Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 19. August 1927.
Erst links, dann rechts!
Man möchte es in die Gehirne einhämmern, dah es zur unbedingten Gewohnheit würde, der die Augen folgen, ohne dah es den Menschen zum Bewußtsein kommt, dah sie einer Gewohnheit folgen. Erst links die Augen, dann rechts, wenn man über die Str atze geht. Viel Unglück könnte vermieden werden, wenn man diesem einfachen cyebot immer entspräche. Schon den Kleinsten mühte es beigebracht werden, dah sie nicht sorglos und unbekümmert um den Verkehr über die Strahe laufen dürfen, sondern dah sie sich e r st u m s e h e n müssen, ob ihnen nicht Gefahr droht. Sn der Zeit des rasenden Verkehrs ist es eben anders als einst. Da konnte man noch ziemlich unbedenklich feinen Gedanken nachhängen, wenn man über die Strahe schritt. 'Wer das heute tun würde, dürfte sehr bald „unter dem Schlitten" sein. Leider gibt es aber noch genug Leichtfertige, die entweder aus Gedankenlosigkeit oder auch mit dem gefährlichen Wort „Mir kann nix geschehn" ihr Leben aufs Spiel sehen.
Da kommt einer aus einem Laden heraus, wo er mit der Verkäuferin gescherzt hat. Vielleicht ist es seine Braut. Vielleicht auch nur eine Bekannte. Gleichgültig Er schmunzelt, und man sieht ihm unschwer an, dah er sich noch der Unterhaltung freut, die er eben geführt hat. Sorglos schreitet er über die Strahe. Plötzlich ertönt schrill und scharf der Ruf eines Autos. Der Führer hat seine liebe Rot, das in Gang befindliche Ungetüm ganz plötzlich zu langsamerer Gangart zu zwingen. Den Unachtsamen reiht es zusammen, er „nimmt die Deine über die Schulter", macht Sprünge wie ein Heuhupfer, und — Gott sei Dank! — er ist gerettet. Die Sache ging noch gut ab. Der Autoführer schimpft. Der Passant trachtet, in der Menge zu verschwinden. Es ist gut. dah es kein Schuhmann gesehen hat....
Dort hüpft ein Kind über den Fußweg. Es rennt einem Ball nach. Seht hat es sein Spielzeug wieder, freut sich darüber, wendet den wiedererlangten Besitz in den Händen hin und her und schreitet so selbstvergessen über die Strahe. Da kommt ein Fuhrwerk in rascher Gangart. Der Kutscher ruft, aber das Kind hört es nicht»denn in der Rähe knattert ein Motorrad. Sm letzten Augenblick, kaum einen Meter vor den Pferdeir, wird es die Gefahr gewahr, stückt einen ganz kurzen Moment und schnellt dann mit raschen Sprüngen vorüber. Auch hier haben die Zeugen des Vorfalls mit Herzklopfen den Dingen zugesehen, und ein Seufzer der Erleichterung kommt von ihren Lippen, als sie sehen, dah der Zwischenfall glimpflich abging.
Hier kommt ein anderer. Er hat eben die Post erhalten und kann den Augenblick nicht erwarten, wo er von dem Snhalt Kenntnis nehmen kann. Möglich, dah es ein gutes Geschäft für ihn bedeutet, vielleicht ist die Freude auch anderer Art. Doch nein, es scheint keine erfreuliche Rach- richt zu fein, denn jetzt schaut er mit ernstem Dlick vor sich nieder und firnit Aber er schreitet toeiter, geht vom Fußsteig herunter und, ohne sich umzusehen, über die Straße. Lautes Klingeln der Straßenbahn, die Achtsamkeit des Führers rettet ihn davor, dah er in den Wagen hineinläuft.
älrrd so ließen sich täglich viele, viele Begebenheiten ähnlicher Art feststellen. Der Polizeibericht und die Unfallchronik nennen nur jene Fälle, die weniger _ glücklich verliefen. Keiner liest von den ungezähl'en Vorfällen, bei denen die Menschen nur infolge eines glücklichen Um- standes dem Verhängnis entgingen. Und es gibt leider Unbelehrbare genug, die. kaum daß sie mit heiler Hau! davongekom.nen sind, schon wieder eine ^andere Unbedachtsamkeit begehen.
Sm Grunde sollte die Ermahnung ganz unnötig sein, denn so viel mühte sich jeder sagen, dah er bei dem raschen Verkehr unserer Zeit auf die Vorgänge der Strahe acht haben muh, um nicht in Gefahr zu geraten. Es hat doch jeder sein Leben und seine Gesundheit lieb. Also mühte er auch danach trachten, sie zu erhalten. Und eme der bedeutsamsten Voraussetzungen dafür ist die Befolgung der einfachen Verkehrsordnung: Erst links die Augen, dann rechts, wenn man über den Fahrweg schreitet. 8—r.
Die Ehescheidungen in Hessen.
Die Ehescheidungen haben sich im Deutschen Reiche seit öem Sabie 1913 mehr als verdoppelt. Es wurden Ehen geschieden in Deutschland in den Sahren: 1913. 17 835; 1919: 22 022; 1920: 36 542; 1921: 23 216; 1922: 36 587; 1923: 33 939; 1924. 35 936 und 1925: 35 451. Für das Sahr 1926 liegen noch keine Zahlen vor. Dabei ist zu bedenken. daß das Deutsche Reich vom Sahre 1913 ganz erheblich größer war als das von 1926. Auf je 100 000 Einwohner kamen in Deutschland an Ehescheidungen: 1913; 26,6; 1919: 33,0; 1920: 59,1; 1921: 62,9; 1922: 59.7; 1923: 55,0; 1924: 57.8; 1925 : 56,8. Die Häufung dieser Ehescheidungen dürfte zu einem guten Teil darauf zu- rückzuführen sein, dah während der Kriegszeit und in den ersten Rachkriegsjahren viele Ehen oft recht übereilt geschlossen worden sind. DaS geht auch aus dem Umstand hervor, dah von 100 geschiedenen Ehen im Sahre 1913 nur 22,7 eine Dauer von nur einem bis höchstens fünf Sahren aufzuweisen hatten, in den Jahren 1922 bis 1925 im Durchschnitt aber je 32,2.
Es kamen Ehescheidungen auf je 100 000 Einwohner im Freistaat Hessen: 1913: 15,9; 1922: 34,2; 1923: 29,9; 1924: 36,5 und 1925 : 30,0. Die Zahl der Ehescheidungen betrug in Hessen: 1922: 458; 1923: 403; 1924: 490 und 1925: 404. Wenn auch seit dem Sahre 1921, in welchem die Zahl der Ehescheidungen eine noch nie dagewesene Höhe erreichten, ein kleiner Rückgang zu verzeichnen ist, so dürfte es doch fraglich fein, ob die niedrige Zahl der Ehescheidungen des Sahres 1913 jemals wieder erreicht werden wird.
Bornotizen.
— Tageskalender f ü r Freitag. Palast-Lichtspiele: „Die luftige Witwe." — Astoria-Lichtspiele: „Das Todeslasso."
' Die Hindenburg-Subiläums- marken. Wie wir hören, wird mit der Ausgabe der angekündigten Hindenburg-Subiläums- marfen Mitte September begonnen werden, und zwar wird, nur eine beschränkte Auftage her gestellt, so dah es ratsam erscheint, sich rechtzeitig mit den gewünschten Markenwerten einzudecken. Die Marken werden zum doppelten Betrage des Rennwertes verkauft werden. Der überschiehende Betrag flieht restlos der Hindenburgspchide zu. Bei den Subilcnnnsmarken handelt es sich um vier Markenwerte, und zwar zu 8. 15, 25 und
50 Pfennig. Die Marken werden gegenwärtig in dec Reichsdruckerei heryestellt. Su ecr Reichsdruckerei wird gegenwärtig übrigens auch eifrig an der Herstellung der neuen 8-Pfennig» Briefmarle, zu der sich die Postverwaltung infolge der Porkoephöhung entschlossen hat, gearbeitet. Bisher sind mit den Marken nutz einige wenige Postämter beliefert Warden, es ist aber zu hoffen, dah schon in allernächster Zeit der Verkauf auch in allen anderen Postämtern des Reiches beginnen kann.
** Das hessische E v a n g. Landes- j u g e n b a m t veranstaltet vom 3. bis 7. Oktober in Darmstadt einen Lehrgang über Bibel- und Jugendarbeit für Pfarrer, Lehrer, Bereinsleiter und reifere Jugendliche Es sprechen Univ.-Professor O. Dr. Cordier (Gießen) über Jugend und Evangelium, ferner Pastor Engelke (Hamburg), Direktor des Rauhen Hauses; Fräulein M. Stehman n, Burckhardshaus, Berlin Dahlem. Prälat D. Dr. Diehl (Darmstadt), Oberkirchenrat Zentgraf (Mainz) und Pfarrer R u h l a n d (Beedenkirchen). Die Tagung findet in der Otto-Berndt-Halle statt.
" Seinen Verletzungen erlegen ist der in Den letzten Tagen im Steinbruch in Ranstadt bei Nidda durch das Herabstürzen von Gesteinsmassen schwer verunglückte 45jährige Arbeiter W. Luft aus Ranstadt. Man hatte ihn in die hiesige Klinik überführt, wo er bald nach seiner Einlieferung starb.
Reue Vorschriften über d i e Ausbildung und Prüfung der Waldwärter. Das Hessische Ministerium der Finanzen, Abteilung für Forst- und Kameralverwaltung hat neue Bestimmungen über die Ausbildung und Prüfung der Waldwärter erlassen. Wald- wärterbczirke können hiernach nur solchen Personen übertragen werden, die durch eine mehrjährige Beschäftigung im Walde ihre Geeignetheit für die Versetzung einer Waldwärterstelle dar getan und den Rachwcis der erforderlichen Kenntnisse durch das Bestehen einer Prüfung erbracht haben. Die Zulassung als Anwärter erfolgt durch Beschluß der oberen Forstbehörde nach Maßgabe des Bedarfs. Dem Gesuch um Zulassung sind ein selbstgeschriebener Lebenslaus und das Abgangszeugnis der zuletzt besuchten Schule beizufügen. Wer das 17. Lebensjahr noch nicht vollendet oder das 30. Lebensjahr Aurüdgelegt hat, kann nicht zugelassen werden. Bewerber, die vor der Zulassung im Walde gearbeitet haben, werden in erster Linie berücksichtigt. Rach erfolgter Zulassung hat der Anwärter sich durch Beschäftigung im Wald die Aur Versetzung einer Waldwärterstelle erforderlichen Kenntnisse anzueignen. Die Beschästigungs- bauer der Anwärter beträgt für Waldwärterbezirke mit weniger als 75 Hektar Wald mindestens zwei Sahre, für Bezirke mit mehr als 75 Hektar Wald je nach deren Größe, in der Regel drei bis fünf Sahre. Rach Ablauf der festgesetzten Deschästigunaszeit haben sich die Anwärter einer Prüfung (Waldwärterprülung) zu unterziehen. Rach bestandener Prüfung erfolgt die Annahme als Waldwärter auf Dienstvertrag nach Maßgabe erledigter Waldwärterstellen.
"Dien st st un den des Polizeiamts. Von zuständiger Seite wird uns geschrieben: Aus dienstlichen Gründen bleiben ab Mon tag, 2 2. d. M., die zu den einzelnen Revierbezirken gehörigen, seither für den Publikumsverkehr auch in der Zeit von 2.30 bis 5.30 Uhr offen gewesenen Reviermeldestellen bis auf weiteres für diese Zeit geschlossen. Die Reviermeldestellen sind des
halb ab Montag, 22. d. M., für den PublikumS- verkehr nur in der Zeit von 7 Uhr vormittags bis 12 Uhr mittags geöffnet.
Wer schenkt Kranken Bücher und illustrierte Zeitschriften? Gute Bücher schätzt man am meisten, wer durch Krankheit, schlechtes Wetter usw. an daS Zimmer oder gar an das Bett gefesselt ist. So sehnt sich auch die Mehrzahl der Patienten der Heil- und Pflegeanstalt, Gießen, Licher Str. 106. in beschästigungslosen ©tunten nach Lesestoff aller Art. Gute Lektüre erheitert die Rieder- gedrückten. beruhigt Erregte, lenkt sie ab und hilft fo vielen über trübe Stunden und lange Abende hinweg. Darum schenke man überflüssige Bücher, Zeitschriften (besonders illustrierte) ganze Sahrgänge, aber auch einzelne Hefte, der Anstalt. Die Spender erwerben sich damit den Dank der Kranken. Auf eine Postkarte mit genauer Adresse läßt die Direktion die Gaben gerne abholen.
** Verteuerung der Postscheckhefte. Der Preis für ein Poftschcckheft mit 50 Blättern beträgt nunmehr 80 Pf. Der Preis eines Ucberwei- fungsheftes mit 50 Blättern stellt sich auf 70 Pf. 100 Ersatzüberweilungen A und B kosten in Zukunft 80 Pf. Den sich in letzter Zeit mehrenden Klagen über mangelhafte Beschreibbarkeit der Formblätter soll durch besseres Papier nach Aufbrauchung der alten Bestände abgeholfen werden.
** Steuerfreiheit der Jubiläums- gaben. Jubiläumsgaben, die Arbeitgeber ihren Arbeitern nach vollendeter 25jähriger Dienstzeit zahlen, sind steuerfrei, wenn sie den Betrag von 300 Mark nicht überschreiten.
" QI m nächsten Sonntagnachmit- tag gesperrt. Dom Polizeiamt wird uns mitgeteilt: Wegen der am Sonntag, 21. August, auf dem hiesigen Universitäts-Sportplatz stattfintenden sportlichen Wettkämpfe dcS Bataillons wird der Teil der Straße „Am Kugelberg" vom Schühenhaus bis unterhalb des Universitäts-Sportplatzes für jeglichen Verkehr für die Zeit von 15.30 bis 17 Uhr gesperrt.
** Briefe an die Redaktion. Um unliebsame Verzögerungen zu vermeiden, bitten wir, alle für die Redaktion bestimmten Briefe nicht mit namentlicher Anschrift eines der Redakteure zu versehen, sondern allgemein „an die Redaktion" zu richten. Rur dann kann eine schnelle Erledigung gewährleistet werden.
Berliner Börse.
Berlin, 19. Aug. (WTB. Funkspruch.) Im heutigen Frühoerkehr liegen feine Anregungen vor, die die Tendenz beeinflussen könnten. Geschäfte sind überhaupt noch nicht getätigt worden. Der schwache Schluß der Frankfurter Abendbörse verstimmt allgemein und ruft große Lustlosigkeit und Zurückhaltung hervor. Kurse sind noch nicht zu hören. Am Devisenmarkt kommt London—Paris auf 124.02, Mailand 89,15, Madrid 28,72 und Kabel 4,8610.
Haarpflege im Kindesaltsr
Viele Brauen schädigen daS Haar ihrer Kinder, indem fie es mit fodahaliigen Seifen waschen. '.Wart richte sich deshalb nach folgendem Rat: Kiirzge- fchnitteneS Haar feuchte man mit Wasser an, streue eine Wenigkee LavmensalzlDtremLaimrem darauf, reibe biS zur Schaumbildung, spüle mit Was'er nach und trockne. Wiederholt man solche Mkischuagen, so wird das Haar wundervoll geschmewig, locker und frei von Krankheitsketmen. [6522A.
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