenblick, in dem es in den Völkerbund eingetreten sei, und Artikel 15 des Dölkerbundstatuts gebe Deutschland die Mög­lichkeit, falls Rußland gegen irgend jemand agressiv vorgehen sollte, durch sein einfaches Vetorecht die Einmütigkeit, die für eine Aktion des Völkerbundes notwendig sei, zu ver­hindern. Löbe sagte ferner: Räumt das Rheinland am l. Januar 1 9 28. Aber die militärische Rhein la ndbesehung ist die einzige Garantie für den Frieden und für die Stabilität in Osteuropa, solange hinter der Fassade von Locarno sich noch etwas anderes verbirgt, als das Bestreben des Völkerbundes zu einer einheitlichen, ganz Europa umfassenden Politik. (Lebhafter Widerspruch innerhalb der deutschen Delegation.) De Jou- venel schloß:Wenn man so lange Zeit Gegner war, muß man sich langsam auf den Weg der Freundschaft begeben, anstatt durch Heber- stürzung einen neuen Bruch herbeizuführen. Frankreich will den Frieden; aber es will seinen Frieden nicht trennen von dem Frieden der anderen. Ein Europa ein Friede, das ist unser Grundsatz."

De Iouvenel erntete für seine Ausführungen lebhaften Beifall, hauptsächlich seitens der polnischen Delegation

Die Diskussion über den Tätigkeitsbericht der Jrtterparlamentarischen Friedensunion wird mor­gen vormittag fortgesetzt.

Deutscher Widerspruch.

Paris, 25. Aug. (WB.) Wie wir hören, wird die deutsche Delegation bei der Interparla­mentarischen »Friebensunion höchstwahrscheinlich morgen eine Erklärung abgeben, um auf bie heutige Rebe be Iouvenels zu antworten, weil sie den Eindruck hat, baß biefc Rebe sich gegen die Locarnopolitik richtet. Senat und Kam­mer Frankreichs hätten ben Locarnooertrag gebil­ligt, so erklärt man innerhalb der beutschen Delega- I tion, währenb be Iouvenel ihn jetzt mit so großen Zweifeln umgibt. Seine Rebe sei ein H i e b I

roiber bas Prinzip der fchiebsgericht- lichen Verständigung, besonders wenn er die Bajonette als einzige Garantie des Friedens bezeichne, während bie Interparlamen­tarische Friedensunion doch gerade bie fchiebsgericht- lichen Verträge an bie Stelle der Bajonette setzen wolle.

Erklärungen Löves.

Paris, 25. Aug. (WB.) lieber die Ausführun­gen, die der Präsident des Reichstages, Löbe, heute vormittag auf der Konferenz der Inter­parlamentarischen Friebensunion ge­macht hat, gibt er dem Pariser Vertreter des WTB. folgende Aufklärungen:Ich bin in meinen Aus- führungen ausgegangen von der U m ft e 11 u n g der Reparationsfrage aus der Atmosphäre der Sanktionen und Gewaltmaßnahmen auf die der friedlichen, wirtschaftlichen und schiedsgerichtlichen B e r ft ä n b i < gung. Die Welt hat diese Wendung als Anfang einer versöhnlichen Lösung der noch offen stehenden Fragen begrüßt. Heute kann man, wenn nicht einen Rückschlag, so doch einen Stillstand feftftellcn. Die Gründe für diesen Stillstand sind einmal bas Wüh­len in alten Wunben und das Hervorsuchen der früheren Sünden, sowie die Heimlichkeit der Diplo­matie und die militärischen Vorbereitungen, die das Mißtrauen wecken.

Es fehlt in unseren Tagen an dem freiwilligen Entgegenkommen, das bezwingt und über­wältigt, das durch Offenheit und Ehrlichkeit die Völker zur Nachahmung zwingi.

Als solches würde ich es ansehen, wenn Frank­reich zu Deutschland sagte: Vom 1. Januar 1928 ab steht kein französischer Soldat mehr auf deutschem Boden, ober wenn Deutschland zu Frankreich sagen würde: Wir erklären offen, daß wir auf jede Ver­mehrung unserer Heeresstärke verzichten, weil ja die deutsche Abrüstung der Anfang der allgemeinen Ab­rüstung sein soll. Einen solchen Schritt würde ich sehen darin, wenn England ober Amerika trotz des Scheiterns der Abrüstungsoerhandlungen von sich aus erklären würde: Wir werden unsere Rüstungen um zwanzig Prozent vermindern und dadurch ein weithin leuchtendes Beispiel geben. Wir rufen nach dem Staatsmann, der einen solchen küh­nen Schritt wagt, auch gegenüber dem Mißtrauen bei seinem eigenen Volke.

®me Rede Bricmds in Sicht.

, Paris, 25. Aug. (WB.) Wie der ..Temps" zu wissen glaubt, wird Außenminister B r i a n d am Dienstag im Verlause der Schlußsitzung der Konferenz der Interparlamentarischen Fr.e- densunion das Wort ergreifen. Das gleiche Blatt stellt fest, daß die genaue Zahl der an der Kon­ferenz teilnehmenden Delegierten 416 beträgt, darunter 35 Frauen.

Londons Forderungen zum Vesatzungzabbau

Kriege

G a r- und

London, 25. Aug. (WTB.) Der gestern aus Kanada zurückgekehrte Premierminister führte auf einem heute nachmittag abgehaltenen Kabinetts-

1925 an und fährt fort.Die Alliierten führten sofort verschiedene wesentliche Aenderun- gen in dem Verwaltungsregime der be­setzten "Gebiete durch." Rach Ausführung dieser Abänderungen^ und der Erwähnung der voll­kommenen Räumung des nördlichen be­setzte n Bezirkes bemerkt dieTimes" wei-

der deutschen Bezirk Koblenz weil vor dem

r a t ben Vorsitz. Alle in London anwesenden Kabi­nettsmitglieder, Chamberlain, Churchill, Bridgeman, Hoare, Hogg und Kriegs­minister Wotthington Evans, nahmen daran teil. Verschiedene ausstehende Fragen wurden erörtert, darunter an hervorragender Stelle die Frage der Verminderung des Besatzungsheeres im Rheinlande. Wie verlautet, ist in dem Stande der englisch-französischen Verhandlungen über diese Frage noch keine Einigung erzielt worden. Dies wurde auch nicht erwartet, bevor die heutige Sitzung des britischen Kabinetts sich mit den von den beiden Regierungen eingenommenen Stand­punkten befaßt hat.

Die drei Puntte Englands.

Berlin, 26. Aug. (DTv. Funkspruch.) Der diplomatische Korrespondent desDaily Tele­graph" schreibt zu den gestrigen Kabinetts- erorterungen über die Frage der Herabsetzung der vesahungslruppen im Rheinland: Die offi­zielle Haltung Großbritanniens ist weiterhin von drei Haupterwägungen ge­leitet:

1. daß die Verminderung wesentlich sein soll;

2. daß sie im Verhältnis der Zahl der im Rheinlande anwesenden britischen und französi­schen Truppen erfolgen soll;

3. daß die Frage der französischen Siche r- h e i t eine besondere Frage ist, deren Ver­knüpfung mit der Frage der Truppen- oerminberang im Rheinlande weder durch den Versailler Vertrag, noch durch den Locarnopakt qerecykser- tigf ist.

Ein Kommentar der ,,T mes".

London, 25. Aug. (WTB.) DieTimes" schreibt in einem Leitartikel:Cs ist. klar, daß die Verhandlungen zwischen Großbritannien und Frankreich über die Verminderung der Be- sahungstruppen im Rheinland n i di t günstig fortschreiten." Das Blatt führt den Inhalt der Rote der Botschafterkonferenz vom 14. Rvvember

n i f o n e n im Wiesbaden war,

ter:Diese weitreichenden Maßnahmen hätten als eine reichliche Ausführung der alliierten Zu­sagen angesehen werden können, aber die deutsche Regierung lehnte es ab. diese Ansicht anzunehmen und hat seither ständig fort­gefahren, um weitere Zugeständnisse zu ersuchen. DieTimes" fährt dann fort, es sei augen­scheinlich nicht Teftdu'tellen, wie groß die nor­male Stärke *

vollkommenes Stillschweigen über die Truppen­stärke in jenen Teilen Deutschlands be­wahrt wurde, und es sei daher klar, daß die willkürlichen Zahl en. die jetzt angeführt würden, nicht als Beweis für ein angeblich ge­brochenes Versprechen herangezogcn werd n könn­ten. Das Blot' fährt fort, die britische Regiernng; habe es auf jeden Fall flor gemacht, daß sie bereit sei. eine weitere Verminderung des Besatzungshecres heröeizuführen. Die britische Regierung habe, wie verlautet, den Vorschlag unterbreitet, daß die Zahl der Desahungstruppen durch ein im gegenseitigen Verhältnis stehendes Zurückziehen der Truppen^ der drei Länder auf 56 000 Mann herabgesetzt werden soll. Tie Zahl der Gesamttruppen scheine keine großen Schwierigkeiten zu bereiten, aber Frankreichs Haltung sei die, daß Frankreich auf jeden Fall die Zahl seiner Truppen nicht auf einen - Stand unter 50 000 Mann vermindern

könne. Wenn daher die Gesamtzahl von 56 000 Mann angenommen werden toürie. so würde die Zahl der britischen und der belgischen Truppen verhältnismäßig unbedeutend sein und

das Rheinheer würbe dann ein französisches Heer fein.

So einfach und so wünschenswert in gewissem Sinne eine solche Lösung erscheine, so stoße sie doch auf einen unüberwindlichen Einwand auf bet britischen Seite,denn es ist die Ansicht dev