rlr. 145 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für tvberhefjenj Mittwoch, 22. 5uni >92Z
Jugend und Hochschule.
Schule und Körperstrafen
Bon Geh Regierungsrat Bohnstedt Stettin.
Unsere neue Schule ih bt« Arbeit-schal?
Ihr Unrerr.cht ist gruntifäcbd) . Ittdiiunicr- rrch," ent e» die amUichen Bestimmungen fassen Sie ttt sreilrch nicht vom Himmel gefallen. Do» die Vesten unserer Lehrenden feit Jahrzehnten ft,U für sich mit her Jugtnb ihrer Klaffen trieben, wenn sie immer weniger ol» gebende und zum Lernen zwingende Schulmeistere ulori- täten und immer mehr al» leitende Arbeitsge- nollen dieser Jugend sie felbsttätia Bildung-werte und Arbeit»sormenwene in Stofs und Wci'e der Schulpenten hd> anelgnen liehen - da» lfi nun aller Pflicht geworden Ulan könnte I? heute mehr al» von einer Arbeitsschule von einer Arbettskamcradfchalt-tchulc sprechen. So gcfaht. leuchtet wohl ein. daft jene» alte 3ud>nmttcl der Körperstrafen, mit dem der bloft autoritative Lehrer gegenüber dem Diderftond der Jugend durch DeWalt erzwang, dost sie tat. wo» sie sollte, und lernte, wo» he mustle. in ein neue» Licht kommt Die viele Anlässe zu Diderstand in äusterer Unart und innerlicher Ablehnung etwa de» Gleichgiltigen. Oberflächlichen. Flüchtigen. Faulen müssen da einfach wegsallen, die ernst unmer den Stock al» bequemste, nächste, herkömm- lrche ultima rat io herbei riesen. Freie, eigene geweckte Lust am Tätigsein, wachsendes Kralige- fühl dabei, do» mit der Lust erfüllter Ptltcht auch sandig mühsame Strecken im Schulwerkcltag tapfer überwindet wieviele trübe Quellen von Zwang und Strafe müflen do versiegen. Rechte Arbcitsftimmung. Bildungswerterlebnis und der Lehrer habet immer möglichst nur der au»gcrctfle. weilerblickende Arbeit-karnerad lst in solcher Lus' die körperliche ZwangSerekution de» Stocke» jugenderziehlich Überhaupt noch denkbar?
Aon solchen Gedanken au» hat denn auch die Staal»regierung und manche Lehrertagung sich veranlastt gesehen, die Frage, ob Körperstrase und 2rbeit»schule sich überhaupt noch vertragen, ernstlich zu erwägen. 3m doppelten Sinne, ob beide» sich überhaupt verträgt, und wenn, ob nicht doch SchuloN. Alter und Geschlecht der Zöglinge, Züchligung-sorm und -anlast dabei andere, engere Grenzen für die Zulässigkeit dieser Strase ziehen, al» di»her.
Der diesen Gedanken nachgeht, wirb zunächst alle» da» von neuem durchzupnisen haben, was besonnene, jugenbkundige. sich ihrer persönlichen und der in Den Bildung-werten und Arbeit»- sormenwerleii der Schularbeit liegenden Äräfte bewusste Pädagogik von jeher gegen die Prügel- strase in Hau»- und vchulerziehung einzuwenden gefunden hat Die meisten Schläge, Püsse. Änüffe, Iagdhiebc usw, mit denen die Prügelerziehung m Hau» und Schule wirtschastet. sind ja überhaupt nicht au» überlegt gewissenhasler Erzie- hererwägung erwachsen Sie sind weithin nur eine bequeme, immer handliche Abreaktion für allerlei Aerger und Reizbarkeit de» Erzieher- (Jr steht sich durch den Widerstand der Jugend gegen seinen Willen In seiner Autorität, wohl auch seiner Herrschsucht. Würde. Bequemlichkeit bedroht. Gr merkt etwa auch, wie wenig an innerlich gewinnender Kraft seine Art und sein Lehrer aus die Jugend wirksam zeigt. All da» »usl Assekle wach, und die entladen sich bann in Schlägen Manchen täuscht dabei auch die Eitelkeit. 3e weniger er die Autorität de» inneren Gewinnen» in seinem Umgang mit der 3ugenb zu üben vermag, um so mehr entschuldigt kommt t,ch do» schlechte Gewissen dabei vor, wenn e» nun schneidig die Autorität de» dufteten Schrecken» mimt, praktisch übt unb theoretisch mit lärmender Geschäftigkeit vertritt, die Antiprügel- pädogogen weichlich oder himmelblaue 3dealiften schilt. Dagegen ist zu lagen, daft e» eine lliuabl von Lehrern und Erziehern und nicht eben schlechten gibt, die für sich längst den Stock verbannt haben und die auch mit mutwilliger und selbst
Vom nordamerikanischen Hochschulwesen.
Bon Dr. Sark Müllet
Al» im Ansang bei 17. Jahrhunderts sich in dem von puritanischen Engländern besiedelten Osten Rordamerikai da» Bedürfnis nach einem höheren Schulwesen geltend machte, gründete man nach dem DorbUde der englilchen Universitäten Oxford und Samoridge die ersten Hochschulen in Boston (Massachusetts» und in Reto-Haven (Sonneftilut) Der Grundstock dieser Hoch'chulen war zunächst nur eine theologische Fakultät, der sich jedoch später andere Fakultäten äugeteilten, wie sie dem englischen Borbild ein'prachen. Heute behfcen alle 45 Staaten bet Union ihre Hochschulen, von denen die meisten im Westen „States Colleges" sind, die aus Staatsmitteln unterhalten werben und an denen das Studium völlig kostenlos ist. Daneben bestehen SlislungS- Hochschulen amerikanifcher Mäzene, mit deren prunkvollen Einrichtungen wohl keine deutsche Universität in Wettbewerb treten kann. Aber die Abhängigkeit dieser SlislungShochfchulen vom Industrie- und Bankkapital kann auch manche Schattenleiten haben. Wenn DibeliuS von den norbenglischen Stistungsuniverliläten lagt: .Die kapitalistischen Gründer her Universität denken lich unter der Wissenschalt etwas handareislich Nützliches da» sich in kurzer Zeit in höheres Einkommen umfefjen soll. Sie haben Geld sür Laboratorien, aber n.chi für Bibliotheken, für Brouetcifunbe. aber nicht für Philosophie", und wenn er berichtet, daft bei der Ernennung von Sbrcnbota>ren und bei bet Besetzung von Pro- sesfuren Rücksichten genommen werden müssen, die von Universitätslehrern mit starker eigener Heber- zeugung recht peinlich empfunden werden, so zeigt es sich, wie hoch die Anforderungen an Takt und Schmiegsamkeit des Bizekanzlers oder Prinzipal» dieser St.ttungshochschulen sein müssen.
Die Zulassung zum Hochschulstudium wird dem jungen Amerikaner sehr erleichtert. Wenn er die Public School, die Elementarschule, und später die High School, die Mittelschule, durchlaufen hat. deren Unterricht kostenfrei ist und deren Schulverwaltungen vielfach noch Schulbücher und Schreibmaterialien liefern, fo hat er die Möglichkeit, sich einer Staats- ober einer Stistungshochschule zuzuwenben. Da die Der-
zuchtlofer Jugend ander» fertig werden. <8» geb' wirklich in bet Iugendschulercehung auch mit den IBunferhöhen des Lehrgri check» und der Periönlichk« l 3nb.*rerleit» wird man gerade, wenn man telche Fälle studier, doch lagen muffen e» gehört zu solch einet Disziplin wie btt neue Schule sie fordert doch eine ganze andere Kraft und Mühe der Perfönlichkeii. der Lehrweise. brr lebendigen Umgangsformen mit der 3ugenb in und auycr der Lehrstunde, al» die Disziplin der Strafen, de» dufteren Schrecken», sie auhubringen hat. wo einfach da» Rechi de» Stärkeren mit Furcht und Schande der Körperstrafe sich durchsetzt.
Soweit bei bet körperlichen Zücht gung die Mädchen überhaupt noch in die Erörr.rung gezogen werden sind Wit heute doch woh. soweit, daft wir zugeben: sie ha: unter allen Umstünden in der Schule »u unterbleiben. Zunächst, kerne durch die Sitte für körperl che Ltrafwirtung aui Mädchen mögliche Körperstelle ist gefundhe llich unbedenklich. Selbst die übliche Form der Schläge auf den Oberarm hat schon gefährliche Schwellungen und Entzündungen folaen lassen Man kann nach langer Erfahrung auch ruhig lagen. Schläge bei Mädchen zerstören erzieh! ch in jedem Falle und Wertvolleres mehr, ul» d c Ptugelsrucht im einzelnen Falle leistet
Bei der Körperstrase der Knaben ist ein Widerspruch noch durch keine Sttastheotie aue der Welt geschasst worden: wir sollen und wollen sie doch zur Tapferkeit ergehen Da» ist die chataktetielle Widerstandsfähigkeit gegen Un- luftreue und gegen die Scheu und Furcht davor Der Körperschmerz *• •- Schläge rechnet nun doch mit dieser Furcht Wie nun. wenn der Junge gerade stolz ist. sich uuS sclchen Schmerzen nichts zu machen? Wenn er. reifer, jenen erziehlichen Widerspruch auch selbst schon durchschaut: wenn
der rieluiietcnbe Lebtet mt: Sirufafsekt und stvikbewebrter Hand ihm <n ganz au» dem Bilde f r Persönlichkeit heraussäUr b.e tonst in Emst jr.l Gute und ganzer Haltung Zrbe'.tskamerad und -le;ter war in allem Wahren und Guten und Schönen
Und nun die Klemen, etwa die bet ersten vier Schuljahre allo un'ete <7 nhetlSgrunblchul- k.nder Bon Hau» und Sp.claeug her treten sie mit denz Begirw der Schule in eine neue Welt. Besonnene Schulerz.ehung weift heute längst wie wichtig e» ist. diesen Uebergang nach Wögl chke.r zu glätten Schau- und hör-, lern- und tcroegicrig ist diese» Alter immer, wenn man ee recht ansaftt Der Lebtet und d e Lehrer.n l.nh ihm noch natürliche Autoritäten, die alle sonstigen Ulahnabmen der Schulzucht wirksam machen, c.nzelne Unl.crchen eniebt auch da» Be spiel der anderen mit. hui da die Pruzel- Itrafc. der ÖtoJ an den Sechs- bis neunjährigen überhaupt noch Recht und Sinn?
Die allermeisten Anhänger der körperlichen Strase haben cs nur niemals etiisthast und aas die Dauer versucht, sie zu entbehren. Sie haben zum bequemen Stock gegriffen längst, ehe im E.n-eisalle alle anderen ZuchtmiNel b.r Schule durchgeprobt und erschöpft waten Deshalb sollte niemand zur körperlichen Strase greisen und greifen bürlcn, der nicht für eine gute Dauer an sich erprobt hatte: ich will und muft versuchen. lic nicht anzuwenden. Auch der nicht, der n.chr vor sich und anderen sich darüber aii»- we.sen könnte: ich habe alles andere zuvor versucht. An mittleren und höheren Schulen wird man getrost sagen können, daft diele anderen Mittel ausreichen müssen und ausre.chen Sie | haben da» wirksame Recht der AuSle'e Unser» I bel’erltdb ihrer Lehrausgabe und Zucht Wider- | strebende können sie darum den Eltern mit der
Deutsche Burschenschaft und Hochschulring
Der Hochschulpolitische Ausschuft der Deutschen Burschenschast, erweitert durch die Burschenschafter. die in den örtlichen Studentenschaften und Hochfchukringen tätig find, befaftte sich auf der Eisenacher Sitzung am 5. und 6. 3uni u. a. eingehend mit der neuen Richtung im Deutschen Hochschulring:
Der Deutsche Hochschulring, gegründet als Bereinigung aller nationalen Studenten hat seit seinem Bestehen mancherlei Krisen durchgemacht, die ihren AuSgang teils von organisatorischen, hauptsächlich aber von ideellen Gründen nahmen. Gleichwohl hat er Beachtliche- geleistet und gilt auch heute noch in der Oessentlichkeit als die Droftdeutsche Studentenschaft überhaupt oder doch wenigsten- al- maftgebender Faktor in der D. St. Aus einer nicht unberechtigten inneren Unzufriedenheit über die Arbeit des Hochschulring» beschäftigte sich der Dorstand und der ArbeitS- ausschuft des Hochschulring- eingehend mit der Frage, wie die einst vorhandene innere Geschlossenheit des Hochschulring-, aus der allein die Ersolge dieser Bewegung entstanden waren, wieder zu erreichen sei. Das Ergebnis dieser Beratungen war, daft man es für nicht mehr angängig hielt, die Arbeit deS Hochschulrmges auch weiterhin auf allgemein nationaler DasiS aufzubauen, in feiner jetzigen OrganisationSform könne der Hochschulring nicht mehr bestehen, er könne nicht weiterhin ein breites und flaches Becken bilden, in dem jeder Iungakademiker nationaler Orientierung leinen Platz findet. Eine greifbare eindeutige Dillensrichtung müsse fter- auSgearbeitet werden Und da müsse man sich die Frage vorlegen, ob der D H eint volksdeulsch konservative Bewegung oder eine nationalliberale Gruppe sei, kurz. eS fei jetzt die Entscheidung zwischen konservativ oder liberal zu fällen. Die Leitung deS Hochschulring- entschied sich für die völkisch - konservative Linie, wobei man sich bei der BegrissSsormulierung des ..volkskonservativ"
auf Tloeller van den Brucks ..Drittes Reich" beruh.
Die Deutsche Burschenschast steht dieser Entscheidung und den Gedankengängen, aus denen he entstanden, lehr bedenklich und ablehnend gegenüber Daft diese Bedenken schon jetzt in weite Kreise gedrungen sind, zeigt der Austritt der Hochschulringe Freiburg und Bonn auS dem Deutschen Hochschulring und die Protesterklärung Göttingens. Die D B. weist auch auf die Konsequenz hin. daft man den Hochschulring bann in seiner jetzigen Form auflöfen inüfttc und ihn, auch praktisch, ganz auf Einzelmitgliedschaft auf» bcuen n.üfttc, da die einzelnen Verbände feftr viel Mitglieder mit liberaler Weltanschauung haben.
3m übrigen saftt sie ihre Bedenken in folgender Sntschlieftung zusammen:
..Die Deutsche Burschenschast hat au» ihrer geschichtlichen Ueberlieserung und Ausgabe heraus den Hochschulringgedanken immer unterstützt. Die jetzige Tätigkeit der augenblicklichen Mehrheit der Leitung des D. H. R., die den ursprünglich auf allgemein nationaler Grundlage stehenden Hochschulring einseitig richtung-politisch feftgelegt hat, muft vom burs(Herrschaftlichen Standpunkt abgclcbnt werden, ohne daft dabei einer anderen einseitigen Richtung das Wort geredet werden soll. Der Hochfchulpolitifche Ausschuft der D. B. legt daher den Burschenfchastern, die in dem Ar» beitSausschuft des D H. R. tätig sind. nahe, aus dem Arbeirsausschuft auszutreten. Eine Mitarbeit in den örtlichen Hochschulringen wird weiter nur unter der Boraussetzung empfohlen, daft der Dertretertag deS Hochschulring» mit der einseitigen Tätigkeit und Richtung der Leitung Schlaft macht.
Durch diese Stellung zum D. H. R. wird die Stellung der D. B. im Derfassung-kamps der D. 6t. nicht berührt."
Warnung he.mschickcn Diederhvlunaosalie rucken den Ausfchiuft nahe' Wv da» wirkt, gehört der junge Menlch bann eben in freie Schule nicht Hine::.
J» bleibt ji-o für die Frc gabt der Kor: er- strafe nur noch b.e Knabenvol.'elchule mit thren Zungen von 10 b.» 14 S e haben d e Möglichkeit der Auslese und die bilziplinarifchen Auswege nicht, müssen mit allen und m.i allem sert.g werben Arbeitsschulen und Arbeit»- kameradschaststchulen aber l.nb doch auch sie. Hier hat die Schale allo auch mit jenen fttlimm- sten Fallen frechen Trotzee oder von Roheit cder Gemeinheit tert z zu werben wo bann da» Ehrgefühl und sittliche Empfinden einer Ion ft normalen Klasse einfach eine sofort ge Sühne fordert Es kann sich um Ichw re Bergehen gegen das Alter. H.lslose. Tiere össcni.iche» Eigentum und öffentliche S cherheit handeln und wo die Wiederholung zeig» daft andere mich e Einwirkung - erlag« hat Man kann solche Fülle natür. ch nicht in einem Eoder fassen b er waltet der Sttxk' Dazu sind Iugenbzuchtsallc 'eelilch und nach den Umständen viel zu mannigfti.i g. und man bars so auch dem Lehrer Berantwov- tung und Erz eherfre he t nicht e.nschränken Aber, besondere Falle, die die alte ultima ratio der Prügel vielleicht einmal zulässig machen, find da» doch Da» schlicht nicht aus das, auch ihnen gegenüber immer wieder versucht werben muft. die Ziele der Erziehung aus andere Weise durch- zufetzen. Zunächst wird im Per'onal- ober Individual itatsbogen der Kinder jeder der Aue- wo der diod walten mr
in den Listen der Klasse zu vermerken sein, und jedes Zeugnis nehme daraus Bezug Das w.rd zur Borsicht mahnen, zumal wenn sich» um ein Schluftzeugni» handelt, daft man bei Schulwechscl oder Ausweis vor Berussberatung und ?lrbe t- geber ober Lehrherr vorlegen muft 3n schwelen Fällen aber müftte sür die Schule die Möglichkeit und da» Recht gesichert werden, sittl.ch unreife Schüler und Schülerinnen nicht schon mit dem Sjähngen Besuch zu entlassen. Wird darauf
so wird damit auch erziehlich auf die Erzieher des Hauses gewirkt, manche Erekut.on in der Schule verhütet und das Bemühen der Ar- beitSschulerziehcr. auch in der Boll-schule die Körperstrafe entbehrlich zu machen, wirksam unterstützt.
Volksbildung und Auslanddeutschtum.
Don Paul Rohrbach.
BiSmarck» 3ugenbfrcunb, Gras QUejanber Kahserling. der Groftvater de» Darmstädter Philosopben. pflegte sich gegen die Auslassung, die deutschen Balten seien doch .Russen", mit dem berühmt gewordenen Wort zu verteidigen: .Wenn ein Fohlen im SchweineftaU zur Welt kommt, so ist es doch fein Settelr Wie oft habe ich im Gespräch mit auslanddeutschen Volksgenossen die Klage gehört, daft es schon In Sachsen und Bayern, gar nicht zu reden von Hamburg oder vom Rhein, selbstverständlich sei. daft wenn jemand auS Trautenau oder Olniütz käme. Tschechisch seine Muttersprache fei, oder Magyarisch, sobald er einen ungarischen Paft habe. Wie erstaunt waren unsere Soldaten. alS sie auf ihrem Marsch nach Rumänien im Banat und in Siebenbürgen deutsche Dörfer und deutsche Städte trafen!
Auf einer Zusammenkunft von reichsdeutfchen und au-landdeutschen Dertretern wurde mir schon vor einigen Jahren der Wunsch ausgesprochen, ich möge einen Plan entwerfen, wie bei unfl im Reich eine bessere Kenntnis de » Au »- landdeutschtums von unten auf. schon von der Schule her. auf gebaut werden könne. AI» eine Derwirklichung diese» Gedanken» entsteht jetzt das .Auslanddeutschtum im Unterricht", eine
einigten Staaten sich rühmen können, ungefähr ein Viertel der StaatSsteuern für kostenfreie Erteilung des Unterrichts zu verwenden, fo braucht der Staatshochschüler nur die Kosten für Wohnung, Lebensunterhalt. Wäsche, die studentische Uniform und die üblichen Sportklub» aufzubringen Gelingt es ihm, eines der zahlreichen Hochfchulstipendien (Scholarships und Fcllowships) au erlangen, fo kann er nach der Erwerbung des Bachdor ol Arts und be» Magistergrades sogar den Doktortitel erwerben, ohne grafte finanzielle Opfer gebracht zu haben. Andernfalls erleichtern die Arbeit-Vermittlungsstellen an den Hochschulen da- Bestreben, durch geistige ober körperliche Arbeit den Lebensunterhalt zu erwerben.
3n der Lebensweise weicht der nordamerikanische Student sehr weit vom deutschen TypuS ab und nähert sich sehr dem englischen Dorbild. Wie in Orford und Cambridge lebt auch heute noch die Mehrzahl der Studenten in Internaten. zwar nicht wie an den englischen Hochschulen von den Tutors in der Lektüre, im Studium und in der Lebensführung überwacht, aber doch unter den Augen der Hoch^chulbehörden Dielsach befinden lich solche Internate in den Anstaltsgebäuden, in denen auch Hörsäle. Laboratorien. Bibliotheken, ober Bureau- liegen. Die Dohnräume sind oft komfortabel eingerichtet und durchweg mit Dampfheizung, elektrilchem Licht. Brause- und Wannenbädern mit kaltem und warmem Wasser und allen Ansprüchen der Hygiene entsprechenden Toiletten versehen Reben und unter den Wohnräumen liegen geräumige Studier- und Gesellschaftssäle sowie Turn- und Schwimmhalleri. Die Internate älterer Hochschulen. wie die Univerfity of Dermont. lind manchmal einfacher eingerichtet und enthalten auch gröbere Wohnungen mit abgeteilten Schlaf- räumen für zwei und mehrere Studenten
Da es nicht wie in Deutfchland bei einer Studentenbude mit Dollpenfivn Sitte ist, in der Wohnung felbst die Mahlzeiten einzunehmen, ist der Student gezwungen, die Speifehäuter (Boaidmg Halls, aufzufuchen Dort wird die Tilchbedienung sowie die Reinigung von Bestecken und Schütteln von Studenten besorgt, welche dafür ein Ent gelb erhalten. Während einige ältere Hochschulen, wie Harvard in Cambridge t Massachusetts) keine Frauen zum Studium zulassen. haben andere Hochschulen, wie die Connnbia-Universith ihr Women-College, wo
die Leitung der Speisehallen und Studentinnerr- heime in den Händen besonder- gebildeter Damen. Adviser of Women, liegt.
Charakteristisch für die amerikanischen Hochschulen ist die hohe Bedeutung, die dort den Leibesübungen. Turnen. Schwimmen und SpoN beigemessen wird. Fast überall ist der Sport gleichberechtigtes Lehrfach und an vielen Hochschulen die Teilnahme an sportlichen Deranftal- langen für alle Studenten vorgeschrieben. so daft bei manchen Fakultäten die Zulassung zur Prü- sung von dem Rachwei» sportlicher Betätigung abhängig gemacht wird
So erfreulich auch die .körperliche Ertüchtigung" der amerikanischen Studenten ist. so kann doch nicht geleugnet werden, daft diese viel- sach aus Kosten der geistigen Schulung eine zu grofte Zeitspanne der Studienjahre auch schon an den Mittelschulen beansprucht. Mit Recht weist Hans Goslar bei der Kritik am amerikanischen Geistesleben daraus hin. .Es ist nicht verletzle Eitelkeit des Europäers, den es etwa verdrieftt. daft seine Götter hier nichts gelten, daft Grundlagen und Dorausfetzungen, die er für unerschütterlich und unentbehrlich hielt, hier einfach negiert ober als schätzbare Rebensäch» lichkeit mit Antiquität-wert behandelt werden. Cs ist auch die Erkenntnis, daft es doch schlieft- lich in der klafsischen Antike und in der gesamten Menschheitsgeschichte der alten Welt Dinge gegeben hat. die man kennen muft. um das Gegenwärtige richtig einschätzen zu können, und die objektiv zu wertvoll waren, al» daft man sie al» Bausteine auch für eine ganz ander- geartete Welt zum Teil missen möchte "
Trotz dieser ander» gerichteten Einstellung jur klassischen Kulturgrundlage soll nicht ver- schwiegen werden, daft der wissenschaftliche Unterricht sich an amerikanischen Hochschulen, besonder» von Harvard und Columbia. "Sale und Cornell, bedeutend gehoben bat Teils geschah diese- durch die Uebemahme deutscher DilfenschaktSmethoden. teils durch das System der Austaulchprosessoren und der Entsendung amerikanischer Studenten an deutsche Hochschulen. Wenn dieser Professoren- austausch seit 1914 nachgelallcn hat. so ist daran nicht allein der Weltkrieg schuld, sondern auch ein Umschwung in der Einschätzung deutscher Hochschulen von feiten amerikanischer Gelehrter.
Schon früher hatten englische und französische Gelehrte an der deutschen Wifsenschaftsmethode
Kritik geübt. Aus der aristokratischen Stimmung von Oxford und Cambridge lehnte man den.mechanischen Betrieb" mit geistloser ermüdender Kleinarbeit ab und forderte Weite der Weltanschauung und liebevolles Dersenken in die Probleme Bon deutscher ©eite entgegnete man, baftj. ne gerügten Schwächen der Äleinaroeit und formlosen Stosfauhaufung im Grrinde nur unvermeidliche Rebenergebnisse oder Auswüchse der wesentlich deutschen Arbeitseigentümlichkeit: der wissenschaftlichen Gründlichkeit wären. Diese Darf auch zur Erzielung dauernder Leistungen nicht da» geringste der schönen Form wegen opfern, um dem französischen Dorwurf der Formlosiakeit und.Fuftnoten- gelehrsamkeit" zu entgehen. Dre Amerikaner behaupten dagegen vielfach, die deutsche Wifsenschast sei nutzlos und weltfremd, sie .widme ihre besten Kräfte ausgeklügelten Problemen, die vom praktischen Leben fern abliegen, während man eine bodenwüchsige Wissenschaft im Dienste der Gesellschaft und im Geiste fozial-elhischer Ideen" fordern müsse. Hugo Münsterberg. der als AuS- tauschprosessor da» amerikanische Hochschulwesen eingehend kennen gelernt hat. antwortet hieraus mit einer seinen Analyse amerikanischer und deutscher Kulturbetrachtung: .Dem Amerikaner sind die Güler des Lebens, einfchlieftlich der Wissenschaft dazu da. um die Menschheit zu fördern und zu beglücken: dem Deutschen sind die Güter be» Leben- an sich schlechthin wertvoll, und unsere Pflicht ist es. ihnen zu dienen ohne Rücksicht auf Ruhen und dufteren Erfolg. Ss ist dieser deutsche Glaube an den Selbstwert der Wahrheit, der die deutschen Universitäten gebaut hat und der in dieser Reinheit und Tiefe an keiner anderen Stätte heimllch ist. Der einzelne Gelehrte ist I ch h-a Unterschiedes kaum bttouftt; aber wer hüben und drüben im Wissenschaftsgel riebe gelebt, der muft den Abstand empsitiden. Dort treibt man die WiHenschast als einen für die MenlchenkuNur wichtigen Beruf, hier aber als Hingabe an ein Ideal. Dem amerikanischen Gelehrten ist seine Wissenschaft eine Summe von fachmätzigen Ketmk- nissen: dem Deutschen ist sie eine Ueberzeugung. ein Glaube, ein tief innerlicher Leben-wert" Daher rät Münsterberg dem amerikanischen Studen- ten, in den Jahren der wissenschaftlichen Gnt toi cf- lung einmal mit ganzer Seele in den Bannkreis der deutschen Hochschule zu treten und ein paar glückliche Semester lang die Luft be» deutschen Idealismus zu atmen.


