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Glockenspiel.

Don Alfred Richard M e h e r.

Jeden zweiten Lag nmh ich von meinem geliebten märkischen See ins Dorf hinab, den da- hingeschwundenen Vorrat meiner Lebensmittel wieder aufzufüllen und tnich rasieren zu lassen. Das letztere geschieht bei einem sehr künstlerisch aussehenden Varbier, dem man es gern glaubt, daß er in feiner Jugend in einer Dilettantenvor- stellung einmal den Romeo mit größtem Erfolg gespielt hat; außerdem ist der gute Mann selbst­verständlich auch ,nusikalisch, weshalb er denn einen Radioapparat mit Lautsprecher in seiner fliegendurchsummten Stube hat. Die sechzig Kilo­meter, die uns räumlich Don Berlin trennen, werden durch Wellen überbrückt, die mir, während ich umständlich eingeseift und noch umständlicher geschabt werde, allerlei übermitteln, was so das Programm just aufzuweisen hat: meistens Gram­mophonmusik, einmal der Dichter Hans Alfred Kihn mit seinem urkomischen Klcrbehn-Vortrag. dann wieder Ratschläge, wie ich meinen Kindern einen Sportgarten anlegen soll ach, mein ge­liebter See mit aller Freiheit seiner langen Ufer ist uns tausendmal lieber!, und bisweilen auch Wohl mittags das Spiel der Berliner Paro- chialkirche.

Rur wenige Male bin ich früher durch die Klosterstraße gegangen, wo diese Kirche, nach R erings Entwurf 1714 von G erlach be­endet, steht; imb jedesmal habe ich fein gewartet, bis es soweit war, daß dieses alte Glockenspiel zagend und zitternd ausklang, das einmal König Friedrich!, um teures Geld aus Holland für den erhöhten Münzturm seines Schlosses kommen ließ und das Andreas Schlüter, der Kchlohbaudirektor, dem die Vollendung dieses Turmes aufgetragen, nie zu hören bekam, da er, von feinem königlichen Auftraggeber verbannt, verbittert in St. Petersburg starb. Der Münz- hirm mußte seines mangelhaften Hintergrundes vnd gewaltiger Risse in den verschiedenen Stock- fr-erfen wegen abgetragen werden; an seiner Stelle fcxirb der Turm der neuen Parochialkirche vom König dazu au.sersehen, das aus dem Rumpel- kxller wieder hervorgeholte holländische Glocken­spiel über Berlin in allerlei schönen, alten Kir-

Nr. 2f8 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oherhessen)5amstag, 17. September 1927

Genf und die Außenwelt.

Außenpolitische Umschau.

Von Professor Dr. Otto Hoetzsch. OK. b./R. Mitglied der deutschen Dölkerbundsdelegaiion in

Genf.

Die Völkerbundstagung ist itoch in vollem Gange, vornehmlich hat sie sich auf das Problem zugespiht, ob zur Bekundung und Durchsetzung des Finedens- und Abrüstungswillens des Völ­kerbundes die bisherigen Satzungen und Verträge ausreichen, etwa zu bekräftigen durch eine neue Deklaration, oder ob, wie ein erheblicher Teil in der Versammlung wünscht, doch zur Aus- fülhmg der bekannten Lücken im Völkerbunds­statut wieder auf das Genfer Protokoll in irgend­einer Form zurückgegriffen werden solle. Dar­über wird in der 3. Kommission unter dem Vor­sitz Benefchs gehandelt. womit der ganze Kom­plex der Abrüstungsfragen überhaupt schier unübersehbar sich von selber wieder auf­rollt. Ob es richtig fein wird, wie über die Generaldebatte zusammenfafsend imJournal de Geneve" gesagt wird, daß nach zwei Jahren des Zögerns der Bund ^etzt wieder vorwärts marschiere, steht noch dahin.

So ist das Gesamturteil über die Tagung noch zurückzuhalten. Rur selten einmal spielen in sie Fragen von draußen hinein. Der Pole hat die Vereinigten Staaten erwähnt, aus denen übrigens dem Völkerbund eine große Schenkung für die Bibliothek zugeflossen ist. Der Pole wie der Lette haben Rußland ge- Inannt. Aber das ist nur ganz gelegentlich.

Aus Rußland verfolgt man die Verhand- kungen mit Mißtrauen und mit der bekannten ermüdenden Wiederholung, daß sich auch dort die Front gegen die Sowjetregierung weiter vor- dereite. Der polnische Antrag, dem Deutschland. Frankreich mrd England zustimmen, gibt dazu stricht die geringste Veranlassung. Er legt ja die Verpflichtung auf, jeden Angriffskrieg zu ver­meiden. Lind toetm England, wie Chamberlain förmlich gesagt hat, diesem Antrag, der den An­griffskrieg verfehmt und untersagt, zustimmt, so ist das auch für die Beurteilung angeblicher An­griff sabsichten wichtig, die man in Moskau im­mer wieder England zutraut.

Zwei Einzelfälle, aber recht schwerwiegender und weittragender Art,unabhängig von der Genfer Versammlung und neben ihr, haben in der letzten Woche Rußlands Stellung ver­schlechtert. Das ist einmal der Konflikt mit Aantreich um den russischen Botschafter in Paris, Rakowski. Dieser hat eine Erklärung der Par­teiminderheit anläßlich der Verhandlungen des kommunistischen Zeirtralkommitees mit unter­schrieben, die die Angehörigen von Ländern, die im Krieg mit Rußland sind, verpflichtet, akttv für die Riederlage ihrer Regierung zu arbeiten undalle fremden Soldaten einladt, zur roten Armee überzugehen. Das ist nun für einen aktiven Botschafter starker Tabak und der Protest des französischen Ministeriums da­gegen ist sehr begreiflich unb berechtigt. Tschi­tscherin hat auch sofort diese Erklärung miß­billigt. Wer aus Frankreich mehren sich die Sttmmen, die die Abberufung dieses Botschaf­ters fordern, und Rußland wieder weigert sich eben doch, den scharfen Strich zu ziehen, der hier nötig ist.

Das ist das allgemein Bedeutungsvolle dieses Vorfalles. Rußland tnihbilligt, daß sein Bot­schafter eine Erklärung abgibt, die die 3. Inter­nationale abgeben könnte, und sogleich reserviert es jedem, also auch seinem Botschafter, doch das Recht, an dergleichen Bemühungen sich zu be­teiligen. Das ist die absichtliche Unklarheit zwischen russischen Regierung und Komintern, die immer aufrecht erhalten toirb. Aber ohne ihre Beseitigung wird das Verhältnis Rußlands zu den anderen Mächten aber nicht vorwärts gehen.

Roch wichsiger ist der Abbruch der Be­gebungen, den der Kongreß der englischen Gewerkschaften in Edinbourgh am 6. September gegenüber den russischen Gewerkschaften ausge­sprochen hat. Fast zwei Millionen haben sich da­für ausgesprochen, nur 600 OOO dagegen. Das ist der Llbschluß einer längeren Entwicklung, die

schon mit der Auflösung des englisch-russischen Komitees begann.

Der Beschluß steht zunächst unter Wahlrück­sichten. In einem kommenden Wahlkampf, auf den man sich in England durchaus schon vorbe­reitet. hätte der Vorwurf gegen die Arbeiter­partei eine für sie verhängnisvolle Rolle ge­spielt. sie stünde in Beziehungen mit Rrchland und habe infolgedessen kommunistische Absichten. Diesem Vorwurf ist schon jetzt die Spitze abge­brochen worden und die Zusammenarbeit zwi­schen Arbeiterpartei und Liberalen wird damit von einer großen Belastung freigemacht.

Aber es ist nicht nur Wahlerwägung, die hier mitsprach. Die Führung der englischen Ge-

werHchasten beendet eine Beziehung zur russi­schen Arbeitergewerkschaft. für die bei den Eng­ländern eine Minderheit sehr energisch arbeitete. Der 'Beschluß ist zugleich ein Sieg über die eige­nen Radikalen und iomml aus der anttkommuni- stischen (Stimmung, die auch in der englischen Arbeiterschaft besonders stark ist.

Run wird man in Rußland natürlich sagen, daß auch die Gewerlschaften in die Rühe der für einen Angriffskrieg gegen Rußland arbeitenden eingetreten seien. Davon ist keine Rede. Aber der Abschluß einer Entwicklung in der englischen Arbeiterschaft, der in dem Edinbourgher Beschluß zum Ausdruck kam, wird die Wiederaufnahme der englisch-russischen Beziehungen noch mehr erschweren und in Rußland sieht man keine Anzeichen, daß man, wie ihm der Vorfall mit Rakowski und der Beschluß von Edinbourgh zeigt, klar und entschieden drehen muh, wenn man überhaupt Beziehungen mit den europäischen Mächten hoben will. Die will man haben, weil man sie haben muß. und diese Rotwendigkeüt

wird durch die Erklärungen der Moskauer Presse gegen hie Genfer Verhandlungen nicht aus der Welt geschafft.

In Genf denkt niemand daran, eine solche Front zustande zu bringen. Das russische Problem steht vielmehr ganz draußen, außerhalb der Ver­handlungen und Besprechungen, der Erwägungen

und Besorgnisse darüber, wie man Überhaupt den Völkerbund vorwärts bringen könne, dem Abrüstungsgedanken einen neuen Stoß vorwärts, einen neuen Auftrieb und Antrieb nach oben geben könne.

Italien und der Völkerbund.

Don unserem Dr. tia.-Derichterstatter. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Rom, Mitte September 1927.

Die Beziehungen von Rom zu Genf, die Haltung Mussolinis zum Völkerbund, hat sich etwas geändert seit der Zeit, da ein Mitglied der italienischen Delegation erklären konnte, Rom hat in Genf nicht Den Völkerbund zu vertei­digen, sondern Italien gegen denVolker- bund. Das schroffe Wort stammt aus der Pe­riode, da man nach regelmäßigen Vorbespre­chungen zwischen London und Paris Italien freundlich einlud, auch seine Unterschrift zu geben. ,

Das Mißtrauen Mussolinis gegen die Zwei- mächte-Politik hat sich abgeschwächt, nachdem er in einem persönlichen Meinungsaustausch mit Chamberlain die Gründlage für eine italienisch- englische Verständigung gelegt hat. Die Skepsis gegen die Wirksamkeit des Völkerbundes aber ist geblieben. Es macht sich nachteilig geltend, daß Mussolini selbst stets fern bleibt und sich somit auch der Möglichkeit entzieht, durch per­sönlichen Kontakt mit den anderen Außenministern diese oder jene Frage zu klären. Für diele Hal­tung Mussolinis ist wohl maßgebend, daß er tatsächlich nicht in der Lage ist. sich in regel­mäßigen Zwischenräumen für eine Woche von Rom zu entfernen, da dann die ganze von ihm allein bediente ita lienische Regie­rungsmaschine still steht. Rach den vier­maligen Attentaten kommt auch der Gesichts­punkt feiner persönlichen Sicherheit in Frage weniger für ihn selbst, denn er ist völ­lig Fatalist, aber doch im Interesse des Landes. Auch die persönliche Antipathie B r i a n d s und Danderveldes gegen Mussolini sprechen mit. Sie gehen ist erster Linie wohl auf inner- politische Gegensätze der faszisttschen Staats­auffassung zur demokratisch-sozialistischen zurück und verletzen gerade dadurch Mussolini, der immer wieder betont, daß der Faszismus fein eigenstes Werk und eine ausschließlich italienische Angelegenheit sei, in die sich einzumischen einer anderen Regierung nicht zustehe. Die Taktlosigkeiten Vandervelles in Genf während Mussolinis einziger Teilnahme an der Ratssitzung, die sich denn auch in der ein­fachen Ignorierung der Einladung Mussolinis durch ftanzösische, belgische und jugoslawische Pressevertreter auswirkte. die vorangegangene Unhöflichkeit Driands während der Ratstagung in Rom. wo er als letzter der Delegierten erst am letzten Sihungstage Mussolini einen Besuch abstattete all dies wird in Mussolini auch aus persönlichen Gründen den Wunsch nach einer Teilnahme an den Rats­sitzungen nicht verstärkt hoben.

©olange eine selbständige italienische Presse bestand, zeigten die beiden großen liberalen ober- italienischen Blätter. Sortiere della Sera und Stampa, chre Shmpathle wenigstens für den Döllerbundsgedanken. Heute sind auch diese Blätter skeptisch geworden, und zwar nicht nur infolge der redaktionellen Umformung, sondern auch aus der tatsächlichen Erwägung, daß man bei allen tiefgehenden Streitfragen den Völker­bund anzurufen vermeidet. was auf we­nig Vertrauen zu seiner Leistungsfähigkeit schließen lasse. Das ist dasselbe, was die faszisttsche Presse gröber ausdrückt, wenn sie schreibt, letzten Endes verläßt sich England doch auf seine Schiffs­kanonen und Frankreich auf seine Armee. Der Widerstand Frankreichs gegen die Durchführung einer allgemeinen Abrüstung, der Mißerfolg der Konferenz zur Seeabrüstung läßt die Genfer Versammlungen in Italien nicht mehr ernst neh­men. Ganz allgemein wird der Rücktritt de 2ou- venels und Cecils als eine Desavouierung weiter Kreise auch in England und Frankreich angesehen; man sagt, Jouvenel verschwinde als ein Sühneopfer, das Briand Herrn Poincare bringe und Cecil dokumentiere mit seinem Rück-

Preisausschreiben

in der wöchentlich einmal am Donnerstag erscheinenden Beilage des Gießener Anzeigers

Heimat im Bild

offen für alle Bezieher des Gießener Anzeigers und für Neubesteller zum

1. Oktober, sowie für deren Familienangehörige.

Bedingungen

Das Preisausschreiben erstreckt sich über die Ausgaben vonHeimat im Bild" Nr. 38 bis einschließlich 40 in der Zeit vom 22. September bis 6. Oktober 1927.

In jeder dieser Nummern vonHeimat im Bild" sind eine Reihe von Lichtbildaufnahmen aus der Landschaft Oberhessens und der an- grenzenden Bezirke wiedergegeben.

Das Ziel der Teilnehmer am Preisausschreiben soll sein, die Landschaftsausschnitte zu erkennen und in fortlaufender Nummernfolge von 1 bis 16 möglichst lückenlos und kurz zu bezeichnen. Nicht erkannte Bilder sind durch einen Strich neben der Nummer kenntlich zu machen. Die schriftliche Aufstellung ist bei der Redaktion vonHeimat im Bild", Gießen, Schulstraße 7, einzureichen.

Die Annahmezeit für die Lösungen beginnt am 7. Oktober 1927. Der Schlußtag ist auf den 15. Oktober festgesetzt. Spätere Eingänge bleiben unberücksichtigt.

Sämtliche Losungen müssen an der Spitze Namen, Stand, Wohn­ort, Straße und Hausnummer des Einsenders tragen. Die Beifügung der Oktoberquittung über den Bezug des Gießener Anzeigers ist Bedingung.

Die Teilnehmer erkennen die Entscheidung über die Preisver­teilung als endgültig an.

Die Preisträger werden nach Vollständigkeit und Richtigkeit der einlaufenden Losungen ermittelt. Es kommen 20 Bücher bezw. Bilder zur VerteillMg.

Verlag und Redaktion des Gießener Anzeigers.

djenliebern erklingen zu lassen. Aber jedesmal, wenn ich in der Klostergasse stand und darauf lauMe. daß die Glocken ihr leises, zögerndes Singen anh^>en nröchten. zersprengten Autvhupen den tönenden Hauch der Melodie oder auch Wohl ein vorüber polternder Wagen. Ich ward immer um den Genuß dieser Poesie hier betrogen.

Run habe ich sie ganze sechzig Kilometer fern von Berlin viel inniger und schöner freilich bei eingefeiftem Gesicht. Aber, da man die Augen schließen kann, entlörpert man sich schnell so zauberhaft imb füUt sich wie mitgetragen vom wehenden, klingenden Metall.

2m vergangenen Jahr war es, daß ich in Dünkirchen war, wo die Glocken des Carillons dieses schöne Reigen- und Scherzlied singen:

..Ein wollnes Rockelein.

Drauf ein weiß Mäntelein, Und wißt ihr, wo ich wohne? Wohl in Sankt Gillis Dors.

Ober vielmehr, man muh das flämisch gehört hoben, wie mir das im Krieg einmal in Gent ein Mädchen Erna Monica sang, als nur die Sehnsucht Dünkirchen erreichen konnte:

Een kalemanden Rock,

Een Wit mantlhntjen d'rop, En weet he, toacr da'k toeunen ? Al in (3-tnt Gillis dorp.

In, Kriege schwiegen auch in Gent die alten Glockenspiele; und auch sie habe ich erst im ver­gangenen Jahr gehört: vom alten Delftied die getoaltige Rolandsglocke, die allein über 3000 Kilo wiegt und ihren majestätifchen Ruf über die Stadt sendet:

Het is de Hotte Roelandt;

Wanneer zij klepi. is't brand;

Wanneer zij.luidt: triomf in Vlaanderland I

Der Krieg hat die flandrischen Leute wieder in ihr Stammesbewuhtsein zurückgeführt; Deutsch­land hat es in ihnen neu erweckt. Hier auf dem alten Genter Beifried, neben der Rolandsglocte stand im Sommer 1765 mit seinem Vater ein Kind. Mozart geheißen, und lauschte und lauschte; und auch auf dem kleinen Turm der Kirche der Baudelovabtei stand er, um dann auf diesem Glockenspiel des Gießers Pieter H em o n y seinenTürkischen Marsch über Gent erklingen

zu lassen. Wenn Kaiser K a r l V. am 30. April 1540 den Befehl erließ:Wij verclaeren oik ghe- consisqueert de clocke ghenoempt Roelandt", so hat Deutschland im Weltkrieg diese Glocken ehr­furchtsvoll den alten Türmen gelassen.

Run stehe ich wieder auf dem alten Delfried zu Brügge, neben den neunundvierzig Glocken des Meisters Joris Dumery aus dem Jahre 1741. Des Peter BenoitBeiaardlied aus seiner Rubens-Kantate ist um mich:

Dan mocht de beiaarb speien, Ban al uw torentianfen, Dan mocht de grijsheid kwelen, Don mocht de jonkheid bansen.

Wie einmal im Kriege, so ftanb ich auch im vergangenen Jähr hier oben, schaute die Höhe von 35 Metern herab auf den Groote Markt und weiter in den kleinen Eiermartt, da einmal Marie- Louife Vereeckes Lächeln durch die engen Gast- hvfzimmerZum König von Spanien huschte, und weiter, weiter bis and Meer, gen Zeebrügge, wo nun ein historisches Museum von den Taten unserer U-Boote spricht. Der Ton des Glocken­spiels hier ist ehrlicher; er ist rein verblieben.

Cs ist derselbe feine Ton. der noch immer von der Berliner Parochialkirche an mein Ohr kommt. Aber da fehlt das Brüllen der vier ßöteen, das einmal aus diesem Lihrwerk kam, und das der alte Meister, vom Rate der Stadt geblendet, da er gegen den Befehl ein noch weit schöneres Singspiel erschaffen wollte, selbst zer­störte. als man ihn auf seinen Wunsch kurz vor seinen, Tode noch einmal auf den Turm der Parochialkirche führte. Dieses noch weit schönere Singespiel:Die Reiter der Offenbarung will ich aus goldenen Türen reiten lassen, wenn die Stunde schlägt; fingen soll die Uhr wie mein seliges Herz!" ach, wie sehe ich es so herrlich vor mir. In feinem Klang sind alle Glocken, auch Gents Roland und Brügges Bourdon und Mozart und Benoit:Dan mocht de^ grijsheid kwelen, dan mocht de jonkheid bansen!"

.ilnb bas Alter, mein Barbier nämlich, singt, und bie Jugenb, als welche ich mich fühle, tanzt und hat ganz vergessen, baß sie eben eingefeift und rasiert wirb. Daß aber vergißt sie. bei aller sphärischen Entrücktheit, denn boa) nicht: auf­zuspringen, da sie vom singenden Barbier eben

erheblich in die Wange geschnitten wurde... weil das Spiel der Berliner Parochialkirche also schön durchs Radio herüberkam...

Das hat man davon, wenn man sich zu willig seiner Phantasie hingibt, wenn man ins Tanzen kommt, während man rasiert wird. Mit einem neuen prächtigen Schmiß werde ich nun nach Berlin zurückkehren von meinem Urlaub. Dummes, liebes Glockenspiel, du! Ekelhaftes, wundervolles Rodio, du!

Singen soll die Uhr. wie mein seliges Herz!"

Das intelligente Chamäleon.

Im allgemeinen gelten die Vertreter des Eidechsengefchlechts nicht als besonders intelli­gent.Als ich erst Lizzie, dann einige Monate später Dcyden aus Florida bekam." erzählt Geo W. Smith im Oiature Magazine,konnten sie mit nichts von ihrer Heimat berichten, s,e waren ja nur Chamäleons. Diesnur habe ich später als ungerecht zurückgenommen. Eifriges Bemühen um die beiden Tierchen zeigte schließlich beten Gelehrsamkeit. Die veränberliche Farb­gebung ist bei Lizzie grau und dunkel gefleckt, bei Dryden gelb bis weiß; im elektrischen Licht er­scheinen beide glänzend bunt. Rach längeren Be­obachtungen stellte sich zunächst bei Lizzie heraus, daß sie auf Stimmen achtete und sie wieder er­kannte. Durch ständiges Futtern mit lebenben Fliegen wurde ihr Vertrauen erworben, sie kam auf Anruf, schließlich sprang sie auf Befehl von einem Stein auf einen andern, wofür es dann eine Belohnung gab. Der eine Stein war blau, der andere rot; letzteren mochte Lizzie nicht leiden und wartete ängstlich auf den Befehl, abzuspringen. Der Grund dieser Abneigung wat nicht festzustellen; jedenfalls lag er nicht in der Farbe, denn Lizzie schläft bei kühlem Wetter auf einem Stück roten Flanell. Später folgte ein schwierigeres Kunststück: Lizzie und Dryden lern­ten den Mast einer kleinen Wippschaukel hin.ruf- kriechen, sich auf den Schaukelbalken begeben und auf diesem schwankenden Sitz längere Zeit aus- halten, bis der Befehl zun, Absprung und bie Belohnung kam. Auch springen beide auf An­ruf vom Tisch in die Falten eines Fmstervor- Hangs. Dryden ober, der anfangs bisiig war, jpringt jetzt sogar durch einen Reifen."