Montag, 25. Juli 1927
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
üt. <V. Zweites Blatt
Rosen
ir.
lassen, ob sie lämpfen kann. Gründen die Icheiden.
Was die larf man sie
Denn es gab in diesem Garten eine reiche Rosen-ucht. Nicht eine solche, wie sie der Gärtner sich anlegt, sondern eine Sammlung von Stöcken uri> Büschen, wie sie nur auswählende Liebe im Laufe eines ganzen Lebens zustande zu bringen vermag, nicht so sehr Liebe zur edlen Gestalt als Liebe zu starken und seltenen Düsten. Girre Rose ohne Ruch — mochte sie noch so vollkommen
Höhe des Jahres hin bis tief in den Herbst, sind sie das Wahrzeichen des Landes, aber ihr Glanz erschließt sich nur dem. der nahe und lange zu ihnen herüberkommt. Biel Mühe, viel Liebe einfacher Bauern hat sie in sieben Jahrzehnten dort Heraufgezüchtei, sie haben dem früher armen Dorfe Wohlstand und Namen gegeben, sie haben mitten in die schweren Roggen- und Weizenäcker ihre traumhafte Schönheit ausgegossen, als dränge die Fülle nur zu der 'Fülle und nrehre sich an ih
Sehr langsam gingen wir in den Furchen der Rosenäcker dahin. Keine Uhrzeiger trieben uns, kein Ziel rief. Wir waren als Liebende gekom-
Ein halbes Leben später, seit jenen Tagen der ersten Zielsetzung, des bewußten Wegbeginnes.
Ein glühender Julilag ftefjt über den ®emarten der hessischen Heimat, über den Gauen der reichen Wetterau. Dichte Wollen ballen sich auS
vesen wären. ,r.
Man muh auf die innere Krrsrs der deutschen f Arbeiterbewegung während des Krieges zurück- veisen. um diese andern Kräfte deutlich zu t inschen. Mit der Erklärung vom 4. August 1914 'M hatte der deutsche Sozialismus eine neue Bahn ; 4 teldjritten. Zwar war dieser Schritt in den vor- onsgegangenen Jahren vorbereitet worden, die 8'tsinnung. aus der sich die Politik des 4. August ti'gab. hatte sich keineswegs plötzlich von oben
dem Dunst der Horizonte und quellen von rötlichem Gold an weihen Rändern. Die Luft ist stumm über gilbenden Korn- und dunkelgrünen Weizenfeldern. Aber nicht Schwüle, nicht Staub der Landstraße konnten uns hindern, von Nauheim aus hinüberzuwandern in die R o s e n f e l - der von Steinfurth, die schönsten vielleicht, die es auf deutscher Erde gibt. Sie liegen in Aecker und Wiesen des Wettertales eingebettet, sie klettern sanfte Hügel hinan, verweilen am Gipfel im spärlichen Schatten einsamer Linden, steigen gegen die Dvrfgärten nieder, rühren hier fast bis an den Chausseegraben und tauchen dort erst hinter schützend vorgelagerten Klee- und Rübenpflanzungen auf. Ihr Leuchten, weithin, lockt und rüst den erstaunten Wanderer. Kleber die
Eine neue Partei?
Don August CED innig.
men, wir wollten als Liebende verweilen, so lange bis uns späte Sommerdämmerung die Sicht nähme und das wachsende Mondlicht die Dielheit der Farben in durchblautem Silber und Smaragd auflöste.
Kaum fand ich die frühen Rosen meiner Kindheit wieder. Wo war die unvergleichliche, ge- liebteste „La France?" Sie, die mich auch durch die reichsten Jahre meines erwachten Lebens begleitet hatte und nie als Wächterin den Rahmen der geliebten Bilder fehlte? Sie siecht an heimlicher Krankheit hin, wenige Züchter noch pflanzen und pflegen sie. Wo war jene schwarzrote „Samt- rose" auf festem Stiel mit hartem Laub und runder, voller Blüte, die im Sterben nachblaute und unter verwirrendem Duften verschied? Wo war die „Malmaison"? Wo die die weihe Duschzentifolie? — Der Gärtner, der uns begleitete, lächelte ein wenig:
— Ist, was Sie vor sich sehen, weniger schön? Ist es nicht viel volllommener. viel edler?
— Vielleicht. Ich sehe nur, daß es anders ist. Es scheint mir, die Form sei leichter und der Dust sei zarter geworden. Zarter auch das Spiel bet
Bon Albert H. Rausch, Berlin.
Fast am Ende der Heinen Stadt tag bei 0 arten meiner Großmutter. Tag für Tag sah in an die alte Frau, auf ihren graublauen Sonnenschirm gestützt, eine geflochtene Strohtasche am Lm, durch die engen Gassen nach diesem Garten ,Weiten, der ihr spätes Leben und ihre spate Aiebe war. In den Ferien oder an schulsteren Machmittagen ging ich neben ihr, die Tasche tragend. Dann spannte sie den großen Schirm auf. nahm manchmal meinen Arm, um sicherer zu gehen, und sprach von ihren Früchten und Blu- in.cn. Don diesen mehr als von jenen. Ich hörte ihr gern und aufmerksam zu. Denn ich teilte ihre Liebe, obwohl ich schon lange erkannt hatte, daß mir eine Blume etwas Geheimnisvolleres bedeutete als ihr. —
Später wurde der Garten Teil um -Leu verkauft. Es wurden neue Häuser gebaut, eine Slrahe wurde an seiner westlichen Flanke angelegt, und schliehlich ging das letzte übrig gebliebene Grundstück in fremden Besitz über. Die »roßmutter starb, ich selbst war herangewachsen urb lebte in fremden Städten und Ländern, fern oen allem, was das Leben meiner Kindheit aus- gcrmacht hatte. Aber so oft ich nach Hause zurück- teyrte, und an der Stelle Vvrbeikam, wo jenen harten meiner frühsten Jugend gelegen hatte, ging ein langer, dankender Gruß zu seinen ver- 'Lwundenen Wegen, Beeten und Lauben hinüber: 1ö®nn dort, in jenen ehemals blühenden und däm- ntzrnben Heimlichkeiten, an deren Pforte ein alter, bieitgewölbter Nußbaum die Wacht hielt, ging mir der Sinn auf für das Leben der Pflanze, brr aus hütendem Dunkel der helligen Erde in Da8 entfaltende Licht strebt. Dort auch ging mir dos Wunder dieses Lichtes auf, dem ich ein 2<ben lang nachlief, und das noch tiefere Wunder bet Kraft, die Schönheit heißt, am deutungS- vvllsten Erlebnis meiner Knabenjahre: dem Gr - lebnis der Rose. '
nen mir hier zu einem solchen Kunstwerk vereint, Fülle und Vornehmheit so innerlich verbunden, daß ich ihr nichts Gleiches an die Seite zu stellen vermochte. Auch begann ich nun, die Blütenblätter zu befühlen: ich lernte in den Fingerspitzen die vielen verschiednen Samte und Seiden erkennen und auseinanderhalten, aus denen sie gewoben waren, ich deutete Wesen und Seele der Blume nach dem zarten und spröden, dem glatten und rauheren, dem einfacheren und üppigeren; Gewebe. Und auch das Mysterium der Farbe begann sich mir zu erschließen: Verdichtung und Verflüchtigung, Gleichmäßigkeit und Verschwommenheit, ilebergang und Gegensatz. Unterlegung und Lleberhauchung.
Wesen und Sein der Welt, die Rose heißt, begann mich zu ergreifen, zu berücken — und ich war, kaum wissend, wie, zu dem großen Gebenden geworden, dem jede Deutung der Geliebten eine neue Sehnsucht, eine neue Süßigkeit erschließt. Gott war sichtbar, fühlbar, witterbar im Werk und schenkte mir ein großes, ein entscheidendes Wissen: Demut vor allem, was als Pflanze west und lebt, nicht weniger rätfel- und deutungsvoll als alle menschliche Kreatur. Der Schöpfer war gebannt im Bilde jeglichen Geschöpfes, sich selbst und seiner Fülle unentrinnbar.
Noch blieb das gewallige Erkennen dem Knaben ganz Gefühl, noch konnten Begriffe das Erlebnis nicht umschreiben. Doch was besagt Uw schreibung, wo Ereignis ward?
Um jene Zeit begann auch meine Vorliebe für die einzelne Blume. In schmaler Vase, an langem, schlankem Sttel lieh ich die Knospe sich erschließen, mit allen Sinnen teilnehmend an der Geburt der Schönheit, ganz voll Vorentzücken an ersehnter Vollendung. Und die Blume wurde Sinnbild der eigenen schöpferischen Sehnsucht, wurde heilige Mahnung, alle Kräfte zu sammeln, sowie sie die ihren im Schifte sammelte, aller; Kräfte Richtung zu einen auf ein Ziel: vollendeter Ausdruck zu werden der eignen Art: Schönheit zu schaffen: nach gottverliehenem Maß, Schönheit zu fühlen. Lind in jeglichem Werke wahrhastig und einfach zu bleiben wie die Pflanze, die nicht anders kann als sie muh.
in die Köpfe der deutschen Arbeiter gesenkt, sondern war allmählich und gegen viele Widerstände entstanden. Es war eine Tiesenzuständlich- keit. die bei Kriegsausbruch mächtig und überraschend zu Tage trat. Aber dieser Geist herrschte nicht unbedingt und unbestritten. 2hm stand die Tradition des deutschen Sozialismus entgegen; eine Tradition, deren politisch-geistige Inhalte nicht der Arbeiter bestimmt hatte, sondern der zur Arbeiterbewegung übergegangene Intellektuelle. Dieser Intellektuelle hatte das geistige Gesicht der deutschen Arbeiterbewegung geprägt. Zu dieser Geistigleit gehörte die Leu g- nung der Nation als einer geschichtlichen Wirklichkeit. Dor dieser Geistigleit war die nationale Politik des 4. August «in Abgehen vom eigentlichen Wege, eine Verwirrung, der ein Ende gemacht werden müsse.
Die ganze Zeit des Krieges war vom Kampfe zwischen diesen beiden Anschauungen ausgestellt. Im Zusammenbruche unterlag jene arbeitcrtüm- liche, Staat und Nation bejahende Richtung. In einem verhältnismäßig kurzen Heb er gang unterwarf sich die deutsche Arbeiterbewegung wiederum jenem Geiste, von dem sie sich am 4. August 1914 losgelöst hatte. Der Zusammenschluß der sog. Mehrheitssozialisten mit den Unabhängigen brachte diese Unterwerfung zum Ausdruck.
Aber jene Tiefenzuständlichkeit, die damals die Hinwendung des Arbeiters zu Staat und Ration ermöglicht hatte, war doch nicht endgültig beseitigt. Der nationalpolitische Wille war ermüdet, an sich selber irre geworden und eingeschüchtert. Aber tot konnte er nicht sein, dazu war er zu stark gewesen, dazu ist er zu fest verbunden. Er mußte sich wieder regen. In der mit dem Aufstiegswillen der jungen Schichtung bcrbunöen. Er mußte sich einst wieder regen. In der Abspaltung der sächsischen Rechtssozialisten, wie man sie zu jener Zeit nannte, regte er sich regte sich als Empörung gegen den Willen zur Entmachtung des Staates. Aus dieser Quelle empfängt die Altsozialistische Partei ihre Kraft.
Die neue Partei bekennt sich zu der Aufgabe, der deutschen Politik zu dienen, indem sie ihrer Arbeit für die deutsche Befreiung einen größeren Machthintergrund zu schaffen trachtet. Sie will den Freiheitswillen der arbeitenden Millionen wecken und zu politisch wirkungskräftiger Gestalt bringen. Aus diesem Geiste glaubt sie ihr Daseinsrecht begründe^.
Die „Alte Sozialdemokratische Partei wachsens", die augenblicklich zusammen mit den mrgerlichen Parteien das Kabinett Heldt bildet, ent auf ihrem letzten Parteitag beschlossen, sich |)i ifort nur „Alte Sozialdemokratische Partei' ja nennen. Der Beschluß ist allgemein so ver- (inden worden, daß diese Partei nunmehr auch nßerhalb Sachsens Anhänger zu wer- 'e-i beabsichtige. Diese Annahme trifft insoweit Ä pah nun der Ausbreitung der bisher auf rchsen beschränkten Partei über die Grenzen Ochsens hinaus kein formelles Hindernis mehr im Lege ftebt, und daß man beabsichtigte, dieses >indernis zu beseitigen. Der Beschluß ist wichtig irmb kann allgemeine politische Folgen haben. 'San hat im Reiche die Gründung und Haltung xs Altsozialistischen Partei Sachsens vielfach be- idftet und hier und da mit Sympathie verfolgt, so h tz eine Ausbreitung der Partei wohl möglich ist. 3k Groß-Berlin hat sich bereits eine Ortsgruppe bildet, der auch ich angehöre, und es ist zu er« wetten, daß in den nächsten Wochen weitere Orts- r?appen entstehen. Erfüllen sich unsere Hoffnun-
so entsteht hier eine neue Partei.
Das mag als eine Zumutung an die deutsche i)Öffentlichkeit empfunden werden. Denn es gehört den wenigen Ansichten, die von der gesamten riitischen Welt geteilt werden, daß wir mit Par- ew-n genügend versorgt seien und daß nirgends rän Bedürfnis und Verlangen nach einer neuen jkertei vorliege. Wir kennen diese Parteiver- drvssenheit und halten sie für wohl begrüntet DaS deutsche Voll ist zweifellos in feiner -iSgroßen Mehrheit der Parteien müde, es hat -Irin Vertrauen zu den Parteien verloren, es ||.?fet feine Hoffnungen mehr auf sie. Indessen, txatn gewählt werden muß. so gehen achtzig blri neunzig Prozent des deutschen Dolles zur Dahl und wählen eine der anderthalb oder zwei i)»hend Parteilisten. Die zweifellos vorhandene, (Lade und echte Ablehnung des Parieiwesens iftr bisher eben nur Ablehnung geblieben. Die lyr zugrunde liegende Gesinnung hat noch keine enteren und besseren wirkungskräftigen Gebilde si rvorgebracht. So lange das nicht geschehen ist, bMben die politischen Dinge den Parteien über» lassen, und so lange wird sich der politische Wille, toertn er sich Ausdruck verschaffen will, auf die orm der Partei ang «wiesen sehen.
Es kommt nicht darauf an, ob eine Partei ntdjr oder weniger, sondern es fragt sich, ob der Erwachs etwas taugt oder nicht. Will eine .neue 'Partei zum Leben kommen, so bleibt es ihr über- " " ihr Daseinsrecht beweisen und er- Fehlt ihr aus inneren oder äußeren Kraft dazu, so muh sie sich be-
Allsvzialisttsche Partei angeht, so nicht nur nach dem lokalen Anlaß beurteilen, der sie ins Dasein rief. Hier ging es fi«r um den Streit, ob die sächsische Sozialdemo- Irctie im Rahmen der großen Koalitton mite arbeiten wolle oder nicht. Aber hinter diesem Anlaß stand doch auch noch etwas anderes. BrrauSgegangen war in Sachsen die sogenannte Aera Zeigner. In dieser liegen die ilr- Iprünge der Abspaltung, ans der di« Alte '.>Zialifttsche Partei hervorging. Reinlichkeits- cesichl und airständige Menschlichkeit empörten sich ceoen ein politisches System, das zum Einmarsch ter Reichswehr führte und in entern Krimtnal- vavzeß endete. Aber dieses Zerwürfnis hätte die Parteidiplomatte leicht schlichten können, wenn nicht doch andere Kräfte mit im Spiel ge°
Erinnerungen an Dzerschinfki.
Von Harry v. Hafferberg.
Am 16. Juli 1927 ist es gerade ein Jahr her, daß der Chef der Tscheka, der bolschewistischen Inquisition, Felir Dzerschinfki, die Erde um den schweren Druck feiner finsteren Persönlichkeit erleichterte. Kommende Geschlechter werden in ihm einen zweiten Nero, einen Torquemada, einen Fou- quet-Tinville sehen. Aber was wissen wir, die Zeitgenossen, von diesem Menschen? So gut wie nichts! Und selbst Leute, die die letzten zehn Jahre ununterbrochen in Moskau verbracht haben und oft mit Dzerschinfki in persönliche Berührung kamen, müssen heute mit Erstaunen feststellen, daß faktische Tatsachen über sein privates Leben ihnen eigenllich in nur sehr geringem Maße bekannt sind und daß selbst die Russen über den wahren Charakter dieses merkwürdigen Mannes nur sehr weniges wissen.
Auf Leute, die ibn näher kannten, machte es den Eindruck, daß dieser Monn überhaupt kein ori- vates Dasein, kein Familienleben fül)re. Er waltete fast ununterbrochen, zu jeder Tages« und Nachtstunde in den dunklen Schreibstuben und Gewölben der Tscheka und das Klappern der, Haft- und Mord« befehle ausfertigenden, Schreibmaschinen und das Knattern der die Opfer zur Richtstatt bringenden Motore übertönte bei ihm alle persönlichen Gefühle, falls er solche überhaupt hatte. Auch wurde die Nähe dieses Furcht erregenden Menschen derartig sorgfältig gemieden, daß er selbst seinen nächsten Angestellten zeillebens ein Fremder blieb. Und wenn man von ihm etwas „Persönliches" erfuhr, so war es nur in den Fällen, wenn seine Hand
sich schwer auf dem gebeugten Nacken des Opfers niederließ . . .
Die von ihm gegründete größte Spionageorganisation der Welt gab ihm die Möglichkeit, jederzeit über die Vergangenheit und Gegenwart jedes Sowjetbürgers unb auch all seiner Parteigenossen informiert zu sein und jede gewünschte Auskunft zu erhalten. Er wußte, wer sie waren, was sie taten und wessen sie fähig sind. Trieb es einer zu bunt, nutzte sich ab oder lehnte sich auf, so wurde er, ohne viel Federlesens, ohne Untersuchung und Gericht „liquidiert". Deshalb wird man es verstehen, daß Dzerschinskis Tod gerade für seine Parteifreunde kein besonderer Kummer bedeutete und viele Seufzer der Erleichterung entrissen sich aus so mancher gequälten Tschekistenseele.
Zu Lebzeiten des unheimlichen Felix konnte man es oft beobachten, wie der eine oder andere Bolschewistenhäuptling manchmal merkwürdig deprimiert, zerstreut, seltsam melancholisch wurde, ja, weder essen noch trinken konnte, und wenn man ihn nach dem Grunde fragte, so stellte es sich schließlich heraus, daß der Betreffende sich bei irgendeiner geschäftlichen Gelegenheit mit Dzerschinfki veruneinigt hatte. Der Chef der Tscheka verfolgte ihn nun unablässig mit seinen kalten Schlangenaugen und dieses genügte vollauf, um dem Unglücklichen die Ruhe, den Schlaf und den Appetit zu rauben. Diese Leute versuchten dann alles, um dem gleichgültig-verächtlichen, aber Schlimmes kündenden Blick Dzerschinskis zu entrinnen . . .
Nicht selten retteten sie sich ins Ausland. Wie zum Beispiel Krassin, der im Winter 1925 gewagt hatte, zu behaupten, daß im Dolkswirtschaftsrat, welches Dzerschinfki damals verwaltete, „mehr Unordnung", als bei ihm im Außenhandelskommissariat, herrsche (!). Auch Skljanski, der zweite Vorsitzende des revolutionären Kriegsrates, der mit Trotzki zusammen die Rote Armee begründet hatte und bann aus ihr entfernt wurde, hatte es sich einst herausgenommen, die Wirksamkeit Dzer- schinski und seines Stellvertreters Unschlicht zu bemängeln. Unö was ift mit diesen beiden Oponnen- ten Dzerschinskis geschehen? Mit dem Revolver in der Hand zwang der Tschekachef den kranken Krassin, unterschriebene Schecks auf seine Millionen, die er im Auslande deponiert hatte, herauszugeben, ihm lediglich .eine geringe Summe zum „Lebensunterhalt" überlassend. Erst danach durfte Krassin auf seinen Auslandposten zurückkehren, wo er — wie die Russen behaupten — „aus Merger über den Verlust der ehrlich erworbenen Millionen", nach wenigen Monaten verstarb.
Der Tod Skljanskis, der in Rußland eine viel größere Rolle spielte, als man es im Auslande ahnte, ist bis heute in ein mystisches Dunkel gehüllt. Zunächst mußte er nach dem fernen Amerika, wo er, am Strande eines kanadischen Sees, mit amerikanischen Genossen Zusammentreffen sollte. Doch schon nach sechs Wochen beerbigte man in Moskau feierlich bie Urne mit den irdischen Resten des in den Gewässern des fernen Sees Ertrunkenen: Ein „unbekanntes" Motorboot hatte den Kahn des bolschewistischen Reisenden gerammt, und der vertrauteste Freund Trotzkis fand hier einen unerwartet raschen Tod. Man schrieb hierüber nur wenig... Unter den vielen Trauergästen war auch Dzerschinfki auf dem Roten Platz erschienen. Aber wie blaß und erschrocken waren die Gesichter der. übrigen Anwesenden, als auf ihnen die kalten, grünlich-schillernden Augen des schrecklichen Felix lasteten. Diese gefürchteten, alles durchdringenden Augen des „Asketen"^ Dzerschinfki waren die typischen Schlangenaugen, in einem länglichen Degeneratenantlitz tief eingefallen; eine lange gerade Nase, bünne reptilienartige Lippen und ein spärliches, rötliches Spitzbärtchen ...
Oft erfuhr man aber dennoch einiges, das darauf hinzuweifen schien, daß der „rote Torquemada" nicht immer ein Asketendafein führte. In einer Versammlung in Nowonikolajewsk erregte die Frau des Tschekiften Tiunow Dzerschinskis wohlwollende Aufmerksamkeit. Am folgenden Tage schon wurde der Genosse Tiunow, der kaum seinen Namen richtig schreiben konnte, mit der Außerordentlichen Kommission nach Urjanchai geschickt. Dzerschinfki aber setzte seine Reise durch Sibirien--mit der
in ihrer Blüte sein — hatte keine Geltung: genau so wenig wie das leichtere, hellere, großblumige Waldveilchen jemals Geltung gehabt hätte vor der Heineren, dunkleren Schwester voll übersüßen Hauches. So lernte ich die Rosen des großmütterlichen Gartens bewerten nach Süße und Eindringlichkeit ihres Atems, nach der Erquickung, die ein Trunk aus dem Quell ihres Duftes gewährte, und wußte gar nicht, daß es Rosen gab, die keinen Duft im Innern ihres Kelches bargen und ihre Schönheit einzig im Bild der Blume gesammelt hielten.
Da war eine schwarzrote Rose mit runden Blütenblättern aus Samt — wir nannten sie einfach „Samtrose" — welche am meisten bewundert und geliebt wurde. Nach ihr kam die unvergleichliche „La Franoe" aus siLernem Rosa, der die „Marechal Riel" aus blaßgelber Seide wie eine Schwester gleichgeordnet wurde. Dann folgten mehrere Arten der Teerose, deren breite, im Innern enggeschichtete Blume, vermengtes Creme und Lachs, eine starke, milde Süße aushauchte, während der Ruch der „Malmaison" heftiger strömte und der Atem einer Weißen Duschzenttfolie so betäubend war, daß wir sie nie, zum Strauß gebunden, im geschlossenen Zimmer ertragen konnten. Es gab einige Sorten von Moosrosen, Weiße und blahrote, von herberem Arom, und schließlich einen großen Strauch, der flare, goldgelbe Blüten von wachsarttgem Duste trieb, Blüten, die rasch zerflatterten, sobald sich die kühle, edle Form der Knospe geöffnet hatte. Es gab Rank- und Hängerosen an den Gartenlauben und Monatsrosen von liladurchsetztem Rosa, aus deren Gebüsch der warme Wind lange Wellen lauer, lösender Düste hob. Abend für Abend wurden die erblühten Knospen abgeschnitten, und es war selbstverständlich, daß auch auf dem Tisch meiner Stube niemals der Rosenstrauß fehlte. Wie oft geschah es bann, daß ich den Kopf von den Schulbüchern aufhob und das Auge auf den Blüten ruhen ließ, die an glänzenden Stengeln über den Rand der Vase ihren frühen Heimatwelten, Hellas und Rom, entgegeirschwankten.
Da entdeckte ich eines Tages, daß ich den Rosen eine andere Rangordnung gab, als man es mich gelehrt hatte. Ich reihte sie nicht mehr ein nach der Dichte und Süße ihres Dustes, sondern nach der Schönhett üjrer Gestalt. Lind mehr noch I als die vollerblühte Blume fesselte nach die halb-, I die viertelerblühte oder auch die noch geschlossene Knospe. So kam es, daß die La F»ance-Rofe mehre Lieblingsrose wurde: Dust, Farbe, Form erschie-
Frau Tiunows fort. Ucbrigens mürbe der Genosse Tiunow für sein „freunbfchafllichcs" Verhalten Dzerschinfki gegenüber mit bem Posten des Vor- sitzenden der Tscheka in Kraßnojarjk belohnt.
Jrn Herbst des Jahres 1921, als Sowjctrußland sehr stark unter bem Kohlenmangel litt unb auf ber Eisenbahnstrecke Moskau—Charkow nur ein einziger Eisenbahnzug in der Woche verkehrte, erhielt man in Moskau Nachricht, baß im Süden riesige Kahlenmengen verschleudert warben wären. Der Leiter bes Dangebiets war bamals ein Kommunist namens Ssascha, ein Schulkamerab unb guter Freunb Dzerschinskis. Er würbe beschuldigt, die Kohle unrechtmäßig an türkische Firmen verkauft unb ben Ertrag sich angeeignet zu haben. Zur Untersuchung bieses Falles traf Dfchersinsky persönlich in Charkow ein. Ssascha würbe vorübergehcnb seines Amtes enthoben, unb in seiner Umgebung roch es bebenklich nach Pulver.
Doch was geschah? Es vergingen nur wenige Tage, unb Dzerschinski teilte plötzlich ben amtlichen Stellen in Charkow mit, baß „bie Angelegenheit mit ber Ausfuhr ber Kohle nun erlebigt" sei, unb baß es ihm gelungen wäre--bie völlige Un-
schulb Ssaschas festzustellen. Ssascha würbe wieder in Amt unb Ehren eingesetzt. Im Sonberzuge aber, welcher Dzerschinfki im Eiltempo nach Moskau zurückbrachte, nahm, außer ihm, noch eine Schreibmaschinenmamsell Platz, ein lieblich-nichtstuenbes Wesen, bie bekannte Romanzensängerin Galja Ssa- moiskaja, die bisher--Ssaschas unzertrennliche
Freundin gewesen war ... Später wußten alle Großspekulanten, daß sie sich mit Hilfe dieser „Geheimsekretärin" Dzerschinskis von ben Verfolgungen ber Tscheka loskaufen konnten ... Ihr konnte Dzer- schinski keine Bitte abschlagen — er war ein „Asket".
Außer ber schönen Galja soll es in ber Umgebung Dzerschinskis noch biese und jene „Geheimagentin" gegeben haben, oic durch Beeinflussung des roten Großinquisitors die Macht besaßen, wen sie wollten, dem Verderben preiszugeben ober jeden beliebigen Tschekahäftling vor ber bereits ausgesprochenen Tobesstrafe zu bewahren. In seiner „Außerorbentlichen Kommission" vereinigte Dzerschinski ben Auswurf ber Menschheit: entlassene Sträflinge, begnabigte Banditen, zaristische Gendarmen, Ochranahelden, Dirnen, Segeneratcn unb Verbrecher. Allen gab er bie Macht, je nach Belieben unb ungestraft über bas frembc Leben ihrer Mitmenschen zu verfügen. Dzerschinfki unb seine Knechte vermochten es prakttsch nicht burchzuführen unb san- ben es auch nicht für nötig, eine Registration ihrer „Arbeit" einzuführen. Daher wirb es nie mögsich sein, bie volle Wahrheit über bie Zahl ber Opfer ber Tscheka zu ergrünben.
Rach ben Berechnungen des englischen Pro- fefforß Serollh wurden in Sowjetrußland in den Jahren 1918 bis 1923 weit über 1 700 000 Menschen hingemvrdet. Ratürlich kann diese Aufstellung heute nicht nachgeprüft werden. Fest steht aber, daß noch im Iahre 1920 in Sowjetrußland insgesamt über 1500 provinzielle Unterabteilungen der Tscheka existierten, von denen die meisten fast täglich Exekuttonen vornahmen.
Man sagt, daß bie Menschen vor ihrem Tode, im Verlauf eines winzigen Augenblicks, ihrgan- zes Leben vor sich vorüberziehen sehen. Wenn es nun Dzerschinski in der letzten Minute seines Lebens beschieden war, alles von ihm und in seinem Ramen Dollsührte noch einmal zu erleben — so müßte diese eine Minute einer Ewigkett höllischer Qualen gleichkommen. Ein Gefühl des Glückes kann es nicht gewesen sein. Auch muß man an einen anderen Zug dieses merkwürdigen Menschen denken, ein Detail, über das man nccht hinwegkvmmt, das einen immer mit größerem Schauer erfüllen muß, je mehr man darüber nachdenkt: er heißt Felix! Diesen Namen gab ihm seine Mutter mit ins Leben---damit
er sich und anderen Glück bringen möge ...
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