Unwillige Hebergabe und die Auslieferung der Schlüssel verweigerte, wurden die Kirchentüren mit polizeilicher Hilfe geöffnet. Es oesteht die Absicht, die Kirche, die auf Grund des Gesetzes über die Abschaffung der Stände vom Etaatsgerichtshof a l S S t a a t s- eigentum erklärt worden war, dem Konsistorium zur Nutzung yu überlassen.
Kunst und Wissenschaft.
Dos Vermächtnis huston Stuart Chamberlains.
Der kürzlich verstorbene Schriftsteller Houston Stuart Chamberlain hat der Stadt Bayreuth, deren Ehrenbürger er war, seine sämtlichen Bücher und seine Marmorbüste vermacht mit der Bestimmung, daß die Bücher in der städtischen Bibliothek einen Baum erhalten und dort auch die Büste Aufstellung findet. Es handelt sich um rund 7000 Bände. Der Stadtrat nahm die Stiftung an. Das Urheberrecht bleibt den Chamberlainschen Erben Vorbehalten.
Kunstversteigerung in Frankfurt.
Bei der letzten Versteigerung von Gemälden neuerer Meister durch das Auktionshaus Rudolf Bangel in Frankfurt wurden im Durchschnitt für hochwertige Bilder anerkannter Meister sehr gute Preise erzielt, während der Kreis von Interessenten für mittelmäßige Arbeiten verhältnismäßig klein blieb. Wir bringen einige Beispiele aus den abgegebenen Höchstgeboten: Hans Thoma (Abendlandschast) 7000, Defregger (Das Kartenhaus) 6600, Trübner (Garten am Starnberger See) 6000, Liebermann (Blumengarten) 6000, Spihweg (Empfang einer Dame) 5600, Lenbach (Damenbildnis) 5200, A. Achenbach (Küstenlandschaft) 5000, Zügel (Beim Melken) 4400, O. Achenbach (Castel Ganbolfo) 4400. Stadler (Landschaft) 3800, Slevoat (Landschaft) 2650 und Eh. Schuch (211t) 1950 Mark.
Aus oller Welt.
Parade im Potsdamer Lustgarten.
Der Potsdamer Lustgarten sah am Samstag zum ersten mal seit dem Jahre 1914 wieder eine Truppenparade: die Garnison Potsdam wurde vom Ch^ »er Heeresleitung. General Heye, besichtigt. Das militärische Schauspiel hatte eine große Zahl von Zuschauern angelockt, die in langer Front den Marstall umfäumten. Als offizieller Gast war in Begleitung von Offizieren des Reichswehrministeriums der amerikanische Botschafter S ch u r m a n mit dem amerikanischen Militärattache gekommen. Die Amerikaner verfolgten die Parade mit sichtlichem Interesse. Pünktlich um neun Ußr traf der Chef der Heeresleitung im Potsdamer Lustgarten ein. Die Truppen nähme* Paradeaufstellung, und unter den Klängen des Präsentiermarsches schritt General Heye die Front der Formation ab. 3n der elften BormittagSstunde war die Besichtigung beendet und General Heye kehrte nach Berlin zurück.
Ein Aulounfall des Reichsfincmzministers.
Das 2luto des Reichsfinanzministers Dr. Köhler,, in dem sich dieser Samstag nachmittag zum Schlittschuhlaus nach dem Grune- waldsee begeban hatte, ist am Ufer des Grüne - Waldsees beim Wenden auf den See hinausgefahren, wobei die Eisdecke plötzlich brach und die Räder dcS Wagens, den Dr. Köhler bereite verkästen hatte, einbrachen Der Chauffeur konnte sich durch Abspringen retten, während das Fahrzeug versank. Die Feuerwehr konnte, den Wagen nach angestrengter Arbeit wieder aus dem Wasser ziehen.
Springflut an der Rordoskküsie Amerikas.
Eine Springflut, wie sie sich in den letzten l 50 (Zähren nicht mehr ereignet hatte, hat an der ganzen Rordostlüste von Maine bis Delaware F Millionenschaden angerichtet. Das Meer steht an einzelnen Grellen s/< Meilen landein- '» w ä r t s. Der Schiffsverkehr ist völlig gestört. Kleinere Fahrzeuge sind der Springflut zum Opfer gefallen.
Eine fiaaüerbfe als Todesursache.
Ein eigenartiger tätlicher Unglnckssall ereignete sich während einer Faschingsfeier tu einer Stuttgarter Gaststätte. Einem 39 Jahre alten ^Peizzuschneider wurde eine Knallerbse in das rechte Ohr geworfen, deren Explosion das Trommelfell zerriß. (Zn der Folge traten innere Blutungen auf, an denen der Mann nach kurzer 3etr starb. Die Leiche wurde von der
Georg Brandes f.
Kopenhagen, 20. Febr. (TU.) Der groß« dänische Schriftsteller und Kritiker Georg Brandes starb am Samstagabend 9 Uhr, nachdem er die letzten drei Stunden ohne Bewußtsein war. Schm: am Morgen erklärten die Aerzte, fein Gebe« nicht mehr retten zu können. Brandes selbst hatte keine Ahnung, bah er sterben sollte. Er war wie immer geistreich, unterhielt sich am Morgen iwch mit der Krankenschwester und erzählte ihr Anekdoten. Indessen schwanden seine Kräfte mehr und mehr. Er wollte nichts essen, well et keinen Appetit hatte. 2lb und zu verlor er auch das Bewußtsein, und gegen Abend versammelten sich die Aerzte und die Familienmitglieder im Krankenzimmer, um den Tod abzuwarten. Sein Atem wurde andauernd schwächer. Um 9 Uhr starb er ohne Bewußtsein und ohne Todeskampf. Die Leichenverbrennung findet Mitte der Woche statt, auf Wunsch Brandes' in größter Stille. Sämtliche Zeitungen bringen heute von prominenten Persönlichkeiten des 3n- und Auslandes eine Reihe von Kundgebungen, die Georg Brandes als einem der größten geistigen Freiheitskämpfer huldigen.
Mit Georg Brandes ist ein Mann dahingegangen, bzr feit langem der Geschichte angehört und treffen fruchtbare Wirkung auch auf unser geistiges Leben etwa dreißig 3ahre zurückliegt. Er hat gerade vor wenigen Tagen das fünfundachtzigste Lebensjahr vollendet und kann auf eine beneidenswert reiche, sehr früh ein- sehende und bis ins höchste Alter rüstig unb rühmlich fortgeführte Arbeit zurückblicken. Roch vor kurzem war fein Buch über Cäsar neben GundolfS gleichnamigem Wert ein Gegenstand der allgemeinen Beachtung.
George Morris Cohen Brandes war jüdischer Herkunft: fein Baier Edvard ist der dänische Staatsminister und Herausgeber der radikalen Zeitung »Politiken". AIS „®r. Dathan" geht er, der unsichtbare, allmächtige Spiritus rector des jungen Dänemark, heftig befehdet durch die Seilen von Henrik PontoptddanS Roman „Hans im
Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Der Fall wird ein gerichtliches Rachspiel haben.
Die Breslauer THorbaffäre Hofen.
Obgleich die Borunter.uchung gegen 3ahn, Strauß und Frau Reumann eröffnet worden ist, werden die polizeilichen Ermittlungen fortgesetzt. 3ahn soll nun sein Geständnis dahin erweitert haben, daß er die M o r d w e rkzeu g e nach der Tat nach 3 a u e r n i g k in der Tschechoslowakei gebracht und sie dort ineinenBrun- nen geworfen habe. Man hat diesen Brunnen bis auf den Grund ausgepumpt und zur größten Ueberraschung die Angaben des 3ahn bestätigt gefunden. Auch eine Waffe aus dem Besitz des Professor Rosen soll dabei gefunden worden fein.
Steuerung im Depeschen verkehr.
Rach der „Montagspost" wird die Reichspost im Verein mit der Firma Telefunken schon in wenigen Tagen den Probebetrieb einer neuen Art von Telegraphie aufnehmen, die darin besteht, daß man Stenogramme von einer St ationzuranderendrahtlosphoto- graphiert. Es scheine, daß diese Methode bedeutend schneller und wirtschaftlicher arbeitet als der gegenwärtige Maschinentelegraph.
llebersall auf einen Bierkutscher.
Der Bierkutscher Wilhelm Wessel aus Eberswalde wurde auf der Heimfahrt von einem an einer Wegkreuzung stehenden jungen Manne angefallen, und, als er rasch davonfuhr, durch einen Schuh in den Kopf verletzt. Der Kutscher verlor die Besinnung und die Pferde rasten bis zur nächsten Ortschaft Golzow, wo sie vor der Gastwirtschaft stehen blieben. Der Kutscher wurde in eine Dachstube gebracht, wo er wieder zu sich kam und den Vorfall erzählte. Er wurde in ein Krankenhaus gebracht, wo er unter den Händen der Aerzte starb. Die sofort eingeleitete Verfolgung des Täters blieb erfolglos.
Aus Der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 21. Februar 1927.
Beschlagnahme
durch die Kriminalpolizei.
3n weiten Kreisen der Bevölkerung hält man die Macht der Polizei für unendlich viel größer, als sie tatsächlich ist. Das erkennt man so recht, wenn man in den Bureaus der Kriminalpolizei einmal gehört hat, was von den Beamten alles beschlagnahmt werden soll, und welche Gründe dafür geltend gemacht werden. Rur in einem Bruchteil dieser Fälle können und dürfen die Beamten einschreiten. Viele Ersuchen müfsen sie ablehnen, nicht aus ilngefätügteit oder aus ähnlichen Gründen, sondern weil das Recht der Beschlagnahme von Gegenständen feilend der Kriminalpolizei an das Vorhandensein ganz bestimmter Gesehesvoraussetzungen geknüpft ist. Leider versteht dies das Publikum oft nicht und macht der Polizei daraus einen Vorwurf. Die Kriminalpolizei darf nur Gegenstände beschlagnahmen, die als Beweismittel für die Untersuchung von Bedeutung sein können, ober die der Einziehung unterliegen. Der Einziehung unterliegen aber nur solche Gegenstände, die durch ein vorsätzliches Verbrechen oder Vergehen hervorgebracht, oder zu einem solchen gebraucht ober bestimmt sind. Das alles auch nur bann, wenn eine diesbezügliche richterliche Anordnung vorliegt, ober wenn Gefahr im Verzüge ist, b. h. wenn zu befürchten steht, daß die durch die Einholung der richterlichen Anordnung eint relen de Verzögerung die Durchführung der Beschlagnahme in Frage stellen würde. R i e - mals dagegen darf die Polizei in zivilrecht - lichen Streitigkeiten zur Beschlagnahme schreiten. Eine zivilrechtliche Beschlagnahme muß bei den Zivilgerichten beantragt werden, sie wird durch den „A r r e st be s e h l" ausgesprochen. Die Vollziehung des ArrestbefehlS erfolgt durch Pfändung seitens des Gerichtsvoll ziehe r s. Oft finden sich natürlich auch Fälle, in denen sowohl die strafprozessualen Doraussehun- gen einer polizeilichen Beschlagnahme, wie die einer im Wege des Arrestverfahrens erfolgenden zivilrechtlichen Pfändung gegeben sind. So wird z. D. häufig die Polizei bei einem Betrüger das zu Unrecht erlangte Gut beschlagnahmen, unabhängig davon hätte Der Betrogene seinen dementsprechenden zivilrechtlichen Arrestanspruch geltend machen können.
Vornotlzen.
— Tageskalender für Montag. Hessische Vereinigung für Volkskunde: 8.15 Uhr, Hörsaal 44 der Universität. Vortrag. — Sani- tätSverein: 8 Uhr, Kaufm. Vereinsyaus, General-Versammlung. — Lichtspielhaus. Bahnhof- straße: „23en Hur". — Astoria-Lichtspiele: »Der Schrei aus den Säften“.
— Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde. Man schreibt uns: Der nächste Vortragsabend der Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde am Donnerstag. 24. Februar soll eine Gedenkfeier für Prof. Koch-Grünberg bringen. 3n Gießen ist das Andenken an den berühmten Forscher Gemeingut der Stadt. Hier hat er seine Gymnasialzeit verbracht und einen Teil der Universitätsausbildung genossen, die ihm den Weg zu seinen Forschungsreisen bahnte. Vier große Reifen führten ihn durch weite Strecken Südamerikas. Aus der ersten ging er als Begleiter Hermann Meyers mit zum Tingu. Die zweite und dritte Reise galt den (Zndianer- ftämmen des nördlichen Brasiliens. Die vierte Reise, zusammen mit dem amerikanischen Forscher Hamilton Rice, füllte ins Gebiet der Ort- nocoquetlen führen. Von dieser Reife ist Koch- Grünberg nicht zurückgekehrt. Die Expedition hatte im September 1924 die erste Urwaldlichtung am Rio Dranco, einem Rebenfluh des Amazonenstroms, erreicht. Dort erkrankte Koch-Grünberg an dem gefürchteten Rio Brancofieber, einer besonders schweren Form der Malaria, unb erlag ihr nach vorübergehender Besserung am 8. Oktober 1924. Sein Zeichner Hermann Dengler hatte ihn in aufopferndster Weise gepflegt. Die Gesellschaft für Crd- und Völkerkunde glaubte, daß sie das Andenken an den Forscher, der seinem gefahrvollen Beruf zum Opfer gefallen ist. in seiner oberhessischen Heimat nicht schöner ehren lärm, als daß sie den Begleiter Koch-Grünbergs, Herrn Hermann Dengler, bat, über die Reise in den Urwäldern des Amazonengebietes vor der Gesellschaft zu berichten, und sie bittet ihre Mitglieder und alle Freunde Koch-Grünbergs, deren es in Gießen und in seiner Heimatstadt Grünberg nicht wenige geben dürfte, durch recht zahlreiches Erscheinen Herrn Dengler für seine Mühe zu danken. (Vergleiche die Anzeige in der Samstags-Rummer.)
— Oberhesf. Gesellschaft für Ra- tur- unb Heilkunde. Rächsten Donnerstag abend im Physikalischen (Znstitut Hauptversammlung mit Vortrag von Prof. Dr. B ü r f e r. Roheres in der heutigen Anzeige.
Wettervoraussage.
Vorwiegend bedeckt. Temperaturen etwas ansteigend, iwch Riederschläge. Gestrige Tagestemperaturen: Maximum: minus 0,6 Grad Celsius, Minimum: minus 1,8 Grad Celsius. Riederschläge: 4 Zentimeter Schnee. Heutige Qltorgentemperatur: minus 3,3 Grad Celsius.
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" DerWinter hat sich seit gestern abend wieder einmal zu einem Gastspiel bei uns eingefunden. Gegen 8 Uhr am Sonntagabend begann das feine Flockengeriesel, daS die ganze Rächt über anhielt und auch heute vormittag in der zehnten Stunde noch im Gange war. 3n Stadt unb Feld liegt eine ziemlich ansehnliche Schneedecke. Daß diese aber von längerer Dauer sein wird, kann man wohl bezweifeln.
Oberhessischer Geschichtsoerei n. Man schreibt uns: Der dritte Vortragsabend des Oberhessischen Geschichtsvereins war in Anbetracht der mannigfachen gleichzeitigen anderen 23er- anstaltungen recht gut besucht. Zunächst wurden geschäftliche Mitteilungen gemacht, aus denen die Vorlage des neuen (27.) Bandes der „Mitteilungen", der soeben über 10 Bogen stark mit 12 Tafeln erschienen ist, unb einige Aufklärungen über das Verhältnis des Vereins zu „Volk unb Scholle" heroorheben möchten. 3m Laufe bes letzten Geschäftsjahres ergab sich für ben Verein bie Notwendigkeit, mit seinen auswärtigen Mitgliebern in engere Verbinbung zu treten, als dies seither durch seine 3ohresgabe, die „Mitteilungen" geschah. Dies konnte erreicht werben burch Begründung eines besonderen, mindestens vierteljährlich erscheinenden Blattes, oder durch Annahme einer be- stehenden und bereits cingefuhrten Zeitschrift als Vereinsorgan. Der erstere Weg war als zu kostspielig nicht gangbar. 3n „Volk unb Scholle" aber besitzen wir eine treffliche Monatsschrift, nn deren Verausgabe der Verein ja sowieso schon seit ihrem Be- stehen beteiligt ist. Es lag nahe, sie zu wählen unb
Glück". Er ist innerlich irgendwie mit Ferdinand Lassalle verwandt: auch darin, daß er die Wirklichkeit nie aus den Augen verlor.
Brandes ist hervorgegangen aus der geistigen Atmosphäre der nordischen Romantik in Kopenhagen, um sich dann bald um so entschiedener gegen sie zu wenden. Man ersieht aus feinen „Lebenserinnerungen", mit welcher universellen Energie er sich als 3üngling schon dem Geist ergab, von Goethe, Hegel, Spinoza angezogen. Sein Feld war damals und später wirtlich die Welt, und es gab im ganzen Bereich der menschlichen Kultur, in Vergangenheit und Gegenwart, kaum etwas, daS ihn nicht angezogen hätte. 3n seiner 3ugend stand das konservative und streng lutherische Dänemark, wie ganz Europa, noch unter den Rachwirkungen der Romantik, die hier wie in Skandinavien zu einer Wiederbelebung des Altnordischen geführt hatte. Man träumte von einer neuen Union des Ror- dens und einem neuen Wikingerzug gegen Deutschland. Der Sieg bei 3dstedt ließ diese Hoffnungen hoch anschwellen: erst 1864 oder gar erst 1871 ist Dänemark auS dem 3rrtum nationaler Größe erwacht.
Damit erst wurde der Weg frei für die 3u- gend, die Brandes führte. Er hatte den unfehlbaren 3nstinkt für daS Kommende, den zukünftigen geistigen Wert. Als einer der ersten ist er auch für Rietzsche, den antiromantischen Europäer, eingetreten. Er wurde 1860 ein Schriftsteller. weil er empfand, daß die Welt sich in einer Krise befände: es war eine stille, tote Minute, und es fragte sich, wer den neuen Ton angeben sollte? Da trat er auf und sprach.
3a, was sprach er? Gr war einer der ersten Venünder des Realismus in Europa, ungefähr zu derselben Zeit, wo Zola und Flau- bert in Frankreich, Otto Ludwig und Fontane bei uns die Abkehr von der epigonalen unb unechten Schönfärberei predigten und für empirisch-psychologische und soziologische Erfassung des modernen Menschen in seiner Umwelt eintraten, dabei sogar eine Anleihe bei der Ratur- wisfenschaft nicht verschmähten Auf dem Grunde diese- Programmes traf Brandes sich mit Meistern der Qlnalbfe wie Tai ne nnd Rietzsche. Sv
riß er den Rorden aus den romantischen Rebeln und stellte ihn in die Wirklichkeit Europas wieder hinein. Seine Wirksamkeit ergriff seit 1871 weitere Kreise durch die berühmten Vorlesungen über die „Haupt st römungen in der Literatur deS 19. 3ahrhun- derts", die aber auch die Zahl seiner erbitterten Feinde im Lande vermehrten.
WaS er vertrat, war fein ästhetischer Realismus. Sondern mit der wahrheitsgetreuen Schilderung des Allzumenschlichen und Gesell- schastlichen sollte sich eine Kritik oeralteter Zustande und Anschauungen verbinden unb der Poet so zum Richter und Wegweiser seiner Zell bestellt werden. So forderte er eine politischsoziale Tendenzdichtung, in der die Anregungen deS jungdeutschen Kreises nachwirkten, bie bereits nach 1830 bei uns im Deist der Aufklärung daS rornantisch-rea'tionäre Wesen bekämpft hatten. „Licht übers Land, das ist'S, was wir ge° wollt", war die selbstgewählte Grabschrift seines Freundes und 3üngers 3. P. Oacobsen.
Brandes war immer nur Kritiker unb Histo- rlfer, nie selbst Gestalter, aber eine ungemein anregende Ratur. Für unS lebt er am meisten in seinen Freunden wie Henrik 3 d s e n . der als kämpferischer Dramatiker dieselben ethischen und ästhetischen Lehren mit starrem Optimismus vertrat: vor allem aber in 3enS Peter 3 acobsen, dem Schöpfer des „Riels Lhyne", wo das ileber- toiegen deS Künstlerischen über die sonst oft aufdringliche Tendenz der Schule dem Werk eine bleibende Wirkung sichert.
3nbem die Jungen Dänen und Rorweger seit etwa 1890 auch auf unS einwirkten, ja fast Heimatrecht erlangten, hat Brandes auch unier Denken und Dichten geformt. Die damalige literarische Revolution bei unS mit ihrem realistisch-sozialen Einschlag ist ohne 3bfen, 3acobfen, Hermann Bang u. a. nicht denkbar. Manches von dem, WaS damals keck und neu wirkte, ist allmählich zu einer Selbstverständlichkeit geworden, so die freiere Stellung der Frau. Später ist die Wirkung dieses Kreises zurückgetreten, auch im Rorden. und die Lehre von einer kritischen Abschilderung der Außenwelt durch ein erneutes Gefühl für höhere Aufgaben des Dichters abgelöst wor
fle allen Mitgliedern zugänglich zu machen, wie bei ja auch der Historische Verein für Hetzen unb anbere beteiligte Geschichtsoereine tun. Auf diese Weise gelang es, gegen eine erhebliche Preisermäßigung jedem Mitglied die Monatsschrift zu liefern unb ihm regelmäßig einen im Arbeitsgebiet des Vereins liegenden Lesestoff zuzuführen.
*• Rundfunk-Empfangsgerät für Dlinde. Don der Oberpostdirektion Darmstadt wird mitgeteilt 3m März unb April wird in Hessen gelegentlich der Einziehung dev Rundfunkgebühren eine Sammlung freiwilliger Gaben zur Beschaffung von RundfunkempfangS- gerät für Blinde — insbesondere für Kriegsblinde - veranstaltet. Die Spenden werden durch das Zustellpersonal der Postämter bei der Einziehung der Rundfunkgebühren entgegengenom- men. Die Zusteller sind im Besitze einer Zeichnungsliste, auf der eine beglaubigte Abschrift der Genehmigung für die Sammlung abgedruckt ist.
• • Ein interessant es Karneval- ere i g ni s soll am Mittwochabend, veranstaltet von Mitgliedern der früheren Karneval-Gesellschaft, die vor dem Kriege den Karneval auch in unserer Stadt pflegte, im Cafck Amend statt- finben. Man will versuchen, dem Lgmeval in guter rheinischer Art auch in Gießen und Umgegend wieder den Boden zu bereiten. Zu diesem Zwecke sollen in einer Damensitzung mehrere Redner .in die Bütt steigen", die in ihrten Düttreden sich mit den lokalen D eg ebenheilen unb anderen bemerkenswerten Ereignissen recht ausgiebig beschäftigen dürften.
• • Aus dem (Siebener Stand eü- amtsregister. Es trerftarben in der Zeit vom 1. bis 15. Februar: 1. Februar: Konrad Wagner. Gasmeister i. R.. 71 3ahre, Stephan- straße 53. 2. Friedrich Euler, Lehrer, 49 3ahre, Roonstrahe 16. 2. Ulrlle Magdalene Lehrmund, ohne Beruf, 71 3ahre, Hammstraße 16. 3. 3o- hann Georg Demmler, Zugführer i. R., 72 3ahre, Ostanlage 1. 4. Dina Rosenbaum, geb. Katz, Wwe., 83 3ahre, Alicestraße 18. 4. Ernst Otto Radtke, Schuhmachermeister, 44 3ahre, Sonnen- strahe 32. 4. Peter Lückert, Arbeiter, 28 3ahre, Frankfurter Straße 142. 4. 3ost Schneider, Schneidermeister, 75 3ahre. Steinstraße 78. 5. Katharine Offenbacher, geb. Schäfer, 52 3ahre, Kaiserallee 99. 6. Margarete Ranst, geb. Siegfried. 82 3ah re, Bleichst raße 18. 7. Hans Tränk» ner, Dankvertreter, 34 3ahre, Landgrafenstr. 4. 8. Liesel Scholz, geb. Drescher, 39 3ahre, Kreuzplatz 5. 8. Christine Waag. geb. Schneider, Wwe., 74 3ahre, Wilhelmstraße 13. 9. Ratalie Euler, geb. Best, Wwe.. 77 3ahre, Asterweg 15. 9. Maria Elisabethe Steinbach, geb. Linn, Wwe., 66 3ahre. Bahnhofstraße 41. 9. Philipp Klotz, Dchmiedemeister. 69 3ahre, Wehsteingasse 18. 9. Charles Louis Dah, Kaufmann, 48 3ahre, Seltersweg 23. 9. Wilhelm ©ruber, Mechaniker. 28 3ahre, Kaiserallee 4. 10. Christoph Mootz. Arbeiter, 18 3ah re, Löwengasse 17. 11. August Kalbfleisch, Wagenführer, 59 3ahre, Am Rodberg 1. 12. Mar Walter Qklfe, 6 Monate, Walltorstraße 25. 13. Emma Schultheiß, geb. Eichelmann, Wwe., 68 3abre, Licher Straße 74. 14. 3ohanneS Döckner, ohne Beruf, 83 3ahre, Ostanlage 38. 14. Antonia Hopfeld. geb. Roßhart, Gastwirttn, 50 3ahre, Friedrichstraße 4. 15. Margarete Kutzschrad, geb. Roll. 66 3ahre. Weidengasse 1. 15. Marie Schüttler, geb. Schaum, 67 3ahre, Erednerstrahe 45.
* * Festgenommen wurde eine Frauensperson, die in einem hiesigen Konfektionsgeschäft in einem günstigen Augenblick ein wen volles Kleid unter dem Mantel verschwinden ließ. daS sie dann nach etwa vier Wochen hier loci ter- verkaufte.
• • Ein kleiner Balkenbrand Infolge schadhaften KaminS entstand gestern mittag gegen 1.30 Uhr in dem Hause des Fuhrunternehmers Krack am Riegelpfad 56. Die alsbald alarmierte Feuerwehr konnte in etwa halbstündiger Arbeit daS Unheil beseitigen.
• • Die Zahl der Rundfunkteilnehmer in Deutschland Hal sich im Monat 3anuar um 89 763 erhöht: die Gesamtzahl beträgt somit nach dem Stande vom 1. Februar 1 466 327.
Auftrieb auf dem heutigen Frankfurter Schlachtvi.ehmarkt: 336 Ochsen, 56 Bullen. 422 Färsen. 331 Kühe, 89 Schafe, 5650 Schweine.
den, zu deren Erfassung wir aber wohl kaum gelangt wären ohne jenen energischen Hinweis auf das Leben, der von Dänemark zu unS herübergekommen ist.
Brandes wurde am 4. Februar 1842 in Kopenhagen geboren; er studierte 1859 bl« 1834 Philosophie und Aesthetik an der Universität feiner Vaterstadt und machte bann ausgedehnt« Reisen durch Europa. 1866 nahm er durch feine Schrift »Der Dualismus in unserer ncueften Philosophie" lebhaften Anteil an einem damals herrschenden Streit Über RaSmuS Riel enS Philosophie. nachdem er sich schon 1862 durch seine „Aesthetischen ©tuöicn" als Kritiker einen Rainen gemacht hatte. 1871 habilitierte er sich al« Dozent an der Universität Kopenhagen. 1872 bis 1890 erschienen in 6 Bänden die .Haupt- strömungen", sein auch bei unS bekannteste« Werk.
Brande«, der 1902 ordentlicher Professor In Kopenhagen wurde, veröffentlichte weiter folgende wichtigere Schriften: „Sören K.rkegaard" (deutsch 1897); .„Ferdinand Lasalle" (Berlin 1877); „Moderne Geister" (Frankfurt a. M. 1881); „Menschen und Werke" (1883. deutsch 1894): „Moderne Bahnbrecher" (1883, deutsch 1897); „Ludwig Holberg" (1884, deutsch 1885); „Berlin als deutsche Reich«hauptstadt" (1885): „Aus dem Reiche des Absolutismus" (1888, deutsch 1896); „William Shakespeare" (1896); „Gestalten unb Gedanken" (1903); „Armand dar- rel" (1912, deutsch 1913); „Wolfgang Goethe", „Voltaire", „Rapoleon unb Garibaldi". „CajuS 3ulius Caesar", „Friedenschlüsse" (1919); „Michelangelo Buonarotti" (1921); .Homer' (1922); „Talleyrand" (1923). Drei Bände gesammelter Schriften erschienen 1919.
Die von Brandes entfesselle Bewegung wird in der Literaturgeschichte als „Der Durchbruch" b^eichnet. Und wenn die von ifjm angeregten Dichter auch zum großen Teil über ihn hinaus- gewachsen sind, so wird doch mit Recht anerkannt, daß kein Kritiker auf die Kultur der nordischen Länder einen größeren Einfluß auSgeübt hat, als er. M. K.


