Nr. 225 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen) §reitag, 25. September 1927
Nanking. |
Don Prof. Dr. Waldemar Oehlke.
Hanfing also, Chinas einstige Hauptstadt länger als I1/2 Jahrtausende hindurch — von 200 v. Ehr. biS 1404 —, die Blume besonders der Ming-Dynastte, seit 1858 einer der internationalen Vertrags Häfen, 1864 im Laipin^ Aufstand zerstört, dem Außenhandel praktisch erst 1899 geöffnet — diese uralte Reichs-Zentrale, über die so viel Kriegsstürme hinmeggebranst sind, ist dazu ausersehen, roieder Ratio na l- Hauptstadt zu coerden, wie die ost asiatische Presse und übereinstimmend die Kuomingtang- Agenten zu melden wissen. Denn Peking ist für die Rationalisten im japanischen Rebel verschwunden, würde freilich südliche Machthaber überraschend schnell auch verschwinden lassen.
Ranking ist mit seinen 60 Quadratmeilen groß genug, sich nicht nur einen privil.gierten Stadt- bezirk, sondern auch alle weiteren Herrschafts- Pläne der heute so sehr „unsicheren Kantonisten" gefallen zu lassen, denn seine 18 Tore lassen jedes Geschütz herein, und seine fruchtbaren Felder rings umher haben sich nun schon Jahrtausende daran gewöhnt, alljährlich eine, wenn nicht kämpfende, so doch durchziehende Soldateska mit Reis, Dohnen und Tee zu versorgen. Wer nun behauptet, Ranking werde wirklich wieder Hauptstadt werden, der sagt gar nicht einmal zu viel, denn gewesen ist es das in unserem Sinne so wenig wie Peking. Diese so unglaublich über Hügelwellen auseinanderge- -ogene Dangtse-Stadt gilt als Symbol des chinesischen Geistes, und aus ihren politischen Schicksalen allein der letzten Jahre laßt sich allzu europäisches Urteilen über ganz China in der Tat richtigstellen
War doch auch das Kaiserreich China nur eine Anzahl selbständiger Provinzen unter kaiserlichen Vizekönigen und Gouverneuren, deren einzige Amtspflicht darin bestand, rechtzeitig Geld, Tee, Salz, Korn, Seide an die Residenz — sei eS Ranking oder Peking — abzuliefern Die Annahme solcher schönen Dachen würden auch die Kuomingtang durchaus besorgen, wären jene nur mangels staatsbürgerlichen Verständnisses der 400 Millionen ohne die alte vizeköniglich? Methode deS Köpfens wirklich zu haben Sagen kann aber Ranking in jedem Augenblick: „Von jetzt ab bin ich Hauptstadt." Dann ist es das wieder wie früher, solange die betressenden siegreichen Generale, die dort einrücken, nacheinander dasselbe sagen. Mit der nationalen Einigung hat eine chinesische Hauptstadt in absehbarer Zeit nichts zu tun.
Zuletzt erklärte sich für Ranking schon seit dem Juli 1926 der gestürzte Tschiangkaitschek, in der Hand daS Danner der Kuomingtang, die weiße Sonne in blauer Wolke, noch cche er im Dezember von Kanton aus auf Hankau rückte. Im März dieses Jahres errichtete er denn auch gegen die kommunistische Harckau-Regierung feine eigene in Ranking. Am 14. August war mit seiner Absetzung dtese Ranking-Gpisode zu Ende. Sein« nächsten Berater, unter ib-nen mein früherer Pekinger Universitäts-Kanzler, Tsai- yüanpei, haben abgedankt, er selbst hat sich nadj der heimatlichen Hafenstadt Rinapo begeben, wo man leicht „zu Schiff nach Frankreich' sein kann, und seine Gattin ist unterwegs nach Amerika in Begleitung eines Sekretärs, der e8 wohl auf die Vereinskassen beispielsweise der reichen Chinesen Reuyorks absehen mag — waS wollten sonst di« beiden in den StaatenI Man darf ja auch nicht vergessen, daß Tschiang ernst als Kaufmann anfing, bis er sich besonders in Japan, militärisch ausbilden lieh und seine Sporen im Kampf gegen den Präsidenten Vüanschikai verdiente.
Wie war es denn gewesen? In Ranking war kurz vorher Sunhatsen, der ja in der Wut- schanger Devolutionsnacht vom 10. Oktober 1911 noch in Europa weilte und erst am 25. Dezember in China anlangte, zum Präsidenten Chinas gewählt worden. Erst nach der Abdankung des Kaisers am 12. Februar und nach dem Rücktritt Suns zwei Tage darauf wurde der „Revolutionäre Volksrat" von Ranking nach Peking über
tragen, und derselbe Vüanschikai, den der Kaiser mit der Unterdrückung der Rebellion beauftragt hatte, half zunächst seinen Gebieter ganz absehen, schob dann Dr. Sun ab samt sämtlichen Kuo- mingtangleuten — die letzten hielten sich im Rorden bis 1913 —, griff darauf vergnügt für sich nach der Kaiserkrone, setzte auch schon das Datum der Krönung fest und — starb kurz vorher am 6. Juni 1916. „Hie Ranking, hie Peiing", ging es weiter — Kanton war ja nur Zufluchtsort und Kraftquelle der Kuomingtang. Drei neue Verfassungen entstanden, davon zwei in Peking und eine in Ranking, und seit 1921 entbrannte immer wieder der Streit mit den Waffen.
Japan und sein chinesischer Mann, Tschang» tsolin, können natürlich mit Ranking nicht den Gedanken einer hoffnungsvollen Rational-Haupt- stadt verbinden, wohl aber nach Tschiangs Sturz der früher christliche General Fengyuhsiang. „Früher", ich habe mich nicht etwa verschrieben: die Priester und Kaplane, Hymnen und Andachten sind aus seinem Heer verschwunden, an ihre Stell« sind Kuomingtang-Derater — und Kassierer, darf man ergänzen — getreten, sowie 10 000 mohammedanische Kavalleristen aus der Provinz Kansu, die an jedem Morgen zehntausendfach Mekka anruten. „Das geht gut, vorausgesetzt, daß es so bleibt," sagte bekanntlich nach dem Sprichwort jener Dachdecker, als er zu fallen begann und an den Fenstern des obersten Stockwerks vorüberschoh. Rachdem Feng sich mit dem heimreisenden Sowjet-Agenten Borodin ebenso gewaltsam wie vergeblich unterhalten hatte, ist er jetzt ganz für Ranking, nur mit der besonderen
Rote, daß der ihm näherstehende Hankaukreis nach Ranking übertragen werden soll. Ein neuer Vangtse-Dund unter Fengs Schuh bedeutet natürlich die Ausrottung der Einfluß-Reste früherer kriegsstarker Generale, d. h. Geschästskonkurrenten.
So weit sind sie dort nun. Alles weitere hängt von den neuen Geldquellen ab. Japan durchdringt die Mandschurei zu „Kuliurzwecken", Schansis sparsamer General Pen hält sich nach tote vor zurück. Die Kommunisten werden im Süden wie im Rorden hingerichtet: mit den Sowjets ist es in China vorläufig vorbei, seitdem beide Teile einsahen, daß der andere ihn auch materiell nur ausnuhen wollte. Als neuer Führer des geeinigten Südens wird der alte „gemäßigte" — ungewöhnlich klug und vorsichtig war er immer — Tangschenschi genannt und als Grundlage der Einigung: Fernhaltung der Kommunisten, Anerlennung der Prinzipien Dr. Suns und Reorganisation der Partei auf den Standpunkt vor Beginn der Konflikte, d. h. der russischen Einflüsse und des Kriegszugs aus Kanton heraus nach Rorden.
Ob Ranking oder Hankau, ist dabei wirklich Rebensache. Auch in Peking ist es auf die Dauer nicht der Art, nicht das Symbol, sondern die Person, genauer: ihre Materie: poetisch aus- gedrückt: die Frage des sorglichen Vormundes in Lessings Lustspiel „Der Schatz": „Lind was bringt sie mit?“ Sicherlich wird auch China einmal als Volk fragen und als Volk antworten. Ranking aber bedeutet noch keine Dolksfrage, sondern nur einen Binnenhafen und 60 Quadratmeilen bebaute Hügel samt fruchtbaren Feldern.
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An den Ruinen der
Von unserem ni (Rachdruck: auch mit Quellenangabe, verboten.) Odessa, 18. September 1927.
Als ich in Simferopol, soeben mit dem Zuge aus Moskau anfommenb, den auf dem niedlichen blauen „Fiat" residierenden Chauffeur ansprach, und ihm eine Fahrt nach Jalta vorschlug, sah er mich groß an, als ob er baran zweifelte, mich richtig verstanden zu haben. Diele kommen von Jalta, aber hinein ins Unglück?! Mit Austoand meiner ganzen Redekunst ließ er sich schließlich dazu bewegen und in schnellem Tempo ging die Fahrt die prachtvolle Chaussee entlang, die noch in der „guten alten 3eit“ in der sonst landstraßenarmen Halbinsel speziell mit Rücksicht auf die häufigen Besuche des Zaren gebaut wurde. Wer sich des in den vom Kriege besonders heimgesuchten Orten Erlebten noch entsinnen kann, wird hier durch die toiedererstcmv- denen, vergessen geglaubten furchtbaren Bilder der Zerstörung erschüttert. Einem Feldlager gleicht die noch gestern blühende, Leben, Sonne und Frohsinn spendende Gegend. Auch heute noch scheint die Ratur sich des gespielten Streiches zu freuen und in harmloser Unschuld spielen die Sonnenstrahlen friedlich in den Wellen und in der klaren Gebirgsluft, als tocrm nichts passiert wäre.
Der Anblick, den die zu beiden Seiten an uns vorüberlaufenden Dörfer und Siedlungen bieten, mutet trotz des Ernstes des Geschehens tragikomisch an. Plätze, Gärten und Höfe sind zur provisorischen Unterkunft her gerichtet worden. Die Hand des Schicksals hat die sozialen Unterschiede oerwischt, nebeneinander haust unter freiem Himmel der tatarische Dauer mit dem hier Erholung suchenden reichen Repmann, im Durcheinander sind Betten Teppiche, verschiedener Hauskram in den Gemüsegärten und auf den Blumenbeeten etabliert, das Pferd, die Schweine, Säuglinge in ihren Körben — ein wahres Zigeuner-Tohuwabohu. Heber all dem liegt eine einzige, alle Sinne und Gefühle verwirrende Stimmung, eine Rervosität, tote sie kaum vorstellbar ist, Rervosität bis zur äußersten Spannung, die mit einer verzehrenden Empfindsamkeit verbunden ist. Das leiseste Geräusch
ruffifchen Riviera.
-Berichterstatter.
hallt in allen Herzen wieder, alles horcht auf, spitzt die Ohren, und das Herz geht hoch, instinktiv wirst man sich (zu Boden und verharrt in minutenlanger zum Zerplatzen gespannter Erwartung.
In Jalta angelangt, ist mein erster Weg zum Telegraphenamt. Ich kenne das niedliche, für anspruchsvolle Kurgäste eingerichtete Amtsgebäude und begebe mich mit einer von mir nachher selbst belachten Selbstverständlichkeit dorthin. Schwarze Löcher, die auf frühere Fenster deuten lassen, starren mich an. Die nicht aus- geschlafenen, vor Müdigkeit fast zusammenbrechenden, jedoch mit der Miene fester Entschlossenheit arbeitenden Telegraphen-Beamten haben sich aus einem benachbarten Hügel niedergelassen, eine provi soris che Antenne eingerichtet und in aufopfernder Selbstlosigkeit halten sie den Ansturm der verhetzten, in ihrer Ungeduld launenhaften Kindern gleichenden Menge stand.
Das äußere Bild oon Jalta übertrifft alle noch so peffimistischen Vorstellungen. Es ist nicht übertrieben, zu behaupten, daß nicht ein einziges Haus heil d a v 0 n gek 0 m m e n ist. Man hat die Wohnungen in der ständigen Furcht vor neuen Erdstößen verlassen, man haust in den Gärten, möglichst weit von den gefährlichen Mauern weg. Die in fieberhafter Tätigkeit hastende dreigliedrige Kommission. die tn Verfolg des Gesetzes über außerordentlichen Zustand eingesetzt wurde, hat bereits in den ersten zwei Tagen ihrer Arbeit feststellen Idimen, daß über die Hälfte der sich in Jalta befindenden Wohnungen als für längere Zeit zum Wohnen voll- ständig unbrauchbar zu gelten hat. Aber auch alle übrigen Wohnungen, Häuser und Gasthäuser können frühestens, eine sofort beginnende Aufbauaktion vorausgesetzt, in zwei bis drei Monaten wieder bezogen werden In Anbetracht des vorrückenden Herbstes mit seinem regnerischen Wetter und nassen, kalten, vom Meer her kommenden Winden ist die Situation der Bevölkerung die denkbar ungünstigste. Di? Lag« wird noch dadurch erschwert, daß im Gegensatz zu den zugereisten sich zur Kur befindenden Gästen, die nur von einem einzigen Gedanken — flüchten! — beseelt find, die ortsansässige
Aristokraten, Clowns und Freunde.
Don Paul Eipper.
„Der Hund ist die merkwürdigste, vollendetste und nützlichste Eroberung, die der Mensch jemals gemacht hat. Er ist das einzige Tier, das dem Menschen über den ganzen Erdboden gefolgt ist , so sagt Friedrich Cuvier und umreißt damit die Wesensart dieser Tiergattung, die schön, edel, treu, gehorsam, mutig und dankbar ist, der wahre Freund des Menschen.
Ja, seine Angewöhnung wird bisweilen Selbstverleugnung: daher kommt es, daß manche Tierfreunde das Kahengeschlecht vorziehen, weil seine Vertreter selbstbewußter sind als der „kriecherische, schwanzwedlerische, um Gunst buhlende Hund". Diese Menschen vergessen aber, daß der Hund sich nur seinem Herrn gegenüber so benimmt, und daß gerade der gehorsamste Hund Fremde oder gar Feinde wütend an greift. Und noch eines haben Hunde den Katzen voraus: sie sind klug, denkend, mit großer Erinnerungskraft begabt.
Es gibt eine umfangreiche Literatur über den Hund. Thomas Mann hat in seiner Idylle „Herr und Hund" unserem Lebensgefährten ein schönes Denkmal gefetzt: in Svend Fleurons neuestem Tierroman „Sigurd Torleifsons Pferde" spielt der rote Köter „Schnell" die Hauvtrolle auf dem isländischen Bauernhof. Und jeder Leser hat selbst die eine oder andere Erfahrung mit Hunden gemacht: staunenswer"«, rührcn_e, komisch- lustige. Einige solcher Einzelbevbachtungen seien H darum auch hier notiert.
Kajta ist ein Darsoh, ein schwarz und weiß gefleckter Wolfswindhund. Fast achtzig Zentimeter hoch, mit seidenweichem Fell, unerhört vornehm.
Eines Abends im Karneval nahm ihn die Herrschaft mit auf ein privates Fest. Er legte sich, der vielen Liebkosungen müde, bald irgendwo zur Ruhe nieder, fand aber bei der lauten Fest- musik wenig Schlaf. Und war höchst ungnädig, als ihn feine Herrin um sechs Ühr auffvrderte, mit ihr heimzugehen. Eine V.ertelslunde spaz erte die Gesellschaft durch die frische Luft des Märzmorgens, Kajta blieb dauernd ein paar Schritte zurück und stand vor jedem Auto still, das vor-
überkam. Umsonst, ausgerechnet zu so unmöglicher Stunde wollten die komischen Menschen spazieren gehen.
Da — die Herrin schrie auf — Kajta lahmt, hinten links. „O weh, schnell ein Auto!" Kajta hinkt mühselig in die Limousine, legt sich auf den Fußteppich und — schläft. Als das Auto vor der Wohnung hält und Kajta aufgefordert wird, auszusteigen, stöhnt er. Gegen Lockungen, Kommandos unb scharfe Zurufe blieb er gefühllos, der Chauffeur und der Hausherr mußten das große Tier aus dem Wagen heben und bis zur Haustüre tragen.
Dann sprang Kajta elegant und ohne die kleinste Spur von Hinken die fünf Treppen hinauf ins Atelier, schlief bis zum späten Rachmittag und — wurde nie mehr auf einen Ball mitgenommen.
In Friedenau lebt eine junge Wolfshündin bei einer Familie, deren Wohnung zu ebener Erde liegt. Als am Silvester die Glocken läuteten und jene stille Privatstrahe plötzlich von fröh- lich-lauten Stimmen widerhallte, sprang „Hexe" durchs offene Fenster hinaus, um „dabei" zu fein.
Im gleichen Augenblick wurde von trgenb- woher ein Feuerwerks körper auf den Bürgersteig geschleudert und, wie es der Zufall so will, der „Frosch" knallte ausgerechnet unter dem Leib der „Here" los. .
Das nervöse junge Sier sprang senkrecht tn öie Luft, drehte sich halb irrsinnig ein paarmal im Kreis und rannte, auf keinen Zuruf seiner Herrin hörend, wie von Furien gehetzt davon, in der Richtung nach Berlin. Die Dame des Hauses die Kinder, das Mädchen, selbst die Großmutter beteiligten sich am Suchen und Locken: endlich um hall» vier Uhr in der Rächt, ging die Hausfrau weinend zu Bett — der Hund war nicht wiedergekommen.
2lni Reujahrstag um die Zruhstucksstunde telefonierte ein Bekannter, der weit draußen in Steglitz wohnt, fast eine Stunde Wegs von jener Familie entfernt. Dor seiner Korndorture hatte der Hausmeister am Morgen die Wolfs- Hündin gefunden, zitternd und abgehetzt Das Tier das ja in der Richtung Berlin entlaufen war,' mußte, um nach Steglitz zu kommen einen weiten Dogen über mehrere Strayen geschlagen haben.
Weshalb aber lief es dorthin? Fünfviertel Jahre zuvor hatte man die Hündin, damals ein Tier von wenigen Wochen, aus Steglitz geholt, aus jener Wohnung, wo sie mit zwei anderen Welpen von ihrer Mutter gesäugt worden war.
„Hexe", die schöne große, saß während der Erzählung hinter ihrer Herrin auf dem gleichen Stuhl, den Kopf auf die Schulter der Dame gelehnt. Sie verstand jedes Wort und weinte ganz leise — in der Erinnerung. Dabei schrieb man an jenem Abend den 24. Januar.
Ein interessantes Sier ist die fromme Helene. Sie heißt eigentlich „Waldine", ist ein Riesendackel und haust in einer kleinen toürttembergi- schen Oberamtsstadt. Jedes Jahr wirft sie drei oder vier Jung« und jedes Jahr ist's eine andere Rasse. „Aus Gutmütigkeit kriegt sie ihre Kinder", meint der Hausherr.
„Waldine" hat schweren Atem, schwer herab- hängcnde Ohren und einen sehr schweren Leib. Kein Ruhelager ober ist so weich tote die große Chaiselongue im Lesezimmer. Und sobald auch nur für einen Augenblick die Süre offensteht, dann trottet sie in tiefster Gottergebenhei, gesenkten Hauptes, aus dem Korridor herein, so. als könnte sie nicht bis fünf zählen, und schleicht sich zu dem verbotenen Plätzchen.
Der Hausherr, der ein großer Sierbeobachler ist. behauptet, „Waldine" sei besonders klug und verstehe jedes Wort. Zum Deweis macht er sich manchmal folgenden Spaß.
Er tut, als sähe er gar nicht, tote „Waldine" ins Zimmer schlüpft, unterhält, sich arglos weiter mit seiner Frau und sagt im gleichen Tonfall: „Gewiß, der Apfelkuchen war sehr gut. Diese falsche Person, jetzt pirscht sie sich wieder nach der Chaiselongue." Dabei hat sich seine Stimme nicht um eine Spur verstärkt.
„Waldine" aber senkt, wie von el^trischer Hochspannung getroffen, jäh das Schwänzchen, dreht sich auf der Hinterhand herum und geht hinaus aus dem Zimmer — schweren Atems, mit schwer herabhängenden Ohren und mit ihrem sehr schweren, rundlichen Leib.
Eine hübsche junge Dame lag an der Ostsee. In ihrem Arm schlief, eingekuschelt in den toarmen Sand, Kicki, der kleine feuerrote Griffon. Da sausten vom Kurhaus die Freunde heran,
Devölkerung von einer merkwürdigen Apathie befallen ist und -In ihrer Unbeholfenheit bei iahe gelähmt erscheint.
Die Schwere des Unglücks ist weniger in den Folgen der Katastrophe zu suchen als in dem furchtbaren Gefühl der Ungewißheit für gar nicht absehbare Zeit. Die Erdstöße wiederholen sich täglich mehrere Male und wollen kein Ende nehmen. Die Größen der russischen Geologie sowie di« Leiter der seismegraph.scheu Institute sehen der Zukunft mit großer Desorg- nis entgegen. Es werden sogar Stimmen laut, nach welchen das Deben unter Umständen in häufigen Wiederholungen jahrelang dauern kannl So meint der berühmte Geologe, Professor Obrutschow, daß der tektonische Charakter des Erdbebens eine dreijährig? Dauer des Prozesses der Gebirgsbildung und der damit verbundenen Deben befürchten läßt. All dies trägt natürlich zu dem gewaltigen Riedergeschlagenfein der Devölkerung bei.
Die materiellen Schäden auf kulturellem Gebiete werden sich auch kaum ersehen lassen. So ist zum Deifpiel das berühmte Sch loß des Ich en Zaren in Livadia zum großen Teil zerstört worden. Die Hauptfassade des Schloßes tonst starke Risse auf und gibt zu ernsten Besorgnissen besonders in Anbetracht der sich mögl'.chertoeiie noch wiederholenden Erdstöße, Anlaß. Dee Hos- marschall-Flügel des Schiostes ist vollständig ein» Stürzt, ebenso das anschließende Gebäude, in die persönliche Kosakenwache des Zaren untergebracht war und in welchem sich während des Einsturzes eine herzzer eiß nde 63me ereignete. Dort war im zweiten Stock eine Gruppe Tuberlulosekranker untergebracht, und als sie des Rachts durch den gewaltigen Erdstoß aufgeschreckt, sich in: Freie flüchten wollten, fanden sie die Ausgi c e bereits ver - schüttet, und in ihrer Verzweiflung sprangen einige von ihnen aus de n Fenster. Drei fanden, beim Abspringen den Tod, acht sind schwer vei letzt worden, während zwei Kranke drinnen verschüttet wurden. Ein anderer besonders tragischer Fall ereignet? sich im Gebirge Ai-Petri in der Rähe von Jalta, wo e i n e G r u p p e B e r g fteiger vom Beben überrascht wurde. Sie fühlten plötzlich den Boden unter sich verschwinden und sahen einen gewaltigen Berg auf sich herab- stürzen. Welch erschütterndes Erlebnis das ge* wesen sein muß, davon zeugt ein 28 ährig - Ingenieur, de f ,1 Haare in. dem einen Mom:n vollständig Wei geworden sind.
Ich schiffte mich auf einem Dampfer eu; um nach Odessa zu gelangen. Was sich auf der übrigens furchtbar mitgenommenen Mole Jal.as abspielte, läßt sich kaum schildern. Einige taufeni Menschen stürzten sich wild auf das zum Dampfer führende schmale Brett, von dem einzigen Gefühl der Rotwendigkei:, sich in Sicherheit zu bringen, besessen. Einige stürzten ins Wasser, ohne daß ffch andere darum kümmerten, und als der Dampfer sich in Bewegung setzte, ging von all denen, die sich einen Platz erobert hatten, ein Seufzer der Erleichterung aus. Erst in Odessa angelangt, festen Boden unter sich spürend, begannen die Geflüchteten allmählich Ruhe und Besonnenheit wiederzugewinnen.
Rundfunk-Programm
des frankfurter Senders.
(Aus der .Radio-Umschau".)
Samstag, 24. September.
15.30 bis 16.00: Die Stunde der Jugend. 16.30 bis 17.45: Heber.raguv.g von Kassel: E.ne musikalische Teestunde. 17.45 bis 18.05: Die Lese- stunde. 18.45 bis 19.15: Der Briefkasten. 19.15 dis 19.45: Stenographischer Fortbildnngskursus für Anfänger und Fortgeschrittene (Diktat von 80 Silben aufwärts). 19.45 bis 20.15: Stunde des Frankfurter Bundes für Volksbildung: „Orang-Utans", Vortrag von Richard Wieschke. 20.15 bis 21.30: Übertragung von Kassel: Sinfoniekonzert des Funkorchesters. Anschließend bis 0.30: Übertragung von Kassel: Spätkonzert: Alter und neuer Tanz.
jagten die beiden auf, so daß Kicki wütend bellte, und zogen die junge Dame mit sich ins Wasser hinein.
Das Heine, rostfarbene Lockenknäuel lief aufgeregt am Strand entlang und sprang jedesmal entsetzt zurück, wenn eine winzige Welle heran- schlug. Kicki war sehr wasserscheu. Da machte sich das Fräulein einen Spaß. Sie war etwa fünfzig Meter weit geschwommen, warf plötzlich die Arme in die Höhe und schrie ganz jämmerlich: „Hilfe, Kicki, zu Hilfe!" Ich saß im Strandkorb nebenan und sah, wie plötzlich der zwergische Zierhund stehen blieb, erstarrte. Roch einmal rief die Herrin, noch kläglicher. Da sauste wie ein Wiesel Kicki über Stein und Sand mitten ins Wasser und schwamm, schwamm, keuchend, bloß die kleine, schwarze Schnauze ragte über den Meeresspiegel. Rasselnd ging sein Atem und seine kleinen Füßchen trieben ihn schaufelartig vorwärts.
Endlich, ich wollte schon dazwischentreten, denn in den nächsten zwanzig Sekunden mußten seine Kräfte aussehen, endlich kam die Dame auf den Hund zugeschwommen. Lachend trug sie den kleinen Lebensretter aufs Trockene, wo er mit angeklatschten Haaren wie eine klapperdürre Ratte fror und zitterte. Aber das weiß ich, er wäre ohne Bedenken ertrunken bei der Ausführung seines Vorsatzes, und sicher hatte er in seinem ganzen Cefen niemals eine Schwimm- betoegung aus geführt.
Roch viel wäre zu erzählen, von jener schneeweißen Dogge, die einen untadeligen Stammbaum hat bis hinauf zum Urururgroßvater: vom milchweißen ungarischen Kuwashund: von Herkules und Tipse, den rehbraunen Zwergdackeln: von Fips, dem hysterischen Rehpinscher, der nur noch einen Zahn im Munde hat und rührend lieb ist zu den Töchtern des Hauses.
Alber wo bliebe dann Chow-Chow, der tibetanische Spitzerhund, der heilig ist und Leichen frißt. Er sieht aus tote ein Lötoe und hat eine blaue Zunge. Wo bliebe der Airdale-Terrier, der so stolz ist auf seine Kniffe, tote er sich vor unangenehmen Verrichtungen drückt.
Genug, jedermann schreibe sich selbst seine Erlebnisse mit Hunden ins Herz.
„Durch den Verstand des Hundes besteht die Welt": dieses Wort findet man im Zend-Avesta, einem der ältesten Bücher der Menschheit.


