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Nr. <1 Zweites Blatt

Der hessische Ztaalsvoranschlag für 1927.

Dom Presseamt deS Staatimintfterium8 geht uns folgende Erläuterung zum Staat-Voran­schlag 311:

Dec Voranschlag für da- Jahr 1927 ist dieser Tage dem Landtag -ugegangen. Die Vorlage wurde etwa- Verzügen durch den fehlenden Ab- fchkuß über da- Äapitd .Polizei", worüber bl-her noch Verhandlungen mit dem Deiche nötig toaien; in dem Staat-Voranschlag ist au- dem gleichen Grunde nur die Abschlußz.sfer der Ein- imhmen und Ausgaben für die Polizei enthalten, der Voranschlag über diese- Kapitel folgt als bcsondere Vorlage nach Der neue Voranschlag weicht in den Abfchluhzisfern wie in den Sindel- erzebnifsen nicht sehr erbeblich von dem Vor­anschlag de- vorhergehenden Jahre- ab. ein Welchen dafür, daß sich nunmehr eine gewisse Stabilität der Ziffern und ihrer Grundlagen wieder eingestellt hat. 11 nb doch ist in einer Hinsicht ein sehr bedeutsame- Kennzeichen wahr­zunehmen. da- dem Voranschlag für 1927 ein besonderes Gepräge gibt: zum erstenmale seit der Stabilisierung der Mark ist ein deutlicher Rückgang de- DesamtbedarsS zu erkennen und eS war -um ersten Male möglich, neben der bis­herigen starken Senkung der AeichSsteuern. auch die Landessteuern (Sondergebäudesteuer) in ihrem Srtrag herabzusehcn. Und ein weitere-: der neue Voranschlag weist einen ungedeckten Fehlbetrag von einer halben Million auf, also noch weniger al- der Finanznunister in dem Kampf um den Volksentscheid angekündigt hatte. Die Abschlußziflern der Voranschläge für 1924, 1925, 1926 und 1927 ergeben folgende- Bild.

1924 1925 1926 1927 Gesamtausgaben 91,56 112,15 126,83 124,82 Mill. Lauf. Einnahmen 87,68 103.63 118.99 117.32 Fehlbetrag 3,88 8.52 7,84 7,50 Mill. Besondere Deckung________3.7 3,- 7, _

unged. Fehlbetrag 3,88 4,8 4,84 0,5 Mill.

2- ist charakteristisch für die Unübersichtlich­keit der Entwicklung seil den Fahren der In­flation, baß die Ziffern der Voranschläge durch die tatsächllchen Ergebnisse vielfach nicht bestä­tigt worben sind. Die nachfolgenden Rechnung-- abschlüfse für 1924 und 1925 zeigen da-

1924 1925

Gesamtausgabe 102,16 118 79

Laus. Einnahme 109,00 117,28

Ueberfchuh __________________ bzw. Fehlbetrag 6,84 Ueberfchuh 1,51 Fehlbetr.

Dafür wurden auS

Ueberfchüsten ged 1,51

bleibt Ueberfchuh 6,84

Buch da- Jahr 1926, dessen Doranschlag-- -iffern im allgemeinen der Wirklichkeit ziemlich genau angepaht waren, zeigt trotzdem in ein­zelnen wichtigen Kapiteln eine starke Abwei­chung von der Annahme, wie sie bet Aufstellung de- Voranschlags al- berechtigt erschien. ES gilt die- in erster Linie für die unvorhergesehene Ausgabe für die unterstützende Erwerbs- losenfürforge und galt wenigsten- eine Zeitlang für den Ausfall an ReichSsteuer- an 1 eilen infolae starken Rückgangs de- hessi­schen Verteilungsschlüssel-. Für da- Kalenderjahr 1926 entfallen auf den hessischen Staat folgende Ausgaben für SrwerbSlosenunterstützung (In Mil­lionen): Januar 0,65; Februar 1,21; März 1,09; April 1,12; Mai 0,88; Juni 0,71; Juli 0.97; August 0,71; September 0,54; Oktober 0.63; Ro» vcmber 0.41; Dezember 0,53; zusammen 9,45. Für da- Rechnungsjahr 1926 April bis März wird eine Ausgabe von 81/. Millionen in Betracht kommen. Im Sommer 1926 glaubte man noch mit einer solchen von 12 Millionen rechnen zu müssen. Aehnlich ging eS mit den Ucberwei- fungen auS der Reichseinkommensteuer, die nach den Zahlen de- ersten Halbjahres einen Jahres- auSsall von 6 Millionen befürchten liehen. Dieser besondere Ausfall wird nach dem inzwischen be­kannt gewordenen. Verteilungsschlüssel nicht ein­treten, so daß die Rechnung 1926 wesentlich gün­stiger abschliehen wird als man noch vor wenigen Monaten annehmen muhte. Immerhin ist die starke Mehrbelastung an Erwerbslosenunterstüt­zung in 1926 von derart einschneidendem Einfluh auf den Abschluh der Rechnung dieses Jahres, dah diese ohne namhaften Zuschuß des Reiches

Goethe-Vund.

Vortragsabend Rudolf Herzog.

Der zweite Vortragsabend, den der Goethe- Vund in diesem Jahr veranstaltete, war Rudolf Herzog gewidmet. Der Besuch in der Reuen Aula war nicht schlecht, doch hätte man ange­sichts der auherordentllchen Popularität des vor« tragenden Autors und der in ganz erstaunlichen Auslagenziffern sich dokumentierenden Verbrei­tung seiner Bücher einen stärkeren Zulauf er­warten können.

Run steht er am Vortragstisch: eine große stattliche Erscheinung, mit jugendlich frischem Ge­sicht unter weißem Haar, mit einem gutturalen, leicht rheinisch-westfälisch gefärbten Organ, das mächtig dröhnend den Raum füllt.

Da- Programm gliederte sich in zwei Telle; zuerst ein größeres Prvsastück; dann, als AuS- klang und Abschluß deS Abends, Gedichte. Herzog begann mit einem Kapitel vom Spatzen s chrecket Hof auS dem letzthin erschienenen, jüngsten Roman »Das Fähnlein der Versprengten", der auch schon das 70^Tausend der Auflage erreicht hat. Mas den Inhalt dieses Buches betrifft, so können wir auf unsere an anderer Stelle vor kurzem gegebene Würdigung verweisen. Das vor­getragene Kapitel, in einfacher, unkomplizierter, oft volkstümlich betonter Sprache, führt in die nahe Aachkriegszeit hinein, schildert den Hof »um Spatzenschreck und seine seltsamen Bewohner, die gezwungen sind, ihr Leben und ihren inneren Menschen einer neuen, sehr verwandelten Zeit und ihren strengen Forderungen einzuordnen und cmzupassen. Idyllische Kleinmalerei wechselt mit längeren Dialogszenen, aus denen die Llmrisse Setcr Gestalten sich schärfer herausheben: Henner arkgraf, der früher Leutnant war und jetzt an den Kaufmannstisch muß. und Andreas Schlag- mtweit, der ein Landstreicher ist, ein Vagabund aus allen Straßen zwischen dem Rhein und den Riederlanden. Herzog hat diesem Schnapphahn offenbar besondere Liebe zugewandt; man hört

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberhessen)

Zrettag, 18. Zebroar 1927

nicht ausgeglichen werden kann. Die vom Reiche bisher geleisteten festen Zufchuf'e zu den außer­gewöhnlichen Ausgaben für ErwerbSlofenunter- stützungen und ein Vorschuß zur Deckung deS budgetmäßigen Fehlbeträge- gestatten es. unter Zuhilfenahme de- Restbestandes auS dem Reste­stock und unter der Voraussetzung eineS weiteren Reich-zu'chufse- den auf 7.5 Millionen bezifferten voranschlag-mäßigen Fehlbetrag für 1927 bis auf 0L Millionen al- gedeckt anzunehmen.

Don einigem Interesse ist eS. die Entwicklung der Abschluß-iffern seit dcm Jahre 1924 zu be­obachten. In 1924 betrug der Voranschlags- mäßige AuSgabebedarf 91,56. nach der Rechnung stellte er sich auf 102,16 Millionen; also 10.60 Millionen mehr. 17'/. Millionen deS Mehr- bedarsS von 1927 erklären sich auS der 'Be­soldungsreform deS Jahres 1924. der Rest be­richtigt die ungenauen Schätzungen des Voran­schlags im ersten Jahre nach der Stabilisierung der Mark. Die rechnungsmäßige Aus­gabe deS JahreS 1924 ist nicht allzuweit von dem voranschlagsmäßigen Bedarf deS Voran­schlag- 1927 entfernt, wenn man beachtet, daß sich tn den drei dazwischenliegenden Jahren be­stimmte Ausgaben für Besoldungen (Aufrücken in höhere Gehaltsstufen), für Pensionen (AlrerS- pensionSgesetz und Erhöhung der Pensionssähe) automatisch erhöhen mußten, dah ferner in den späteren Gesamtausgaben in steigendem Maße durchlausende Posten in erheblicher Höhe (bei der Srndergebäudestever allein 12','. Millionen) zu verzeichnen sind. Daraus läßt sich unschwer erkennen, daß die eigentlichen DerwallungsauS- gaben des Staates nicht unerheblich herabgebrückt worden sind (Personalabbau. Drosselung der sach­lichen Ausgaben).

Weit sprunghafter noch ist die E n t to i d e - lung der Einnahmen seit 1924. Die Rech­nung diese- JahreS weist 109 Millionen Gesamt­einnahmen (darunter 35,17 Millionen ReichS- steueranteile und 33,70 Millionen Landessteuern) aus. Für die Rechnung 1925 stellen sich die Ziffern auf 117,28 Millionen Gesamteinnahme (34,57 Millionen Reichssteueranteile und 40,67 Mil­lionen Landessteuern). Der Voranschlag für 1927 sieht vor 117,3 Millionen Gesamteinnahme (30 Millionen Reichssteueranteile, 44,7 Landessteuern darunter 10 Millionen Mehrerhebung für den Wohnungsbau). Don besonderer Bedeutung sind hier die Ziffern aus Reichssteuerantellen. Die wiederholten -Senkungen der Einkommen- und älmsatzsteuer. die Ermäßigung des Länder- antellS an der Einkommensteuer von 90 Prozent auf 75 Prozent und vor allem der Rückgang des hessischen Anteils an der Einkommensteuer durch Herabgehen des Dertellungsschlüssels von 2,28 Prozent auf 1.86 Prozent bringen allein gegen die Rechnungszifsern deS Jahres 1924 einen Aus­fall von 5,19 Millionen, wobei zu beachten ist, daß die höheren Gesamteinnahmeziffern der spä­teren Jahre dem Lande auch einen entsprechend höheren Gesarntanteil gebracht haben würden, und daß ferner der Staat auS der Erhöhung seine- Anteils an der Einkommensteuer von 60 auf 65 Prozent etwa l/8 Millionen Mark ge­wonnen hat. In Wirklichkeit beträgt der Aus­fall, den das Land durch die erwähnten Maß­nahmen des Reichs erlitten hat, weit mehr als das Doppelte des Betrags von 5,19 Millionen. Heber diesen starken Rückgang des Landesanteils an der Reichseinkommensteuer und ihre Ursache (Besetzung) sowie über die daraus hergeleitete Ersatzforderung an daS Reich ist bereits soviel gesprochen und geschrieben worden, daß man jetzt eine allgemeine Kenntnis diese- Zusammenhangs vorat^setzen darf.

Welche- ist nun der tatsächliche Zu - stand der Finanzen des Landes, ge­messen an dem Voranschlag des Jahres 1927? Der Umstand, daß es bisher möglich war. den Neinen Fehlbetrag des Jahres 1925 aus anderen Quellen zu decken und daß es voraussichtlich auch in den Jahren 1926 uno 1927 gelingen wird (allerdings mit Hilfe des Reichs) die Fehlbeträge dieser Jahre zu decken, darf nicht über die Tat­sache hinwegtäuschen, daß seit dem Jahre 1926 die laufenden (verwaltungsmäßigen) Einnahmen um mehr als 7 Millionen Mark hinter dem laufenden Gesamtbedarf zurückbleiben. Und man muß weiter damit rechnen, daß sich in absehbarer Zeit der Gesamtbedarf um eine nicht unbeträcht­liche Summe auS einer zu erwartenden Bes o l - dungsreform erhöhen wird. Für einen nicht unerheblichen Bruchteil dieser fehlenden Summe hat das Land auS den bekannten Gründen Ersatz« anfprüche an das Reich, die in dem Augenblick ihn seine LebenSgeschichte erzählen, von einem ehrsamen Handwerk in einer unwahrscheinlich fer­nen Zeit, ehe der Krieg kam, und von weiten Landsknechtszügen durch Frankreich, Rußland und Serbien, bis in die Türkei hinein. In der Schil­derung dieser ungebundenen, unsteten Vagabun­denpoesie lagen die besten Eindrücke des Lwends.

Rach der Pause vernahm man eine Anzahl Gedichte, die sämtlich, trotz thematischen Ver­schiedenheiten, den typischen Stil der Herzogschen Lyrll aufweisen, ihre leichtflüssige Formgewandt- heit, die geradlinige, lebenbejahende unb vater­landstreue Gesinnung, wie sie in allem, was Herzog schreibt, immer wieder irgendwo durch­bricht. Die gehaltvollsten Verse in dieser Folge fanden sich, unserm Gefühl nach, in den floren- tinischen StimmungsbiIdern derMadonna re- diviva". während die .. Friderizianischen Ge­dichte" an eine während des Krieges viel ge­lesene Lyrik- und Balladenfammlung innerlich wieder anzuknüpfen scheinen.

Die Zuhörerschaft dankte zum Schluß mit anhaltendem Beifall.y

Neue Dickens - Erinnerungen.

®In englischer Mufllprvfessor deutsch-italienischer Abstammung. Francesco Berger, ist einer der letzten Ueberlebenden, die noch mit Dickens näher beireunbet waren; er hat jetzt seine persönlichen Erinnerungen an den großen Dichter im .Manchester Guardian' veröffentlicht. Als Berger in Leipzig Mustk studierte, wurde er mit dem ältesten Sohn befreundet, der sich hier aushielt, um Deutsch zu lernen. »Bei meiner Rückkehr nach meiner Vater­stadt London.' schreibt Berger, .empfing mich der Dichter als Freund seines Lohnes mit offenen Armen, und von diesem Augenblick bis zu seinem Tode brachte er meinem Geschick lebhaftes Jnlereffe entgegen. Viele der glücklichsten Stunden meines glücklichen Lebens habe ich mit Dickens und seiner Familie verbracht. Als fie in einem Sommer Zu­sammen nach Boulogne reisten, war ich auch dabei.

gegenstandslos werden, in dem die wirtschaftliche Entwicklung deS Lande- dessen Rrich-steueranteile wieder aus die Höhe bringt, tote sie vor der Be­setzung. vor allem vor dem Rhein- und Ruhrkrieg bestanden hat. Sine weitere K'^erung toirö au« der Gestaltung de- endgültigen Finanzausgleichs erwartet werden müssen, auf den die Mehrzahl der übrigen Länder und die Gemeinden ihre letzte Hoffnung setzen, wenn sie anders Hosfnung haben sollen, zu einer erträglichen Ordnung ihrer Fi­nanzen zu gelangen. Daß dazwi'cheit noch die Rotwendigkeit weiter besteht, strengste Sparsam­keit zu üben, sei eS durch Zurückhalten der AuS- gaben, sei es durch eine geeignete Reform der Staatsverwaltung wie der S.aatsausgaben. be­darf keines besonderen Rachwei'eS.

Neue Entwicklungen in der Rentnerfürsorge.

Don Direktor Dr. M a tz. M. d. R

Derschiedenartige Entwicklungen in der Rent­nerfürsorge, die sich im Laufe des letzten Jahres herausgeftettt Haden, geben wertvolles Material für die weitere Gestaltung dieser Materie. Das Reichsarbeitsministerium. das nach der Ver­ordnung über die Fürsorgepflicht mit dem ilebergang der Fürsorge an die Länder und Gemeinden bis zu einem gewissen Grade alS letzte Instanz ausgeschaltet ist, hat sich in letzter Zeit um die Festlegung grundsätzlicher Be­griffe der Fürsorge bemüht, und in bankenS- werter Weise in einer Denkschrift seine eigenen Erlasse und außerdem in größerem Zusammen­hänge^ der für alle Hilfsbedürftigen geltenden Richtsätze auch die Kleinrentnerrichtsätze aus allen Dezirksfürsorgeverbänden Deutschlands zusammengestettt. Diese Richtsätze stellen im all­gemeinen die Grundlage dar. auf der sich die Rentenbemessung im Einzelsall unter Berüchichti- gung der individuellen Verhältnisse aufbaut. Das Bild, das sich in den Richtsätzen herausstellt, ist so uneinheitlich, und die Richtsätze so will- kürlich und ohne ersichtlichen Zusammenhang mit den Lebens- und Teuerungsverhältnis en der be­treffenden Stadt bzw. des ländlichen Kreises, daß diese Zusammenstellung den besten Beweis für die Rotwendigkeit einer reichsgeseh- lichen einheitlichen Regelung in der ganzen Frage bildet, selbstverständlich mit ent­sprechender Staffelung unter Anlehnung an die örtlichen Verhältnisse. Warum beträgt z. B. der Richtsatz für die Einzelperson m Berlin 42 Mk., in Düsseldorf 48 Ml., in Frankfurt a.M. 43 Mk., in Wiesbaden 48 Mk.. in Wilhelmshaven 63 Mk.. in Hannover 50 Mk.. in Stettin 41 Mk.. in Königsberg 32 Mk., in Meißen 51 Mk. usw.

Irgendeine Beziehung auch zur Ortsklasse der betreffenden Stadt ist nicht zu erkennen. E nd schon die Richtsätze mancher Städte zum Leben durchaus unzureichend, so noch viel mehr in ländlichen Gemeinden, wo neben einigen gün­stigen Beispielen Betrage von 25 . 23. 18,50. 15 Rkarz als monatlicher Richtsatz Vorkommen. Danz ohne ersichtlichen Grund ergeben sich weiter, und zwar immer nur in einzelnen BezirkS- füriorgeverbänden. außerordentlich starke llntcr- schiede in der Abstusung der Sätze für einzel- stehende Personen und kinderlose Ehepaare, so daß für die Ehefrau nur ein Drittel, ein Viertel, ja ein Fünftel deS Richtsatzes der E.nzelverfon gewährt wird. Diese Ungleichmäßig!, iten werden zweifellos auch von den Ländern selbst emp- funden. So haben sich Thüringen und Mecklen­burg für ein Rentnerversorgungsgrietz ausge­sprochen, während im Hauptau-schutz des Preußi­schen Landtage- ein volk-parteilicher Antrag An­nahme sand, durch den die StaaiSregierung er­sucht wird, auf oaS Reich dahin einzuwirken, daß den Kleinrentnern ein rechtlicher An­spruch auf eine Daue^nbe ausrei­chende Rente gewährt wird.

Eine Derartige Regelung erweist sich um so nötiger, al- von den Vorzugsrenten nach dem Gesetz über die Ablösung der ösfentlichen Anleihen nur et toa ein drittel aus Rentner fallen. Der DurchschnittSsah der jährlichen Vor- zuASrente beträgt 119 Mk.. also ein vrrhällms- mafcig geringer Betrag. Eine schwere Enttäuschung für die Rentner bildet die Durchführung deS § 84 £c« HypothekenauswertungsgeseheS und § 26 d^S AnleiheablösungsgesetzeS über Freilassung deS Betrages von 270 Mk. Während einige Bezirks­ausschüsse den Rentnern günstige Entscheidungen getroffen haben, wird in anderen Fallen der Betrag auf die erhöhte Äleinrcntncnintcrftütjuiig gemäß §33a der Reichsgrundsäte bzw. 8 6 der geänderten Verordnung über die Fürsorgepslicht in Anrechnung gebracht

Manche Fürsokgeverbände haben die Rentner gezwungen, einen Antrag auf Gewährung der erhöhten Vorzugsrente (Verzinsung der Kriegs- anleihe mit 3 v. H. statt 2 v. H unter Hergabe der Papiere) zu stellen. Sin Erlaß des Reichs- arbeusministerS vom 23. Rovember erklärt ein derartiges Verfahren für unberechtigt.

(Sine Reihe von Wohlfahrtsämtern zahlen die Rente durch die Poft aus, eine würdige Form der Rentenauszahlung. Die weitere Ver­breitung dieser Form ist im Interesse der Rentner dringend zu wünschen.

Die betrachteten Momente in ihrer Gesamt­heit dürsten den Beweis dafür geben, daß bu Rentnerfürsorge in ihrer heutigen Form auch um der Zwiespältigkeit in ihrer Durchführung willen nicht mehr tragbar ist

Turnen, Sport und Spiel.

Schwerathletik.

Infolge der ausgedehnten Muskelarbeit ist das Ringen eilte der vorzüglichsten Kräftigungs- Übungen. Widerstand und Gewicht des Gegner- erfordern größte Kraftanstrengung. Die Bewe­gungen bedingen durch schärfstes Zusammenziehen der Muskeln für diese außerordentliche Wachs- tum-reize. Die Geschmeidigkeit guter Dinger kann jeder immer wieder von neuem bewundern.

AIS Ergänzungssport ist das Ringen fast für alle anderen Sportarten wertvoll. Der Ringer selbst muß. um sich höher zu qualifizieren, seine Reaktionsgeschwindigkeit und Schnellkraft durch Aufnahme leichtathletischer Hebungen, des Laufs, des Starts, des Sprunges und vor allem des Wurfes heben und vervollkommnen. Dann wird er besonders auf dem Gebiete der schwerathlell- schen Wurfübungen mit seiner Kraft und Massen- energie Im Kugelstoßen, Steinstoßen, Hammer- und Gewichtwerfen Hervorragendes leisten. Schwimmen ist schon aus rein hygienischen Grün­den ein wichtiger Ergänzungssport für den Ringer und Schwerathleten. Ebenso können alle Spiele in ausgezeichneter Art die Funktionstüchtigkeit von Herz und Lungen erhalten und steigern.

Der »starke Mann", der mit ungeheurer Kraft schwerste Gegenstände heben oder tragen kann, hat zu allen Zeiten und bei allen Völkern Bewunderung hervorgerufen Der »Athlet" war bis vor kurzem noch gar nicht anders denkbar als in einem gewissen Wuskelprvhentum.

Wir besuchten einen Jahrmarkt, der in der Stadt abgehallen wurde, und Dickens trug seinen jüngsten Sohn rittlings auf feinen Schul ern. damit er von der Menge nicht erdrückt wurde und alles genau sehen könne: die Männer mit den großen Trommeln, die bunten Gaslampen und die Schaubuden. Unser Aufenthalt in Boulogne nahm ein jäheS Ende, als dort eine Krankheit ausbrach, die damals den Aerzten neu war, aber heute als Diphterie gefürchtet ist. Dicken- hatte verschiedene Eigen- tümlichkeiten, unter denen einige der wichtigsten die war, daß er fein ganzes leidenschaftliches Temperament auf die Arbeit konzentrierte, die er gerade unter den Händen hatte. Ob er einem öffent­lichen Bankett präsidierte oder in einer Posse auf­trat. ob er Theateraufführungen oder Wohltättg- keitskonzerte leitete, ob er »Sir Roger' tanzte, während ich dazu spielte, oder ob et für seine Gäste einen Punsch braute immer war er derselbe, mit Leib und Seele bei der Sache. Was er tat, tat er mit voller Einsetzung seiner Kräfte, um nicht zu sagen mit Wut, wie wenn er noch niemals etwas derartiges getan hätte. Dickens war ein großer Kinderfreund; besonders liebte er Knaben, und eS gibt kaum ein Buch von ihm. in dem er sich nicht der Jugend angenommen hat. Ohne daß man ihn einen besonderen Feinschmecker oder Vielfraß nennen konnte, hatte er doch eine große Vorliebe für gute« und reichliches Essen und war auch dem Trinken nicht abgeneigt Aus den viel­fachen Schilderungen von Essen- und Trink- Szenen in feinen Büchern kann man diese Vor­liebe ablefen. Berger erzählt bann weiter von einigen Theateraufführungen, die Dickens zur Weihnachtszeit auf einer richtigen Bühne ver­anstaltete. die er im Garten seines Hauses er­richtet hatte. Wilkie Collins hatte die Stücke ver­saßt, und Berger mußte die Ouvertüren und die Zwischenaktsmusik komponieren. Die Stücke mach­ten solches Auflehen, daß sie sogar die Königin Viktoria sehen wollte, so daß eine Sondervor­stellung vor ihr stattfand. Dickens spielte die Hauptrollen. Als der Verfasser einmal von Dickens zum Essen in den Garrick-Klub eingeladen

Die ausschließliche Beschäftigung mit der Schwerathletik wird stets auch diese schweren Männer hervorbringen, da die Wachstumsreize für die Muskulatur äußerst große sind. Durch die ganze Art der dabei aufzuwendenden Arbeit wurde aber die Gefahr der Einfeitigkeit herauf- beschworen, wenn nicht in jüngster Zeit Vereine, die Schwerathletik pflegen, dazu übergegangen wären, hier einen Ausgleich zu schaffen. Auf die Bedeutung des Ausgleichssports fei hier ganz nachdrücklich hingewiesen. Er besteht in dem Be- trieb bet Leichtathletik, der Spiele unb im Schwim­men. Eine allgemeine grünbliche Gymnastik ist selbstverständlich.

Wer Lust unb Liebe an bet Schwerathletik hat unb sich gerne gründlich ausbilden lassen mochte, bem ist auch hier in Gießen Gelegenheit bazu gegeben.

Akademischer Ausschuß für Leibesübungen.

0 Während des Wintersemesters 1926 27 ift ber Akabemische Ausschuß für Lei­besübungen an ber Universität Gießen mit bret größeren Veranstaltungen an bie Oessent- Uchkeit getreten. Die erste führte nach ben schnee­bedeckten Hohen deS Hoherodskopses zu einem Schneeschuhwettlauf gegen die Vertreter ber Darmstädter Hochschule, (über diese Veranstal­tung ist bereits in unserem Blatte berichtet wor­den), die zweite war eine Schwimm veran­stalt ung im Städtischen DolkSbad. die drille

worden war, »betrat den Raum, wo wir saßen, ein großer breitschultriger Herr, der eine Brille auf einer etwa- häßlichen Olafe trug. Mein Wirt erhob sich, eilte auf ihn zu und brachte ihn an unseren Tisch. Es war Wllliam Makepeace Thackeray, und ich glaube, daß wenige Lebende sich rühmen können, mit zwei solchen Riesen der ßiteratur an einem Tisch gegessen zu haben. In seinem Aeußeren war Dickens weder ungewöhn­lich groß noch besonders Nein, weder dick noch dünn, aber er sah sehr »angenehm" aus. Er zog sich gut an unb hatte nichts vom Boh'mien in feiner Kleibung. Damals wurden schwarze Samt­westen viel getragen, und er erschien oft in einer solchen Weste, auf ber seine vom Hals fjerab- hängende Albrfette baumelte. Sein Gelächter war prächtig rpllenb unb anftedenb. seine Stimme beim Sprechen laut unb musikalisch, fein Hände- brud war fast schmerzhaft, unb seine ganze Hal- tung toürbig, ohne eine Spur von Selbstbewußt- sein. Wenn man feine Bücher lieft, erkennt man ben Mann, denn e« ist wenig in Dickens, was er nicht in seinen Werken offenbart hat."

Rauchen und Hunger.

ES ist eine oft gemachte Beobachtung, baß bas Rauchen bas Hungergefühl betäubt. Wie diese Erscheinung zustande kommt, hat ber eng- sisAe Arzt Sir Humphrey Oiollefton näher unter- sucht, bet darüber in einem Vortrag berichtet. -Dte O&irfung deS Rikotins auf ben Wagen ist bebeutenb, sagt er.Gibt man eine Mahlzeit, ber Wrsmut beigemengt ist. unb untersucht dann nrti Röntgenstrahlen, so zeigt sich nach einer kurzen Pertode erhöhtet Tätigkeit deS Magens em Zetttaum von etwa einer Stunde, in der die Magentätigkeit vollständig aussetzl. Da das fub- jektive Hungergefühl wohl mit Zusammen.ziehun- gen des Magens zusammenhängt, bie durch das Olttotin ausgeschaltet werben, so ist es ver- stanblich. baß Rauchen über ben Hunn f>in- wegtäuschen kann." -A