Mittwoch, 20. Juli 1927
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
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scheidende Bedeutung der Rassenfrage für Völker und besonders für das deutsche Volk.
Einleitend spricht Max v. Gruber, berühmte Münchener Hygieniker, über „Volk Rasse". Sn seiner Fülle von Gedanken und
litil betrieben wird, die dem Bergvolk ein Greuel ist. Wo liegt die Grenze Tirols? Heute schon, und heute erst recht, liegt sie nicht mehr zwischen München und Innsbruck — heute schon ist sie zwischen Innsbruck und Wien aufgerichtet und diese Grenzscheide wächst, wächst bis sie höher als alle Berge ist, so das; kein Gewitterschwaden mehr über sie hinwegkommen kann, das heilige Land Tirol zu bedrohen.
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Walter teil, ferner Vertreter der Dieburger Stadtverwaltung, Vertreter der Handwerkskammer usw. Bei der von musikalischen und deklamatorischen Darbietungen umrahmten Feier begrüßte Landtagsabgeordneter Lautend acher die außerordentlich zahlreich besuchte Dcrsamm- lung und machte darauf aufmerksam, daß in den gemeinsam hier anberaumten Sagungen der verschiedenen Fachverbände die Einigkeit des Handwerks zum Ausdruck kommen solle.
In der Hauptversammlung des Verbandes der Schneiderinnungen, die am Samstagnachmittag zusammentrat, führte K. K l i p p e r t - Offenbach den Vorsitz. Geschäftsund Kassenbericht sowie der Voranschlag wurden genehmigt, und Worms zum nächsten Tagungsort bestimmt. In den Verhandlungen wurde auch die Lieferung von älniformen für Äe Schutzpolizei zur Sprache gebracht, worüber bereits Vorstellungen im Landtag erhoben worden waren, weil das Handwerk von der Lieferung ausgeschlossen war und nur Großlieferanten berücksichtigt wurden. Es wurde eine Entschließung gefaßt, in der das Ministerium aufgrfordert wird, bei der nächsten Auftragvergebung der Uniformen auch das Handwerk zu berücksichtigen.
In einer Versammlung am Sonntag sprach der Syndikus des Reichsverbandes der Schneidermeister Dr. Menninger über verschiedene das Schneiderhandwerk gegenwärtig bewegende Fragen: er empfahl u. a. eine Zentralisierung des Einkaufs. Dem in der Versammlung anwesenden neunzigjährigen Altmeister Rikolaus Graf (Dieburg) wurde sodann derEhrenmeister- brief der Hessischen Handwerkskammer überreicht: Direktor Schüttler von der Handwerkskammer erstattete Bericht über die gegenwärtige Lage des Handwerks.
Der Hessische Schuhmache rmei st erver- band hielt seine Hauptversammlung unter dein Vorsitz des Obermeisters Rhode (Darmstadt) ab: die Handwerkskammer war bei den Beratungen durch Dr. Lindemann vertreten, ferner waren Vertreter der Fachverbände aus Kurhessen, Rassau und Baden erschienen. Geschäfts- und Kassenbericht des Verbandes, sowie der Voranschlag tourten genehmigt und der alte Vorstand wietergetoählt. Auch wurde die Gründung einer Sterbekasse beschlossen. Der nächste Verbandstag soll in Worms abgehalten werten.
Den Verbandstag ter hessischen S chr eine rmei st er leitete als Vorsitzender Landtagsabgeordneter Lautenbacher: die Handwerkskammer war durch ihren Ersitzenden R o h l und Dr. K o l l b a ch vertreten. Obermeister Schmu hl, ter 25 Jahve Obermeister ist, tourte einstimmig zum Ehrenmitglied ernannt. Weil die steuerliche Belastung sich besonders scharf im Schreinergewerbe äußert, wurde der Vorstand beauftragt, bei den maßgebenden Stellen wegen Erleichterungen vorstellig zu werden. Geschäftsbericht und Voranschlag wurden genehmigt und ter Vorstand wietergetoählt. Die nächste Tagung soll in einem noch zu besttmmenden vberhessischem Ort ftattfinten.
Im städtischen Schlohg arten, wohin die Organisationen in geschlossenem Zuge sich begeben hatten, fand eine große öffentliche Handwerker-Kundgebung statt, ter außerdem Vertreter von Behörden, der Handwerkskammer und anderen Korporationen beiwohnten. Schneitermei ster Steinmetz (Dieburg) erklärte in einer Begrüßungsansprache, daß es sich hier nicht um eine Protestkundgebung handle, sondern es sollten hier einmal vor der breiten Oefsent- lichkeit die Röte des Handwerks dargelegt werden.
Dr. Menninger, Syndikus des Reichs- verbandes des deutschen SHneitergewerbes, sprach dann über die Beziehungen der Wirtschaft zum Staat. Die Regierung müsse dem Handwerk den ihm in der Reichsverfassung zugesicherten Schutz gewähren. Landesgewerbcrat und stellvertretender Derbandsvorsitzender der Schuhmachermeister Müller (Reustadt a. H.) sprach über Gegenwartsfragen des Handwerks, sowie über Steuerfragen. Landtagsabgeordneter Lautenbacher (Dieburg) forderte in einer Ansprache mehr Berufsstolz für den Handwerker, ferner Zusammenschluß in den Organisationen und eine stärkere Betätigung der Handwerksmeister im öffentlichen Leben und in den politischen Parteien.
Die Nassenfrage.
Die Amerikaner machen ihre Idioten unfähig zur Zeugung, die Russen beten ihre Idioten an. Die Amerikaner dringen offenbar auf Erhaltung ter Rasse um jeden Preis, die Russen scheinen darauf zu verzichten. Hier werden äußerste Gegensätze der Rassenfrage sichtbar, jenes heute so umstrittenen Problems. Für die einen ist der Begriff der Rasse das schlechthin Befreiende und Rettende aus aller völkischen Rot, für die anderen haltloses Hirngespinst. Das Unfruchtbare bei diesem Streite ist, daß sich die Parteipvlikik dieser an sich zeitlosen, allerdings heute besonders brennenden Frage bemächtigt hat. Sleberaus selten ist eine wissenschaftliche, überparteiliche Stellungnahme anzutrefsen. Gar ein gleichzeitiges Zuwortekommen von hervorragenden Vertretern verschiedener Anschauungen dürfte Wohl erstmals im neuesten Sonterhaft „Die Rassenfrage" ter Süddeutschen Monatshefte (München) in vorbildlicher Weise erfolgen. Die Gegensätze kommen deutlich zum Ausdruck, und mancher von den landläufigen Begriffen über Rasse erweist sich dabei als Illusion und Schema, um so stärker erwächst aus dem Ganzen die ent-
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Gießener Stadttheater Franz Arnold und Ernst Bach: „Hurra — em Junge!"
Daher muß diese Schrift der Süddeutschen Mo- als neue aufklärente Tat bezeichnet
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Der Mann im Fenster.
Don Rikolaus Gogol.
Ich kann jede Wette eingehen, daß der geschätzte Leser, falls er mal durch das Städtchen P... kommen sollte, im Fenster eines soliden Holzhäuschens mit Atoei weihen Schornsteinen ein Gesicht sehen wird — ein ziemlich fettes Gesicht mit Blatternarben, welches in seiner Farbe einer neuen, noch ungetragenen Stieselsvhle sehr nahe kommt. Dieses ist, wenn Sie die Bemerkung gestatten, Ssemjon Ssemjonowitsch Batjuschek — Gutsbesitzer und Edelmann, und überdies im Range eines Gouvernementssekretärs. Er hat es zu seiner festen Gewohnheit gemacht, auf schlechthin alles zu gucken, was auf der Straße nur vorgeht.
Fährt, sagen wir, irgendein durchreisender Gutsbesitzer — vielleicht ebenfalls ein Gouvernementssekretär — in seinem geruhigen Wagen vorüber, ter dickbäuchig ist wie eine Wassermelone, und aus welchem Brote, Kindermädchen
In den Tagen von Samstag bis einschließlich Montag trafen sich in ter Kreisstadt Dieburg die Mitglieder des Landesverbandes Hessen der Schreinermeister, die hessischen Schneiterinnun- aen und ter hessische Schuhmachermeister-Ver- band. Im Verlauf des Samstags wurden von ten einzelnen Körperschaften Vorstands-/ und Ausschußsihungen abgehalten, abends war eine gemeinsame Begrüßungsfeier. Daran nahm als Vertreter des Kreisdirektors Regiecungsrat
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den eine Jacke mit Slniformfragen trägt) — und befiehlt ihnen, die beiden Bauern auf dem Fleck durchzuhauen, wobei er die Vorübergehenden noch dazu anfeuert, sie kräftig festzuhalten.
Rur für zwei Stunden des Tages verschwindet dieses Geftcht vom Fenster, Sind zwar greift die Pause Platz in der Zeit während und nach dem Mittagessen, wo er ißt, schläft oder auch zur Erfrischung persönlich in den Hühnerstall steigt, um das Huhn, das für die Suppe bestimmt ist, mit eigener Hand zu befühlen und zu betasten. Aber auch in dieser Zeit braucht nur irgend etwas auf ter Straße zu passieren — und Ssemjon Ssemjonowitsch läuft bereits wie eine Spinne, ter eine Fliege ins Retz geraten ist, aus seinem Winkel hervor: und das deen Städtchen P... so wohlbekannte Gesicht von der Farbe neuer, noch ungetragener Stiefelsohlen prangt bereits * mit seiner ganzen Fülle im Fenster ...
(Aus Gogols nachgelassenen Papieren überseht von S. v. Radecki.)
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schreckliche Junge. .
. Arnold und Dach werten natürlich denken, fr-cW.. Ratten *fie gar nicht nötig, wo doch der bcrühmke ^chido Lhielscher in Berlin wochen- Icng, allahTWIich,' einen Bombenerfolg mit ihrem jiingften Erzeugnis auf die Bretter gelegt hat.
Dies ist zwar nicht zu bestreiten, spricht aber nur gegen einen gewissen Teil des reichshaupt- stLdtistKn Premierenpublikums, keineswegs etwa Argen unsere eingangs geäußerte Meinung von ter Güte dieses Stückes. Wir haben es, aus laüben Erfahrungen, seit geraumer Zeit aufge- pten, ten Berliner Erfolg eines Stückes für nuhgeblich und das dort erzielte Ergebnis für feststehend und endgültig zu halten.
Und wenn auf dem Theaterzettel beziehungs- ö»n auf die Autorrechte ter beiden Verfasser am der „Spanischen Fliege" hingewiesen wird, so kann ter Referent die betrübende Berechti- gnmg solcher Anmerkung nur aufrichtigen Herzens bekräftigen. .
Dieser Junge gibt in ter Tat jener fliege nichts nach: das Ganze ist genau wie damals ein Shwank mit allen Mitteln und um jeden Preis; ten Verfassern ist alles recht, sie nehmen sich nichts übel und scheuen vor keiner noch so alten Vünte zurück, weder vor dem beliebten, ach Io wohlbekannten Wandschrankversteck, noch vor tarn Schielen nach zarten Dessous; vor keiner D-schmacklosigkett ist man sicher, nicht vor dem Juckpulver im Bett, und auch nicht vor den mit grinsenden Genauigkeit ausgekramten Einzelheiten von ter Jagd nach dem Vater und der Flucht vor dem Sohn.
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Der Sohn war in Berlin Herr Thielscher — in Gießen ist es Goll; und man hat, was immerhin nicht alle Tage geboten wird, Gelegenheit, ihn als Frau zu bewundern, in einer Rockrolle. Wer nicht da war, hat etliches versäumt. Dabei ist zu sagen, daß er stellenweise wirklich erheiternde Dinge zu tun und vorzubringen) wußte; aber es gibt — das sollte denn doch gesagt werden — auch für ihn gewiße, vom guten Geschmack zu bestimmende Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen. Wir sind beispielsweise der Meinung, daß man selbst in einem Schwank nicht minutenlang damit aus- kommt, sich zu kratzen, um zu zeigen, tote es ist, wenn man in einem Iuckpulverbett übernachten mußte.
Im übrigen waren unter Lelekhs Leitung alle Mitwirkenden mit einem hoch anzuerkennen- den Spieleifer bei der Sache. Bor allem Jan« nert und Geffers bemühten sich sehr; auch die Damen Scherer, Baumann, Schröder und Jüngling seien nicht vergessen.
Es gab rauschenden Beifall. Dr.Th.
ZochschulnachrichLen.
Der berühmte Münchener Chirurg, Geheimrat Professor Dr. Sauerbruch, yat den Ruf an die Universität Berlin endgültig angenommen. — Der Lehrstuhl für Indologie und allgemeine Religionsgeschichte in ter philosophischen Fakultät der Slniversität Tübingen an Stelle von Prof. v. Garbe ist dem Professor Dr. Jakob HauermMarburg angeboten worden. Hauer ist ein geborener Württemberger (geb. 1881 zu Diehingen), wirkte früher in Britisch-Jndien, habilitierte sich später in Tübingen, wo er 1925 zum a. o. Professor ernannt wurde. — Der ordentliche Professor der Physik an ter Universität Rostock Dr. Walter S ch o 11 k h scheidet zum 1. Oktober 1927 apd dem Mecklenburg-Schwerin- schen Staatsdienst aus, um eine Stellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Berater bei der Zentralabteilung der Siemens & Halske A G., Berlin, zu übernehmen. — Dem Professor Dr. Eggen von Terlaan ist ein Lehrauftrag für vergleichendes Recht, insbesondere französisches Zivilrecht, an der Slniversität Bonn erteilt worden.
Macht ergriffen, Wien bestehlt Generalstreik! Plötzlich ist die Grenze wieder da. Plötzlich weiß man, man ist in Oe st erreich; plötzlich ist es nicht mehr möglich, aus dem einen Land in das andere hinüberzuwechseln. Plötzlich liegen die Staatsbahnen still, plötzlich braucht man Paß und Ausweis und plötzlich ist kein Automobil mehr zu haben, um einen Rachmittagsausflug von gestern zu einer Flucht von heute zu gestalten.
Wie sinster auf einmal die Mienen aller dieser Menschen sind. Das ist nicht mehr der behäbige freundliche Wirt, nicht mehr der dienst- toillige Bauernjunge, die auf jede, auch die unnützeste Frage eine freundliche Antwort hatten. Das sind auf einmal Männer geworden, die karg mit Worten sind, städtischen Kleidungsplunter abgeworfen und die alte Landesttacht angezoaen haben und mit zusammengekniffenem Auge den Lauf des Stutzen prüfen, ob ein tödliches Geschoß aus ihm auch ins Schwarze trifft.
Vom Hochgebirge kommen sie herunter. In der umgehängten Tasche ein Stück Brot, eine Ecke Käse und Munition. Erst Heine Gruppen, dann Züge schon, die festen Marschtritt nehmen und einem vorbezeichneten Ziel zuströmen. Schweigend, ohne merkbare Aufregung, verbissen hinter den Zähnen eine Verwünschung, so marschieren sie Schulter an Schulter ihrem Ziel entgegen, dem Sammelpunkt, um sich zum Schuh der Heimat in den freiwilligen Dienst zu stellen. Jetzt bekommst du kaum eine Auskunft mehr von ihnen. Jetzt ist es ihre eigenste Sache, die sie treiben, eine Sache, bei der der Fremde nichts mitzureden hat, und ist er tausendmal ein lieber Gast.
Plakate an den Straßenecken. An die Scheuern werden sie angeklebt; an der Maut, dem Wegzollhaus, Heben sie gleich drei- und vierfach. Ein Aufruf der Landesregierung, des Landeshauptmannes, der hier ein Herzog ist, wie eS die Herzöge im alten Germanien waren — der Mann, der führt und dem man folgt, was er auch befiehlt.
Die Heimatwehr ist aufgeboten und aus den Seitentälern marschiert sie auf Innsbruck zu. Innsbruck ist die Stadt, eine Ansammlung von Menschen also, wo es Elemente gibt, die nicht so mit der Erde, mit ter Heimat verbunden sind, wie es jeder dieser Tiroler Dauern, dieser Hirten, dieser Waldleute ist. Dort gibt es gewerkschaftliche Organisationen und dort hat auch jenes Wiener Erzeugnis, der Republikanische Schutzbund, eine bisher mehr lächelnd angesehene Gruppe erstellt. Man hört, daß diese Gruppe, mit breiter, roter Armbinde versehen, den Bahnhof beseht hat, daß dort eine Streikleitung tagt, die. entgegen dem ausdrücklichen Befehl der Landeshauptmannschaft, den Eisenbahnverkehr stillegte und den Generalstreik auch hierzulande organisieren will. Das ist ein Spuk, der schnell sein Ende findet. Die Landesregierung hat Bundestruppen zusammengezogen, die, hier aus Landessöhnen bestehend, verläßlich sind, verläßlicher, als es je die Gewerkschaftstruppe ter Wiener Garnison zu werden vermag. Die Heimatwehr marschiert auf und stellt sich Schulter an Schulter mit den Soldaten. Bald werden die Bahnen wieder fahren, wenn es auch Verbrecher gibt, die Sabotageakte versuchen, bald wird ter Telegraph wieder spielen und bald wird daS tägliche Leben sein altes Antlitz wieder gewonnen haben.
Gewitter über Tirol. Schnell kommen solche Hochgebirgsgewitter, wild vorstoßend über den Schutzrand der Berge hinweg, um sich auszutoben und dann so schnell zu verschwinden, wie sie gekommen sind. Wie wird es mit diesem Gewitter sein? Hat der Blitzstrahl irgendwo gezündet? Schlagen irgendwo Flammen empor und brennt irgend etwas nieder? Wer will das jetzt schon sagen, wo immer noch Feuerschein den Himmel färbt, wo immer noch der Donner jenseits der Berge rollt und wo noch immer Bereitschaft ist gegen drohende Feuersgefahr.
Wien, Wien! Wenn hier etwas niederbrennt, dann ist es dein Besitz, ein Besitz, der ohnedies schon morsch war; ein Besitz, den du in deinen schwachen Händen nicht mehr zu halten vermochtest, ein Besitz, in den du selbst ten Feuerbrand schleudertest. War einmal dieses Land auf das engste, auf das treueste mit Wien, mit Oesterreich verbunden — heute schon fühlt es sich nicht mehr verbunden, sondern nur gefesselt an diese Hauptstadt, die ihm fremd geworden ist, seit sie ten Kaisergedanken aufgab, seit statt des Kremes ter rote Stern regiert und seitdem dort eine Po-
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und Kissen dichtgestopft hervorlugen: so schaut ter Mann im Fenster sehr aufmerksam hin.
Schaukelt ein schwarzhaariger Fuhrmann, schief und krumm auf dem Bock sitzend, daher mit seinem langen, schmalen Bart, an welchem allerhand durchreisende Herrschaften in Uniform und Zivil nur noch wenig Haare übriggelassen haben, — Ssemjon Ssemjonowitsch verfolgt ihn mit toeitgeöffneten Augen.
Und rasselt auf einer Troika im Staubwirbel ein Rementour, ein fürchterlicher Raufbold und Schnapsvertilger vorbei, — so wird er sich auch hier alles anschauen und genau merken.
Und wenn niemand vorbeifahreu sollte, und der Sttatzenmist sozusagen sich selbst überlassen bleibt — tut nichts, das ist noch kein Unglück —: so betrachtet Ssemjon Ssemjonowitsch eben ein Huhn, daS einsam die staubigen Büsche entlang pickt, oder auch den Gänserich, der gerade vorm Fenster vorbeiwandelt — und zwar aufmerksam, vom Kopf bis zu ten Füßen.
Wenn zwei Fuder mit Heu zusammenstoßen, so gibt er gleich vorn Fenster her sehr vernünftige Ratschläge: wer zurückfahren soll und wer vorfahren, und gibt auch dem nächsten Vorübergehenden strenge Anweisung, nicht faul zu fein und doch zu helfen.
Wenn eines seiner flinken Mäuseaugen gewahr wird, daß ein Junge über den Zaun in einen fremden Gemüsegarten klettert, oder daß er mit Kohle an die Wanst eine unanständige Figur herkrihelt, so ruft er den Jungen mit freundlicher, milder Stimme zu sich heran, fordert ihn auf, doch näher ans Fenster zu kommen, darauf noch näher und noch, — bis er plötzlich blitzschnell seinen Arm ausstreckt und den Sin- glücklichen derart am Ohre zupft, daß dieser brüllend sein Ohr, nur noch am letzten Faden hängend, nach Hause trägt, wie einen sehr lose angenähten Knopf.
Wenn sich zwei Bauern in die Haare geraten, so hält er sofort, gleich vom Fenster, über sie Gericht ab: er inquiriert genau, von wo sie kommen und wer sie sind. Dann ruft er seine beiden Leute herbei, den Koch Pettuschka und den Diener Pawluschka (der aus unbekannten Grün-
fahrungsergebnissen warnt er besonders auch vor ten Irrtümern einer toeitergehenden Slnterschei- dung Verschietenrassiger auch in ter psychischen Beschaffenheit, ebenso wie er das Bestehen einer einheitlichen nordischen Kultur verneint. Wenn hier der bekannte Schwede F. K. Günther in ferner großen Abhandlung „Der nordische Gedanke" andere Wege geht, so ist den beiten doch gemeinsam der Grundgedanke der Rassen- Hhgiene oder Eugenik oder „Erbgesundheits- pflege". Diesen beiden Grundabhandlungen reihen sich nicht minder wichtige an. Die hochbeteutsamen Zusammenhänge von Rasse und Sprache, zweier sich ursprünglich vollkommen deckender Begriffe, erklärt ter Wiener Anthropologe Reche, diejenigen von Kunst und Rasse Prof. Schultze- Raumburg, während Förtner bei der„Entstehung der europäischen Rassen" den europäischen Ursprung und die beiten Elternrassen der Indogermanen nachweist. Der Münchener Rassehygieniker Lenz stellt durch Beantwortung ter Frage „Rordisch oder deutsch?" gewisse auch im Hinblick auf das bekannte Günthersche Werk mögliche Irrtümer richtig und betrachtet weiterhin die „Zukunft unserer (ter nordischen) Rasse", die ihm vor allem von Osten her bedroht erscheint. Abseits jedes Parteistandpunktes und sachlich wird Rasse und Sozialismus von Val. Müller (Zwickau) untersucht und dabei der ftarfe nordische Einschlag gerate im lebensvollsten Teil unserer Arbeiterbewegung festgestellt.
Aller Oberflächlichkeiten und Siebertreibungen ungeachtet bringt das Bewußtsein von der Bedeutung ter Rassenfrage in immer weitere Kreise. Es steht gerate für uns Deutsche zweifellos viel und für die Zukunft Entscheidendes in Frage.
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Eine sehr schwache Angelegenheit — Tleuerscheinung. Die Herren Arnold und Bach wurden gut tun, sich nach einem leistungsfäh Mitarbeiter mit recht frischen Kräften für ihre Firma umzusehen, damit endlich einmal pttoaä. Brauchbareres zustande kommt als die „Spcml^e Fliege" oder „Der wahre Jakob" oder dieser
Gewitter Über Tirol.
Don unserem 8°Sonterberichterstatter. Reutte, ten 18. Juli 1927.
Ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel, so etwas «bt eS eigentlich nur im Hochgebirge. Sttah- Itnte Sonne liegt über den Firnen, die im edel- slken Weiß erglänzen. Kein Wölkchen zeigt sich am blauen Himmel, und in dem zitternden Glast, ter über den Wiesen dunstet, scheinen die un° j ihligen Blumen und Blüten heller und freudiger ihre Sterne zu offnen. Da auf einmal I l riecht ein Schwaden erst weißlich zart, kaum temerfbar, dann sich grau verdunkelnd an den FelSzacken sich anklammernd über einen Berg- . sattel herüber. Roch hat man ihn kaum ge- s.Hen, pfeift ein Windstoß los — und plötzlich quillt es von allen Seiten wie ein dränendes. Mspensterhaftes Heer von Wolkenrcitern, die sich . z^sammenballen und mit einer Attacke über das | unermeßliche blaue Feld daherfegen. Wie drohend H jerfjt die Berge sind! Wie die Schneegipfel Plötz- fl stch Kälte ausströmen, und welch fahles Licht «uf einmal scharfe Konturen hervortreten läßt, !! freie eben noch wie weiche Rundungen erschienen.
Jetzt wird der Himmel schwarz und dann 1 z ickts hernieder, Blitzstrahl auf Blitzstrahl. Dazu fi rollender Donner und platzender Regen, der jxte Ferne verhängt und Mensch und Vieh zu- simmentteibt, sich gegenseitig gegen die entfes- sxlten Clemente zu schützen.
Gewitter im Hochgebirge. Wer es je erlebte, wird es nie vergessen. Wer es je erlebte, wird raie dieses Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber e-.ner entfesselten Ratur vergessen, dieses Gefühl, das doch irgendwie automatisch fast den Willen gebärt, sich gegen die Ratur zur Wehr z u setzen und mit Zähigkeit Errungenes sestzuhal- t*m, und immer wieder Zerstörtes aufzubauen. 9Kur wer im Hochgebirge ein Gewitter erlebte, ■ wird ten Charakter dieser Hochgebirasbevölke- rung, wird dieses Tiroler Volk und seine Geseichte verstehen können.
War es nicht ein Gewitterschwaben, der g.anz plötzlich am hellen Mittag über die schühen- ten Gebirge kroch, war es nicht ein Blitz, der e-mschlug aus heiterem Himmel, als der Tele- xiaph die ersten Rachrichten von ter Wiener Revolte brachte, und als dann die Slnglücks- irietöungen, vermischt mit wilden Gerüchten, sich einander jagten?
Ein solches Fremtenjahr wie dieses hat Tirol lemge, vielleicht überhaupt noch nicht gehabt. Lies herzliche Bergland scheint neu entdeckt zu 3 fein, und die größere, aber nicht schönere Schwe- 1 fter, die Schweiz, mußte viele von ihren Stammgästen diesmal an das österreichische Gebiet abtreten, das endlich begonnen hat, mit einer groß- . ziigigen Fremtenpropaganda sich einem großen Strom Erholungsbedürftiger zu erschließen. Sie tarnen in Hellen Scharen und sie fanden ein Idyll — mehr als ein Idyll, ein Paradies. Besonders aus Deutschland wuchs mit Beginn fr-er Ferienzeit der Strom der Besucher gewaltig an. Kein Plätzchen in der Mittelwaldbahn blieb unbesetzt. Das andere Ginfallston bei Kufstein lieft Karawane auf Karawane ein. Auf dem Fernpaft hat der Autoverkehr in einer Weise zrigenommen, daß es fast schon notwendig wäre, einen Derkehrsschuhmann auf 2000 Meter Höhe aufzustellen. Saft eine Grenze, eine politische Dr enze gezogen ist zwischen dem Land Tirol und Oberbayern, kaum einer merkt es noch. Ge- toift, es ist noch Paßkontrolle, und auch nach zLllpftichtigen Waren wird gefragt. Aber diese Fragen gehen vor sich, daft man sie kaum hört und daft man sich kaum die Mühe einer Ant- toort zu geben braucht. Das Gefühl der Einheit ist so stark, daß Eigentlich nur noch der Dalutenunterschied, ja nur die Geldbezeich - n u n g daran erinnert, daft die Staatshoheit hier m Tirol eine andere als drüben in Bayern ist. Gleich diese sonnenbestrahlten Matten, gleich die schweigenden Tannenwälder, gleich die heilige Andacht ter HochsPitzen und gleich die liebenS- txrte Art und das kernige Wesen ter Menschen diesseits und jenseits der Grenze. E i n Doll und eine Heimat und ein Paradies für alle, '■ die kommen aus ter Slnraft ter großen Städte, hier Ruhe, Frieden und Raturfveute zu finden.
Ein Paradies, und über diesem Paradies teilt sich plötzlich ein Gewitter zusammen. Plötzlich aus heiterem Himmel ter Blitzstrahl. I n Dien ist Revolution, in Wien wird ae- schvssen, in Wien hat der rote Terror die
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