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men worden, in der von der sozialdemokrati- scheu RcichstagSfraktion gefordert Wirb, daß sie unter allen Umständen der Bildung einer Re­gierung. der Reichswehrminister Gehler an- gehört, den schärfsten Widerstand ent- gegenseht.

Keine Fortschritte.

Dr. Marx verhandelt mitTcutschnationalcv und bayrischer Bottspartci.

B er IIn, 18. 3an. (IDIB.) 3n Fortführung der gestrigen Verhandlungen über die Bildung einer Regierung dec Mille empfing Reichekanzler Dr. Macx am heutigen vormittag zunächst den Führer der Deutschnationalen volkeparkei. Gras Westarp, zu einer eingehenden Aussprache. DieBefprechung dauerte circa eine Stunde. Dr. Marx suchie sestzu- slellen. ob die Deutschnalionalen ein Kabinett der Mille tolerieren könnten. Graf Westarp lieh keinen Zweifel daran, dah dies nicht der Fall fein würde, heule nachmittag hatte der Reichskanzler Dr. Marx dann eine Besprechung mit dem Führer der Bayerischen Volkspartei. Dr. Leicht, in der es sich darum handelle. die Vorausfehungen zu klaren, unter denen die Unter st ühung eines Kabi­netts der Mitte durch die Sozialdemo- traten möglich wäre. 3n demselben Rahmen wird sich die Besprechung des Reichskanzlers Dr. Marx mit dem Führer der wirtschaftlichen Vereinigung. Drewitz, bewegen, die jedoch voraussichtlich erst morgen vormittag stattfinden wird. Reichskanzler Dr. Marx tv.rb sich durch den 2ldg. Müller-Franken über die Absichten der Sozialdemokraten berichten lasfcn. Man erwartet, dah der Reichskanz­ler dann noch eine Besprechung mit dem Abg. Dr. Scholz als Vertreter der Deutschen Volkspartei haben wird. Jedenfalls ist auch für heute noch kein wesentlicher Fortschritt in der lleberwln- dung der Regierungskrise zu erwarten.

DieKölnische Zeitung" tritt nach wie vor für eine Mehrhcitsregierung durch Zusammen­fassung der Mitte und der Rechten ein. Rach derKöln. 3tg.w habe gestern Graf Westarp die Beteiligung der tDeutfd)nationalen an einer Re­gierung der Mitte, in der Männer ihres Vertrauens sähen, noch nicht adgelchnt. In der Pressepolemik KochDr. Gehler tritt dieKöln. Ztg." ganz auf die Seite des von Links bekämpften Reichswehr- Ministers, der als einer der verdiente st en Männer des neuen Staates allen partel« fuchtigen Anfeindungen zum Trotz auf feinem Poften bleiben müsse.

(Eine Rede Stresemanns.

Sicichsgriindungsfeier der Deutschen Botkspartei.

Berlin. 19. 3an. (WTB.) Der Reichs klub der Deutschen Dolkspartei veranstaltete Dienstag­abend im Qltarmcrfaale des Zoo seine dies­jährige Reichsgründungsfeier, zu der zahlreiche Parlamentarier und Parteifreunde aus Berlin und auch aus dem Reiche erschienen waren. Die Festrede hielt ReichSauhenminister Dr. ©trete- mann. Laut .Tägl. Rundschau" sagte der Redner, die Rationalliberale Partei sei die Par­tei der Reichsgründung gewesen. Die Deutsche Dolkspartei habe sich die Reichserhaltung zum Ziele gesetzt unter der Devise: ^Ratio­nal-liberal-sozial. daS Vaterland über die Partei". Partei darf nicht selbstisch fein. Die Deutsche Volkspartei sei nicht nur Erbin, sondern die Fortsetzung dieser Rationalliberalen Partei, die am 27. Februar in Hannover ihr sechzigjähriges Bestehen begehen werde. Ratio­nal und liberal, eines und das andere und eincö nicht ohne bas andere. »Wer nicht liberal ist, gehört nicht zu uns". (Stürmischer Beifall.) Das Rationale werde sich durchsetzen, je weniger eS mit dem Gedanken des Reaktio­nären verbunden ist. Hindenburg sei ein hohes Vorbild der Verbindung vom alten um neuen Staate. Rational sein heiße nicht sich an Phrasen berau'chen, sondern nüchterne Tagesarbeit leisten. An die Parteien rich­tete Dr. Stresemann die Mahnung:Hände weg von der deutschen Reichswehr!" Die Reichswehr wird um so volkstümlicher sein, je mehr sie alle Teile des Volkes umfaßt. Wir wollen keine rechte und keine linke, sondern eine deutsche Reichswehr. (Stürmischer Bei­fall.) Der Minister widmete sodann dem A u s - landdeutschtum anerkennend« Worte für seine zähe Aufbauarbeit und die von ihm ge­leisteten Dienste am Deutschtum.

Der Barmatprozeh.

Berlin, 18. Jan. (TU.) Zu Beginn der heu­tigen Verhandlung im Barmatprozeß wurde vom Äericht beschlossen, einen weiteren Sachverständi­gen für das Bankwesen zu dem Prozeß hinzuzu­ziehen. Es wurde dann in der Erörterung über die Entwicklung der einzelnen Barmat­kredite fortgesahren, die nach den gestrigen Fest­stellungen auf Grund eines Abkommens, das Bar­mat mit der Staatsbank schloß, bis auf 7 Mil- lionen am 15. April angewachsen waren. Der Angeklagte Hellwig erklärte bei seiner Vernehmung, keinerlei Kenntnis von einem Beschluß er­halten zu haben, nach dem die Darmatkredite nicht mehr erhöht, sondern verringert werden sollten. Auf die Frage des Vorsitzenden, wie das möglich ge­wesen fein konnte, erwiderte der Angeklagte, er könne sich da- nur so erklären, daß ein solcher Be­schluß überhaupt nicht gefaßt worden lei. Von einem Sachverständigen wird darauf hin- gewiefen, daß die Bezeichnung der Konten mehrfach gewechselt habe und alles durch- einandcrgeaangen sei. Weiter wird festgestllt, daß auf ein Kreditkonto in Höhe von einer halben Mil­lion Mark eine Million Mark abgezogen wor­den seien. Der Angellagte Klenske erklärt die Uebcrfullung des Kontos damit, daß er von Hell- wig eine halbe Million Mark zuviel bekommen habe und sie vielleicht mit dem Konto Rühe verbunden habe, von dem er nochmals eine halbe Million Mark erhalten habe. Von einer Detrugsabficht könne dabei keine Rede sein. Angeklagter Hellwig betont, daß das überzogene Konto durch Effekten gedeckt wo.den sei. 3m weiteren Verlauf der Verhäng lungen wird dann das Abkommen vorn 5. Sep- temver 1924 erörtert, nach dem Barmat zusammen 8,1 Millionen Rentenmark bis 15. September 1924 weiterbelaffen werden sollten. Auch über die- sen Termin hinaus sollten die Kredite evtl, verlän­gert werden. Auch der Sonderkredit der Merkur- Bank von 260 000 Mark sei damals erörtert war- bcn. Ein weiterer Kredit von einer Millian, um den Henri Barmat nachgesucht haben soll, was dieser jedoch bestreitet, sei a b g e l e h n k worden.

Darauf wird die Verhandlung auf Donnerstag ver- tagt

Die Gestattung der Miete.

Berlin, 19. Ian. (WTB. Funkspruch.) Die Frage einer Mietserhöhung am 1.April d. I. wird nach einer Korresponbenzmeldung erst entschieden werden, wenn das letzte Ergebnis der Hauszins st euer bekannt ist. Außer­dem soll die Mietsestsetzung in Preußen und den anderen Ländern erst nach Vereinbarung mit dem Reich erfolgen .

Kunst und Wissenschaft.

(tzch. Rat Ltto Wiener

Leipzig, 18. Ian. (wolsf.) Der o. Professor für Phxsik und Direktor des Physikalischen Instituts der Universität Leipzig, Geh. Hofrat Dr. phil. rer. nat, Dr. med. b. c. Otto Wiener ist heute nach kurzer Krankheit im Alter von 65 Jahren ge­worben.

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Otto Heinrich Wiener, geboren am 15. Iuni 1862 zu Karlsruhe, studierte in Karlsruhe, Straßburg und Berlin, wurde nach Beendigung seiner Ausbildungszeit im Iahre 1887 zu Straß­burg im Elsaß zum Dr. phil. promoviert und lieh sich im Jahre 1890 als Privatdozent dort nie­der. Im folgenden Iahre ging er in gleicher Eigenschaft an die Technische Hochschule in Aachen und wurde daselbst im Iahre 1894 au­ßerordentlicher Professor: 1895 erhielt der Ver­storbene das Ordinariat an der Unfoerfität Gie­ßen, wv er das neue Physikalische Institut im Laufe seiner Tätigkeit wesentlich ausbaute und erweiterte. Die medizinische Fakultät der Ludo- viciana hat ihn späterhin in Anerkennung feiner hohen wissenschaftlichen Verdienste zum Ehren­doktor promoviert. Im Iahre 1899 folgte Wie­ner, übrigens ein Bruder des Darmstadter Ma­thematikers, einem Rufe nach Leipzig, wo er bis zu seinem Tode gewirkt hat.

Wiener ist schnell berühmt geworden durch eine seiner ersten Veröffentlichungen, die die Grundlage für die später von Lippmann erfunde­nen farbigen Photographien bildet. Bedeutsam ist fernerhin seineDarstellung gekrümmter Licht­strahlen (1893), wie sich Wiener überhaupt im wesentlichen mit sehr interessanten, optischen Pro­blemen beschäftigt hat. Don den späteren Ar­beiten des Verstorbenen sind vor allem von hohem wissenschaftlichen Rang zwei in den Be­richten der Sächsischen Akademie der Wissen­schaften veröffentlichte Werke: über dieTheorie des Mischkörpers für das Feld der stationären Strömung" (1912) und überDas Grundgesetz der Ratur und die Erhaltung der absoluten Ge­schwindigkeiten im Aether" (1921). Während des Krieges entstand ein im Iahre 1920 veröffent­lichtes Werk überFliegerkraftlehre". Wer als Rachfolger Wieners auf den überraschend ver­waisten Leipziger Lehrstuhl in Frage kommt, ist natürlich im Augenblick kaum zu entscheiden.

Professor Eerings 70. Geburtstag.

Dem Vertreter der Wirtschaftswissenschaft an der Universität Berlin, Geheimrat Trof. Dr. Gering, sind anläßlich semes 70. Geburtstages von Mitgliedern der Reichsregierung Glück­wunschschreiben zugegangen. Reichskanzler Dr. Marx schreibt u. a.: Wit weiten Kreisen der Wissenschaft und Wirtschaft empfinde ich den Stolz, heute einen Mann zu feiern, dessen wissen­schaftlichen Erkenntnisse von so großer praktischer Bedeutung für die Stärkung der deut­schen Dolkskraft geworden sind, und dessen vielfach bewährter Mitarbeit wir auch in Zukunft dringend bedürfen. Dr. BraunS dankt als Leiter des Ministeriums, das sich mit den Fra­ge.i les SledelungS wesens zu le'a fen hat. Geheimrat Gering als den stärkten wissenschaft­lichen Vorkämpfer und Förderer dieses Gedankens. In dem Schreiben Dr. H a s l i n d e s heißt es u. a.: In den letzten Iahren durften Sie es erleben, daß Reichsregierung, Aeichsrat und Reichstag und mit Ihnen das gesamte deutsche Volk Ihren Lehren folgend, eine neue große, hoffentlich segensreiche Siedlungsaktion eingeleitet haben. In der Deutschen Gesellschaft von 1914 fand eine Feier statt, die von dem Iubilar nahe­stehenden Kreisen, Korporationen sowie von seinen ehemaligen und jetzigen Schülern veranstaltet war. Hierbei überbrachte als erster der Staats­sekretär des ReichsarbeitsministeriumS Dr. G e i b Glückwünsche des Reichspräsidenten und der Reichsregierung sowie des Deut­schen Forschungsinstitutes für Agrar- und Sied­lungswesen.

Akademische Ehrung in Darmstadt.

Rektor und Senat der Technischen Hochschule Darmstadt haben auf einstimmigen Antrag der Abteilung für Maschinenbau den Generaldirek­tor Paul Thomas in Düsseldorf in Anerken­nung seiner Verdienste um die Entwicklung der Preß- und Walzwerke in Reishols und des Ober-Biller Stahlwerkes und ihrer Arbeitsver­fahren die Würde eines Dr. ing. e. h. verliehen.

Aus aller Welt.

Kaiserin Charlotte von Mexiko f.

Brüssel, 19. Jan. (WTB. Funkspruch.) Kai­serin Charlotte, die Witwe des Kaisers Maximilian von Mexiko ist gestorben. Der Zustand der 87jähri- gen Kaiserin war hoffnungslos, nachdem gestern noch eine Lungenentzündung hinzugetreten war. Die Kaiserin erhielt am Vormittag die Sterbesakra­mente. Am Sterbebett weilte seit drei Uhr nach- mittags der König Albert von Belgien, der Neffe der Kaiserin. Die Königin befindet sich auf der Rückreise von Paris.

75. Geburtstag Bürgermeister Douandts.

Der Präiu)eni des Senats der Fre.en und Hansestadt Bremen, Bürgermeister Dr. Dv- nandt. konnte seinen 75. Geburtstag feiern. Reichsminister des Innern Dr. Külz übersandte ihm folgendes GlückwunschtelegrammeZu Ihrem 75. Geburtstage übermittle ich Eurer Magnifizenz die herzlichsten Glückwünsche. Möge eS Ihnen vergönnt fein, noch viele Iahre zum Wohle der stolzen Hansestadt und damit ganz Deutschlands zu wirken."

60-Jahrseier der Lokomotivsührer'Gewertschaft.

Die Gewerkschaft der Lokomotivführer, die älteste Beamtenorganisation des Reiche«, feierte heute im ehemaligen Herren­haus die aus den 1. Ianuar 192k fallende Wieder­kehr des GründungstageS vor 60 Iahren. Unter den Anwesenden befanden sich u. a. Reichstags- Präsident Löbe. Vertreter der ReichSbahnhaupt-

verwaUung, des Reicyswirlichaftörats um) zayt» reicher befreundeter Fachorganisationen. Rach der Begrüßungsansprache des Vorsitzenden über­brachte Lobe die Glückwünsche des Reichstags und hob unter Hinweis auf die anwesenden österreichischen Vertreter hervor, dah die Loko­motivführer. wie bereits vor 60 Iahren, Pio­niere für die deutsche Einheit in einer groß- deutschen Republik feien. Darauf sprach der stell­vertretende Direktor der Reichsbahngesellschaft.

Die Grippe in Preußen.

Gegenüber Pressemeldungen über ein gehaustes Auftreten der Grippe in Preußen wird von amtlicher preußischer Seite festgestellt, daß dies nicht zutrifft. Die Provinzialregierungen in Köln, Koblenz, Trier und Wiesbaden, deren Bezirke in erster Linie durch die in Frankreich herrschende Epidemie bedroht find, stellen fest, daß zwar die Zahl der grippeähnlichen Erkrankungen in verschiedenen Bezirken zugenommen hat, daß aber von einem bedrohlichen Auftreten, insbesondere einer Häufung von Todesfällen nicht die Rede sein kann.

Abflauen der Grippe in der Schweiz und in Baden.

Aus den an Baden angrenzenden Gebieten der Schweiz wird mehr und mehr ein Ab­flauen der Grippe-Epidemie gemeldet. Die Zahl der Todesfälle beträgt aber durch­schnittlich immer noch 25 b is 27 pro Be­richtswoche. -r- Dagegen zeigt sich in Oberbaden visher noch wenig Rcigung zum Zurückgehen. Verschiedene Schulen sind geschlossen worden. Die Epidemie nimmt weiterhin einen gutartigen Verlauf.

Zunahme der Grippe in England.

Das britische Ministerium für Gesundheitswesen meldet: Während der am 15. Januar zu Ende ge­gangenen Woche ft o r b e n in England und Wales 326 Personen an der Grippe, gegen 172 in der Vorwoche.

Der Grippevcrlauf in der Tschechoslowakei.

Rach Mitteilung des tschechischen Gesund- heitsministeriums verläuft die Grippe-Epidemie in der tschechoslowakischen Republik gutartig. In Mährisch-Ostrau ist ein Todesfall zu ver­zeichnen. Zwei Schulen in der Stadt wurden geschlossen. Die Polizei hat aus Gesundheits­rücksichten den Kindern den Besuch von Theatern, Kinos und anderen öffentlichen Räumen ver­boten. Bei einigen Truppenkörpern in Schle­sien sind zahlreiche Grippefälle aufgetreten, die jedoch ebenso wie bei der Zivilbevölkerung einen leichten Verlauf nahmen.

Schneefälle in Oberschwaben.

In ganz Oberschwaben sind große Schnee­massen niedergegangen, wodurch die Licht- und Krastzusührungen vollständig unterbrochen wur­den. Der Fernsprechverkehr ist so gut wie ganz ftillge'.egt. Friedrichshafen war lange Zeit fast ganz von jeder telegraphischen und tele­phonischen Verbindung abgeschnitten. Die Stö­rungen waren die schwersten seit einer Reihe von Iahren. Große Masten sind unter der Schneelast zusammengebrochen. In L e u t k i r ch liegt der Reuschnee fast einen halben Meter hoch.

Unwetter in Italien.

AuS allen Teilen Italiens kommen Meldun­gen über verheerende Wirkungen deS letzten Un­wetters. In S ü d t i r o l sind zahlreiche Schnee­fälle und Schneestürme ^u verzeichnen, welche mehrfach die ©tarfftromleitungen zerstört haben. In Bozen wurden durch den Strom einer zerrissenen Starkstromleitung ein Pferd, in Trient zwei Pferde eines Schneepfluges ge­tötet. In den Gebirgstälern sind fast sämtliche Telephon- und Telegraphcnleitungen zerstört. Auf den Höhen liegt der Schnee einen Meter hoch. Bei B e 11 u n o wurde ein junges Mädchen durch einen Blitz getötet. In Pisa lagen die Hagel­körner sieben Zentimeter hoch. Der Tiber ist auf 11 Meter gestiegen. Bei Bergamo ist ein Berg­rutsch erfolgt. Aus Genua werden vier Grad unter Rull gemeldet.

Sühne für einen unerhörten Roheitsakl.

Vor einem Berliner Schwurgericht hatte sich der Bäckermeister Platow aus Declin-Hohen- fchönhausen und fein Geselle Kamm wegen eines unglaublichen Roheitsaltes zu verantworten. Zum Zwecke des Versicherungsbetruges hatte der Bäckermeister seinen Gesellen dazu an­gestiftet, sein Pferd mit Benzin einzu­reiben und bann sowohl das Tier als auch den Stall anzuzünden. Der Bäckermeister erhielt ein Iahr sechs Monate Zuchthaus, während der Bäckergeselle mit neun Monaten Gefängnis davonkam. Dem letzteren wurden mil­dernde Umstände bewilligt, well er sich in einem gewissen Hörigkeitsverhältnis zu seinem Meister befand.

Ein Mord in Waldeck.

Vor fast einem Jahre verschwand auf fast uner­klärliche Weife der in den 70er Jahren stehende Maurer Johannes Schmalz aus Böhne in Waldeck. Das Verschwinden erregte großes Aussehen und gab zu bcn verschiedensten Vermutungen Anlaß. Nun hat man dieLeiche des Verschollenen entdeckt und dte Vermutungen, daß ein Verbrechen oorliegen könnte, wurden zur traurigen Wahrheit. Der alte Mann ist aus oestia tische Weife hinge- mordet worden. Arbeiter fanden am Rande eines nur selten benutzten Steinbruches in zwei Säcken verpackt, Leichenteile, die identifiziert wurden. Der Unterkörper war vom Oberkörper gewaltsam Getrennt, die Schädeldecke wies eine schwere Ver­letzung auf. Die Leichenteile waren nur notdürftig vergraben, der Kopf sah zum Teil aus dem Erd­boden heraus. Der Grund zu diesem Verbrechen ist nicht recht ersichtlich, da Vermögensoorteile aus ihm nicht erwachsen konnten. Eine Gerichtskommission aus Wildungen traf an der Fundstelle ein, um den Tatbestand aufzunehmen.

Karbidexplosion.

Durch Explosion von Karoid sind in Leip- z i g vier Porsonen mehr oder weniger schwer verletzt worden. Offenbar sind durch Ange­stellte einer Fahrradhandlung Karbidreste in die Aschengrube geworfen worden. Als nun eine Hausbewohnerin glühende Asche In die Grube schüttete, flog plötzlich der Deckel der Grube mit lautem Knall in die Luft. Die Frau erlitt schwere Brandwunden und stürzte blut­überströmt in die Grube. Drei Kinder wurden ebenfalls verletzt.

Wettervoraussage.

Mäßiger lempcraturfall, leichter Nachtfrost, etwas schwächere Bewölkung, vereinzelt Nieder- schlüge, meist Schnee.

Gestrige Lagestemperaturen: Maximum: 3,8 Grad Celsius, Minimum: 0,4 Grad Celsius. Heutige Mor­gentemperatur: 1,3 Grad Celsius.

Aus der Provinztalhauptstadt.

G i e ß e n, den 19. Ianuar 1927. J

Die Reichsgründungsseier in der Universität.

Die Wiederkehr des Tages der deutschen Deichsgründung wurde auch in diesem Iahre durch einen akademischen Festakt in bet Univer­sität würdig begangen. Eine stattliche Festver­sammlung hatte sich am gestrigen Dienstagvor­mittag in der mit Fahnen reich geschmückten Aula eingefunden. Unter den gelabenen Gästen be­merkte man zahlreiche Vertreter der Behörden, auch eine ansehnliche Reihe markanter Persön­lichkeiten aus der Gießener Bürgerschaft und der hiesigen Garnison. Ein lebhaftes bunteS BUd boten die vollzählig anwesenden Chargierten der Korporationen. Der hintere Teil der Aula, sowie die Empore waren von der Studentenschaft dicht besetzt. Der Festakt wurde wie üblich eröffnet durch den feierlichen Einzug deS akademischen Senats. Rach einem Orgelvorspiel fang zunächst der Akademische Gesangverein den 43. Psalm von MendelSsohn-Bartholdy. Als die weihevolle ernste Musik verklungen war, erhob sich Se. Magnifizenz der derzeitige Rektor Prof. Dr. Zwick zu folgender Ansprache:

Hochansehnliche Versammlungl

Sehr verehrte Herren Kollegen! Liebe Kommilitonen!

Widerstreitende Gefühle sind es, die die deutsche Volksseele am Tage der Deichsgründung bestürmen.

Leuchtete früher der helle Glanz eines stolzen nationalen Bewußtseins, starker Kraft- und Machtentfaltung und reicher Blute, tat sich vor unserem geistigen Auge das reine, strahlende Bild eines herrlichen Geschehens und eines großen Schicksals auf, wenn wir am 18. Ianuar der Vor- gängb in Versailles gedachten, so läßt heute bet Klang dieses Ramens klagende Untertöne auf* steigen, die sich verstärken zu einem Schmerzens­schrei über die Schmach der deutschen ßanbe, die Demütigung und Knechtung des deutschen Volles und den Riedergang deutscher Herrlichkeit.

Fast könnte man versucht werden, zu fragen, ob es bei einem solchen Mißlang der Empfindun­gen überhaupt berechtigt fei, diesen Tag festlich zu begehen.

Aber obwohl unsere heutige Gedenkfeier eine laute, eine jubelnde Festesfreude nicht auftommen läßt, so ist und bleibt sie doch ein Fest treuen Gedenkens, eindringlich-r Mahnung, ernster Be­sinnung und entschlossenen nationalen Willens. Kein Volk darf eine Quelle nationaler Kraft, wie sie dieser Tag in sich birgt und zu neuem Leben weckt, vom Staub und Schutt des Alltags ver­schütten, von der Rot unö Sorge der Stunde unterdrücken lassen. Trotz allem, was geschehen, trotz aller Wehmut im Herzen dürfen wirnicht in ohnmächtigen Tränen"die Kraft des heißen Schmerzes ausgiehen", vielmehr muß heute die Freude am Vaterlande siegen und leuchten wie die Sonne übet die düsteren Rebel. Ein Hauch stärkender Dergluft soll an diesem Gedenktage um unsere Häupter wehen. Wir toolldn uns im Geiste erheben zu jenen lichten Höhen, die empor­ragen über die Riederungen der Gegenwart und die den Blick freigeben nach rückwärts in eine große Vergangenheit und nach vorwärts in eine bessere, wenn auch ferne Zukunft.

Wir würden ja unsere seelische Rot noch mehr vergrößern und ganz und gar verarmen, wenn wir in dieser Gegenwart, die uruB so viel nahm und so wenig ließ, uns auch noch der Vergangenheit da, wo sie reich und groß war, entäußern wollten. Ein Volk, das seine Der- gangenhell nicht ehrt, hat auch keine Zukunft. Iene Vergangenheit ist nicht tot! BismarllS großes nationales Werk lebt und wurzelt tief und fest im Herzen des deutschen Volles trotz aller brutaler Auflösungsbestrebungen.

Sank auch Krone und Macht in den Staub, das Reich ist uns doch geblieben als natio­nale Lebensgemeinschaft, als Grundlage zur Wiedererhebung und zu neuem Aufstieg. Un­sagbar schmerzlich wäre es, tocnn_ nicht hinter Vergänglichem etwas Bleibendes stünde.

Wuchtiger als je ist uns jetzt lebenden Deut­schen vom Schicksal der Tiefsinn des Rieysche - Wortes eingehämmert worden:Die Deutschen sind immer noch ein Volk nicht deS Deins, sondern des Werdens". Das große Erbe, daS uns des Reiches Gründer hinterließen, wir hatte« und wir haben es nicht In vollem und festem Besitz, noch immer müssen wir eS unS erwerben. Unö vor dem Vollbringen dieser Titanenarbeit steht die Forderung an unser Volk, heranzureisen zu einer höheren, zu einer vollkommeneren Stufe. Frische geistige und ethische Triebkräfte müsse« zusammen mit einem entschlossenen und geschlos­senen staatlich-politischen Lebenswillen wirksam unö lebendig werden, soll unser Voll öle Kraft unö öie Tüchtigkeit gewinnen, um daS Reich fest zusammenzuschmieden.

Mit dem bloßen Wissen und Können ist eS dabei nicht getan. Die lebendige Kraft jenes sittlichen Idealismus, der in unseres Volkes Ge­schichte so oft Wunder vollbrachte, muh wieder mächtig werden in Deutschlands Söhnen, soll es frei werden von den Fesseln, öie ihm angelegt sind, soll es wieder hochkommen. Unö wir müssen wieder aufwärts kommen und weil wir müssen, so werden wir es auch! Und hilft dabei der unerschütterliche Glaube an Deutschlands Zukunft. Dieser felsenfeste Glaube soll uns Führer sein zu dem Endziel unserer nationalen Fahrt, zu Deutschlands Größe.

Mit vereinten Äräftert nur können wir dieses Ziel erre-chen. Rur wenn daS deutsche Volk von diesem zielsicheren EinheitSwillen in allen seinen Schicht-i durchdrungen ist, sich loslöst und frei macht von jenen Mächten, die den Grund und Boden unseres Rationalbewuhtseins und unsere- nationalen Lebenswillens unter wühle« unö aushöhlen, daS deutsche Volk zermürben und zerfleischen, wird es w'eder den Weg zu sich selbst unö damit auch Öen Weg in die Höhe finden.Deutschland wird einig fein oder es wird nicht sein." Die Einigkeit allein kann und wird uns wieder Recht unö Freiheit bringen. Darnach laßt uns alle streben brüöerlich mit Herz und Hand. Einem starken Willen wird auch ein großes Können nicht versagt sein.

Möge Ihnen, liebe Kommilitonen, möge un­allen die heutige ernste Feier, öie der ReichS- grünöung gilt unö uns an die Großtat unserer Väter erinnert, neuen Mut unö neue Kraft, neuen Schwung geben zu treuem, unverdrossenem und tatkräftigem Dienste an unserem geliebten

1 deutschen Vaterland«. Unfern Wunsch für seine