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Nr. 70 Zweites Blatt

Tiehener Anzeiger (General-Anzeiger für Tberhesien)

Donnerstag, 24. Mär; 1927

Der Kampf um die höheren Schulen. Don Oberftubienbircftor Dr. Keller. M k> L,

Büdingen

Es enlbehtt nicht eine- gewissen Reizes zu beobachten, wie sich seit der groben Umstellung bon 1918 zwar alle möglichen Kräfte zum Kampfe gegen die höheren Schulen zusammengefunden und in Ausnutzung des Zeitgeistes diesen das Dasein erschwert haben, wie aber trotzdem In derselben Zeitspanne in ganz Deutschland alle Bildungsanstalten, die mehr als Dolksschulbil- bung erstreben, an Zahl wie an Besuchern zu- nchmen. Die Dorschule wurde geschlossen, die Grundschule von jeder Rücksichtnahme auf Heber» tretende entbunden, die Gesamtfchulzeit für die grobe Mehrheit aus 13 Jahre verlängert' gleich­zeitig wurde im Widerspruch mit den Grund­sätzen des Dolksstaales das Schulgeld wieder und wieder in die Höhe geschraubt, obgleich der Mittelstand sein S)ab und Gut im Abgrund der Inflation eingebüht bat; endlich luchten an vielen Plätzen die neueröffneten .Klassen mit erwei­terten Lehrzielen" in eine Art Wettbewerb mit den sogenannten .Standesschulen" zu treten. Und bas Ergebnis? Bis zum Hereinwachsen der schwachen Deburtenjahrgängo der Kriegszeit eine starke Schülervermehrung, seitdem tm Gegen­satz zu dem Ziffernabsturz in der Volksschule! nur eine kaum merkliche Senkung. Dazu eine zweite Merkwürdigkeit: Gerade an Plätzen, wo Parteiführer eine ausschlaggebende Rolle spielen, die grundsätzlich (Sozialdemokraten) oder aus Sparsamkeitsgründen (Landbund) den Abbau höherer Schulen betreiben, erweitert man die vorhandenen; Michelstadt schafft sich eine Ober- realschule, 03übel eine Realschule. Friedberg setzt mit Zustimmung des 'Beigeordneten Leuchtgens der Augustinerschule reale Primen auf. Fragt man nach den tieferen Ursachen einer so auf­fallenden Entwicklung, so wird man nicht einzelne Zufälligkeiten heranziehen dürfen, weil sich ja überall bas gleiche Bild zeigt, sondern wird zugeben müssen, daß dieser starken 'S a seinSbehauptung eine ebenso starke Daseinsberechtigung zugrunde 11 egt.

Die Eltern, die meist unter schweren Opfern ihre Kinder $ur höheren Schule schicken, wissen, warum sie dteS tun, und jeder, der von einer Lieberfüllung Deutlchlairds und besonders Hesseirs mit derartigen Anstalten spricht, sollte sich zunächst einmal darüber llar werden, daß wir nicht etwa mehr höhere Schulen haben, als wir brauchen, sondern daß wir (und zwar gerade in den letzten Jahren) alles ge­tan haben, um den Bedarf an solchen ungeheuer zu vermehren. Denn daS ist eines der wtderspruchvollsten Dinge im neuen Staate, daß er ptoar zunächst die berühmte .freie Bahn" proklamierte, dann aber daS oft bekrit­telte Berechtigungswesen nicht ein- schränkte, sondern mit sichtlicher Liebe ausbaute. Und solange fast jede Beamtenlaufbahn, solange die Anwartschaft aus einen Lehrlingsposten in einer Grobbank oder in der Schreibstube einer Fabrik an das Reif«eugnis oder mindestens an den Nachweis der Primareise geknüpft ist. daS .Einjährigenzeugnis" zieht nirgends mehrl solange wird man auch an jedem nicht ganz Heinen Orte das Bedürfnis nach der Schule haben, die jene Derechtiaungen verleiht, und es wird ihr nicht an Besuchern fehlen. Dabei kann man an der berechtigten Forderung des Klein­städters. auch seine Belange zu befriedigen, nicht vorübergehen, nachdem für diesen das Aufbringen der Kosten deS Verschickens seiner Söhne unmög­lich geworden ist; so tritt eine Dezentralisation ein, die aber keine Aufblähung zu sein braucht und gerade so wenig eine Verteuerung. Wir dürfen dabei auch nicht vergessen, dah die De- rufsergreifung der Mädchen, erzwungen durch all die grausamen Auswirkungen des Krieges, an die gleichen Berechtigungen gebunden ist wie die der Kunden; kein Wunder deshalb, dab der weibliche Anteil an der Schülerschaft der höheren Schulen ständig wächst.

3m einzelnen wird die folgende Zusammen­stellung. die keinen Anspruch auf Lückenlosigkeit

macht, einigermaßen beweiskräftig fein Vor 25 wahren besah Hessen nach Ausweis des .Statistischen Handbuchs" von 1903 11 Gnmnasien, 3 Realgvmnasien. 4 Oberrealschulen und 12 Real­schulen, zusammen 30 höhere Knabenschulen. Heute haben wir (bei Zerlegung der Doppelanstalten) 10 Gymnasien. 3 Realgymnasien. 17 Oberreal­schulen und 11 Realschulen «dazu 5 .in Entwick­lung" ). Das wären 41 bzw. 46. allo eine Steige­rung um rund 50 Prozent Die Schülerzahl st.eg in Der gleichen Zeit von 8500 auf 13 450. das sind aber 58 Prozent mehr womit zunächst be­wiesen sein dürfte, dah bas 'Bedürfnis für 46 höhere Knabenschulen heute nicht geringer ist als srüher für 30. Aber die Gegner bestreiten ja weniger die Srequenx. als dah sie behaupten, das Bedürfnis sei erst durch die Schulen künst­lich geweckt worden. Hierzu ist folgendes zu lagen: Dor einem Menschenalter brauchte das .Matururn" der Pfarrer. Rechtsgelehrte. Arzt. Oberförster und Oberlehrer. Wer es sonst er­warb. tat eS aus Bildungsbedürfnis, meinet­wegen zum Vergnügen. Schon bei dem Besucher der Technischen Hochschule war es entbehrlich, im übrigen bestaunte Ausnahme. Lind heute? Aus der Llniverlität sind der Gfjentifcr. der Pharmazeut, der Veterinär, der Zahnhellkundige, der Landwirtschaftler dazugekommen, die Tech­nische Hochschule (und eine Reihe anderer) im­matrikulieren nur Abiturienten. die 3ndustrie bevorzugt diese fast überall, und der grobe Stand der DolkSschullehrer ergänzt sich nur auS ihnen. Muh man erst die Berufe einzeln nennen, für die Primareife nötig ist? Man aerät ja fast in Versuchung, die andern auszuzäylen. die ihrer entbehren können: Daraus aber scheint mir doch der Mühe wert zu fein hinzuweisen, dah d i e Gesamtzahl der (evangelischen. katho­lischen und israelitischen) Geistlichen, der Juristen (einschließlich der Anwälte), der Mediziner samt Tierärzten und Zahnärzten, endlich der Philologen im weitesten Sinne nicht so grob i st w i e die der DolkSschullehrer allein, und daß künftig einzig der Ersah dieser einen Gruppe mindestens bie Abiturienten von zehn hessischen Dollanstalten benötigt, wenn kein Man­gel einlreten soll, sobald der augenblickliche, nicht ganz normale Zustand überwunden ist. Wer also hier und in anderen CBerufen die Anforderungen erhöht hat mub nun auch die Folgen tragen helfen, und er kann das um so leichter als die finanzielle "Belattung des Landes durch die höhe­ren Schulen nicht entfernt die Rolle spielt, die man ihr mit Vorliebe andichtet

Das hessische Bildungswesen im ganzen kommt dem Staat reichlich teuer, wer wollte das leug­nen? Zahlen habe ich bei anderer Gelegenheit genannt. Vergleiche mit Rachbarstaaten sind nicht leicht, weil die Kostenverteilung auf Land und ®emcintc*n dort anders ist. 'Beschränken wir jedoch diesen Vergleich auf Helsen selber, und stellen wir dort Dolks- und höhere Schulen ge­genüber, so zeigt sich zwar natürllch, dab der unfaffe der letzteren an sich gröbere Kosten macht, vor allem schon deshalb, well bei weit gröberer Wochenstundenzahl auf die Klasse statt eines LehrerS eineinhalb kommen, dab aber der Staat nicht mehr auf den Kops verausgabt als in der Volksschule auch. Das übrige tragen die Eltern in Gestalt des Schul­gelds und tragen die Gemeinden, die sich die­ser Aufgabe nicht versagen, weil sie die Olot- wendigkeit einsehen und neben den unwägbaren auch ganz reale, greifbare Vorteile dabei sehen. Man versuche nur, einer Kleinstadt ihre Real­schule oder Dgl. zu nehmen,die sie doch nur Geld kostet", und man wird sehen, das; auch bic Masse der Bevölkerung, die -sonst ohne Be­sinnen auf dieStanbesschule" oder auf den Bllbungssimmel" mitschilt, plötzlich die heimische Anstalt für eine unentbehrliche Einrichtung der Stadt ansieht. Für den Staat aber liegt bic Sache jedenfalls so, dah er bei Zerschlagung der höheren Schulen keine Ersparnisse machen würde, weil seine Dolksschulauswendungen entsprechend wüchsen, wenn die Schüler dahin zurückströmten. Sine ober die andere kleine Anstalt mag schlechterrentieren", aber das gilt für kleine Volksschulen auch und erlaubt nicht,

(Siebener Stadttheater.

Mar Halbe:Jugend".

Als vor zwei Zähren der Dichter Mar Halbe aus Güttland im Westpreußischen das sechste Lebensjahrzehnt vollendete, da wußten ihm viele deutsche Bühnen kein Geschenk darzubringen. daS feiner und sinnvoller den Alternden gegrübt hätte, als dieses Liebesdrama, das (1893) unter seine frühesten Stücke zählt, daS feinen ersten stürmischen Sieg auf dem Theater bedeutet, und das man wohl auch dem Siebzigjährigen noch akS schönste Gabe durbringen mag, well es fo jung ist so wundervoll jugendlich und ganz mit dem Harzen ge>chriebcn.

Damit ist eigentlich schon das Beste gesagt, waS man von dem Stück sagen kann. Der warme Hauch echter, durchkosteter 3ugcnö, der Liebes- und Menschenfrühling der Pfarrhausgeschichte weht auch heute noch, nach über 30 Jahren so herzbewegend zu unS herein, dab man mit- schwingeill) vergessen mochte, über die Rotwendig­keiten .die Bindungen und Losungen des Dramas zu grübeln, und über den unbedingten Realis­mus. der eine Mitgift seiner Zeit ist. Wenigstens solange der Vorhang den Blick freigibt, schiebt man immer wieder die traurig stimmende Frage nach dem Woher und Wohin dieses Schicksals von sich, das mit dunllen Flügelschlägen soviel glückselige. frühlingStrunkene Menschenjugend tödlich beschatt«.

Jugend das ist: lachendes, überlegenes Rückschauen in durchllttene. innen und außen vergitterte Enge der Kinderwelt, das ist jubelndes Sichverströmen in die Freiheit, in die köstliche Llngebundenheit einer lockenden Zukunft. GlückS- gewißheit und himmelstürmende Zuverltcht, arme- breit enber Wille zum Leben, zum Schaffen, zum Kommenden. Jugend bas ist: Auflehnung gegen verknöcherte, engherzige hartstirnige Welt­anschauungen unb die unbedenkliche Hingabe an die kleinen Stunden eineS groben Glücks und einer großen Leidenschaft, ohne Besinnen, was nachher geschehen wird. Jugend ist aber auch Linerfahrenheit. Unreife, Unklarheit vor dem »Tor zur Welt" unb eine kampfungeübte, erschütternde Hilflosigkeit vor dunklen und unbegreiflichen Qlot- wendigkeiten, vor den Fügungen eines Geschicks,

die den stumpfen unb aufreizenden Ramen blinden Zufall- tragen.

So sind die jungen Menschen hier in diesem Liebesbrama; und weil sie so sind, fo natürlich gewachsen, deshalb ist uns dieses alte Stück auch heute noch etwas wert, deshalb stellt sich unser Herz so unbedingt auf ihre Seite, darum erleben wir das Glück und Ende ihrer kurzen Geschichte mit dem gleichen stillen Verstehen und dem gleichen Mtlleid, wie jene Kindertragödie vom »Frühlings Erwachen".

Und darum verschiebt man auch die mancher­lei Fragen, von denen oben gesprochen wurde, bis auf den Heimweg, unb man sträubt sich eigentlich bagegen, abermals gegen bas Stück unb seinen Schöpser vorzubringen unb zu toieber- ijolen. was längst gesagt unb dem nüchternen Blick nicht verborgen geblieben ist. Wir möchten uns nicht die schroffen Worte Waller Harlans (in seiner noch heute lesenswerten »Schule des Lustspiels") zu eigen machen, der mit einem Seitenblick auf die .Jugend" bemerkt hat. Halbe lasse gelegentlich die ihm unbequemen Ueberleben- ben seiner Stücke durch den Flintenschuß eines armen Blödsinnigen aus dem Wege räumen; aber es ist richtig, dah sich in diesem Schauspiel manche Züge einer uns heute kaum noch zu­gänglichen Sch'.cksalsbramatll (im ersten und be­sonders im dritten Akt) aufweisen lassen, die die echte Tragödie ausschließen. Man wird vo« einem kritischen Referat verlangen müssen, dah es der­gleichen nicht ganz verschweigt; es ist aber merk­würdig und vielleicht bewundernswert, dah die handelnden Personen in solchem Stück außer­halb der Bindungen, in die sie der Wille ihres Schöpfers nun einmal hineingestellt hat eben doch sehr menschliche unb uns verwandt« Züge tragen.

Die Aufführung, die Paul Schubert lei­tete, war einfach unb unaufdringlich, wie sie hier fein soll; mit Gefühl für ben Herzstrom unb bie innere Melobic ber einfachen Szenen. Am besten geriet, wie wohl immer bei biesem Stück, ber Mittelakt, obschon vielleicht nicht alles in den schwebenben unb schwankenden Stimmun­gen dieses dichterisch wertvollsten Teiles im Ganzen herauSkam. In anberen Partien hätte das Zusammenspiel loderet unb flüssiger fein dürfen; ber Dialog bringt so viel Gegensatz, Wechsel, Abbiegung unb Umschwung, was alles

geschichtllch Der ankerte- leichten Herzen- zunichte zu machen, um winzige Ersparnisse zu erzielen. Beträgt doch ber StaarSzuschuß für sämtliche 16 Realschulen säst 100 003 Mark weniger alS für die vier Aufdauschulcn. die nicht den vierten Teil fo viel Schüler haben!

Für die Simultanschule.

Darmstadt, 17. März Der Lande-- schulau-schuß der Deutschen DolkS- Partei, Landesverband Hessen, faßte einstim­mig eine Entschließung, in der es beiß' Der LandesschulauSschuh ber Deutschen Volks- Partei betrachtet die auf der Grundlage religiös- sittlicher und vaterländischer Bildung ruhende ge­meinsame Schule (»S i m u 1 t a n s ch u 1 e"). wie sie Hessen seit 1874 alS Regelschule besitzt, nach wie vor alS die beste Form deutscher Jugenderziehung, in der Voraussetzung, daß das Gemeinschaftliche unlerer deut­schen. christlichen Kulturentwicklung, da» Eini­gende im Geistesleben unseres Volkes, stet- von den Lehrern und der Schulaufsicht-behörbe in den Vordergrund des DesinnungSunter- richtS gestellt wird. Die Bekenntnisschule lehnt er ebenso ab wie die bekenntnisfreie (.toeit- liche"). An die hessischen Vertreter der Panei in den Parlamenten wie im ReichSschulauSschuh richtet der LandesschulauSschuh die dringende Forderung, mit allen Mitteln für bie De i - be Haltung ber staatlichen Gemein­schaftsschule mit bekennt niSmäßi- gem Religionsunterricht, wo sie bis­her bestanben hat, unter Hinweis auf § 174 ber Reichsverfassung einzutreten unb zu diesem Zwecke mit den gleichgesinnten Parteisreunden Badens und Rassaus Fühlung zu nehmen.

Das Bekenntnis zum Liberalismus.

Die Tagung des Zentralvorstandes ber Deutschen Dolkspartet in Hannover hatte von Anfang an wohl mehr formellen Charakter gehabt, sie war im wesentlichen wohl gedacht als ber Rahmen für bie Erinnerungsfeier an ben 60jährigen Griinbungstag ber Rationalliberalen Partei, beren Erbe von ber Deutschen DolkS- pariei nach ber Revolution übernommen würbe. Tatsächlich scheint denn auch im Zentraloorstand selbst alles in schönster Einmütigkeit verlaufen zu sein. Der Reichsaußenminister konnte über bic Genfer Tagung berichten, beren Ausgang zwar unbefriebigenb war; aber bic Verantwortung ba- für trifft nicht ihn, fonbern die europäische Kon­stellation, unb bet eine Mißerfolg kann auch nichts daran ändern, daß bic Politik, die Dr. Strefemann in ben letzten dreieinhalb Jahren ver­folgt hat, richtig gewesen ist. DaS beweist die Räumung ber Ruhr, baS beweist auch bic Räu­mung ber ersten Zone. Lieber das Tempo ber weiteren Entwicklung wirb freilich er so wenig sagen können, wie ein anderer, weil dafür Be­dingungen maßgebend sind, die von rms nur ist bescheidenem Maße beeinflußt werden können. Da auch in ber inneren Politik alle- im Fluh ist. blieb für den Zcntralvorstand eigentlich nur das Grundsätzliche, unb da- ist in dem Bekennt­nis zum Liberalismus enthalten bad wie eine Fanfare auS der 'Tagung herausllang

Dassermann hat einmal daS Prog amm ber Rationalliberalen Partei in bie drei Schlag- Worte zusarnrnengefaht; national denken, li­beral fühlen und sozial handeln. Gr hat daS gesagt in einer Zeit, als die Rationalllbcrale Partei bic zweite Hälfte ihres Rarncns bei­nahe vergessen hatte. Die Kariellpolitik. bic aus­gangs ber achtziger Iahte zur Sicherung ber Hecrcsvorlage Rationalliberalc unb Konservative zusammenführte. hatte die vicleicht unvermeidliche Folge gehabt, dah bie Rationalliberalen stark nach rechts gingen unb darüber ihren Liberalis­mus vergaben. Sehr Aum Schaden ber ganzen Bewegung, die durch Absplitterungen nach l'nks sich um die eigene Machtposition brachte.

Dah nach der Revolution der nationale Ge­danke im Vordergrund stand unb alles andere verdrängte, war nur eine Selbstverständlichkeit. Um die innere Einrichtung unseres HauseS uns

zu kümmern, hatten wir solange keine Zeit, bi# es sestftand. daß da# Hau# über unS nicht zu­sammen stürzte. Soweit sind trxr deute wohl. Die Gefahr eine# AuSeinanverfallens de» Reiches ist glücklich überwunden, wir können jetzt lang­sam daran denken. cS wieder wohnlich einzurich­ten. unb da ift e# eigentlich nur eine Selbstver­ständlichkeit. dah die Deutsche VollSparici sich auf ihr großes Grtx besinnt. Die Parteibildungen nach ber Revolution waren mehr zufällig, die Unterschiede zumal zwischen den Deutschnationalen und der Deutschen Vollspartei lagen mehr in den Persönlichkeiten als m b in Programm Man w.rb vielleicht sogar sagen dürfen, daß die Umgrup­pierung der Parteien sich noch nicht endgültig vollzogen hat. Zwar. waS zunächst zu den Demo­kraten gegangen ist. weil es von dort daS neue Hell erhoffte, ift längst wieder zurückgekehrt; die Scheidung ber Deister zwischen ber Demo­kratischen Partei und der Deutschen VoikSpariei gebt fast genau auf der Linie, wo ehemals der Strich zwischen ben Ratumalltberalen unb ben Freisinnigen lief. Rach rechts bin aber verrott chen sich noch die Grenzen. Taufende unb Abertausend.» ehemalige Rationalliberale sind heute noch bei den Deutschnationalen zu Haüse, auch für sie wird der Augenblick kommen, wo sie s»ch über ihren wetteren Weg llar werben müssen.

Die Deutsche DollSpartei hat sich ehrlich Mühe gegeben um den Ausgleich der Gegensätze zwischen ben Deutschnationalen unb dem Zentrum, ihr ist bas Verdienst an dem Zustandekommen der gegenwärtigen Koalition in erster Linie zuzu- schreiben. Sie ist sich aber vielleicht nicht immer klar darüber gewesen, dah sie dabei sehr leicht zwischen bic Mahlsteine dieser beiden großen Parteien kommen kann. Um so notwendiger ist cs. daß sic aus reinem Selbsterhaltungstrieb heraus jetzt daS liberale Programm mehr in den Vordergrund geschoben hat. Wenn sie im neuen Deutschland ihre Stellung behaupten will, bann muh sie die Partei des liberalen Bürgertum S werden, die sie früher war AuS diesem Grund- zug ihre- Wesen- heraus hat sie ihre unver­gänglichen Verdienste um Die Reichsgründung sich ertoorben. bic ihr von link- her ein Mann wie Raumaim unb jetzt von rechts her ein Mann wie ber Innenminister v. Kcudell bescheinig! haben. Zu biesem Ausgangspunkt muß sic wieder zurückkehren. Unb es scheint ja so, alS wenn bei Kampf um bic Ausgestaltung der Schule, der jetzt einsetzt. ihr Gelegenheit genug geben wird, ihren Liberalismus auch praktisch zu betätigen

Amtsgericht Giehen.

Gießen. 17. März 1927.

Sin hiesiger Geschäftsmann A hatte am Tage vor Weihnachten eine Einnahme von mehreren hundert Mark. Am Abend zählte er dao Gelb zweimal genau nach und übergab cS bann feiner Frau, die cS. ohne eS noch einmal zu zählen, in die Schublade eines Vertiko- legte, ohne sie zu verschließen. Zur Bescherung kam eine be­freundete Familie X., Mann, Frau unb Söhnchen. au ihnen. Rach ihrem Weggang zählte Frau 2L baS Geld nach und stellte fest, daß nW mehr so viel Siibergeld vorhanden war als vorher. Sic teilte die- ihrem Manne mit, der erflärtc, cS feien ursprünglich etwa 14 Mark da gewesen, während jetzt nur noch 2 Mark vorhanden waren. AIS dann Frau A angab T. sei. alS er tm Rebenzimmer. in dem der Vertiko stand. Gram­mophonnadeln holen sollte, an der Schublade gewesen, sie habe cS ganz genau gehört, kamen beide zu der Ucberzeugung. T. habe bei dieser Gelegenheit das Geld toeggenom- men. A. legte daraus daS restliche Gelb, ohne cs nachzuzählen, in eine eiserne Kassette, die er verschloß Mit Rücksicht auf den vermeintlich geringfügigen Betrag, ber fehlte, beschloß A, die Sache mit Stillschweigen zu übergehen unb das Verhältnis zu T. nach und nach zu lösen. Aus demselben Grunde machte er auch bie Ein­ladung deS X. zu einer Fahrt nach einem be­nachbarten Dorfe nicht rückgängig, telephonierte ihm vielmehr am nächsten Tage, er möge zu ihm kommen. T. kam auch. A. will nun. als er auf einen telephonischen Anruf in seinen Laden gegangen war, gehört haben, wie T. sich wie­derum an der SHuhlade des Vertikos zu schaf­

aufgefangen, ineinander gefügt unb bem Rampen­licht unb Souffleurkasten so weit wie möglich ent­rückt werben muß.

3m Mittelpunkt deS Abenbs stand die lieb­liche unb rührende Iunamädchengcstalt der 3nge- borg Scherer; man hätte ihr kaum eine bes­sere Aufgabe geben können. Ihr Annchen, eine auf blüh ende Menschenblume zwischen unberührter Kindhastigkeit unb frauenhafter Reife, blieb der lebendigste unb stärkste Eindruck des AbendS. Don ber unbekümmerten Ratürlichkett au An­fang. der glüdjtrtembcn Erwartung kommen­der Seligkeit, bis zu der trostlosen Verzweif­lung zuletzt, wenn sie ihr rosenrotes Eintags­glück zertreten sieht, fand sie all die feinen und echten Gefühls töne, bie ihre Rolle immer noch dankbar und liebenswert machen. Eisig spielte den jungen Studenten, das .Hänschen", mit bem knabenhaften Ueberschwang unb der hilflosen Verwirrung eineS ersten großen Erlebnisse-: manches Hang ein wenig gepreßt unb nicht so recht von innen herauS; tm ganzen war die nicht einfache Rtllle sorgsam angelegt. Den Pfarrer Hoppe umgab Schubert mit der milden, ver­ständnisvollen und ein wenig jovialen Mensch­lichkeit. die sich so wohltueich von ber kalten, engherzigen Schärfe deS polnischen KapIanS ab­hebt; Hanke spielte ihn als starren und fin­steren Eiferer mit östlichen Akzenten. ® e c r - hart holte aus ber unglücklichen und etwas peinlichen Eharge bcS Amandus baS Möglichste heraus.

SS gab lebhaften Beifall.

Dr. Th

Der Mann, -er sich selbst verlor.

Don Gustav W. Eberlein.

Turin, im März 1927.

Schon wieder suchen sechs Personen einen Autor. Aber nicht Pirandello. einen anderen, begabteren, phantaliereicheren Autor. Pirandello ist ein Stümper, Pirandello hat eine mangelhafte Erfindungsgabe. Weitaus grotesker, verrückter, unwirklicher erscheint ber Dichter namens Vita: bas Leben.

Der Modeautor Pirandello hat einmal eine Komödie geschrieben: Cosi e, sc vi parc. das heißt: Es ist so. wenn cs euch so scheint, und

bann kommt ein Verrückter vor. dec vielleicht nicht verrückt ist. eS aber sein könnte, weshalb man nicht recht weiß, ob er tot ouyr lebendig ist. ober vielmehr sie: denn der Verrückte ist die Heldin, ob sic tpirllich sie oder eine andere ober nur ein Produkt ber Phantasie anderer ist. Unb nun ist diese unwahrscheinliche Geschichte wahr geworden, ja, man konnte geradezu von einem skandalösen Plagiat des Autors Vita sprechen, wenn ber Autor nicht auf die Bretter verzichtet hätte, die die Welt bedeuten, während die Welt selber daS bessere Theater ist.

Aber schauen wir uns bas wunderliche Stück an.

Professor Diulio Eanella. StminarbirHtor. Professor Renzo Eanella, sein Bruder.

Mario Brunen. Buchdrucker und Verba ndS- fefretär.

Rosa Druneri. seine Frau.

Professor Rivano. Streitor der Irrenanstalt. Polizellommissär Dr. Finucci.

Ort ber Handlung: Zwischen Turin und Verona. Zett: Wie es euch gefällt.

Erster 2 k t. Morgengrauen über dem jüdi­schen Friedhof von Turin. Der Friedhof-Wächter gewahrt einen Mann, ber eine Bronzenme um» Lammert hält und in dieser verfänglichen Lage einaeschlasen zu fein scheint. Ha. ber lang ge­suchte Grab schändet, ber Mann, der sich von dem Diebstahl der Dvtivlampen unb Kupfervasen er­nährt! Verhaftung. Polizei. Der Polizeikom- missär schaut dem unheimlich ruhigen Kerl, bei sogar lächelt, tief in die Augen: Rein, bas ist kein gewöhnlicher Dieb, ein armer Geisteskranker vermutlich. Heißen? Keine Antwort. Woher deS WeaS? Der Mann lächelt. Papiere, Lebenslauf. Vergangenheit? RichtS. Er weiß von nichts. Schlimmer: et hat, wie irgend ein Zerstreuter seinen Reaenschirm. so sich selbst vergessen.

Einlieferung ins Irrenhaus von Eollegno zur Beobachtung. Ein Cater Fall von Amnesie Der Mann, ber fein Gedächtnis verlor Also muß man für ihn feine Vergangenheit suchen, feine Familie. Sein Bild erscheint in ben Zei­tungen. Wer ist's? Und die Poft bringt einen Haufen Briefe nach dem andern, Photographien zum Dergleichen, jäh aufflammenbe Hoffnungen,