Nr. 159 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen) Freitag, 17. Juni 1927
.•mfter. die Zusammenstöße hestt
immer gespannter.
ticht selber auSmalen Die Polizei, deren Uangmut die Oreiue de« Erträglichen streift, greift cle. da» Publttum nimmt deutlicher für ober gegen Daudet Stellung, und der schönste Skandal ist im Gairgc: Pari- hat wieder seine Sensation. Zur Verteidigung t>oii Daudet waren 980 Royalisten im Gebäude der .. Action ftran- s-ülfe“. bis an die Zähne bewafsnet, zusammen- gezoqen Sichersich war ein Teil von ihnen entschlossen, ibr Leben für den Führer zu opfern. Daß es hierzu nicht flefonunen ist verdankt Paris feinem neuen Polizeipräsekten Chi - a p p e. der die ganze Rächt durch den Angriff auf Daudet« Festung vorbereitet hatte unb heute vormittag, in aller Frühe. Daudet ausforderto. «ich zu ergeben, um unnötiges Blutvergieften zu verbinden. Der Polizeipräfekk hatte einige Lausend Schutzleute. republikanische Gardisten und Militär ausgeboten. um erforderlichenfalls mit Gewalt vorzugehen. Deine Angriffskolonne war auch mit GistaaS auSgestattet. Ferner hatte Ghiappe zwölf der modernsten Automobilfprihen der fßarifer Feuerwehr mitgebracht. die bereit
hebt .
Die Reibereien aus der Strafte werden nenstöste heftiger, die Lage Das übrige kann inan sich
Die Daudet-Komödie.
Von unserem Pariser W. 8.-Korrripondent
Paris. Mitte 3um 1927.
Paris hat wieder eine neue Sentanon gehabt. eine Sensation, wie sie eben nur in Paris möglich ist. Ke n R.chtsranzose, kein C*rt«frtmt*r kann sich vorstellen. daß so etwas überhaupt möglich ist. was sich vier Tage lang mitten in Paris, und noch dazu an einem der gröhten Verkehrspunkte zugetragen hat. Folgendes der nackte Tatbestand
L^on Daudet. 5üfcrcr der Royalisten. Di- rektor der .Action Sra nf aif e” und Träger eines grohen RamenS ist wegen mastloser Beleidigungen tn mehreren Protest cn die er vegen bei
tne« Taugenichts und Durchbrenners, angestrengt jat, nach endlosem Hin und Her z u s ü n s Mo- taten Gefängnis verurteil: worden. Sr hoffte natürlich begnadigt zu werden Doch Me Regierung Habt fest und fordert ihn zum Antritt seiner Strafe auf. Daudet denkt nicht daran, dem Gestellungsbefehl Folge zu leisten, sondern flüchtet in die Redaktion«- räume der .Action Sran^aife“ an der Place be Rome unmittelbar am k^'dnhof 5t. Lazare verschanzt s i ch dort tm vollen Sinne deS Worte«. ruft ein paar hundert Getreuer zu feiner Verteidigung auf und nun lefr t loS _
Diese Royalisten, iunge Abenteurer. Studenten. Kaufleute und AngesteUt. gebährden sich möglichst revolutionär und kriegerisch, dch. solange feine unmittelbare Gefahr droh' DaS ist zunächst nicht der Fall.
Und damit berühren Wir gleich eine der bedenklichste: Säten dieser .Sensation', nämlich die unentschloffene Haltung und de von der THaflc der Pariser Bevölkerung alS höchst ungerecht empfundene Rachsicht der Regierung diesem Herrn Daudet gegenüber. Denn eS ist ja nicht das erste Mal. dah dieser solch.- Streicke macht. im Gegenteil, weil ihm in Paris eigentlich kein vernünftiger Mensch mehr ernst nimmt, sucht er auf alle nur erdenkliche Art and Weife Reklame für sich und feinen Anhang zu machen, den man auf höchstens 20 000 Mann ui schätzen bat. Daudet kennt auS all feinen bisherigen Erfahrungen die Rachsicht der Regierung ihm gegenüber zur Genug., um genau iu wissen, daß er eS nun einmal immer wieder nchig versuchen darf.
Alles wickelt sich programmästig ab: Die Loyal ist en rotten sich vor der ,2klion Fran- ylifc“ zusammen. eS kommt zunächst zu Reibe- mb Andersgesinnten, und die Polizei muh ein- jrcifen. um den Verkehr ausrecht zu erhalten und grobe Tätlichkeilai zu verhindern. Diese Plänkelten t-auern Daudet zu lange. Sr erscheint aus einen Balkon deS Gebäudes der .Action Frai^ailc'. lästt sich von seinen Anhängern aus der C-trafie feiern und sorgt Direkt und indirekt -rach Kräften dafür, dast .die Stimmurrg sich
waren, die RebaktionSräume und die Schlupfwinkel der Royalisten in wen gen Minuten unter Wasier zu sehen
Die Rooalisten erwählten den klügeren Teil b r T irJcrfeit und ergaben l.ch b.
Irv Die Polizei sicherte ihnen freie# Geleit zu. ihr Abzug au» der .Action Sran^atfc“ bot einen eben*9 kläglichen ttxc belust genden Anblick. Daudet fuhr mit den übrigen verurteilten Leitern der .Action Fran^aife" tm Auto deS Polize pröfekten ins Gefängnis, bort hat er Zeit genug iur Besinnung.
Vie Schweiz als Zufluchtsstätte
Bon unterem 3- D.-Berichterstatter
Zürich 16. 3uni 1927
Der englisch-russische Konflikt findet m der Schwei; an Scho von besonderer Eigenart Der innere Kamps uw die weitere Gestaltung der Beziehungen der Schweiz zu Rustland ist noch nicht zu Ende und die besondere staatsrechtliche Stellung der Schwei.; und ihre besonderen inneren ge'ensichen Bestimmungen lassen unS die jetzigen Ercignisie. angefangen von dem Vorgehen der englischen Regierung gegen die Sowjetpropa- ganda biSbin zu dem ungeheuerlichen Mord an ben zwanzig Gefangenen mit besonderer Auf- mersiamkeit bctrcdjtai.
Die Heine Schweiz hat in der grosten Wett- Politik getrih wenig mitzureden aber in moralischer Hinsicht ist die Sleflungnabme der Schweiz für alle anderen Staaten von eminenter Bedeutung Die Schweiz ist nun einmal daS Land für daS die Achtung vor internationalen Verträgen und vor dem Völkerrecht eine ßeben«- frage bedeutet und die Schweiz ist da- Land, bei dem der Völkerbund wohnt.
Politischen Flüchtlingen hat die Schweiz von jeher Ashlrecht gewährt. Dieser Schutz ist heiligstes Gut unserer Dersasiung Wer alS politischer Flüchtling sich nach der Schweiz rettete, der sand dort eine Freistatt. Schon im Ansang deS 19. Jahrhundert« hielt sich ein Mann, wie Joseph GörreS. im Schutze der Schweiz auf. biS in feiner Heimat wieder ruhigere Tage angebrochen waren. On jüngster Zeit ist da« schwei-ertsche Asylrecht, diese von der ganzen Welt geachtete, und wie wir glauben, geschönte Institution, verknüpst mit dem Rameit d' An- nunzio. Mussolini. Centn, Trotzki. Kaiser Karl von Oesterreich. König Georg von Griechenland. Sogar der letzte Sultan, der vertriebene Kalif, hat sich in die Schweiz gerettet. Wer auch immer in die Schweiz kommt, um Leib und Leben zu sichern, findet sich hier geborgen. DaS alle« aber hat auch seine Grenzen.
Wer vom Boden der freien Schweiz aus umstürzlerisch zu arbeiten versucht und so da« Obdach mißbraucht, wird auSgewiesen. Dabei ist eS gleichgültig, ob er gegen bestehende Ordnung in der Schweiz oder gegen die eine« fremben Staate« tätig ist Der Flüchtling, der eine Freistätte sucht, findet sie in der Schwei,; also nur. wenn er auf seine Tätigkeit verzichtet. Die Weit Herzigkeit der schweizerischen Gesetze wird durch diese Einschränkung genrifj nicht berührt. denn e« hiebe die Schweiz in unabsehbare Konflikte ftür;en. wenn der Flüchtling unb der Geächtete aus dem Boden der Eidgenossen- schast über die Sicherung seine« bedrohten Leben« hinau« noch Unterstützung für seine alten Pläne fänbe. Das Land kann nicht zugeben, dah auf seinem Boden revolutionäre Betätigungen gegen andere Staaten entfaltet werden.
So ohne weitere« wird einem beschuldigten Ausländer da« Asylrecht freilich nicht entzogen. Die blohe Vermutung genügt keineswegs, eS muh der Beweis umstürzlerischer Tätiateit geführt und da« Vorhandensein einer Gefährdung erwiesen fein. Diese Grenze der Gastsreundschast hat Herr d'Annunziv und fogar, der jetzt allmächtige Mussolini erfahren müssen. Die Bekanntlchast. die Musiolini mit den Schweizer Gefängnissen machte, beruht weniger auf feiner .Landstreicherei" al« auf den Verdacht revolutionärer Umtriebe, dessentwegen er auch später auSgewiesen wurde. Erst wenige Monate bevor Mussolini als Ministerpräsident nach Lausanne kam, wurde diese AuStveisung aufgehoben, Mussolini selbst scheint von der Schweiz, die er al« da« Idealbild seiner Republik mit klopfendem
Herzen betrat, schwer enttäuscht gctivfem zu sein Wenn er aber glaubte, dnen Pvsizrikommisiar au» der Fasiung bringen zu können, der sich in Lausanne nach den Wüntchen de« Herrn Ministerpräsidenten erkundigte und dem er vom Fenster de« Hotelzimmer» auS bte Brücke zeigte, unter der er einstmals verhaftet wurde bann bat er sich getäuscht denn dieser Kvmm.siar sagte im Vollbewufttte'.n deS damals und de« heute guten schweizerischen Rechte« nur. .DaS i ft da« Leben. Herr Ministerpräsident". Die Schweiz würde zum Heren keifet, wollte sie ander« handeln.
Kann man e« den Schweizern tierbenfen. wenn sie nun erregt gegen da« bolschetmftische Rußland Stellung nehmen, desien grvfte Führer einst bei ihnen Unterschlupf fanden? Was einem Lenin und einem Tross damals zugute kam. al« da« Zarenreich sie ächtete, war doch dieselbe weitherzige Rechtlichkeit gegen die bre Bollche- wiften Sturm liefen im Falle der Ermordung WvrowfkiS durch einen nichtschweizer Staatsangehörigen. Kann man eS der öffentlichen Meinung der Schwerz verargen, wenn sie einen Druck auf die Bundesregierung ausübt. keine vsii- ziellen Beziehungen mit Sowjetrubland aufxu- nebmen und wenn sie die ersten russischen Ab- griandten beim Völkerbund wädrend be; Delt- wirtschaftSkonferenz mit sehr gemischren Gefühlen betrachtete? Die Opposition deS Schweizer Volke« gegen Gäste au« dem roten Ruftland wird bei Der Fortführung der Abrüstungsverhandlungen im Herbst die unter Teilnahme russischer Dele- ferter erfolgen soll, noch gewiß zu Schrvi er igelten führen.
Und e« ist eine nicht zu leugnende Tatfache dast die öffentliche Meinung der Schweiz es <ru« Gründen des Gefühle« wahrscheinlich billigen würde, wenn Gngland zu einer Art von Ärcu;- zug gegen da« rote Ruftland und feine Schrecken aufnefe Sine Tatsache von besonderem moralischen Gewicht.
Zeitungsschau.
Unter der Ueberfchrist .Der verlorene Sonntag" veröffentlicht der ehemalige badische Staatspräsident Dr. W. Hel lpach in der .Voss. 3tg/‘ einen Artikel, der sich mit einem gar nicht ernst zu nehmenden Kapitel beschäftigt. Der Staatspräsident knüpft an eine Umfrage nach der täglichen Lebensführung einer Reihe von .Prominenten", die eine süddeutsche Zeitung zu Pfingsten veranstaltet hatte und schreibt bann: .Wesentlicher al« diese amüsanten oder ennuyanten Intima scheint mir an Zorne-auSbruch unserer hochverehrten Führerin Gertrud Bäumer. die den Zivllmut bezeigt, die Maftlosigkeit deS Arbeitseifer« der Deutschen al« „leben«» und kulturfeindlich" zu brandmarken. Gew ist. hier lag ja schon an der Schwelle des Weltkriege« eine der Wurzeln von Weltantipathie gegen unS. die Mar Scheier al« eine Art Weltangst vor einer -wetten Paradiesesaustreibung beschrieben hat: man kann nicht sagen, dast Krieg. Riederlage und Umwälzung der VersasiungS- reform sich al« ein läuternder Prozeh dieser unserer Verirrung gegenüber bewährt hätten. Wenn ich selber wiederholt den RachkriegS- deutschcn die Losung Friedrichs de« Grosten: „Vor mir liegt unermestliche Arbeit", al« auch ihre zwangsläufige Losung zu Gemüte geführt habe, so empfängt alle Arbeit doch ihren 2$krt- mahstab erst von der Leistung, die au« ihr erwächst. Die Deutschen aber sind sehr geneigt, das An-der-Arbeit-sein um seiner selbst willen zu vergöttern unb umgekehrt die Leistung nach dem äuherlich sichtbaren Arbeitsschein, mit dem sie sich umgibt, zu bewerten Sie verlangen, mir scheint heute iwch mehr als ehedem, namentlich von ihren leitenden Menschen, dast man sie sortwährend sichtbarlich an der Arbeit wahr- nehme und hindern diese leitenden Menschen dadurch, zu ihrer wirklichen Arbeit zu gelangen, die eben überhaupt nicht sichtbar zu machen ist (vor ihrem 2lbschluft). fonbern die ein stilles Sich-Sammeln. Sich» Verdenken. Grübeln, Emp- sangen und Ausreisen von Gedanken. Plänen. Konzepttonen fordert. Sine der (tärtften Selbst- gefährdungen aller Demokratie bleibt, dast sie ihre Führer nicht zum Vollbringen schöpferischer Führungsausgaben kommen laffe. „GS ist Barbarei." sagt Gertrud Bäumer in der Antwort
auf jene Umfrage, „dem Menlchen feine Möglichkeit ;u Sammlung Entspannung und ;u:n Piftaiu« gewmncn zu lassen." Icim Posittfer entstehe darau« .biete gew 'fe blecherne Seeienverfasfung.. ." Man preis' c« geradezu alS ein». Erlösung. d.ih diese« UHidjt.ge Urteil end ch einmal ö'fentlich von einer I ervorragenden Demokratin im besonderen Zusammenhang mit dem Miftbrauch deS Sonntage wie er be. un« immer mehr einreibt, gefällt wird. —
Denn sie alle brauchen den Feiertag, brauchen den össentlichen Feiertag! Man vertröste sie nicht auf den Wochentag, an dem ja sie Erholung suchen könnten. Ob sie Beanue. Redakteure. Professoren ?ldvnkaten oder wo« immer sind, gerade auch Kausieute. von denen wir reck-t titele. viel mehr al« heute, tm wirklichen öffelttlichen Leben fefxn möchten selten ist eS cincnf von ihnen möglich, ftch loochentag« auch nur notdürftige Stunden der Ausspannung zu sichern. «S.ne pvlittfche Schicht von Menschen, die über ihr Dasein völttg unabhängig. t>er- fügen. beruf Im. sind unb hr Leben gänzlich autonom einteilen können, fehlt un« leiber. C.-ibft untere gröstten Industrie- unb Finanzkapitäne (unb gerade sie) sind ja leine Rente etnftedvnben GrandfeigneurS. sondern verzehren f.ch grossenteils vorzeittg in einem wahren Umnäh von alltäglicher Arbett Wenn sie viel Geld ivr- dienen «Annahme: übr.gen« gehört ba« ja zu den Pflichten ihre« Metier«), so kann man heute nur fagen. nicht dast sie dtefern Laster frönen, sondepn dast fie ihm wahrhaft fronen. LS gibt Beurteiler, die da meinen, wenn lüir jene feigneurale Schicht nicht entwickelten würden to;r un« vergeblich anstrengen, eine pc^ittsche unb polisifch erfolgreiche Ration zu werden. Gleichviel: wir haben die Schicht raebt Für 9- I?1 aller, tne im öffentlichen Leben heben unb wirken, ist der öffentliche Feiertag genau wie für die Masten der einzige SrholungS- unb SammlungStag in der Woche. GS ist auch ihr Tag der Muste, auch ihr Tag der Familie, und ttnr alle wtsien. wieviele Frauen und Kinder die Pvltttk twrum al« to leidig verwünschen, weil sie ihnen den Gatten und Vater auch am Sonntag entzieht, dem einzigen Tage, da er ihnen gehören sollte. S« ist auch ihr Tag de« Mensch-Sein«, da der Ressortari»etter. der Fachmann, der Sp^ialist einmal abgelegt werden tarnt Roch nie ist der Sonntag, ist daS hohe Fest, sind seine zwei Feiertage so notwendig getnefen wie in unserer Gegenwart, die da« alte Gut der täglichen lFeier- ftunbe. de« Feierabend« für die meisten Männer gerade der „oberen" Schichten, gerade der „gei- sttg" arbeitenden Kreise längst vernichtet hat. Daher ja auch die urimichsige Kraft, mit der die Wochenendbewegung sich Bahn bricht: ich habe schon vor 20 Jahren, tn meinen ersten Hochschulvorlesungen über Arbeit«künde vorauögesagt. dast wir Deutschen in einem Menschenalter den angelsächsischen Anderhalbfonntag notgebmmgen un« auch würden erobern müssen <waS damals noch recht ungläubige Ohren sand). — - Für die Masten ist der Alltag besser, erträglicher, menschenwürdiger geworden, wer wollte da« leugnen! — aber gleichzeitig ward er rücksichtsloser unb aufreibender für diejenigen, denen die schöpferische Leistung zuged^icht ist. Man lasse ihnen die Muhe, ohne die e« feinen schöpse- rischen Geist auf Gr den gibt Denn wenn, imf Gertnck» Bäuin.-r zu reden, die Geistesverfassung der Führer .blechern" wird, dann drriht die Gefahr herauf, dah die Mallen selber, von den Führern im Geiste entblöht, vor dem ersten besten skrupellosen Despoten In die Knie Nicken, um ihm in tragischer Verkennung be« Wesentlichen zuzujauchzen Veni Creator Spiritus I So hat ja au« eigenem Verschulden scyvn manche Volksherrichaft auf Erden geenbet. 2(lvr e« war nirgend« fachliche Rotwendtgteit. Auch wir brauchen un» in die Schuld nicht zu verstricken, wenn wir da« sachlich Rotwenbige erkennen und — tun.
Tprechftnttden dcr Rcdakkion.
12 bl« 1 Uhr mittag«, 5 bl« 7 Uhr nachmittag«. Samefag nachmittag geschlossen.
Für unverlangt eingefanble Manuskripte ohne beigefügte« Rückporto wird keine Gewahr übernommen.
Unzeigenausträge sind lediglich an die Geschäft, stelle zu richten.
Der Titulado.
Erzählung von Kory TowSka.
König Phllipp IV. von Spanien hatte den Grasen Lermo« zum .Titulado" ernannt. Die« bedeutete amtt-.ch. dah Gras LermoS in Zukunft einen Thronhitnrnel in feinem Zimmer haben durfte und in Madrid vier Pferde vor seiner Karosse, mit feibenen Stricken verbunden. Ferner durfte er. inerrn der König ihn an rebele. bedecken, unb wenn feine Gemahlin zur Königin ging, brauchte sie sich nicht auf den bloften Huhteppich zu fetzen, sondern e« wurde ihr ein Polster hingelegt
Die Höflinge lachten hinter de« Grafen Rucken bet dieser Ernennung Der ganze Hof wühle, wach e« auheramttich bedeutete, wenn der galante TTtonardb einen Granden zum Titulado machte. Da« Haupt diese« Gl-.^lllchen schmückte, wenn er Vor dem König stand, bmfort nicht nur sein Federhut. sondern auch eine Krone, wie sie der König deS Walde« trägt.
Am lautersten lachte der Herzog von Albu- guergue St würde, so sagte er zu seinen Freunden. diese« Schicksal nicht mit eben der Ergebung tragen wie Graf LerrnoS. Allerdings drohe c« chm auch weniger, denn Donna Glevnora. feine Gemahlin, sei ebenso tugendhaft wie schön.
Die junge Her^>gin von Allmauerque war in der Tat vollkommen schön. Zumal ihre Augen bekaften einen unnennbaren Reiz durch ihr Feuer, ba« so lebhaft war. dah man glaubte, sie hätten die leuchtende Sonne in sich aufgefogen. Waren e« nun diese Augen oder andere chrer Vorzüge — genug, der unbeständige Sinn de« Königs wandte sich halb von der Gräfin LerrnoS ab und der Herzogin von Albuquerque zu. Sr bst alle« auf. um sich mit der Herzogin von feiner Liede ;u unterhalten, konnte indessen nie ben günstigen Augenblick finden. Zhr Gemahl bewachte sie zu genau. Obgleich der Herzog von ihrer strengen unerschütterlichen Tugend überzeugt war. hielt er eö bei den Machttnttteln eine# versiebten Monarchen doch für geraten, die Augen ollen zu halten.
Dadurch wurde be« Königs Leidenschaft nur uni fo heftiger gereizt, und er beschlvh, durch eine List zum Ziele zu kommen.
Eine« Abends, da er mit einigen Granden bei einem hohen Spiele sah. trat, geheimer 'Der- abreduiig gemäß, fein Günstling, der Herzog von Olivarcz. herein und überbrachte dem König cm en angcbM) soeben gekommenen Bries von äufterster Wichttgkett, bei sofoirige Antwort erheischte Der König erhob sich, rief ben Herzog von Albuquerque, der im Zimmer war. und bat ibn. sein Spiel zu übernehmen. Hieraus verlieh der König da« Zimmer, ging in fern Kabinett. warf einen Rlantel um. entfernte sich über eine geheime Treppe unb verfügte sich, nur von seinem Günstling Olivavez begleitet, zu bet jungen Herzogin.
Der Herzog von Albuquerque, der die starke Ahnung hatte, dah der König nicht ohne befow bete Ursache gerade ihm sein Spiel übergeben habe, befchloh. sich so schnell wie möglich Ge- wihheit zu verschaffen. Gr fing plötzlich an. sich über heftige« Leibschneiden zu beflogen und zog so jämmerliche Gesichter, machte so greuliche Gebärden dah seine Partner ihm rieten, so schnell al« möglich nach Hause zu gehen und zu purgieren. Gr lieh sich da« denn auch nicht zweimal sagen, gab seine Karten einem anderen und rannte spornstreichs seinem Haufe zu.
Dort trat der König mit seinem Begleiter inzwischen angekommen, bcfarri) sich jedoch noch tm Hofe wo er mit Olivarez ben letzten Krieg«- rat hielt, wie er diese stark» Feste der Tugend am schnellsten einnehmen möge. Sleonora Albuquerque war keine Maria Lermos. Das einzige Mal. da e« ihm geglückt war. ihr bei einem Karullel zuzuflüstern, dah er sie liebe und bereit fei. ihretwegen mit einer edlen Dame zu brechen, hatte fie ihm geantwortet: Wenn er auch fo glücklich wäre, dah er mit feinem Herzen machen tonnte, was er wolle, fo wäre f te dazu nicht in der Lage. Ihr Herz gehöre dem Herzog von Albuquerque und werde ihm ewig gehören.
Wie nun der König den Herzog erscheinen sah. verbarg er sich rchch im tiefen Schatten eine« kleinen Gang« ber auf ben S>pf mündete, während OliDara butter einen feiler sprang. Aber die hellen Augen de« wachkamen Shfernanns
hatten beide schon bemerkt. Der Herzog hütete sich wohl, nach Fackeln unb Dienern zu rufen, denn in diesem Falle wäre er gezwungen gewesen. ben König zu kennen. Ganz allein ging er auf ben Frevler an seinem Ehefrieden zu. zog seinen Degen mitfami der Scheide au« dem Gürtel, nahm ihn verfehrt m die Hand, schweickte ihn und schrie: .Ah. Du Schurke. Du Dieb! DaS möchte Dir so paffen, hier einzubrechen, wenn ber Herr fort ist! Ra wart! Da« soll Dir übel bekommen!" Und nun fing er an mit dem Etichblatt seine« Degeiw. da« so grob tnar. dah man hätte einen kleinen Kürah daraus machen können. Seine Majestät au« allen Kräften zu bearbeiten. Der Herzog von Olivarez. der seinem Herrn zu Hilfe kommen wollte, bekam nicht minder weidliche Hiebe. 3n der Angst um seinen eigenen Buckel lchrie er endlich: .Hattet ein. e« ist der König!" Worauf der Herzog seine Prügel noch verdoppelte, zur ©träfe, wie er den beiden zurief, weil sie getoagt hätten den Rainen Seiner Katholischen Majestät mit einer gemeinen Schurkerei tn Verbindung zu bringen. Der Könia, ohne ein Wort zu sagen, lief bei dieser Hebe davon. Olivarez hinterdrein. AIS die Dienerschaft rml Fackln herbeikam, fand sie nur noch den fiegreichen Herzog.
Zu Philipp« Lebzetten hat niemanb von diesem Handel erfahren. Olivarez hatte keine Deranlolstmg. pi plaudern unb Albuquerque hütete sich, de« Könige Ungnade auf sein Haupt zu ziehen Den König aber ärgerte ein Liebesabenteuer. bei dem er Prügel bekommen hatte, ohne die Gesiebte auch nur zu Gesicht zu bekommen, und er sann auf Rache an dem Ghemann. Den Herzog zu bcftra'cr’.. da« ging nicht an. ohne sich leibst bkohtzustellen. Sv fand er denn bad Mittel, sich Genugtuung zu verschaffen und dem Herzog einen Pv^en zu spielen darin, bah er ihn belohnte Er ernannte ibn zum .Titulado" Run lachte alle Welt auf Kosten be« Herzogs und der König lachte mit. Aber gutrrür.g. wie er im Grunde war, unb noch mehr leuchsinnfg unb veränderlich, schenkt» er schon nach gana kurzer Zett feine Gunst einer neuen Schönen, und der Herzog von 3Örugucrqne lebte mit Donna Steonbra unangefbÄen unb tn herz sicher Liebe irr8> rite getrübter She noch titele gfKsiche 3a§ne.
Wie Herkulanum ausgegraben wird.
Die Ausgrabungen in Herkulanum. deren Beginn durch eine 6röffnung«fcier eingeleitel wurde, befinden sich Dorläufig noch im vorbereitenden Stadium. DaS Riveau der altrömischen ©traben befindet sich etwa 80 Fuh unter be< gegenwärtigen Grdobersläche. Schon diese Tatsache gibt eine Ahnung von den ungeheuren Mengen festen Schlamm« und harter Asche, die entfernt werden müssen, bevor die eigentlichen Ruinen erregt werden. Die Millionen Kuvik- fuh Schutt, die die alte Stadt begraben, werden auf die modernste Art abgetragen. Prof Majuri. der die Grabungen lettet, läht gegenwärtig eine Eisenbahnstrecke zwischen dem AuSgrabuna-ge- länbe unb dem Meer anlegen. Auf diese Weife wird es möglich fein, mehrere 1000 Kubiksiih täglich wegzubringen, nachdem die harte Masse durch besondere pneumatische Apparate gelockert worden ist. Der Schutt wird dazu verwendet, einen Sumpf auSzusüllen. der ein grobe« Gebiet zwischen der modernen Stadt Restna und dem Meer einnimmt. Riemand hat bisher eine genaue Vorstellung von der Anlage und der AuS- dehnurrg de« alten Herkulanum. ES werden daher zunächst tiefe Schächte an verschiedenen Punkten in dem sumpfigen Boden gegraben, um den genauen Umfang der begrabenen Stadt festzu stell en und herauszuvekommen, ob sich die Ruinen nicht unter dem Sumpf au«dehnen. Der Plan Majuri« sieht die Riederroihung mehrerer Häuser von Resina vor. Diese Häuter soften bann wieder auf dem Land aufgebaut werden, da« durch Sie Trockenlegung be« Suntofe« gewonnen wird: man erhält auf diese Weife Land für ein neue« Viertel ber Stadt. Der Schutt, ber nach ber Trockenlegung de« Sumpfe« noch übrig bleibt, soll bagu verwendet werden, um eine Xerraffe an der Secfufte zu bauen. Außerdem wird an Steife bei engen schlechten Dege«. Ser bisher nach Resina führt, eine breite Strafte angelegt, tie sich an Sie rteue Autpmobilstraste ymtoen Reapei und Sdferrto anschpeften soll. Rach BLendigunck dieser Vor- erbeten hofft MajiLi nq& tn bföe-.R Mrc 5fe öffentlichen Bäder' örm HSrsirlcrttM' fri^tfiegeft.


