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Ht. 46 Zweites Blatt - - Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, 24. Zedruar 1927

Der Reichshaushalt 1927.

Don Prof. Dr. Bredt, M. d.R.

Die diesjährigen Etatsberatungen im Reichs­tage standen in einem ganz besonderen Zeichen. Es ergab sich der seltene Fall, das, eine Regie- rung in dem Augenblick die Geschäfte übernahm in dem der Trat von der z u r ü ck ge t re t e nenRegierung s e r t i g g e ft e l l t war. Ge­rade die Panei, in deren Händen da- Finanz Ministerium gelegen hatte, war nunmehr au- der Regierung auSgesch.eden und die Parier, welche bi- ba in staNer Opposition gestanden hatte, war nunmehr di« stärkste in der neuen Koalition. So ergab sich daS merkwürdige Dilb. bah der vorgelegte Etat keineswegs vonallenRe- gierungSparteien vertreten wurde, bah er aber b!S zu einem gewissen Grade ver- lerdigt wurde von den Parteisreunden des auS- geschiedenen FinanzministerS Reinhold.

Die Rede des neuen FinanzministerS Köh­ler war auch in diesem Sinne gehalten. Keines­wegs legte der Minister den Stak vor al- sein eigene- Werk, sondern er hob in erster Linie sein« Bedenken gegen den Etat hervor. Es ist wohl noch niemals vorgekommen, daß ein Finanzminister m dieser Weise selbst den vor- gelegten Etat kritisiert und beurteilt hat. wie eS hier geschehen ist. Mit vollem Rechte aber hat der Minister im Reichstage eilten guten Widerhall gefunden, denn seine Bedenken waren leider nur aU-u richtig Es ist sogar die groß« Frage, ob sein« Beurteilung nicht noch zu günstig ge­wesen ist.

Das Jahr 1926 hat finanziell unter einem ganz besonder- günstigen Stern gestanden, denn es standen austergewöbnliche Reserven zur Dersügung. Der Finanzminlster Reinhold über­nahm von seinem Amt-vorgänger v. Schlieben zunächst einen ausgespeichcrlen Ueberfchuß von rund einer halben Milliarde Mark. Auster» dem war au- der Ausprägung von Silber- und Kupfermünzen noch der letzte mögliche Gewinn Aur Dersügung (Schlagschay). endlich kamen lene Rachzahlungen der Vermögenssteuer für 1925 und 1926, mit denen man im Dolke gar nicht gerechnet hatte und die manchen Haus­halt In dieser Zeit in schwierige Lage gebracht haben. Mit diesen Mitteln konnte man 1926 den grosten finanziellen Anforderungen gerecht werden. Für das Jahr 1927 muhten andere Deckung-mittel gesucht werden und nur der ous- aesproä.en groste Optimi-mus deS Finanzmini­ster- Reinhold hat hier wohl eine Möglichkeit zur Dalanzierung gesehen.

Der jetzt vorgelegte Etat bringt Mchraus- ?I a b e n so gut tote in jedem einzelnen Etat. Dazu ommen die La st en aus dem Dawes- Abkommen. die jetzt in voller Stärke sich auszuwirken beginnen. In den nächsten Jahren werden wir mit immer höheren Lasten aus diesem Abkommen zu rechnen haben, so dast schon aus diesem Grunde mit einem weiteren Anwachsen des Etat- zu rechnen ist. Außerdem aber trägt ossenkundig der eigentliche innere deutsche Etat die Tendenz zum Anwachsen in sich, wie sich aus dem ganzen Aufbau uns insbesondere der Begründung ergibt. Es muh daher frühzeitig gefragt werden, ob wir ebenso mit einem An­wachsen der Einnahmen rechnen können.

3m Etat für 1927 ist die Balance kurzerhand hergestcllt worden dadurch, dost die Einnahmen au« Steuern höher geschäht worden sind. Die direkten Steuern Einkommensteuer. Ver­mögenssteuer und ähnliche sind kurzerhand um 627 Millionen Mark höher geschätzt worden, ohne dah ein Grund dafür ersichtlich ist. Umgekehrt find einige Steuerarten, insbesondere die Um­satzsteuer. im ganzen um 93 Millionen niedriger geschäht worden, so dast also ein Mehr von 534 Millionen herauslommt. Zölle und Ver­brauchssteuern sind um 533 Millionen höher ge­schäht worden und eS ist kein Zweifel, dast auch diese Schätzung keine bestimmten Unterlagen hat. Bemerkenswert ist die Höherschähung der Bier- steuer um 100 Millionen.

Run hat der R e i ch s r a t noch weitere 128 Millionen Ausgaben mehr eingesetzt und diese Mehrausgabe wiederum gedeckt durch Höherschähung der Steuern. Hier hat sogar die Reichsrcgierung Einspruch erhoben. Bezeichnend für die ganze Art der Schätzung ist dabei fol­gende Einzelheit. In einer Vorlage zum Finanz­ausgleich sagt die Regierung, dast für 1927 bestenfalls mit einem Ertrage der Umsatzsteuer von 836 Millionen gerechnet werden könne. Die Regierung selbst hat aber die Umsatzsteuer mit 900 Millionen in den Etat eingesetzt und der ReichSrat hat d.ese Echäyung noch aus 930 Mil­lionen erhöht. Man kann daraus ungefähr auf die Bedeutung der übrigen Höherschätzungen schließen

I Run kommt noch etwas weiteres hinzu. 3m ?- / 1^2° waren 40? Millionen notwendig für Erwerbslosensürsorg« und für 1927 wird mit noch höheren Beträgen gerechnet. Ss find ober nur 50 M.llionen in den Etat eingesetzt. DaS übrige hosft man zu decken auS der neuen Arbeitslosenversicherung, für deren Ausstattung 200 Millionen eingesetzt sind, die Summe dient aber auch noch anderen Zwecken. Sa nun aber die Arbeitslosenversicherung besten- fall- 1927 in Gang gebracht werden kann und ! bestimmt noch nicht über eigene Reserven verfügt, kann sie höchsten- dadurch di« Beiträge auf- bringen, dast sie «ine Aeichoanleihe dafür -ur Verfügung bekommt. Ob nun aber die Bei- träge auS dem Etat gedeckt werden oder auS einer Anleihe, bedeutet Im Endersolge keinen Unterschied. ES fehlen für die Crwerbslo'en- sürsorge auf alle Fälle mehrere hundert Mil­lionen Mark.

Alles da- sind trübe Aussichten und der Finanzminifter hat aus seiner Besorgnis keinen Hehl gemacht. Irgendein AuSweg ist auch noch nicht ersichtlich, wenn es nicht gelingt, durch ganz gewaltige Abstriche den Etat in die Balance zu bringen. Doch weitere neue Steuern sind für da- deutsche Doll untragbar. Genau so untragbar ist es aber, wenn etwa durch noch schärfere Veranlagung im Rahmen der bisherigen .Steuern auS dem Volke herausgczogen werden soll. Ucberhaupt sind nur ganz bestimmte Steuer­orlen heute beweglich, und zwar für die Finanz» bcbütlniffc der Länder und Gemeinden, nämlich die Gewerbesteuer und die Grundsteuer. Dast dieser aber einer Steigerung nicht mehr fähig sind, ist allmählich zur Genüge bekannt.

Alles das ist im Reichstage offen aus» gcsprochcn worden. Ramentlich die nunmehrigen Regierungsparteien haben keinen Versuch ge» macht, hier die Lage zu verschleiern. Die Sozial­demokratie hat den Hebel in erster Linie an­gesetzt beim Wehretat. aber hier weniger au- finanziellen, als aus allgemein > politischen Grün­den. 3m übrigen ist der Wehretat auch garnidjt so groß, dast man bei ihm die erforderlichen Streichungen in genügender Höhe vornehmen könnte. Wie nun die Dinge sich gestalten werden, ist einstweilen noch kaum zu übersehen. ES steht nur fest, dast Deutschland sich kaum jemals in einer so schwierigen Lage befunden hat. Und das schlimmste ist das Verhältnis zum A u s l a n d e, das immer noch glaubt, aus Deutschland die Summen des Dawes-Ab­kommens ohne Schwierigkeiten herausholen zu können. Es wird daher nicht möglich sein, hier noch viele Partei-Rücksichten walten zu lassen, es must vielmehr versucht werden, durch Zu­sammenwirken der Parteien, die in der vorigen und der nunmehrigen Regierung ver­treten sind, eine Lösung aus der mehr als schwierigen Lage zu finden.

Italienische Politik.

Von unserem römischen Korrespondenten Gustav W. E b e r l e i n.

Rom, Ende Februar.

ES ist immer mißlich, wenn der Satte den Halbsatten auffordert. nun aber endlich einmal Messer und Gabel wegzulegen, um der allge­meinen Gesundheit willen. Wenn der Sieger den Besiegten beschwört, doch ja nicht mehr zu rüsten, um des allgemeinen Frieden- willen. Um so mißlicher. wenn der augenblicklich Stärker« zum augenblicklich Schwächeren spricht. ES kommt dann gewöhnlich zu einem faulen Kompromiß, zu einer notgedrungenen Einwilligung mit knurrendem Magen. Wer satt ist, nichts mehr zu gewinnen hat. meint eS sicherlich ernst mit seinem Friedens­willen' wer aber verloren hat. trachtet nach seinem früheren Besitz. DaS ist menschliches Recht. England, dem der Weltkrieg mehr in den Schoß geworfen hat, alS die kühnsten Imperia­listen es jemals träumten, darf daher als ehrlich pazifistisch betrachtet werden. Auch Frank­reich, denn der gegenwärtige Stand der Land­karte sichert ihm mehr, als eS in einem neuen Krieg erwerben könnte. Wenn aber zum Beispiel Deutschland versichern würde, es gebe sich ein für allemal mit feinen Amputierungen zu­frieden. so wäre das nichts anderes als eine fromme Heuchelei. Jedenfalls würde lein euro­päisches Kabinett daran glauben. Riemals wird das deutsche Volk auf Straßburg und Danzig, aus da- Saargebiet und Westpreuhen. auf die Vereinigung mit seinen österreichischen Brüdern verzichten. Das ist ein Axiom, mit dem der Politiker rechnet wie der Astronom mit dem Gravitationsgeseh. Sin Grundsatz ohne Diskussion für die Diplomaten. Uebrigens steht er Locarno und Gens nicht unüberwindlich im Wege, werden doch Karlenveränderungen nicht ausschliestlich mit

Blut eingezeichnet. Wußten die Höse früher mit Heiraten zu manövrieren, so di« heutigen Kabi­nette mit Kompensationen

31 a (i« n rechnet sich selber zu den $ a l b satten zu den Friedfertigen und Kriegsberei­ten. E- glaubt weder an Locarno noch an Gent, obwohl es bei solchen festlichen Gelegenheiten immer dabei ist und regelmäßig seinen Mitglieds- beitrag zahlt. Aber alles hat seine Grenzen. Loolidge hat zu viel verlangt Gerade weil daS gemeinsame Aufhören mit der Mahlzeit lediglich einer Partei, und zwar der des vollen MagenS. zustatten käme, uuf der Apen­ninenhalbinsel dagegen. die schon in Versailles lediglich die Brosamen zugcworsen erhielt, ein Gefühl der Leere zurücklassen wüde. darf Musso­lini auf einen solchen Vorschlag nicht eingehen. Er will sein Volk satt machen, so satt wie die andern. ES ist sonderbar, dast man darüber trotz feiner doch wirklich nicht unklaren Worte in manchen Hauptstädten noch im Zweifel zu sein scheint. Rief er nicht vorige Woche aus, Italien müsse entweder sich au-breiten oder explo­dieren? Und nun antwortet man daraus so unlogisch wie möglich: A b r Ü st e n? Müßiges Wilsonspiel.

Zum erstenmal seit feinem nun schon mehr­jährigen stillschweigenden D ü n d n i s m i t Eng­land. ein Pakt, der zwar niemals in Gens registriert wurde, auch sonst im Buchhandel nicht ju haben ist, aber an Stelle der abstrakten Para­graphen so vieler Verträge einen konkreten 3 nhall setzte, befindet sich Rom mit feiner Ablehnung nicht in Einklang mit London Das ift jedoch lediglich eine sozusagen technische, durch die unvergleichliche Ueberlcgcmheit der britischen Flotte ohnehin auSscheidende Meinungsverschie­denheit. die Chamberlain weniger krumm nehmen wird als die deutsche Reutralitätserklärung in den Chinawirren. Dort, wo es auf eine maritime Prestigeunterstützung ankam. hat Italien sofort die Trikolore neben dem Union Jack gehißt und es wird nötigenfalls auch seine blauen Jungen marschieren lassen. England kann sich in allen Dingen auf seinen Mittelmeerfreund verlassen, so­lange sie den Flug der römischen Adler nicht hemmen.

3m fernen wie im nahen Orient, in Albanien wie in Abessinien versteht sich Italien aus­gezeichnet mit seinem stillen Teilhaber, weit besser als seinerzeit mit seinen öffentlichen Drci- bundSpartnern denn die Downingstreet ver­langt wenig und hat immer etwas zu bieten. Aber auch wenn sie heute nichts zu geben hätte, muß ihr der Palazzo Chigi in Treue verbunden bleiben, denn er rechnet mit morgen. Mit dem Tage, wo das englische Wohlwollen im Mittel- meer für Italien dasselbe bedeuten tpirb. wie vor zehn Jahren das amerikanische für Frank­reich. Wer den italienischen Kurs verstehen will, der scheinbar oft im Zickzack verläuft und auch tatsächliche taktische Täuschungsmanöver durch- zusühren weiß, muh dem britischen Kiel­wasser folgen.

Die Augen starr auf den Rhein geheftet, tappt die sonst so bewegliche französische Politik wie im Dunklen. Unausgesetzt in Atem gehalten durch den falschen Alarm der deutschen Pazifisten und Sozialisten, die auS Verdienst- und Partei­rücksichten die kleine Reichswehr zu einem Popanz aufblasen, sieht sie nicht, was im Mittel­meer vorgeht. Jeden Tag fällt zwar die Doulevardpresse über daS angeblich schon mobili­sierende Italien her, wagt aber kein Wort gegen England! AIS ob eS nicht bereits ein offenes Geheimnis wäre, daß England den Felsen von Gibraltar zu schmal gefunden hat. Es will sämtliche Säulen des Herkules, beide Tor­flügel. Es will, nüchtern gesagt, ein Malta in Marokko. Und das wird eine der kleinen Ge­legenheiten für Italien werden, sich zu revan­chieren. Wie Katzen schleichen heute noch die Mittelmeermächte um den heißen Brei des Tangerstatuts herum, nur Italien hat der still- chweigenden Unterstützung seines großen Bru­der- gewiß, deutlich sein« Ansprüche angemeldet.

Für einen Politiker ist es reizvoll, aber bvch auch peinlich, zu sehen, wie sich Frank­reich bemüht, die lateinische Schwester von einer interessanten Lebensromanentwicklung abzulenken, indem sie ihr fortgesetzt die .deutsche Ge­fahr an die Wand malt. Dieser Tage hat daS .Pariser Observatorium" der römischen Tribuna dies« Bemutterung unwillig abgeschüttelt und ist seinerseits so deutlich geworden, daß so­gar Wien eine Ueberraschung erlebte. Höre man doch endlich auf. uns mit dem21 n- fchluß" ängstigen zu wollen! Was will denn Frankreich eigentlich damit? Doch nichts anderes, als unsere Politik mit dieser Drohung auf immer an d i e seinige binden, damit es ruhig schlafen könne! Frankreich möge doch endlich ein- mai aufhören zu glauben. Italien werde ihm

stet- wie ein Hündchen an der Seine zu folgen und sich nöt gensallS auch aus lauter Lieb« aufess «n lassen. Italien tue alles, um Frank­reich e nzukreisen? SS habe am 7. Oluguft mit Spanien, am 17. September mit Rumänien, am 17. Rorcrnl'cr mit 2lban.cn und am 29. Dezember mit Deutschland abgeschlossen? Und daher wende sich jetzt die Heine Entente dem Balkan zu? 3a. fragt der Pariser Beobachter der Tnbuna dagegen zunick. wohin solle sie denn schauen? Habe vtclleicht umgekehrt Frankreich anS Einkreisen gedacht?

Der Anschluß Oesterreich- hat also für 3talicn alle seine Schrecken verloren. <E- war überhaupt immer nur ein blinder Schrecken!! Mussolini läßt jetzt wieder ein bisnchen seine wahre Meinung über d.ese für die Machtstellung 3ta!ien ja fo sekundäre Frage durchblicken. S« war ein allerdings auch In Italien weitver­breiteter Irrtum, daß er grundsätzlich den An­schluß bekämpse AlS Kriegern nister weist er natürlich fo gut wie jeder andere, daß der Ver­hinderung de- Anschluss«- überhaupt kein strate­gischer Wert zukommt, denn solange Deutschland schwach ist. kann es ihn nicht mit Waffengewalt durchsetzen, und ist eS stark, so w.rd cS sich durch die für das Volk-emps.nden imaginären Grenz- Pfähle in seinem Leibe gewiß nicht abhalten lassen, seine Truppen auch an die österreichische Drenze zu werfen. Erwägungen, die man jetzt wieder, wie schon einmal früher, al- italienische Politiker sogar die gemeinsame Grenze mit Deutschland als erstrebeilSwert bezeichneten, auch in der großen römischen Presse lesen kann, mit einem Lächeln über denSelbstmord", den nach französischer Versicherung Italien mit bei Zu­stimmung zum Anschluß begehen würde

Um so ernster nimmt man die Tatsache, daß in Paris daS Musfoliniwort vom Ausbreiten oder Explodieren wie ein schlechter Witz auf- gefaßt wurde. Denn diese- D.lemma ist tatsäch­lich das Leitmotiv der italienischen Politik!. England hat eS verstanden. .

Kirche und Schule.

)( Bleichenbach, 23. Febr. Am Montag nachmittag fand daS diesjährige MissionS- f e st des Dekanates Büdingen in unserer Gemeinde statt. Der FestgotteSdienst war trotz Werktag und Büdinger Petrimarkt sehr gut besucht. Pfarrer Werner- Usenborn hielt die Festpredigt. Rach ihm sprach Missionar Lauk- Franksurt, Dekan S ch ä f e r - Büdingen über­brachte die Grüße des Superintendenten Ober- Hessens, der am Erscheinen verhindert war. und dankte der Festgeineinde für die freunblide Auf­nahme. Pfarrer Kahn- Ortenberg gab den Be­richt über die eingegangenen Missionsgaben in Den DetanatSgemeinden. Der Bericht ergab, daß sich viele Ocmeinbcn ihrer Missionspflicht noch nicht voll bewußt sind. Die Gemeind« hörte mit gespannter Ausmerksamkeit fast volle zwei Stun­den den Ausführungen aller Redner zu. lieft zwischen den einzelnen Ansprachen di« allen und schönen Missionslieder erklingen und gab 47.45 Mark zur Missionskollekte. Abends hielt der Missionar in der Kirche «inen Lichtbilder- vortrag über China. Mit dem Mission-- fest war der erste Teil der Million-reif« im Dekanat beendigt.

Eine Westerwälder Heimalkunst-Ansstellung.

WSN. Berbern, 23. Febr. Aus Anlaß des Anfang September hier stattfindenden 3 6. Deut- fdjen Wandertages und des damit verbunde­nen Wesierwölder Gautages ist auch die Veranstal- hmg einer ßeimatkunst-Ausstelluna ge­plant, die freie und angewandte fhmft umfassen iolL In die Ausstellung sollen nicht nur Werke von Im Westerwald ansässigen Künstlern aufge n ommen werden, sondern auch solche fremder Künstler, soweit sie den Westerwald charakterisieren oder zu ihm in wesentlicher Verbindung stehen.

9hinbfunh=Trogramm.

3 r ei tag, 25. Februar.

3.30 bis 4 Uhr: Die Stunde der Jugend. 4.30 bis 5.45 Uhr: Hausfrauen Nachmittag. Programm u. a.Die Kindesseele, 2. Besondeie Begabungen bei Kindern", Vortrag von Lehrer Karl Stricker. 5.45 bis 6.05 Uhr: Die Lesestunde. 6.15 bis 6.45 Uhr:Pestalozzi und die neuzeitliche ländliche Ver­suchsschule", Vortrag von Wilhelm Kircher. 7.15 bis 7.45 Uhr:Die Aufgaben der Betriebsräte". Vor­trag von (9g Abrahamsohn. 8.15 UhrMephisto pbilcs'. Ausgewählte Szenen aus der Oper in zwei Teilen nach Goethe von Arrigo Boito.

Mainzer Rosenmontagszug.

Von Hans Ludwig Linkenbach.

Der rhein.sche Karneval wird in diesem Jahre zum ersten Male wieder in größerem Umfange gefeiert werden. Das Hauptere.gnis. der Rosen- montagszug. der während der schweren Röte der letzten Jahre unterbleiben mußte, w.rd wie­der aufleben und in Köln und Ma:nz Tausende von Menschen als Teilnehmer und Zuschauer auf die Deine bringen. Köln plant an dem traditio­nellen .Rosenmontag", dem 23. Februar, eine erweiterte Kappenfahrt unter dem MottoDie neue Zeit": in Ma nz ist man schon feit Wochen emsig an der Arbett für den kommenden Rofen- montagszug. den ersten seit der Vorkriegszeit.

Der rheinische Karneval, als dessen Haupt­stützpunkt neben Köln da-goldene Mainz" zu gelten hat, beruht hier auf alten ileberl.cferungen und betoeat sich in ganz besonderen formen, di« von Denen anderer rheinischer Städte in mancher Hinsicht abweichen. Den Auftakt zur neuen . Fastnachtskampagne" bildet regelmäh.g di« Generalversammlung der Mainzer Karnevals- sreunde, die jewe.ls schon am 11. November in der 5000 Personen fassenden Etadthalle vor sich geht. Wenn dann zum ersten Mal wieder seit langer Zeit der Rarrhallamarsch. die Mainzer Rationalhymne, erILngt. Dann gibt es kein Hal­len mehr, Dann bricht endloser Jubel los. Immer wieder muß unter allgemeinem Händeklatschen die prickelnde Melodie wiederholt werden, von der eine geradezu suggestive Wirkung auf alle Die ausgeht, die in Der schönen Rheinstadt ge­boren oder zuhause sind.

Der eigentliche Beginn des Mainzer Karne­vals fällt jedoch mit dem Jahresanfang zu­sammen. Am Reujahrstag selbst findet nämlich nach altem Herkommen in der .Gut Stubb" genannten Etadthalle das erste närrische Konzert der Karnevalisten statt, dem bann in Den gleichen Räumen weitere Konzerte, karnevalistische Siyun- gen und Maskenbälle in bunter Reihe folgen.

Ihren Höhepunkt erreicht Die Faschings- sröhlichkeit bei dem traditionellen Rosen- montagszug. Der am Tag vor Fastnacht Dem 28. Februar, unter Teilnahme der gesamten Bevölkerung und zahlloser auswärtiger Zu­schauer durch die Straßen der Alt- und Reustadt geht. Solche Zügen konnten natürlich infolge der Kriegs- und iliachlriegsjahre. die im befehlen Rheinland ja ganz besonders drückend toaren, lange Zeit nicht veranstallet werden. Run aber will die Faschingslust sich nicht mehr länger eindämmen las en, will die Freude an Der bunten Maskerade, Die ja im rheini'chen Volkstum selber wurzelt, nicht länger mehr schweigen. Und so wird in diesem Iayre wieder ein Ro enmontags- zug in Mainz stattfinden. Der sich den größten und schönsten der Dorkriegsjahre würdig an­reihen soll.

Man macht sich außerhalb der Bannmeile der goldenen Stadt" wohl kaum eine rechte Vor­stellung davon, welches gewaltige Stück inten­sivster ^Arbeit zu leisten ist. um Züge wie sie etwa das Jahr 1914 oder gar das Iubiläumsjahr 1913 gebracht hat. auf die Beine zu stellen, wie­viel Kräfte lebend.g werden mähen, um ihnen das prunkvolle Gepräge, den künstlerischen Aus­druck und den humoristischen Grundion zu geben. Schon lange Wochen vorher befindet s:ch eine eigens hierzu eingesetzte Kommission mit ihren

Helfershelfern in fieberhafter Tätigkeit, um die Vorschläge und Pläne zu prüfen, um die vor- gelcgten Entwürfe begutachten zu lassen, um die technische Ausführung Der e.nzelnen Zuggruppen und Wagen zu überwachen und schließlich die Zugvrdnung festzulegen. Rur durch die Unter- stützung der Gc!amthett der Bevölkerung ist es möglich, den Rosenmontagszug zu e.nem Grei ]nie für alle zu gestalten.

llnö wenn dann endlich der große Festtag herannaht. wenn die Garden die Prinzen- und Ranzengarde mit klingendem Spiel auf- marschieren, und die aus Schulbuben gebildete Kleppergarde unter Führung ihres auf einem Schaukelpferd reitenden Generals erscheint. Dann kennt man Die alte würdige Dornstadt mit ihrem sonst so heiter-geruhsamen Leben kaum wieder. In Scharen kommen Die Gäste auS Den großen Rachbarstädten und vom flachen Lande und die Mainzer selbst, vom ältesten Greis bis zum lleinsten Dreikäsehoch, milchen sich unter sie. Tausende und Abertausende flankieren die Stra­ßen. durch Die sich Der Zug bewegt, an Den Fenstern Der Häuser Drängt sich Kopf an Kopf und alles reckt den Hals, um ja feine Einzel- beit des zu erwartenden glänzenden Schauspiels zu versäumen. Dieses Schausp.cl vollzieht sich nicht unter Der stummen Bewunderung Der Zu­schauer, sondern Die Zuschauer selbst wirken mit. find aktiv als Statisten dabei beteiligt: Ein Trübet und Jubel ists, daß man meinen könnte Die alte Erde wäre aus ihren Fugen geraten und alle Rarrheit der Welt hätte sich hier zu- fammengcfunDen.

Hnb doch artet solche Darret ei niemals In Albernheit und Banalität aus, dafür sorgt das Publikum, da- die alte Tradition hochhalt, selbst,

dafür sorgen auch Die Beran,kalter, indem sie immer und überall die künstlerische Rote des Zuges wahren und auch den übermütig ft eu Ulk in den künstlerischen Rahmen ein Pannen. Histo­rische Gruppen, die jedem ernsten Festzug zur Ehre gereichen würden, wechseln ab mit solchen Die in lustiger Weise Zeitereignisse und Zeit­erscheinungen oder aber Angelegenheiten rein totaler Ratur verspotten. An prachtvoll auS- geftoltete. reich geschmückte Wagen und AutoS. die von Vere.nen und Verbänden zur Verfügung gestellt worden sind, schließen sich andere an. Die von Firmen und Innungen ausgerüstet wur­den. und selbstverständlich fehlen auch nicht die Wagen Der einzelnen Korn t-es und das Prunk- gesahrt des jeweils regierenden Prinzen Karne­val des Soundsovielten.

Stundenlang währt dieses schöne, luftige Schauspiel. Derweilen schallen die fröhlichen Weisen Der mitziehenden Musikkapellen, knarren die Klappern der Echnihelbaja-n. tuten pavieme Fastnachtstromp.ten. klatschen Die Pr.tschen und schnarren Die Hclzrasseln. Bunte Papierschlangen fliegen durch die Luft und spinnen die Straßen m em dichtes farbiges Gewirr ein. die össent- ufften Uhren s.nd verhängt, und weithin leuchtet aus ihnen Die Inschrift:Dem Glücklichen schlägt keine Stunde!"

Schließlich mahnen aber die müd gewordenen Bmne und die knurrenden Mägen doch Daran, daß alles feine Zeit hat. Der Zug löst sich all­mählich auf. Das Gewoge ebbt ab. die Menge verläuft sich, und man kann wieder, ohne in allzu innige Berührung mit feinen Rebenmenschen AU kommen, die Straßen passieren. um sich daheim ganz sachte für den Rosenmontagsball am Abend vorzubereiten.