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Nr. 66 Zweites Blatt

Das Ergebnis von Genf.

Außenpolitische Umschau.

Don Professor Dr. Otto Ho eh sch, W. d. R.

AlS wichtigstes Ergebnis bet Genfer Bestäti­gung bezeichnet die AuslandSpresfe die Wieder­anknüpfung der Verhandlungen zwilchen Deutsch­land und Polen. Dabei fei nachdrücklich unter­strichen. baß eS sich da nur um Gespräche über daS DiederlassungSrecht und Deutschlands be­kannte Forderungen handelt. an die dann viel­leicht HandelSvertragsverhandlungen angeschlossen werden sollen. Wenn in der Auslandspreise Driand und Thamberlain so geflissentlich als .ehrliche Maller^ zwischen Deutschland und Polen bezeichnet werden, so soll das dieser Dcrhand- lung eine -Folie geben, die sie für unS nicht hat und nicht Haven darf, nämlich der Einord­nung der deutsch-polnischen Derständigung in die bekannten Ideen Englands gegen Rußland. Wir lehnen dies abl Für Deutschland dreht eS sich nur um die konkreten Ginzelsragen von Ver­trag-Verhandlungen mit Polen, bei denen unsicher ist, ob sie zu einem Abschluß führen können.

Mer diese Sache war ja gar keine Völker- bundSsache. Sie wurde daneben und hinter den Kulissen behandelt. Aus der Tagung selbst stand, ohne bah damit die Bedeutung deS oberschlesi­schen Konflikte- herabgemindert wird, die Saar­frage im Mittelpunkt, und innerhalb dieser Saarsrage wieder die jahrelang ohne Erfolg vom Saargebiet und Deutschland erhobene Beschwerde dagegen, doh gegen den Wortlaut deS Versailler Vertrage-, der (Teil IIl. Abschnitt 4, Anlage § 301) nur von einer örtlichen Gendarmerie zur Aufrechterhaltung der Ordnung spricht, eine französische MilitSrbesahung ge­halten worden ist. Der Kampf da- Siegen war nicht nur der Kampf gegen die kästen einer solchen Besatzung. Er richtete sich darüber hinaus gegen die darin zum Ausdruck kommenden Bestrebungen Frankreich-, den Cha­rakter des Saarprvblems, wie der Versailler Vertrag e- gefaßt hat, zu verdunkeln und mehr und mehr schon da- Saargebiet al- einen Teil Frankreich- erscheinen zu lassen, wo­für das französische Zollsystem und die fran­zösische Währung sowieso schon arbeiten sollen. Darin lag die große Bedeutung deS Kampfes um daS Saargebiet, wie er in Genf jeht aus­gefochten wurde. Darin liegt auch die Bedeu­tung des Kompromisses, zu dem sich schliehlich die deutsche Vertretung verstand. Darin ist die Kritik an der Haltung der deutschen Vertretung in Genf begründet.

Lange Jahre haben sich Saarbevölkerung und Deutschland ohne Erfolg auf das Recht des Der- trages berufen. 3m Marz 1925 hat der Völker­bundsrat beschlossen, daß die französischen Trup­pen abziehen mühten. Aber da waren Türen offen gelassen: e- fehlte ein Endtermin und man versuchte, die französische Wilitärbesatzung zur anderen Tür wieder hereinkommen zu lassen, indem man auf die 3bce kam, eS müsse ein be­sonderer Bahnfchutz hergestellt werden.

Die Regierungskommission hat im 3uni auf- tragge^SH Vorschläge für diesen Bahnfchutz vor- aelcgt. Dabei erhärte schon damals der Präsident, der Kanadier StephenS. einen solchen Schuh gar nicht mehr für nötig. Zur Erledigung kam die Sache weder im Juni noch bet der Versammlung im September, noch im Dezember. Aunmehr aber lag vor ein neuer Vorschlag der Aegierungs- kommission auf einen Bahnschuh von 800 Mann. DaS war der Vorschlag zu einem Kompromiß, das die sranzösischen Truppen nominell ganz beseitigt, aber gegen den Wortlaut des Vertrages eine militärische Formation unbestimmten Charakters noch aufrecht erhielt.

Dagegen ging Deutschland vor. Der Stand­punkt Strefemanns war jedoch, als die Erörte­rung vor den Völkerbund kam. in sich brüchig. Mit Recht unterstrich er, daß diese Frage nicht länger vertagt werden dürfe, daß fast die Hälfte der 15 Jahre BesahungSsrist im Saargebiet mit provi­sorischen Lösungen hingegangen seien. Er hielt grundsählich am deutschen Vertragsrecht fest. Aber er hielt zugleich nicht daran fest, indem er

Die Beethovenfeier des Gießener Uonzertvereins.

Mit der Beethovenfeier stieg die Reihe der künstlerischen Erfolge des Gießener Konzert- vereinS zu steilster Höhe an. War das Programm schon innerlich gesteigert durch seine Anordnung, so wurde es durch die Ausführung zum großen Erlebnis. DaS C o r i o l a n - Drama wurde in seiner innersten Erregung. Spannung und Tragik erschöpft, die Themen in ihrer Herbheit und im «esanglichen Gegensah charakteristisch herausge» eilt; der Schluß erklang wie ein Requiem für den Helden, voll Weihe und Schauer.

Des Violinkonzertes nahm sich Anton W i t e k an. Den älteren Generationen ist er kein Unbekannter mehr durch fein langes Wirken in Berlin an erster Stelle im Philharmonischen Orchester. 11 nb das. was ihm damals als Solist seine Erfolge sicherte und ihm stets neue Freunde und Verehrer gewann, sein eminentes geige­risches musikalische- Können, das hat sich 'im Lause der Jahre, wo er im andern Erdteil weilte, noch verstärkt. Wir haben unter den jetzigen Geigern eine Reihe sehr tüchtiger und leistungsfähiger Könner, aber wir haben nur sehr wenige, die imstande wären, wie Anton Witck das Violinkonzert so vollendet und durchgeistigt zu gestalten und zu meistern. 3hm wohnt die künstlerische Gewissenhaftigkeit der zurückliegenden Geigergeneration inne, und je mehr der Mensch heranreift, desto edler und abgehärtet erklingt das. was er leistet. Technisch ift Witek auf dem Boden erwachsen, auf dem auch das Konzert erstanden ist. und so vermag er dieses Werk in vollster Reinheit des Stiles zu erschöpfen. Die Derfiärt entschwebende Kantilene, das perlende Passagenspiel, -sein prickelnder Humor im Rondo, die Entfaltung seines Gestal- tungswillcns in den Kadenzen, die fesselnd auf­horchen liehen, well hier geigerisch etwas Außer­ordentliches gc'agt wurde; es war. als hielte er Zwiesprache mit seinem 3nftrument Dem be­gleitenden Frankfurter Symphonie- Orchester war in dem Konzert reichlich Ge­legenheit gegeben, fein Können zu zeig.m. Die Holzinstrumente insbesondere erllangen in seltener Weichheit und Schönheit. Vornehmlich im Lar­ghetto mischten sich das Klarinetten- und Fagott­solo in edelstem Verein mit der Solovioline.

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Mtt der ^-Dur-Symphonie ließ das Orchester seine bisherigen Leistungen weit hinter sich und erhob sich zu Höhepunkten, die schlecht­hin nicht zu überbieten waren. Der Orchcster- llang war gesättigt, abgerundet, im einzelnen dynamisch fein abgestuft, voll Zartheit im Ver­klingen. Das Krefcendo war voll innerer Span­nung und weitausladender Kratt und fand seinen Gipfelpunkt in dem ekstatischen Taumel des letzten Satzes. Da gab jeder das Letzte her, denn Dr. Stefan TemeSvarh zog alles in seinen Bann. Dieser Abend hat es restlos erwiesen, welche starken Fähigkeiten in ihm ruhen; wie er alles mitzureißen vermochte mit seinem Feuer der Begeisterung. daS war zu bewundern, und bei aller Hingerifsenheit war er sich immer wie­der der vielen Feinheiten bewußt, um sie zur Geltung, zum Erleben zu bringen. Hatte er schon der Ouvertüre eine persönliche Rote gegeben, dem Orchester im Violinkonzert seinen Anteil am Erfolg gesichert, die Symphonie l ihn in feinem Innersten erkennen. Da gab er sich ganz und bewies, welch großer, überragender Mo­mente er als Dirigent fähig ist.

Die Deethovenseier wurde so zu einem Beet- hovenfest. Mögen auch größere Orte umfang­reichere Veranstaltungen zu der 100. Wiedetk^t von Beethovens TodeStag unternehmen, an in­nerem Wert die Geßener Veranstaltung zu ü e « treffen, wird ihnen schwer gelingen. -in-

Hochfchulnachrichten.

3ut Wieberbcsctzung des Lehrstuhls der Pä­dagogik an bet Universität Frankfurt a. M. ist ein Ruf an ben orbenllichen Professor Dr. Theodor Litt an bet Universität Leipzig ergangen. Der ordentliche Professor der Me­dizin unb der Direktor der Medizinischen Kll- nik an der Universität Halle F. D o l h a r d hat einen Rus in gleicher Eigenschaft cm die Hni- versllät Frankfurt als Rachfolger des nach Berlin gehenden Prof Gustav v. Bergmann er­halten. Zwei neue Privardvzenten haben sich in der medizinischen Zakuliät der Universität Frankfurt a M. habilitiert: Dr. meb. Gustav liebel, Assistenzarzt an bet Klinik für or- thopäbische Chirurgie, für das Fach der Ortho­pädie mit einer Antrittsvorlesung über das ThemaDer Wert der Gymnastik für die Or­thopädie". unb Dr. Gustav Berberich,

Der Giehener Fememordprozetz.

Am kommenden Dienstag beaimrt, wie wir in unserer gestrigen AuSgabe schon kurz mel­deten. vor dem oberhessischen Schwurgericht in Gießen der Fememord-Prozeß gegen den Chauffeur Schwing unb den Leutnant a. D. von Salomon, beide auS Frankfurt a. M. sowie den früherenStahlhelm"-Redakteur Heinz, z. Z. in Magdeburg. Der Prozeß wird den Gerichtshof voraussichtlich eine ganze Woche beschäftigen. Gs sind etwa 80 Zeugen unb zwei Sachverständige geladen.

Heber bie Vorgeschichte der Tat, bie hier zur Aburteilung steht, unb diese selbst ist auS ben seinerzeitigen ausführlichen Zeitungsberich­ten folgende- m Erinnerung: Der Oberleutnant a. D. Wagner aus Raumburg. gegen ben bie unter Anllage stehende Tat unternommen wurde, war zu Anfang 1922 in die Befreiung deS in Raumburg in Strafhaft befindlichen Ober­leutnants a. D. Di11mar verwickelt. Wagner hatte damals ben Kraftwagen gelenkt, mit dem Dittmar auS dem Gefängnis entkam. In der gleichen Afsaire war auch der Oberleutnant zur öee Erwin Kern führend tätig; letzterer wurde bekanntlich al- Mtttäter bei der Ermordung bes früheren Außenministers Rathenau verfolgt und von Kriminalbeamten auf der Burg Saaleck er­schossen, alS er sich mit der Waffe in der Hand feiner Verhaftung widersetzte. Sein Genosse Fischer verübte damals Selbstmord. Wag­ner eilte nach der Befreiung Dittmars. von der Polizei verfolgt, unstet von Stadt zu Stadt und kam dabei auch nach Frankfurt a. M.. wo er. ohne Beschäftigung zu finden, in eine sehr miß­liche Vermögenslage geriet. Von hier aus suchte er sich, um sich über Wasser zu halten, bei feinen Gesinnungsfreunden Geldmittel zu ver­schaffen; diese Meßen aber bald aus. Er soll dann in dringender Weise, die von der Gegen­seite als Drohung aufgefaßt wurde, um weitere Mittel ersucht haben, da er sonst der Polizei in die Hände fiele. Sein Vorgehen wurde von Kern und Genossen als Drohung mit Verrat angesehen. Wagner sollte deshalb unschädlich gemacht werden. Kern warb zunächst von Salo­mon als Helfer zur Ausführung der Tat. Auf der anderen Seite soll auch der jetzige Ange- klagte Heinz daran interessiert gewesen sein, in gleicher Richtung gegen Wagner vorzugehen; Heinz soll sich zur Erreichung seines Zieles an Schwing, der als Chauffeur in Rauheim tätig war, gewandt und ihn zur Teilnahme an dem Unternehmen angestiftet haben. Rach einem kurzen Zwischenspiel in

Frankfurt a. M., wo v. Salomon:. Kem und Heinz mit Wagner zusammentrafen. fuhren Kem und v. Salomon am 4. März 1922 einem SamStag mit Wagner nach Bad-Rauheim, um sich hier, wie sie dem Wagner vorspiegelten, zu .amüsieren". Heinz blieb In Frankfurt a. M. zurück, v. Salomon suchte zunächst den Ange­klagten Schwing auf unb soll mit diesem vor­bereitende Besprechungen gepflogen haben. Rach der Kneiperei in Bad-Rauheim haben sich dann Kem, Salomon unb Schwing mit Wagner in später Rachtstunde durch ben Rauheimer Kurpark an den Teich begeben, an einer entlegenen Stelle sollen Kem, v. Salomon und Schwing über Wagner hergefallen sein in der Absicht, ihn zu töten. Sie schlugen Wagner zunächst zu Boden und warfen ihn bann zu britt in den Teich nachdem sie ihn mit einem schweren Stein be­schwert hatten. Auch würbe noch mehrmals auf Wagner geschossen. Die Täler hätten sich hieraus entfernt. Wagner gelang eS jedoch, sich aus dem Wasser herauSzuarbeiten und zum Wasserwerk zu schleppen, von wo er in das Rauheimer Krankenhaus verbracht wurde. Während Schwing sich wieder in feine Dienststellung zurückbegab, verschwanden Kem und v. Salomon noch in der­selben Rächt schnell aus Bad-Rauheim. Einige Tage später hat sich Wagner ebenfalls unauf­fällig auS Bad-Rauheim entfernt, da er wegen feiner Teilnahme an der Dittmar-Defreiung Ent­deckung fürchtete. Wagner wurde bann befannt- lich erst lange Zeit später toieber ermittelt, während v. Salomon wegen Beihilfe bei der Rathenau-Mordsache noch im Jahre 1922 zu einer längeren Zuchthausstrafe verurteilt wurde, die er gegenwärtig verbüßt. Schwing unb v. Salomon find des Mordversuchs an Wagner. Heinz der Anstiftung und der Beihilfe hiezu angellagt. Der kommende Prozeß dürfte wohl Klarheit in die bunfle Sache bringen unb auch ein Licht werfen auf bie Beziehungen der Tat unb der Täter zu ben damaligen Verbänden, namentlich ben Geheimbund .Organisation Consul".

Der Gerichtsverhandlung sieht man nicht nur in unserer Stabt, fonbern auch im Reiche mit großer Spannung entgegen. Auch hohe aus­wärtige Behörden sind an dem Verlauf de- Prozesses stark intereffiert. So werben, dem Vemehmen nach. u. a. ber Österreichs an- walt in Leipzig unb ber Polizeipräsi­dent in Berlin Vertreter zu ber Verhandlung entsenden, ferner werden bie örtlichen Polizei- behörben durch Beamte vertreten sein.

seinerseits ein Kompromiß vorschlug: be­stimmte Termine für ben Abzug bet französischen Truppen. Besatzung in einem vernünftigen Maße (etwa einige hundert Mann), Internationaler Cha­rakter deS Bahnschutzes, Verwendung nur in außerordentlichen Fällen.

Von diesen vier Punkten wurden angenom­men der Endtermin (die französischen Truppen ziehen in spätestens drei Monaten ab) unb die Unterstellung de- DahnfchutzeS unter bie Re­gierungskommission. sowie ihre Verwendung nur im Rotfalle. Die Kopfzahl aber von 800 Mann, auf die man abkam. geht über ben deutschen Wunsch stinaus, toenn auch die RegkrungSkvin- mission eine weitere Verminderung anregen kann. Und waS bie Hauptsache ist, bk Internatio­nale Zusammensetzung deS Bahnschutzes ist nicht durchgesetzt werden. So ist eben tatsächlich da- Er­gebnis. daß zwar formell bie französische Militär- befutjung abzieht, aber auf der anderen Seite in Gestalt eines nominell Internationalen, tatsäch­lich aber französischen Dahnschutzes wieder hereinkommt. Wer da weiß, was eine solche Eisenbahnformation für bas Rheinland be­deutet, wer daran öpnft. baß in ber französischen Erörterung über bie Rheinlandräumung bereits von etwas ähnlichem wie von Bahnschuh im zu räumenden Rheinland gesprochen wirb, ber emp­findet mit Recht dieses Kompromiß als einen bedenklichen Präzedenzfall.

Wir verkennen nicht, baß xum ersten Male bk Saarfrage vor dem Forum des Völkerbundes nachdrücklich und so autoritativ wie möglich von Deutschland vertreten worden ist. DaS hat seine Wirkung in bie Welt hinaus, unb eS ist so ber Charakter ber Saarfrage als eines europäischen und nicht französischen Problems ganz Har herauS- gearbeitet worden. Aber gerade bann durfte vom Recht. daS ber Versailler Vertrag auSspricht, von Deutschlanb nicht abgegangen werben. DaS ist doch bie einzig wirkliche Waffe, die daS machtlose Deutschland gegenüber ben Siegern hat. das Recht deS Versailler 'Vertrages. Läßt Deutschland in dieser Frage mit sich handeln, so wird die andere Seite mtt Recht annehmen. daß Deutschland überhaupt in bezug auf das Recht mtt sich handeln lasse, wirb Frankreich in seinem für uns unmöglichen Standpunkt bestärkt, sich die Anerkennung deS von iym verletzten Der« tragsrechteS immer wieder durch ein neues deut­sches Zugeständnis abkaufen zu lassen. Das empfindet die Saarbevölkerung unb bie deutsche öffentliche Meinung im ganzen! Darum wirb an ber Haltung ber Delegation unb dem unbefriedi­genden Ergebnis kritisiert.

Stand aber Dr. Stresemann auf dem Stand­punkt. daß bie Auseinandersetzung Deutschland Frankreich, bah bie ganze große Frage im Hinter- grunb ber Genfer Bestrebungen ein Versteifen Deutschlands auf dem Rechtsstandpunkt nicht ge-

Assistenzarzt an der Klinik für Ohrenheilkunde, für das Fach ber Ohrenheilkunde und Rhinologie mit einer Antrittsvorlesung über:Cholestinstofs- wechsel und Gehörorgan." Der Professor für Anthropologie unb Geschichte ber Medizin an der Universität Frankfurt a. M. Dr. med. et Phil. Richard R. Wegner ist vom Kultus­minister für die Durchführung der Expedition der Frankfurter Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte nach Bolivien zu­nächst bi- 1. März 1928 ab beurlaubt worben. Professor Dr. Hans Mayer in Wien Hot ben Ruf auf ben Lehrstuhl ber wirt­schaftlichen Staat-Wissenschaften an ber Univer­sität Frankfurt a. M. als Rachfolger bes Geheimen Rats 2ll Voigt abgelehnt. Rektor unb Senat ber Technischen Hochschule Darm­stadt haben auf einstimmigen Antrag ber Ab- teilung für Chemie Geheimen Regierungsrat Professor a.D. Dr. phil., Dr. jur. h. c. Richarb Anschütz in Darmstadt in Anerkennung seiner erfolgreichen Tätigkeit als akademischer Lehrer und Forscher, zugleich in besonderer Würdigung seiner Verdienste um bie Geschichte der Chemie bk Würde eines Dr. ing. h. c. verliehen. Dem Geheimen Daurat Prosessor O. 2 e r n b t an ber Technischen Hochschule Darmstadt wurde die Würde des Dr. h. c. von ber Tech- nischen Hochschule in Karlsruhe verliehen. Der ordentliche Professor für römisches unb deutsches bürgerliches Recht, sowie Rechtsphilo- sophie. Geh. Iustizrat Dr. Alfred 21 an ig l in Breslau hat einen Rus an die llnivc^sität Marburg erhalten. Der ordentliche Pro- fessor und Direktor ber mebizinischen Klinik in Würzburg. Dr. Erich Gräfe hat einen Ruf an die Medizinische Akademie in Düs­seldorf als Nachfolger des Gey. Mebizinal- rats QL Hoffmann erhallen. Der durch die Berufung deS Professors Jos. Bürgers nach Königsberg an ber Medizinischen Akademie in Düsseldorf erledigte Lehrstuhl ber Hygiene ift dem Mitglied des Reichsgesundheitsamtes. Oberregieiungärat Professor Dr. med. Paul Manteuffel angeboten worden. Der Lehr­stuhl für mittelalterliche unb neuere Geschichte an ber Universität Köln ift dem ordentlichen Professor Dr. phill et jur. Gerhard Kallen an ber llnioersität Münster angeboten worden. Zunr ordentlichen Professor der Zoologie und vergleichenden Anatomie, sowie zum Direktor deS zoologischen Institut- an der Universität

oamstag, I*). lliarz 1927

statte, in einer Frage, die diesen großen Pro­blemen gegenüber allerdings als Frage zweiten Range- erscheint, stand er auf dem Standpunkt, ben er ja auch eingehallen bat. bah darum Deutschland stchnicht überstimmen lassen dürste, sondern lieber ein Kompromiß schließen müsse, bann war auch seine Taktik nicht erfolg­reich. Dann bürste bie Frage eben nicht zum Gegenstand einer großen Debatte zwischen Brianb und Stresemann gemacht werben, bei der von Anfang feftftanb. daß sie mit einer Riederlage Deutschland- enden mußte

Der unbehagliche Eindruck über dies Ergebni- tourbe aber noch stärker dadurch, haft eben in jenen großen Fragen für Deutschland noch gar nichts herauskam. Die Rheinlanbräumung im großen ist überhaupt nicht erörtert worben, geschweige vorwärtsgekommen Wo aber find die versprochenen Leistungen Frankreich- an­der früheren Zeit? Die Herabsetzung der Be­satzungsziffern in der zweiten und dritten Zone des RheinlanbeS? Die Reuordnung und Revision ber Ordonnanzen? So ist nicht zu verwundern, baß in Deutschland dieses Ergebnis ber Bölker- bunbstagung als dürftig empfunden wirb

Beamte, Staat,Wirtschaft.

21an schreibt uns:

Der Kampf gegen ein eingewurzeltes Vor­urteil ift so schwer wie der gegen die neun­köpfige Hydra.Die zu hohen Beamtenaehälter". bie Mebcrlaftung des Steuerzahlers durch bie übertriebenen Staatsausgaben für bie "Beamten» befolbung", so oder ähnlich Hingt es. teil- leise, teil- offen, an den Stammtischen, in Versamm­lungen, ja sogar gelegentlich auS dem Munde eines Abgeordneten in den Parlamenten. Die wiederholten Hinweise auf die völlige Halt­losigkeit ber in diesen Schlagworten zum Aus­druck gebrachten Ansicht haben bisher leider nur wenig gefruchtet. Den Kampf gegen da- verderbliche und zwietrachtsäende Vorurteil führt nun noch einmal auf ganzer Front eine um die Jahreswende im Schrittenverlag deS deutschen Philologenverbandes Berlin unter dem Titel Beamte Staat Wirtschaft" erschienene Broschüre. Auf 32 inhaltsschweren Seiten ift in rücksichtsloser Offenheit und mit klarem Zah­lenmaterial ber wahre Sachverhalt der Beamten» befolbung bargelegt. Der Staat ist alleS andere als freigebig In ber Vergütung für bie Dienst­leistungen feinetBeamten; er betreibt im Gegen­teil eine unsoziale Ausbeutungspolitik. Denn waS ist eS anders als Ausbeutung, wenn die Gesamtbezüge eines verheirateten Beamten ber Gruppe li einschließlich Kinderzulage bie Be­züge eine- Erwerbslosen mit gleichem Famillcn- ftanb nur um 20 Pf. täglich übersteigen, der Staat also bie aufopferungsvolle Dienstleistung eines Menschen am Maßstab ber Besoldung ge­messen sozusagen überhaupt nicht wertet? Wie sehr ber Realgehall aller Gruppen der Staats­beamten gegenüber 1914 zurückgegangen ist. zeigt eine lehrreiche Tabelle. laut ber nach Abzug ber bezahlten Steuern ber Beamte bet Gruppe II heute nur 89 Prozent, ber Gruppe V 75 Pro- zent unb bet Gruppe X (akad. Beamten) gar nur 65 Prozent seines FriedenSgehaltes be­zieht. So sehen die hohen Deamtenbezüge in Wirklichkeit auS.' Die Folae dieser Entwick- luna ist eine offenkundige unb zunehmende Ver­schuldung. bk sich nicht etwa auf bie unteren Beamtenaruppen beschränkt, sondern bis weit in die Kreise bet höheren Beamtenschaft hinein­greift Die unteren Beamten hält der Staat geradezu unter dem Existenzminimum; die oberen erreichen bei weitem nicht daS kulturelle Cxi- ftenyninimum, das der Staat ihnen gewähren müßte, weil es erst die Möglichkeit zu einer wirklich vollwertigen Berufsleistung des höheren Beamten gibt. Reben bet drohenden wirtschaft­lichen Verkümmerung erhebt sich infolge dieser Zustände bie schwere Gefahr für die moralische Zerrüttung.

Die Echlußbetrachtungen der Broschüre beschäf­tigen sich mit der Einstellung der Kreise dec Wirtschaft zu der Frage der Staatsbeamten- bcfolbung. Sie stellen mit Bedauern fest, daß

Münster i. W. ist der a. o. Professor Dr. jur. et Phil. Leopold von Abi sch von der Unwetfität Würzburg in Aussicht genommen. Der Vizepräsident des Provinzialfchulkolle- grumS in Koblenz. Dr. Ma? Siebourg tst zum Honorarprofessor in ber philosophischen Fakultät der Universität Bonn ernenn: mor­den. Der ordentliche Professor der Religivns- wifknschasten in ber Kullurwissenschaftllchen Ab- teilung ber Technischen Hochschule zu Dres- b e n , v. Dr. Paul Tillich ist zum orbenllichen Honorarprofessor für Religionsphilosoph.c unb Kulturphilosophie in ber theologischen Fakultät ber Universität Leipzig ernannt worben.

Leute, die nichts lesen wollen.

Daß gerabe bie größten Bücherschreiber zu­gleich die größten Bucherseinde sein können, hat eine Anzahl berühmter Schriftsteller bewiesen, was Eainte-Beuve durch bie Bemerkung zu er­klären sucht: .Sobald die groben Schriftsteller zu Ruhm gelangt sind, lesen sie nur noch sich selbst und nichts anderes als sich selbst." Tatsächlich aber lesen sie häufig auch nicht einmal sich selbst, indem eS vorkommt, baß sie alles andere eher unb lieber als gerade Bücher um sich dulben. Schon bet beredteste Schriftsteller des 18. Jahr­hunderts. Jean IacqueS Rousseau, hat in feinem berühmten Buche über bie Erziehung ben bent- wutbigen Ausspruch getan: .Ich hasse die Bücher weil fie unS nut lehren, von dem zu reden, was wrr nicht verstehen." Eine geradezu unübertoinb- h$e Abneigung gegen alles. WaS .Buch" heißt,

*on't f° vielseitige Chateaubriand, ber gleich darüber war, baß es in seiner Pariser Wohnung keinen Raum unb keinen Platz für eine Bibliothek in seinen AugenMotten- so'^ger' -- gab, weshalb er sich genötigt sah. im Bebarfsfalle sich ber allgemeinen Büchersamm- nxngen zu bedienen, um etwas nachzuschlagen. Sagt man doch, daß er nicht einmal eine vvtt- cu Ausgabe seiner eigenen Werke besessen habe. Richt viel anders machte es Lamartine, der ein so ausgesprochener Feind des Lesens war, bah er selber zugab, er habe überhaupt nicht vor feinem 50. Jahre begonnen, sich mit Lektüre zu beschäftigen. Auch Viktor Hugo sott so wenig gelesen haben, bah von ihm behauptet wirb, er SKibe nicht ein einzige- Büch fein eigen genannt.