Nr. 191 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch, 17. August 1927
Aus dem
Reiche der Frau.
Temperament und Erziehung.
Don Albrecht Schapp, Cmben').
In der ganzen Aatur gibt es nicht zwei vollkommen gleiche Wesen: auch nicht zwei ganz gleiche Menschen. Das wird im allgemeinen und hauptsächlich in der Erziehung längst nicht genug beachtet. Sowohl die leiblichen als auch die seelischen Eigenschaften der Menschen weichen oft sehr voneinander ab. Die gleichen Verhältnisse und Tatsachen des Lebens können deshalb auch auf verschiedene Menschen ganz verschieden einwirken. Die einzelnen Menschen haben ihre besonderen Eigenarten, und auch ganze Völker unterscheiden sich nach natürlichen Grundlagen. Auf die von der Aatur in den Menschen hinein- gelegten Kräfte und auf die durch fie hervorgerufenen Schwächen muß jede Erziehung möglichst weitgehende Rücksicht nehmen. Leib und Seele stehen in starker Wechselwirkung: seelische Auhe und Zufriedenheit hat leibliches Wohlbefinden, seelische Erregung mehr oder weniger großes körperliches Unwohlsein zur Folge. Es ist das Aervenshstem, das den steten innigen Kontakt zwischen Leib und Seele herstellt.
Um richtig erziehen zu können, muh der Erwachsene die natürliche Grundlage des Kindes möglichst genau und sicher zu erkennen suchen. Ist dies in körperlicher Hinsicht vielleicht nicht zu schwer, so erfordert es doch für die seelischen Eigenarten oft lange sorgfältige Beobachtung. Die seelische Grundanlage, das Temperament des Kindes, beeinflußt in hohem Maße die Charakterentwicklung. Deshalb muß der Erzieher wissen, ob er den Einfluß des Temperaments auf die Charakterentwicklung hemmen oder fördern muh.
Wenn man die Temperamente der Menschen in vier Klassen einteilt, so darf man doch nicht etwa annehmen, dah nun jeder einzelne Mensch mit seiner seelischen Grundlage in eine dieser Klassen genau hineinpassen müsse. Das ist ganz und gar nicht der Fall: jeder Mensch hat vielmehr sein eigenes Temperament, es kann mehr oder weniger cholerisch, phlegmatisch, sanguinisch oder melancholisch sein, es wird aber nie ganz ausschliehlich die Merkmale der einen oder anderen Klasse tragen. Auherdem verändert sich das Temperament mit dem Lebensalter: Erziehung, geistige Entwicklung, Erfahrung bleiben nicht ohne Einfluh darauf. Man hat das cholerische und das phlegmatische Temperament als Temperamente der Tätigkeit und das sanguinische und das melancholische Temperament als Temperamente des Gefühls bezeichnet. Das cholerische Temperament ist dem phlegmatischen und das sanguinische dem melüncholischen entgegengesetzt. Während das cholerische viel Stärke und Erregbarkeit besitzt, hat das phlegmatische nur wenig Stärke und Erregbarkeit. Während dem sanguinischen Temperament die heitere Seelenstimmung eigen ist, zeigt das melancholische düstere, drückende Seelenstimmungen. 2m ganzen haben aber das cholerische und das phlegmatische und wieder das sanguinische und das melancholische Temperament doch die verwandte Eigenart, dah hier mehr das Gefühl und dort mehr das Moment der Tätigkeit vorwiegt.
Die Temperamentsrichtung des Kindes muh bei seiner Behandlung wohl in Betracht gezogen werden. Auch auf Kinder kann man das Wort anwenden: „Wenn zwei dasselbe tun, so ist es doch nicht dasselbe." Eine Behandlung, die einem sanguinischen Kinde sehr vorteilhaft ist, kann einem melancholischen Kinde nachteilig, ja gefährlich werden. So manche mutwillige Aeuße- rung und so manche Tat, die wir gern „böse" nennen, sind nur natürliche Temperamentsäuberungen: die Erkenntnis- und Willenskraft steht nicht dahinter. Aber trotzdem soll man Schädliches und Hahliches nicht fortgesetzt durch einen Hinweis aus die Temperamentsanlage entschuldigen. Was anfangs harmlos ist, kann wirklich bösartig werden. In der Erziehung ist zu yr-
*) Wir entnehmen die folgenden beachtenswerten Darlegungen der ausgezeichnet geleiteten Zeitschrift „Mutter und Kind", herausgegeben vom Kaiserin-Augusta-Viktoria-Haus, Verlag Elwin Staude, Osterwieck (Harz).
streben, dah das Kind frühzeitig über seine in- dividrwlle Aaturanlage gebieten lernt. Es ist unmöglich, das Temperament unbeachtet zu lassen, auherdem ist cs auch schädlich und verkehrt. Aber man kann Fehler des Temper-aments zügeln und Sckönhciten des Temperaments entwickeln. Gerade weil alles in der Aatur deni Gesetz der Entwicklung untersteht, kann auch eine natürliche Anlage durch einen zielbewußten Willen im guten Sinne „entwickelt" werden. Aus seinem Aaturboden kann der Mensch nicht heraus: aber es ist doch sehr verschieden, was aus diesem Boden hervorwächst: der leitende Wille des Erziehers soll den werdenden Willen des Kindes zu selbstbewußtem Tun führen, damit früh schon der Mensch Herr über sich selbst werde und seiner Aatur immer nur so viel Freiheit gestatte, als sich mit besserer sittlicher Erkenntnis verträgt.
Eins soll man dem Kinde unter allen Umständen lassen: seine natürliche Sorglosigkeit und Unbefangenheit, seinen kindlich leichten Sinn. Das Kind muh warmherzig, impulsiv sein, der kalt rechnende Verstand soll sein Tun und Wollen nicht beherrschen. Frühreife, pedantische Kinder werden selten tüchtige Menschen. Das gesunde Kind ist immer zum Teil Sanguiniker. Bei
Don Hilde Hanna
Es ist unbedingt eine Laune der Mode, wenn in ihrem Programm bei der Aubrik „Frisuren" unverändert das Wort „Bubikopf" prangt. Darüber hinaus ist es aber auch eine Klugheit, denn der Bubenkopf ist mehr als eine Modelaune. Der Großteil der Frauen hat sich zu ihm bekannt und er ist über das Format eines Modeeinfalles hinausgewachsen, ist zur Allgemeintracht geworden und zu einer sehr reizvollen Haartracht.
Früher war bald der hohe, dann der Aacken- knoten modern, zu anderer Zeit trug man einen Schopf, dann wieder einen Scheitel. Jede dieser Frisuren paßte einem Teil der Frauen recht gut, aber, wohlgemerkt, nur einem Teil. Bald waren jene Frauen mit schmalem, bald jene mit breit geschnittenem Gesicht im Vorteil. Dis die Mode ein Exempel der Gerechtigkeit statuierte und den Dubenkopf erst vorschlug und später vorschrieb. Die Auswahl der Bubikopffrisur wiederum ist so reichhaltig, dah es individuell für jede Frau den richtigen Bubikopf gibt, für jene mit klassig schmalem, gleichwohl für jene mit slawisch breitem Gesichtsthpus, für die Lang- und Kurzhalsigen, für jene mit breitem, schlankem und selbst mit — etwas verfettetem Aacken.
Im Rahmen der Bubikopfmode gibt es wiederum so viele Einzelmoden, dah sich für jede Frau das Passende findet. Die Erfahrungen von drei Jahren der Bubikopfmode haben es gelehrt und bewiesen. Aber auch während dieser drei Jahre gab es stets eine bevorzugte Frisur des Buben- lopses. Wir wollen interessehalber einmal rekapitulieren: Aach dem Rohschnitt trugen die meisten Frauen den russisch geschnittenen Dubenkopf, bei dem alle Haare gleichmäßig lang abgeschnitten und gebrannt wurden. Dald fiel der Kranz der rückwärtigen Dubikopflocken und die Frisur wurde nunmehr vorn, das Gesicht unv» rahmend, betont getragen: Scheitel und Löckchen, je nach dem, was das Gesicht verlangte. Dom Kopfwirbel abwärts wurden die Haare stufen- förmig immer mehr abgeschnitten. Die Frauen wurden es indes auch bald müde, die vordere Frisurpartie brennen und ondulieren zu lassen und so wurden auch die das Gesicht umschmeichelnden Löckchen immer mehr gekürzt, bis wir beim glatt gekämmten Etonkopf anaelangt waren. Es ist der richtige „Bubenkopf", denn es macht manchmal Mühe, Bub oder Mädel voneinander zu unterscheiden. Die Herbheit des Etonschnittes ist allerdings nicht aller Frauen Sache, da ihr Aussehen durch den strengen Herrenschnitt leicht an Charme einbüht. Reben dem Herrenschnitt laufen auherdem noch der Tituskopf, der Ponnp- Haarschnitt und einige andere Darianten, die im geraden oder schiefen Scheitel ihren Hauptreiz haben, nebeneinander her, eine Fülle von Moden
richtiger Behandlung bleibt der sorglos heitere leichte Sinn ziemlich lange erhalten, auch wenn die Grundlage des Kindes von anderen Temperamenten mehr bestimmt wird. Das heitere sanguinische Gemütslcben des Kindes soll man nicht stören. Je länger das Kind ganz „Kind" bleibt, um so besser und um so schöner ist es. Trotz eines „leichten Sinnes" soll das Kind aber doch nicht leichtsinnig, oberflächlich, gewissenlos werden. Im Kinde frühzeitig den Sinn für Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit, für Treue und Ehrlichkeit zu wecken, ist durchaus nötig. Die ihm übertragenen Aufgaben, „Pflichten", muh das Kind genau und pünktlich erfüllen: früh schon muh cs dem jungen Menschen Ehrensache werden, bei anderen als tüchtig und zuverlässig zu gelten. Wir Deutschen haben es in dieser Hinsicht in der Erziehung ja nicht gar zu schwer: es sind spezifisch germanische Rasse- eigentümlichkeiten, die wir pflegen und entwickeln müssen. Aber trotzdem müssen wir großes Gewicht darauf legen, deutsche Gründlichkeit und deutsche Treue als nationale Eigenart in die Heranwachsende Jugend fest einzupflanzen. Aicht zuletzt wird unsere Selbstbehauptung und Entwicklung als Dolk von diesen unseren nationalen Tugenden abhängen.
Sitter-Hutter.
im Bereiche einer Modenvorschrift. Um den Etonschnitt zu mildern, haben fisch viele Frauen aus ihren abgeschnittenen Haaren Locken-Posti- ches (Ersatzteile) arbeiten lassen, die zum Abendkleid, das mit dem Etonkopf divergiert, angesteckt werden. Der glatte Dorderkopf mit den hinter das Ohr zurückgestrichenen Haaren wurde so reizvoll ergänzt durch das spielerische Lockeiu- postiche, das mit Kämmchen angesteckt wird und den Aacken ganz bedeckt. Obzwar es heute als Selbstverständlichkeit gilt, dah sich die Dame (die sich ja vor wenigen Jahren nicht scheute, unter ihrer Frisur gesundheitsschädigende Haarwollen und -Einlagen zu tragen) am Abend die „kleine Abendfrisur" das Locken-Postiche ansteckt, haben viele Frauen gegen die Haarteile, die wohl auf ihren» Kopfe gewachsen, aber nicht mehr — angewachsen sind, eine Aversion. Andererseits wollen sie die Mode des neuen Bubikopfes mitmachen. Sie liehen und lassen sich daher die Haare über den Aacken hinaus bis zum Rückenanfang wachsen (was immerhin einige Wochen währt) und tragen nun die glatt hinter die Ohren zurückgestrichenen Haare im Aacken in einer Spange gehalten und die daraus hervorlugenden Enden in graziöse Löckchen gedreht. Die letzten Hutmodelle tragen dieser Bubi- kopf-Auance bereits Rechnung und es sieht wirklich entzückend aus, wenn ein Kranz von Löckchen sich unter dem Hute hcrvorschmuggelt. 8rau Lisa hat nichts anzuziehen.
Frau Lisa hat zwar einen Schrank voll Kleider, ich glaube so ungefähr 25 verschiedene seidene, und wollene Kleidchen qn! allen möglichen Farben, Schattierungen, Garnierungen und Aufmachungen. aber sie hat doch nie etwas anzuziehen. „Wir wollen ausgehen", sagt der Gatte, doch sie kann nicht nntgehen, absolut nicht — denn sie hat nichts anzuziehen! Ein Ball ist in Aussicht — die Arme muh verzichten, denn sie hat nichts anzuziehen! Aber schließlich geht sie doch, und der zerknirschte Gatte muß ihr etwas Aeues kaufen; so kommt zu den 25 Kleidern noch ein sechsundzwanzigstes — und bei nächster Gelegenheit hat Lisa wieder nichts anzuziehen I
Wie kommt es wohl, daß die Frauen nie „etwas anzuziehen" haben? Ei^ nicht die Menge der Kleider macht es aus, sondern dir Art ihrer Derwendbarkeit. Und je genauer es eine Frau nimmt, desto mehr trifft sie Auswahl unter ihrer Garderobe und weiß, daß sie dieses oder.jenes Kleid zu dem gewünschten Zweck eben nicht anziehen kann.
Da ist ein Begräbnis in der Familie und sie hat dazu absolut nichts anzuziehen. „Aber
dein Schwarzes vom vorigen Jahr?" wendet schüchtern der Gatte ein. „Ja, weißt du denn nicht, dah das unmöglich ist? Es ist doch unmodern geworden!"
Zu der Taufe bei Freund Bruno dagegen muß unbedingt ein ganz jugendlich wirkendes Kleid angczogcn werden, da nur junge Leute geladen sind und sie in dem dunklen Seidenen wie eine Matrone aussehen würde. Ja —. und das ist doch ganz unmöglich! Das nächste Konzert verlangt wieder eine andere Abstufung und der Besuch beim Dorgcfchten oder der Erbtante so ein Mittelding zwischen klösterlicher Strenge und praktischer Haltbarkeit.
In den Romanen haben aber die Heldinnen immer etwas anzuziehen, etwas besonders Elegantes, das ihre Reize ins beste Licht seht. Herr des Himmels! Muß das ein herrlicher Schrank voll Kleider sein! Aber was wird mit diesen» nach ein, zwei Jahren? Alles ist unmodern geworden und nicht mehr zu gebrauchen! Also weg damit und Aeues angeschafft!
2a, wer das könntet Aun. gar so schwierig ist es nicht und erfordert nur eine geschickte Hand, Fleiß und guten Willen. Denn oft läßt sich durch kleine Aenderungen viel tun, so daß die Kleider immer wieder neu und gut ausschen. Werden sie dann noch gebürstet und gut gebügelt, so ist geholfen, unb Frau Lisa braucht nicht noch em Kleid in den Schrank zu hängen.
Wird aber etwas gekauft, so möge die Frau nur gute Stoffe wählen und beste Verarbeitung sich angelegen sein lassen. Denn ein gutgearbeitetes Kleid braucht nicht einmal hochmodern zu fein, um vornehm zu wirken und paßt auch zu den verschiedensten Gelegenheiten. R. B. Die EinzimmerWohnung.
Don Maria Siegmund.
Was wir vor weniger als anderthalb Jahrzehnten noch für unmöglich gehalten hätten — es ist zur Tatsache geworden: daß sich zahllose junge Brautpaare — wenn sie nicht auf das Glück des Zusammenlebens endlos warten toollen — mit einem einzigen Wohnraum begnügen müssen. Entweder treten die Eltern des einen oder anderen Teiles ein Zimmer an das junge Ehepaar ab, oder es muß von fremden Menschen abgemietet werden. Doch läßt sich auch so ein einziges Zimmer mit etwas Geschick nett und wohnlich gestalten. Selbstredend kann alles, was zu solchen Dingen gesagt wird, nur als Anregung gelten, die Dann dem veränderten Fall gemäß, verändert Anwendung sindcn mag. Da wären nun einmal die Betten. Glücklicherweise werden diese heute ohnedies nicht mehr mit vollgefüllten Oberbetten getürmt, man kann sie daher sehr leicht — ohne an nächtlicher Bequemlichkeit einzubühen — als hübsche Divans Herrichten. Am einfachsten und billigsten erreicht man das, wenn man zwei Sprunafedermatrazen nimmt und sie mit festen Holzfüßen versehen läßt. Darauf kommen die Rohhaarmatrazen, die Saunen» oder Steppdecken und am Kopf- und Fußende je ein Polster. Alles überdeckt mit hübschen Uebertoürfen und mit bunten Seidenktssen geschmückt. Sie werden in einer Ecke des Zimmers so plaziert, dah dis Längsseite.des einen an die Schmalseite des anderen in der Wandecke zusammenstößt. Mit einem kleinen Tischchen davor, das eine stilvolle Ständerlampe trägt, bilden sie tagsüber eine entzückende Plauderecke — indes des Aachts nur die Lleberwürfe abgenommen zu werden brauchen, um die bequemen Lagerstätten freizugeben. Die Mitte mag ein hübscher Eßtisch einnehmen, ein kleines Buffet, ein paar aufnahmefähige Schränke, Teppich, frische Blumen, von denen auch ein Teil in die große Base fommen mag, die das tagsüber im Innern des Waschtisches verstaute Waschservice vertritt. In solchem Raum kann die junge Frau getrost auch einmal ein paar Gäste empfangen, ohne das peinliche Gefühl' schlechten Wohnens empfinden zu müssen.
Vielfach werden die mobernen Ehen auf der Basis des doppelten Verdienstes geschlossen — wo das nicht der Fall ist, kann die junge Frau aber ihre Kraft am besten verwerten, wenn sie sich entschließt, selbst hauszuhalten unb zu kochen, wie es von altersher die Tätigkeit der Frau
Der Duhenkops von gestern, heute und morgen.
Kochkunst.
Eine unzeitgemäße Plauderei.
Von Henny Pleftmes.
„Das ist ein gemarteter Mann, des Weib nichts weih von der Küchen. Cs ist das erste Liebel, woraus sehr viele folgen." Luther.
Das Kochen ist nicht mehr modern, ilnb Luthers Meinung schon mal gar nicht. Im Zeitalter der Maschinenhehe, mit dem Autotempv für Arbeit und Vergnügen, bleibt keine Zeit und keine Liebe mehr für das pflegerische und künstlerische Walten am Herd. Zum Heiraten ist das Kochenkönnen zum mindesten nicht mehr Vorbedingung und Hauptsache. Warum auch? Die Ehe im möblierten Zimmer oder in der engen Zwangswohnung verlegt die Hauptmahlzeit ins Gasthaus. Für Frühstück und Abendessen sorgt die elektrische Heizplatte und das Feinkostgeschäft. Den Sonntagsbraten ißt auch heute schon die sonst normale Familie gern am „Tischlein deck dich der Speisewirtschaft. Für die Hausfrau ohne Hilfskraft ist's bequemer, und die Wahl auf langem Speisezettel wird zum süßen Dorgenuh kulinarischer Freuden. Für Geselligkeit im kleinen und großen Rahmen stehen ebenfalls die Stadtküchen und die fertigen Speisen der Feinkostgeschäfte zur Verfügung. Die Angst vor Mißlingen und Richt- fertigwerden braucht nicht mehr an Aerven und Stimmung der Hausfrau zu reißen. Den Sonntagsluchen und die Geburtstagstorte liefert fertig die Bäckerei. Wahrlich? die Kochkunst und BacKunst, einmal als edelste Tugend deutscher Hausfrauen hochgerühmt, ist heute überlebt, nicht mehr zeitgemäß.
Unb die Mädchen von heute — viel Sport, viel Kunst, viel Tanz, viel geistiges Schaffen unb technisches Können. Tüchtig sind sie gewiß, lebenstüchtig vor allem, selbständig und selbstbewußt. Aber Kochen? — Erstens hat man's nicht nötig. Die teuer erworbenen Kenntnisse unb FähiKeiten sind zu kostbar, um an unter
geordnete Pflichten verschwendet zu werden. Zum anderen ist doch Kochen wahrlich keine „Kunst". Das lernt sich, wenn's nötig ist, von selbst. Unb endlich steckt hinter der völlig unzeitgemäßen Forderung: „Lernt Kochen" am Ende nur der nackte Egoismus des Mannes, um dessen Bequemlichkeit willen die Frau auf das ihr zustehende Recht freien Menschentums verzichten soll?
Ja, modern ist Luthers Meinung nicht — aber ein gutes Quäntlein Wahrheit steckt trotz allem auch für die heutige Zeit darin. Der Uebel sind wahrlich genug in der Welt — und toenn das „Wissen von der Küchen" der Uebel schlimmste verringern kann, so sei es erlaubt, einmal der edlen Kochkunst ein Lied des Lobes zu fingen. Denn eine „Kunst" ist dos Kochen wohl, so es gut gelingen soll. Kunst aber setzt Können voraus unb viel Liebe zur Sache unb viel fleißiges Ueben. Unb wer über bie Lehr- unb Gesellenjahre aufsteigen will zur Meisterschaft, den darf es nicht verdrießen, immer zu lernen, wo sich nur Gelegenheit findet.
Kochen ist wahrlich nicht nur Arbeit der Hände — es ist Arbeit des Kopfes und Arbeit des Herzens. Sagt man doch nicht mit Unrecht von einem guten Gericht: „M ist mit Liebe gekocht". Und eine undankbare Kunst ist es auch nicht. Wir wollen die Ehemänner nicht beleidig en mit dem alten Spruch von der Liebe, die durch ten Magen geht. Aber wir spüren es doch deutlich, wie ein wohlgelungenes Mahl festliche Stimmung hebt, fröhliches Plaudern weckt, ja den Alltag zum Sonntag wandeln kann. Wie lieblos wirkt auch bie schönste gekaufte Geburtstagstorte neben dem selbstgebackenen Kuchen unb dem durch Tradition geheiligten Lieblingsgebäck des Hauses. Wie piel .intimer und behaglicher ist die Geselligkeit, wenn man in den bar getretenen Genüssen Geist unb Können der Hausfrau spürt.
Richtig erfaßt unb richtig geübt ist Kochen keine Last, sondern Lust, künstlerische Freude am Gelingen. Gewiß, es gibt viel Dimm und Dran, das nicht erfreulich ist. Auch hier, wie bei den
meisten Dingen, bleibt ein Erdenrest zu tragen; peinlich. Die Frauenhand, die am Herde schafft, kann nicht gepflegt und gehütet sein in makelloser Zartheit. Doch ist iüe in der Arbeit hart und kräftig gewordene nicht minder schön.
Und langweilig dürft ihr das Kochen schon gar nicht schelten. Wie viele Möglichkeiten gibt es. immer wieder Aeues zu erdenken, Aeues zu gestalten. Auf wieviel geheimnisvolle Kleinigkeiten tommt es an, damit sich widerstrebende Elemente jjur Harmonie verbinden. Wieviel Schönheitssinn — sagen wir ruhig unb selbstbewußt — wieviel freischaffendes Künstlertum kann angetrenbet werden, um auch das einfache Gericht in schöner Form und schönem Rahmen zu bieten. Wieviel Wissen ist nötig von den Nahrungsmitteln, ihrem Wert und Wesen, wieviel Rechenkunst, um nicht in der Freude am Schaffen über die gesteckten Grenzen hinauszu- kommen, und wieviel strategisches Geschick, um auch größere Aufgaben — plötzliche Gäste und größere Gesellschaft — mit kühlem Blut unb ruhigen Aerven zu lösen. Aur gilt von der Kochkunst, was aller Kunst eigen ist: „Die Langeweile tötet" — aber „Abwechselung entzückt .
So möge denn bie Kochkunst in Ehren bleiben, auch wenn sie nach Meinung vieler nicht mehr zum Sauseschritt der neuen Zeit paßt. Mögen auch bie Jungen unb Jüngsten unter ben Frauen wissen, welche Macht sie in Händen haben, wenn sie diese Kunst wohl verstehen und wieviel Glück sie damit zu schäften vermögen.
Allerlei Rezepte.
Kalbsbrust mit Paprika. 6 Personen 3 Stunden 2 Kilo schone Kalbsbrust werden von Knochen und Knorpeln befreit, gewaschen und mit Bindfaden zu schöner Form gebunden. In 60 Gramm kochender Butter, in der man etwas zerschnittenes Wurzelwerk unb eine scheibig geschnittene Zwiebel andünsten ließ, läßt man die Kalbsbrust auf allen Seiten anbraten, füllt zwei Obertassen Fleichbrühc, die aus zwei Maggis Fleischbrühwürfeln bereitet wurde, herüber und
schmort das Fleisch unter öfterem Hmtcenben unb Begießen weich. Die Soße wird, nachdem das Fleisch herausgenommen ist, mit einer Hellen Mehleinbrenne» sämig gekocht, noch 2 bis 3 Eßlöffel saure Sahne dazugegeben, kräftig mit Paprika abgeschmeckt und mit zehn Tropfen Maggis Würze vollendet.
Eine wohlschmeckende Tunke zu Salat, y» Pfund Quark wird mit einem Eßlöffel Oel und dem übrigen Salz fein gerieben, bann wird — je nachdem der Quark beschaffen ist — entweder die gleiche Menge Süß-, im andern Falle Sauermilch hinzugefügt, so baß eine sahnige Tunke entfteßt, der nach Geschmack etwas Zucker hinzugefügt werden kann.
Kalter Paprikafisch. Ein schöner Karpfen wirb gereinigt, geteilt und in nette Stücke zerlegt. I1/» Liter Milch werben mit sechs großen Zwiebeln, die fein geschnitten sind, gekoch', mit bem nötigen Salz unb etwas Paprika gewürzt unb in Diesem Sud bie Fischstücke aar gedämpft. Sind sie weich, richtet man sie ans einer langen Schüssel an und übergießt sie mit der noch längere Zeit gekoch'en und durchpassierten Milch. Der Fisch wirb sehr kalt serviert.
Seefisch mit holländischer Weintunke. Schellfisch oder Dorsch wirb in cvalz- wasser mit Zwiebel, Gewürz, Suppengrün gar gcbämpft. Zur Tunke quirlt man drei Eidotter schaumig, rührt einen Teelöffel Mehl mit 1/i Liter Weißwein unb 3 Eßlöffeln Wasser glatt dazu, gibt ein wenig geriebene Muskatnuß hinein unb läßt die Mischung bis zum Kochpunkt sieden. Vom Feuer genommen, verrührt man die Tunke mit 1/i Pfund sahnig geschlagener, frischer Butter unb würzt sie mit einigen Tropfen Zitronensaft. Sie wirb sofort zu dem gut abgetropftcn Fisch gereicht.
Käsekrapsen. Von gutem, geriebenem Käse, halb so viel Mehl als Käse, Eier so viel als nötig, um den Teig auf einem Dackbrett aus- rollen zu können, etwas Salz, ein wenig Muskat-, blüte wird der Teig hergestellt und zu Halbmonden ober Krapfen geformt


