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Nr. 224 Erster Blatt

ITT. Jahrgang

Samstag, 24. Septemder,927

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General-Anzeiger siir Oberhessen

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Thefredakteur:

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Derantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den An­zeigenteil Kurt tzillmann, sämtlich in Dietzen.

Hoffnungen und Wünsche.

Deutschlands inner« Politik wird schon setzt über- 1 -schattet von dem Gespenst der kommenden Wahlen. Damit wird auf Monate hinaus ein Zustand vor- ausgenommen, der die fachliche Abwicklung der poli- tischen Geschälte in höchst unerfreulichem Matze zu beeinflussen pflegt. Es läge nur im Interesse einer gesunden Stetigkeit in der Reichspolitik, wenn das, was man unter dem StichwortWahlkampagne" zu begreifen pflegt, in einen denkbar kurzen Zeit- obfchnm zusammcngepretzt würde. Es ist zweifellos unbefriebiflerri), wenn setzt schon, viele Monate vor dem Termin der Reichstagswahlen, die großen Pro­blem« unserer inneren Politik unter dem Gesichts­punkt betrachtet werden, welchen Stoff sie wohl für Wahlagitation und Propaganda abgeben könnten. Vielleicht liegt dies zum Teil daran, daß man auf der Seite der Opposition die Lebensfähigkeit des vierten Kabinetts Marx erheblich unterschätzt hat. Und die Oppositionsparteien trifft gewiß keine Schuld, wenn das Diindnis zwischen Zentrum und Deutschnationalen so lange gehalten hat.

Seinerzeit konnte man in Blättern der Linken lesen, daß man dieser Regierung Muße geben müsse, sich auszuwirken, chre Taten würden das denkbar beste Agitationsmaterial für die große Abrechnung bei den Wahlen fein. Aber die Zeit scheint der Opposition zu lang geworden zu fein. Man mochte nicht länger warten, und so begann schon vor den Sommerferien des Reichstaas ein nicht sehr erfreu- llches Spiel, das auf eine Unterhöhlung der Regie­rungskoalition hinauslief. Alle nur denkbaren fra­gen wurden aus der Berten hing hervorgeholt, wur- ! den über Nachtaktuell^ gemacht, wenn man nur 1 glaubte, in ihnen geeigneten Zündstoff für die i Sprengung der Koalition gefunden yx Haden. Die Dorgeschichte dieses Bündnisses zwilchen Zentrum und Deuqcbnationalen bot ja nun allerdings auch genug Blößen, die nur immer wieder aufgezeigt werden brauchten, um Regierung und Parteiführern das Leben schwer au machen. So sind es namentlich j die berühmtenRichtlinie n", die in dixsen ; Sommermonaten den Regierungsparteien von der I Linken immer wieder oorgehalten wurden, wenn | man glaubte, bei einem der Vertragspartner irgend- I wo einmal einen Schritt entdeckt zu haben, der vom : rechten Weg abführte. Und das war natürlich häufig I genug der Fall, denn es ist ja kein Geheimnis, daß owoyl bei den De-utschnationalen wie beim Zentrum I große Teile der Partei nicht gerade mit besonderer | Inbrunst diese Ehe eingegangen sind. Man braucht I da gar nicht auf Herrn Wirth zurückzugreifen, der I mit der ihm eigenen Offenheit ja von vornherein I erklärt hat, daß er alles daransetzen werde, die I Malilion feiner Partei mit der Rechten kaputt zu | machen. Aber heute mutz doch festgestellt werden, »daß die Parteien in der praktischen Arbeit der I Tagespolitik näher aneinandergerückt sind, als auch )<r wohlwollende Zuschauer es für möglich gehalten Höfte. Und es ist ein erfreuliches Zeichen für die Lebensfähigkeit dieser Negierungskoalition, daß nun und) in prEammatischen Erklärungen der Partei­führer das Bekenntnis zur Koalitton und zu den MchtUnien" als ihrer theoretischen Grundlage vor & dem breiten Forum ihrer Parteigänger im Lande | wiederholt wurde und von beiden Seiten die wenigen Außenseiter energisch zur Ordnung gerufen wurden.

Dabei darf rridyt verkannt werden, daß das ckinfgende Band zwischen Zentrum und Deutsch- nationalen das Reichsschulgesetz ist. Bei­den gemeinsam ist der Wille, das Reichsschul- resetz unter allen Umstanden unter dieser einzig günstigen Pcrrteikvnstellation unter Dach und Fach ioi bringen. Hier zeigt sich nun aber, wo in Wahrheit der Gefahrenpunkt für die (giftens des Kabinetts Marx Regt. Die Deutsche Bolkspa rt ei würde ihre nationalliberals Vergangenheit und ihre kulturpolttischen Grund­sätze verleugnen, wollte sie dem Keudellschm Ge­setzentwurf ihre Zustimmung geben. Sie wird sich einem Diktat ihrer beiden großen Ber- Mn beten nicht fügen dürfen, sondern bei der sachlichen Durchberatung in den Ausschüssen ihren ganzen Einfluß aufbieten müssen, um eine grund­legende Umgestaltung des Reichsschul- gesehentwurfes zu erveichcm. Dabei kann es sich nicht allein darum handeln, die für uns Hessen, gleichgültig welcher politischen Partei, unantast­bare christliche Simultanschule in ihrem alten Bestand zu erhalten, sondern es muß erreiche werden, daß diese Schulgattung ihre in der Weimarer Reichs Verfassung gewährleistete Vor­rangstellung auch in dem neuen Reichsschul- gesetz erhält. Auch sonst finden sich in dem Keudellfchen Entwurf Anstände, die man nicht mehr 'als bloße Schönheitsfehler hinnehmen kann. 8er Dollspartei fallt hier als einziger Ver­treterin einer liberalen Weltanschauung inner­halb der Olegierungsloalifron eine höchst be­deutsame aber auch außerordentlich schwierige Ausgabe zu. Sie wird sich ihr unterzrehen in dem Bewußtsein, daß nicht immer die zahlenmäßige Stärke bei politischen Entscheidungen den Aus­schlag gibt, sondern daß von ihrer Zustimmung die Eftstenz des Reichsschulgesetzes abhängt. Wünschen die beiden großen konservativen Par­teien ein Reichstchackgeseh durchzubringen, das den christlichen Charakter der deutschen Volks- schule erhält, so werden sie sich damit absindem müssen, die bevech.igten Fordermagen der Volls­partei zu berücksichtigen. Das Reichsschulgesetz sieht und fällt mit der Zustimmung der Dolls- ' Partei. Das sollten sich ihre verantwortlichen Vertreter im Kabinett und im Parlament immer wieder vor Augen halten in diesen kommenden Monaten eines zweifellos erbitterten Ringens um die Zukunft der deutschen Dollsschule, um die Zukunft der deutschen Fugend und damit

Der Todessturz des Botschafters von Maltzan.

Die Katastrophe des Verkehrsflugzeugs D585 auf der Strecke Berlin - München. Die sämtlichen sechs Passagiere tödlich verunglückt.

wie schon la einem Teil der gestrigen Auslage kurz gemeldet, verunglückte das Flugzeug D 5 85 der Deutschen Lufthansa auf der Strecke BerlinMünchen in der Rahe von Schleiz. Der Flugzeugführer und vier Passagiere sind t 0 t. Der Bordmonteur Feiler wurde schwer ver­letzt. Die Ramen der Toten sind:

Botschafter Freiherr von Maltzan, Richard Roll von der Reichsbahndirektion Berlin,

von Arnim, Prokurist und Verkehrsleiter der Deutschen Lufthansa,

O s m e r s. Flugschüler der Verkehrsflieger­schule,

C h a r l e t t, Flugzeugführer.

Der Flugzeugführer L h a r l e t t ist ein Friedens­flieger, der viele hunderttausende von Kilometer auf Streckenslügen zurückgelegt hat. Er ist in letzter Zeit besonders viel auf der Strecke BerlinMünchen ge­flogen.

Die Katastrophe von Schleiz.

Berichte von Augenzeugen.Untersuchung der UngtückssteUe.

Sonderbericht des Wolff-Bureaus.

Schleiz, 23. Sept. Das Gelände, auf dem sich das furchtbare Flugzeug-Unglück ereignet hat, liegt zwischen Schleiz und Hein­rich sruh, etwa eine halbe Autostunde von Plauen entfernt. Die Trümmer der Maschine, die ein furchtbares Bild der Zerstörung bilden, liegen etwa auf der Mitte eines Abhanges von etwa V/s Kilometer Länge auf einem Stop" pelfeld, das von Wald umgeben ist. In den Abendstunden sind Arbeiter dabei, das Vorder­teil der Maschine fteuulegen. Die Polizei hat Mühe, die große Zahl der Reugierigen in an­gemessener Entfernung zu halten. Aus nah und fern sind sie herbei geeilt, so daß aus der Land­straße, die etwa 150 Meter neben der llnglücks- stelle verläuft, eine lange Reihe von Autos und Motorrädern steht. Augenzeugen er­zählen, daß, nachdem sie das Flugzeug kurz vorher in normalem Fluge gesehen haben, sie kurz daraus ein furchtbares Getöse hör­ten, das offenbar von dem schweren Auf­prall herrührte. Natürlich wollen, wie immer, alle nwglichen Leute alles mögliche gesehen ha­ben. Die Sachverständigen nehmen aber den größten Teil der Angaben mit großer Skepsis auf.

Nachdem bereits im Lause des Nachmittags Ministerialrat Mühlig-Hosmann von dem Reichsverkehrsministerium an der llnglücksstelle eingetroffen war, kamen gegen Abend auch zwei Vertreter der Deutschen Versuchsan­stalt für Luftfahrt in Schleiz an. Sie be­gannen sofort mit der Untersuchung der Flug­zeugtrümmer, um die Ursachen des llnglücks auf­zuklären. Dis jetzt läßt sich nur sagen, daß die Untersuchung außerordentlich schwierig ist. da die ganze Maschine eigentlich nur einen wü­sten Trümmerhaufen bildet. Besondere Aufmerksamleit widmet die Kommission natur­gemäß der abgebrochenen Tragfläche

des Flugzeuges, die etwa 20 bis 30 Meter vom Flugzeug entfernt liegt. Es steht jedoch schon fest, daß die Augenzeugenberichte, wonach der Flügel bereits in der Luft abgebrochen sei, mit großer Vorsicht ausgenommen werden müssen. Jedenfalls hat der bisyerige Befund der Sach­verständigen einen Beweis für diese Annahme noch nicht erbracht. Die Maschine ist offenbar aus einer Höhe, für die die Angaben zwischen 750 und 300 Meter schwanken, abgestürzt. Sie hat sich dann mit der Spitze mit einem furchtbaren Aufprall in den Boden eingegraben. Auch die Berichte, daß der Propeller in der Luft zersplittert fet und eine Strebe zerschlagen habe, werden zunächst als nicht bewiesen angesehen. Man neigt vielmehr der Auffassung zu, daß der Pro­peller erst auf dem Erdboden zersplittert sei. Dafür sprechen auch durchaus die starken Erdkrusten an den zersplitterten Propellerteilen. Irgend etwas Endgültiges läßt sich nach der An­gabe der Sachverständigen vor morgen überhaupt nicht sagen, wenn es überhaupt gelingt, die wirkliche Llrsache des älnglücks aufzuklären.

Auch Dordmonteur Feiler seinen Verletzungen erlegen.

Berlin, 23. September. (TU.) Wie die Luft­hansa mitteilt, ist auch der schwerverletzte Bordmonteur Feiler des bei heinrichsruhe abgestürzten Verkehrsflugzeuges D 585 seinen Verletzungen erlegen. Das beklagenswerte Unglück hat somit sechs Todesopfer gefordert. Gegen 7 Uhr abends gelang es, auch den Piloten und den Boromonteur des verunglückten Flugzeuges aus den Trümmern herauszuziehen, so daß nunmehr alle Leichen geborgen sind. Die Leichen wurden im Laufe des Abends nach der städtischen Leichen­halle in Schleiz gebracht. Die Polizei ist gleichzeitig damit beschäftigt, die bei den Toten gefundenen per­sönlichen Ausweise und Wertsachen zu ordnen. Freiherr von Maltzan wird In der Malhan- sch-rn Familiengruft in Groh-Luckow bei voll- ratsruye in Mecklenburg-Schwerin beigeseht werden. Der Tag der Beerdigung sieht noch nicht fest.

Die Ursache der Katastrophe.

Berlin, 24. Sept. (Priv.-Del.) Die Ber­liner Blätter beschäftigen sich eingeheick» mit der Frage, welche ll r s a ch e das furchtbare Flug­zeugunglück bei Schlcih gehabt haben könnte. Die gestern aufgetauchte Vermutung, es tonnte ein (Dabotageatt oder gar ein Attentat im Zusammenhang mit der Sacco-Vanzetti- Afsäre vorllegen, wird von den Blättern für unglaubhaft erklärt. 3n einem Blatt wird es für wahrscheinlich erklärt, daß der Flug­zeugführer durch plötzliches Un­wohlsein oder sogar Herzschlag die Herrschaft über den Apparat ver­loren hat. Don den Dornier-Metall­werken in Friedrichshafen, den (Stauern des Flugzeuges, wird es für ausgeschlossen gehal­ten, daß das Unglück durch einen Srag« flächenbruch verursacht worden ist.

Das Beileid der Reichsregierung

Berlin, 23. Sept. (WTB.) Reichskanzler Marx hat an Freifrau 0. Maltzan folgendes Bci- kibstelegramml aerichtet:Soeben erfahre ich, daß Ihr Herr Gemahl durch ein Flugzeugunglück den

Tod gefunden hat. Durch Gottes unerforfchlichen Ratschluß ist Deutschland eines seiner fähig- sten und oeroienstvollsten Beamten beraubt worden. Der Verstorbene hat in seiner langjährigen Tätigkeit im Dienste des Auswärtigen Amtes unter Einsetzung seiner ganzen Persönlich­keit dem Reiche wertvoll st e -Oien ft e geleistet. Ein allzu ftüher Tod bat seinem Wirken ein vor­zeitiges Ziel gesetzt. Seine Verdienste sichern ihm seitens der Reichsregierung ein ehrendes Andenten. Möge der Allmächtige Ihnen und Ihren Angehöri- gen Trost in Ihrem schweren Leid spenden und Ihnen die Kraft geben, den herben Schicksalsschlag zu überwinden. Ich bitte Sie, die Versicherung meiner und der Reichsregierung aufrichtigsten Trauer entgegenzunehmen. Reichskanzler Mar x."

Der Vizekanzler, Reichsjustizminister S) e r g t, hat an Freifrau 0. Maltzan folgendes Beileidstele­gramm gerichtet:Auf die Nachricht von dem ent­setzlichen Unglücksfall, dem Ähr Herr Gemahl zum Opfer gefallen ist, drängt es mich, Ihnen mein herz­lichstes Beileid auszudrücken. Meine besondere An­erkennung der Verdienste des Verblichenen habe ich noch bei der Feier feines 50. Geburtstages aus­drücken dürfen. Ich stehe dem furchtbaren Ereignis um so erschütterter gegenüber, als ich noch in letzter Zeit bei längerer persönlicher Aussprache Gelegenheit hatte, die politische Einsicht und die ernste verantwortungsbewußte Auf­fassung Ihres Herrn Gemahls zu bewundern."

Die Anteilnahme

des Reichspräsidenten.

Berlin, 23. Sept. (Wolff.) Reichsprcifi- dent von Hindenburg hat an Freifrau von Maltzan folgendes Telegramm gerichtet:

An dem schweren Unglück, das Sie so plötzlich betroffen hat, nehme ich herzlich Anteil uno bitte Sie, den Ausdruck meines tiefempfundenen Beileids entgegenzunehmen. Das Deutsche Reich ver­liert in Ihrem in so tragischer Weise ums Leben gekommenen Gatten einen der fähig ft en Diplomaten und hervorragend st en Vertreter, dem ich stets ein ehrendes Gedenken bewahren werde.

gez. vonHindenburg, Reichspräsident."

Eine Aundgebung Strefemanns

TU. (Senf, 23. Sept. (SeL-Uniön.) Die Nachricht von dem tödlichen 22>fttrrz des Dot- schasters von Maltzan wurde im Laufe der heuti­gen Mittagsstunden hier bekannt. Sie ist von sämtlichen Mitgliedern der deutschen Delegation mit tiefster Erschütterung und größter Te lnahme ausgenommen worden. Dr. Stresemann selbst weilte zu Mittag bei der belgischen Delegation zum Frühstück und erhielt die Nachricht erst spät. In einer Sitzung der deutschen Delegation widmete der Reichsaußenminister dem Gedächtnis des Ver­storbenen folgende Worte: Jeder, der den Verstor­benen gekannt hat, weih, welche starke und große Persönlichkeit in ihm dahingegangen ist. Auch in Zeiten, in denen er im Auswärtigen Amt eine Stellung bekleidete, die nicht zu ben ersten und leitenden gehörte, hat er der Arbeit, die er leistete, seinen Stempel aufzudrücken gewußt. Er war maßgebend und weg­weisend für viele Entscheidungen unserer Außenpolitik. Als er Staatssekretär des Aus­wärtigen Amtes war, habe ich mit ihm täglich

um die Zukunft unseres deutschen Volkes über­haupt.

Wir glauben, daß der Wille der konserva­tiven Parteien, ein Reichsschulgeseh zu schaffen, groß genug ist, um die Existenz der Koalition nicht an dem Widerstand der NationaNiberalen gegen eine rückschrittliche Gestaltung unseres Schulwesens scheitern zu lassen. Man sieht diesen Willen schon aus den beiderseittgen De- müfjimgen, alle Streitfragen aus denRicht­linien", die von der rührigen Opposition immer wieder in die Debatte geworfen werden, mög­lichst schnell und unauffällig aus dem Wege zu schaffen. Die letzten Reden des Reichs­kanzlers auf dein Dortmunder Katholiken­tag und in Königsberg sind, nicht minder wie die große Rede des Grafen Westarp auf dem Deutschnationalen Parteitag, ein schlagen­der Beweis dafür, wie man sich bemüht, das Bündnis für die kommende Auseinandeftetzung kampffähig zu erhalten. Was der deutschnatio- nale Parteiführer über die Auß enpolitik ausführte, war doch in allen entscheidenden Punkten eine Zustimmung zu der großen politi­schen Linie Strefemanns, wenn er auch selbst­verständlich die wohlbegründeten deutschen For- berungen auf Räumung des Rheinlandes und endlich! Erfüllung der Abrüstungsverpslichtun- gen durch unsere Versailler Vertragskontrahenten mit größerer Entschiedenheit und Schärfe unter­strich, als der verantwortliche Außenminister es vor der Döllerbundsversammlung hatte tun können. Gerade dieser Passus seiner Rede be­deutet jedoch eine erfreuliche Rückenstärkung Strefemanns.

Mit besonderer Betonung hat Westarp dann bei der Besprechung der innerpolitischen Lage die von den Deutschnationalen in denRicht­linien" übernommene Verpflichtung hervorgeho-

ben, die Reichsverfassung und die in ihr festgelegten Reichsfarbennicht nur gegen rechtswidrige Angriffe, sondern auch gegen her­absetzende Verunglimpfungen" zu schützen, Lind er knüpfte daran eine ernste Mahnung an die den Deutschnationalen nahestehende Presse, sich diese Verpflichtung zu eigen zu machen. Damit ist den fortgesetzten Bemühungen der Linken, durch Auf­rollen der Flaggenfrage zwischen Deutsch- nationalen und Zentrum Mißtrauen zu säen, der Boden entzogen. Auch auf der Zentrumsseite kann man das Bestreben feftstellen, durch denkbar weitgehendes Entgegenkommen die Flaggenftage als Zankapfel der Parteien auszuschalten. Im­merhin scheint uns die Diskussion darüber inzwi­schen so weit gegangen zu fein, daß es für das Reichskabinett dringend geboten erscheint, zu­mindest eine für alle Dolksteile annehmbare Zwischenlösung vorzubereiten, wenn man schon einmal glaubt, daß der Zeitpunkt für eine radi­kale Bereinigung dieser Streitfrage noch nicht gekommen ist, einer Streitfrage, die um so unerquicklicher und unfruchtbarer wird, je länger der gegenwärtige Zustand andauert. Regierung, Parteien und Verbände könnten unserem ver­ehrten Reichspräsident zu seinem achtzigsten Ge­burtstag am kommenden Sonntag kein schöneres Geschenk darbringen, als eine gütliche Einigung in der Flaggenftage. Der psychologische Moment ist hierfür der denkbar günstigste. Grade im Hin­blick auf den außergewöhnlichen Festtag, der am 2. Okwber das ganze deutsche Volk mit seinem Staatsoberhaupt eint, tritt in allen Lagern der Wille zutage, den unseligen Zwist über die Symbole des Reichsgedankens zu Ende zu brin­gen. Der Augenblick will genützt sein, nur allzu schnell pflegt eine derart versöhnliche Stimmung im kleinlichen Gezänk des politischen Alltags zu verfliegen. Darum sollte eine entschlossene Hand

noch in diesen Tagen die beiden Gruppen zu­sammenführen, um zumindest die Duldung eines ftiedlichen Nebeneinander beider Flaggen zu er­reichen, solange nicht durch eine Verfassungs­änderung der Flaggenstreit auch gesetzlich aus der Welt geschafft rst. Es wäre dies Sichftnden in gegenseitiger Achtung und Anerkennung ein geringes Zeichen der Liebe und Dankbarkeit, die sich unser Reichspräsident in einem langen Leben voll Treue und Hingabe um das deutsche Volk verdient hat.

Kein verheißungsvollerer Auftakt für die kommende innenpolitische Arbeit lletze sich denken als eine Ausschaltung des Flaggenzwistes. Es ist doch wirklich ausreichend gesorgt für sach­lichere Probleme, an denen politische Heißsporne sich die Köpfe einrennen können. Auch die Par­teien, die heute in der glücklichen Lage sind, Opposition treiben zu können, sollten sich dabei bewußt fein, daß sie in vielleicht nicht allzuferner Zeit einmal genötigt sein werden, ihren An­hängern zu beweisen, 'daß sie es 'besser machen können als die Regierung, der sie eben erst ihre Sünden vvrhielten. Reichskanzler Marx hat in einer feiner letzten Reden das Wort von der sich ihrer Verantwortung be- touBten Opposition aufgegriffen und dabei der äleberzeugung Ausdruck gegeben, daß das deutsche Volk sich auf dem besten Wege zu diesem glück­lichen Zustand einer Ausbalancierung seiner poli­tischen Kräfte befinde. Manche Vorgänge dieses Sommers im engeren wie im großen Vaterland scheinen ihn hierin Lügen zu strafen. Jedoch ein gesunder Optimismus ist der halbe Sieg, und wir wollen gewiß die ersten sein, die der Kanzler an seiner Seite findet, wenn er dem inneren Hader und der Parteienzwietracht Fehde ansagt.