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Nr. 16 Zweiter Matt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Donnerstag, 20. Zannar (027
Elfah-Lothringen als Weltproblem.
Don unserem elsaß-lothringischen Mitarbeiter. Straßburg Januar 1927.
Die am 9. Januar stattgehabten Senats- wählen im Ober- und Alnterelsah und im Bezirk Lochringen haben der französischen Propaganda nur geringen Trost gespendet. Gewiß, man kann damit vor der Welt .Staatmachen", daß die Elsaß-Lothringer ihre berühmte .Liebe zur Mutter Frankreich" durch die Wahl von lauter Ratio- nalblockleuten wieder einmal kräftiglichst unterstrichen haben. CS ist aber allerlei Bitteres in dem süßen Tränklcin: unter den neuen Senatoren, die nach Paris geschickt werden, befindet sich der in französischen Streifen wahrlich nicht übermäßig beliebte Berfechter der Rechte Elsaß-LothringenS, Professor Müller, den die Parteileitung im Interesse deS Stimmenfangs neben die übrigen Kandidaten gestellt halte, und der eS auf die zweithöchste Stimmenzahl gebracht hat. Auch ist die ganze Wahlpropaganda der beiden siegreichen Rationalblockparteien, das heißt der katholischen .Volkspartei" und der Demolraten. mit starker Hervorkehrung heimatrechtlicher Gedanken geführt worden, so daß eS mit der französischersellS so sehr hervorgehobenen .allgemeinen Verurteilung der Auto- nomiften" nicht weit her sein kann. Der Wahlausgang ist nichts anderes als ein Sieg der Disziplin der Wahlmänner der .Elsässischen Volkspartei". ES standen weit .patriotischere" Kandidaten zur Wahl, die kläglich abgeschnitten haben, etwa der französische General Taufflieb — der 222 Stimmen gegenüber den 729 deS Professor Müller erhielt — oder der Straßburger sozialistische Bürgermeister Peirotes. Ritter der Ehrenlegion, der es gar nur auf 172 Stimmen bringen konnte. Mit dem .Sieg des französischen Gedankens" ist's also ganz bestimmt nichtSl
Im innersten Grund ihrer Seelen machen sich darüber die Franzosen keine Illusionen. Wären sie der elsaß-lothringischen Herzen so sicher, wie sie'S zu sein vorgeben, so wäre der ganze Aufwand an Enthüllungen und Schauernachrichten unverständlich, mit denen die französische und französisch-beeinflußte Tages- und Zeitschriftenpresse seit über einem Jahre bemüht ist. über die — .deutsche Propaganda" zu jammern, die die harmlosen Elsässer und Lothringer zu umgarnen bestrebt sei. Hatte kurz vor Jahresende der Pariser .T e rn p S" einem Mitglied der französischen Akademie gestattet, tagelang über .alldeutsche Machenschaften" zu wehklagen und die autonomist.sche Bewegung als abhängig von reichsdeulschcn Einflüssen (und Gold- millionen) hinzustellen. so ließ sich ein anderes französisches Blatt mit Riesenauflage, daS Pariser .Journal", nicht lumpen und eröffnete daS neue Jahr mit ebenso — glaubwürdigen 6nt- hüllercien eine« Herrn Helsey, der als Sonderberichterstatter deS BlatteS .Fürchterliches" entdeckt hat.
Wenn auch der europäische Friede wegen Elsaß-LothringenS nicht in Gefahr ist, so kann man heute doch kaum mehr bestreiten, daß die in Versailles .gelöste" elsaß-lothringische Frage schon längst wieder in internationale Erörterungen hineingezogen ist. Bezeichnend dafür ist es beispielsweise doch auch, daß der Dertreter deS PopsteS in Paris in diesen Tagen eine ausführliche Erklärung erlassen hat. wonach Rom eine Ermutigung der autonomistischen Bewegung in Elsah-Lothringen keineswegs beabsichtigt habe. Die nationalistische französische Presse hatte in ihrer heillosen Angst vor Unheil nämlid) so etwas auS der Reujahrsansprache des päpstlichen RuntiuS herauslesen wollen. Man spricht allo schon sehr lebhaft von der .endgültig gelösten" Frage.
Die französische Kammer, die sich brav von Herrn Poincare immer wieder den Mund verbinden läßt, hat die seit langem versprochene Aussprache über Elsah-Lothringen schon wieder vertagt. AlS einen gewissen Ersah für
die dauernd verschobene öffentliche Debatte möchte der Präsident der .Elsässischen BollSpartei". Ab- geordneter Thomas S e l h. bekanntlich eine Kommission eingesetzt wissen, die Dertreter der Abgeordnetenkammer, des Senats und der Regierung umfassen, und die sich eingehend im Lande selbst umschen soll, wie man .der wachsenden Unzufriedenheit" und der .systematischen Opposition" zu Le be rüden kann.
AU das deutet auf die schwere Unzufriedenheit unserer Bevölkerung hin, die mit Mundverbinden — bischöfliches Schreibverbot an die Heimattreuen Geistlichen! — natürlich nicht zu beheben ist. Schon spricht man in der Presse von einem Protestler-Block, ter für die nächsten Kammerwahlen Kandidaten aufstellen will, die die Parole Selbstbestimmungsrecht und Volksabstimmung verfechten werden! Daß eS der Pariser Regierung auch im Bunde mit dem sranzösisch-nationalisti.chen Straßburger Bischof und der gefügigen Leitung der „Volks- parlei" nicht gelingen wird, noch einmal eine so grobe Umsälschung der Dolk.stimmung zu bewirken, wie cS diesmal dem äußeren Anschein nach gelungen ist, können wir versichern. Die Parteigewaltigen mögen ganz gerissene Taktiker sein, zur Führerschaft für ein um sein LebenSrecht kämpfendes Dolk fehlt ihnen alles. Richt zuletzt — — Rückgrat. Unser Dolk hat längst die an Pariser Schnüren zappelnden Hampelinänner satt. Hebet Parteidisziplin geht daS Heimatinteressel
Bilder vom Balkan.
In Mazedonien.
Don unserem zu einer Jnsormationsreise entsandten l..kO.-Sonderberichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Ealonili-Monastir. Januar 1927.
Ich besuchte daS serbische Mazedonien, oder wie es jetzt ofiiziell genannt wird, Südseroien im Frühjahr 19zo zum letzten Male. Damals wie auch jetzt vermied ich es. die Gönnerschaft deS offiziellen Serbien in Anspruch zu nehmen. Denn dies ist der einzig richtige Weg, um nichts zu sehen und nichts zu erfahren. Alle meine Informationen sind aus Gesprächen mit der Bevölle- rung selbst geschöpft, deren Sprache ich spreche, und mit deren autoritativen Vertretern im Lande selbst ich alte freundschaftliche Beziehungen unterhalte. Der Mazedonier ist ein vorsichtiger und verschüchterter Mensch: die türkische und die serbische Herrschaft haben ihn gelehrt, feine Gedanken zu verbergen, und man muß erst sein Vertrauen erwerb, n. bevor er mit der Sprache herausrückt. Journalisten, die. wie es gewößnllch die französischen tun, das Land mit dem Automobil des Regierungspräsidenten (Szupan) in Begleitung von zwei serbischen Gendarmen und eines serbischen Beamten besuchen (der letztere ist zugleich Dolmetsch> kommen natürlich zu der Ansicht, daß es „in Mazedonien nicht mehr Bulgaren gibt, als in den Pariser Tanzdielen" (wörtlich wicdergrgebener Ausdruck eines französischen Journalisten). Aber es gibt dort deren mehr als in sämtlichen Tanzdielen Europas — und zwar über 800 000. Und dies trotz der offiziellen serbischen Ansicht, laut welcher es in Makedonien nur Serben gibt, die durch die bulgarische Propaganda bulgarisiert worden seien. Sie will die Belgrader Regierung zu echten Serben machen, und zwar mittels rein östlicher Methoden. Jenes Regime des Terrors und der Willkür, das ich in Mazedonien 1925 und besonders 1923 zu beobachten Gelegenheit hatte, machte auf mich auch diesmal einen niederschmetternden Eindruck. Alle bulgarischen Schulen (es waren deren 1400 mit 70 000 Schülern). alle bulgarischen Gymnasien wurden geschlossen: die bulgarisch-mazedonische G istlichkeit wurde durch den serbischen KleruS erseht: die bulgarischen wirtschaftlichen Genossenschaften wurden vernichtet: der Verkauf bulgarischer Bücher einschließlich des Reuen Testaments verboten: sogar der Gebrauch der Muttersprache wurde verboten. Zu dieser Kulturschande ist noch hinzu- zufügen die Gewalttätigkeit der Verwaltungs-
Brücke ins AU.
Von Dr. Manfred Schneide r-München.
Aus einem der belebtesten Plätze der Groh- Sabt, in Der ich lebe, begibt sich zu Beginn jeder oten Rächt ein von den meisten Tor.chergehen- ben kaum bemerkter Vorgang, der m seltsamem Gegensatz zur Hast der Umgebung steht: ein älterer schmächtiger Mann schleppt einen großen hölzernen Dreifuß, bann ein mächtiges Rohr und allerlei kleines Gerät herbei und baut daraus ein astronomisches Fernrohr auf dem Gehsteig einer der Inseln auf. Alsbald richtet er es auf ein Gestirn, verkündet auf einer Papptafel, was eS zu sehen gibt (für 20 Pf., Kinder 10 Pf.): .Der Mond mit feinen Kratern" oder „Jupiter mit seinen Monden". .Der Planet Mars", „Saturn mit feinem Ring", und seht sich wartend auf feinen Feldstuhl.
Ich lasse mit nicht selten durch die Zauberkraft dieses RohreS die Gestirnwelt näherrücken — mitten unter den geschäftigen und den müßig- gehenden Menschen, von denen ich so wenig getrennt bin, daß sie mich streifen können, wäh- renö meine Blicke und Gedanken um den Mond kreisen.
Erschreckend nah schwebt die glatte todweiße Äuget — voll beleuchtet einem blanken Eiskörper gleichend: mit scharf, atmosphärelos ab- gezeichneten Kratern, wenn ein Tell verdunkelt ist. Greisbar nah —: der Anblick des Mondes durch das nur 70sach vergrößernde Okular ist derselbe, wie wenn wir auf 5500 Kilometer an daS Gestirn herangekommen wären. Alnö was bedeutet in unserem Zeitalter die wirlliche Entfernung — noch nicht 30 Erddurchmesser? 30mal 13 000 Kilometer? Wann wird die erste Raumrakete auf den Mond abgeschossen?
Der trübgelbe Saturn, der dort hinter den hrchgetürmten Dächern schon unterzugehen droht, wird zur kleinen Kreisscheibe, um die sich der schwebende Ring wie eine Gloriole legt Wer kennt das Bild nicht? Als Wirklichkeit geschaut löst es tiefes Erschauern und staunendes Entzücken aus. Beglückender noch ist das Femrohr- bild des Jupiter, der deutlich als Kugel erscheint mit zarten parallelen Zonenlinien unb den vier großen Monden, die als Helle Lichtpunkte auf dem Hintergrund der Weltnacht stehen. Alle vier schweben in derselben Ebene: ihr zentrifugales Hinausgeschleudertfein unb ihr
Festgehaltenwerden durch ben Riesenmagneten der Jupiterkugel läßt sich geradezu blldhaft schauen. Man glaubt sie kreisen zu sehen — und wirklich ist oft genug Gelegenheit, das Auf- und Untergeben des innersten Mondes am Rand der Kugel zu beobachten. Denn obwohl Jupiter so groß ist. daß er fast 1400 Erdkugeln fassen könnte, umkreist ihn jener Trabant ein wenig mehr als anderthalb Tagen. Ein Mondausgang auf die Entfernung von rund 1300 Millionen Kilometer beobachtet — ein wahrhaft grandioses Schauspiel!
Zu später Stunde, wenn der Andrang noch geringer ist als sonst, bitte ich mitunter den sehr kenntnisreichen Astronomen, mich ein wenig in die Geheimnisse des Fixsternhimmcls blicken zu lassen. Dann zeigt er vor allem Doppelsterne, jene fernen Sonnenpaare, die um einen gemeinsamen Schwerpunkt kreisen, den lichtschwachen Stern im Schwan, der sich in einen toten und einen blauen Feuerpunkt auflöst, — jenen Stern im Widder, der sich wie in zwei ferne, sich berührende Bogenlampen verdoppelt — die lichtstarke Sonne im Orion, neben der wie ein Planetenmond eine Diei schwächere aus dem All taucht. Aus dem Orionnebel, dem milchigen Wölkchen, strahlen dicht zusammengedrängt gar vier Sonnen, das „Trapez", wie ein Geschmeide Gottes. Und die Plejaden, das Siebengestirn, werden zu einem Schwarm Don 200 Sternen, aus dem Allyone herrlich herausfunkelt.
Was bedeuten hier noch Zahlen, was bedeutet das „Wissen" darum, daß wir die Fixsterne sehen, wie sie Dor Jahrzehnten, Jahrhunderten, Jahrtausenden „waren", — daß sie durch ben Raum rasen, ohne daß Don der Erde aus im Lauf eines Menschenlebens die leiseste Veränderung ihres Ortes wahrgenommen werden konnte, — daß Diele Don ihnen mehrtausendfach größer sind als unsere Sonne? Was sind Raum und Zeit da noch anderes als menschliche Behelfe zur Rettung Dor Weltschwindelgefühl unb Wahn- finnsabgrund?
Die Sinne halten sich an die Bilber, an biefe letzten dem sterblichen Menschen faßbaren Bildet gigantischer Schönheit. die wie lichtfunkelnde Weisheitsworte der Gottheit im Kosmos schweben. ruhen, tanzen, rasen. Wahrlich: Gott redet aus den Gestirnen.
Brücken ins Universum, zu Weltinseln sind geschlagen. Die noch tiefer eindringenden Bilder
Organe, b. h. der bis auf die Knochen bemorali- ficrien Beamten und ber wirtschaftliche Druck, bet von ihnen ausgeübt wird. Unb trotzdem konnte ich schon 1925 den Mißerfolg dieser Politik bet Unterdrückung feststellen, was ich auch in der ..Times" wie bei Ihnen ausdrücklich unterstrich.
Daß dieser Politll ein Fiasko beschieden ist. ist auch zur Uebetzeugung der Serben geworden. Denn die Verhältnisse, die ich jetzt beobachten konnte, sind zwar seht drückend und fast unerträglich, aber in vielen Beziehungen haben sie sich doch gebessert. Das bedeutet nicht, daß die Verwaltung sich gebessert habe. Sie besteht auch jetzt noch aus Empfängern von De- stcchungsgeldern. Beamte, die nach Mazedonien bettelarm kamen, verlassen dieses Land nach einigen Iahten als Millionäre. Einige der beliebten Methoden der Verwaltung, wie die 03er- prügelung der Bevölkerung, die Zerstörung ganzer Dörfer werden nicht mehr angewandt, hoffentlich hat man sie für immer aufgegeben. Die Bevölkerung fängt wieder an aufzuatmen und sich zu erholen. Der Terror rief einen solchen Ausbruch des Hasses seitens der Bevölkerung gegenüber bet Regierung hervor, bah bic höheren Vertreter der Staatsgewalt im Lande selbst gezwungen waren, auf eine Aenderung bes Systems zu bringen, um so mehr als bic ganze Schwere der Schreckensherrschaft nicht auf bic unauffindbaren Komitatsch s, ble eigentlich verhaßten „Banden" fiel, sondern auf die friedliche Landbevölkerung. Zum Zwecke der Riedetkämp- fung der Komitatschis verfielen die Regierungs- Organe vorn Jahre 1921 an auf die Organisation von Gegenbanden. Es ist dies für einen zivilisierten Staat ein eigenartiges System der Bekämpfung von Räuberbanden (die serbische Regierung betrachtet die Banden der mazedonischen Organisation als Räuber) durch andere Räuberbanden. Aber die serbischen Gegenbanden bestehen tatsächlich auS Verbrechern und dem Abschaum her Bevölkerung, für welchen weder Sitte noch Gesetz besteht. Ich behaupte nicht, daß die Komitatschis der Mazedonischen Organ fatton das Anrecht auf den Tugendpreis haben. Doch werden sie wenigstens durch eiserne Disziplin und durch die einz'ge Strafe, d. h. die Todesstrafe, die für jedes Vergehen vorgesehen ist. in ben Schranken gehalten, während die MUglieder der Gegenständen durch nichts und durch niemand zurück- gehalten werden und die friedliche Bevölkerung plündern und morden. Der „Organisation" gelang es außerdem, ihre Leute in die Reihen der Gegenständen zu bringen, und dadurch eine Reihe von Führern der Gegenbanden, wie Sokolarski, Zikless. Mischeff und andere umzubringen. Zuguterletzt, und zwar unter dem Drucke der De- Döllerung, teilweise auch aus Angst, daß die Gegenständen sich in reguläre mazedon sche Banden verwandeln könnten, wurden diese Gegenständen von den Serben entwaffnet und aufgelöst.
Die Kolonisierung hat auch keine greifbaren Resultate erziell. Die Kolonisten konnten sich weder an daS mazedonische Klima gewöhnen, noch die mazedonischen Methoden der Bodenbearbeitung übernehmen. Sie liefen einfach davon, wie z. B. die Kolonisten aus Batina bei Jstrip, wo von 500 Familien bloß 20 übrig blieben, oder sie fingen an, ihr Land ben ansässigen Dauern zu verpachten, wie z.D. in Owtsche Pole. Kotschany u. a. O. Es ist noch zu bemerken, daß die Bewaffnung der serbischen Kolonisten zur Bildung einer Klasse von Räubern führte, wie dies auch in den türkischen Zeiten war. Diese bewaffneten Herrschaften terrorisieren die Bevölkerung, und die Verwaltung, die sie zuerst als Schützer des Friedens und der Ordnung etablierte, hat recht viel Unannehmlichkeiten mit diesen Kolonisten und sucht sie zu entwaffnen.
Alle diese Methoden der Verwaltung sind, wie ich schon bemerkt habe, zum alten Eisen geworfen worden und das Verhältnis zwischen der Bevölkerung und der Regierung hat sich gebessert. Es muß zwar jetzt noch der Mazedonier eine Erlaubnis erwirken, um von Skoplje nach Jstip reifen zu können, und jetzt noch ist Mazedonien von Gendarmen und Polizei überschwemmt. Ein Drittel sämtlicher Polizei- und
der Riefeninstrumente in den Sternwarten rühren nicht so gewaltig ans Herz als Verkündigung, Mahnung, Trost, wie diese bescheideneren, die in Reichweite der Kotspritzer der Automoblle aufleuchten.
Die Vorstehenden läßt mein Astronom nie an den Planetenwundern teilnehmen. Rur durch Ankündigung größerer „Objette“ kann, er die Mission erfüllen, deren er sich vielleicht gar nicht bewußt ist: die Vorübergehenden für einen Augenblick aufzurütteln, ihnen zuzurufen: „Schaut, wie herrlich die Schöpfung Gottes ist! Wie klein die Erde! Blickt durch dieses Guckloch ein wenig auf das Wesentliche! Schaut, welch ein hoher Geist in der Materie wohnt! Restmt an ihm teil!" Wieviele von den Menschen, Die da vorüber- lommen, haben sich oder die Erde jemals astronomisch eingeordnet, sind sich auch nur je bewußt, daß sie auf einem Gestirn, auf einer freifdjtoe- benben Kugel leben? Die meisten lassen die Sache auch gar nicht an sich herankommen oder lächeln über die Kinderei: andere sind einen Augenblick betroffen, würden sich mächtig inter- efficren, aber — so auf der Straße vor allen Menschen? Verliert man da nicht an Würde? Auch Geizhälse find darunter, die für „so was" kein Geld ausgeben. Wenige stellen sich vorsichtig beobachtend in die Rähe, mit verlegenen Gesichtern, und von diesen schält sich nun der eine oder andere heraus und tritt wirllich ans Fernrohr — meist noch immer verlegen. Manche setzen dann, wenn sie hindurchgeschaut haben, ihren Weg sehr nachdenklich oder auch beglückt fort. Aber es gibt auch andere. Rie vergesse ich den satten Lebemann, der nach Jupiter schaute und dann blasiert fragte: „Ist das alles?", und die wohlgenährte Dame, die zu Saturn gönnerhaft sagte: „Ganz hübsch" und noch während des Durchschauens dem Rohrbesitzer ihre 20 Pfennig wie ein Almosen in die Hand gleiten ließ.
Ich sollte nichts über Gesichter sagen. Wenn ich selbst aus dem Kosmos zurückkehre, und mir das Jnsektengewimmel ringsum sehr Nein und fremd vorkommt, mag ich auch seltsam aussehen. Und noch seltsamer, wenn mir dann wieder inS Bewußtsein kommt, daß man Wohl oder übel gezwungen ist, mitzuwimmeln. Dann fühle ich mich dem Fernrohrbesitzer noch näher verbunden und beneide ihn, der zu all dem Rummel um ihn her keinen Standpunkt als den des Abwartens einzunehmen braucht, um seinen schönen weltfernen
Dendarmeriekräite Südslawienv ist in Mazedonien tät g. Die Erlangung eine# AuSlandSpas'e- ift mit ungeheuren Schu. Irrigkeiten verbunden. Jetzt noch zittert die Bevölkerung vor ben Gendarmen, aber alles dieses bedeute: sehr wenig im Vergleich zu dem früheren Regime der nackten Willkür und der Gewalt. Vevrigeas ift baS Derhallen ter Regierungsorgane zur e i n s ä s s i i» gen mazedonischen Bevölkerung und zu den ein- gewanderten Serben grundverschieden. Dieser Unterschied drückt sich in erster Linie in einem cigcnarti ca ..wirtschastl chen Protck io- nismus" aus De serbischen Kaufleute, Industriellen und GeschäftSleu.e werden in allem bevorzugt: sie bekommen ic chliche Kredi e, während es Dem mazedonischen Kausmann fc ,r sch er gemacht wird, Kredite in der Volksbank (Ra- tionalbank) zu erlangen. So hat z. D. ein mazedonisches Handelshaus, welches jährlich 350 000 Dinar Steuern zahlt, nur 180 000 Dinar kreditiert bekommen, während ein Serbe, der zur Gründung eines Unternehmens 500 000 Dinar anwandte. einen Kredit von 750 000 Dinar erhielt In der Stabt Veles gibt es nur einen lerl i'chen Kaufmann, bes en Vorsätze ben Umsatz von Dutzenden anderer Äau’lcute kaum erreichen: diesem Serien wurde ein Kredit von der Rationalbank eröffnet, der 48 Prozent sä nt- licher von dieser Dank den Kaufleuten von Ve'es überhaupt ge ährten Krebi e auömacht Die Lieferungen für die Armee und die Rcierungs- bauten werden ausschließlich an Serben vergeben, wobei Unterschlei en größten AuSmaße- vorkommen. Beim Dau bes Doll^theaterS von Skoplje, ciaes GebäuteS m ttlercn Umfan es von außerordertlich häßlicher Architeltur, iru bei kiS jetzt 25 Millionen Dinar (über 2 Millionen Mark) ausgegeben. Dabei ist bas Gebäude noch nicht vollendet. In Skoplje habe ich sogar Dott einflußreichen serbischen Jntellektue len gehört, daß diese Methoden die Bevölkerung in zwei feindliche Lager spallen. die Gegensätze Der» schärsen und zu einer Entfremdung, statt einer Annäherung der ci isä sigen Devollerung gegenüber den Serben führen.
Die Barmats.
DaS zwei elhaste Bergnü-en, mit JulluS Darmat in Geschä tsverbindung gestanden zu haben, hat der Preußischen Staatsbank in bciläuiig 15 Monaten rund fünfzehn Mlllionen Reichsmark gekostet. Es hat lange gebauert, lis der Prozeß gegen bi: Darmats endlich aufgezogen werten konnte, viel zu lange. alS daß nicht der größte Teil der Ze.tgenos e.i sich barü er leire Gedanken gemacht hätte. Die Darmats sind keine Zusa'.iS- erscheinung, sondern bas ech e Erzeugnis einer Zci . in der politische und soziale Verlotterung in Fäulr iZ überzugeben droh e Run wirb die Bar- ma.inische Legende in Terlin-Moabit aufgcrollt, mittels eineS Prozeßapparates, der so ungewöhnlich groß ist, daß er die Angellagten völlig erdrückt. Und die Presse, die auS den Verhandlungen gegen tt? Fe nemörder in e.national« Skandale machte, schweigt in allen Sprachen. Wozu auch? Der Fall Darmat ist ein Kor - ruptionSsall schlimmster Sorte schlechthin. Aber die handelnden Personen, sowie die Statisten vor und hinter den Kulisfen sind nicht Reakt'wnäre, sondern sozialdemokratische Großwürdent.äger. W.rd eS prozeßtechnisch möglich fein, die Zusammenhänge zwischen Darmat und seinen Gönnern und Freunden aufzudecken?
Es gilt ja nicht den Personen allein, sondern vor allem dem System, da- die ungeheuerliche Darmatinische Korruption überhaupt möglich machte. DaS deutsche Voll hat ein lebendiges Interesse daran, zu erfahren, ob dies System weiter bestehen darf, ein System, das mit der Staatsform nichts zu tun hat, bas vielmehr nur die gegebene Macht dieser Staatsform ausnutzt, um s i ch und anderen perfönliche Vorteile zu schaffe n. S<> on die parlamentarischen Un.ersuchungsauSschülse haben dazu beigetragen, den wirklichen Tatbestand zu verwischen. Der Prozeß gegen die Darmats, der auf Grund ter Sira Prozeßordnung
"Beruf. Aber vielleicht ut es gar nicht fein einziger. Vielleicht muß er bei Tag Schuhe flicken.
Charlotte von Mexiko.
Rachdem Charlotte von Mexiko über ein halbes Jahrhundert in Geisteskranlhnt auf Schloß Douchout bei Drüfsel dahingelebt, nachdem sie schon wiederholt, zuletzt vor einem Jahre, totgesagt und im Gothaischen Kalender auS der Liste der Lebenden gestrichen worden war, ist sie jetzt im Alter von 81 Jahren durch den Tod von einem qualvollen Dasein befreit worden. So ist das Schicksal der unglücklichen Kaiserin in der letzten Zeit wiederholt Gegenstand rück- schauender Dctrachtung geworden: man weiß, daß sich ihr Gatte, der Erzherzog Maximilian von Oesterreich, von Rapoleon III. verleiten ließ, sich in das gefährliche und verhängnisvolle mexika- nifche Äaifcrabenteuer einzulassen. daß französische Truppen ihn in das fremde Land einführten und daß der anfängliche Siegeszug des Kaiser paare» durch Mexllo von der ganzen Welt mit Teilnahme verfolgt wurde. Dann kam der Rückschlag: die Truppen des Marschalls Dazaine verließen den Kaiser Maximllian. Charlotte begab sich zu einer demütigenden und heldenhaften Dittfahrt an die Hofe Europas, wurde aber von Rapoleon unb vom Vatikan abgewiesen, damit war daS Ende des mexikanischen Kaisertums besiegelt. Diesen vielen Erregungen und Enttäuschungen war die zarte Ratur der schönen Frau nicht gewachsen, bald machten sich WahnfinnSspuren bemerkbar, wohltätig verhüllte ihr die Krankheit die Ereignisse, die sich inzwischen in Mexllo entwickelt hatten, den Zusammenbruch des jungen Kaisertums, die Erschießung des Gatten in Queretaro durch die Truppen des Präsidenten Juarez. Daß die Kaiserin Charlotte noch unter den Lebenden weilte, ist kaum jemals recht zum Bewußtsein gekommen, war sie doch für die Vorgänge der Welt längst abgestorben. Sie erfuhr nichts vom Weltkrieg, dessen Schlachten in ihrer nächsten Rähe tobten, fie war nur noch ein Schatten auS einer historisch gewordenen Vergangenheit. — Franz Werfel hat sie In feinem Schauspiel „Juarez und Maximillan" als die Persönlichkeit geschildert, die sie einstmals gewesen ist, als eine schöne und blendende Erscheinung, voll Entschlossenheit und ShrgeiK, als eine treue unb wagemutige Helferin ihres fchwächllchen unb schwankenden Gemahl-.


