Zwischen Wsmd sieben
Roman von Liesbet Dill.
Copyright bei Morawe & Scheffelt Verlag, Berlin. 16. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Nach der Probe fuhr ich sofort in meine Wohnung. Sie war leer. Ich erinnerte mich, daß Melitta in letzter Zeit öfters zu ihrem Schneider gegangen war oder zum Zahnarzt ... Merkwürdigerweise hatte sie mir das immer gesagt. Sonst tat sie das nie ... Sie sagte nie, wohin sie-ging und ich habe sie nie danach gefragt. Sie fragte mich auch nie, wo ich hinginge, wenn ich ausging. Jeder hatte seine eigene Arbeit ... Sie fragte höchstens, wann ich nach Hause käme und selbst das konnte ich ihr meist nicht einmal sagen ... Ich rief also den Zahnarzt an, dann ihren Schneider. Beide wußten nichts von ihr. Sie war gar nicht dagewesen seit Wochen. Das war das erste, was mir auffiel ..."
„Aber kann sie nicht trotzdem--oder viel
leicht Einkäufe —"
„Gräfin ... ich weiß genau, daß sie mir noch einige Tage vorher sagte, sie ginge zum Zahnarzt oder zu ihrem Schneider ... Immer Nachmittags ... zwischen fünf und sieben. Und dann kam das Allermerkwürdigste. Das Telephon rief an. Eine fremde männliche Stimme sagte: „Ist dort Dr. Manfred?" ... „Ja, ich selbst ..." Darauf sagte diese Stimme deutlich: „Fahren Sie sofort nach der Platanenstraße. In dem Hause Nummer drei finden Sie in dem Parterrezimmer zu ebener Erde links vom Eingang etwas, das Sie interessiert ..
,‘,Unb Sie ...?"
„Ich fuhr hin."
„In das — Haus?" Sie stockte ...
„Nein, nur — an das Fenster. Wie ein Einbrecher stand ich dort ... und sah durch den Spalt der geschlossenen Vorhänge — — einen Arm ... der mir bekannt vorkam--mit einem goldenen
Schlangenreif ..."
„Den Sie — kennen?"
„Gewiß kenne ich ihn."
„Es gibt so viele solcher Reife, Doktor."
„Ich habe noch keinen gesehen, außer an Melitta ---und den antiken drüben im Museum,
in dem Grab der römischen Patrizierin ..."
Die Gräfin schwieg.
„Das war alles, was Sie sichen?"
„Nein, ich sah noch etwas, nämlich einen jungen Mann, der mir den Rücken zugekehrt, im Sessel am Feuer saß und eine Zigarette rauchte ... Wer es war ... habe ich nicht sehen können, ich sah nur seinen Rücken. Und deshalb bin ich heute hergekommen ... Ich will wissen, wer das ist!"
Sie fuhr auf...
„Bitte, wir wollen uns keine Komödie hier vorspielen. Dazu ist die Zeit zu schade und die Sache zu ... ernst ... Ich will zu Ende kommen damit ... Einen Tag wie gestern ertrage ich jedenfalls nicht mehr ... Und so waren die Tage vorher alle ... ich meine, die der letzten Zeit ..."
„Seit warm?"
„Seit meinem Todesurteil!"
„Wie--?"
„Nun, der Professor, der mein Herz untersuchte ... Es lohnt sich nicht mehr, sich die letzten Jahre mit Stimmungen zu verbittern ... Stimmungen find ansteckend--wie eine Krankheit ... Ich will
meine letzten paar Jahre in Frieden leben ... Und ... sie soll's auch ... Deshalb bin ich hergekommen ... Sehen Sie nicht so fassungslos aus ... Gräfin. Sie können doch unmöglich ihre Freundin lein und von dem nichts gewußt haben, was wahrscheinlich jeder andere in der Stadt längst weiß ..."
„Nein, Manfred--davon weiß kein Mensch
etwas ...."
„So ...? Das ist mir beruhigend ... Melittas wegen ... Aber Sie wissen davon. Sie gestatten, daß ich rauche?"
„Bitte." Sie schob ihm das Rauchzeug hin ... rind sah zu, wie er sich mit seinen schmalen Händen, die weiß und krank aussahen, sie sah es zum erstenmal heute, eine Zigarette anzündete. Seine Hand zitterte leicht, er warf das Streichholz fort und schaute sie mit seinen klaren hellgrauen Augen an, und sie sah, daß er grau geworden war an den Schläfen ... Sie schwiegen lange ... Draußen klingelte das Telephon, man hörte den Diener im Vorzimmer sprechen, dann war alles wieder still.
„Nun ...?"
„Es fällt mir so furchtbar schwer--"
„Warum? Nachdem ich es doch einmal weiß ... Es handelt sich nur um den Anfang ... Wie begann diese Geschichte? Und wo? Bitte, das interessiert mich ... Wir sind ja nicht die einzigen---
Wir haben Mitwisser." Er schlug auf die beiden
sches Schauspiel gesehen ... eine Ehekomödie so alt wie die Welt ... Der Mann hat den Betrug entdeckt, aber er ist glücklich, denn er kennt den Betrüger. Es ist ein junger Mann, der in seinem Hause täglich verkehrt. Große Aussprache zwischen den zwei Männern ... Feiner Dialog — glänzend gemacht — Der Mann hält Gericht, die Pistole in der Hand ... aber der Liebhaber ist tapfer. Er bleibt stehen, er rennt nicht fort, er sagt nur kaltblütig, Auge in Auge: bitte, mein Herr, schießen Sie doch ..."
„Und der Mann?"
„Der .. kann nicht schießen ... Es ist em Künstler ... Er legt die Pistole fort ... Der Liebhaber wußte das ... Deshalb blieb er so tapfer stehen ... Also, drücken Sie zu ... Ick bin ganz ruhig." Manfred lehnte sich in den Sessel zurück und blickte auf die keifende tickende Pendule auf der Boullekommode neben ihnen.
„Wer ist Anna Heine?" fragte sie.
„Irgendeine Witwe, die eine Fremdenpension sührt. Meine erste Frau war befreundet mit ihr ... sie gingen zusammen ins Kurhaus, hatten, glaube ich, ein Kaffeekränzchen. Sie hatte Geschmack daran, meine Frau und ich störte ihre Kreise nicht. Ich konnte ihr ja „nichts bieten", wir lebten von meinen unausgeführten Kompositionen und Gesangsstunden. Diese Anna Heine, die einst in der Taunusanlage eine Fremdenpension hatte, verlegte diese eines Tages in die Platanenstraße ... Io, es gibt seltsame Zufälle, Gräfin--. Eine kleine bunfie Sackgasse,
hinter dem Kurhause, zwischen Gärten. Sehr einsam, oertrefflich gelegen ... Man kennt sich nicht in dieser Straße, in der nur vier Dillen stehen ... in großen dunklen Gärten. Das Zimmer ist vermietet. An wen, hat mein Beauftragter nicht herausgebracht, da dieser Mieter das Zimmer nur zweimal in der Woche bewohnt und nur für Stunden ... Und dann empfängt er eine Dame ... man schildert sie mir groß und schlank, in einem dunklen Sealmantel ... verschleiert ... man kann ihr Gesicht nicht sehen ... Und das Schlangenarmband, hat mir heute mittag Melitta gesagt, kann sie beim besten Willen nicht finden ... Eigentlich hab' ich es mir gedacht ... Es sollte erst im Safe sein ... aber hn Safe war es nicht, sie glaubt, es verloren zu haben ... Ja, so sagte sie ... Aber sie scheint sich keine Gedanken über den Verlust m machen ... ein Armband mehr oder weniger ..."
(Fortsetzung folgt.)
Briefe, die zwischen ihnen auf dem niedrigen Tee- tisck lagen. „Die sind geschrieben worden, das sind unsere Zeugen ... Wir müssen nun beschließen, was zu tun ist ..." Er wartete, indem er sie ansah ...
„So sprechen Sie doch, um Gottes willen! Sagen Sie mir alles! Ich weiß es ja, und die anderen wissen's auch ... Es wird nicht viel mehr sein ... aber der Name —"
„Welcher Name?"
„Den Namen des Mannes will ich wissen ... Seinen Namen ... den Sie wissen werden."
„Was tut der Name dazu? Wollen Sie sich schlagen?"
Er lachte auf und tat die Asche in die gläserne Schale ... „Wir leben im zwanzigsten Jahrhundert ... Mittelalter liegt mir nicht ... Ich bin kein Minnesänger ... kein Frauenlob ..."
„Und weshalb interessiert Sie denn der Name?" „Wohnt er etwa hier ... in dieser Stadt?" „Nein, außerhalb ... in der Nähe ..."
„Nun, dann brauche ich also nicht zu fürchten, daß er mir unvermutet in den Gassen begegnet ..."
„Aber Sie kennen ihn doch gar nicht, denke ich?" „Ich kenne ihn nicht, aber seinen Rücken würde ich unter tausenden herauskennen. In seiner Haltung lag etwas so brutal Verächtliches ... etwas Heraus- forderndes ... Ah" er sprang auf und ging auf dem weichen Teppich auf und ab — „ich sehe ihn noch ... feine Athletenschultern ... ich glaube ihn überall zu sehen, ich begegne täglich ähnlichen Gestalten, auf der Kurpromenade — neulich im Park ... Abends im Theater ... im Konzert suche ich ihn unter meinen Zuhörern ... in jedem Auto sitzt er ... überall, im Nebel taucht dieser Kopf mit dem schwarzen zurückgestrichenen Haar vor mir auf ... Ich träume schon von ihm nachts ... ich halte ihn an der Gurgel ... ich ..." Er stöhnte auf. „Verzeihung, das; ich mich gehen ließ." Er setzte sich ihr wieder gegenüber. „Nun, stoßen Sie zu ... Ich warte ... Sie sehen, ich bin ganz ruhig ... weshalb sehen Sie mich an?"
„Sie sind nicht ruhig", sagte sie ernst. „Jedenfalls nicht ruhig genug zu dem, was ich Ihnen sagen möchte."
„Doch, doch. Mein Herz klopft ja schon nicht mehr ... Fühlen Sie, bitte ... Ich höre es gar nicht mehr ... mein Puls ist matt, ganz klein, sehen Sie ... hier." Er hielt ihr seine magere Hand hin. „Nur zu, rasch ... Ich habe neulich ein französi-
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