Ausgabe 
26.3.1927
 
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Nr. 72 Erster Blatt

177. Jahrgang

Samstag, 26. MSrz 1927

Erichen» täglid),aefo« Sonnlags nnfc jeiertag* Beilagen.

Eletzener ^amiüenblätta Heim al im Bill»

Die Scholle

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General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr Fnedr Will) Lang« verantwortlich fürS>olitih Dr Fr Wild Lang», für Feuilleton Dr H Thyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein- für den An­zeigenteil i. Bertr H Beck, sämtlich in (Bießen.

Englands Schatten auf dem Balkan.

Stresemanns große politische Rede hn Reichstag war eine Etatrede alten «tils, wie wir sie seit enden Fahren nicht mehr zu, Horen bekommen haben, lieber dem ganzen Komplex von Fragen, die sich als Folgerungen des Versailler Vertrages über dem Generalnennerdas deutsche Problem" zusarn- menfaffen lassen, hatte man bislang weder Zeil noch Kraft, sich um die weltpolitischen Dinge sonderlich zu kümmern. Das ist jetzt anders geworden, und Dafür war gerade diese Etatrede Strefemanns, die an gute alte Friedenstradition ankrrüpste, ein weit­hin sichtbarer Merkstein. In knappen Worten be­richtete er zwar auch über das Ergebnis der Genfer Ratstagung, wie es sich für die dort angeschnittenen deutschen Fragen das Saargebiet und Oberschlefien auswirken wird. Aber das Wesentliche seiner Rede war eine Darstellung der weltpolitischen Lage und der Folgerungen, die sich aus ihr für Deutschland ergeben. Der deutsche Außenminister hat natürlich allen Anlaß, dabei^recht vorKchtig zu Werke zu gehen. Er verteilt die Syrn- patgien oes massen- und wehrlosen deutschen Volkes streng paritätisch unter die großen Rivalen auf dem Welicheater. Weder England noch Rußland sollen Grund haben zu der Annahme, daß Deutschland sich in die Front ihres Gegners werde einreihen lassen. Deutschland wird seine ganze Kraft dafür einsetzen, um seine durch Locarno und den Berliner Vertrag feftaelegtc Neutralität zu behaupten. Es hat auch nicht den Ehrgeiz, in irgendwelchen internatio­nalen Konflikten den Mittler zu spielen. Die Wil- Helmstraße wird allen Lockungen zum Trotz nicht wieder in die üble Rolle des ,Hans Dampf in allen Gaffen" zurpckfallen, die der deutschen Vorkriegs­politik den Vorwurf der Unftetigfeit und Unzuver­lässigkeit nicht mit Unrecht eingetragen bat Diese betonte Uninteressiertheit darf nicht hindern, mit offenen Auaen den Dingen nachzugehen, die sich auf der weltpolitischen Bühne in fast sich überstürzender Szenensolge abrollen. Und wenn es uns dabei ge­lingt, emen Blick hinter die Kulisien zu werfen, so ist das tausendmal mehr wert, als sich am Biertisch darüber zu streiten, ob Deutschland in einer Oft- oder Weftkoalition mehr Aussichten hätte, seine alte Stellung wieder zu erlangen.

Der Streit um A l b a ni e n, der in der »er­gangenen Woche so überraschend akute Formen an­genommen hat. hat doch Zusammenhänac aufge- deckt und Fäden bloßgelegt, die man bis heute bestenfalls nur ahnen konnte. Wenn man den An­fängen des albanischen Problems nachspüren wollte, müßte man zurückgehen auf die Tage des Römer- reiches und auf Venedigs Kampf mit den Türken. Immer hat Albanien eine Rolle gefpielt, wann ein« italische Macht mit dem Schritt über die Adria sich den Weg zum Orient erschließen wollte. Hier, an der Scheide zwischen Morgen- und Abendland, haben fick stets die Interestenkreise der großen Mächte gcfdjmtten, hier waren stets die Völker ein Spielball in den Händen mächtiger Nachbarn, hier gingen schon so manchesmal die Flinten los, von denen später keiner recht wußte, wer sie geladen und gerichtet hatte. Die albanische Frage, wie sie sich uns heute darstellt, reicht weit in die Vorkriegs­zeit zurück. Der habsburgische Kaiserstaat, das ge­einte* Italien, Serbien als Vorhut des Slawentums, verteidigten an der Adria allhistorische Aufgaben. Oe st erreich glaubte, Albaniens nicht entraien zu können als Schutz seiner gefährdeten Flankenstel- lung an der langgestreckten dalmatinischen Küste, Italien suchte dort den ersten festen Halt am anderen Ufer der Adria, dem italienischenMare nostrum Serbien erstrebte hier den Ausgang zum Meer. Nur der Rivalität der drei verdankte das autonome Fürstentum Albanien nach dem ersten Balkankrieg (1913) seinen Eintritt in die Ge­schichte. Doch schon die Fluten des Weltkrieges machten den Königsträumen Wilhelms von Wied ein unrühmliches Ende. Albanien suchte einen neuen Herrn. Der war bald gesunden. Für den offenen Abfan vom Dreibund wurde das heißbegehrte Berg­land Italien als Köder hingehalten. Rom biß an. Im Londoner Vertrag vom April 1915 erhielt Sta­rten von den AU irrten das Protektorat über ein autonomes Albanien zugesprochen, wenn es binnen Monatsfrist den Säbel gegen die ehemaligen Ver­bündeten zog. Das von der Gnade der mächtigen Bundesgenossen abhängige Serbien mußte kühne Adriatraume auf bessere Zeilen zuriickstellen. Sie kamen, als es auf der Versailler Friedens- konferenz dem greifen Pasitsch gelang, mit Frankreichs Hilfe die Grenzen des neuen großferbi- [djen Staates bis an die Adria oorzutreiben und Italien zur Räumung Albaniens zu zwingen. Ita- lien wurde von feinen Allierten um seine Kriegs­beute betrogen. Das hat es bis heute nicht ver­gessen und das faszistifche Regime läßt keinen Tag vorübergehen, ahne an seine im Kriegsdienst der Entente erworbenen Ansprüche auf ausreichend.-» Kolonialbesitz, auf Tunis. Nizza, das Dftufcr der Adria, Kleinasien, zu erinnern.

Aus Albanien machten die Wetten von 3er faiUes wieder den alten Pufferstaat, tn den. sich nun nach jahrhundertealter Sitte cinheirr ische H. linge, denen die großen Nachbarn nach Bedarf Grid und Munition zustcck'.cn. um die Macht rauften. Rom und Belgrad zogen die Drähte, an denen die albanischen Marionetten auf- und niedertanzicn. Fan Noli, der Schützling 3tal:c.is, wurde 1924 gestürzt, der von Serbien ausgehaltene Achmed Zogu bemächttgte sich oer Herrschaft, dankte aber seinen bisherigen Schur,Herren serle.cht, denn er trieb bald mit vollen oagcl.i in römischem Fahrwasser. Italien begann sich in Albanien häuslich einzurich­ten, der Vertrag von Tirana vom Novem- ber 1926 erklärte auch in aller Oeffentlichkeit Ita­liens Protektorat über Albanien. In Belgrad

Ernste Lage in China.

London, 25. 2Tlän. (WIB.-Junflprud).) Die widerspruchsvollen drahtlosen Meldungen aus Jlaa- fing geben kein vollständiges Bild von der Loge. Sie lassen nicht erkennen, wieviel Ausländer zu Scha­den gekommen sind und ob die Feindseligkeiten aus- gehört haben. Ls sollen sich immer noch viele Ausländer l m H e rz e n der Stadt befinden, abgeschnitten von feder Hilfe inmitten einer fana­tischen Menge von Zivilisten und undisziplinierten Soldaten. Der englische Generalkonsul in Nanking wurde in verwundetem Zustand gerettet und an Bord des KreuzerstEmeralb ge- brachl. Der Vizepräsident der Nankinger Universität. Dr. Williams, ein Amerikaner, wurde ge­tötet. Der britische Dampfer Wenchow hat 20 amerikanische Missionare aus Tschingkiang ausge­nommen. wo im Anschluß an eine Demonstration gegen die Fremden viele Häuser von Ausländern geplündert wurden.

Auch die Atmosphäre in Schanghai wird immer gespannter. Dort sind Kantonsoldalen, die Zivilkleider über ihrer Uniform trugen, in die fran­zösische Konzession eingedrungen und haben von da die Barrikaden der internationalen Niederlassung zu passieren versucht. Line Anzahl von ihnen wurde verhastet. Die Lage in Schanghai gleicht der Stille vor dem Sturm. Die tErcigniffe in Nanking haben eine gewiße Unruhe ausgelöft. Ls ist doch zweifel­los, daß sich die Engländerinmitten von Todfein­den, die nur auf ihre Vernichtung aus sind", befin­den. Der Bau einer inneren Verteidi­gungslinie zum Schutz der internationalen Nie­derlassung hat begonnen. Man erwartet, daß die roirflid)e Belagerung bald beginnen wird. 3m übri­gen hat die neuliche Erklärung Lord Desborougbs Im Oberhaus von der Möglichkeit einer Ab- inadjung mit Ischen über Schanghai entspre­chend dem hankauabkommen in englischen Kreisen in Schanghai große Empörung verursacht. Man be­zweifelt, daß diese Andeutung der Meinung der Re­gierung entspricht und weist daraus hin, daß Ischen in der Kuomintang keine Geltung mehr habe und daß alle Verhandlungen, selbst wenn Ischen als Dolmetscher und Sekretär beansprucht werden sollte, In Wirklichkeit mit den extremen Kom­munisten, an deren Spitze Borodin stehe, geführt werden würden. Die Ereignisse hätten sich seit han- fau rasch entwickelt, und der Flügel der Kuomin­tang-Partei. der damals an der Macht gewesen fei, sei setzt vollkommen ausgeschaltet. Vie Einwohner der internationalen Niederlassung sahen heute vormittag jum ersten Male kantonesische regu­läre Iruppen. als der nationalistische Befehlshaber von Schanghai. General Pait Sching-Hsin, mit einer starken bewaffneten Eskorte von ungefähr 50 Mann erschien, um den verschiedenen fremden Konsulaten formelle Besuche abzustatten. Nur der Hälfte der Eskorte wurde die Erlaubnis zum Be­treten der Niederlassung gegeben. Zuletzt sprach der General aus dem Sowzetkonsulat vor.

Lin amerikanisches Ultimatum.

Washin 1 on, 25. Mörz. (Wolff.) Den Kan- tonesen ist mitgeteilt worden, daß die militärisch wichtigen Punlke psn Nanking durch die britischen und amerikanischen Kriegsschisse unter 5euer genommen werden, salls nicht sosorl eine Ver­einbarung zustande kommt, durch die das Leben und Eigentum ausländischer Staatsbürger in Aanking sichergestellt wird. Der amerikanische Admiral Williams teilte in seinem Bericht an das IHarineminifterium mit. daß auf die Auf­forderung an die Kanlonesen eine heraus­fordernde Antwort erteilt worden sei. Der Admiral hat erklärt, er teile die Meinung der britischen Marinesachverständigen in Aanking. daß ein entschlossenes Durchgreifen in Form einer Beschießung der militärisch wichtigen Punkte von Aanking unter gleichzeitiger größt­möglicher Schonung der Viertel, die von Aicht- kämpscrn bewohnt werden, die Lage günstig be­einflussen werde. Der amerikanische Generalkonsul in Schanghai. Gauß, teilte dem Staatsdeparte­ment mit. daß er die in der Umgegend von

Schanghai wohnenden Amerikaner aufgesorderl habe, in Schanghai Zuflucht zu suchen. Gauß erließ durch Funkspruch eine Warnung unter Hinweis auf die schweren Zwischenfälle In Aanking. Der Generalkonsul erklärte ferner. eS lägen Meldungen vor über eine neue frem­denfeindliche Bewegung in Hankau und gelegentliche Unruhen in Schanghai selbst.

Danton

wünscht Verhandlungen

Schanghai. 26. März. ("Reuter-Funk- fpruch.) Die Oberbefehlshaber der Kantontruppen T s ch a n g-K a i-S ch e ck und Pait-Schung- H f i haben erklärt, daß sie eine freundschaft­liche Regelung der ZwischensäNe in Aanking wünschen. Tschang-Kai-Schek hat durch einen Ver­treter de« japanischen Konsulates in Aanking er­klären lassen, obgleich die Ursache der Beschießung durch die Ausländer unbekannt sei. empfänden die Südtruppen keine Feindschaft gegen Groß­britannien oder Amerika. Tschang-Kai-Schek wird

Berlin, 26. Mär;. (Priv.-Icl.) 3a Belgrad werden lebhafte Gerüchte verbreitet, wonach i n Alban ken eine Revolution ausgebro­chen sei. Den Aufständischen soll es gelungen fein, in Tirana einzudringen und den Präsidenten A ch - rned Zogu gefangenzunehmen. Nach einer Blätkrmdbung aus Athen soll in Elbassan e i n albanisches Bataillon gemeutert haben, wiener Korrespondenten englischer Blätter sollen aus Albanien Nachrichten über derartige Gerüchte erhalten haben. Bis gestern abend 6i Uhr Ist beim Belgrader Außenministerium keine amtliche Meldung über den Ausbru cheiner Revolution in Albanien ober die Verhüllung Achmed Zogus elngelaufm. Man wird also vorerst den Berichten mit äußerster Skepsis gcgenüberstchen müssen.

Die Beilegung des Konflikts.

Eigener Drahtbericht desGießener Anzeigers".

Berlin, 25. März. Seit einigen Tagen findet ein lebhafter Gedankenaustausch zwischen sämtlichen interessierten Kabinetten zur Frage der Einberufung der Albanien-Kommission statt, ohne daß es bis zur Stunde zu irgendeinem bestimmten Llebcreinkommen gekommen wäre. Die deutsche 'Beteiligung ist zunächst angeregt worden, eine Stellungnahme unsererseits dazu ist jedoch nur insofern erfolgt, als wir uns selbstverständlich an den Besprechungen be­teiligen. Zunächst liegt ja auch noch keine Zustim­mung seitens Italiens vor und auch von Jugo­slawien ist nur das bekannt, was der jugolla- wische Außenminister Perilsch in der Skuptschina äußerte. Eine "Beteiligung Deutschlands an der ^Intersuchunaskommission würde natür­lich. wenn alle Mächte den Wunsch äußern, ohne weiteres zugesagt werden, schon weil es sich darum handelt, durch eine internationale über­parteiliche Aktion dem Frieden dienen zu können.

Aach Pariser Meldungen haben bereits die Gesandten Frankreichs, Englands und Italiens lange "Besprechungen mit dem südslawischen Außenminister gehabt. Auf Grund dieser Unter­redungen sollen die serbischen Aegierungskreise dec Ansicht sein, daß der italienisch-serbische Kon­flikt grundsählichbeigelegtsei. Die Wili- tärattachees der genannten drei Staaten würden sich in einigen Tagen, jeder für sich, an die alba­nische Grenze begeben, um dort eine "Besichti­gung vorzunehmen, über deren Ergebnis sie ihren Regierungen berichten toürben. Diese wür­den dann beschließen, ob sich der Völkerbund

alsbald selbst nach Aanking kommen, um den Zwifchensall mit voller Verantwortlichkeit au regeln, unb es wurde darum gebeten, daß diese Erklärung den britischen und amerikanischen "Be­hörden in Aanking übermittelt wird mit dem ernsthaften Wunsch, daß sie die Feindseligkeiten einstellen.

In Hankau.

Schanghai. 25. März. (Reutcr.) Infolge des erneuten Ausloderns der Fremdenfeindlichkeit hat sich die Lage im oberen Teil des Amgtsetales h t. unruhigend verschlechtert. In Hankau hat man die amerikanischen Frauen und Kinder $ur Räumung der Stadt veranlaßt, während in Ischm- klang die enalischen wie auch die amerikanischen Frauen unö Kinder in der unmittelbaren Nähe des Flußuserv versammelt worden sind und Zerstörer bereitgehalten werden, um sie, wenn nötig, sofort an Bord ausnehmen zu können. Bei Shamecn hat das Kanonenbootlarantula" Abteilungen an Land aesetzt. die die Drahtverhaue wieder herzu- stellen haben.

mit dem Zwischenfall befassen muß ober ob es besser sei. auf direktem Weg zwischen Rom und Belgrad mit Unterstützung der Großmächte auf freundschaftlichem Wege zu ver­handeln. Die Belgrader Regierung habe sich mit diesem Versahren einverstanden erklärt, da es den Aationalstolz nicht beleidige. Die Militür- attacheeS hätten ohnehin daS Recht, im Innern des Lande- zu teilen und könnten sich brifter auch an die albanische Grenze begeben. Diese Lösung sei auch von der italienischen Regie­rung angenommen worden, denn sie ent­spreche ihrem Wunsche, über die Richtigkeit der Aachrichten betreffend militärische Vorbereitungen In öübflatoien unterrichtet zu werben.

Nach serbischen Meldungen soll sich England in Belgrad als Schiedsrichter angebvten hoben. Die Regelung des itallenisch-serbischen Zwischenfalls würde in zwei Etappen erfolgen:

1. Südslawicn würde eine Enquete an der albanischen Grenze annehmen, um öte von 3talien erhobenen Beschuldigungen zu widerlegen, während dieses einwillige, daß Nachforschungen auch aus seinem Gebiel vorgenommen würden.

2. Die gesamte albanische Frage würde durch eine italienisch-sudslawische Konferenz geregelt werden. Die Londoner Regierung solle in dieser Hinsicht den Abschluß eines Vertrages zwischen Belgrad und Ilrana an­geregt haben analog dem Italienisch-albanischen. Sie sei der Ansicht, wenn 3(allen und Serbien gleichzeitig Albaniens Unabhängigkeit garantieren würden, die Angelegenheiten des einseitigen Vertrages verschwinden.

Spät abcTibd wurde e.n an den Skupschttna- präsibenten gerichtetes Schreiben sämtli­cher Oppvsitivnssührer bekannt, in bem sie eine einleit i^ge Untersuchung in Sübllawien als eine Verletzung der ser­bischen Souveränität bezeichnen. Eine Untersuchung in Sübsiawien erscheine nur bann als zuäs ig, wenn entsprechenbe Unterfudjungen in Italien unb in Albanien vorgenommen wür- bren. Die Opposition verlangt eine sofortige Beruhigung der öffentlichen Meinung über diesen Punkt

Ein englisches Urlei'.

Keine serbischen Rüstungen an der (Grenze.

Belgrad. 25. März. (Agentur Avala.) Der britische xortful in Albanien, John Pereell, der persönlich dieser Tage eine Untersuchung längs ber albanischen Grenze vorgenomme? hat unb zwei Tage in Bitolj weilte, gab bem bor-

Revolution in Albanien?

empfand man diese Wendung als eine schwere diplo­matische Niederlage. Der serbische Außenminister N i n l I ch i t s ch . der auf einen Ausgleich der Inter- csiengegensätze mit Italien bingearbeiiet hatte, muhte über die Klinge springen, und Jugoslawien suchte in Paris Schutz vor dem sich bedrohlich recken­den Gegner, hinter dem es gewiß nicht mit Unrecht England vermutet. Ohne diesen mächtigen Ver- bünöden würde Mussolini eine so laute Sprache an der Adria wohl kaum gewagt hoben.

Chamberlain nimmt die alte traditio­nelle Politik Großbritanniens wieder auf. Er I 'acht ..kontinentale Degen" für Enßland und Hot hi Mussolini einen unbedingten ge- runden. Der Abessinienoertrag, der Frankreich peinlich auf die Nerven ging, war die criir Frucht dcs Zusammenarbeitens zwi­lchen Rom und der Towningstreet. die Abmachungen von Livorno besiegten die Freundschast. Italien wurde von seinem antifranzösischcn Kurs abgedrchl und dyr. jenseits der Adria ein näheres Ziel gezeigt. Die Rati'izierung des B e I s a r b i e n a b ' o m mens war Italiens Dank für die britischen Sekun­dantendienste auf dem Balkan. In Moskau hat man diesen Schritt Mussolinis als unfreundlichen Akt empfunden. Das gute Verhältnis zwischen Faszis- mus und Bok'chewismus hat einen Swh bekommen. Die Sowjets sehen eine neue Figur in der britischen Front. Daß das beleidigte Jugoslawien nicht ins gegnerische Lager abglcitct, dafür wird England sorgen. Es Hot den Konflikt um Albanien schon ab-

geblasen. Italien wird es nicht zum Kriege kommen lassen dürfen. Unter Chamberlains Aegide haben schon die Bemühungen eingesetzt, -wischen Italien und Belgrad zu einem Ausgleich zu kommen. Man wird dort wieder antnüpren, wo Nintschitsch im Herbst vorigen Jahres der Faden zerriß. Dem ein» gekreisten Serbien steht nur der Weg nach Rom offen, io bitter ihm im Augenblick jeher Schritt dahin auch werden mag. Eine serbisch-italienische Annähe­rung bedeutet die Eingliederung des mächtig- stcn Balkanstaotes in das britische Bündnissystem. Der leidtragende Teil an dieser Entwicklung der Dinge ist F r a n k r e i ch. Die ,Kleine Entente" ist zerfallen, und mit Belgrad verliert es sein letztes Bollwerk auf dem Balkan. Aber mit dieser Einbuße kaust es sich von Italien los, dessen ungestümes Drängen nach Tunis, nach Syrien, ja nach Nizza und Savoyen durch dies Opfer aus dem Balkan wenigstens für einige Zeit beschwichtigt werden konnte. (Emen Aus­fluß für das überiließende italienische Menschen» rejervoir bietet auch der Balkan nicht. 3labens An­sprüche auf Kolonien sind nur vertagt. Sache der französischen Polittk wird es sein, rechtzeitig und großzügig den italienischen Wünschen entgegenzu­kommen.

Wie jetzt hier auf dem Balkan, so haben wir auch in den baltischen Randstaaten und in Polen den Riesen'chatten des brittschen Reiches ge­spenstisch hinter den Dingen emporwachsen sehen. Man scheut sich das unheimliche WortEinkrei­sung" zu gebrauchen, und doch drängt es sich

immer wieder auf, wenn man die Fäden sich enger und enger knüpsen sieht zu einem feinmafdjtgen Netz, das Rußland von der Ostsee bis nach China umspannt. Niemand weiß, wie weit Englands Versprechungen in Litauen, in Polen, in Italien und wo sonst überall die britische Diplomatie fieber­haft tätig ist, flehen, ob überhaupt konkrete Zusagen oorliegen. die Wunsche der Kleinen zu unterstützen, ob überhaupt Englands finanzielle und gar militä­rische Möglichkeiten ausreichen, eine Hilssstellung in dem Ausmaß zu gewähren, wie sie die neuen Freunde vielleicht erwarten. Zweifellos liegt in die­ser Undurchsichtigkeit der britischen Politik, die so außerordentlich her verzweifelten Situation in ben Julitagen 1914 ähnelt, ein ungeheures Gefahren- moment für den Weltfrieden, das weder Völkerbund noch Abrüstungskonferenz abjchwächen können. Der Verlaß auf mächtige Verbündete hak die Kleinen schon manchen Konflikt, den eine Intervention der Mächte leicht hätte beilegen können, zum Kriege' treiben lasten. Erst der Weltkrieg war em beredtes Beispiel dafür. Wer bürgt heute dafür, daß in Litauen ober in Polen oder auf dem Balkan nicht eines Tages die Flinten losgehen im Vertrauen auf die Htlse Englands, auch wenn man vielleicht in London weit davon entfernt war, positive Berfprc- chungen zu machen? Die Spuren Edward Greys schrecken. Ohne Englands Bünbniepolitif, die in ihren Prinzipien her heutigen gleicht wie cm Haar bem anderen, wäre der Weltkrieg undenkbar ge­wesen.