Einzelbild herunterladen

Nr. 195 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Montag, 22. August 1927

Neue Beiträge zur Kriegsschuldfrage.

Poincars und die russische Kricgskamarilla die Schuldigen.

P o i n c a r 6, der sich bisher beharrlich ge­weigert hat, die französischen Archive zu öffnen und das französische Akteninalericil zur Unter» suchung der Kriegsschuld bereitzustellen, muh sich jetzt von dem Pariser BlattVolonte einige unangenehme Wahrheiten aus Anlaß der Veröffentlichung der Memoiren des früheren russischen Außenministers S s a s a n o w sagen lassen. Do stellt das Blatt fest, daß die r u s s i sch e Mobilmachung die erste der von den Groß­mächten im Jahre 1914 vorgenommenen Mobil­machungen gewesen sei, daß sie bei den Gegnern und den Verbündeten entsprechende Maßnahmen hervvrrief, und daß Pvincare den Pazifisten Viktor Basch schändlich getäuscht habe, in­dem er ihm, der eine Broschüre abfassen wollte, wissentlich eine falsche Auskunft über die russische Mobilmachung gab. Daß der damalige Präsident und jrizige Ministerpräsident guten Grund hatte, Viktor Basch nicht die Wahr­heit zu sagen, ist inzwischen durch zahllose Ver­öffentlichungen über die Entstehung des Welt­krieges nachgewiesen worden. Pvincarö wird wahrscheinlich die Ausführungen derVolonte" mit Stillschweigen zu übergehen versuchen, da es für ihn eine höchst gefährliche Sache ist, sich in Erörterungen über die Kriegsschuldfrage einzu­lassen. Dennoch ist das Pariser Urteil für uns äußerst wertvoll, wenn es auch nur dahin lautet, daß Poincar6 den Konfliktzwar nicht ge° wolll", ihn aber leichten Herzens ins Auge gefaßt und im voraus gebil­ligt habe. Auch das genügte schon, um P o i n - carö als Kriegsschuldigen prangern zu können. Die nicht nur von deutscher Seite an- S" eilten Untersuchungen haben aber ergeben,

Poincare bewußt auf den Krieg hin­gearbeitet und die militärische Auseinander­setzung gewollt hat.

In den obenerwähnten Momoireii S s a - sanvws in derRevue des Deux Mondes" schildert der frühere Außenminister des letzten Zaren u. a. auch seine letzte Unterredung mit Rikolaus 11. vor der russischen Mobilmachung. Er spricht zwar vonver­söhnlichen russischen Angeboten" und sucht nach­zuweisen, daß der Zar selbst, verletzt durch den Ton der bekannten Depesche Wilhelms II., in der er ihn für die Folgen verantwortlich machte, wenn die russische Mobilmachung gegen Oester­reich-Ungarn fortgesetzt würde, ein Rachgeben als untunlich, alsverrückt" bezeichnet habe, aber er be­stätigt zum Schluß ausdrücklich das, was schon nach den Suchomlinow-Enthüllungen bekannt war: daß zwischen ihm und dem Generalstabschef Janu- schkewitsch verabredet worden war, daß bei telephonischen Anrufen des Zaren, die etwa eine Inhibierung der bereits begonnenen M o b i l i f a t i o n zum Ziele haben könnten, erklärt würde, dieTelephonleitung fei unterbro­chen. Wie weit dieses technische Moment entschei­dend war dafür, daß der Willensschwäche Zar unter dem Einfluß seiner Umgebung aus das einzige Mittel verzichtete, mit dem das Unheil damals aufzuhalten gewesen wäre, auf die von Deutschland geforderte Einstellung der Mobilmachung gegen Oe st erreich.Ungarn, vermag kein Lebender zu entscheiden. Aber sicherlich ist diese Bestätigung des historischen Vorgangs geeignet, die Schuld der Kriegskamar i l la in Petersburg im richtigen Licht erscheinen zu lassen, und weiter bringt Ssasonow Hen Beweis dafür, daß die ruf. fische Mobilmachung auch gegen Deutschland um mindestens 2 4 Stunden dem deut­schen Mobilmachungsbefehl voraus­eilte, also entgegen einer bisher geflissentlich in den Ententeländern verbreiteten ßcgenbe den Kriegs­ausbruch de facto herbei führte und Deutschland das Schwett in die Hand zwang.

Man wird diese Feststellungen, über die man in Frankreich mit Rücksicht auf die im übrigeninter­essanten" Details dieser Memoiren offenbar zunächst

weggesehen hat, als eine starke Stütze unse­res Kampfes gegen die Kriegsschuld­lüge allgemein festnageln müssen.

Der dritte Nationalitäten - Kongreß.

Von Dr. Theodor von Renteln, Leiter des Kongreß-Sekretariats.

G e n f, 20. Aug. 1927.

Am 22. August versammeln sich in Genf zum dritten Male die Vertreter der organisierten natio­nalen Gruppen aus den verschiedenen Staaten Eu­ropas. Wenn man heute von einer Gruppe von Bür­gern eines beliebigen Staates spricht, die sich ihrer Mtionalität nach vom Staatsvolk unterscheidet, so nennt man sie gemeinhin eine Minderheit. Aber die- ser Ausdruck ist ungenau, denn er enthält nur einen Hinweis auf die rein zahlenmäßige Beziehung zwi­schen der Größe einer solchen Gruppe und der Größe des Staatsvolkes. Er verdankt, wie so viele Begriffe, seinen Ursprung einer Geistesrichtung, die unser Denken auf arithmetische, quantitative Vorstellungen zurückzuschrauben sucht, was naturnotwendig zu schiefen Bildern führen muß.

Die nationalen Gruppen in Europa sind anders zu werten, vor allem im Hinblick auf ihren Willen zum völkischen und kulturellen Eigenleben. Seit dem Weltkrieg haben sie sich zu einem machtvollen Be­wußtsein ihrer selbst aufgeschwungen und erheben im europäischen Konzert weithin vernehmbar ihre Stimme, um ihren Anspruch auf die elementarsten Menschenrechte geltend zu machen. Gegen vierzig Millionen europäischer Staatsbürger entsenden ihre selbstgewählten Vertreter, Parlamentarier, Sena­toren, zum Nationalitätenkongreß in Genf. Eine Menschenmenge, die der Bevölkerungszahl der Groß­mächte England, Frankreich oder Italien gleich­kommt. Vierzig Millionen Menschen bekunden ihren unbeugsamen Willen, ihr Volkstum und ihre Kultur zu bewahren und frei zu entfalten.

Es kommen hier Deutsche, Dänen, Polen, Cata- lonier, Juden, Kroaten, Slowenen, Serben, Russen, Tschechen, Slowaken, Ukrainer, Weißrussen und Li­tauer zusammen aus den verschiedensten Staaten, aus Dänemark, Estland, Lettland, Litauen, Deutsch­land, Polen, Oesterreich, aus der Tschechoslowakei, Rumänien, Jugoslawien, Bulgarien, Ungarn, Italien und Spanien. Damit sind die Nationalitäten Euro­pas fast vollständig vertteten, bis auf die nationalen ©nippen in der Sowjetunion, weil dort die kommu­nistische Gewaltherrschaft jede freie Willensbildung ausjchließt.

Wenn die Nattonalitätenvertreter in Genf Zu­sammenkommen, so ist es nicht, um die Zahl der Kongresse um einen zu vermehren. Drei Tatsachen sind es, die diese Versammlung zu einem politischen Ereignis von größter Bedeutung stempeln. Zum ersten sind es die Vertreter der nationalen Gruppen selbst, die hier zu Worte kommen, die hier in eigener Sache sich zusammenfinden. Das Minüerheitsproblem ist ja in den letzten Jahren in allen Staaten Euro­pas immer häufiger diskutiert worden. Es beschäfttgt die Staatslenker in immer steigendem Maße. Auch internationale Organisationen von großem politi- schem Gewicht befassen sich immer eingehender mit ihm. Es sei hier nur beispielsweise auf die Inter­parlamentarische Union, auf dieInternational law association" und auf die Völkerbundgesellschaf­ten hingewiesen. Es läßt sich ohne Uebertreünmg fest­stellen, daß die völkischen Fragen zum tiefgehendsten und brennendsten Problem in Europa geworden sind. Mit um so größerer Aufmerksamkeit werden daher die Staatsmänner Europas, der Völkerbund, die politisch führenden Kreise der verschiedenen Län­der und die breite Oeffentlichkeit auf die Stimme der Nationalitätenführer selbst hören müssen.

3um Zweiten ist es die selbstempfundene, tiefe seelische und leibliche Not, welche die Nationalitäten­vertreter hier aus eigener Erfahrung nach einem Wege suchen läßt, um zu einem befriedigenden Aus­gleich mit den Staatsvölkern zu gelangen. Und zum Dritten handett es sich hier um Männer der Praris, die feit Jahren und Jahrzehnten im politischen Kampfe um die Rechte ihrer nationalen Gruppen stehen. Es ist daher selbstverständlich, daß diese Män­ner sich nicht nur zu einer theoretischen Aussprache

zusammen finden, sondern um praktisch gangbare Wege zu finden und zu beschreiten.

Daher hat auch die Arbeit des dritten Nationali- täten-Kongresses zwei besondere Seiten aufzuweisen. £>o groß die Unterschiede zwischen der Eigenart und der besonderen Lage der einzelnen nationalen Grup­pen sein mögen, durch die Arbeit auf den beiden vorhergegangenen Kongressen in den Jahren 1925 und 1926 haben sie sich insofern in eine Notgemein- lchaft zu ja mmenge sunden, als sie gemeinsame grund­sätzliche Forderungen ausgestellt haben. Zu diesen ge­hören vor allem die Sicherung der külturellen Ent- wicklungsfreiheit, die Gleichberechttgung mit den An­gehörigen des Staatsvolkes in bezug auf die wirt­schaftlichen Rechte und Pflichten, auf das Wahlrecht und seine Ausübung, auf den Gebrauch der Mutter- fprache und auf das Recht der Staatsbürgerschaft. Ebenso haben sie grundsätzlich die Wege gewiesen, die )u einer friedlichen Regelung von Streitigkeiten zwi­schen Regierungen und nationalen Gruppen führen.

2Ran sieht also, daß es sich erst einmal barum handelt, daß die verschiedenen nationalen Gruppen in Europa eine gemeinsame ideelle Plattform ge­winnen, die nach und nach ausgebaut wird. Es hat sich bereits praktisch erwiesen, daß die einzelnen Gruppen, von diesem Standpunkte ausgehend, einen wichtigen Rückhalt gewinnen und ihre Ansprüche den einzelnen Regierungen gegenüber mit einer gesteiger­ten Aussicht auf Erfolg vertreten können. Ist die Ar- beit des Kongresses also einerseits auf eine engere Fühlungnahme der Gruppen untereinander und auf den Ausbau gemeinsamer Grundsätze gerichtet, so ist sie andererseits öarauf eingestellt, diesen Grundsätzen zur Verwirklichung zu verhelfen.

Hier handelt es sich vor allem darum, allerorts in möglichst umfassendem Maße Aufklärung zu schaf­fen über das Wesen, die Ziele und Ansprüche der na­tionalen Gruppen. Es handelt sich weiter darum, den Zusammenschluß der Gruppen in einzelnen Fallen 3U fördern. Dabei sind verschiedene Verbindungen zu unterscheiden. Das Zusammengehen aller Gruppen eines bestimmten Staates, oder gleichnationaler Gruppen in verschiedenen Staaten ober auch eine re­gionale Zusammenarbeit verschiedenstämmiger Grup­pen in mehreren Staaten auf Gegenseitigkeit. Es handelt sich schließlich darum, in gesteigerter Ge­schlossenheit, die engere Verbindung mit allen inter­nationalen Organisationen zu fördern.

Aus diese Weise ist die Arbeit des dritten Natio- nalitätenkongresses ein Dienst an den Völkern Euro­pas. Wenn man das gesteigerte Nattonalbewußtsein dieser Völker seit dem Kriege, besonders in den peri- phären Gebieten, also den Gebieten der nationalen Gruppen, in Bettacht zieht, wenn man die ganze Schärfe der Gegensätze in diesen Gebieten sich vor Augen führt, so erkennt man, daß die nationalen Gruppen sich für eine Lösung des über weitere Sicht bedeutsamsten europäischen Problems einsetzen. Man braucht nur in der jüngsten Geschichte unseres Kon­tinents nachzublättern, oder dem Ursprung der mei­sten Beunruhigungsmomente der heutigen europäi­schen Politik nachzugehen, um die ungeheure Bedeu­tung dieser Arbeit zu erkennen. Diese Arbeit ist ein Dienst an der Erhaltung des Friedens. Die euro­päische Nationalitätenbewegung, wie sie sich in ihren Kongressen dokumentiert, ist der erste aus freiem Willen heraus entstandene Versuch, eine brauchbare Lösung des europäischen nationalen Problems zu finden. Ihre Arbeit vollzieht sich nicht nur im eigenen Interesse, sondern im staatlichen und völkischen Inter­esse aller Nationen Europas.

Zurverwattungsrefomin Hessen

(Don unserer Darmstädter Redaktion.)

Die Verwaltungsreform in Hessen sollte be­kanntlich noch von diesem Landtag verabschiedet werden. Diese Absicht dürste sich aber kaum ver­wirklichen lassen, denn die Herbsttagung wird eine so umfangreiche Ausgabe nicht mehr er­ledigen wollen. Don Vertretern der Wirtschaft und der Industrie wird mit Recht behauptet, daß sich der Fehlbetrag des Staatsvoranschlags ganz wesentlich verringern ließe durch umfang­reiche Dereinfachungen und Ersparnisse auf dem Gebiete der Verwaltung. Es darf aber, und das ist oft schon im Landtag gesagt worden, die Verwaltungsreform nicht mechanisch einen

Abbau der Aemter und Aufgaben" bringen, sondern der Weg einer wahren VerwaÜungs- reform führt über die wohlerwogene Einsparung freigewordener Stell en, zu einer rechten Gruppierung der ver­bleibenden und der dauernd benötigten Kräfte. Diese Sparmaßnahme muh bei jeder sich bieten­den Gelegenheit ausgenutzt werden im Interesse des Staates, aber auch im Interesse der Be­amtenschaft.

Daß Ersparnisse im hessischen Staats­haushalt auch bei den Städten und den Gemeinden durch Vereinfachun­gen gemacht werden können, ist unbestreitbar. Von keiner Seite ist übrigens nachdrücklicher und mit mehr Sachkenntnis darauf hingewiesen worden als gerade von der Beamtenschaft. Aber auch sehr beachtlich und sehr ernst zu nehmen ist eine leider weit verbreitete Volksstimmung gegen dieviel zu zahlreichen und viel zu gut bezahlten" Beamten. Aus diesem Grunde hat auch wohl kürzlich der Derbandstag der Hessi­schen Verwaltungsbureaubeamten, der in Offenbach tagte, an die hessische Regierung das dringende Ersuchen gerichtet, zur Verein­fachung und Verbilligung der Staatsverwaltung bestimmte einfache Bureaugeschäfte den geprüften Oberaffiftenten und Sekretären zu über­tragen. Lieber die Annahme und Ausbildung der Beamten sollten geeignete Bestimmungen ge­troffen werden, damit in weitestgehender Weise die einfacheren Bureauarbeiten durch billigere Kräfte versehen werden können. Bei der Verwaltungsreform sollte auf einen einfacheren Geschäftsgang und auf eine einfache und klare Beforderungsorganisation durch Beseitigung überflüssiger selbständiger Behörden usw. hingewirkt werden.

Daß eine solche durchgreifende Reform im Interesse der hessischen Steuerzahler unbedingt erforderlich ist, wurde schon vielfach im Hessischen Landtag erörtert. Bemerkenswert aber ist, daß jedesmal, wenn ein Vorschlag auf Verminderung der Ministerien oder der Dezernate gemacht wird, der Widerspruch dagegen nicht aus den Kreisen der Beamten, sondern von den Kreisen kommt, die in den gefährdeten Ministerien usw. so etwas wie eine Interessenvertretung sehen.

Unfallverhütung in der Landwirtschaft.

Von der land- und forstwirtschaftlichen De- rufsgenofsenschaft Reichsunfallversicherung wird uns geschrieben:

Die Zunahme der elekttischen Beleuchtung unZ> die Verwendung des elekttischen Sttomes für den Antrieb von landwirtschaftlichen Ma­schinen erfordert erhöhte Aufmerksamkeit der be­teiligten Kreise, t>a die mangelhafte Instandhal­tung und Isolierung in letzter Zeit wiederholt tödlich verlaufene Unfälle zur Folge gehabt haben. So wurde ein Landwirt in Weiten- Gesäß beim Berühren einer schadhaften Stelle der Lichtleitung im Stalle tödlich verletzt und ein Resse des Unternehmers in Mitters­hausen, der als landwirtschaftlicher Gehilfe tätig war, beim Umgang mit einem Panzerkabel an der Dreschmaschine getötet Die Isolierung des Kabels war durch den häufigen Gebrauch offenbar schadhaft geworden, so dach die eigent­liche Panzerung erst recht als guter Leiter diente und den Unfall herbeisührte. In Messel ver­unglückte ein Landwirt bei Berührung der Lei­tung für Kraftstrom ebenfalls tödlich. Gr ergibt sich hieraus, daß die Licht- und Kraftanlagen, die den Einwirkungen von Rässe und Feuchtig­keit in Höfen und Stallungen besonders ausge­setzt sind, einer ständigen Ueberwachung be­dürfen. Auch muß den Landwirten zur Pflicht gemacht werden, nur solche Kabel zu benutzen, die den Vorschriften des Vereins deutscher Elektro­techniker (Prüfzeichen DDE) entsprechen und mit einer Gummischlauchleitung versehen sind. Vorschriftsmäßige Kabel werden auf der dies­jährigen landwirtschaftlichen Ausstellung in Darmstadt in der Abteilung für Unfallverhütung gezeigt werden.

Am Genfer See.

, Stimmungsbilder von der wettkirchenkonseren;. Don Privatdozenten Lic. Justus Ferdinand Saun.

Lausanne, im August 1927.

, Wie angenehm überrascht ist man, wenn man in Gießen monatelang gefroren und den wirklichen Sommer herbeigesehnt hat, sich mit einem Male mitten in eine geradezu südliche Sonne versetzt zu sehen! Mit Wonne genießt man die kräftige Ge­birgsluft, den blauen, klaren Himmel, den Blick über die weite Fläche des grünen Sees hin auf die sanften Höhen des Jura ober hinüber auf die steil aufragenden Gipfel der Savoyer Alpen. Gleich am ersten Tage möchte man sich in die kühlen Fluten des Sees stürzen, möchte auf einem der zahlreichen Damvfer eine Rundfahrt an den mit Weinbergen, berühmten Badeorten und waldigen Bergen ge­schmückten Ufern entlang unternehmen oder gar hoch auf die grünen Almen hinaufklettern. Man weiß nicht, was man zuerst tun soll. Aber aus diesem Dilemma wird man alsbald durch den Lauf der Dinge befreit, da ein mächtiges Gewitter herein­bricht, das in Montreux-Territet einen reißenden Gebirgsbach entfesselt, der Felsblöcke in ein Hotel­zimmer schleudert und ein großes Loch in die Ufer- Promenade reißt, uns in Lausanne aber nur eine kräftige Abkühlung nach der bereits unerträglich ge­wordenen Hitze bringt. Man flüchtet in eins der großen Hotels, die als die modernen Paläste die Hänge schmücken, und schlürft einen einzigartigen Mokka, bereits die bange Frage im Herzen: Wird das schöne Wetter jetzt vorbei sein?

Weit gefehlt! Am nächsten Morgen strahlt die Sonne wieder so prächtig wie je, und man kann die schöne Universitäts- und Handelsstadt Lausanne bewundern. Am steilen Hana des Jorat terrassen­förmig auf fünf Hügeln aufgebaut, bietet sie ein ganz einzigartiges Bild. Zwei Brücken führen über die Dächer der zwischen den Hügeln gelegenen Häu­ser hinweg und ermöglichen den Automobilen und Straßenbahnen, die obere Stadt in Serpentinen zu erreichen. Wer von dem reizvoll gelegenen, jetzt mit Lausanne verbundenen Hafen- und Badeort Ouchy auf direktem Weg in die Stadt hinauf gelangen will, der muß sich derFuniculaire", d. h. der Drahtseilbahn, bedienen einer Einrichtung, die hier in den Bergstädten allenthalben eine große Rolle spielt. Kein Wunder! Liegt doch der höchste Punkt der Stadt, dasSignal", von wo aus man

den ganzen Genfer See überblicken kann, etwa drei­hundert Meter über Ouchy. Will man aber gehen, so führt der direkte Weg nicht nur steil bergauf, sondern auch dazwischen wieder hinab. So viele Treppen wie hier habe ich bisher nur in Stutt­gart steigen müssen.

So wenig Lausanne wegen dieser Tatsache und wegen der im Juli und August auf der an einem Südhang gelegenen Stadt brütenden Hitze als Ta­gungsort für unsere W e l t k i r ch e n k o n f e r e n z geeignet erscheint, so sehr ist es dies andererseits wegen seiner internationalen und interkonfessionellen Art. Man spricht zwar französisch hier, ccher man kann beinahe ebenso oft englisch, wenn auch nicht fo oft deutsch oder italienisch sprechen hören. Es gibt hier Kirchen für Evangelische, für Römisch-, Griechisch- und Anglikanisch-Katholische. Man ist also in einer Atmosphäre, welche einer Tagung, wie der unseren, nur günstig sein kann.

Dennoch fühlt man sich fremd hier trotz aller ga­lanten Höflichkeit. Wer in Stockholm vor zwei Jahren die herzliche Aufnahme der Kirchenkonferenz durch die Schweden erlebt hat, der kann hier nur enttäuscht fein. Auch wir, die Kirchenmänner aus der ganzen Welt, die hier zusammengekommen sind, um der durch Streit und Gottlosigkeit in beispiellose Not geratenen Menschheit zu dienen, werden hier als Fremde", d. h. als Gegenstand des Geschäfts, be­handelt. Gewiß, der Stadtverwaltung soll Gerech­tigkeit widerfahren. Sie hat uns offiziell freundlich begrüßt und uns einen durch mancherlei Lecker­bissen verschönten Empfang in dem grandiosen HotelBeaurivage" bereitet, ja, sie hat uns sogar zu einer größeren Dampferrundfahrt auf dem See eingeladen. Aber die Bevölkerung beachtet uns nicht, zurzeit des Beginns unserer Konferenz ganz in An­spruch genommen von dem in der Nachbarstadt Vevey gefeierten Winzerfest, das nur alle fünfund­zwanzig Jahre einmal mit einem Riefenaufwand von Bauten, Spielen, Aufzügen und Feuerwerk die Massen in Atem hält.

Die schon beinahe tausend Jahre alte und doch gotische Kathedrale, welche mit ihren beiden Tür­men von eigenartiger Schönheit die Stadt weithin überragt, da sie hoch oben am Bergeshang liegt, mag schon viele hohe kirchliche Würdenträger in ihren Mauern gesehen haben. Aber einen fo selt­samen Gottesdienst, wie er zur Eröffnung der Welt­konferenz gehalten wurde, kann sie noch nie erlebt haben, denn so etwas hat es bisher außer in Stock­holm noch nie gegeben. Es war der strengen

Schlichtheit des Calvinismus, dem die Kathedrale jetzt gehört, angemessen, daß keinerlei prunkvolle Entfaltung von liturgischen Gewändern, kein Hoch­amt, kein Aufzug von König und Bischöfen in vol­lem Ornat wie in Stockholm, die Aufmerksamkeit vom Inneren auf das Aeußere ablenkte. Aber es war doch ein großes Wunder, ein hohes Symbol dessen, daß nun eine neue Zeit anzubrechen beginnt, daß ein Bischof der Anglikaner, die in der englischen Reformation manchen auf den Scheiterhaufen ge­bracht haben, weil er die Altäre aus den Kirchen entfernte, in der nun altarlosen Kathedrale sich in seinem violetten liturgischen Gewand geduldig unter die Kanzel setzte, so lange der französisch-schweize­rische Pfarrer den Gottesdienst mit Schriftlesung und Gebet von der Kanzel einleitete, daß er dann selbst predigte, und schließlich, daß an diesem Gottes­dienst eine Reihe von hohen Würdenträgern der griechisch-katholischen Kirche teilnahmen.

Wer die Kirchengeschichte kennt, der staunt, wenn er mit einemmal Reformierte und Lutheraner, deren Hauptstreitpunkt die Abendmahlslehre war, fried­lich gemeinsam zum Tisch des Herrn treten sieht. Zweimal frühmorgens konnte man in der still zwi- schen Bäumen und Villen versteckten englischen Kirche noch Größeres erleben: da feierten anglikanische Bischöfe und Erzbischöfe, Diakone und Pfarrer mit dem lutherischen Erzbischof Söderblom und deutschen Protestanten gemeinsam ein von einem Schweden dargereichtes Abendmahl. Singend ging derLöwe von Upsala", der gewaltige Führer in der Einigungsbewegung, in aller Schlichtheit voran, und andere folgten ihm ohne Rangstreit. Der Geist der Brüderlichkeit hat die Gemüter mächtig er­griffen.

Unter diesem Geiste steht auch die ganze Tagung. Es wird heiß gerungen, nicht nur mit vielen Wor­ten, sondern auch mit der Entfaltung großer see­lischer Kräfte. Denn es soll kein allgemeiner Misch­masch christlicher Konfessionsformen entstehen; wir wollen vielmehr alle heilig halten, was unseren Vätern auch heilig war. Der Unterschied gegen frü­her liegt aber darin, daß wir auch das heilig halten lernen, was den Vätern unserer früheren Gegner ihr Blut und Leben gekostet hat, und daß wir mehr das betonen, was uns einigt, als das, was uns trennt. Allerdings wird dieses nicht ver- , schwiegen. Wir wollen keine Einigung auf Kosten der Wahrhaftigkeit. So hört man denn an einem Morgen die Ueberzeugung vorttagen, daß es ohne die Annahme des Bischofsamtes durch alle Kirchen keine Einheit geben könne, und kurz darauf die

andere, daß das allgemeine Priestertum der Gläu­bigen und das Presbyteramt ebenso berechttgt seien.

Nur mit tiefer Rührung konnte man den Metro­politen von Thyatira einer aus der Offenbarung Johannis bekannten Stadt in Kleinasien eine Verteidigung der sieben Sakramente, wie sie der lei- der abwesende Bischof von Ochrida verfaßt hatte, vorlesen hören, um nachher die protestantische Auf-' faffung in allen Nüancen an sich vorbeiziehen zu lassen. So erscheinen die Gegensätze manchmal un­überbrückbar. Und dann kommen doch wieder Er­lebnisse seltsamer Uebereinftimmung, z. B. hinsicht­lich des Evangeliums, gemeinsames Singen und Se­rien in vielen Sprachen, es kommt ein erschüttern­des Zeugnis eines indischen Bischofs, dessen Haut- färbe gar niemanden stört, oder eines chinesischen Professors, dessen Kinderfigur feine Autorität nicht vermindert, von dem Ringen der Kirchen auf dem Missionsfeld und dem Befremden der Heiden über die Konkurrenz der Kirchen... alles Dinge, die uns wieder zusammenführen.

Es spielt sich also ein dramatischer Kampf ab, dessen Ausgang noch niemand kennt. Aber alle sind von der Hoffnung getragen, daß wir zu einem guten Ende kommen werden.

*

Es ist eine äußerst anstrengende Arbeit, fo viele Reden deutsch, französisch und englisch anhoren zu müssen, in kleinen Diskussionskreisen miteinanber- zu ringen. Da muß man in der noch bleibenden freien Zeit Erholung suchen. Und darum ist man da­für so dankbar, daß man am Genfer See ist. Sonn­ten auch all die sehnlichen Wünsche nicht gleich am ersten Tage erfüllt werden, fo kommt doch ihre Er­füllung als angenehme Unterbrechung der Arbeit, eine nach der anderen. Am Sonntagnachmittag fitzt man auf einem der großen Dampfer im Kreise fröh­licher Menschen und fährt bei strahlendem Sonnen­schein hinüber ans andere Ufer des Sees nach dem französischen Bad Evian. Leider kann man nicht ausfteigen, da die Franzosen auch für ein paar Stunden das teure Paßvisum verlangen. Darum geht es am französischen Seeufer entlang weiter an kleinen, romantischen Orten vorbei, bis zur Einmün­dung der Rhone in den See, deren gelbes Wasser man noch eine Zeitlang in dem grünen des Sees verfolgen kann. Man sieht weiter das Schlößchen Chillon, schmuck und weiß mit seinen ernsten Fen­sterlöchern, in den See hineinragend, das <5tranb» hab von Terntet, wo luftige Paare von einer hoheM