Samstag, (7. September 1921
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Ht. 2(8 Drittes Blatt
Das neue ArbeMojenversicherungzgesetz und der Gießener Arbeitsnachweis.
Oberhessen.
Landkreis Gießen.
£ Wieseck. K.öefrt. Für die Besucher der Landwirtschaftlichen Landesausstellung in Darmstadt aus Wieseck und Alten- Duseck, die den morgen vormittag 7.23 Htjr ab Gießen verkehrenden Sonderzug benutzen, wird voin Gemeindeverband Wiese« Alten-Buseck ein Sonderwagen gefahren. Die Abfahrtzeit des Wagens ist für Alten-Buseck auf 6.30 Mr, für Wieseck auf 6.45 vormittags festgesetzt. Einsteigmöglich^it ist bei allen Haltestellen. Die Rückkehr des Darni- städter Sonderzuges erfolgt morgen abend 9 Ähr, durch die Bereitstellung von Sonderwagen ist auch hier Gewähr für Rückbeförderung nach Wieseck und Alten-Buseck gegeben.
cP Lollar, 16. Sept. Das Preisschiehen des Veteranen - und Kriegervereins Lollar wird nunmehr am kommenden Sonntag zu Ende geführt. Als Höchstleistung sind bis jetzt 34 Ringe bei drei Schuß auf 12er Ringscheibe bei einer Entfernung von 175 Meter zu verzeichnen.
t Treis a. d. Lda., 16. Sept. Um den f ortwährenden Klagen der Rachbarn des hiesigen Gemeinde-Backhauses im Mitteldorf wegen Belästigung durch die Rauchentwicklung beim Backen zu begegnen, hat die Gemeinde jetzt den S ch o r n st e i n.des Backhauses so erhöh e n lassen, daß der Ranch über die umstehenden Häuser hinweg entweicht und wohl kaum noch den Rachbarn, und besonders bet nebenliegenden Schule Rachteil bringt.
D L i ch, 16. Sept. Da am nächsten Montag mit der Kleinpflasterung der Durchfahrtstraße Gieße n—H ungen begonnen wird, bleibt die Straße ab Montag bis auf weiteres für den Fuhrwerks- und Autoverkehr gesperrt. Für Umleitung innerhalb der Stadt ist gesorgt. — Am letzten Sonntag im September findet das Hauptschietzen der hiesigen Schühenge- s e l l s ch a s t statt. Dazu haben viele Vereine aus der näheren und weiteren Umgebung ihre Mitwirkung zugesagt. — Die Ernte der Frühkartoffeln wirb jetzt allenthalben vorgenom- men; sie ist als recht gut zu bezeichnen. Trotz der starken Feuchtigkeit der letzten Wochen zeigen einzelne Sorten, wie die frühe „Hindenburg" und die halbfrühe „Blaue Odenwälder" kaum Knollen mit Faulstcllen. Als eine Rekordernte kann man die Erträge der „Böhms Allerfrühsten" ansprechen. Der Preis beträgt für den Zentner im großen zur Zeit durchschnittlich etwa 3.— M.
# Trais-Horloff. 16. Sept. Die Er- neuerungs- und Um st ellarbeiten der Grube „Friedrich" werden sehr eifrig betrieben und schreiten rüstig vorwärts. Das gilt vor allem für die neue große Baggeranlage, die zweite ihrer Art in Deutschland, für den im Sagbau zu betreibenden Grubenbetrieb. Der eine Daggerturm, 21 Meter hoch, in unmittelbarer Rähe der Brikettfabrik, ist in Eisenkonstruktion errichtet und auf einem im Gleis fahrbaren Untergestell auf montiert; er dient zur Führung Des großen Baggerseils, an dem die aufgebaggerte Erde zur Kippe befördert wird. Gegenwärtig ist man mit der Montage des eigentlichen Baggers beschäftigt. Es ist dies ein 36,5 Meter hvh^r, ebenfalls ganz in Eisenkonstruktion errichteter Turm mit den gewaltige Ausmaßen von 20x12 Metern Grundfläche. Das Untergestell dieses gewaltigen Bauwerkes ruht auf drei großen Raupenschleppern, ähnlich den im Kriege verwendeten Tanks, deren jeder 10 Meter lang ist und zur Fortbewegung an der Kette ohne Ende 58 gußeiserne schwere Schleppeisen trägt. 2lls Antriebskraft ist in jedem Schlepper ein großer Siemens & Halske-Motor eingebaut. An der Rückseite des Baggerturms wird gegenwärtig in 6 Meter Höhe das Maschinenhaus in Eisen» gcstänge und mit Holzverschalung eingebaut, während das Führerhaus sich in schwindliger Höhe von 32 Meter befindet. Der Reubau soll so beschleunigt werden, daß die Baggerarbeiten zu Anfang Oktober beginnen können. Die Montagearbeiten werden von der Firma Bleicher aus Leipzig, einer Spezialfirma für Baggerkonstruktionen, ausgeführt. Diese moderne Baggeranlage ist sehenswert; sie wird im Betrieb staunenerregend sein, wenn man bedenkt,
Die Reugestaltung der Arbeitslosenversicherung in Deutschland ist in diesen Spalten bereits dargestellt worden. Manchem wird es nun wertvoll sein, zu wissen, wie sich diese Reuregelung in der Einrichttmg des Gießener Arbeitsnachweises auswirkt.
Auch dieser hört künftig auf, ein eigener Selbstverwaltungscörper zu sein; er wird eine Reben st eile der neuen Reichsanstalt in Berlin. Wann das Landesamt in Frankfurt am Main und mit ihm der Gießener Arbeitsnachweis jedoch von der Reichsanstalt übernommen wird, steht noch dahin. Es gewinnt den Anschein, daß noch eine recht erhebliche Zeit bis dahin vergehen kann. Einstweilen wird das neue Gesetz von den alten Organen durchgeführt. Vorsitzender, Geschäftsführer und Depwaltungsaus- schuß bleiben wie bisher. Rur insofern tritt eine Aenderung ein: Die bisher Mltige Verordnung über Erwerbslosensürsorge vom 16. Februar 1924 gestattete in § 27 Abs. 2 dem Vorsitzenden, die Entscheidung über Änterstühungs- g e s u ch e den Vorständen derjenigen Errichtungsgemeinden zu übertragen, die nicht Der» waltungsgemeinde toaren. Hiervon hatte man in Gießen Gebrauch gemacht. Die Entscheidungs- besugnis war den Kreisämtern Alsfeld, Lauterbach und Schotten für ihre Bezirke, ursprünglich auch den: Kreisantt Gießen für den Landbezirk des Kreises übertragen. Diese Äeber- tragung war in der Satzung festgelcgt. Sie hatte sich deshalb notwendig gemacht, weil bisher bei jedem Änterstühungsgcsuch die Bedürftigkeit des Gesuchstellers nachgeprüst werden mutzte. Diese Rachprüfung erforderte Vertrautheit mit den örtlichen Verhältnissen, wenn nicht bedenkliche Entscheidungen vom grünen Tisch her ergehen sollten. Bei der großen räumlichen Ausdehnung des Arbeitsnachweisbezirkes konnte die erforderliche Kenntnis der öülichen Verhältnisse jedes einzelnen der vielen Hunderte von Gemeinden mit ihren ganz verschiedenen wirtschaftlichen, klimatischen und Bodenverhältnissen bei der Giehener Hauptstelle nicht vorausgesetzt werden. Die neue Gesetzgebung kennt eine Bedürftigkeitsprüsung nur in Ausnahmefällen, nämlich in der Krisen»
daß ein so gewaltiges Bauwerk, einem großen Kirchturm vergleichbar, auf dem Ackerland um- hergesahren wird.
Kreis Friedberg.
z Friedberg, 16. Sept. Gemeinsam Wolken Geistliche und Lehrer unseres Kreises vorgehen, um gegen den Reichsschulgesehen t to u r f Stellung zu nehmen. Die Anregung dazu ging vom Dekanat Friedberg aus und wurde in einer Lehrerversammlung begrüßt. Die gemeinsame Tagung soll in den Herbstferien in Friedberg stattfinden und sich zu einer eindrucksvollen Kundgebung für die Gemeinschaftsschule gehalten.
# Reichelsheim, 16. Sept. 3n ihrer ordentlichen Generalvers ammlung satzte die Spar- und Kreditkasse den Beschluß, ein neues K a s s e n g e b ä u d e zu errichten. Die jetzigen Geschäftsräume find durch den sich immer mehr ausbreitenden geldlichen Verkehr unter Leitung des Rendanten Vogt zu klein geworden. Rach Ausschreibung der Bauarbeiten ist nun mit den Erdarbeiten begonnen worden. Die Maurerarbeiten wurden dem hier ansässigen Maurermeister Fast übertragen. Der Reubau kommt an eine der schönsten Stellen unseres Ortes, Ecke Bahnhof- und Bingenheimer Straße, zu stehen. Die Bauarbeiten sollen so beschleunigt werden, daß der Reubau bis zu Beginn des Winters unter Dach kommt. 3m nächsten Früh- jcchr soll der 3nnenausbau vorgenommen werden. Für Eigenzwecke und auch zum Vermieten werden im Kellergeschoß feuer- und diebessichere Schrankfächer eingebaut. Die Ausarbeitung der Pläne, die Barckeitung und Dauüberwachung wurden dem Dauamt der hessischen Landwirtschaftskammer zu Darmstadt übertragen.
sürsorge. Damit entfällt der Grund, der zur Hebertragung der Entscheidungsbefugnis bestimmend war. Zugleich aber sieht das neue Gesetz in dem entsprechenden Paragraph 172 diese ^Übertragung nicht mehr vor. Lediglich die Entgegennahme und Vorprüfung der Anträge kann den Gemeinden und Gemeindeverbänden übertragen werden, desgleichen auch nach Paragraph 205 „andere Geschäfte", wie etwa die Auszahlung der Hnterstühungen. Die Entgegennahme der Anträge und die Auszahlung der Unter» stützungen, wie auch die Kontrolle der Arbeitslosen wird mit Ratumotwendigkeit den Gemeinden außerhalb des Sitzes des Arbeitsnachweises übertragen werden müssen. Schriftlich läßt sich das alles schwer erledigen, und große Reisen oder Wanderungen können vom Arbeitslosen nicht verlangt Werder:. Dagegen steht die Entscheidung über das Unterstühungsgesuch für den ganzen Arbeitsamtsbezirk künftig allein dem Vorsitzenden zu. Gegen seine Entscheidung konnte der Unterstützte bisher Beschwerde an den Verwaltungsausschutz einlegen. Aus den eben ausgeführten Gründen hatte der Derwaltungsausschuß die zweitinstanzliche Entscheidung den aus feiner Mitte gebildeten Unterausschüssen, den sogenannten Zweigausschüssen in Gießen und in den Kreisstädten, übertragen. Der Derwaltungsausschuß hat künftig damit nichts mehr zu tun. Damit erledigt sich die Tätigkeit dieser Zweigausschüsse. Vielmehr ist am Sitze des Arbeitsnachweises in Gießen selbst ein Spruchausschuß neu zu bilden, der über Beschwerden entscheidet (Paragraph 178). Die Verhandlung vor dem Spruchausschuß, auch das ist neu, ist mündlich und öffentlich (Paragraph 195 Abs. 2). Gegen seine Entscheidung. ist ein weiteres Rechtsmittel, die Berufung an die Spruchkammer des Landesarbeitsamts eingeführt. Das Prüfungsverfahren erfährt durch den Wegfall der Bebürftig- keitsprüsung eine sehr wesentliche Vereinfachung. Was aber dadurch für die öffentliche Hand an Arbeit erspart wird, wird durch die Ausgestaltung und Erweiterung des Rechtsmittelzuges voraussichtlich wieder ausgewogen, ja wahrscheinlich
1 noch übertroffen.
Kreis Büdingen.
# Ober-Widdersheim, 16. Sept. Die Rachfrage nach den Erzeugnissen der hiesigen Basaltindustrie hat sich in den letzten Wochen weiterhin gesteigert. Die immer mehr in Anwendung kommende Betonbauweise erfrr dert große Mengen Basaltgrus und Dasaltklein- schlag. Ebenso werden für den Straßenbau große Mengen Pflastersteine, vor allem Kleinpflastersteine, benötigt. Täglich werden z. Zt. von den beiden hiesigen Basaltwerken, dem Harkbasaltweick von 3ohs Ä i ck e l und dem verpachteten Ge- metndesteinbruch (3nhaber Abt. Lupp L Co.) 40—45 Eisenbahnwagen von je 20 Torrn en Fassungsraum verladen und teilweise nach Südbayern und dem Elsaß, aber auch nach Rord- deutschland verfrachtet. Dazu werden von Fuhr- werken der umliegenden Dörfer nicht geringe Mengen abgeholt. Die großen Erweiterungsbauten des Hartbasaltwerkes sind beendet. Als Abschluß des Werkes und zur Verbreiterung der Fahrbahn wurde an der Gildenwaldstraße eine große 65 Meter lange Betonstühmauer von 5—7 Meter Höhe errichtet. Die Arbe ten wurden vom Maurergeschäft Bach, Wallernhausen, ausgeführt. Die Pächter des sog. Gemeindesteinbruchs beabsichtigen eine Verladeanlage mit Anschlußgleis zu errichten, um den Transport der Erzeugnisse vorn Bruch aus wirtschaftlicher zu gestalten. Seither geschieht die Beförderung per Achse, woraus den hiesigen Fuhrwerksbesihern ein erklecklicher RcbenverÄenst erwächst, wurden im letzten Geschäftsjahre doch etwa 9000 M. für Fährlöhne ausbezahlt. Weiterhin soll noch in diesem 3ahre ein zweiter größerer Brecher angeschafft werden, wozu bereits die Vorarbeiten verrichtet werden. Während im letzten 3ahre in
beiden Werken nur 80—90 Mann beschäftigt wurden, ist die Belegschaft jetzt auf über 200 Arbeiter gestiegen. — Die Gleisumbauarbeiten am hiesigen Bahnhof sind beendet. Für den immer mehr steigenden Güterverkehr siird die Gleis- und Verladeverhältnisse zu eng geworden. Die Reichsbahnverwaltung plant des- halb eine Bahnhof serweiterung nach Westen zu.
# Echzell, 16. Sept. 3n der jüngsten Gemeinderatssitzung wurde auf Antrag des Beigeordneten Stoll einstimmig der Beschluß gefaxt, gegen die beabsichtigte Umwandlung des hiesigen Postamts in eine Postagentur Protest zu erheben; auch soll gegebenensalls eine Kommission bei der Oberpostdireltwn in Darmstadt persönlich vorstellig werden. Weiter- hin wurde der Beschluß gefaßt, zur Eindeckung des Södler Weges zwei Waggon mittleren Klein- schlag zu beziehen, dagegen will man dem Antrag des Forstamts Bingenheim nicht entsprechen, der die Chaussierung des GeorgenwegeS vorschlägt und eine gemeinsame Waldwegbefestigung mit der Gemeinde Bisses empfiehlt.
Kreis Schotten.
I Ober-Lais, 16. Sept. Die hiesige För- sterwohnung entsprach schon seit langem nicht mehr den Bedürfnissen. Sie ist zudem zur Zeit noch durch den pensionierten Förster Schickedcmz beseht, der anderwärts noch keine Wohnung finden konnte. Rachdem nun die hiesige Försterstelle mit Förster Klipstein wieder endgültig besetzt worden ist, hat die hessische Reg.run.', die schon lange beantragteE r r i d> t u n g eines neuen For st Hauses beschlossen. Die Gemeinde wird den erforderlichen Bauplatz zur Verfügung stellen. Die Ausschreibung der Arbeiten dürfte in den nächsten Tagen erfolgen. — Bei den Vorarbeiten für die hiesige Feldbe - reinigung ist die Aufnahme des jetziger: Besitz- und Kultur st andes so ziemlich beendet. Denrnächst soll mit der Bonitierung begonnen werden.
T Glashütten, 16. Sept. Die Heber zeugung, daß der Landwirt in unserer Gegend mehr als bisher Wert auf die Viehzucht legen müsse, um seinen Betrieb rentabel zu gestalten, bricht sich immer mehr Bahn. Da zu gedeihlicher Viehzucht eine gesunde, naturgemäße Aufzucht des 3ungviehes gehört, so wurde hier beschlossen, gelegentlich der hier in der Durchführung begriffenen Feldbereinigung das nötige Gelände für die Einrichtung einer3u n g» Viehweide bereitzustellen.
Kreis Alsfeld.
M Alsfeld, 16. Sept. Stadtvor- st a n ds s i h un g: 3n einer besonders Äibe» räumten Sitzung des Stadtvorstandes am Donnerstag erstattete Oberingenieur Gudernatsch von Darmstadt, der schon feit einer Reihe von 3ähren als Sachverständiger der Stadt Alsfeld für die Angelegenheiten der Elektrizitätsversorgung tätig ist, ein Gutachten über bie Umstellung desElektrizitätswerkeS Alsfeld von Gleich st rom auf Dr eh- st r om. Die Veranlassung hierzu hatte ein Beschluß bei Anschaffung eines weiteren Gleichrichterschrankes für die Uniform er ftation gegeben, auf Grund dessen der Prüfung des Projekts ies Umbauet des gesamten Ortsnetzes von Gleichstrom ax." Drehstrom näher getreten werden sollte. Aus dem von dem Sachverständigen vorgetragenen Gutachten heben wir folgendes Wesentliche hervor: Das vor etwa 30 3ahren errichtete Ortsnetz wird mit Gleichstrom mit einer Verbrauchs, pannung von 220 Volt gespeist. Seit 3anuar 1924 ist die eigeneStromerzeuaungs- anlage aufgegeben worden, es wird von da ab Dreh ström mit einer Spannung von 2 ) 000 Volt vorn Heberlandwerc der Provinz Oberhessen bezogen und in drei Transformatoren auf 380 Volt transformiert. Dieser Riederspannungs- drehstrom wird alsdann in einer Glasgleichrichteranlage in Gleichstrom mit einer Svaunung von 220 Volt umgeformt. Da die Transformierung und Gleichrichtung einen steten gewissen Verlust verursacht, der etwa 25 Prozent beträgt, so ist von der Stadtvertretung die Frage aufgeworfen worden, ob es nicht besser und zweckmäßiger sei, die Anlage von Gleichstrom auf Drehstrom umzubauen und in Zukunft Dreh-
Zwischen M und sieben
Roman von Liesbet Dill.
Copyright bei Morawe & Scheffelt Verlag, Berlin.
17. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Und da tarnen Sie zu mir?"
„Ja. Ich muß heraus aus diesem Gewebe. Ich kann's nicht mehr, es erstickt mich ..., ich will ein Ende machen zwischen uns."
Sie zuckte zusammen. „Ich wußte es — als Sie eintraten —" sagte sie tonlos.
„Wenn Sie das wußten, Gräfin, und, wie es scheint, bedauern ... in Melittas Interesse natürlich — weshalb, wenn ich fragen darf, haben Sie mich solange im Dunkeln tappen lassen?"
„Aber wußte ich denn, daß Sie--?"
„Sie wußten es. Sie mußten wissen, daß zwischen uns etwas nicht mehr war wie sonst ... Sie wußten es von--ihr selbst. Melitta hat Ihnen
immer alles gesagt. Nein, lügen Sie nicht ... Ich weiß, daß Sie cs wußten. Weshalb tarnen Sie nicht zu mir? Bin ich so schrecklich, daß man mir die Wahrheit nicht sagen kann? Bin ich so feige, daß ich das nicht mehr ertrage? ... Ich- frage Sie, Gräfin ... seit wann kennt sie diesen Mann? Und woher ist er aufgetaucht? In Gesellschaften hab' ich ihn noch nirgends getroffen. Wo hat sie ihn kennen gelernt, auf der Straße oder wo?
Ethel schloß die Augen wie vor etwas Furchtbarem, das man kommen sieht, und nicht mehr aufhalten kann ... Das Zimmer schien enger zu werden, die Wände rückten näher. Er saß vor ihr mit gebauten Fäusten und einem starren, eisigen und entschlossenen Blick in den Hellen Augen ..
Visionär stieg ein Bild vor ihm auf ... Im Vorüberfahren erfaßt, das ihm im Gedächtnis geblieben war .. Ein Verdacht ... ,,f)ab’ ich ihn gestern vielleicht--?" Er beugte sich vor und sah sie an.
„War er — das?"
Sie gab nach. „Ja", sagte sie. „Ja, wir fuhren an feinem Haus vorbei, er stand am Hoftor . ."
Ein Schauer lief über fein fahles Gesicht. „Also — das — — war — er? Und wann und wo haben sie sich zuerst gesehen?" fragte er. Es klang heiser und hart ...
„Im Kurhaus ... Fastnacht ... voriges Jahr ... im März ... auf einem Maskenball. Warum lachen Sie, Manfred? Es ist doch schließlich gleichgültig, wo man sich kennen lernt ..."
„Gewiß, man farm sich in einer Kathedrale kennen lernen oder an einem Laternenpfahl. Auf einer Maskenredoute also. Das ist sehr hübsch ... Ich hatte versäumt, hinzugehen, mache mir nichts aus Karneval — er liegt mir nicht — — ich stehe da herum wie der gestiefelte Kater, weiß keine drei Worte zu sagen, weder zu Kolombine noch zu Bajazzo. Ich bin traurig, wenn andere lachen. Melitta liebt das — — sich zu verkleiden ... Sie ist ja Rheinländerin ... sie versteht das ... Sie ging als Pierette, nicht wahr? Schwarz mit Silber und eine giftgrüne Mütze? Ich weiß noch ... Sie küßte mich, ehe sie fortfuhr, sie war lehr schön und klapperte mit der Pritsche ...Ich Hao' ihr noch viel Vergnügen gewünscht ... Und auf diesem Fest hat sie ihn getroffen ... War das Zufall oder ... vorbereitet etwa?"
„Zufall. Er kam an unseren Tisch. Ich hatte ihn vorher nie gesehen, er kam aus England, es war sein erstes (jeft ... hier ...Er tarn — spontan — zu Melitta, tanzte mit ihr, dann habe ich die Beiden aus den Augen verloren ... Sie sagte mir nachher, er wollte Besuch machen."
„Ader er ist nie gekommen."
„Nein ... es war besser ... in diesem Fall. So kennt ihn niemand--. Er ist hier ganz unbekannt --der Sohn eines Sektsabrikanten ...
er will wieder ins Ausland gehen ... im Frühjahr ..."
„Sie haben ihn also nie mehr wiedergesehen?" „Nein, nie mehr ..."
„Aber von ihm gehört ...?"
Sie schwieg. „Ich habe kein gutes Gewissen Ihnen gegenüber. Aber was konnte ich — als ihre Freundin — tun? Ich habe sie gewarnt, habe geahnt, wie es kommen würde ... Es war eine Leidenschaft --von beiden Seiten — zuerst--
aber von seiner Seite, glaube ich, ist es jetzt zu Ende ... Er behandelt sie schlecht. Läßt auf sich warten ... Unter Vorwänden schreibt er ihr im letzten Augenblick ab ... Melitta leidet darunter, aber es scheint, daß ein Wiedersehen, wenn es wieder einmal zustandekommt, ihr die Bitterkeiten
(Fortsetzung folgt.)
ersetzt ... Sie kennt ihn, ist sich klar über seinen Charakter, sie ist durchaus nicht blind ..."
„Und gestern die Fahrt zu der Madonna ... war das auch Zufall ... ober arrangiert? Damit sie sich sehen konnten ... wenigstens ... aus der Ferne ... Sie konnte ja nicht kommen, hatte ihm abtelegraphiert ... und er stand vor seinem Tor ... Er wußte wohl, wir mußten vorbei ... ein Blick im Vorüberfahren ... das genügt--sie war den
ganzen Tag wie im Fieber ... man sah es ja ... So reden Sie doch!" rief er. „SagenSie mir alles, ich weiß ja alles, wie Sie sehen, ich bin ganz ruhig, ganz gefaßt ... nichts, was mich mehr in Staunen setzen kann ... gar nichts mehr ..."
„So hören Sie mir wenigstens zu . . Manfred ... Die gestrige Fahrt war Zufall ... die Begegnung am Tor ... er konnte das nicht wissen ... Sie sahen ja, wie er sich umdrehte ... sie grüßten sich nicht einmal ...So ist es immer in der letzten Zeit ... immer kommt etwas dazwischen, das sie trennt ... und wenn es nichts ist, ist er verreist ... er schreibt ihr ab. Warum? Ich ahne es nicht. Diese Reisen sind erfunden ... ich vermute, es ist nicht eine andere Frau ... es ist einfach ... aus ... Und sie glaubt das nicht ... sie klammert sich an jede kleine Hoffnung.
Je schlechter er sie behandelt, desto heißer liebt sie ihn ... Nie hat er eine Aufmerksamkeit für sie ... keine Blume, er beantwortet keinen Brief, schickt nur Depeschen oder telephoniert — er ist ja so vorsichtig"
Melitta! Melitta! Es war, als müfie er sich über sie werfen und sie schützen. Er stöhnte auf, den Kopf in den Händen verborgen.
„Sie tut mir leid, ich habe sie lieb, aber sie ruiniert sich ... Es handelt sich hier nicht mehr um eine Liebelei ...zu der Melitta niemals zu haben wäre, dazu ist sie zu ernst, zu wertvoll und zu großzügig ... Es handelt sich einfach um eine Leidenschaft und um die Frage, was das beste für Melitta ist. So wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben. Sie zerreibt sich in diesem Kampf und ... Sie auch. Und da Sie nun alles wissen ... sollten Sie nicht mehr zögern ..."
„Sie meinen ...?"
„Ja ... Geben Sie sie frei ..."
Ein nervöses Zucken zerriß fein Gesicht. Etwas heißes wie eine Flamme lief über seine hohe
I Stirn ...Er griff sich nach dem engen Kragen ... | Das Ende, dachte er ... Das, was er gefürchtet hatte, stand nun vor ihm .. greifbar--fürch
terlich nahe... Die Per.dule tickte fein und fiebernd in die schwer« Stille des Raumes. Ein Licht lief an den goldgleißenden Wänden entlang und verschwand ...
Sie schwiegen. Draußen rauschte der Regen. Er saß vor ihr in dem Sessel wie gebrochen und sah mit starrem Blick in die Feme ...
„Sie müssen das tun, was für Sie beide das beste ist", wiederholte sie.
Er hob den Kopf. Seine Augen waren rot, wie entzündet, sie brannten. Er nahm die Brille ab. Es gab ihm ein fremdes, verändertes Aussehen. „Ja," sagte er tonlos, „ich will es tun."
Er erhob sich. „Ich muß es selbst hören, aus Melittas Mund. . . Ich hab' das alles — — so geahnt--aber nicht gewagt--zu glauben,
--ja, Gräfin — — ich bin nur ein einfacher Mensch. Ganz unkompliziert. In diese neue Welt passe ich gar nicht, ich fühle mich darin unsicher--
wie auf dem Parkett... An meinem Flügel, vor meinem Schreibtisch, auf dem Podium, da bin ich der, den Sie alle kennen, und in meinen vier Wänden bin ich zu Haufe. Und sie hatte mir so wundervoll --aber diese Reminiszenzen führen zu nichts
— sie wühlen nur auf ... es ist ein Begräbnis heut ... und ich will's vollenden ..."
„Was werden Sie tun? Doch um Gottes willen nicht so zu Melitta hingehen?"
„Doch. Ich werde sie fragen, nachdem ich von Ihnen weiß ... was ich wissen wollte/'
„Und dann? Werden Sie ... sich von ihr tren en? O, mein Gott! Sie, die beiden, die ich so lieb hatte!" Sie ergriff seine Hände. „Manfred, ich beschwöre Sie, lassen Sie ihr Zeit .. jede Leidenschaft vergeht--"
„Und darauf, denken Sie, soll ich warten?" Er machte seine Hände aus den ihren los. „Nein, dazu . . . hab' ich sie zu hoch gehalten und ... zu sehr geliebt . . .
Ich hab' mir — nur — um alles zu erfahren — Zeit gelassen. Ich danke Ihnen."


