HrJ91 3Mit:s Blatt Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Vderhesfen) Mittwoch, (?. August (927
Vanziger Freistaat-Zorgen.
Teil dem Bestehen des Danziger Freistaates hat Polen immer wieder seine Bemühungen erneuert, die durch den Völkerbund garantierte Selbständigkeit des seltsamen Stadt-Staates in jeder-Bcziehung zu beeinträchtigen und den Danzigern durch alle möglichen Schikanen, anmaßende Willkür und herausfordernde Uebergrifse das Leben schwer zu machen. Wenn trotz dieser wachsenden Feindschaft der Polen Danzig seine Gerechtsame nach Möglichkeit gewahrt und geschützt hat, so ist dies weniger der Behandlung zu danken, welche die Freistaatangelegenheiten in Genf gefunden haben, als der stets korrekten, im adrigen aber unbeugsamen Erfüllungstreue der Danziger Regierung gegenüber den ihr vom Völkerbund auscrlegten Pflichten. Ganz vereinzelt nur stehen Aeußerungcn unverhohlenen Unmuts, mit denen die Staatsmänner des Freistaats die ihrer Heimat aufgezwungene Vernunftehe mit Polen kritisieren. Daß dazu ein gutes Stück Selbstbeherrschung gehört, um im Hinblick auf die überhaupt nicht abreißende Kette polnischer Intransigenz vornehme patrizische Zurückhaltung zu bewahren, darf nicht verkannt werden. Danzig befindet sich eben durchaus in einer Abwehrstellung. Angriffe gehen von dieser Seite überhaupt nicht aus, wobei man jedenfalls noch niemals unter- schätzt hat, welche große und nicht völlig zu überwindende Gefahr für ^Danzigs Frecheit gegenüber Polen besteht.
In diesem Zusammenhang darf es nicht verwundern, daß man von Danzig aus der Reise des polnischen Staatspräsidenten nach Gdingen höchst mißtrauisch oegenüberstand. Die Warschauer Herren haben im übrigen klug daran gehandelt, mit ihrer Werbung für das geeinte Polen auf Danziger Gebiet möglichst langsam oorzugehen. So konnte sich unter Umständen für Polen doch noch eine Möglichkeit finden, neue Freunde für die gegenüber Danzig eingeleitete Politik zu gewinnen. Eine Gdinger Rede des polnischen Staatsprcffidenten hat im übrigen gezeigt, daß dem Polentum in allen seinen Kreisen hauptsächlich daran liegt, nicht nur einen offenen ■ Zugang zum Meere über einen bestimmten Stützpunkt zu gewinnen, sondern darüber hinaus in möglichst großem Umfange die polnische Küste in Richtung auf Danzig und Ostpreußen zu erweitern. Der Freistaat bleibt danach noch immer stark bedroht. Zwar dürften die von. Polen eingeleiteten Versuche, größere Teile der polnischen Ausfuhr auf direktem Wege über Gdingen zu befördern, noch über einen längeren Zeitraum hinaus zum Fehlschlag verurteilt sein. Und selbst wenn das Hafenbecken in Gdingen völlig ausgebaut sein wird, und gleichzeitig ein System von direkten Bahnlinien der unmittelbaren Ue- berführung polnischer Exportwaren in dieser Richtung zu dienen vermag, so bleibt die auf Jahrhunderte lange Tradition begründete Vormachtstellung der Danziger Kaufmannschaft im Überseehandel ein handelspolitisä)er Faktor, dem man von Polen aus nichts Gleichwertiges an die Seite zu stellen vermag. Also wird es jede Warschauer Regierung auch weiterhin als die für Polen förderlichste Aufgabe erachten, einen sich immer verstärkenden Druck auf Danzig auszuüben, um die Freistaatregierung zu immer weiterer Nachgiebigkeit zu zwingen. Hierzu wird vor allem das Vorgehen der polnischen Zoll- und Eisenbahnbehörden als Mittel dienen, das, wie es ja bereits im Augenblick schon geschieht, als Daumenschraube für die Danziger Freiheit verwandt wird. Darüber hinaus gehen wohl die Bestrebungen, die Polen aufwendet, um aus der ihm eingeräumten Westerolatte in Zwing-Uri auszugestalten, durch das die Lebensader Danzigs, feine unmittelbare Verbindung mit der Ostsee, kontrolliert und unter Umständen abgeschnitten werden kann. Heute liegen Die Dinge noch so, daß Polen über eine kaum nennenswerte und leistungsfähige Handelsflotte verfügt, so daß der Danziger Schiffsraum in der Hauptsache dazu Dient, Die polnischen Produkte auszunehmen Aber man arbeitet bekanntlich polnischerseits eifrig daran, sich einen vergrößerten Schiffsbestand zu sichern, um dann mit entsprechend hoher staatlicher Subvention dem Danziger Handel Konkurrenz bieten zu können. Allerdings fehlen auch hier wiederum so viele Voraussetzungen für die praktische Realisierung der polnischen Plane, daß Danzig vorläufig noch Zeit genug übrig behält, um seine Position in Der Handelsschiff- sahrt Der europäischen Gewässer noch weiter verstärken und verbessern zu können.
Aber die Sorgen des Freistaates beziehen sich schließlich weniger auf die Gestaltung Der gegenwärtigen Verhältnisse als auf Die fernere Zukunft. Weyn Polen auch nicht Davon ablassen wirb, feine Forderungen einer völliaen Beherrschung Danzigs in naher oder fernerer Zeit Durchzusetzen, so könnte Der refftaat auch Diese Entwicklung als eine nicht allzu drohende Gefahr betrachten, wenn er, gestützt auf Die vertraglich unbestreitbare Verpflichtung Der im Völkerbund vertretenen Mächte, an Diesem einen wirklich dauerhaften Rückhalt finden würde. Polen würde niemals schon mit Rücksicht auf Die ihm in jeder Beziehung wertvolle Förderung seiner Angelegenheiten durch England es wagen, sich mit Dem Völker- bunD völlig auseinanderzusetzen. Wie sehr das in Der Richtung liegt, welche Die polnische Politik verfolgt, kann man aus der Tatsache entnehmen, Daß zur Zeit, als ein EnglänDer Völkerbundskommissar im Frei-
war vom Feinde besetzt. Mehr als bas: bas Deutschtum war mit ber Wurzel ausgerissen, die letzten Deutschen gefangen und vertrieben, Die Frauen und Kinder interniert, ber deutsche Besitz restlos enteignet. Durch maßlose Propaganda, Verhetzung, Versprechungen und Gewährung neuer Rechte halte man versucht, selbst in Den Herzen Der Eingeborenen öie Erinnerung an Die deutsche Herrschaft zu tilgen. --2ch habe häufig, besonders in Südwestafrika", so schreibt der bekannte Weltreisende Colin Roß in dem dieser Tage bei F. A. Brockhaus in Leipzig erscheinenden Afrila-Buch „Die erwachende "Sphinx", „die Ansicht gehört. Der erbitterte, zähe WiDerstanD Lettow-Vordecks sei unklug gewesen. Durch rechtzeitige Kapitulation hätte man in Ost- afrifxr, Ebenso wie in Südwest, Dem Deutschtum Besitz, spräche und Kultur erhalten können. Auch in Ostafrika selbst hatte Letkow-Dorbeck seine An-
Mahnung zur Hindenburgspende f V '
Professor Dr. Hans Delbrück:
Reichspräsident von Hindenburg hat dieselben Eigenschaften, die ich an Raiser Wilhelm den alten so hoch schätzte: Rraft und Würde.
Dr. Hugo Eckener:
Hindenburg! Er ist uns ein leuchtendesVorbild dafür, wie tiefe Liebe zum deutschen Volke alles Trennende überwinden soll.
Walter von Molo:
Führer und Volk ist der Mann, der vergangene Größe durch Gegenwart führt zur Zukunft an.
Professor D. Dr. Seeberg:
Rraft und Echtheit, Treue und Lauterkeit sind das leuchtende Diadem, das ynferen Hindenburg schmückt.
von Win terfeldc-Menkin, Präsident d. deutschen Roten Rreuzes: Echte Danksagung und Feier für einen verehrten großen Menschen ist: Nacheiferung. Hindenburgspende heißtDienst am Volke.
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Gaben für die Hindenburgspende werden angenommen in der Geschäftsstelle des „Gießener Anzeigers", Gießen, Schulstraße Vir. 7.
ftaat war, bie Warschauer Regierung ht ben verschiedensten Punkten unb wieberholtermaßen Danzig gegenüber nachgab. Daß selbstrebenb eine Persönlichkeit, wie Der jetzige Kommissar, ber Holländer van Hameln, Der mit Dem vielen Unerhörten seiner Amtsführung, kürzlich noch Die Taktlosigkeit verband, an Der PräfiDentenfeier in ©Dingen teilzunehmen, Die freistaatliche Autorität nicht zu schützen vermag, versteht sich von selbst. Es muß Dafür gesorgt werden, baß hier zuerst einmal Wanbel geschaffen wirb-
Das Deutschtum in Ostafrika.
Als ber Krieg zu Enbe ging, ftanben bie Reste der Deutschen ostafrikaiiischen Schutztruppe wohl noch unbesiegt in Rhobesien, Doch bie ganze Kolonie
sicht von ber 53erteibigung um Jeben Preis Ja erst gegen erhebliche Wiberstänbe durchsetzen können. Indessen, selbst wenn in Ostafrika eine ähnlich günstige Kapitulation zu erzielen gewesen wäre, so glaube ich doch, daß dem deutschen Namen und Darüber hinaus auch rein praktisch jeder Deutschen Betätigung in Afrika Durch ben verzweifelten Widerstand Lettows unb seiner ^Getreuen besser gebient war. Ich glaube meiner ganzen politischen Vergangenheit unb Einstellung nach reicht erst betonen zu brauchen, wie frei ich von jeglichem nationalen Chauvinismus bin. Allein, es ist einfach eine journalistische Anstcmds- pfiicht objektiver Berichterstattung zu betonen, baß ber Name Lettow-Vorbeck Durch ganz Afrika zu einem Symbol geworben ist. Die
Tapferkeit unb Ritterlichkeit, mit ber bie beutsche ^.chutztruppe unter Lettow vier Jahre lang ge- .^deutet für jeben Deutschen, ber heute nad) Afrika kommt, ein moralisches Plus, Das ihm Achtung, Geschäftsmöglichkeilen, (cidjterc Arbeiteranwerbung und Dergleichen sichert.
Es ist geradezu verblüffend, wie in Ostafrika, in Dem selbst der deutsche Name ausgelöscht schien, deute Das Deutschtum wieDer bluhi. Am Ian- g an y i k a s e e konnte ich Davon freilich nod) nichts inerten, allein, je näher ich Daressalam kam, Desto starker wurDe Der Deutsche Einschlag, und -langa, die Hafenstadt Des Usambara- unD Kili- manDscharogebiets, ist fast wieder so Deutsch wie etwa Windhuk. Man muß zugestehen, Daß diese Entwicklung- ohne weitgehendes Entgegenkommen der Engländer nicht möglich gewesen wäre. Freilich handelten sie nicht lediglich aus selbstlosem Anstand so. Sie mochten erfannr haben, was für einen wertvollen Faktor die Deutschen für den Wiederaufbau Der durch den Krieg stark mitgenommenen Kolonie darstellen, und wie wünschenswert eine Stärkung des weißen Elements gegenüber den Indern ist, Die in Ostafrika eine fast bedrohlich wirtschaftliche Machtstellung gewonnen haben. Aber es sprechen doch nach sehr gewichtige Gründe Dafür, die Deutschen weiterhin aus der früheren Kolonie fernzuhalten, wie es Franzosen und Belgier mit ihren Mandatsgebieten tun. Wir wollen auch hier nicht verkennen, was es für die englische Verwaltung bedeutete, die Deutsche Kommission zuzulassen, welches die rückständigen Askari- und Trägerlohne auszahlte und die während der Kriegszeit ausgestellten Gutscheine einlöste. Ich erlebte es selbst, welche Wirkung das Erscheinen dieser Kommission auf Die Eingeborenen ausübte, wie tief geb enD Die Erinnerung an Die Deutsche Herrschaft und Den Krieg unter deutscher Flagge aufgewühlt wurDe. Es steckt auch Ritterlich- leit Darin, Das Denkmal für Die Schlacht bei Tanga, EngkanDs größte unD schimpflichste Niedcr- lage in Ostafrika, zu erhalten unD pflegen zu lassen, wie es unter englischer Herrschaft unD Stadtoer- maltung geschah. Ich fanD Die Gedenktafel unter Dem roeitauslaDenDen Affenbrotbaum vor Den Toren Tangas, Die in Den letzten Jahren bereits recht gelitten hatte, gesäubert unD Die verblichene Inschrift erneuert. Wie Die weltpolitische Lage heute ist, sind wir nun einmal Darauf angewiesen, mit- Den Eng- länDern auszukommen. Das gilt besonders für unsere Landsleute, die heute versuchen, sich in Ostasrika eine neue Existenz aufzubauen. Man erweist ihnen einen schlechten Dienst, wenn man alles, was Die Engländer in Ostafrika tun, in Grund und Boden verdammt und sie in jeder Richtung beschimpft, wie es manche deutsche Berichterstatter für zweckmäßig hielten. Im allgemeinen kommen Deutsche und Englän- der gut miteinpnber aus. Freilich gehört von deutscher Seite ein gut Teil Entsagung dazu. In Dar- esfalam war ich bei einer deutschen Familie zu Gast. Trotzdem mehrere Kinder da waren, mußten sie sich mit einer engen Mietwohnung in eirjer ber heißen Geschäftsstraßen der Stadt behelfen. Auf einem gemeinsamen Spaziergang an der herrlichen, palmenbestandenen Strandpromenade kamen wir an einer großen, schönen Villa inmitten eines blühenden ©artens vorbei, deren Fenster und Türen Tag unb Nacht ben kühlen Seewinden offen stehen. „Das war vor dem Krieg unser Haus", (affte ber Mann, unb bie Frau nickte nur. Mit allem, was brin war an Möbeln, Einrichtungsstücken unb persönlichen ©ebrauchsgegenständen hat man eS> ihnen genommen. Sie sehen täglich Frernbe in dem kühlen ©arten Ihres ehemaligen Besitzes, während sie selbst in dumpfen, engen Räumen leben müssen. "Wir müssen eben neu anfangen“, meinten sie, und es war nicht einmal Bitterkeit in ihrer Stimme.
Dem Deutschtum in Ostafrika fehlt einstweilen noch ber natürliche Mittelpunkt. Auch Mission, Schule unb Kirche wurden -ja zerstört. Heute arbeitet die deutsche Mission wieder, über bie Rückgabe ber Kirchen schweben Derhanblungen, und Die ersten Versuche zur Gründung deutscher Schulen sind im Gange. Sehr störend ist bas Fehlen einer amtlichen deutschen Vertretung. Die Ernennung von Konsuln in dem ehemaligen Schutzgebiet würde eine juristische Anerkennung der fremden Herrschaft bedeuten, die man vermeiden möchte. So ist ber deutsche Konsul in Mombasa mit der Vertretung ber beutschen Interessen im ehemaligen Deutsch- Oftafrifa betraut. Von Mombasa nach Tanga ist
Bolivien,Land und Leute.
Don Fred C. Dillinger.
Der Aufstand der Indianer der bolivianischen Hochebene, die sengend und brennend die Gebirgstäler der Kordilleren durchziehen, lmkt den Blick auf jenes weltferne Land Südamerikas. von dem der Europäer gemeinhin nicht viel mehr weiß, als daß dort ungeheure Bodenreichtümer verborgen sind und in regelmäßigen, nicht zu lang bemessenen Zeitabständen eine Devolution ausbricht. wobei die zufällig herrschenden Machthaber von neuen Usurpatoren abgelöst werden. Im üb- - Tr k* .man Bolivien für - ein unfruchtbares Hochland, eine Tropengegend, in der das Fieber umgeht, dieses schiefe Bild, das man sich bei xm| von einem Lande macht, dessen Oberfläche mehr als doppelt so groß wie die Deutschlands E,'.,hörend seine Bevölkerung noch nicht drei ,-L1071™ 8ühlt, stammt nicht von un- gesahr. Don jeher war Bolivien von der Aus- wartsestw'..lung, die die übrigen südarnerikani- schen Republiken nach der Abschüttekung der
611 Herrschaft nahmen, ziemlich ausgeschlossen, und wenn es, das früher Oberperu hieß als neugebildeter Staat • den Damen des süd° amerikamschen Freiheitskämpfers Bolivar angenommen hat, so hat diesem „Domen" nicht die befeuernde Kraft des „Omen" inneg?wohnt
Katastrophal vollends wirkte sich der Salpeterkrieg mit Chile aus, bei dem Boliv en seine Küste an die benachbarte Depublik verlor- von nun an schien es auch wirtschaftlich seine Dolle ausgespielt zu haben, denn feine Waren trugen nicht mehr, wie bisher, den Damen des Ur- sprungslcmdes in die Welt, sondern wurden in den geraubten Häfen als Produkte der Dachbarländer verschifft. Sehr zutreffend hat man Bolivien daher das amerikanische Tibet genannt und es mit jenem merkwürdigen Staat im Herzen Asiens verglichen, das durch hochragende Bergketten und unwirtliche Wüsten gegen feine Dach- 6arn abgesperrt ist, und das sich, mochten sich jenseits seiner Grenzen auch die folgenschwersten Ereignisse abspielen und Entwicklungen anbahnen, als verschlossenes Land behauptete und sein träge dahinfließendes Leben unter der monotonen Melodie der lamaistischen Gebetsmühlen bis auf den heutigen Tag weiter fristen konnte. Sind in Tibet die in den zahllosen Klofterstädten und den
schwarzen Domadeirzelten hausenden Lamas das retardierende Moment jeder zeitgemäßen Entwicklung, so ist es auch um Die Zukunft Boliviens schlecht bestellt, wenn jene Zustande Dauer haben sollten, die die letzten Ursachen der augenblicklichen, furchtbaren Ereignisse sind.
Spät und furchtbar rächt sich die unselige Politik der spanischen Konquistadoren, die vor gerade 400 Jahren, getrieben von der auri sacra fernes, Dem verwünschten Hunger nach Golde, von Panama aus mit ihren Gallionen nach Süden fuhren, nach Dem verheißenen Goldland Peru, wo Die spanischen Ritter unter Der Anführung Francisco Pizzarros an ihren Gastgebern eines der'schmählichsten Derbrechen begingen, die Die an SchanDtaten des Dervats unD Der Treulosigkeit «gewiß nicht arme Weltgeschichte verzeichnet. Was wir jetzt aus Bolivien berichtet lesen, sinD die lehtep Zuckungen eines vor Jahrhunderten hochstehenden Kulturvolkes, das sich ein blühendes Staatswesen geschaffen, die soziale Frage auf eine uns zwar fremde, aber immerhin Doch als schöpferische Leistung beachtenswerte Weise gelöst hatte, DaS eine eigene Kunst besaß, dessen öffentliche Moral Die Der spanischen Ein- Dringlinge zweifellos überragte. Mit Der Eroberung begann Der Abstieg eines ganzen Bolkes. Die zwei Millionen InDianer, Die heute als Die Aachkommen Der Inkas unter bejammernswerten sozialen unD wirtschaftlichen Verhältnissen Dahinvegetieren. haben Das gleiche Schicksal auskosten müssen, Das europäische Kolonisation zur Zeit Der Entdeckungen über so manches Bolk des Erdenrunds gebracht hat. Die Weihen brachten alle ihre Laster mit in die neue Heimat und Dezimierten so Die Ureinwohner Der entdeckten Länder: von den meisten eingeborenen Böllern in Amerika, Australien und anderen Himmelsstrichen haben sich heute nur noch kümmerliche Reste durch Alkohol, Rauschgifte und ansteckende Krankheiten aller Art degenerierter Dachfahren erhalten.
Der Indio, der der weißen Herrenschicht botmäßig ist. steht unter rein mittelalterlichfeudalen Arbeitsverhäitnissen. er ist nichts mehr als ein höriger Sklave seines Brotherrn, diesem auf Gnade und ilngnaDe ausgeliefert. Dieses Dolk, das weder lesen noch schreiben kann, vegetiert in dumpfer Resignation dahin, es lehnt sich nicht auf und trägt sein Schicksal: an Genügsamkeit nehmen es diese Indianer mit den cm»
spruchslosesten Chinesen auf. In dieser Hinsicht unterscheiden sich Die Verhältnisse in Bolivien durchaus von Denen in Den Dachbarländern, wo die Entwicklung we'entlich weiter fortgeschritten ist unD Die Möglichkeit sozialer Unruhen Durchaus gegeben erscheinen läßt. Dies kann jedoch keineswegs von den Ereignissen in Bo- [ livien gesagt werden, wo Der plötzliche Ausbruch des InDianeraufstanDes, von grünDlichen Kennern des Landes schon mehrfach vorausgesagt, nicht so sehr'der wirtschaftlichen Unterdrückung der Ureinwohner, wie Dem schlummernden Haß der untcrDrüdten Indianer zuzuschreiben ist, Die ja auch in Den Jahrhunderten Der Entrechtung, bei aller stumpfsinnigen Ergebung in ihr Geschick, nicht aufgehört haben, Den Gedanken an die Erlösung aus Rot und Knechtschaft und Die Wieder- herslellung des Reiches am Leben zu erhalten.
Dabei wäre Bolivien nach seiner natürlichen Beschaffenheit zu einem besseren Schicksal berufen. Es ist ein nur auf Den ersten Blick unwirtliches LanD. Selbst Dort, wo Die Ratur nichts herzugeben sd)eint. wächst genug, um Den großen Biehherden Lebensrnöglichieiten zu geben. Hier trifft man in Den verschieDenen Höhenlagen Die verschiedensten Pflanzen: Arktis und Tropen bezeichnen Die Grenzen Der Flora. Un- gefjoben liegt unter Der Erde Der ungeheure Reichtum an Eisen, GolD. Kupfer. Zinn unD Petroleum, Salpeter unD Gummi. Der Silberberg von Potosi birgt Schätze fonDer Zahl. Eine neue Petroleumindustrie ist im Entstehen unD toirD vielleicht einmal eine wichtige Rolle in Der Gesamtwirtschaft Des LanDes spielen. Von großer Wichtigkeit ist Der Ausbau Des Eisenbahnnetzes, ein Gebiet, das noch sehr im argen liegt. Die Verbindung mit Den Eisenbahnen Der Dachbarstaaten und die große panamerikanische Bahn, Die ganz Südamerika Durchziehen und mit DorDamerika verbinDen soll. — ein Werk übrigens, an Dem deutsches Material stark beteiligt ist — wird vielleicht Die moderne Entwicklung eines völlig zurückgebliebenen Landes beschleunigen.
Im Rordosten dieser riesigen Steintafel, wie man Bolivien zutreffend genannt hat, liegt feine Hauptstadt L a P a z. In den wolkenlosen Tropenhimmel ragt in Der Ferne Der schneeige Gipfel des Illimani. Die moderne Entwicklung, die man im Lande und seiner sozialen Struktur
vergebens sucht, ist an Der HauptstaDt nicht spurlos vorübergegangen. Autos, Hotels, Kaffeehäuser. Kinos unD Straßenbahnen fehlen hier ebensowenig wie in irgendeiner anderen amerikanischen Stadt. Dennoch ist das Bild, das durch Indianer und Herden malerisch belebt toirD. bizarr genug; Der Farbensinn dieses unter tropischem Himmel lebenden Volkes offenbart sich in Den leuchtenden ilebertoürfen unD Röcken, in Denen sich die inDicmischen Einwohner zeigen. Einen Sprungs zurück nach Europa bedeutet Dagegen wieder ein AbenDspaziergang über Den Bummel von La Paz. Da zeigen sich Die Herren des Landes, nach Der neuesten amerikanischen Mode gefleiDet, Da konzertiert Die Mckilärkapelle in e iner ADjustierung. wie sie Das deutsche Heer vor Dem Krieg kannte. Mittelpunkt dieser Metropole ist Die Plaza Murillo, um Die sich Das Regierungsgebäude. Der Parlamentspalast unD Die herrliche Kathedrale gruppieren: von hier geht es über wohlgepflegte Avenidas nach Der Reustadt, Die im sinkenden Abend in einem Meer von Lichtern ausleuchtet.
La Paz liegt in diesem Teil über 3500 Meter hoch; der Aufenthalt ist daher zur Winterszeit, im August, recht unzuträglich. Die wohlhabenden Hauptstädter wohnen deshalb in einer tiefer gelegenen Villenvorstadt. Modem ist auch der präzi e Terkehrsdieast. Der von allgegenwärtigen Polizisten musterhaft geleitet wirD. Eine große Rol e im gesellschaftlichen Leben Der Hauptstadt spielen Die fremden Kolonien, nicht zuletzt Die Deutsche. Das Leben in dieser weltfernen Stadt Des bolivianischen Hochlandes ist. Da durch Die ungünstigen Verkehrsverhältnisse Die Lebensmittelrecsorgung sehr umstänDlich ist, recht teuer; für Den freilich, Dessen Börse wohl- gefüllt ist, stehen jede Zerstreuung unD jedes Vergnügen zur Verfügung. Aber La Paz ist nicht Bolivien. Wer sich aus Dem Weichbild Der Stadt begibt, stößt auf die kläglichen Lehmhütten der Indianer und wird Zeuge eines stumm getragenen Elends. Land Der Gegensätze, wie vielleicht kein zweites mehr auf Dem Erdball, in Dem der Wanderer in kurzer Zeit von den Wundern Der tropischen Landschaft auf schmalem Grat Die steilen Felsen unD Bergriesen Der Linden erklimmt, in dem Der moderne Wirtschaftsführer amerikanischer Prägung neben Dem verkommenen Sohn großer Ahnen geht — Bolivien!


