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Telephon 274. I

Der Giehener Femeprozeh.

Lokaltermin in Bad-Nauheim. - Ein neuer Höhepunkt der Beweisaufnahme: Schmidt-Ha!b?chuh" sagt aus.

Fortgang der Zeugenvernehmung.

G i e & e n, 23. März 1921.

Die Nachmittayssitzung.

Zeuge Studienrat Schmidt-Bogel. Frankfurt, gibt Auskunft über Schwing, den er als Lehrer in der Schule unterrichtete Schon als Knabe habe dieser so eine Art ..Glchastl- 6 u b e r e i an sich gehabt und viel phanta­siert. Aach dem Kriege habe er Schwing wie­der getroffen und daoei die gleichen ffigen- schaften bei ihm sestgestellt. Zeuge Lagerverwal­ter Karl Ulrich- Frankfurt Jogi auö. der Bruder Anton deL Angeklagten Schwing habe ihm im Frühjahr vorigen IahreS mitgeteilt, sein Bruder fei ein ..Al ö rd e r". wobei er Aauheim erwähnt habe Ein anonymer Briet habe bann die Polizei auf de Sache hingrwicsen. Aus Einzelheiten kann sich der Zeuge nicht mehr besinnen. Frau Ulrich sagt in gleicher Weise aus: die Sache fei ihr hn Januar vorigen Jahres von dem Bruder An­ton Schwing erzählt worden, wie sie glaubt aus Hast gegen den Bruder, den jetzigen Tlnprflüflicn Anton Schwing hab« chr weiter erzählt, sein Bruder habe Streftmann um- bringen und dafür 20 000 Mk. bekommen sol­len. Zeugin toifi gleich nicht daran geglaubt, sondern alle- für Schwindel gehalten haben. Zeugin Frau K n o b l o ch - Franksurt äußert fid) über das Familienleben in dem Haufe Schwing: die Mutter Schwing» lei lehr stark nervös ge» ttefen Zeuge Dr Klotz. Syndikus in Frank­furt, kennt Schwing feit Ende 1922 und teilt mit. Schwing habe ihm von der Aauheimer Dache Mitteilung gemacht In den Aeihen feiner Or­ganisation so habe Schwing getagt seien häufig Berräter. und die bekämen eine21b- reibunfl. Die D.ernehmung dreht sich dann vor allem um die Frage, ob Schwing zu einer solchenAbreibung" in Aauheim einenAuf­trag" erhalten hat Den AusdruckAuftrag" im Sinne eine« Befehls kann der Zeuge heute nicht ausrechterhalten.Don Heinz habe Schwing öfterAufträge" (Auto-, Eisenbahnfahrten usw./ «halten, aber solche, wie hier in Betracht kom­mend, sicher nicht. Er (Zeuge) glaube nicht, daß Heinz den Schwing zu der Affäre veran- lastt habe. Er halte Schwing auch nicht für fähig au einer solchen Tat. Ais treibende Kraft, tn Frankfurt und auch in Aauheim, sieht der Zeuge Kern an. Äem und Heinz habe er nie zusammen gesehen. Kern kenne er nur flüchtig Heinz etwas besser. Er habe den Eindruck, dast auch Heinz ganz unter dem Einflust de» stärkeren Kern stand

Hierauf wird die Sitzung um 5 llhr abge­brochen. da um 5.42 Uhr die Fahrt nach Aau- 6 ei in 3 um Lokaltermin angetreten werden sott. Weiterverhandlung Donnerstag früh 8 . Uhr

Augenscheinstermin in Bad-Nauheim.

Bad-Aauhcim, 24. MärA.

Der in der gestrigen Derhandlung befchlofsene Augenscheinstermin fand gestern abend (.alt. Währ nd die 2Ingefiagten in der beim Spru- bclbofc gelegenen Polizei wo «che untergebracht wurden, begab sich das Oeticht zunächst in die H u p s e l b - 'S) i e l e und von hier auS au dewi Tatorte, und zwar auf dem Wege, den Ne Angeklagten in der Tatnachl zurüekgclegt hatten. Durch den Sprudelhof und den östlichen Pars kam man zum kleinen und von da zu dem 64 000 Quadratmeter fassenden Drosten Teich, an beffen Ostfeite unter Führung von Ätimlna»- Obertvaib mcifter Schneider man nahe dem äussersten Aordende der grosten Wasserfläche zu der Selle g langte, wo das Taschenruch und die Patronenhülse gesunden worden sind. Don da etwa 100 Meter nach Aorden befindet sich die eigentliche Tatstette am nördlichsten Anglerstand. Die herrliche Teichlandschaft lag bereits im Däm­merlichte. aber es itesten sich noch deutlich di« EntfernungS- und Lageverhältnisse wahrnehmen.

Knm.-Oberwachtmeister Schneider gab noch­mals die bereits in der ^Verhandlung getchilderten Beobachtungen am Morgen nach der Tat bekannt. Der Dorfitzende Landesgerichtsdirektor Grämet richtete verschiedene Anfragen an den Zeugen Wagner der aber in feinen nur knappen Oku« Worten nicht- ReueS auefagle.

Punkt j9 Uhr begann in Gegenwart der Angeklagten v. Salomon und S a) w i n g eine zweite Besichtigung. Der Teich Zeigte nicht mehr die Beleuchtung, die er sonst um diele Stunde bietet. Die Lichter waren zum Teil auS- geschaltet. und so dürfte ungefähr das Beleuch- tungsbild vorhanden gewesen fein, wie eS die Tatnach« zeigte Die An.-;eNagten Schwing und v. Salomon gaben auf Befragen durch Landes- gerichtsdirekior Gramer nähere Auölunft über den Derlauf der Tat. D. Salomon verfechte, am Anglerstand zu veranschaulichen, wie X c r n den Zeugen Wagner, der sich verteidigend krampf­haft an die Brüstung des Standes gelehnt, an seinen Füsten gefaßt und in den Teich geworfen habe. Wagner selbst gab an. an die Dorgänge keine Erinnerungen mehr zu haben Die Der- teibigung stellte einige Fragen zur .Darlegung des Tatbestandes, worauf Lano^zorichtsdirrktor Eramer nach 1 ,stündiger Dauer den Abend­termin schlost

Dritter Tag.

Diesten. 24. März.

Xurä vor S Uhr nimmt die Derhandlung ihren Fortgang.

Zeuge Wemhändler H u p f e 1 d - Bad-Aau^ heim stellt Schwing ein gutes Zeugnis aus. Hebet den Verkehr Schwing» kann er nichts sagen. Hierauf wird Landgerichtsrat Ä c 11 e r Diesten, der als Untersuchungsrichter tätig war. über die Doruntersuchung und die Protokol icrung der damgligen Aussagen de» Angeklagten Schw. vernommen. Zeuge bemerkt, Schwing fei bei der Vernehmung lehr unruhig gerne?n und habe wiederholt gefragt, ob Heinz verhaftet fei und was Heinz über ihn «Schwing) ausgesagt habe. Zeuge hatte den Eindruck, dast Schwing riesi­gen Aespekt vor Heinz hatte. Im übrigen betont der Zeuge, dast er sich von vornherein der Wichtigkeit dieser Sache bewustt gewesen sei und deshalb bet dec Fassung der Protokolle sehr vor- frchtig verfahren habe. DaS in den Protokollen niedergeschrieben stehe, entspreche den eigenen Worten des Angeklagten Schwing in der Vor­untersuchung Die Protokolle halte er aufrecht. Hieraus äusterte sich der Untersuchungsrichter kurz über die Vernehmung Heinz'. Dieser habe viel und auherordentlich gewandt geredet Die Untersuchung sei in gleicher Weife gehandhabt worden. Zu dem Protokoll v. Salomons be­merkt der Untersuchungsrichter, die Worte von der Mordabficht feien angesichts der Wichtigkeit der Bekundung zweifellos von dem Angeklagten fo gemacht worden, wie protokolliert. Er fei auch heute noch der Ausfasfung, dast daS Proto­koll richtig auf genommen worden fei. Ein Mist- verständniS fei jedoch nicht ganz au-gefchloffen

3m Mittelpunkt der heutigen Beweisauf­nahme steht der Zeuge

Schmidt-HaIbschuh".

Unter Aussetzung der Vereidigung wird er vernommen. 25 Jahre alt. von Beruf Schrift­steller. stammt von Wetzlar Gibt zunächst kurze Angaben über seinen Lebenslauf. 1920 kam er nach Frankfurt zu den Eiemens-Schuckerl-Werken als Angestellter. War zunächst im Iungdeutschen Orden im August und September 1920. Damals war Heinz Schriftführer deS Jungdo. Heinz legte dann den Schriftführerposten nieder. Etwas später wurde ein zunächst namenloser Bund gegrünbef. der später den 'BarnenAationale Armee" er­hielt und dann zu einer Deheimorganisation wurde. Aovember 1920 kam Heinz mit Ehrhard in Verbindung. Ein schriftlicher Zemeparcgraph hat

damals nicht bestanden, jedoch wurde getagt, wer Verrat übt weih, was i h m blüht, der muh zum Schweigen gebracht werden. Frühjahr 1921 kam bann der Poleneinfall nach Oberfchlefien, und ich ging dorthin. Zeuge äustert sich nun über Erergniffc in Oberfchlefien. Kain bann nach Wetzlar zurück unb gründete dort im Herbst 1921 eine Ortsgruppe zur Fortfetzung der .Aationale Armee". Von bet Dinmar-Bcfreiung weist ich nichts, damals war ich in Dcnlar Don dem Qiaubeimer Vorfall erfuhr ich erst im Mai- Juni 1922. In ElgerShaufen habe er fid) bann mit Heinz getroffen, der sich kort .Seligmann" nannte unb von ihm dort nicht gekannt fein wollte. 3n den Gesprächen tn SlgerShaufen wurde von der Aauheimer Sache gesprochen, und Heinz sagte dabei, von dem entkommenen Memchen «Wagner) habe man nichts zu furchten, wenn die- (et M H er ihm d'.e Polrzcn

auf den Hals denn biefer Mensch sei ein fran­zösischer Spion Während Heinz da war. weilte ich nur auf einige Stunden in ElgerS­haufen. Ueber KernS Beteiligung ist nicht ge- sprachen worden, von v. Salomon wurde lediglich gesagt, dast er dabei eine Rotte gespielt habe. E'.nz«ffheitcn jedoch nicht erwähnt. Ueber Beteiligung von Schwing wurde dort auch nichts gesprochen Später waren Salomon und ich in Wenlar in einer Jnngdo-Derfammlung im .Grünen Vaub". Hierbei kam das Defpräch auch auf eine Vereinsnabel in Form eine- Heinen Knopfes, die S a 1 o»m o n trug. Dieser habe ae- fagt. die habe er nach der Aauheimer Sache für diese bekommen. Wie damals unsere Cbefinnun^ war. galt eine solche Tat immer als eine be­sondere Leistung, und dafür habe er (Salomon) von Heinz die Aabel erhalten. Zeuge sagt dann über eine polizeiliche Vernehmung in Frank­furt auS.

Der Vorsitzende macht aus dem Protokoll dem Zeugen eine Reihe von Dorhalten, über feine Aussagen zur Aauheimer Sache. Dabei bemerkt der Zeuge- Heinz war längere Zeit in Elgershausen- wenn mal dicke Gufr war, bann ging er nach Elgershausen. Ss werden dann einige Dinge zur Rathenau-Ermordung bespro­chen. In diesem Zusammenhang macht der Zeuge viele wirr durd^eiiiandergreisende Angaben. Ueber (ein Derhältnis zu dem noch vorkommenden Zeugen Wurster sagt Schmidt-Halb- schuh, dast er sich diesem gegenüber nicht un­fair verhalten habe auch anbereu Zeugen ge­genüber habe er sich korrekt verhalten.

Aunmehr kommen Fragen deS Staatsan- waltS an den Zeugen. Dieser lagt hierbei als Antwort aus- Salomon war Mitglied der ..Rationalen Armee", her Gedanke zu dieser Gründung ist von Heinz ausgegangen 3m Ao- bember 1920 ist die . Aationale Armee" an die Orga:i:fafion C ang.schlossen worden. Ob Heinz bei der Ditvnar-Befreiung dabei war kann ich

schwer sagen. 3 n unseren Kreisen wurd viel kolportiert Salomon hat <einerleii selbst zugegeben, dast Heinz in alle Einzelheiten der Aauheimer Sache eingewecht war Der StaatSanwalt bringt nun bas Scheibemann- Attenlat vor unb stellt m diesem Zusammenhang Fragen nach der Teilnahme von Heinz. Zeuge gibt Erklärungen, die auf ein« Beziehung Heinz au den damaligen Attentätern schltesten lassen Mau kehrt dann wieder zu Der Aauheimer Sache zurück Zeuge Jagt weiter 3n dem Verband nationalgesinnter Soldaten bestand mei­ne* Witten» keine Feme, auch im Acudeutfchen Bund nicht In der ..Rationalen Armee", die später als Landesverband Heffen-Aasfau her O. C. galt, war die Sache so wie oben angegeben Da» Ziel der O. C. war der Sturz der Republik.

Der Dorfitzende stellt fest: Am 6. Aug 1926 hat Schmidt in einem Schreiben an da» Polizeipräsidium Berlin Heinz al» Urheber bet Aauheimer Z a t bcAcidmci. der im Ein­vernehmen mit Tillefsen. xem unb Salomon gehandelt habe, und dabei die Verhaftung Heinz verlangt. A n g e l L erklärt hierzu heute, bah es sich habet um eint Kombination gcbanbelt habe. baS damalige Schreiben könne er nicht aufrechterhalten. Wurster habe er in der .Rationalen Armee" kennen gelernt. Aus jugendlichem Tatendrang fei er zur O. C gekommen. Den Anlast zu seinem Auftreten in den Femeprozessen habe er auS dem Drang zur Aufklärung über die Vorgänge in den Organisationen erhalten, weil in verschiedenen Prozessen die Führer freigekommen waren, tnäfi- rcub bie Kleinen verurteilt wurden. Im übrigen werbe man auch ruhiger unb abgeklärter, je mehr man Abstand von den Dingen erhält.

Auf Vorhalt von -RA Qütgebrunc gibt der Zeuge u a. zu, dast er auch am 12. August 1926 bei der Berliner Polizei gewesen ist und ein E » pofS mit der Ueberschriftna­tionale Arme e" überreicht hat Der Der- teibiger fragt weiter. r»b ein Verfahren der Staatsanwaltschaft wegen Mitwifferschaft an dem Scheidemann-Attentat gegen den Zeugen im Dange ist. Der Zeuge antwortet, bah ein Verfahren gegen ihn fchwebe und bah er eine Ladung nach Berlin-Eharlo'.tenburg habe, in welcher Sache, fei ihm noch nicht bekannt.

Zwei interessante Anträge.

RA. Schiink fragt u. e ob der Zeug. Cocain geschnupft habe und dieses heute now schnupfe. Zcugc gibt erstereS zu, will aber feil 1925 nichts n < ,r genommen haben. RA. Schlin ! stettt hierauf ix.i BeweiSantraa, die Sachve, ständigen barub?r zu hören, bah der 3eug- Schmidt intoigc des Tocaingenuffe- unzurechnungsfähig fei.

Der Staats anwalt beantragt hieran die Sachverständigen auch über bie geistige Z u rechnungSfähigkeit deS Heinz zu höre, da Schwing in einer früheren Unterredung seil", geraten habe. Heinz nicht inS Desängnis - schicken, fondern auf seinen DeisteSzustand unter suchen au lassen.

Ueber diese Anträge wird heute nachmittag entschieden. GS folgt die Mittagspause.