Zwischen fünf und sieben
Roman von Liesbet Dill.
Copyright bei Morawe & Scheffelt Verlag, Berlin.
20. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Tutis dir nicht leid, fortzugehen, hier aus diesem Haus? Es ist alles so ruhig und harmonisch, so — geborgen warst du in deinen vier Wänden ... Fürchtest du dich nicht ... vor dem. was dich erwartet ... erwarten könnte?"
„Daß weiß ich alles nicht. Es ist mir alles das so gleichgültig geworden ... Du hast doch auch einmal geliebt, blind wie ich, unvernünftig, kindisch, verblendet ..."
„Ja ... Und ich möchte dich vor dem bewahren, das ich durchgemacht."
„Das Ende von allen Dingen weiß man nie." „Nein ... Aber er — Manfred. Was wird er ohne dich anfangen?"
„Du täuscht dich in ihm, Ethel. Wie er jetzt da- hielebt, immer nur die Winterkonzerte, ein paar Gastreisen in der Provinz mit dem gut eingespielten Orchester, das ist fein Leben für einen Künstler. Er ist kein Beamter, der sein Bureau um vier Uhr zu- schließt und heimgeht, um seine Zeitung zu lesen. Ein Künstler braucht das atemlose, atemraubende Erleben, den Rausch, den Schmerz .. die Not ... Von allem weiß er nichts mehr ... Wenn er jetzt etwas schreibt, so sind es Noten, keine Musik ... Ich weiß ... es ist Unrecht von mir. Er hat mich ver- wähnt und ich hab' ihn lieb gehabt... Aber es war von meiner Seite nie das, was man eine Leidenschaft nennt. Er hat mich eigentlich nur als Künstler angezogen. Und jetzt, wo ich sehe, daß er sich zu ver- lieren scheint in der Einförmigkeit dieses angenehmen Lebens ... hab' ich Angst----für seine Kunst
... er versandet ..."
„Du mußt nicht vergessen. Melitta, daß das ruhige Leben seiner Gesundheit notwendig ist." *
„Ach, Gesundheit!?" rief Melitta. „Er soll nicht so viel daran denken! Wenn ich mir ewig den Puls fühle, hab' ich auch Fieber ... Ich denke nicht an mich! Ich will nicht versanden! Sterben? Was ist denn dabei? Man endet ... weiß nichts mehr von allem ... von der Nacht und der Angst ...
Aber, wenn er so wetterledt, das sag' tch dir, dann ist's aus mit seiner Kunst ... Ich sühl's, Echel. Ich sehe, wie er sich jetzt abmüht mit seinen Melodien ... er formt sie, gewiß, es sind feine, musika- lische Schöpfungen, man fühlt den routinierten Komponisten, aber es ist eben ... alles komponiert ... Die früheren Lieder waren mit Blut geschrieben. In einem Auflodern, einem Feuer, einem Guß ... ein Strömen von Melodien ... Gr tut mir leid ... Ein großes Erlebnis brächte ihm alles zurück. Das fehlt ihm jetzt. Aber er will nichts mehr erleben, will nicht leiden ... er ist bequem geworden ... das rächt sich, Ethel ... an uns ... Wir Künstler brauchen das Erlebnis nun einmal.
Ich habe immer eine schöne Stimme gehabt, hab' schon als Kind in Konzerten gesungen, aber singen hab' ich erst gelernt, als ich meinen ersten großen Schmerz durchmachte ... Damals — liebte ich — aber — es handelte sich um einen Thron. Er gab mich her ... es mußte ja sein ... Den hab' ich geliebt ... Und vergessen hab' ich ihn nie!! Und so ist es heute wieder ... Jetzt kann ich fingen ..." Ihre Stimme senkte sich, sie preßte die Hände auf ihr schlagendes Herz. „Ich weiß, daß ich euch alle packen und mitreißen kann, wenn ich so vor euch trete und finge. Die Kühlsten, die Sichersten, die Unmusikalischsten. Alle, die ihr noch einen Funken Verständnis in euch habt und Ehrfurcht vor der Musik! Euch alle reiße ich mit und versetze euch in Verzauberung. Ihr müßt alle durch mein Feuer mit durch, müßt brennen in meinen Flammen, meine Schmerzen leiden und meine Tränen mitweinen ... Das Letzte und Tiefste meiner Kunst habe ich in diesen Tagen gelernt, feit ich leide — ach, was wißt ihr davon?!"--
„Und empfindest du das als ein Glück, Melitta?" Die sah die Freundin groß an.
Sie schwiegen. Sie fühlten, daß sie etwas trennte, die Künstlerin von der Frau der anderen Welt ...
Ethel stellte ihre Teetasse fort. „Mir ist Angst ... um dich —. Er muß den Brief längst bekommen haben. Weshalb gibt er keine Antwort?"
„Das weiß man nicht ... Ethel ... Er ist oft — verreist ... er hat das Auto vor der Tür stehen ... er entschließt sich rasch ... und läßt sich nie feine Post nachschicken, er liebt das nicht ... es belästigt ihn unterwegs ... Wenn er ihn bekommen hätte,
meinen Brief ... dann Hütte ich sicher Antwort, das kannst du mir glauben ..."
„Merkwürdig bleibt es doch ... Melitta", bestand die Freundin. „Es sind schon drei Tage seit diesem Abend."
„Ja, aber auf der Reise--das ist immer so
... bei ihm ... Es ist ganz altmodisch, pünktlich und verläßlich zu sein ... Man hat uns so anders erzogen, auf Höflichkeit dressiert — selbst wenn es peinlich war--"
„Ich hoffe, es wird ihm nicht peinlich fein, dir zu antworten, Melitta."
„Sicher nicht. Aber von feiner Antwort hängt nun alles ab ... Und er schreibt so ungern ... Schon feine Handschrift ... schwer, fast unleserlich, Striche wie Keulen ..."
„Du, zeig mir doch einen Brief von ihm", bat Ethel ... „Die Handschrift eines Menschen ist wie sein GSsicht ..."
Melitta zögerte ... „Ja, weißt du, einen Brief ... habe ich gar nicht.--Wir schreiben uns fast
nie ... Und was ich habe — ist längst vernichtet ..."
„Auch keinen Zettel, keine Karte?"
„Doch, aber es steht so wenig drauf. Nur ein paar Worte ... daraus kann man nichts sehen."
„Nur seinen Namen möcht' ich lesen ... das genügt mir."
„Seinen Namen schreibt er nie. Man lieft ihn so oft ... in den Zeitungen--auf Plakaten ...
Wenn ich ihn im Vorüberfahren sehe, gibt es mir immer einen Stich ... Lächerlich, nicht wahr? Eine Firma, die die ganze Welt kennt ... Und immer glaube ich, wenn ich seinen Namen lese, auch in der Zeitung, ich sehe sein Gesicht. Ich muß an ihn denken, immer, immer ..." Sie strich sich über die Augen. „Das ist... wie ein Gift ... das man eingenommen hat ... es fitzt im Körper, es schmerzt ... niemand kann uns davon befreien ... man kann daran sterben, glaubst du das?"
„Nein ... Melitta ... man stirbt nicht an Gefühlen ... Das weih ich am besten."
Melitta sah vor sich hin. Sie schob ihre Ringe hin und her ... „Hast du nie an Vernichtung gedacht, damals ... al? er — dich verließ?--Du lieb
test ihn doch?"
„Und liebe ihn vielleicht noch heute ... Ich könnte mich niemals entschließen, einen anderen zu heiraten ... Ich flirte zuweilen, es macht mir Freude, wie dir
das Klavierspiel, oder das Studieren von neuen Liedern ... aber sobald es ernst wird, breche ich ab. Ich eigne mich nicht dazu, mich betrügen zu lassen. Ich kenne Frauen, die ihre Männer, von denen sie sich getrennt haben, nachher wiedersehen. Man lädt sie zusammen ein, setzt sie nebeneinander, sie vertragen sich ausgezeichnet, er stellt ihr seine neue Frau vor ... Das ist nicht mein Geschmack ... Ich hab' es durchgemacht damals--hab* überstanden,
das ist genug ..."
„Aber sein Bild."
„Hab' ich hängen lasten, allerdings. Schon weil es die Leute ärgert. Es stört mich nicht mehr, er ist gestorben für mich ..."
„Er hat dir viel angetan, Ethel ... ich weiß ... Und wenn er heute wiederkäme? Zu dir, in dein Haus? Wenn er einsam wäre--unglücklich ...
Echel?"
„Ich würde meine Türe zuschließen, würde abreifen --"
„So Angst hast du vor ihm?"
„Vor ihm nicht... aber vielleicht... vor mir ..." Melitta sah sie groß an. Es lag ein tragischer
Zug auf ihrem ersten, blassen Gesicht, der ihre Schönheit vertiefte ...
„Ja, Melitta, wir Frauen sind nun einmal so ... Von dem Mann, dem wir einmal aus freiem Willen gehört haben, der uns das kennen gelehrt hat, was man Liebe nennt, kommt man in seinem ganzen Leben innerlich nie mehr los ..."
„Ach, Ethel ... wie wahr! Und wie tötet Liebe!
Es gibt kein sicherer wirkendes Gift als ... Liebe." „Wenn bas nur gut endet, Melitta", sagte Ethel, indem sie sich erhob und sie küßte die Freundin auf die Stirn.
•
Wieviele Tage wartete sie nun schon? Dem ersten Brief hatte sie einen zweiten nachgeschickt und, als der ohne Antwort blieb, einen dritten hinterhergejagt „mit Eilboten zu bestellen". Und es kam nichts ...
Nach kurzem Bedenken rief sie telephonisch an. Die Verbindung nach der kleinen Stadt war in zehn Minuten hergestellt. Eine grobe männliche Stimme fragte: „Wer ist denn dort?"
Sie vermied, ihren Namen zu nennen. „Herr Valentin zu Hause?"
(Fortsetzung folgt.)
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