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Nr. 14 Zweites Blatt

$ünf Jahre Polenherrschast in Gstoberschlesien.

Don Dr- I>r. 5 r i e b r i <6 Lange

Fünf Jahre sind e* her. bah auf Grund be* Genter Fehllpruch«* Choberfdilefien am 19. unb 20 3uni 1922 den Polen ü b e r a n 1 - Wörter irurbc. fünf Jahre bie eine ununter­brochene Statt schwererer Verstöße gegen Recht unb Gerechtigfeir darstellen.

Rur ganz kurze 3eit im 11. unb 12. Iahr- »nmberl war Oberschlesien einmal Bestandteil Polen» gewesen bann war es fortgetert unb unbestritten deutsch. «Friedlich lebten deutlche unb slawische (eine eigene Mundart redende- Ober- schiefier nebeneinander, bi» um bie leite Iahr- bunberiwenbe ber gewaltige nnrtcbaltltdx Aul- schwuog be» Lanbe» bie grvhpvlntsche '2*cy<br- Uchkeit weckte Jronbem wäre in jedem Abschnitt be* Kriege» et ne Dolkvabstirnmung in Ober- schlesien für Polen auslichtslo* gewesen ja. sie war e* auch in Deutlchland» schwersten Tagen nach bem Zusammenbruch. Da* FnedenSdiktat Iah be*bolb eine AbfNrnmung nicht sofort vor. sondern ermög.'chte ihre HtnauSschiebung auf anderthalb Jabrc nach dem Inkrafttreten ber 3rieben*befhminungen. 3n biefer Zeit I orale französische* Militär mit polnischer Polizei für die .Auft^arunq- ber oberlchlefifchen Bevölkerung unb al* bie gedruckte münbliche unb mili­tärische Propaganda bie Oberlchlefier in ihrer Reichstneue nicht beirren konnte, halfen brei polnische 2luf flänbe nach Al» bie Ober- schief »er sich hiergegen zur Wehr setzten, griffen bie französischen Truppen ein. entwaffneten die deutfchtühlci.be Bevölkerung unb ordneten an. hab die Abstimmung in großen Teilen be* Lande* unter polnischer Besetzung stattzutinden habe. Dennoch ergab sich etwa eine Zweidrittel­mehrheit für da* Deutsche Reich'. An ber Be- laffung Oberfd)leben* im Verbände be* Deut- schen Reiche* konnte alfo unmöglich ein Zweifel bestehen Trotzdem wurde in Genf bie Zer­reißung be* Lande* bestimmt unb bic 3u- Weisung seiner wertvollsten Teile an Polen mit dem g .'il ber Noblen». Zink- unb

Vorkommen, sowie den bebcuicnbften industriellen Anlagen Uber nicht darin dürfte bic größte Bedeutung ber oberschles sichen Frage im Rah­men der Friedensbestimmungen liegen, sondern in der Art unb Weife, wie Recht unb Gerechtig­keit hier mit Füßen getreten würben.

Die neue Grenze stuckt Bersch'ebenartiges zu­sammen unb zerreißt, was nur al* Einheit leben kann Mitten burch das einheitliche, organisch gewachsene Retz von Eisenbahnen. Landstraßen. Sleftrizttäts-Waslerlcitungen unb sogar Bergwer­ken läuft der politische Trennungsftrich. bic Woh­nung des Arbeiter* von ber Fabrik trennend, den Ort ber Erzeugung von ber Stätte be* Der­brauch* eine unaufhörlich blutende Wunde stärk­ster L"Wirtschaftlichkeit. Die .großen" Wellner- teilet versuchten daher durch ein dickleibige* Paragraphenwerk da* soeben Getrennte für 5 bi* 15 Jahre in bestimmten Wirtschaftsbeziehungen wieder zufammenuifügen. Daß diese* Stückwerk der Rot nicht steuern komile. war vorherzufehen und ist durch die Erfahrung ber letzten fünf 3ahre bestätigt worben .

Rachdem bie Polen am 19 unb 20. 3uni 1920 ihre Herrschaft in Oktobers chlesi-en angetre­ten hatten, begannen sie mit beachtlicher unb gegenüber der sonstigen sprichwörtliche,'pol­nischen Wirtschaft' immerhin überraschender Tat­kraft die Verhältnisse umzugestalten. Sn ver­einigten bas Gebiet mit ihrem Anteil an bem bis 1918 ebenfalls deutsch geleiteten Teiche- ner Gebiet, bas bisher zu Oesterreichifch- Schlesien gehört hatte. Der Zweck biefer Zu­sammenlegung war die Schwächung be* Deutsch­tum*. sie hat aber in Wahrheit in biclem Winkel Preu fusch-Schlesien und Oesterreichifch-Schlefien m Sch'cksalsgemeinschaft unb zugleich in enge persönliche Fühlung versetzt. Zur Hauptstadt dieser einheitlichen ..Woiwobschaft Schlesien" wurde Kattow.tz erwählt, da* wie alle anderen Städte deutschsprachig und deutschbewußt war. Mm Kattow'tz polnisch zu machen, wurde e* mit riesigen unb wirtschaftlich geradezu unsinnigen Eingemeindungen ..beglückt", welche bie Ein­wohnerzahl aus 117 000 anschweilen ließen. Sine Fülle von "Sehörden wurde dort neu errichtet, Scharen von polnischen 6taat*bebienfteten aller

Stunde eines späten Nachmittags.

Don Anton Schnack.

Das ist bie Stunde, ber mein müdes Herz willenlos unb Ichmcrzllch auSgesiesert ist. Da» ist die Stunde, bic ben langen unb lautlosen Abenb vorbereitet, der ber fahle Ueberaang zu bem Abgrund ber Rächt ist, in dem ich meine häm­mernde unb ruhelose Stirne hinunterhänge, unb ber mir schreckliche unb fremdartige Traumbilder entgegenhält.

Der alte Jäger Johann liebte diese zwitter- farbige Stunde, um aus bie Kaninchenjagd zu gehen; denn er sagte, die Tiere kennen diese Stunde, wo bas Schwciaen am tiefsten ist. unb das Licht zwar noch Licht ist, aber jede Schärfe verloren hat.

Ich liebe fie nicht wegen der 3agb. Ich denke an die kleine Musik einer alten Frau, die immer mit einem bangen L-Dur-Akkord be­gann unb in einem hauchzarten zerbrechenden Lauf zerrann, oder ich denke an das weiche, unhörbare Schleichen ber Katze, die aus einer versteckten alten Kammer kam und den Blitz ihrer eisigen unb grüner. Augen in bie Schatten be* Zimmers warf.

E* wäre wohl bic Stunde für Isabella, ein Mädchen von siebzehn Jahren, an ber Perl- nuitcriüftc eine* schwermütigen Meeres geboren. Ich hätte einen alten seidenen Stuhl an den klei­nen Tisch au» lackiertem Holz gerückt, auf den ba* weiche, glimmende Licht be* grauen Bogen- lenster* fällt. Run könnte sic eintreten, der ilbeme Leuchter ist angezündet. ein paar Bü­cher voll einfacher Gedichte liegen da. der Ge­ruch einer Blume weht au* einer 6de; ich habe bie Seele voll Empfindungen unb Dorten eines demütigen Menschen, ber lange danach gesucht hat; sie sind bedachtsam und halb scheu unter der langen Besonnenheit geworden, gefüllt mit Bedeutung unb untergründiger Bitte, wie ein Engel zu fein unb das Auge ihrer Schönheit unb Güte über meine Kammer werden.

Giessener Anzeiger (General-Anzeiger für Merhesfen)

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Montag, 20. Juni 1927

Grabe herangezogen, der Zuzug polnischer Ar­beiter begünstigt unb boo ist auch Äano- w.tz in seiner Mehrheit deutsch geblieben!

Während hier, al* in einem international immerhin sichtbaren Otte, die Verpolung mit verhältnismäßig .friedlichen" Mittelr rersucht werden sollte wurde im ganzen übrigen Dft- oberfchles.en rohe Gewalt angewendet Da* ganze Land sollte und soll um jeden Prei* entbeutfchi und oerrolt werden. Zehntaufende von Deut­schen wurden skrupellos txrtrieben, die Zurück­gebliebenen durch blutigen Terror ringel db-id)tert Widerrechtliche Schullchlleßungen. Kündigungen dcuischgefinnter Angestellter und Arbeiter plan­mäßige Störung itbcr deutschen Derr ins- und Bildungsarbe.t, blutige lieber alle auf deutsche Feste, gewaltsame Ausräumung deutscher Woh­nungen. Revolver-. Handgranaten- und 5om- benattenfate. alles wurde häufig unter zur Schau getragenen Dilliaung der Poltze-. gegen die Deutschen und Deutschfreunde angesetzt. Zahl- reiche Märtyrer haben die fünf Jahre polnischer Schreckensherrschaft aeschaffen Doch hielt bie bobenftänbige Bevölkerung beiber Zungen an ihrer 2ictgung zur deutschen Kultur fest; ja. ge- rabe diese Gewaltmaßregcln verstärkten bei ihr ben Eindruck, baß für bie Heranwachsende Ju­

gend die polnische Äultur nichts der deutschen Gleichwertige* bieten kann. So madlc trotz Der- brängung und Abwanderung von Deutschen, trotz blutiger Uebertalle und Rcchtobrüche aller Art der Anschluß der ostoberfchlesilchen Bevölkerung an bie deutsche Kultur gerade tn ben letzten fünf Jahren der Fremdherrschaft weitere Fon- fchtttte Wo fie nur Ge egenhe t fand, unbeein- flufit ihre Tleinung kund zu tun. wie etwa bei den Gemeindewahlen, kamen allerott* über­wältigende Bekenntnisse zum Deutschtum spon­tan tu'tanbe.

Polen, das sich so gern al* .Hüter curo- päilcher Ges.nruing gegen vermeinttiche Bar­bareien de» testens auUp'dt, hat in den ver­flossenen fünf Jahren In bem ihm anoertrauten Teil des deutschen Kulturboden* Io arg gehaust, wie ee normale europäische Phantasie sich kaum vorstellen kann. Ostobersch'eften ist dadurch ein Musterdeisp el einer entrechteten deutschen Grenz­mark und ein europäischer Lonsliktsherd erster Ordnung geworden Wem Europas Friede am Herzen liegt, muß dafür sorgen, daß biefer Herd der Unruhe gerei i gt wird unb die oft- oberschtefifche Bevölkerung frei unb unbeeinflußt ihr unbeschränktes Selbstbestimmungsrrcht aus- üben kann

Geschichten aus aller Welt.

Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Morgenland und Abendland.

(v h) Konstantinopel.

Konstantinopel ist eine orientalische Stabt mit allen ihren Heimlichkeiten, ihren Eigenarten und ihrer malettschen Schönheit, sie it ce unb wirb e* auch zunächst noch bleiben. Sie wird es bleiben, wenn auch ber Fez verschwunden ist. wenn auch Straßenbahn unb Lichtreklame. Rinos unb Derkehrspolizei ihr einen Anstrich europäi­scher Zivilisation zu geben versuchen. Es ist eben nur ein Anstrich, der Mern bleibt orientalisch Raturgemäß kann eS nicht ausbleiben. baß man oft Bilder von verblüffender Disharmonie sieht. Bilder, in denen sich zwanzigstes und fünf ehntes ober fünfte* ober ein noch weiter zurückliegenbes Jahrhundert begegnen. Da* Flugzeug über der A j a Sofia ober ber Ozean­dampfer vor der Silhouette von Stambul gehören beute zu den Alltäglichkeiten, unb man empfindet fie nicht mehr fo kraß. Doch berührt es einen seltfam. wenn man ein Fischerboot auf der Ma­rn ara durch Motorkraft sich fottbetoeaen sieht, bas in Form unb Takelwerk noch völlig im alten achaischen Stil mit feinem fdjräg nach hinten fallenden Mast gebaut ist unb cbenfo gut vor 2000 Jahren hier hätte schwimmen kön­nen. Oder wenn man durch da* großstädtische Getriebe ber Hauptstraße von Pera vom hohen Minarett einer kleinen Moschee wie au* weiter Ferne da* ..Tlllah alber" eines Muessim her­übertönen hört unb wenn man bann genauer Hinsicht, unb wahmehmen muß, baß biefer Sän­ger eine Schirmmütze auf bem Kopf hat

Dor einigen Tagen ereignete sich unweit von Skutari auf dem asiatischen Ufer des Bosporus ein Unglücksfall. Ein Lastkraftwagen hat da- Gefährt eine* Bauern angefahren und völlig zerdrückt. Sin Symbol de* Zusammenpralls zweier Welten, zweier Zeitepochen, zwischen Morgenland unb Abendland. Dieser Ochsenkarren wurde hier verwandt, solange überhaupt die Ge­schichte ber Menschheit bekannt ist, folangb es Bauern in Anatolien gibt. Das Fahrzeug be­steht auS einem dicken Brett auf einer Achse, bic durch zwei große Holzscheiben als Räder läuft; an jeder Ecke des Brettes ist ein Holz- pslock eingelassen unb diese sind untereinander durch ein Geflecht von Roßhaaren verbunden. An dem ganzen Gefährt befindet fich kein Stück Eilen oder Blech, kein Hagel und fein Hanl. Schon der Hetiter hat mit ihm feine Ernte vom Felde geholt Jetzt liegt er zertrümmert, der Motor triumphiert.

Der kauende Ibsen.

(*) OSlo.

Man soll nie in ben Intimitäten großer Menschen hcrumstöbern. Gs kommt habet selten etwas Gute* heraus, und meistens führt die Sache bahin, daß ein Glorienschein eine mehr

oder weniger leichte Trübung erfähtt. Wie konnten auch die hiesigen Zeitungen auf den öe- danken verfallen, iwchzufvrschen. ob Henrik Ibsen rauchte, und wenn ,a. welche Sorte von Tabak er habet zu konsumieren pflegte. Bei dieser hochnotpeinlichen Enquete bediente sich die Otlver Journalist.I amerikan.schcr Methoden, überhol kurzerhand d i e alte Haushälterin de* großen Dichter* und erfuhr Schreckliche*. Auf die entsprechenden Massenanfragen erteilte fie nämlich die höchst prosaifche Antwort, sie hätte Ibsen niemals rauchen >chen. er hätte vielmehr mit Borliebe und zwar dauernd, also auch be; seiner Arbeit echt amerikanischen Tw ist-Tabak gekaut

Sc mortius - aber waS soll man dieser Tatsache gegenüber machen. De. aller Pietät kann solch ein Ereignis doch nicht verheimlicht werden, und so fragt man fich schaudernd, was wohl Hedda Gabler gesagt haben würde, hätte sie erfahren, daß ihr Schöpfer einer so unästhe­tischen Leidenschaft frönte? Diclleicht gar die Worte Bivies in ShawS ..Frau Warrcn* Ge­werbe" vom Blute dos Wüstling*, das in ihren Adern rollte? Und überhaupt ber arme Shaw? Die englischen Blätter fragen schon mit mitlei­diger Ironie, wie sich ber berühmte Dernarb da­mit abfinben wird, daß Ibsen, sein Ibsen es ist einfach nicht auszudenken! Rur in ber neuen Welt, wo man gesund genug ist. sich durch Pietät das Geschäft nicht verderben zu lassen, hat die Offenbarung von OSlo eine Sensation er­regt. Wie wir hören, rüsten bic Tabakfabriken der il. 0. A. eine große Expedition nach Skan­dinavien aus. um herauszubekommen, welche Marke Ibsen bevorzugte. Dann wirb eS auch nicht mehr lange bauern, bi* bas Bilb Henrik* des Großen mit ben Mitteln mobemftcr Re- klametechnil in die Augen unb Hirne aller TJan- kees gezwungen wirb, burch bie unumstößliche Tatsache, daß the great Henrik Ibsen only Twist Tadacco smoceb. Und die Moral von ber Ge- schicht? Man soll nicht in ben Geheimnissen von Großen kramen. Aber bie Erben ber alten Hau-, hälterin werden fich freuen ...

Rundfunk-Programm.

Dienstag, 21. 3uni.

15 bis 1520 Uhr Die Stunde der Jugend. 16 bis 18 Uhr- Ueberiragung von Stuttgart: Nachmit­tagskonzert. 18.15 bis 18.30 Uhr: Ueberiragung von Staffel: Die Stunde der Frau. 18.30 bis 19 Uhr: Ueberiragung von Kastel Vortrag Dr. Hopfner über Sprachstörungen. 19 bis 19.30 Uhr: Entwicklungs­stufen des Wirtschaftslebens (Schlußvortrag,. Don Conrad Droßwiy. 19.30 bis 20 Uhr: Funkhochschule: Altdeutsche Tafelmalerei. 3. Teil. Borlrag von Dr. V. (Bör, Assistent am Städelschen ftunftinftitut. 20 bis 20.30 Uhr: Die Schachstunde. 20.3" Uhr: Zweites (Uaftipicl Enk Wirt: Der Bogelhändlcr. Operette in drei Akten von West und Held. Musik von Karl ZrUer.

Aus Der prooinzialhauplstadt.

Gießen, den 20. Juni 1927.

Die Welt drauszen.

Die Wei: draußen und die Welt daheim. Böllig ve'lchrcden voneinander durch unlcie Ge- füdlseinstellung zu den Dingen, d.e uns um­geben. 3m Grunde aber doch dasfelbe Denn wa» uns in die Fen^- lockt, ist Alltag denen, die in dieser Ferne ständig wohnen Gewiß bie­ten andre Gegenden andre Reize Hier präch ige Wälder, kubn geschwungene Bergrücken, fchne.ige Firnengipfcl. stille Täler mit verträu.r.er Ro- mantik, ein breiter See rr.t silberspiegesider Fläche das ewige Meer mit seiner Unendlichkeit Allies <chön für den. dem cs nm ift «3* könnte auch für den fchün und begehrenswett sein, der immer in der Welt der Berge oder der Dunen leben muß. Denn nur eben die Sehnlucht in die Ferne, der Drang. Reue* und Großes zu erleben, nicht wäre

Dieter Drang schließt Heimatliche und Wert­schätzung der Hennattchönheil nicht aus. 3m Ge­genteil Man liebt vielleicht nie tiefer und inniger die Schönheit der Heimat al* dann wenn man ihr für kurze Zeit untreu gewesen ist und fremden Schönheit gehuldigt hat. Erst im Bergle-.ch mit der Ferne kommt man zur richtigen Wert'.,n \ der Heimat Erst wenn man an der fremden Schm- heit auch die Züge gcfchen hat. die einem nicht gefallen können wird man mit verdoppelter Liebe umhegen was man besitzt

Unsere Zeit macht das Reisen leicht und bequem Man durcheilt in Stunden Strecken, die man sonst kaum in Monaten durchlaufen könnte. Man toanbert. unbedroht von Gefahren früherer Zeit, durch entlegene Gegenden und findet überall eine gastliche Stätte, ein Dach zur Rächt Und wen es drängt und wer das Geld dazu hat. der kann sich auf der Reise mit Lurus umgeben, den man noch vor bunbert Jahren als sträflich angesehen hätte Ebensogut aber ist auch auf den schwächlichen Geldl>eutel Rücksicht genommen. Billige Sonderfahrten er­möglichen c*. andere Gegenden und Länder kennen zu l.-rnen Reisegesellschaften sorgen für gutes unb billige* Unterkommen Kein Wunder auch, daß wir in der letzten Zett eine Zunahme der Reiselust zu verze chnen haben, die noch vor kurzem niemand für möglich gehalten hätte

Unb e* wird wohl feinen geben, der da* nicht begrüßte Wer von der Welt ein größeres Stück gesehen hat. wer sich freute an der Stille einsamer Gebirgstäler und am einfachen Wesen einfacher Menschen, wer sich aber auch vom Rhythmus de* Leben* in anderen Städten fort­reihen ließ, wer diesen Rhythmus empfand, wer kinc Augen öffnete gegenüber der vielgestaltigen! Welt, bie sich ihm barbot. der wird mit viel größerem Weitblick in die Heimat zurückkehven. Solche Alenfchen sind nicht eng auf ihre Sigen- bröbelci eingestellt, sie lassen auch andere unb andere Ansichten gelten, denn fie haben erkannt, daß man auf viele Weise selig werden kann unb daß viele Wege nach Rom führen. Dia Welt draußen" kann eine gute Lehrmeisterin sein. Aber nicht alle, die bei fifrr zur Schul« gehen, sind gute Schüler 6- r.

Bornotize«.

lageef alenber für Montag. Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): ,.Vater werden ift nicht schwer". Astoria-LichtspieleLippenstift unb Bubikopf.

Aus bem Stabttheaterbureau wirb uns geschrieben: Das neue Lustspiel von Lothar Sach* .Schach bem Manne", da* morgen hier gegeben wird, hat bei feiner Erst­aufführung am Freitag im Bad-Rauheirncr 5tur- tHeater ganz außerorbentllch gefallen, wozu nicht wenig bte abgerundete Darstellung unter 3arl Bolcks Spielleitung beitrug. Da* Publikum imhm all die feinen Pointen mit sichtlichem Wohl­gefallen auf. In den tragenden Rollen sind Fräulein Baumann und bie Herren Geifer* unb Tannert beschäftigt, daneben wirkt noch ein großer Teil be* Personals in Episoden­rollen mit.

Personaliett. Ernannt wurden ber Amtsgerichtsrat bei dem Amtsgericht Gießen Fritz Reuroth unter Belassung tn seiner Stelle al* Amtsrichter zugleich zum LandgerichtSrat

Aber Täuschung und ihre Dorspicgelung ist alleS: feine Isabella mit ben bunllen Augen ber Schwärmerei unb der ber Seele tritt über die Schwelle, dahinter ich sitze mit dem Traume bet Unwahrhastigkeit. Ich kenne fie nicht, ich habe sie nur in meinem inneren Leben gesehen; ich kenne nur die kleine schmutzige Magd des Hau­ses, die mit plumpen Schuhen die Treppe er­schüttert und mit unertragbaren Augen voll Stumpfheit und bösem Flackern an meiner Türe stehen blecht.

So sitze ich da. den Kopf etwa- nach vorne gebeugt, als ziehe ihn ein versteckter Schlag nieder, oder als lauere er auf ein Geräusch, auf einen Laut oder einen Schritt, der von einem geheimnisvollen Geher herrühren könnte: vielleicht wäre eS gut, nur das zarte Zwitschern eine* Bogels zu vernehmen, der das Fenster mit ermattetem Flügel auf ber Suche nach einem Rachtplatz streift.

Doge', des Abends, Lhimäre meiner nieder- gebeugten Müdigkeit, der mir zum Sinnbild eines schmerzlichen Suchens wird, ach du kehrst heim aus der frischen Rebelfrühe, aus dem Gold- geäft verwunschener Mimosen, bie Flügel noch vom Staub der Blüten betupft, hinter dir liegt der Rachmittag wie ein paradiesiiches Gesilbe, in dem bie Stimme deiner Hellen Lebenslust auf­jubelte......

Ich höre die schwankende Uhr schlagen unb verstehe c* nicht, warum ich hier sitze, ein wenig fröftelnb von ber unbarmherzigen Einsamkeit, unb den Schlag nachzähle, tote er mit einem leisen Rachllang verhallt. Um das Unheimliche der quälenden Schwermut und Lautlosigkeit zu zerstören, drängt sich mir ein halblautes Flü­stern auf die Lippen, Bruchstücke eine* Gebete- au* der Kindheit ober ein paar Berfe. die ein Dichter crlann, als ihm vielleicht da* Herz vor Schmerz unb Mübigkcit stockte.

Woran noch rühren? An Erinnerungen? An die getanen Dinge? An die nein en Er­lebnisse der Jugend? An bie Wälder, die ein­mal vor den Fenstern wie das Mec: rauschten?

Oder an ein Zier, dessen Augen durch die Däm­merung den Schein seiner Seele wars? Oder an die Liebe, die heiße Worte in ein Gesicht flüsterte?

Der Heine blaue Doge! duckt sich in feinem Schlaf ohne Ueberlegungcn unb Erinnerungen, ohne zu denken und das Dergangene zu be­trachten, er ist nut dem neuen Morgen und bem neuen Lebenstag zugeneigt.

Aber manc Seele fymanlt in dieser Stunde zwischen Gestern, H:ute und Morgen, zwischen Derlangen unb t itfagung. -wischen geringer Freude unb großer Trauer, zwischen Unlust unb Angst vor dem Kommenden. Ich stehe auf, da das Schweigen um mich ein Gewicht hat, da* unerträglich ist. Ich stehe auf und hinterlasse eine Stunde voll Träumereien, nutzlosem Denken, vergeblichen Wünschen, quälendem Besinnen unb stockenden Gesprächen mit mir selbst der Ver­gangenheit. bi* mich wieder eine zweite er­wartet. morgen, übermorgen oder später, deren Schwermut immer unheimlicher und drückender wird.

Bekenntnisse eines Hungernden.

Die Qualen von Hungernben find un* von Dichtern oft geschildert worden, vielleicht am an­schaulichsten von Hamsun in seinem ersten Roman. SS scheint aber, daß man sich beim Hungern auch recht wohl fühlen kann: wenigsten* mehren sich die Zeugnisse von solchen, die au* Gesundheits­rücksichten längere Zeit auf jede Bohrung ver­zichteten unb dabei bie besten Erfahrungen mach­ten. Hungerkuren werden jetzt vielfach von Aerz- ten empfohlen und sind in unfern Tagen, da man Schlankheit tür nicht nur ästhestisch notwendig häli. lehr beliebt. Gin angesehener englischer Geistlicher, der Reverend Walter Wynn, ber 5 2 Tage lang gefastet hat, erzählt in einem Londoner Blatt von biefer erstaunlichen Leistung: .Ich war krank. Dret 2lerzte hatten mich aufge­geben. unb zwei hervorragende Männer, bie an dem!eiben Leiden litten, waren beide nach einer Operation gestorben. Man legte mir nahe, daß ich hungern sollte, aber ich lachte zuerst darüber.

denn ich hielt Fasten für eine Erfindung von Quadfalbem. Die Verzweiflung brachte mich da­zu. al* letzte Hoffnung diesen Versuch zu wagen. Rach 24 Stunden litt ich an unerträglichem Hun­ger. Der Arzt bat mich, noch 24 Stunden au-zu- haften. und ich tat e*. Am dritten Tage hatte sich mein Hunger gelegt, und ich glaubte, daß ich nun ft erben muhte. Aber ich fühlte keinen Hunger mehr bis zum Ablauf meiner langen Fastenzeit, die fast zwei Monate dauerte. 3m Lauf ber Stur entdeckte ich, bah eine große Veränderung mit mir vorging. Ich nahm rasch ab, etwa zwei Pfund jeden Tag. und langsam brachte ich e* dahin, dah ich wieder beim Stehen meine Zehen sehen konnte. Ich arbeitete mehrere Stunden jeden Tag ange­strengt in meinem Garten, und ich schrieb ein Buch von 100 Seiten. Rach acht Tagen fühlte ich mich schwächer, aber leichter, glücklicher unb ganz frei von Schmerzen. Gegen Ende meiner Fastenzeit war mir, al- wenn Essen eine lächerliche Zeit- Verschwendung wäre, wie wenn der Störper voll­kommen mit Wasser, frischer Luft und Sonnen­schein auskommen könnte. Aber al* ich am 52. Tage zu hungern aufhörte, da hätte ich gern ein gute* Beefsteak gehabt. Ich muhte mich aber mit einer Milchdiät zwei Tage lang begnügen, unb dann erst versuchte ich e* mit etwa* Schinken, hatte aber sehr halb zu viel gegessen. Durch meine Äur erhielt ich einen besonderen Geschmack für Früchte. Mein Gaumen wurde viel feinfühliger, und ich genieße jetzt alle Rahrung viel bewußter als früher. Besonders war ich erstaunt darüber, dah da* Wasser, da* man meist geschmacklos findet, verschiebenartige* Aroma aufweist wie der Wein, unb baß es, wenn ber Gaumen genügend erzogen ist einen ganz eigenartigen Geschmack besitzt. Während des Fastert* rauchte ick) Pfeife unb bet Tabak hat mir besser aeschmeckt al* je zuvor Durch ba* Fasten wirb Der Geist klarer, und es ergreift einem ein wundervolle* Gefühl von Leichtigkeit. Gehen wird zu einem außer­ordentlichen Vergnügen, Schlaflosigkeit verschwin­det. und man fühlt sich besser unb besser. Mein Fasten bedeutet für mich das größte Ettebni- meine* Dasein."