Ausgabe 
23.3.1927
 
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Nr. 69 Zweites Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheffen)

Mittwoch. 25. März 192t

Das Vorspiel zum lvelttrieg im Grient.

Don Dr. Gustav 9t o (o f f, o. Prosesior der Geschichte an der Umoersitat Gieren.

Seit einigen Wochen liegt der Schluß der arohen deutschen Aktenpublikation über die Vorgeschichte des Weltkrieges vor (im Derlog der Deutschen Der- lagsgeseUschasl für Politik und Geschichte in Berlin). 3e mehr sie sich dem Kriege näherte, desto mehr schwoll da» Material an und desto umfangreicher mußten die einzelnen Kapitel werden- so sind der Spanne von Ende 1912 bis Februar 1914 acht starke Bände, ungefähr ein Fünftel der ganzen Publika­tion. die die Zeit von 18711914 umfaßt, gewid­met. 3e mehr die Spannung zwischen den Groß- machten flieg, desto zahlreicher und wichtiger mür­ben eben die Probleme: lange internationale Ver­handlungen waren fortgesetzt notwendig, und diese sind in ihren unaufhörlichen Wendungen nur zu verstehen, wenn man eine beträchtliche Aktenmasse vor Augen hat. Um so umfangreicher muhte die deutsche Veröffentlichung werden, als auch die an- deren Nationen in den verschiedenen Buntbuchern bereit» mancherlei Material allerdings nicht nach objektiven historischen, sondern ausschließlich poli­tischen Gesichtspunkten publiziert hatten: die deutsche Publikation mußte darauf eingehen, um nicht ein einseitiges Bild zu Deutschlands Ungunsten entstehen zu lassen.

Das erste Problem, das die neuen Bände behan­deln, ist der Ausgang des B a l k a n k r i e g e s von 1912, dessen Entstehung wir srüher kennen gelernt haben. Er stellte die Mächte vor eine Fülle von Aufgaben: nur die c'Jerroid)tieften Fragen können wir versuchen, mit einigen etridjen festzuhalten, es wird aoer dabei schon manches Licht auf die kommenden Ereignisse fallen.

Bekanntlich erlag die Türkei wider Erwarten schnell den Anstrengungen des slawisch-griechischen Dalkanbündnisses, und die Großmächte mußten nun nach Abschluß einer Waffenruhe (Anfang Dezem­ber) versuchen, nachdem sie den Krieg nicht hatten verhindern können, wenigstens ihre Interessen bei der Neuordnung der Dinge im Frieden zur Gel­tung zu bringen. So wollte Rußland nicht dulden, daß Bulgarien nach Konstantinopel griff; Oester- reich und Italien wollten dos Vordringen ber Bai- konstanten, insbesondere Serbiens, nach dem Adria­tischen Meere verhindern und forderten deshalb die Errichtung eines unabhängigen Staates Alba nlen, um diese türkische Provinz vor den Siegern zu retten. Im Gegensatz dazu unterstützte Rußland »Serbiens Wünsche nach odriatischem und albanischem Gebiet, um dies Land, den eifrigsten Vertreter pari- slowistisch-russischer Politik auf der Balkanhalbiniel, zu frättigen, während es Bulgarien, dos sich für Petersburger Weisungen weit weniger empfänglich gezeigt hatte, zu hemmen suchte und deshalb u. n. Saloniki, den Zankapfel Zwischen Bulgarien und Griechenland, den Griemen ausliesern wollte. Die Türken wollten natürlich aus dem großen Schiff­bruch retten, was noch zu retten mar und fehlen ihre Hoffnung nach alter Weise auf langes Hin­ziehen der Friedensverhandlungen in der Erwar- tung, daß die Sieger auf die Dauer nicht einig bleiben und die Großmächte ihren hohen Forderun­gen im eigenen Interesse entgegentreten würden. Für den europäischen Frieden war namentlich die ierbisch-adriatische Frage von größter Bedeutung. Oesterreich konnte hier unmöglich nachgeben. Da Serbien bereits seit einem Jahrzehnt eine Politik der systematischen Feindschaft gegen die Donau- Monarchie verfolgte, insbesondere die serbische B< Dölferung Bosniens und Ungarns aufzuwiegeln strebte, hätte die Festsetzung am Abriatischen Meere diesem Feinde eine neue Offensivstellung verliehen; mehr als einen schmalen Zugang mit einem Han­delshafen wollte daher Oesterreich auf feinen Fall zuges'ehen. Ebensowenig wollte es die erhebliche Verstärkung Montenegros, des anderen feindlichen Nachbarn und russischen Vasallen, auf Kosten Alba­niens gestalten. Di« Abgrenzung des neuen Staates muhte somit große Schwierigkeiten ergeben; ohne Ausgleich zwischen dem serbensreundlichen aggref- siven Rußland und Oesterreich, bas von Italien un­terstützt wurde, konnte der Friede nicht gewahrt bleiben.

Der Friede hing also in erster Linie von Ruß­land ab, das sich in einem schweren Dilemma befand. Für einen Krieg war es noch nicht völlig gerüstet. Noch fehlte viel an der Vollendung des strategischen Bahnsystems im Westen, wofür sich PoincarL so

lebhaft interessierte; noch waren keineswegs alle Waffenfähigen wirklich ausgebildet. Endlich konnte man wohl unbedingt auf die Hilfe Frankreichs, nicht aber auf die England» rechnen. Aus der anderen Seite brachte die Preisgabe Serbiens, das man selbst zu seinen großen Ansprüchen ermuntert hatte, die Gefahr mit sich, daß sich die serbische Nation und ber balkanische Panslawismus überhaupt von Rußland abwendete. In Rußland selbst forderte die öffentliche Meinung stürmisch die Erfüllung der ser­bischen Wünsche: sie sah darin eine Etappeoorbe- reitung zur Auseinandersetzung mit den Mittel mach- len und ber Zertrümmerung Oestereichs. Die Be benfen, die der Regierung einen sofortigen Bruch verboten, spielten für die unverantwortlichen Poli­tiker in der Duma, in der Presse und den pansla­wistischen Vereinen keine Rolle. Sasonow, der Mi­nister des Auswärtigen, sucht zwischen den Klippen hindurchzukommen: er wollte von Oesterreich mög­lichst viel für Serbien erhandeln, gleichzeitig aber den Serben klar machen, daß sie sich einstweilen mit dem Erreichbaren, etwa einem Handelshafen, be­gnügen und das weitere der Zukunft überlassen sollten: die Hauptsache sei, entwickelte er dem ser­bischen Gesandten, Oesterreich zu erschüttern und später zur rechten Zeit bas übrige nachzuholen. Die Zukunst gehöre den Serben. Also mit anderen Worten: einstweilen Ruhe, bis Rußland gerüstet fei, das Signal zum Angriff zu geben. Mit dieser Politik kämpfte Sasonow gegen zwei Fronten: gegen Oesterreich-Italien und gegen die panslawi­stische Demagogie im eignen Hause, die ihm täglich Vernachlässigung der slawischen Interessen vorwarf.

Besonders schwierig wurde die Lage, als Oester­reich infolge serbischer Drohungen sich gezwungen sah, seine Truppen an der Südostgrenze zu velstar- ken und Rußland ein Vorspiel zum Juli 1914 hieraus den Anlaß entnahm, seine Truppen in den an Oesterreich angrenzenden Gouvernements in ganz unoerhältnismäßiger Weise durch Reser- oisteneinziehungen zu vermehren und dadurch Oesterreich wieder zu Gegenmaßregeln in Galizien trieb (November-Dezember 1912). Wenn schon hier­durch die Kriegsgefahr näher ruckte, so kamen noch andere Möglichkeiten hinzu: der Gegensatz zwijchon Griechenland und Bulgarien über Saloniki, die Wei­gerung der Türken, Adrianopei abzutreten und an­dere lokale Differenzen ließen die Wahrscheinlichkeit eines neuen Balkankrieges entstehen, in den Ruß­land von den Panslawisten zum Eingreifen gedrängt wurde. Eine derartige Aktion konnte aber unbe­rechenbare Folgen nach sich ziehen.

Inmitten dieser Gefahren hat Deutschland mit Energie und Klarheit für die Aufrechterhaltung des Friedens gewirkt. Auf sein Betreiben beschlossen die Großmächte eine Botschaslerkonscrenz nach London, unter Vorsitz des englischen Ministers Grey, zu be­rufen, um hier ein gemeinsames Programm für die Neuordnung des Balkans aufzustellen. Damit war ein vorläufiger Erfolg erreicht. Durch die gegen­seitige Aussprache konnte die Gefahr, daß eine Macht, etwa für sich allein ober un Bunde mit Bal- konstanten Friedensziele, die für andere unerträalidj waren, verfolgte, gemindert werden. Aus der Kon­ferenz hat dann Deutschland weiter schlichtend ge­wirkt. Es Hot einerseits Oesterreich dringend ge­raten, in der Frage der Abgrenzung Albaniens, den Wünschen der Serben und Russen entgegenzukom- men, wo österreichische Lebensinteressen nicht be­troffen würden, andererseits hat es keinen Zweifel gelassen, Oesterreich In seiner gerechten Selbftoer- teibigung bis zum äußersten unterstützen zu wollen, und namentlich Grey immer wieder empfohlen, einen mäßigenden Einfluß auf Rußland auszuüben. Seine Aufgabe wurde dadurch erschwert, daß Grey grundsätzlich mehr auf russischer als österreichischer Seite stand und ber deutsche Botschafter, Prinz Lich- nowsky, ber seinem Namen später einen so Übeln Klang verschafft hat, dessen Haltung nicht durch- schaute unb im Glauben an seine Unparteilichkeit sich von ihm im antiösterreichischen Sinne beein­flussen ließ. Das Auswärtige Amt, bas die Dinge klarer übersah, mußte ihn einmal geradezu mahnen, die Dreibunbsintereffen nicht zu vernachlässigen, da­mit Deutschland nicht mit seinen Bundesgenossen ferfaUc und schließlich isoliert unter russischen und ranzösischen Druck gerate. Herrschte auf englischer Seite Lauheit, so auf russischer Seite ausgesprochene

Illoyalität Um die Wende des Jahres 1912 wurde auf der Konferenz von der Entente vorgeschlagen, die Pforte durch eine internationale Flottendemon- ftration zur Abtretung Adnanopels zu drängen, aber die deutsche Regierung bekämpfte Die Idee so­gleich als durchaus ungeeignet: eint solche halbe Maßregel werde nur den Spott der Türken heraus- fordern: wenn man etwas durch Zwang erreichen wolle, müsse man schon zum $ombarbement Kon- stantinovels schreiten, aber das werde alle Christen in ber Türkei einem Massaker aussetzen. Die Kabi­nette sahen die Richtigkeit ber deutschen Bemerkun gen ein und ließen jenen Gedanken fallen, aber die russische Regierung verbreitete trotzdem in Konstan­tinopel, Deutschland habe sich für Zwangsmaß. regeln ausgesprochen, um einen «teil zwischen die Pforte und Deutschland zu treiben. Ebenso juchte Rußland Zwietracht zwilchen Rumänien unb Oesterreich zu säen, als es sich darum handelte, einen Ausgleich zwischen Bulgarien und Rumänien, das eine Kompensation für die Vergrößerung seines Nachbarn verlangte, zu finben.

Aller dieser Hindernisse ungeachtet gelang es doch, die Großmächte so weit zu einigen, daß die Grenzen Albaniens ungefähr festgestellt werden konnten. Serbien mußte auf die Erwerbung eines Kriegshasens und Montenegro auf Shitari verzich- tcn: Rußland unb Oesterreich konnten allmählich mit der Abrüstung beginnen. War hiermit die Haupt- kriegsgesahr zunächst behoben, so sand die miet- nationale Diplomatie doch noch viel Arbeit, denn die Pforte blieb in der Abtretung Abrianopels un­nachgiebig. Wie in Rußland wurde die Regierung von der fanatisierten Menge vorwärts gedrängt, nur war hier die Regierung schwächer: ein jung­türkischer Tumult sturzic das Kabinett und erzwang die Einsetzung eines Ministeriums, das unter dem Druck ber Straße alle Forderungen der Großmächte ablehnte. Mit dürren Worten gab der neue Groß- wesir dem deutschen Botschafter zu, daß seine Poli­tik töricht sei, denn ber Besitz Adnanopels bilde keine Lebensfrage für den türkischen Staat unb sei auch gegen einen neuen Angriff nicht zu halten: aberer |ei vom Volke und der Armee nur deshalb zur Regierung berufen worden, weil man von ihm er­warte, daß er Adrianopei nicht aufgebe". Diese De* inagogenpotitif erreichte in der Tat, daß die Balkan ftaaten den Waffenstillstand kündigten, unb daß ein neuer Krieg mit neuen Mißerfolgen für die Türkei begann (Februar 1913).

Die Vermittlungstätigkeit ber Mächte, insbefon- bere Deutschlands, trat damit in eine neue Phase: es galt die Einmischung anderer Mächte zu ver­hindern und einen endlichen Ausgleich unter alletz Balkanstaaten zu suchen.

50 Jahre Landwirtschaftliche Schule in Alsfeld.

> AlSfeld, 22. Mürz. Gestern beging bie hiesige LandwirtschaftSschule die Feier ihres 50jährigen Bestehens mit einem Festakt, der im großen Saale des .Deutschen Hauses" statlfand, zu dem sich eine große Anzahl ehemaliger Schüler eingefunden hatte. Unter den Ehrengästen bemerkte man den Präsidenten liebel vom hessischen Arbeits- und Wirtfchastsministe- rium, die Dertreler der Landwirtschastskammer und deS Landwirtfchaftskammerausschusses für die Provinz Oberhessen, den Bürgermeister der Stadt Alsfeld, die Dertreter der Alsfelder Schulen und von anderen Landwirtschaftsschulen in Hessen, sowie verschiedene frühere Lehrer der Änstalt Aach dem Vortrag der Ouvertüre zuEgmont" von Beethoven durch das Alsfelder 3ugcnb- orchester unter Leitung von Lehrer Dotter und einem Schülerchor hielt .Kreisdirektor Dr. Stamm- l e r eine herzliche Begrüßungsansprache, die leb­haften Beifall fand. Alsdann folgte die Festrede deS Direktors Becker- Alsfeld, der Leiter der Schule ist. Die Festrede behandclte die Entwick­lung der deutschen Landwirtschaft und des land­wirtschaftlichen Schulwesens unter besonderer Be­rücksichtigung der großen Verdienste des land­wirtschaftlichen Aeformators Prof. T h a e r und des Chemikers v. Liebig. Zum Schlüsse gab der Aedner einen Ueberblick übet die Geschichte der Alsfelder Schule und ihre fortschreitende Entwicklung. An die beifällig ausgenommene Aede schloß sich die Entgegennahme der Glückwünsche, welche von den Vertretern der Staatsregierung,

Goethe und Beethoven.

Don Prioatdozenten Dr. Ienisch.

Man kennt die Szene in Teplitz, die Bettina schil­dert, jene Szene, die zwar von Bettinas Phantasie erfunben, doch sehr gut und treffend erfunden ist. Auf der Kurpromenade begegnen sie einander: Goethe inmitten ber Hofgesellschaft höflich unb höfisch, und Beethoven genialisch formlos. Wenige Tage später umschreibt bann Goethe den Eindruck, den Beethoven auf ihn gemacht hat, mit dem be­kannten Worte von seinerganz ungebändigten Per- sönlichkeit". Konnte Goethe in seiner tiefen 23er- ehrung für alles Gesetzhafte, für Zuchr und Maß, für sinnbildliche Ordnungen und Ucbcrliefcrungen in Beethovens unwirschem unb ungebärdigem Auftreten etwas anderes sehen, als einen Mangel an Achtung vor diesen Mächten unb einen Mangel an Distanz­gefühl unb guten Manieren? Und war Beethoven auf ber Kurpromenade in Teplitz nicht in der Tat Titan am falschen Platze? Wenn er später einmal schreibt:Goethe besagt die Hofluft zu sehr, mehr als es einem Dichter ziemt. Es ist nicht viel mehr über die Lächerlichkeiten ber Virtuosen hier zu reden, wenn Dichter, die als die ersten Lehrer der Nationen angesehen fein sollten, über diesen Schimmer alles andere vergessen können", so sah er Goethe falsch. Nicht der glänzende Schimmer des Hoflebens war es, der Goethe anzog und blendete. Nicht die Der- ehrung von Standesperfonen als solchen ließ ihn in der Hoslust leben, sondern jenes Gefühl für Ordnung nnb Distanz, das ihm titanenhaftes Aufbegehren in unwesentlichen Dingen als Zeichen von Zuchtlosig­keit unb Unreife erscheinen ließ.

Dieses erste Zusammentreffen muß also, für beide, sowohl für Goethe, wie für Beethoven eine Enttäuschung sein. Wahrscheinlich hat Beet­hoven diese Enttäuschung tiefer empfunden als Goethe. Von Iugend auf verehrte er den Dich­ter. während Goethe Beethovens Musik er ft hat kennen lernte und sich durch sie kaum er­griffen fühle. Die Berliner Staatsbibliothek be- toabrt Beethovens Exemplar der Werke Goethes auf. Zahllose Bleistiftstriche am Bande, manch­mal zwei, drei, vier nebeneinander, bezeugen, wie intensiv Beethoven in diesen Büchern las. Schon

als Zwanzigjähriger,, als Kapellmeister in Bonn, komponierte er Lieder aus GoethesJahrmarkts- fest in Plundersweilern" undClaudine von Villa Della". Dann entstanden jene Komposi­tionen Goethescher Lieder, in denen der Genius der beiden größten Deutschen sich durchdringt: die Vertonungen des Italienliedes Mignon, der Wonne der Wehmut", des ..MailiedeS" und manche- anderen Gedichtes. Es entstand das ChorwerkMeeresstille und glückliche Fahrt", und es entstand die Musik zuEgmont". die Beethoven, wie er selbst sagte, nur aus Liebe zum Dichter geschrieben hatte. Unb noch einen anderen großen Plan hegte Beethoven als Le­benswunsch in sich, den Plan einer Faust-Musik. Ich schreibe nur das nicht, was ich am liebsten möchte, sondern des Geldes wegen, was ich brauchte. .. Ist diese Periode vorbei, so hosse ich endlich zu schreiben, was mir und der Kunst das Höchste ist Faust!", so sagte Beet­hoven 1822 zu Rochlitz, und noch auf seinem Sterbebette dachte er an eine Komposition des ..Faust".

Endlich im September 1811 wagte eS der ver­schlossene Beethoven, sich Goethe persönlich zu nähern. Er sandte ihm durch den Grasen von Oliva einen Brief, in dem er dem Dichter feine Bewunderung bekennt.Bettina Brentano hat mich versichert, daß sie mich gütig, ja sogar freundschaftlich aufnehmen würden. Wie tonnte ich aber an eine solche Aufnahme denken, in­dem ich nur im Stande bin. Ihnen mit der größten Ehrerbietung, mit einem unaussprech­lichen tiefen Gefühl für Ihre herrlichen Schöp­fungen zu nahen. Sie werden nächstens die Musik zu Egmont von Leipzig durch Breitkopf und Härtel erhalten, diesen herrlichen Egmont, den ich, indem ich ihn ebenso warm als ich ihn gelesen, wieder durch Eie gedacht, gefühlr und in Musik gesetzt habe. Ich wünsche Ihr Ur­teil darüber zu wissen, auch der Tadel wird mit für mich und meine Kunst ersprießlich sein, und so gern wie das größte Lob ausgenommen werden."

Sulpiz Doisscree ist gerade bei Goethe, als Baron Oliva zu chm kommt. Er spielt ihm eine Komposition Beethovens vor. Sulpiz Boisseree

glaubt, eS sei ..Klärchens Gesang" gewesen. Lei­der berichtet et nicht, wie Goethe diese Musik ausgenommen hat. Zu einem anderen Besucher bat er sich sehr anerkennend über Beethovens Genie geäußert, mit dem er auf seine Inten­tionen imEgmont" eingegangen sei.

Cs war damals nicht das erste Mal, daß Goethe der Musik Beethovens begegnete. Schon vor Iahten hatte eine junge Sängerin ihm eine DeetbovenscheSzene" vorgesungen. Die mu­sikalischen Freunde Goethes, vor allem Zelter, standen Beethovens Musik zu fern, um sie Goethe nahebringen zu können. Zelter, der Beet­hovenmit Schrecken bewunderte", hatte Mit­gefühl mit seinem Schicksal, aber an seinem Schassen konnte et nicht teilnehmen. Vielleicht ist die Stellung Goethes und Zelters zu Beet­hoven nut eine Frage der Generationen: die Musik Mozarts war ihre Musik. Goethe, der in höchstem Alter Mozart noch mit Raffael zu­sammenstellt, hat einmal geäußert, fein Faust könnte mit in der Art deSDon Iuan" kom­poniert werden;Don Iuan" abersteht ganz isoliert und durch Mozarts Tod ist alle Aussicht auf etwa- Aehnliches vereitelt." Ein Wort, das Beethovens musikalische Artung verwirst und daS sein Werben um den Genius Goethes ablehnt. Mozart war Goethes musikalische Well; in der Musik hat er nie die Grenzen des Rokoko über­schritten. Ehristiane bittet Eduard Gnuschkc, den Ressen Iohanna Schopenhauers, der an VoelheS musikalischen Soireen teilnimmt, nichts von Beet­hoven, überhaupt nichts über Mozarts Zeit hinaus vorzutragen und Goethe selbst will von ihm nur Mozart hören. Bei einem Besuch in Bonn, der VeburtSstadt Beethovens, verkündet Goethe, nach- dem Marianne Willemer und Bettina Brentano und die österreichischen Freunde des MusikerS Be­geifert versucht hatten, ihm die Musik Beethovens vernehmlich zu machen, nach seinen eigenen Worten .das Evangelium Zelters'.

Auch die persönliche Bekanntschaft mit Beet­hoven hatte nicht vermocht, ihm seine Musik nahe» zubringen. Auf jenen Brief hatte er ihm sehr verbindlich geantwortet:Ihr freundliches Schrei­ben, mein wert geschätztester Herr, habe ich durch Herrn von Oliva zu meinem großen Vergnügen

der Stadt Alsfeld, der Landwirtschastskammer und den anderen Schulen ausgesprochen wurden Hierauf folgte die alljährliche Schlusiprüsung der Schüler der Anstalt, welche Zeugnis davon ab legte, welchen umfangreichen Lehrstoff die moder­nen landwirtschaftlichen Schulen zu bcttniUigcn haben. Die offizielle Feier sand ihren Abschluß mit einem gerne infamen Mittagessen, an welchem etwa 120 Personen teilnahmen. Rach dem Ellen vereinigten sich die Teilnehmer nochmals zu einem gemütlichen Beisammensein Die Alsfelder Land­wirtschaftliche Schule darf auf eine wohlge ungene. würdige Feier zurückblicken, die allen Teilneh­mern eine schöne Erinnerung bleiben wird. An­läßlich des Jubiläums hat die Schule eine ge­schmackvoll auSgestattete Festschrift herausgegeben.

Amtsgericht Gießen.

Gießen. 18. März.

Wiederum war ein Teil der heutigen Sitzung durch Verhandlungen wegen ilebcrtrc- tung von Verkehrsvorschriften durch Führer von Kraftfahrzeugen aungefüllt. In einem wenig be­lebten Stadtteil waren im September vorigen 3ab red zwei Pferde eines Transportwagens durchgegangen und zu Fall gekommen; sie hatten sich schwer verletzt. Die Ursache de« Durchbrennens wurde einem starken, von einem Motorrad, das ganz in der Nähe vorüberfuhr ausgehendem Geräusch zugelchriebeir. Der Füh­rer des Motorrades hatte sich heute zu oerant- worten. Er erklärte, wenn k>is Motorrad Ge­räusch verursacht habe, so sei eS durchaus nicht geeignet gewesen, bas Fuhrwerk bzw. Die Pjerd< zu gefährden, eS müßten noch andere Mmfläni-, mitspielen, die das Durchbrennen veranlaßt hätten. Rach der eintägigen Verordnung in her Fassung vom 28 Iuli 1926 die srüher Fassung, die nur eine vermeidbare Ver­ursachung von zu starkem Geräusch unter Straf r stellt, war entschieden milder ist der Führe, allgemein dafür verantwortlich, ixifo eine Bc lästigung von Personen oder Gefährdung von Fuhrwerken, durch Geräusch. Geruch usw in keinem Falle eintritt. In einer Woche soll ent­weder das Urteil oder die Entscheidung ve' kündet werden, ob ein Sachverständiger zuzu- ziehen sei. Im letzteren Falle müßte die Ver­handlung wiederholt werden. In einem an deren Falle hat sich ein Führer von seinem Kraftwagen entfernt, aber verbotswidrig den Motor weiter laufen lassen. Er erzielte Fre>- sprechung, weil seine Abwesenheit nur von ganz kurzer Dauer war; et hat lediglich einem Däckc> der in der Aähe der Cabentüic auf ibn gewai t hatte, ein Paket überreicht und war dann toieb, au seinem Wagen geeilt. Der Polizeibeam hatte aber auch fcftgeftcllt, daß daS vorbei Kennzeichen des WaaenS infolge Schmutzes faw lesbar war. Sin Anhaften von Schmutz währen" der Fahrten läßt sich ja in vielen Fällen garnich! vermeiden, und Rachsicht der Polizeiorgane ilt geboten. Im Fragefall konnte jedoch festgestell' werden, daß der Schmutz vom Tage vorbei mindestens aber von einer früheren Fahrt, her- rührte. Der Führer erhielt eine geringe Geld strafe. Die weiter verhandelten Streitsäll' waren solche, wie sie in größeren Städten tmmci und immer wieder vorkommen. Sie entbehren b<v. Interesses der Allgemeinheit. In einem Falle war die Frage bejaht worden, obgleich wie jeder Wohnungsinhaber hinsichtlich seiner Räume, auch ein Wirt berechtigt ist. jedem Gast, der ihm auS irgend einem Grunde mißliebig ist, die Türen zu weisen, so daß sich dieser, wenn er trotz der ergangenen Aufforderungen nicht geht, de« Hausfriedensbrüche« schuldig macht. Hier kam noch hinzu, bah der Gast erschien nachdem bereits Feierabend geboten war. Er mußte schließlich unter Anwendung von Gewalt von gerade hinzukommenden Polizeibeamten entfernt werden und erhielt wegen Hausfriedensbruch« und Widerstand« eine Gesamtgesängnisstrafe von einer Woche.

KTS M Husten, tfelser- lllllllll kert,Verschleimung

Favs ethteSodenerMinera! Pathllen

erhalten. Für die darin ausgedruckten Gesin- nungen bin ich von Herzen dankbar und kann versichern, daß ich sie aufrichtig erwidere: Denn ich habe niemals etwas von Ihren Arbeiten durch geschickte Künstler und Liebhaber vorttagen hören, ohne daß ich gewünscht hätte, Sie selbst einmal am Klavier $u bewundern und mich an Ihrem außerordentlichen Talent zu ergeben. DaS ist es, sein Talent schätzte er an chm. feine Musikalität, nicht aber seine Musik.Er spielte köstlich," schreibt er in sein Tagebuch, al« Beethoven vor ihm am Flügel phantasiert hatte. Zusammengerafster, energischer, inniger habe uf) noch keinen Künstler gesehen. Ich begreife recht gut. wie der gegen die Welt wunderlich stehen muh," gab er den Eindruck, den Beethoven auf ihn gemacht hatte, Ehristiane gegenüber wieder. Unb Zelter berichtet er,fein Talent fjat mich in Erstaunen gesetzt, allein er ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit. die zwar gar nicht Unrecht hat, wenn sie die Welt beteftabef findet, aber sie freilich dadurch weder für sich noch für andere genußreicher macht."

Diese Worte zeigen, baß Goethe in Beet­hovens Musik etwa« wie eine Marseillaise ver­nahm, daß er au« ihr stets einen revolutionären Klang heraushörte; die Tendenz gegen bie W e 11, das Empörerische unb bas Titanenhafte. Beethoven ist ihm auch in seiner Musik eben bieungebändigte Persönlichkeit", ber Mensch, ber nicht bie gesetzmäßige Beschränkung bet Welt sinnvoll findet und sich in sie fügt, sondern der im großen Gefühl seiner selbst, im Bewußtsein, ein starker Einzelner zu sein, diese Ordnung sprengen will, um zu dämonischer Freiheit zu gelangen.

Unb wieder taucht bie Frage auf, ist das Problem Goethe-Beethoven nur eine Frage der Generationen? Hätte dem jungen Goethe, dem Stürmer unb Dränger Beethovens Musik nicht als ber Ausdruck seines eigenen Welrgesühls in der Sprache des Klanges erscheinen müffen? Würde er damals nicht ein verstehendes Ohr unb mitfühlendes Herz für das Welt^prenge^-' d - Musik Beethovens gehabt haben?