Märtyrer der Liebe.
'Roman von 2. Schneide'-Förstl.
33 Fortsetzung Nachdruck verboten.
„Weiß ich nicht, mein Kleinchen!"
,Lch will die Mama fragen!"
„Nein, bleib? Die Mama schläft!"
Aber die Tage, in denen Annemarie Ehrfurcht vor Mamas schlaf gehabt hatte, waren längst vorüber. Ma»'/Hlirste jetzt immer zu Mutti kommen. Frühmorgens, wenn man noch im Nachthemdchen war, abends, wenn die Bonne das tägliche Bad zurechtrichtcte, kuschelte man sich zuvor noch ein paar Minuten in Muttis Arme, und nachmittags durfte man, wenn man wollte, bei ihr auf dem breiten Ruhebett liegen. Aber meist wollte man nicht. Im Park war es zu verlockend jetzt im Sommer.
Annemarie drückte das Bitü fest an sich und eilte über den langen Korridor mit seinen dicken wein- roten Läufern. An Nellas Zimmertür machte sie halt und klopfte leise. Dann schlüpft« sie, ohne ein Herein abzuwarten, in das von grünlich mattem Licht erhellte Boudoir.
„Mütterchen, schau doch!"
Nella lächelte und stützt« sich etwas in den seidenen Kissen auf. „Was host du denn Schönes gefunden, Kind?"
Die Köpfe dicht aneinandergepreht, besahen sie gemeinsam die bescheidene Errungenschaft. Der Kna- oenkopf war wirklich entzückend. Dunkle, überreiche Locken quollen um ein schmales, feines Gesichtchen mit großen, dunklen Augen und einem kleinen, weichgeschnittenen, fast mädchenhaft anmutenden Munde.
„Schön, Mutti! — Nicht''"
Nella nickte bejahend und wandte das Bild.
„Johannes Viola, geboren 24. Oktober 1888."
Die schöne Frau schüttelte, nachdem sie das gelesen hatte, den Kopf. Johannes Diala! — Wer mochte das sein? Sie hatte erst geglaubt, es sei einer aus dem Geschlechte der Merken. Aber der Name Viola war ihr gänzlich unbeFannt. Nichtsdestoweniger, der Knabenkopf war entzückend. Sie würde ihn malen lassen.
„Schlaf noch ein bißchen, Mutter!«," drängte Annemarie, „ich habe drüben noch so viel beiseite zu räumen. Die Trude versteht das nicht so, die nimmt mir sonst die Hälfte wieder weg und wirft's in die Lumpenkiste'."
Nella lächelte über den Eifer ihres Kindes. Ja. sie würde noch ein bißchen ruhen, und so gegen fünf Uhr wollten sie dann nach Regenbach fahren unö den Papa holen. Annemarie klaschte in die Hände! Ein stürmisches Umarmen, ein Kuß und dann war sie draußen.
Einige Wochen später hing der Knabenkopf in breitem," goldgeschnitztem Rahmen in Nellas Wohn- zimmer, dos nur den intimsten Freunden des Hauses offen stand. Ander« Gäste wurden in die Gesellschaftsräume geführt. „Ach, welch reizendes Kind!" rief Elisabeth, als sie gegen Ende Oktober noch Ludwigstok kam. um Nella einen längst schuldigen Besuch zu machen.
„Ich habe auch dos Original!" gab NeÜa zurück und entnahm einem Schränkchen aus Zirbelholz die von Annemarie gebrachte Photographie.
„Wer ist es denn?" fragte Elisabeth.
„Lies!" forderte Nella auf. „Hast du irgendeinen in der Verwandtschaft, der sich so nennt?"
Die junge Frau starrte auf die eine von steilen Buchstaben gebildete Zeile. Ihre Hände konnten das Zittern nicht verbergen. Sie wandte das Bild und blickte wieder in die lieblichen Kinderzüge. Ein seines Rol flog aus ihre Wangen und machte bann einer deutlichen Fahlheit Platz.
,Lch — — O . . . Nella, bitte, gib mir das Bild!"
„Dos hier?" Nella geigte noch dem Oelgemälde an der Wand.
„Nein, nein! Dieses hier ... 0 bitte, Nella!"
„Aber natürlich! Im Grunde genommen ist es ja ohnedies dein Eigentum," sagte diese liebevoll. „Annemarie hat es unter all dem Kram gefunden, der in den großen Schränken der Garderobe D«r< staut war."
„Was hast du mit dem Kram gemocht? kam es hastig.
„Es liegt noch alles, wie es war. hinterbunt durcheinander. Ich hatte im,Sinne gehabt, dos G.ar- derobenzimmer Annemaries als Schlairaum zu geben. Aber Ferdinand findet es zu düster für das
Kind. Nun habe ich den Plan fallen gelassen. Es ist ja Platz genug, ihr ein anderes zu geben.
Ob sie nicht einmal in die Garderobe gehen dürfe, bat die junge Frau.
.Lederzeit!" gewährte Nella. „Dlelleicht findest du noch etwas, was d:r lieb ist. Es ist ja alles dein Besitz. Wenn ich eine Ahnung gehabt hätte, daß Sachen darunter sind, die für dich Wert haben, würde ich dich langst gebeten haben, das Ganze zu sortieren, und der Chauffeur hatte es dir dann gebracht. Uebrigens hat mir. Ferdinand gesagt, daß fünf Gobelins, die in Regendach hängen, dir gehören. Dein Vater selig habe sich deren Rückgabe beim Verkauf von Ludwigstal ausbedungen. Du kannst sie also jederzeit abholen lasten, oder ich schicke sie dir!"
Elisabeth fand darauf nichts als ein verwunder- tes Staunen.
„Vater aber hat mir gegenüber niemals eine Andeutung gemacht!" wehrte sie.
„Schon möglich!" sagte Nella ruhig Vielleicht wollte er dir die Gobelins als Morgengabe zu deiner Hochzeit schenken. Leider war ihm diese Freude nicht mehr gegönnt."
Elisabeth hegte keine Bedenken mehr, daß die kostbaren Stücke wirklich ihr rechtmäßiges Eigentum seien. Georg würde sich maßlos freuen. Alte Sachen zu besitzen, war eine schwäche von ihm. Nella lächelte, als sie mit Elisabeth über den Korridor nach der Garderobe schritt. Ihr Monn würde Zufrieden sein, wie sie die Sache arrangiert hatte. Weder Reichmann noch seine kleine Frau ahnten, welch fürstliches Honorar Renkell für die Rettung seines Kindes bezahlte. Der Jugendfreund hatte keinerlei Entgelt für feine ärztliche Hilfe angenommen. In ihrer Freude über die restlos geglückte Täuschung küßte sie Elifabeth auf beide Wangen.
Und dann kniet« Elisabeth vor dem '.Berg von all dem herousgeholten wertlosen Zeug und vegann mit hostenden Fingern zu sortieren, alle Schubladen durchwühlte sie und suchte noch Geheimfächern und fand nichts als einige wenige Briefumschläge ohne Inhalt. Dieser mochte wohl von dem Empfänger, der ihre Mutter gewesen mar,, sofort pernichtet morden fein.
Nella sah verständnislos ihrem Tun zu.
„Was möchtest du denn gerne finden?" frug sie mehr aus Mugeiühl als aus Neugierde.
Elisabeth schüttelte ohne aufzusehen den Kopf. Die Knie tat«n_ ihr weh und Kops und Rücken schmerzten fte. Sie sah ein, daß alles Suchen vergeblich war. weil cs einfach nichts mehr zu finden gab. Ganz abgeschlagen erhob sie sich vom Boden und ging mit Nella in deren Wohnzimmer zurück. Ein paar Minuten schwankte sie noch, ob sie dieser Aufklärung über das Bild geben sollte.
Bis jetzt hatte sie nicht einmal ihrem Manne etwas von dem Stiefbruder gesagt. Aber Nellas Blick war so voll und teilnehmend auf sie gerichtet, daß sie gor kein« Bedenken mehr hegte, sich ihr an- zuvertrauen.
„Der kleine Iunae, . . . desten Bild du hast, . . . ist mein Bruder!" sagte sie stockend.
„Wer?" staunte Nella.
„Mein Bruder. — Er ist das Kind meiner Mutter aus der ersten Ehe mit dem Professor Diala. Sie hat sich von diesem scheiden lasten," gestand sie beschämt, „und mußte den Knaben ihrem Manne Übertassen!"
Nella legte den Arm um sie und zog sie zu sich auf das Ecksofa. „Dos hab' ich ja gar nicht gewußt, daß du noch einen Bruder hast. Erzähl' mir doch von ihm!" bat sie herzlich ' —
„Ich weiß nichts, als daß Mutter sich zu Tode noch ihm gesehnt hat, und daß sie daran gestorben ist!"
Nellas Hände strichen liebkosend über die kalten Finger Elisabeths. „Wo ist er denn jetzt?"
„Ich weiß es nicht!"
,»aft du noch nicht nach chm geforscht?"
Elisabeth sah überrascht auf. Nein, das hatte sie nicht. Und bann, nach kurzem Bedenken, „ich will auch nicht nach ihm forschen. Nein, gewiß nicht. Wenn er mich letzte ober sich meiner schämte, es wäre mir schrecklich!" schloß sie erregt.
„Du Dummerchen, bu liebes Dummerchen, als ob ein Mann sich je einer solchen Schwester schämte, wie bu bist —" lachte Nella. , Unb hassen! Gott, ich bitte bich, warum soll er bich hassen. Der ist nun auch kein Kinb mehr unb kennt bas Leben unb weiß, wie es manchmal so ist mit ber Liebe! Soll ich cs machen? Soll ich mich um ihn kümmern? Ja?"
(Fortsetzung folgt.)
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