Ausgabe 
19.9.1927
 
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Ht. 219 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Montag, 19.5eptember (921

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Ein neuer türkisch-griechischer Lonflitt.

Von unserem v. tt ^Korrespondenten. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten I)

Konstantinopel. 15. September.

Die latente Spannung zwischen der türkischen Republik und Griechenland ist trotz des nach jahrelangen Verhandlungen endlich zustandege- kommenen Vertrages, trotz der Geruchs und Be- sprechungen über einen kommenden Valkanvuno und trotz der sonstigen Vereinbarungen und Ab­reden bezüglich des Flüchtlings- und Güteraus­tausches von der Zeit des Llnabhängrgkettskrieges an bis auf den heutigen Tag keiner völli­gen Beruhigung gewichen. 3m Gegenden. Die Möglichkeit der Verschärfung dieser Span­nung. auf die bereits vor etwa zwei Monaten hingewiesen wurde, ist nun zur Tatsache ge­worden und könnte unter älmständen Auswirkun­gen haben, die im Interesse der allgemeinen Verständigung unter den Balkanvölkern als außerordentlich bedenklich angesehen werden muß.

Von den während und nach dem Unabhängig- keitskricge von der kemalistischen Regierung aus­gewiesenen oder verbannten Staatsfeinden, den sogenannten15 0 Unerwünschten", ist ein sehr großer Teil seinerzeit nach dem feindlichen und benachbarten Griechenland gegangen. Und von dort sickerten von Zeit zu Zeit Nachrichten durch, daß dieser oder jener der Verbannten oder sogar mehrere gemeinsam in Verbindung mit griechis chen amtlichen Stellen ständen. Wie bekannt, hat nun vor kurzem einer dieser150 Unerwünschten" mit zahlreichen Kom­plicen, zu Schiff von einer griechischen Insel kommend, die anatolische Küste betre­ten und diese Bande wurde einschließlich ihres Führers von der türkischen Gendarmerie nur wenige Tage nach ihrem Auftreten in der Türkei fast völlig aufgerieben. Die drei Ueber- lebenden wurden gefangen, und vor dem tür­kischen Gericht einem strengen Verhör unter­worfen. Bei ihnen und bei ihren toten Genossen hat man, wie von türkischer amtlicher Seite be­richtet wird, zahlreiche Dokumente und Papiere gesunden, aus denen unter anderem entnommen werden konnte, daß Attentate auf Mit­glieder der türkischen Regierung und andere höhere türkische Persönlichkeiten, vor allem auch aus den Sonderzuo des Staatspräsidenten ge­plant waren. Die gleichfalls aus diesen Papieren heroorgehende Belastung von türkischen Persönlich­keiten, die in früherer Zeit politisch eine Rolle gespielt haben, und sich heute innerhalb der tür­kischen Grenzen befinden, sei hier nur erwähnt.

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«pringflutkalastrophe auf den japanischen Inseln Kiusiu, Sikoku und Süd-Hondo.

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Don arößtem Interesse ist aber die gleichfalls von türkischer amtlicher Seite wiedergegebene Nachricht, daß die gefundenen Papiere auf eine Zusam­menarbeit der Bande der Tscherkessen Hadschi Sami, so hieß der Leiter der Unternehmung, mit griechischen Behörden schließen lassen.

Entsprechen diese Meldungen den Tatsachen, so bedeutet das naturgemäß eine ganz unge­wöhnlich starke Belastung des Nachbarlandes, die griechische Regierung stände dann ganz ein­fach unter dem Verdacht, mindestens geistiger Mithelfer an der Ausarbeitung eines Atten­tatsplanes auf den türkischen Staatspräsidenten gewesen zu sein. So ist denn auch sofort nach Delanntwerden der Angelegenheit der türkische Gesandte in Athen in sein Heimatland abgereist, um sich die notwendigen Instruktionen bei Tew- fik Rüsch di Dej. dem türkischen Außenmini­ster. zu holen, auch hatte der hiesige griechische Gesandte Tsamados wisderholt eingehende Be­sprechungen mit Tewsik Rüschdi Bej.

Die völlig in der Hand der Regierung lie­gende türkische Presse hat in den Tagen dieses Besprechungen der gairzen Angelegenheit eine wider Erwarten außerordentlich schonende Be­handlung zuteil werden lassen, Wohl um die Ver­handlungen nicht zu stören und einen möglichen Ausgleich nicht durch einen scharfen Presse­feldzug zu erschweren oder gar zu verhindern.

Allem Anschein nach sind aber die Be­sprechungen und Verhandlungen zwischen den beiden benachbarten Regierungen nicht zu dem Ergebnis gediehen, daß man in Angora für er- wünscht und möglich hielt. Der bereits häufig als inoffizieller Sprecher der Regierung Kemals verwandte Hauptschriftleiter der halbamtlichen Milliett" und Abgeordnete, Machmut Bej, ver­öffentlichte plötzlich an leitender Stelle einen Aut- satz gegen Griechenland, dessen ungewöhnliche Schärst Aufsehen erregen muß. Es weist darin nach, daß Bewaffnung und Beförderung der Bande Hadschi Samis an die anatolische Küste nicht ohne Wissen der griechischen Behörden vor sich gegangen fein kann, und beschuldigt somit die griechische Re­gierung, nicht nur die ost vorgebrachten Freund­schaftsbeteuerungen in verleumderischer Absicht ge­tan, sondern auch den Landesverrätern alle not­wendige Unterstützung gewährt zu haben. Ins­besondere verweist er auf die angeblich bekannte Zusammenarbeit des griechischen Ge­neral st abs mit türkischen politischen Flüchtlingen. Er fordert weiter. von Grie­chenland eine klare Sprache, eine Abkehr von den Unerwünschten" und schließt seinen Aufsatz mit den Worten:

Wenn unsere griechischen Freunde, ob sie cs offiziell erklärt haben oder nicht, der Freundschaft mit der Türkei einen gewissen Wert beimessen, ist es nötig, daß sie sich so bald als möglich den For­derungen dieser Freundschaft unterwerfen. Wenn dies nicht der Fall sein sollte, so dürfen wir kein Wort mehr darüber verlieren, und es wird an uns sein, die durch die Lage erforderlichen Maßnahmen zu treffen."

Um die neuen

Landesarbeitsämter.

Von unterrichteter Seite erhalten wir folgende Zuschrift mit der Bitte um Aufnahme.

Die neue Reichsan st altfür Arbeits­vermittlung und Arbeitslosenver­sicherung wird die bisherigen Behörden der Arbeitsvermittlung mit der neuen Organisation der Arbeitslosenversicherung vereinigen. Dieser Dehör- denkörper wirb ungefähr 20 000 Beamte kosten, und wenn auch die meisten aus den bisherigen Arbeitsämtern und dem Apparat der Erwerbs­los enfürsorge übernommen werden, so geht es doch bei solchen Neueinrichtungen nicht ohne verteuernde Abrundungen ab. Ein Grund mehr, gerade im Lleberflüssigen zurückhaltend und spar­sam zu sein. Die wichtigsten Behörden der neuen Reichsanstalt werden die Landes- arbeitsämter sein. Es wäre nun nichts selbstverständlicher gewesen, als daß die Direk­toren der alten Landesarbeitsämter, die bisher die Arbeitsoermittlung verwalteten, zu Lei­tern der neuen, auch die Arbeitslosenver­

sicherung umfassenden Landesarbeitsämter er­nannt würden, soweit sie sich bewährt haben. Das scheint aber nicht zu geschehen: vielmehr sollen die meisten Direktoren zwar in die neue Anstalt übernommen werden, aber sie können nur auf die zweite Garnitur rechnen. Auf die Posten der Vorsitzenden hat nämlich inzwischen ein interessanter Wettlauf aus anderen Krei­sen begonnen: die Anwärter sollen sich aus höheren, zur Disposition gestellten Beamten, aus kurzfristigen Ministern und anderen Außenseitern zusammensehen, auch spielen stark Partei- wünsche nach einer Politisierung der neuen Behörden mit. Das Reichsarbeitsmini­sterium steht diesen Anwärtern ziemlich freimd- lich gegenüber, da es die neue Sozialorgani­sation durch Ausstattung mitrepräsentativen" Persönlichkeiten, die über gute Verbindungen und Hintergründe verfügen, sofort gut einführen möchte. Das Finanzministerium unterstützt diese Pläne, da es seinen Pensions- und Wartegeld­fonds zu vermindern hofft. Rach der fachlichen Eignung der Anwärter wird dabei wenig ge­fragt. Es gilt, diese Pläne, die noch im Halb­dunkel reifen, ans Licht zu ziehen und ihre Durchführung zu verhindern. Wir leiden heute in einem armen Deutschland oft an einer Art Repräsentation skrankheit, anstatt füh­rende Arbeitsposten sachverständig, menschenkun­dig und schlicht zu besetzen. Die bisherigen Landesarbeitsämter arbeiteten mit einem Direktor. Der Vorsitzende aber, in Preu­ßen in der Regel der Landeshauptmann der betreffenden Provinz, wirkte ehrenamtlich und beschränkte sich zweckmäßig auf die Aufsicht und die Sicherung der Zusammenarbeit im pro­vinziellen Verbände. Diese Verfassung war ge­sund und billig. Das neue Statut sieht nun zwei Vorsitzende vor. und der erste ist keines­wegs ehrenamtlich tätig, sondern wird gut be­zahlt. Schon diese Äenderung war über­flüssig, sie hätte nicht durchschlüpfen dürfen. Aber nicht nur überflüssig, sondern glatt 'rn- sachlich und schädlich für das Wirken der neuen Behörden ist es, den Vorsitz nunmehr mitre­präsentativen" Außenseitern besehen zu wollen, wahrend die sachkundigen und eingearbeiteten Direktoren, deren Erfahrungen ja das neue Ge­setz überhaupt begründet haben, an die zweite Stelle rücken, aber natürlich doch die maßgebende Arbeit zu leisten haben. Man lasse die bis­herigen Leiter als Vorsitzende auf ihrem Posten und lasse das Amt des zweiten Vorsitzenden nebenbei vom besten Referenten versehen, das wäre die zweckmäßige und unserer Finanzlage angemessene Lösung.

hrUche LanLmrtschüMche Landesausstellung.

Don unserer Darmstädter Redaktion.

* Darmstadt, 18. Sept.

Der Besuch der Hessischen Landwirtschaft­lichen Landesausstellung war seit dem Eröff­nungstage sehr zahlreich. Gestern war er schon in den Morgenstunden als stark zu be­zeichnen und nähnr in den Nachmiktagsstunden immer mehr zu, verzog sich aber gegen Abend wegen Regens in die geschlossenen Räume. Der heutige Sonntag brachte Massenbesuch, denn zahlreiche Sonderzüge führten aus allen Teilen Hessens die Gäste nach der Landes­hauptstadt. Der Sonntagnachmittag übte wegen einer großen Trachtenschau eine starke An­ziehungskraft auf die Darmstädter Bewohner­schaft aus, zumal die Teilnehmer und Teilnehme­rinnen an dieser Schau vorher durch die Straßen der Stadt gezogen waren und in ihren Trachten Aufsehen erregten 70 Paare in ober hes­sischer und Odenwälder Tracht führten auf einem im Freien auf dem Ausstellungsplah errichteten Podium Volkstänze vor, die außerordentlich gefielen und das Publikum zu lebhaften Beifallskundgebungen veranlaßten Wie an den anderen Tagen, so waren in dem Vor­führungsring auch heute wieder die preisge­krönten Tiere gezeigt worden, auch sorgten Turniere der ländlichen Reiterver­eine für Unterhaltung. Abends fand ein Rheinischer Abend" statt, der in erster

Linie dem besetzten Gebiet galt Der Andrang hierzu war so stark, daß das Haupt restauran l nicht imstande war, die Zahl der Besucher aus- zunehmen: es mußte polizeilich gesperrt werden, so daß viele Personen fernen Einlaß mehr fan­den Wegen der Unruhe, veranlaßt durch den Andrang, kam das Programm nicht recht zur Geltung: das gesprochene Wort ging in dem Lärm unter, weshalb schon die Ansprachen des Vorsitzenden der Landwirtschaftskammer, Oeko- nomierat Hensel, und des Oekonomierates Hahn-Heßloch, die vorgesehen waren, aussie- len. Die von den Teilnehmern und Teilnehme­rinnen ausgeführten Tänze (besonders Schwül- mer, Schlitzer und Odenwälder Tänze) konnten nur von den Rächst stehenden gesehen werden, weil so viele Zuschauer, die keinen Sitzplatz mehr gefunden hatten, stehen mußten Richt anders war es mit schönen Darbietungen von Surnent Da viele Besucher der Abstellung den: Rheinischen Abend nicht beiwohnen konnten, so wurde er heute wiederholt

Beginn der Frankfurter Herbstmesse.

WER. Frankfurt a.M., 18. Sept. Die diesjährige Frankfurter Herbstmesse wurde heute vormittag in Airwefenheit der Spitzen der Behörden und verschiedener auslän­discher Regierungsvertreter eröffnet. Ober­bürgermeister Dr. Landmann betonte, daß man den Krisenzustand, von dem man noch bei der Frühjahrsmesse sprechen konnte, glücklich überwunden habe. Der Umstellungsprozeß der Frankfurter Messe sei heute schon soweit fort­geschritten, daß man schon jetzt sagen könne, die Frankfurter Messe sei gesund. Der alte Stamm der Besucher sei treu geblieben, und neue Aussteller seien in erfreulich großer Zahl hinzu­gekommen. Es stehe fest, daß sich die Messe nach Ueberwindung der wirtschaftlichen Tiefenkurve als lebensfähig erwiesen habe und daß sie lang­sam und ruhig, aber auf solider Grundlage, sich weiter entwickele. Der besondere Anlaß zur feier­lichen Eröffnung der Herbstmesse sei die Tatsache, daß die Landwirtschaft zum ersten Male auf der Frankfurter Messe in meisemäßigem Rahmen durch die Sonderausstellung Blumen und Früchte" erscheine. Land­wirtschaftliche Kapazitäten sehen ja schon lange das Heil der deutschen Landwirtschaft in der Umwandlung der Landwirtschaft aus einem Ge­werbebetrieb zu einer Exportindustrie. Diesem Bestreben zu Hilfe zu kommen, sei der Kern des Versuches dieser Ausstellung. Es müsse abge­wartet werden, ob sich dieser Versuch beim ersten Male schon voll auswirken könne. Seit der Sta­bilisierung habe sich die Frankfurter Messe ent­schlossen, nicht alte Dahnen zu wandeln und die Zustande alter Messen zu kopieren, sie wolle sich vielmehr einfügen als Dermittlungsglied in das große Problem moderner Geschäftsorganisa­tion. Zum Schluß betonte der Oberbürgermeister-, daß nicht nur die Stadtverwaltung, sondern auch die Bürgerschaft Frankfurts entschlossen sei, die Zukunft der Franfurter Messe in jeder Hinsicht zu sichern und hierfür auch die erforderlichen Opfer zu bringen.

Namens des Verbandes deutscher Gartcn- bauvereine brachte Gartenbaudirektor ©robben zum Ausdruck, daß der deutsche Gartenbau gern

Das Erdbebengebiet auf der Krim.

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Das Land hinter den Sergen. Bilder aus Chile.

Von Dr. Curt Heinrich.

Nun steigern wieder die kühlenden Abende und fast schon kalten Nächte des Herbstes von den Kordülsren herab, und in den Morgenstunden macht ein weißer Aebeldunst für Stunden das ewige Blau des chilenischen Sommerhimmels fast vergessen. Und dann denkt man am ehesten wohl an die deutsche Heimat und denkt an deutsche Herbst- und Winterabende mit ihrer warmen <stubcnenge und in dieser Stuben enge oft wunder­voll weiten, reichen Geistigkeit.

Fast ein Jahr bin ich nun in dieser Stadt und fange an, ihre unvergleichlichen Reize gerade Durch den Rhythmus der Jahreszeiten, der sich nun vollendet, ganz zu genießen. Santiago, wo sich die meisten neuangekommenen Deutschen erst so unsäglich schwer einleben können, um dann oft mit einer unzerstörbaren Dauerliebe im Her­zen festzuwurzeln, gehört zu den schönsten Städten Dieser Erde, besonders wenn man dabei nur an Die eigentlichen Binnenstädte denkt. Cs fehlt der schimmernde Rahmen und die ganze vieltonige Musikalität Des Meeres, wie sie den Seestädten Neapel, Kapstadt oder Rio ihren unvergleichlichen Zauber verleiht. Aber wenn man an unsere heimischen und besuchtesten Städte etwa wie Innsbruck, Zürich, Luzern denkt, dann ist die chilenische Hauptstadt ein fabelhafter Superlativ, Der nur deshalb noch nicht das Reiseziel der europäischen Globetrotter ist, weil sie eben recht eigentlich am anderen Ende der Welt liegt, und Die Zufahrtstraßen bis vor kurzem gar zu viel Zeit benötigen und gar zu weit und umständlich waren.

Durch die Eröffnung der Kordillerenbahn ist das nun wesentlich besser geworden, und Durch die Echnelligkeitskonkurrenz der verschie- Denen Dampferlinien nach Buenos-Aires, unter Denen die deutschen Dampfer des Norddeutschen Lloyd und der Hapag wieder anerkannt in erste Linie gerückt fnü>, ist freilich die Reisezeit ganz beträchtlich nach Neapel auf ca. 19 Tage abgekürzt worden. Aber da sind es nun wieder Die vielfachen Wirtschaftsnöte des verarmten Eu­

ropa, welche die Initiative der eigentlichen Tou­risten, dieses Neuland für sie zu besuchen, doch eben nod) nicht recht aufkommen lassen. Außer den eine Lebenszukunft suchenden Einwandereren verschiedenster Kategorie und von ihren Häusern herausgeschickten Geschäftsreisenden sind es also nur einige hervorragende und besonders unterneh­mende Persönlichkeiten, die wie u. a. Reichskanzler Dr. Luther, die Gelegenheit packen oder sich schaffen, umdie weite Welt und breites Leben" aus eigenster persönlicher Anschauung kennen zu lernen, ein sicherer Gewinn für sie selbst und für jedes verständnisvolle Wirken in der Heimat.

So aber ist es auch nur zu erklären, daß für den Touristen, den Reisesportsmann oder den künstlerisch gestimmten Sucher neuer Sensationen Chile und seine Hauptstadt meist noch recht ferne terra incognita geblieben ist.

Selbst für Santiago und Valparaiso gibt es ja nicht einmal brauchbare Führerhefte, und wenn man auf einem Bummel durch die Sehens­würdigkeiten. wie Kirchen, alte Häuser usw.. auch sonst sehr gebildete, alteingesessene Santiagener die Deutschen inbegriffen um Auskunft fragt, so ist die absolute Gleichgültigkeit diesen Dingen gegenüber meist verblüffend.

Also Santiago De Chile ist ein landschaftlicher Superlativ, den man dabei doch auch nicht mit Schopenhauer als einen bloßenKnalleffekt der Natur" überkritisch verkleinern kann. Man denke sich etwa die Maria-Th eresien-Strahe in Inns­bruck mit ihrem wundervollen Ausblick auf Frau Hitt, Serlas und die ganze schimmernde Bergkette. Nicht weiter sind hier in Santiago von fast jeder offenen Straße aus die Riesenmassen, Häupter und Gletscher der Hochkordilleren, nicht bis zu den 2000 Metern wie die Tiroler Berge, sondern mit ihren höchsten Graten und Piks bis zu der imposanten Höhe von über 5000 Meter aufragend entfernt.

Dieses Panorama, etwa von dem breiten Prunk-Boulevard, der Alameda, aus den Berliner Linden entsprechend, nur viermal so lang gesehen, wirkt an den vielen klaren Tagen immer wieder überwältigend, und in den durch die Jahreszeiten wechselnden Beleuchtungsschat­tierungen immer wieder neu und reizvoll, älnb noch greifbarer von einer wunderbar erhabenen

und zugleich traumhaften Unmittelbarkeit ist diese Hochgebirgsszenerie, wenn man die Alameda wei­ter über die belebte Plaza Italia, die großen Hauptstraßen nach den Vorort- und Villen­vierteln Providencia, Los Leones oder Nunca entlang schlendert. Man hat das Gefühl, mit jedem Schritte dem Herzen dieser Wunderwelt näherzukommen, und bei jedem Schritte kann das Auge in den herrlichen Konturen des himmel­ragenden Berghorizontes, in den unerhört klaren und hellen Licht- und Luftstimmungen und in den zartesten, leuchtendsten Farben schwelgen. Freilich, meist können nur eben die Augen ge­nießen. denn ein wirkliches Näherkommen und Heimischwerden in dieserSuperlativen", der Umgebung Santiagos, ist nur unter ziemlichem Aufwand von Zeit, verhältnismäßigen Strapazen und besonders auch allerhand Kosten möglich. Deshalb kann hier eigentlich erst der Auto­besitzer, der wenigstens in die Vorgelände der Kordillerenherrlichkeit einbringen kann, praktisch zu jeder Zeit etwas von der weiteren Land­schaft haben.

Aber das Auge wird immer dankbar blei­ben, und schließlich bieten auch die großen öffent­lichen Parks, bieten vor allem die sich noch innerhalb des Stadtweichbildes erhebenden Cer- ros (Berge), die kleine mit üppiger Vegetation gärtnerisch geschmückte Anhöhe von Santa Lucia und der etwa 900 Meter hohe mit einem steiner­nen Riesen bild der Virgo (Madonna) getränte Kegel des San Christobal. dem weit sichtbaren Wahrzeichen Santiagos, immer reizvolle Spa­ziergänge und sogar Klettermöglichkeiten.

Und hier kommt besonders im Winter, wenn die hohen Hänge der Anden längst tief hinab mit Schnee bedeckt sind, und am Abend der mächtige Palomagletscher neben demAltar" in einem märchenhaftenAlpenglühen" herüberleuch-- tet, der wunderbare Kontrast hinzu, daß wir selbst dieses Schauspiel genießen, indem wir unter Pal­men. Lorbeer und Eukalyptus schlendern und dtcht zu unseren Füßen das bunte, laute Leben einer Halbmillionenstadt anbrandet.

Das ist hier nur in ersten, allgemeinen Um­rissen ein Bild von der Schönheit und dem Zauber von Santiago de Chile, das. wenn es den Hochstraßen des Weltverkehrs näher oder gar in

Europa läge, ganz gewiß zu den besuchtesten Fremden- imb Touristenplähen gehören würde.

Die Syerttngsgassenlampe.

Von Max Iungnickel.

Als der verschrobene, weltentrückte Kauz, der Wilhelm Raabe, nach Walhalla geritten war, lächelnd, den zerknautschten Schlappyut auf dem eisgrauen, zottigen Kopse, mit zerwehtem Bart, da verließ er auch eine Oellampe, bei deren Ge­flacker, in einer rumpligen Studentenbude, der Raaben-Wilhelm die erdenschöne Ehronika von der Sperlingsgasse schrieb. Seine schelmisch-frohen Hu­moristenaugen streichelten immer wieder dieses alt­modische, trauliche Ding. In kriegsbewegter Zeit, als das Raabennest bedroht war, ließ der alte Fabel-Raabe die schöne, stolze Salonlampe stehen und flatterte mit seiner Sperlingsgassenlampe da­von. Sein Traumblut fang bei ihrem Schein. Beim 50jährigen Sperlingsgassenjubilaum schlurfte der Alte, ein paar Freunde am Arm gehängt, in seine Braunschweiger Kneipe. .Halbbezecht kam er nach Hause: Die Sper Sper Sperlings -

gasscnlampe brennt."--Dor Rührung hat er

gemeint.

Alles verloren. Auch seine Lampe. Der umlächelte Sonderling sitzt in Walhalla, neben dem weißgelock­ten Jean Paul. Manchmal packt mich eine Sehn­sucht: seine heißgeliebte Lampe einmal anzuzünden. Träume müssen von ihr ausgehen, sonderbare Träume. Eine Welt muß sie heraufzaubern, eine Welt mit Städtchen, die in Gedanken stehen geblie­ben sind. Schwadronierende, grau gerockte Kirch­türme. Im Frühlingsabendschein ein Paar blin­kende Glücksgaloschen norm Stadttor. Mit seinem langen Wächterhorn schlurrt der Nachtwächter durch die Gassen. Ein rappelköpfiger Schneider laßcht im engen Hochzeitsrock zum Kirchhof. Hinterm müd er­leuchteten Sichelfenster betet eine sorgendurchquälte Mutter. Hungerdünne Geigensinger zaubern aus einer alten Fiedel ein Lied. Das schwebt um die Büsche und zerfließt in traumhelle Nacht. Im Gie­belhaus knarrt die Stiege. Dornröschen steigt, pagen- umtänzelt, aus verhexter Spinnstube. Auf der Schleppe ihres Kleides tanzt der Mond. O alte Sperlingsgassenlampe!