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Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhessen)

Nr.ftrS Swsites Blatt

Montag, 18. Zuli (927

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Die Flandernfchlacht.

Bor zehn Jahren.

s Don Major a. D. von Llnger.

Die Entscheidung des Krieges stand Mitte 1917 auf des Weisers Schneide. Die Staatsmänner und die militärischen Führer der Entente konnten sich ihre schweren Sorgen über den weiteren Verlaus der Dinge nicht verhehlen. Das russische Wesen- reich war völlig zusominengebrochen. seine Ar­meen zählten militärisch nicht mehr mit. Ruma- mänien war zur Hälfte besetzt und seit dem russi­schen Zusammenbruch hilflos: Italien kam trotz aller Jsonzoschlachten nicht vorwärts. Vor allein aber hatten die vergangenen Jahre gelehrt, das; die deutsche Mauer, die sich durch Frankreich und Belgien zog, trotz größter gemeinsamer Kraft- anstrengungen mit den bisherigen Mitteln nicht zu durchbrechen war.

So blieb die einzige Hoffnung die Hilfe der Amerikaner. Die Vereinigten Staaten rüfteten in ganz groß ein Maß stabe: diese Mengen an Kriegs­maschinen und Menschen muhten einfach erdrückend wirken.

Aber, so fragte man sich besorgt, wann würde sich das auswirken? Hatte man bis zum Frühjahr 1918 Zeit bei den bedrohlichen Erfolgen der deut­schen U-Boote, die England immer mehr zusetzten? England machte jetzt nach eigenen Berichtendie kritischste und tödlichste Zeit durch, die es je seit Kriegsbeginn erlebt hatte". Man mußte die deut­schen U-Boote loswerden, koste es, was es wolle, so schnell wie möglich: man mußte ihnen ihre Ba­sis in Flandern nehmen, von der aus sie daran waren, den Todesstoß gegen England zu führen.

So gab die politische Lage den Ausschlag: England sah sich gezwungen, alsbald alle Kräfte zu einem gewaltigen Stoß gegen die in Flan­dern stehende deutsche Armee zusammenzuraffen. Das Land, das schon so viel Blut hatte fliehen sehen, wurde erneut zum Schauplatz monatelan­gen, erbitterten Ringens.

Der an der englischen Front befehligende Sir DouglaS Haig wuhte sehr Wohl, das; er den Schlag nicht wagen konnte, ohne vorher den Deutschen die Höhe am Wytschate-Bogen entrissen zu haben, eine Hochfläche, die den Raum östlich von Bpern völlig beherrschte. Hier spielte schon seit Jahren ein lebhafter Minenkrieg unter der Erde. Der Brite hatte sich einen entscheidenden Vorsprung gesi­chert: er sah tiefer unter den deutschen Stollens ohne daß man ihm dort etwas anhaben konnte. Am 7. Juni, um 4 DIhr früh, wankte der Boden Flanderns wie von einem Erdbeben geschüttelt: der Engländer hatte seine mit über einer Mlllion Pfund Dynamit gefüllten Minenöfen angezündet: btc vorderste Linie der deutschen Stellung die vorsichtshalber nicht allzu dicht besetzt war flog in einer Ausdehnung von 12 Kilometer in die Luft. Els englische Divisionen drangen nach und nahmen den Höhenzug in Besitz.

Das war der Auftakt zur Flandernschlacht. Zunächst trat wieder Ruhe ein, aber Jeder wußte, es war die Rühe vor dem Sturm. Der Engländer marschierte während der Monate Juni und Juli im Vpem-Bogen mit allem auf, was er erübrigen konnte. Die Kampfarmee befehligte General Gough; daran schlossen sich nach Süden Engländer der Armee Plumer und Franzosen des Generals Anthoine. die den Stoß unterstützen sollten. Ihnen stand trotzigen Mutes die 4. deutsche Armee unter General Sixt von Arnim mit seinem Stabschef General von Lohsberg gegenüber. Der Verteidi­ger lag in dem von Grundwasser und Regen durchweichten Lande, das mit seinen ungezählten Granattrichtern einer erstarrten Mondlandschaft glich Tage- und nächtelang muhte er ausharren im Höllenfeuer, ohne warmes Essen, ohne einen trockenen Faden am Leibe, ohne ersehnte Ab­lösung. Rach mehrtägigem Feuerorkan setzte am 31. Juli der Angriff erlesenster englischer Infan­terie ein. Zwar überrannte sie die vordersten Li­nien. aber dann stieh sie überall auf Maschinen- gewehrnester, die sich bis auf den letzten Mann hielten, und immer wieder wurde ihr in Gegen­angriffen der deutschen Reserven das eben Ge­nommene von neuem entrissen. Es gelang dem Engländer am ersten Tage nicht über 2 Kilo­meter hinaus vorzudringen.

Die Flandernschlacht zog sich bis Mitte Ro- vember hin. In immer neueinsetzenden krampf­

haften Anstrengungen suchten Engländer unb Franzosen vorwärts zu kommen. Der Brite führt nahezu fein gesamtes Festlandheer in die Schlacht. Erbittert wurde auf beiden Seiten gerungen, be­sonders um die Trümmer der Ortschaften Lange­mark, Bikschote, Zonnebeke. Poelkapelle und Pa- schendaele. Schwer waren die Verluste bei Freund und Feind. Mit gröhter Zähigkeit griffen Alt­engländer, Schotten und Iren immer von neuem an, aber heldenmütig hielten die deutschen Stämme stand, Schwaben und Bayern, Preußen und Sachsen. Im Kampf Mann gegen Mann und

in der schnellen Erfassung der Lage war der Deutsche überlegen; felsenfestes Vertrauen zum Führer Hindenburg gab ihm immer wieder letzte Zuversicht. Kein Kämpfer auf flanderischem Boden wird je das dröhnende Lied dieser Schlacht ver­gessen!

'Die Flandernschlacht war der letzte große mit schwersten Opfern erkaufte deutsche Abwehrsieg: jetzt muhte das Jahr 1918 die Entscheidung brin­gen, in dem auch das deutsche Westheer wieder offensiv werden konnte.

treten haben, gaben bisher keine Möglichkeit einer Lösung; durch Errichtung einer straffen Organisa­tion scheint es erreichbar, Einfluh auf eine vernünf­tige Produktion und ihre zweckmäßige Verteilung auszuüben.

Ureistierfchau in Wetzlar.

Wir bringen im folgenden den Schluß des Ausstellungsberichts mit der Preis- trögerliste vom Samstag.

IV. Schweine. Klasse 1: Eber im Alter bis zu 12 QKonaten: la-Preis Johannes Volk, Hörnsheim; Ib-Preis Wilhelm Ta sch. Ahbach; 2a°Preis Anton Engel V., Hörnsheim;2b-Preis Friedrich Agel, Dutenhofen; 3. Preis Vuderus- sche Gutsverwaltung, Hofgut Altenberg. Lobende Anerkennung Wilhelm Müller, Obev- weh. Klasse 2: Eber im Alter von 12 bis 13 Monaten: 1. und Siegerpreis Johs. Volk, Hörnsheim, Klasse 3: Eber im Alter von mehr als 18 Monaten: la* und Siegerpreis und 1b- Preis Vuderussche Gutsverwoltung, Hofgut A l - t enberg. Klasse 4: Sauen im Alter bis zu 12 Monaten: 1.Preis Albert Engel, Hörns­heim; 2.Preis Georg Müller IV., Hörnsheim; 2b°Preis Anton Engel V., Hörnsheim; 3a» Preis Johs. Engel VII., Hörnsheim. KlasseS: Sauen im Alter von 12 bis 24 Monaten: la» Preis Vuderussche Gutsverwaltung, Hofgut A l - t e n b e r g; Ib-Preis und Kleine Kammermedaille Johs. Ludwig, Hörnsheim; 2. Preis Buderus- sche Gutsverwaltung, Hofgut Altenberg. Klasse 6: Sauen im Älter von mehr als 24 Monaten: 1. Preis und Silberne Medaille der Landwirtschaftskammer Vuderussche Gutsver­waltung, Hofgut Altenberg; 2.Preis Louis Volk, Hörnsheim; 3a°Preis Vuderussche Guts­verwaltung, Hofgut Qlttenberg; 3b-Preis Georg Vepler VII., Hörnsheim. Lobende An­erkennung Wilhelm Lang II., Hörnsheim. Klasse 7: Familien und Sammlungen mit min­destens drei Generationen, davon mindestens zwei selbstgezüchtet: 1. Preis Vuderussche Gutsverwal­tung, Hofgut Altenberg.

V. Schafe. Landschafe mit Kurz- wollthp, Klasse 1: Böcke, a) im Alter bis zu 2 Jahren: 1. Preis Stammichäferei Riederklee n, b) im Alter von mehr als 2 Jahren: 1. Preis Schäfereigesellschaft Hochelheim, Klaffe 2: Schafe mit min­destens 4 breiten Zähnen, a) mit Lämmern: 1. Preis Otto Göbel, Riederkleen, 2a-Prcis Martin Jung, Riederkleen, 2b« und 2e-Prci. Louis Messerschmidt, Riederkleen, 3a°Preis Wilhelm Claum, Riederkleen, 3b-Preis Hch. A e r n II., Riederkleen, 3c-Preis Otto Schmidt, Hörnsheim, 36-Preis Karl Vopf, Hörnsheim, 4a-Preis Heinrich Rern II., Riederkleen, 4b- Preis Karl Vopf, Hörnsheim, 4e-Preis Karl Reuter, Riederlleen, 5a-Preis Wilhelm R ü h I, Riederlleen, 5b-Preis Louis Rinker, Hör ns heim. Lobende Anerkennungen: Louis Rinker, Hörnsheim, Louis Engel, Riederkleen, Johs. Rern VII., Riederkleen; b) ohne Lämmer: 1. Preis Anton Volk, Riederkleen. Klasse 3: Jährlinge mit höchstens 2 breiten Zähnen: 1. Preis Johs. Gümbel, Riederkleen, 2.Prc/ Karl Vopf, Hörnsheim, 3. Preis Otto Göbel, Riederkleen.

B. Veredelte sonstige Landschafe, Klasse 4: Böcke im Alter von mehr als zwei Jahren: 1. Preis Heinrich Dinnes, Volperts­hausen. Klasse 5, Schafe mit mindestens vier breiten Zähnen, a) mit Lämmern: 1. Preis Louis Messerschmidt, Riederkleen, 2. Preis Heinrich Eisenhardt, Riederkleen, 3. Preis Louis Volk, Hörnsheim, 4. Preis Heinrich H a u b , Riederkleen, b) ohne Lämmer: 1. Preis Jchs. Engel VII., Hörnsheim, 2. Preis Heinrich Dinnes, Volpertshausen, 3. Preis Heinrich Rücker, Riederkleen. Klasse 6, Jährlinge mit höchstens 2 breiten Zähnen: 1. Preis Wil­helm Gahert, Riederkleen, 2. Preis Wilhelm G l a u m, Riederkleen, 3. Preis Louis Rinker, Hörnsheim, 4. Preis Friedrich Messer­schmidt III., Riederlleen.

C. Unveredelte Landschafe, K l. 7: Böcke im Alter von mehr als 2 Jahren: 4. Preis Jakob Herbei, Riederbiel. Klasse 8: Schafe mit mindestens 4 breiten Zähnen mit Lämmern:

M WM to MMlVWll MM Don William M. Jardine, Landwirtschaftsininister der Vereinigten Staaten von Nordamerika.

Aehnlich wie in vielen anderen Kulturländern bildet das Bestreben^ der Landwirtschaft einen ge­rechten Platz in der nationalen Wirtschaft zu sichern, eines der Hauptprobleme amerikanischer Wirtschaftspolitik. Schon weil der hochindustriali­sierte Osten des Landes in starkem Maße an der Erhaltung eines kaufkräftigen In­land markt es interessiert ist, und die Kaufkraft dieses Marktes wiederum eng mit dem Wohler­gehen der Landwirtschaft verknüpft ist, ist die Lösung des landwirtschaftlichen Problems und ins­besondere die Frage des Absatzes der landwirtschaftlichen Ueberschußpro- d u 11 i o n für die Wirtschaftspolitik der Bereinig­ten Staaten von höchster Bedeutung.

Dieses Problem ist eine Folge unserer mo­dernen Wirtschaftsentwicklung, genau so wie etwa das Arbeitslosenproblem eine Folge unserer mo­dernen Industriewirtschaft ist. Wenn auch die Lö­sung der Frage des Absatzes der Ueberschußpro- duktion an sich keineswegs geeignet ist, die Sor­gen der amerikanischen Landwirtschaft völlig zu be­heben, so erfordert sie doch im Hinblick auf die Wirtschaftspolitik des Landes größte Beachtung. Die künftige Entwicklung der Bereinigten Staaten kann in zweifacher Richtung vor sich gehen. Entweder passen mir unsere einheimische Wirtschaft dem Stand unserer Bedürfnisse an, d. h. wir suchen uns möglichst autark-zu machen und streben danach, eine Befriedigung unserer Bedürfnisse im eige­nen Lande zu erzielen, bann bedürfen wir einer starken und blühenden Landwirtschaft, ober aber wir verlassen uns in einem immer höherem Maße auf die Einfuhr ausländischer Bodenerzeugnisse und entwickeln uns industriell weiter, um durch Austausch unserer Industrieerzeugnisse gegen Nahrungsmittel unseren Lebensunterhalt zu sichern. Ansätze zu einer solchen Entwicklung sind ja in der amerikanischen Wirtschaft zweifellos vorhanden, aber bei dem großen Ausmaß landwittschaftlich noch ungenutzter Gebiete und in Anbetracht des Um­standes, daß die Vereinigten Staaten über eine starke und lebenskräftige Landbevölkerung ver­fügen, scheint der letztere Weg verfehlt oder wenig­stens vorläufig nicht gangbar.

Die Regierung zeigt das Bestreben, der Land­wirtschaft den ihr angemessenen Platz in der natio­nalen Wirtschaft zu geben und läßt diesem wichtigen Zweige der Wirtschaft planmäßige Unter- st ü tz u n g angedeihen. Sorgfältige Schätzungen von Getreide- und Viehproduktion, Voraussagen über die Ernteentwicklung, Vorratsbeyichle und sonstige Informationen werden dem Landwirt zu seinem Votteil durch amtliche Stellen vermittelt. Ich be­streite, daß sich die Landwirtschaft nicht den Inter­essen der Verbraucher anpassen kann, ohne ihre eigenen Vorteile zu opfern. Der Interessen­ausgleich zwischen Produzent und Konsument ist natürlich ein ziemlich langwie­riger und komplizierter Prozeß, doch haben wir be­reits große Fortschritte nach dieser Richtung hin ge­macht. Viel bleibt allerdings noch zu tun übrig; vor allen Dingen gilt es, eine Erhöhung d e r Leistungsfähigkeit unserer Landwirtschaft herbeizuführen. Hier, spielt die Mechanisie­rung eine große Rolle. Gerade in letzter Zeit sind erhebliche Fortschritte in der Verringerung der Produktionskosten landwirtschaftlicher Erzeugnisse durch die Mechanisierung der Betriebe gemacht worden. Die Auswirkung dieses Vorganges

dürfte eine bessere Rentabilität der Landwirtschaft durch Verringerung der Produktionskosten sein.

Neben der Unterstützung durch die Regierung verfolgt die amerikanische Landwirtschaft eine ener- giscye Selbsthilfe, die sich besonders in der Genossenschaftsbewegung ausdrückt. Sie hat in den letzten Jahren einen bedeutenden Auf­schwung genommen, ein Umstand, der zeigt, daß diese Pewegung den Bedürfnissen unserer Land­wirtschaft in hohem Maße gerecht wird. Es handelt sich hierbei um eine rein fachliche Organisation, die keineswegs im Gegensatz zu den Verbraucherinter­essen steht. Sie bildet einfach die Ausdehnung einer gegenseitigen Hilfsbereitschaft, wie wir sie bei einzelnen Gruppen der Industrie beobachten können, auf die Landwirtschaft. In, vergangenen Jahre hatten die landwirtschaftlichen Genossenschaf­ten bereits einen Umsatz von über 2,50 Milliarden Dollar, was etwa £ des Gesamtwertes der verkauf­ten landwirtschaftlichen Produktion bedeutet. Es be­stehen z. Z. etwa 12 500 verschiedene Organisationen mit einer Mitgliedschaft von über 2$ Millionen Landwirten.

Die Vorzüge dieser Bewegung liegen auf der Hand. Das Genossenschaftssystem vermeidet die Ver­schwendung unnötiger Kräfte, es schaltet die über­flüssigen Reibungen zwischen Produzenten und Kon­sumenten aus. Nicht nur der Produzent also zieht seinen Nutzen aus dem Zusammenschluß, sondern auch der Verbraucher wird die Dienste aner­kennen müssen, die mit Hilfe der landwirtschaftlichen Genossenschaften für ihn geleistet werden. Große Er­folge sind z. B. in der durch die Genossenschaften angestrebten Standardisierung landwirt­schaftlicher Erzeugnisse erzielt worden. Dieser pro­duktionstechnische Prozeß, der die Herstellung einer gleichartigen und gleichwertigen Ware anstrebt, hat eine völlige Umwandlung der landwirtschaftlichen Produktion mit sich gebracht. Während früher die Landwirtschaft vorwiegend bestrebt war, möglichst billig zu produzieren, legt sie heute größten Wert auf die Qualität ihrer Erzeugnisse. Noch vor wenigen Jahren fabrizierten die lokalen Molkereien im Staate Minnesota Butter, die in der Qualität vonsehr gut" bisschlecht" schwankte. Heute sind die vielen Molkereien dieses Staates in eine ein­zige Großorganisation zusammengefaßt, und über 60 Prozent ihrer Erzeugung stellt Süßrahmbutter hochwertiger Qualität dar.

Die Arbeit der Regierung beschränkt sich auf eine Unter st ützung dieser segensreichen Tätigkeit der Genossenschaften. In der Landwirtschaft sind in­folge der klimatischen Schwankungen Depres- fionspfyjfen unvermeidlich. Die Genossenschaften ver­suchen jedoch die Preise für landwirtschaftliche Er­zeugnisse nach Möglichkeit auszugleichen und sie der Kaufkraft der Konsumenten anzupassen. Preis­schwankungen wirken sich ja nur selten zum Vorteil der Konsumenten aus, sind dagegen für den Pro­duzenten oft sehr schädlich, denn ein Unterschied von wenigen Cents auf das Pfund ober den Bushel bedeuten für den Landwirt oft Gewinn oder Ver­lust. Nachdem die Industrie in fast allen Kultur­ländern durch Zusammenschlüsse eine Regulierung des Marktes anstrebt, möchte auch die Genossen­schaftsbewegung eine Unabhängigkeit der Landwirt­schaft von den Marktschwankungen zu erreichen suchen. Es ist dies eine schwere Aufgabe, doch ist ihre Lösung zweifellos möglich. Die Anstrengungen von 5,6 Millionen unorganisierten Landwirten, die meist noch ganz verschiedene Interessen zu ver-

3n Genua.

r Don Robert Braun.

Wer von Venedig, der östlichen Hafenstadt, Nach Genua, der westlichen kommt, erstaunt über den Gegensatz dieser beiden Schwestern. Obgleich ihre Erbauer dieselben Handelsherren und Re­publikaner waren, entstand dennoch an der La­gune das zauberhafteSchmuckkästchen" mit seinem lautlosen Kanalgewiniel; an der ligurischen Bucht ober die wuchtige Bergstadt mit dem lärmendsten Betrieb rollender, peitschenknallender Wagen und hupender Autos.

Während die Denetianer trotz ihrer See- und Kaufmannspläne nie den Sinn für intime Ausstattung der Stadt verloren, verdrängte bei den Genuesen die Großzügigkeit, die der Ver­kehr mit dem Meer erzeugt, das Künstlerische. Die Paläste wirken derb in ihrer Masse und Quadrigkeit und lassen sich mit den venetianischen, in maurischer Zier gegliederten, gar nicht ver­gleichen.

Doch nicht nur die Architektur, auch die Luft beider Städte ist anders. Während aus den Kanälen Venedigs ein Todeshauch ahnungsvoll aufsteigt, braust Leben in den Straßen Genua-. Ein helles Reflexlicht von den Wellen des blauen Ozeans fällt über alles. Es gehört auch zum dynamischen, aufs Weite gerichteten Wesen dieser Stadt, daß von ihr die Entdeckung Ame­rikas ihren Ausgang nahm.

So verlohnt es sich kaum, hier Paläste und Kirchen, selbst wo sie alt sind, aufzusuchen. Man versäumt nur Zeit, da bedeutende Leistungen nicht erreicht wurden. Verzichtet man aber auf Be­friedigung des Kunstsinns und öffnet sich dem Erlebnis, so ist man hier gut daran.

Ich stand einen ganzen Vormittag vor dem Eingang zum Hafen, wo gerade ein Amerika­dampfer lag, bereit zur Abfahrt. Es war nichts Bedeutendes, was sich vollzog, sondern ein all­tägliches Hafen-Ereignis, und doch voll fremden, vielfältigen Lebens. Außer den Reugierigen, die tzleich mir die Stunde abwarteten, befanden sich tauch einzelne abseitige Gruppen auf dem sonnigen Platz, ein Kellner im weißen Leinenrock, ein Heizer im blauen, verwaschenen Anzug, ein Lift­

boy in roter Hoteluniform und an der Brust mit zwei geschwungenen Reihen messingner Knöpfe geziert; alle inmitten ihrer Angehörigen. Der Boy hatte Geschenke mitgebracht: Die Mutter hielt ein Paket unter dem Arm, die junge Schwe­ster nestelte an einem neuen Ledergürtel unfr das Brüderchen lieh ein buntes Windrad in der Luft spielen. Rur kurzer Aufenthalt war dem Sohn gegönnt, der aus Reuyork kam und mm weiter nach Indien fuhr. Sie standen eng neben­einander und sprachen wenig, und der Liftboy zog manchmal seine Uhr.

Immerfort trafen Autos mit Passagieren ein, deren schwere glänzende Koffer von hünenhaften Trägern abgeladen und in den inneren Hafen­raum gerollt wurden. Die Damen trugen flat­ternde Reiseschleier und die Herren, die zur Be­gleitung gehörten, hielten Abschiedsbuketts int den Händen. Rach kurzer Ausweisung ließ sie die Wache passieren, und so schritten sie auf das Riesenschiff zu, das mit galerieartigen Verdecken und zwei braunen, schiefgelegten Rauchfängen, wie seiner Gastrolle bewußt, dalag. Während die Krane arbeiteten, um ihre Koffer zu befördern, sah man sie selbst die luftigen Falltreppen an der dunklen Schiffswand hinaufsteigen.

Gleichzeitig offenbarte sich die andere Seite des Lebens in den langen Zügen der Auswan­derer, die mit kleinen Kistchen oder blauen Bün­deln, worin sie ihre ganze Habe verwahrtem ankamen. Es waren meist italienische Bauern mit sonnverbrannten Faltengesichtern. Sie wur­den sofort in einen quarantaineartigen Seiten- raum gedrängt, wo sie sich vor allem anreiben und warten mußten, bis sie den fernen Schalter erreichten. Andere schliefen aus Bänken.

Auch exotische Gestalten gab es: ganze Trupps mongolisch gelber Menschen mit kostbaren Sei­denturbanen und blaugestreiften Zwilchgewändern, vielleicht Javanen. Sie hatten den kurzen Aufent­halt benutzt, um gute Einkäufe im Hafenviertel mx machen Für sie war der Abschied nicht schmerz­voll während den anderen das Sirenenzecchen. das bald zu erwarten war, große Entscheidungen E>ra<®ie Hochstadt blickte ahnungsvoll mit ihren riesenhaften Häusern und weißleuchtenden Forts auf dies ganze Treiben nieder. Aber die Sonne

am wolkenlosen Himmel erfüllte alles mit zuver­sichtlichem Leben.

Unsterbliche Geschichtslügen.

Wenn man auch der Lüge kurze Deine nachsagt, so läuft sie doch nicht selten schneller als die Wahrheit, und besonders in der Geschichte haben sich so manche Entstellungen eingenistet, die durch den Beweis ihrer Unwahrheit doch nicht ausgerottet werden können. Einige solcher unsterblichen Geschichtsentstellungen" zählt Dr. Kurt Pieper in derLeipziger Illustrierten Zeitung" auf. So ist z. B. die Geschichte vom Mäuseturm bei Bingen eine typische Ge­schichtsumformung. Der Turm hießMaut"- Turm und diente zum Erheben der Zölle. Das Volk machteMäuseturm" daraus und erfand die Sage von dem geizigen Bischof. Man ist in der Ausdeutung dieser an. vielen Orten vor­kommenden Wandergeschichte sogar so weit ge­gangen, daß man annahm, der Bischof habe an Trinkerwahnsinn gelitten Und deshalb über­all Mäuse gesehen! Die rührenden Briefe, die die Geschichte eines der berühmtesten Liebes­paare der Welt, von Abälard und He­loise erzählen, sind untergeschoben, denn ihre älteste Fassung ist 100 Jahre nach Heloisens Tod entstanden. Dieweihe Frau", das Fa­miliengespenst der Hohenzollern. verdankt ihr Dasein einem Mißverständnis. Auf dem Grab­stein der Aebtissin Ottilie im Kloster Himmel­kron halten zwei Putten das Wappen; aus ihnen hat man zwei ermordete Kinder gemacht und die Aebtissin mit der Gräfin von Orla­münde, der Aebtissin im Kloster Himmelkron bei Rürnberg verwechselt. Man erfand dann hinzu, daß die Gräfin, um den Burggrafen Albrecht den Schönen von Rürnberg heiraten zu können, ihre Kinder umgebracht habe und dann von dem Grasen hingerichtet worden sei. Daß die Hussitten 1432 vor Raumburg zogen, erzählt nicht nur das bekannte Lied, sondern vielfach glaubt man auch an die geschichtliche Wahrheit dieses rührenden Ereignisses, bei dem die Kinder die Stadt retteten, und zu dessen Andenken dasKirschenfest" am 28. Juli ge­feiert wird. Die Hussitten sind aber niemals

nach Raumburg gekommen, und die Geschichte ist wahrscheinlich durch die Friedensfeier am Ende des 30jährigen Krieges entstanden, während Raumburg sehr viel gelitten hat. Die meisten Geschichten, die sich mit der Person des Alten Fritz beschäftigen, sind unwahr. Die Ereig­nisse, die der bekannten Anekdote derMühle von Sanssouci" zugrunde liegen, verliefen tat­sächlich gerade entgegengesetzt davon, wie sie gewöhnlich erzählt werden. Die Guillotine ist nicht von dem Arzt Guillotin erfunden wor­den, sondern von dem Pariser Arzt Louis und dem deutschen Mechaniker Schmitt; man nannte die Maschine auch zunächst diekleine Louison", bis sich der Arzt Guillotin in der Rationalver­sammlung dafür einsehte, die Todesstrafe all­gemein aus diese Weise zu vollziehen. Das an­gebliche Szepter Karls des Großen, das Napoleon I. bei seiner .' "i'crlronung trug, und das den Sehenswürdi., en der Galerie dApolon im Louvre später cingereiht wurde, ist tatsächlich der Taktstock eines Kapellmeisters aus dem 17. Jahrhundert, der die Inschrift Sanctus Carolus Magnus trug.

Hochschulnachrichlen.

Die Ernennung des v. Professors Dr. Wilhelm Trendelenburg von der Uni­versität Tübingen zum o. Professor der Phy­siologie an der Universität Berlin ist erfolgt. Der bisherige Privatdozent an der ilniver= fität Heidelberg, Dr. Phil. Rudolf Toma- schek, ist als Privcttdozent für das Fach der Physik an der philosophischen Fakultät der Uni­versität Marburg zugelassen worden. Er­nannt wurde der ordtl. Professor für An­thropologie und Ethnographie an der Univer­sität Wien Dr. Otto Reche vom 1. Rovember 1927 ab zum ordentlichen Professor der Völker­kunde an der ilniberfität Leipzig als Rach- folger von Prof. K. Weule. Der bekannte, ans Glah in Schlesien gebürtige Anthropologe wirkte früher viele Jahre am Hamburger Museum für Völkerkunde und dozierte zugleich an der dor­tigen Universität. 1924 kam er nach Wien als Rachfolger von Rudolf Pöch.