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Januar 1927
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177. Jahrgang
Montag, 21. Januar 1927
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
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Stanifurt am Main u gm. vrnd vnk> Verlag: vrühl'sche UniversiMr.vuch- und Steindnlckerei «.tanze in Sieden. Schriflieitunq und Geschäftsstelle: §chu!st7^e 7.
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Ilbefrebahteur
Dt Friedt Will) Lange. Verantwortlich für Politik D. Fr Wilh Lange, für Feuilleton Di H Ibgnot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den Anzeigenteil L Teilt. Jrj. Tedu iämtlid) in Dietzen
Polen und die deutsche Ostgrenze.
Wozu der Lärm?
Die Hintergründe der polnischen Offensive.
Don unserem ständigen 8.-Berichterstatter.
(Nachdruck. auch mit Quellenangabe, verboten.) TV a r s ch o u, Witte Januar 1927.
Die gegenwärtige polnische Repierungsaera verwöhnte bisher nicht durch Mitteilsamkeit. Sejm und Senat tagen oft vor leeren Minister- bänlcn. Es ist unser Programm, so hieß es sogar auS Regierungskreisen, kein Programm zu verkündigen. Tatsächlich ist das sonst übliche sSiDof.' beS Ministerpräsidenten ja auch biS heute nicht erfolgt. Der allgemeinen Tvortkargheit pahte sich auch der Minister deS Aeußeren, Zaleski, an. Den Tvunfch der Sejmkommission, vor der letzten DölkerbundStagung über die außenpolitische Lage unterrichtet zu werden, lehnte er z. D. ab. Da war es um so ausfallender, das) Zaleski in der letzten Tvoche gleich zweimal sich vor der Oessenllichkeit vernehmen lieh, und zwar in einer Tonart, die offenbar möglichst Horbnr sein sollte.
Am hervorstechendsten war in beiden Fällen die Stellungnahme zu Deutschland. 3m besonderen aber die Duplizität der entsprechenden Kundmachungen erweckte den Eindruck, als sei hier geradezu die Gelegenheit versucht worden, die volnisch-deulschc Frage ausS Tapet zu bringen. Außenpolitisch lag hierzu kein besonderer Anlaß vor. Oder wollte Zaleski zu den soeben in Paris verhandelten Fragen dr deutschen Ostbefesti- g un gen sein Scherflein beitragen? Möglich. Es überwiegt aber der Eindruck, das) auch hier wiederum einmal Austenpolitik weniger um der Wirkung nach austen als um der Wirkung nach innen willen getrieben worden ist. 3n parteipolitischen und WirtlchastSsragen geht baS Mairegime ziemlich unbekümmert vor. Dagegen ist man selbst im Belvedere nervös, wenn von irgendeiner Seite die Losung in die Oeffentlichkeit geworfen wird, die Regierung verhalte sich schlapp nach austen. Wozu, wirb dann gesagt, die Militär- lasten? Diese Dorwürse aber bekommen noch ihre besondere Spitze, wenn man dem Pilsudskismus nachsagen zu können meint, er sei nachgiebig gegen Deutschland. Natürlich, heistt es dann, die Aktivisten! Alle Liebe rostet nicht. — Unb nun nehme man noch endlich hinzu, das; diese Treibereien nirgends dankbareren Boden finden als in Posen, der S)txf)burg der Rationaldemokratie und der Feinde deS gegenwärtigen Regimes. Was sich in Warschau in der Form von Bedenken äußert, wird dort zur Anklage, und man zischelt: Berrat! Die Erfahrung zeigt, daß unter dem Kandarendruck von dieser Seite selbst das sonst so eigenwillige Regime von heute nachgibt.
3n seiner ersten Bede vor dem Sejmausschust hatte, wie völlig deutlich war. Zaleski dem heiklen deutsch-polnischen Problem nur einige Pflichtsätze widmen wollen. Die ganze Bede war überhaupt mastvoll. Was aber insbesondere Deutschland an« langt, so zeigte sich zwar eine gewisse Verstimmung gegen ..gewisse Kreise in Deutschland", welche die Beziehungen zu Polen angeblich her» 'chärsen wollten, aber diese an sich unbestimmte Wendung wurde balanciert durch eine ganze Reihe von versöhnlichen Aeuherungen. Hierüber Tmpörunci bei der Rationaldemokratie. 3n ihrem Kamen sprach der ehemalige Austenminister 5et)ba. Er lehnte es ab. das Ervoss Zalttkis zur Kenntnis zu nehmen. Der Thorns seiner Par- erpresse nahm diese Parole auf. Wieder in dem bekannten Sinne: Da haben wirs, fic kneifen.
Der Hieb war der alle. Aber diesmal muhte tr gut getroffen haben. Denn bereits fünf Tage 'pater hatte Zaleski, ohne dast in der Zwischenzeit sich auch nur das mindeste verändert hätte, eine völlig andere Haltung eingenommen. Er benutzte bi? Gründungsfeier der neuen „Gesell- chaft zum Studium internationaler Fragen", also eine Institution, von der man eher versöhnliche Bestrebungen erwarten sollte, um glattweg eine Kampfrede gegen Deutschland zu halten. Er überging dabei alle anderen Probleme: daS dringende des Wirtschaftsvertrages, die Minderheitssragen, ja leider auch einige Angelegenheiten der nachbarlichen Rechtsrege- lung, die unlängst sogar einige Fortschritt? zu verzeichnen bähen, unb verweilte nur bei bem Drenzproblem. Hier holte er nun zum Schlage au8. Wenn Deutschland auf eine Aen- frerung seiner Grenzen mit Polen hinarbeite, so verletze cs den Böllerbundspakt. Ein Dreißig- nillionenvolk werde sich das niemals bieten lasen. Mit Gut und Blut werde jeder Pole jeg- ichen Fußbreit seiner Erde verteidigen, llnb io weiter. Damit war denn nach innen wirklich ein gewisser Effekt erreicht. Selbst Seydas Kurjer Poznansli" erteilte nun wenigstens eine halbgute Zensur. Man wollte die Rede Za- leskis wenigstens als Gesinnungszeugnis gelten lassen. Aber nun müsse auch gleich praktisch weiteres folgen: Keine Beschränkung der Li- luibationcn, fein Entgegenkommen in den Fragen des Staaisbürgerrechts, Intransigenz in der Aiederlassungs rage, weitere Entdeutjchung De r West marken usw. Da hatte Herr Zaleski scine Quittung. Die Posener Bendee stellt er Doch nicht zufrieden. Dort kommt der Appettt beim Essen.
Aber noch ein zweiter innenpolitischer Beweggrund der jüngsten austenpolitischen Attacke Hielte mit. Mit besonderer Heftigkeit wandte sich Zalesli gegen diejenigen, welche ..das unsinnige ■Crojcft kolportierten", Polen solle sich mit Deutschland über das Schicksal Litauens verstän
digen unb dafür auf den Danziger So:» tiÖDt verzichten. Diejenigen, die solche Ideen verbreiteten, me.nte Zaleski. „könnten wohl red» liche Absichten haben, aber sie erwiesen doch Bärendienste." Auch diese Wendung war hauptsächlich für den inneren Gebrauch bestimmt. Am Abend desselben Tages, an dem Zaleski sprach, hatte man morgens in der Presse von folgendem geleien: In S.norgon im W.lnagebiet hatte eine Versammlung dor.iger polnischer Großgrund- besitzerk.else ftahge u.iden. an welcher auch b.r Vertrauensmann tief.r Sphären im geöcnU:är- ligcn Kabinett, der Iustiz.ninistcr M e y s z t o - wicz, teilgerwmmen hat. Diesen W.lnaer Kreisen ist am Danz ger Korridor wenig gelegen, olles dagegen an einer Eröffnung deS nächsten Verkehrsweges zum Memelhasen und zum Baltischen Meer. Kein Wunder, hast man hier die litauische Frage vornean stellt, sollte sie auch den Korridor kosten. ES kommt hinzu, das) man ja auch im Auslande einen derartigen Eebietrtausch gelegentlich empfohlen hat: in diesem Sinne schrieb erst unlängst der Führer der Paneuropa- bewegung Gras Eoudenhove-Kalergis. Der Pan- europabe regung gehören andererseits auch in Polen eine Reihe einflustreicher Personen an. Kurzum, jene Idee des Gebietstausches war hier in der Tat eine Art Tagesgespräch geworden.
Dem wollte Zaleski ein Ziel sehen. — Wenn der polnische Austenminister das erwähnte Projekt so energisch verwirft, so kann man ihm im übrigen nur zustimmen, In dieser grobschlächtigen Weise, wie die Wilnaer „Wisente" (Zubry — Spitzname der nordostpolnischen ßatifunbienbe- litzer) es sich dachten, lästt sich die Frage natürlich nicht lösen. Auch die deutsche Politll denkt natürlich nicht daran, einesteils die gegenwärtigen Ostgrenzen abzulehnen, weil man bei ihrer Festsetzung u. a. auch die Selbstbestimmung der bodenfässigen Bevöllecung verletzte, unb andererseits etwa ihr Placet zur Vergewaltigung der Selbstbestimmung Litauens zu geben. Dieser Weg ist also nicht gangbar.
Welcher aber wäre eS? Die allgemeine au- stenpolitische Konstellation verlockt heute noch einen polnischen Austenmtnister, sich zu dieser Frage rein negierend zu verhalten. Unb, wie man einräumen must, bie innerpolitische Konstellation in seinem eigenen Lande ermuntert ihn sogar dazu. Hm so mehr wäre also Hngebulb fehl am Platz. Gegenwärtig scheint eS der deutschen öffentlichen Meinung denn auch zu genügen,, dast bai Bewußtsein aufrecht erhalten wird, auch Gebietsabgrenzungen seien natürlich nicht unabänderlich. Ihre Erörterung verstößt auch keines
wegs gegen den VölkerbundSpakt, bet vielmehr im Artikel 19 sogar ausdrücklich vorsieht, dast solche internationalen Verhältniise, deren Aufrechterhaltung den Frieden ge ährden könnte, von Zeit zu Zett nachgeprüst werden. Vorberhanb ist das Theorie. Damit eine solche Bestimmung aber praktisch anwendbar werde, müssen auch die konkreten Bedingungen ihr günstig sein. Aber solche können jederzeit eintreten. Für den hier behandelten Fall z. 2. dann, wenn Polen es für sein Da fern le.enswichtig erkennen würde, sich im Westen zu verständigen. Solche Augenblicke hat es in der Geschichte der ber- maleinst:gen Erlauchten Republik Polen mehrfach gegeben. Warum sollen sie nicht auch in Zukunft möglich fein? Verglichen etwa mit ben Zeiten Ian Kasimirs haben ja Polens Rachbarn im Osten unb Westen an Macht nicht verloren, sondern zugenommen. DaS läßt an das derbe, aber lebenskluge russische Sprichwort denken: Spuck nicht in den Brunnen. Vielleicht wirst du noch daraus trinken müssen.
polnische Propaganda in Rom.
Für Aufrechterhaltung deS Status quo im Osten.
Rom, 24. Jan. (TU.) Der neue polnische Gesandte für Rom, Knoll, äußerte sich in einem dem „Messagers" gewährten Interview über bie deutsch-polnischen Beziehungen. Polen wünsche den Frieden, würde aber niemals zugcben, daß man feine Grenzen verletze, und würde auch jede Diskussion zu diesem Thema a b l e h n e n. Rur der s'atus quo sei eine Basis für den Frieden von Europa und niemals könne man die Sicherung der Ostgrenze von der der Westgrenze trennen. Dafür sei das Deifpiel der ser- bischen Lage 1914 der beste Beweis. Polen vertraue auf das Gerechtigkeitsgefühl Europas und auf feine eigene Stärke.
Eigentümlicherweise fetzt mit dem Eintreffen Knolls in Rom eine Serie von Artikeln in den römischen Blattern ein, die in der deutsch-polnischen Frage eine objektive Beurteilung stark vermissen lassen. Bisher ging aus Den offiziellen Pressekommentaren stets hervor, daß man sich in italienischen Regierungskreisen über die Matette und Schlußfolgerungen der Pariser Verhandlungen vollkommen llar war. Es müßte daher mit starkem Befremden in Deutschland vermerkt werden, wenn die italienische Oefsentlichkeit von dieser klaren Erkenntnis der Dinge durch eine ein- fettige, wenn auch nur vorübergehende Bearbeitung abgezogen werden sollte.
Itat Verhandlungen de; Reichskanzlers.
Aunntehr scheint bie Entwirrung ber Regierungskrise endlich etwas schneller vonstatten zu gehen. Der plötzliche Umschwung im Zentrum hat natürlich in weiten Kreisen Aussehen unb Verwunderung erregt Dasselbe kann nun von ber doppelten Kundgebung fag.n, mit ber das Zentrum seine Schwenkung begründet Roch unmittelbar vor ber Entscheidung hatte ber linke Flügel unter der Führung des früheren Reichskanzlers Wirth unter freundlichem Beistand der „Germania" mit äußerster Schärfe gegen jeden Gedanken an ein Zusammengehen mit den Deutsch- nationalen Front gemacht Unb nun wurde ein Redaktionsausschust eingesetzt mit ber Aufgabe, bie erwähnte Kundgebung zu verfassen, älnd zu Mitgliedern dieses Ausschußes wurden die Herren Reichsarbeitsminister Dr. Brauns. Dr. Wirth und Joos erwählt. Schon diese Auswahl mußte Aufsehen erregen. Joos ist der getreue Schildknappe des Herrn Dr. Wirth. In dem Redak- tionsausschuf) saßen also zwei bishettge Gegner der neuen Regierungskombination unb ein Befürworter. Rach jeglicher Logik hätte das Ergebnis der schriftstellerischen Bemühungen ber brd Herren sein müssen, daß scharfe Forderungen ausgestellt werben würden, bie es ben Deulschnationalen so gut wie unmöglich machen dürften, darauf einzugehen. Statt dessen kam nach mehrstündigen Bemühungen ein Opus zutage, über den in deutschnationalen Kreisen alsbald das Urteil gesprochen wurde: daS können wir mit aller Gemütsruhe anerkenne m Freilich sanden die Deutschnationalen doch bei näherem Zusehen etwa zwei bis drei Stellen, die ihnen ringe Beklemmungen verursachten. Dahin gehört vor allen Dingen bie Stelle, die von ber Republik unb ihren Symbolen spricht, ferner bie Stelle über die Rekrutierung ber Reichswehr unb schließlich bie geflissentliche Betonung des internationalen Moments, sowohl bei der Außenpolitik wie bei der Sozialpolitik, in bezug auf das Washingtoner Abiornmen und das Internationale Arbeitsamt in Gens. Heber alle diese kleinen Einwendungen hat man sich jedoch im deutschnationalen Lager vorläufig wenigstens schnell hinweggesetzt, denn cs ist bereits als Ergebnis einet vertraulichen Fraktionssitzung verkündet worden, daß die vom Zentrum aufgestellten Richtlinien, die als Grundlage für Verhandlungen ausgearbeitet toprben seien, kein Hindernisgrund für die sachliche Zusammenarbeit bedeuteten.
Während man somit in deutschnationalen Kreisen vorläufig abtoartet, bis ber Reichskanzler mit bestimmten Fragen ober Vorschlägen an sie herantritt, hat Herr Marx selbst nach Bericht an ben Reichspräsidenten über die
Entwicklung ber Dinge ben Auftrag zur Bildung des Kabinetts der bürgerlichen Parteien übernommen. Den Anfang hat er mit Besprechungen bet Führer der bisherigen Regierungsparteien gemacht. Dabei bereifet eine andere Erscheinung mindestens eine ebenso große Ueberraschung, wie ber plötzliche Umschwung des Zentrums. Als zuerst bekannt wurde, bah das Zentrum sich bereit erklären werbe, in Ver- banbtungen mit den Deutschnationalen einzutreten, faßte die demokratische Fraktion einen Entschluß, in dem kurzerhand erklärt wurde, in einer solchen Regierungskombination habe sie nichts zu suchen. Zwei Tage daraus, am Samstag, hat die demokratische Reichstagsfraktion eine andere Entschließung gefaßt, in ber fic die Kundgebung der Zen- trumssrattion begrüßt. In der Entschließung wird auch die Bereitwilligkeit der Demokraten. ber neuen Regierung anzuge- gehören, auseinandergesetzt. Es heißt da. die Fraktion habe ihren Vorsitzenden beauftragt, der Zentrumsfraktion anheimzustellen, dast sie vor den Verhandlungen über die parteipolitische und persönliche Zusammensetzung des Kabinetts den bisherigen Regierungsparteien sowohl wie ben Sozialdemokraten und Deutschnationalen das Dokument (bie Kundgebungen« zur Erklärung und Zustimmung unterbreite. Das heißt also, daß man ebenso wie die Deutschnationalen in dem Dokument unb in ber übrigen Entwicklung der Dinge keinen Hindemisgrund für die sachliche Zusammenarbeit entdecken könne.
Ob wir nun sehr schnell oder nach nochmaliger Verzögerung zu einer neuen Regierung gelangen, wird davon abhängen, welchen Gebrauch der Reichskanzer von der Kundgebung des Zentrums in seinen Verhandlungen mit ben Deuifchnatio- nalen machen wird. Die formellen Besprechungen mit ben Vertretern ber Deutschnationalen werden heute ausgenommen werben. Man wirb abwarten müssen, ob Dr. Marx bestimmte Forderungen aus ber Kundgebung des Zentrums, namentlich solche innen- und auhenpolitischer Ratur, heraus- schält und in festen Formen zur Ecllärung oder Beantwortung den Deutschnationalen unterbreixt. ober ob er sich damit begnügt, mit ihnen bas ganze recht umfangreiche Dokument luttorisch durchzusprechen. Maßgebend wird letzten Endes sein, mit was für einer Regierungserklärung sich das neue Kabinett dem Reichstag vorstellen wird. Selbstverständlich wird die Vorbereitung bitter Regierungserklärung ben Hauptgegenstand der Verhandlungen bilden, ab.^ttehen von der Pettonalsrage. Im Interesse des gesamten Volkes liegt es. daß die Derhandlunge»
so bald tote möglich zu einem gedeihlichen Abschluß gelangen.
Die Stellung der Demokraten.
Berlin, 24. Jan. (Wolff.) Amtlich wird folgende Mitteilung ausgegeben: 3.n Cau,c des Sa.t'S- lagconnlttag trat das gef chäf tsf ührcnüe Reichskabinetk jur Erledigung einiger laufender ItngcIcgenWlen zusammen, die feinen Aufschub duldeten. Mit Fragen drr Regierung-h lbunq besohle sich das Relchsfabinett nicht. 3n Ausführung des ihm vom Herrn Reichspräsidenten ge- rooebenen Auftrags hatte In den Millagsslimd-m Heer Dr. Marx zunächst eine Aussprache mit den Reichsminislcrn Dr. Slrefemann und Dr. Brauns und emp ing im Laufe des Radjmitt ig» hintereinander die Abg. koch, Erkelenz und Dr. Haas von der Deutschen Demokratischen Bartel, den Abg. Prälaten Leicht von der Bayerisch.n Polfsparlcl unb schließlich die Abg. Westarp und Ma I I ras von der Deulschnationalen Bolks- partei.
Die Besprechungen betrafen, wie das BDZ.- Bureau hört, zunächst nur die sachliche Möglichkeit der Bildung einer bürgerlichen Mehr- heitsregierung. lieber Personenfragen wurde heute noch nicht gesprochen. Die Demokraten Koch, Erkelenz unb Dr. Haas, die der Reichskanzler zuerst empfing, machten Dr. Marx Mitteilung von einem demokratischen Fraktionsbeschluß, der es für wünschenswert hält, daß ber Inhalt des Manifestes ber Zentrumsfraktion allen Parteien, auch ben Sozialdemokraten, oorgelegt würde, damit sie die Möotichkeit haben, sieb dazu zu äußern. Reichskanzler Dr. Marx hat diese Anregung wohlwollend aus. genommen und sich in dem Sinne geäußert, daß er selbst schon ähnliche Absichten gehabt habe. Aus seine Frage, ob bie Demokraten sich an der von ihm beabsichtigten Regierungsbildung beteiligen würben, wurde ihm von ben demokratischen Fichrern geantwortet, daß sie zu Derhandlun- gen bereit seien, falls die Richtlinien des Zentrums von allen in der Regierung vertretenen Patteien als Mindestprogramm anerkannt würden. Der dann vom Reichskanzler empfangene Führer der Bayerischen Dotkspattei Prälat Leicht tagte Dr. Marx bie Beteiligung feiner Fraktion an der Regierungsmehrheit zu.
In politischen Kreisen wird angenommen, daß Dr. Marx am Sonntag mit mehreren Politikern. darunter den für daS neue Kabinett wieder in betracht kommenden bisherigen Ministern, die Grundzüge des Regierungsprogramms ausgearbeitet habe, über das er heute mit den deutschnal'onalen Vertretern verhandeln werde. Die .Montagspost" w.ll wissen, bah Dr. Marx den deutschnationalen älnterhändlern ganz konkrete Fragen über Republik, Verfassung, Reichswehr und Außenpolitik vorlegen werde. Wie der .Montag" mitteilt, sind von den Deutschnationalen die geordneten Gras Westarp. Wallraf, Rippel, v. Goldacker und der politische Beauftragte der Partei. Treviranus. zu Llnterhändlern bestimmt worden. Das Blatt nimmt an. daß bei der Unterredung mit den Deutschnationalen auch Dr. BraunS und Dr. Stresemann zugegen fein werden. Auch mit den Sozialdemokraten dürfte nach der gleichen Quelle Dr. Rlarx noch einmal Rücksprache nehmen.
Briands Gegner.
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Paris. 24. Ian. (WT2. Funkspruch) Einen Beweis dafür, wie die Feinde der Driand- schen Entspannungspolitik arbeiten, liefert heute der ehemalige Kriegsminister M a g i n o t , der der intimste Freund Poincarös getoefen ist. Er äußert sich im Rahmen der vom „Echo de Paris" angestellten Enquete über die Frage der vorzeitigen Rheinlandräumung und erdürt il a.: -Es gäbe überhaupt keine wirtschaftlichen und finanziellen Vorteile, die eine Sicherheitsgarantie. eine Aussicht, den Krieg zu vermeiden. aufwiegen könnten. Keine Sicherheitsgarantie sei so viel wert, wie die Beibehaltung der Besatzung des Rheinlandes. Die Zurücknahme der französischen Truppen gegen die Einrichtung einer interalliierten Spezial- kontrolliommission im besetzten Gebiete auszutauschen, werde nur ein Geschäft fein, bei dem Die Franzosen getäuscht würden. Sie würden eine tatsächliche Garantie gegen eine Illusion austauschen. Er sei nicht Gegner einer deutsch-französischen Annäherungspolitik, man sehe in ihr im Gegenteil die sichere und unerläßliche Grundlage für den europäischen Frieden. Wir wären aber leichtgläubige Menschen oder Feiglinge, wenn wir die Vergangenheit vergessen wollten.
Das Urteil gegenöie katalanischen , Verschwörer.
Paris. 22. Ian. sWB.) Heute abend wurde in der Anaelegenheit des katolonifchsn Komplottes das Urteil gefällt Oberst Macia und Riciotti Garibaldi erhielten wegen verbotenen Was- senbesitzes je zwei Monate Gefängnis und je 100 Franken Geldstrafe, die übrigen Angeklagten wegen gleichen Vergehens — sämtliche Katalonier mit Ausnahme des Italieners Rizzoli — je einen Monat Gefängnis und je 50 Franken Geldstrafe, und zwar alle ohne BewÄirungssrift. Die Strafen gelten als durch die Untettuchungshaft verbüßt Die Ange-


