Nr. 59 Zweites Matt
Tietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch, 16. Februar 1927
Leidenschaft derDernunft.
An die deutsche Jugend.
Don Albert H Rausch (Berlin).
Die nicht alltäglichen Ausführungen des bekannten Dichters »um Zentral- problem unseres politischen Seins schlechthin, dem Verhältnis der Jugend -um Staat, glauben wir unteren Lesern nicht vorenthalten -u dürfen, obwohl wir in manchen Punkten anderer Meinung sind, als der Verfasser.
I.
Richt einmal — hundertmal wurden die Gedanken. die nun eine gebieterische Stund« in sichtbare Zeichen drängt, für deutsche Jugend gedacht. Dah sie sich nicht willig bannen liehen, beweist, wie heftig sie sich an immer neuem Stoff entzündeten, dessen ununterbrochener Anfluh kaum in der Stauung leidenschaftlichen Anrufes aufhaltbar schien.
Erst di« bekannten Enthüllungen der Denkschrift MahraunS, des Hochmeister- deS Jung- deutschen Ordens, halfen ihnen zur Form: das unendliche Erschrecken über einen Wahnsinn, den niemand ander- als Deutschlands Jugend mit entsetzensvollen Opfern bezahlen mühte, wenn er jemals in die Tot umgrseyt würde. Man sagt, es töte nicht- so sehr als das Lächerliche. Gewiß: e- kommt nur darauf an, in welchem Mähe eine Angelegenheit als lächerlich empfunden wird und von wem. Als Mahraun seine Mitteilungen über die grotesken Pläne eine- deutsch-russischen Krieges gegen Frankreich an der Elbltnie dem Reichswehrministcrium zükom- men lieh, Pläne, wie "sie nur die gigantische Dummheit von Abenteurern oushecken konnte, wußte er wohl mehr als genau, dah er diese Enthüllungen nicht nur der gesamten deutschen Ration, sondern auch der halben Million junger Menschen schuldig sei, die sich seiner Führung an- vertraut hatten und also einen Anspruch darauf besahen, dah ihr Vertrauen nicht getäuscht werde. Es mag ihm in schmerzhafter Klarheit zum Be- wuhtsem gekommen fein, welches Schindluder von Harten oder Glücksrittern mit dem Kostbarsten des deutschen Volkes getrieben werden würde, wenn nur erst die Gewalt einer Exekutive einmal In ihren Händen wäre, und er mag wehmütig an alle die vielen jungen Leute gedacht haben, welche, gutgläubig, unwissend, in sich selbst noch haltlos, tatsächlich bereit wären, ihren Beistand einem Unternehmen »u leihen, da- der völligen Vernichtung Deutschlands und Europa- gleichkäme.
DaS nämliche Bangen um die deutsche Jugend ist eS, da- mich seit Jahr und Tag nicht losläht: und wenn mir auch oft genug aesagt wird, dah meine Sorge übertrieben, oag >fur die Heihsporne kein Feld mehr vochanden und ihre Zeit endgültig vorüber sei: ich vermag nicht einen Optimismus zu teilen, der mir leichtfertig erscheint, noch ein Vertrauen zu gewinnen, für da- mir ausreichende Voraussetzungen fehlen.
Don jeher ist mir nicht- so wichtig erschienen als die ernsthafteste Bemühung des gereiften Mannes um die aufwachsende Jugend. Denn die Jugend eines VolkeS: da- ist sein Morgen, sein Uebermorgen: sein Schicksal also, im Guten und im Bösen.
ES ist gewiß kein Zufall, dah der antik« Staat der verinnerllchten Beziehung zwischen dem gewordenen und dem werdenden Manne eine so große ethische Bedeutung Anerkannte und al- höchste Stufe der Vollendung die „Kalok'agathia", die äußere und innere vollkommene „Gebildet- beit'*. deS jungen BüraerS forderte. Das hieß qctolfj nicht, dah von allen und jeden eine starre Formel deS So- und nicht anders Sein- zu erfüllen, bah alle ursprünglich vorhandene lebendige Substanz einem toten Kanon anzugleichen sei: da- hieß vielmehr, dah — bei gleichen Ent
faltung-m ö g l i ch k e i ten — jeder die seiner Grundlage entsprechende Höchftvollendung deS KräftespieleS erstrebe und erreiche: dem perfön- lichen Vorbild« nach, das er sich auSgewählt hatte.
Fast bi« gesamt« deutsche Jugendbewegung — soweit sie ernst zu nehmen ist — hat das antike Erziehung-ideal mutans mutandis zu dem ihrigen gemacht, eben weil es ein Seiendes, em Einmaliges an Wert und BildungSkrakt darstellt, das über dem Wandel der Zeitett steht. WaS aber, fragt sich voll Angst der Prüfende, geht in all den sogenannten „vaterländischen Verbänden" und chren verwandten Organisationen vor, die der Jugendbewegung nicht zugezähll werden können, weil der Sinn ihrer Geschlossenheit nicht die erzieherische Arbeit selbst, also der Mersch schlechthin ist, sondern ein von außen herein- getragene- gemeinsames „Interesse . oder Ziel? Mit welchen Eidesleistungen aus waS für ..Satzungen** wird in solchen Verbänden noch brach liegend« jugendlich« Kraft, unentfalteter und unausgegorener jugendlicher Stoff einfach sestgelegt. freier Entscheidung, wohlerwogener Selbstbestimmung entzogen und al- ruhende Masse so lange aus Vorrat gelegt, bis der vermeintliche günstige Augenblick dieser Maste bedarf^ d. h. sie al- materielle Kraft, als raumsüllenden Körper auf eine angeseindete, zeit» füllende Idee „re—agieren** lassen kann? Mn& wohin würden sich schließlich alle die ungezählten Dumpfen. Lauen, Trägen, Unentschiedenen neigen, welche, mit dem Erosluch deutschen Wesens, politischer Gleichgültigkeit, belastet, Dom ersten bes en Schwadronierer in die Hände fallen müssen, so.ern er nur seine Hyperbeln herunterzudreschen und das eingefchüchterte Seelchen zu packen versteht? Ich habe oft Gelegenheit cehabi, mit Angehörigen rechtsradikaler Verbände zu sprechen, wie man bona fide spricht, in Ruhe, und immer bestrebt, auch das noch so Gegenwendige zu verstehen: ich habe niemals den Wind eines inneren Ergriffenseins, eines inneren Er- fülltseins gespürt: ich habe nie einen Eros gespürt, der diese Jugend an ihre Idee bände, sie mit ihr verrnählle und vorwärts triebe, einer schön unD groß zu gestaltenden Zukunft entgegen. Ich habe immer nur von der „Rückkehr" großer und schönet Zeiten reden hören (unter denen sich das geringe Alter dieser jungen Leute unmöglich ein Greifbares vorstellen konnte), von der Rotwendigkeit „Ordnung" zu schaffen, von der „Wiederherstellung" „gesunder" Zustände: und ich bin jedesmal erschüttert geblieben vor der tödlichen Gewalt selbst des hohlsten Schlagwortes, vor der beschämenden Wehrlosigkeit des Geiste- gegenüber der Phrase. Denn in neunzig Fällen von hundert wird nun ein Leben lang der einmal eingebläute tote Buchstabe den Geist gefangen halten: der erwachsene Mann noch wird unter der gleichen Hypnose stehen, die dem halben Kind« schon di« Flügel lähmte, der Staat aber, der sein Leben dem Gang der Söelt-AUjr anpassen muß, ob et nun will ober nicht, wird al- leblosen, hemmenden Menschen-Dallast weiterschleppen, was sehr wahrscheinlich nrit- schwingende Kraft hätte werden können, wenn es Überhaupt nur ein einzige« Mal gütig und ehrlich zu einem noch so leisen Versuch angeregt worden wäre, den eignen Stoff zu erkennen unb zu bewerten. Rur wer sich selbst in all seinen vielfältigen Bedingtheiten begreifen lernte: der lernt auch die ungeheuren Relativitäten jeder politischen und nationalen Evolution begreifen, ©ein Gefühl verrennt sich nicht mehr in einem Dogma, sondern eS verwandell sich in den Dienst an der rinnenden Minute: eS erachtet die Hingabe an das Unscheinbarste, sofern es dem Ganzen dient, für besser unb wichtiger als die noch so kühne, ja noch so edle Phantasie, welche bte schönen Kräfte aufbraucht ohne sie zu nutzen. Denn eS sei, um der Gerechtigkeit willen, nicht vergessen zu betonen: man begegnet im Bannkreis der Verbände, von denen hier die Rede ist,
einer nicht geringen Anzahl junger Menschen von großer Vornehmheit der Gesinnung unb der Haltung: aber gerade an ihnen wird ja die Erkenntnis ihres Richt-Erwe^tfeinS. ihre- Brachliegen-, doppelt schmerzlich. Welcher Lieb« unb Bemühung bebür'te ein aus so großen Wehen gebotener Staat wie die Deutsch« Republlk mehr als eben solcher Menschen, die durch ihre Sustanz allein schon die Bürgschaft für den Anstand ihrer Leistung geben? Jedoch die Republik hat chr Herz nicht (da- für ein imaginäres Deutschland brennt) — und chr« Termin t. sei sie auch unleugbar. hat keinen Eros, hat feine Leidenschaft Richts aber tut der Jugend Deutschlands, soweit sie noch nicht die einzig mögliche Fährte sand, so not als eben dieses: Leidenschaft der Dernunf L
Ein Paradox? Gewiß nicht! Sin so Wirkliches, Eines. Ganzes, ein so unabweisbar Rotwendiges, wie es selten Rotwendiges in einem Staate gab. Richt dieses muß sein: Traum- und Gaukelbild (vermeintlicher) gewesener Größe, nicht Rückkehr überwundener Form staatlichen Lebens, nicht billige Romantik: nein, enblid) dieses: Eicht, klare Sicht der seienden Möglichkeit, Verbannung der Ehimäre und surcht- los offene Erkenntnis aller Grenzen, die uns Deutschen der Augenblick noch zieht: d. h. Erkenntnis aller Abhängigkeiten, aus denen uns nicht Gewalt, sondern mir Klugheit und die aus ihr geborene Arbeit lösen können. Zu- viel des Mahhaltens verlangt von juaendlicher Seele? Ich wüßte nicht, warum der Ansprüche höchster nicht an die deutsche Jugend gestellt werden dürste: ich wüßte nicht, warum sie nicht fähig wäre des äußersten Beweises ihrer großen, welt-wendenden Kraft: der Bändigung des noch so heißen Herzens durch Zucht des Geistes, um des „schöneren" Deutschlands willen.
Dieses Deutschland aber kann nicht geschaffen werden aus angebeteter Erinnerung an „alten Glanz": es kann nur werden aus der Rot und Mühsal seines heutigen Seins, mit viel Geduld, viel neuer Mühsal und viel aus opfernder Liebe geborener Einsicht. Und es wird unendlich verschieden fein von dem. dessen äußere Macht dieser Krieg begrub. Denn seine neue Macht entspringt anderen Quellen unb drängt in anderen Ausdruck. Es ist nicht wahr, daß die deutsche Welt erst seit dem Kriege die entscheidende Wendung in den Materialismus genommen hab«. Der Geist hatte vor 1914 vielleicht noch weiteren Spielraum, weil die äußeren Sorgen des Lebens den einzelnen weniger belasteten. aber die Summe sich auswirkender deutscher Geistigkeit war bestimmt nicht größer, bestimmt nicht fortzeugender als heute. Diel schärfer ist jedenfalls heute die Scheidung zwischen Spreu und Weizen geworden: und die vielen Mitläufer deS Geistes, die Lauen und Halben, welche mangels stärkerer Sensation unb bequemerer Ueber- nuttlung sich noch des Buche- zu ihrer De- lchrung oder Unterhaltung bedienten: sie alle sind heute mit sympathischer Selbstverständlichkeit in das Lager übergegangen, in das sie gehören: sie stillen ihr Bedürfnis nach Ereignis im Kino, chr Bedürfnis nach Tages-Wissen — ein andere- kennen sie nicht — in Zeitung, illustrierter Wochenschrift und Magazin. Sie sind also ejjr- Ildjer geworden in ihrer Aeußerung und haben ein« Ebene geistigen Leben- verlassen, wo sie nur Figuranten, Selbst betrüg er unb Hemmschuh waren.
Zwiefach spürbar weht und wirkt nun über dem freigewordenen Raum der Geist eine« neuen Werdens. Sehr mannigfach, sehr artverschieden, ost in feindliche Strömungen zerteilt, oft kämpferisch: noch sehr uneinheitlich — und dennoch dem Seismographen angespannt lauschender Seele schon da- ferne Beben werdender Einheit verkündend. ES gilt, ihn zu verstehen, ihn ein- zufangen, fruchtbar zu machen unb weiterzuleiten.
Was hilft alle« Jammern um „Mechanisierung" unb ..Mctterialisieruna"? Veränderte Bed.ngun- gen des äußeren Leben- verlangen veränderte Regelung seiner Dynamik. Massen, die vor dem Krieg noch schemenhaft hinter dem Apparat und den Apparencen bürgerlicher Daseinsäu .erung standen, benunt und auSgenuyt. mehr oder minder „quantite nepbgeable" für Die vorherr- fd>enbe Klass«, sind nach der Katastrophe mit lahem Ruck auf dem vorderen Plan des nationalen Leben- erschienen ihr Recht auf Wirlung fordernd und allen anderen Schichten Haarschar) koordiniert. Wer wäre fo verblendet, zu glauben, baß sie je noch einmal im anonymen Hintergrund de« staatlichen Lebens verschwinden we den? Oder daß sie mit Mitteln zu bannen wären, die zwar der unerwachten, doch niemals Der bewußt gewordenen Zahl zugemutet werden können? Jede Dielheit bedarf de- Bannes, d. h. der Bindung, die ihr« Dedürsnisse regelt und >hre Wirkungen ermöglicht. Je kollekt ver das Bewußtsein einer Masse ist. um so folleft oer werden auch die Mittel deS Geistes sein müssen der sie bannt. Denn nur „Geist" wird sie bannen: niemals auf die Dauer rohe materielle Gewalt feindlich gesinnter Elemente. Und ist «s eine Sünde, dah sich der Geist, der ewig um* formende, die Werkzeug« schasse für die Arbeit an dem noch ungefügen Koloß der Zahl, um ihm Gefüge. Maß und Sinn zu geben? Rimmt c- ihm die Fähigkeit au feiner anderen Arbeit für die aufwärts gestaffelte, immer unerbittlicher sich, sichtende und lichtende Art-Gemeinde, ja schließlich für daS alleräußerste, einsamste Zw.e- gespräch mit dem bewegenden Gott, sei er nun Dionysos, der Wirker im Blut, sei er Apollon, der Derklärer der Seele?
Möchte doch dieses endlich die deutsche Jugend begreifen: daß Aristokratie und Demokratie 'Begriffe aus verschiedenen Ebenen unb ganz unb gar nicht die feinbhdben Gegensätze find. alS die man sie ihr. von falscher Geschichtsdeutung kommend, schon in der Schule hingestellt hat: möchte sie doch erkennen, wie sehr sie die unerläßlichen „Er—gänzungen" sind, ohne die niemals das wirklich Ganze — daS DRk, der Staat — au vollem Geben erblüht! Richt wahllose Gleichmacherei, nicht Herrschaft wahllosen Durchschnitte- ist echte Demokratie: sondern: Stärke der Dolk-bewußtheit. volk-hastes Verantwortungsgefühl aus der Summe aller Einzel- Verantwortungen, über dem heiligen Reimer der Liebe zum Vaterland. Und nicht Vorherrschaft einer Adels-Kast« könnte jemals noch Aristokratie Im Zeitalter erwachter Zahl, vernichteter Vorrechte, bedeuten: sondern Dienst der Berufensten, nach Rang der Art. des Echos, der Begabung. der Flamme, Gottverwandtheit, an die- fern Volk, dessen Teil sie sind. Rur Dienst ist Herrschaft. Riemals kann herrschen, wer nicht dienen kann, weil chm die Rückbeziehung (religio) zu den unerfonchlichen Kräften fehlt — sagt Gott, sagt Schicksal, sagt Ratur—, durch die er seine Stufe einhäft?
Ueberwache Deine Lehrer, erwachende Jugend Der Schulenk Verlange, daß sie den Geist der Vernunft und Sachlichkeit bezeugen, daß sie Trägheit Überkommenen Denken- überwinden unb sich bemühen, dem Seienden Die Ehrfurcht zu be- funDen, Die jeher Stufe Der Deschlchtswerbung Seziemt. Weise eS von dir, mit immer schiefem, well viel zu absolut gedeutetem Beispiel ver- Hungener Historie abgespeist zu werden, wenn dir Der Sinn für Größe erweckt werden sott: und fordere, daß dir Der Sinn geschärft werde für die gewaltigen Zusammenhänge und Ausgaben der Gezeiten, In Denen dein eigene- Geben läuft und sich erfüllen soll!
Du aber, Jugend Der Hochschulen, lasse Gel- denschaft Der Vernunft Überwinden Den Geist allzu williger, kritikloser Unterordnung, wie du ihn oft nicht rasch genug bekunden kannst mit dem Eintritt in Deine Korporation: lerne den Deist Der Ein ordnung. Der dir nicht stumpfe
Gießener Stadtthealer.
Moliörc: „Der Geizige'*. — Lessing: „Die Matrone von Ephcsuö".
Gin ttasiifcher Gust spiel abend. 3ean Bcchttste Doquclin, Pariser Kind aus Dem Volke. Dichter, Schauspieler und Regisseur in einer Person, fahrender Schüler fein Geben lang, Komödiant im höchsten unb edelsten Sinne, dem Der Tod auf offener Szene ins Wort fällt, wo er schwer leidend der eingebildeten Kranken vorzustellen hat. 6ein Abgang von der Bühne ist ein Abgang von erschütternder Realität. Hier starb ein Mime, Den man ohne Grabgesang unb kirchliche Ehren zur letzten Ruhe brachte, Dem erst Di« Rachwelt unverwelkliche Kränze flocht, al- dem Vater des französischen Gustspiels. Ihm zur Seit«, ihm gegenüber an diesem Abend: Der Ahnherr des deutschen GustspielS, des modernen deutschen Dramas schlechthin. Dichter, Kritiker. klassisdier Gehrmeister eines Jahrhunderts: Schöpfer triftallener Wortkunst und szenischer Architektur, unbestechlich klarer Kops, sittliches Gewissen deutscher Ration: Gotthold Ephraim Qef- fing. Seine «phesische Wittsrau Antiphila ist dem Pariser Harpagon ein würdiges Gegenüber.
»Der Geizige", 1668, fünf Jahre vor Mo- kiöre- Tode entstanden, ist ein Stuck aus feiner letzten und künstlerisch reifsten Zeit, ein Werk, da- mit einigen andern noch heute Den Ruhm des Franzosen am sichersten gründet und das am Ende einer erst für den Rachlebenden in ihrem ganzen Umfang übersehbaren Eittwicklung steht. Der Zustand des französischen Theaters. Der Komödie zumal, war vor dem Erscheinen Moliöres ziemlich trostlos, Der Deutschen Situation vor Lessing in vielem außerordentlich ähnlich. Rationale, bodenständige, aufbauenDe Kräfte fehlten fast ganz: daS Repertoire lebte von minderwertigen Farcen unb Improvisationen, nährte sich schlecht und recht von Rachahmungen spanischen und italienischen Bühnenipiels, von sehr flüchtigen Erinnerungen an die altrömische Komödie. Arlecchino und Pulcinella in gallischer MaSke, in Der Verkleidung französisch barocken Mummenschanzes bevölkerten Die einem popu- lären Geschmack angepaßten Theater von Paris.
Da erschien Der Komödiant, der Dichter unb Spielführer Poquclin. warf den nichtigen Plunder über die Rampe, behielt aber vom Hergebrachten, was gut war — die leichtflüssige, unbekümmerte Beweglichkeit Der italienischen commcdia deli’arte unb die Derbzugreifend«, herzhafte Lebensnähe, den Wirllichkeitssinn und die Volkstümlichkeit des WlautuS —, machte aus Schemen Körper, aus
Larven Gesichter, schuf Herzen in Die Wämser, Hirn unter Die Allongeperücken, hob Den tanzenden, platte Späße gaukelnden Harlekin in die einsame Höhe der Komödie hinauf, gab Ihm inneres Gewicht und menschliches Maß: machte auS der Szene, die zuvor eine Stätte oberflächlichen. seichten Vergnügens war, ein Tribunal, auf Dem Dinge vorgingen und verhandelt wurden, Die nicht minder, aber In sehr viel tieferem Sinne alS bisher, das Doll im Theater betrafen. Hatten sie bisher über eine Puppe gegrinst und Maskenspäße angewiehert — jetzt, auf einmal, war Rückbezichung, Selbsterkenntnis unb Selbstverspottuna ihrem Lachen beigemischt, das bald zum nachdenklichen Lächeln wurde, wenn einer unversehens, so ganz im Stillen unb geheim, ohne dah Der Rebenmann eS merkte. Dort oben zwischen Den Kulissen, flüchtig oerfleiDet unD umgetauft, sein eigene- Ich erbllckt« wie in einem Spiegel: sein« menschliche Kleinheit, seine Schwächen. 'Summbeiten, Laster und Lächerlichkeiten, seine Eitelkeit und Unbildung, seine vorgebliche Krankheit, seine Heuchelei und seinen filzigen, schäbigen Geiz. So deutlich, so unverfälscht. so echt, daß er vergessen konnte, wo er war: im Parkett und vor Schauspielern — von einem Manne regiert und am Faden gehalten. Der sein Weltbild sich selber gebaut, sein Wissen vom menschlichen Geist unb Herzen an sich selbst erprobt, schmerzlich in sich erlitten unb auf vielen Fahrten durch Die lebendige Welt erwandert hatte. . .
Hierin wurzelt Die überragenD« Bedeutung MoliöreS und feiner reifsten Dramen für das Damalige Frankreich: das ist es. was Stücke wie Den .Geizigen" weltliterarisch unb zeitlos macht unb ihren Wert auch für Die gegenwärtigste Gegenwart bestimmt.
Im reichen, aber wenig bekannten Schatz von Lessings bramattschem Rachlaß. unter den zahlreichen Fragmenten, Plänen und Szenarien tst Die .Matrone von Ephesus" sicher nicht der bedeutendste, aber vielleicht der interessanteste und amüsanteste Torso. Die Fabel ist uralt; man hat die Figur der treulofen Witwe auf ihrer Wanderung durch die Weltliteratur verfolgt, und sie zu Den verschiedensten Zeiten bei den verschiedensten Völkern wieder angetroffen. Die Urheimat Der Epheserin ist wohl Indien, worauf schon die kulturhistorische Wendung hindeutet. die auch bei Lessing eine erhebliche, innerlich ftei- gembe Rolle spielt: ein Ehegatte darf den an- Dem nicht überleben, sondern muß ihm sogle.ch im Tode nachfolgen Eine sehr einflußreiche Fassung. Die auch bei Lessing noch durchschimmert, ist die ihrerseits auf eine chinesische Rovette
Aurüdgcbenbc Satire des Petron Wir können hier die sehr reizvolle Motivgeschichte nicht weiter verfolgen; wesentlich ist, bah Lessing durch einen französischen Text von de la Motte vermutlich zur Wiederaufnahme eines eigenen alten Plane- angeregt wurde. Die hier aufgeführte Fassung ist von Emil Palleske, vornehmlich im achten, neunten tmb zehnten Austritt, für die Bühne ergänzt worden
»Di« Szene Ist ein Grabmal, in dessen Verkiesung zwei Särge, Der eine verdeckt, der andere offen. ..." Es spielen mit: Antiphila, die Witwe, MhsiS, Die Magd, Philokrates, Der Offizier, Dromo, Der Soldat. Zwischen Der Witwe und Dem Hauptmann begibt .es" sich; und wie im .Soldatenglück" wird auch hier das galante Spiel des Hauptpaares im Getändel der sozial und szenisch Untergeordneten aufgefangen, begleitet und paraphrasiert. Das Ganze geht ungesähr so vor sich: die junge Wittib erwartet am Sarge des verblichenen Gatten den Tod. Mysis. die treue Magd, hat noch einigen Lebensmut. Kommt ein Soldatentrupp am Grabmal vorbei; Dromo sieht Licht schimmern, steigt hinunter, findet die MyfiS — fein Gespenst, sondern von erfreulichem Fleisch und Bein, mit dem man schäkern kann Dann verschwindet er, MysiS berichtet vom KriegS- volk, die Witwe wirft sich, ehemaliger männlicher Reugier gewärtig, wieder auf den Sarg, .in einer nachlässigen aber vorteilhaften Stellung". (Der Leser merkt etwas.) Dromo kommt wieder, mit dem Hauptmann Hauptmann verliebt sich Knall und Fall. Derwell Dromo und Di« Magd im Hintergrund scherzen Witwe .erwacht", kokettiert mit ihrem Schmerz. Tut so. Hauptmann ist gesonnen hier Quartier zu machen, sorgt für Spei- und Trank unb einige Bequemlichkeit; Witwe will fliehen; Hauptmann las auf Dem Epitaph den Ramen des Verstorbenen; gibt sich, frech, als dessen Freund aus. Witwe bleibt. Gewonnenes Spiel. Roch mehr: von den drei gehängten Kriegsgefangenen draußen, die Die Soldaten bewachen sollen, fehlt einer. Dem Hauptmann gehts ans Leben! Der Galgen muh voll sein!! Die schnell Getröstete bietet Den toten Gatten zum Ersatz!!! (Hernach stellt sich heraus: es war ein Irrtum; die drei Talgenschwengel sind noch Da.) Hauptmann und Wittib gehen fröhlich ab. Soldat unb Magd folgen nicht minder guten Mutes.
So endet ein grotesker Totentanz, eine bittere Satire, Die komöb enhafte Allegorie von der ehelichen Liebe — .dergleichen die Welt alle Tage sieht". Und wenn der Vorhang fällt, meint man, Lessings grimmiger Witz habe den gutmütig und versöhnlich austtingenden Spott Molieres noch übertrumpft.
Die Aufführung des .Geizigen", von Te- lekv geleitet, war gut und zeigte schlagend Die sprühende Unverbrauchtheit Der Moli^reschen Bühnenkunst. Die dramaturgische Behandlung erwies sich als sehr geschickt; alle fünf Akte konnten ohne störende DerwattdlungSpausen und ohne dah Dem Gang Der Ereignisse hierdurch Zwang angetan werden mußte, in einem Innenraum fliehend abgewickelt werden. Den oberen Dühnenrahmen hätte man etwa- nieDri- (ja: Die Ensemblefzenen kamen sehr
frtsch und lebhaft heraus; ein paar Dialogübergänge hätten geschmeidiger ineinander greifen
2uS Dem Harpagon macht« Telekh eine Durchgefeilte, mit vielen Sinzelzügen wirksam belebte, überall interessant« Charakterfigur. Sauber abgetönt klang da- Quartett Der betoen jungen Paar« (H«h m—Ha nke; Sch e rer—L e na u), em paar saftige, mitten auS Dem alltäglichen Geben gegriffene Komödiengestalten: 2. 3 ü n g » l i ng. di« geschwätzige Gelegenheitsmacherin Frostne; D o l ck und E i s i g, zwei schalksnärrische Domestiken; Kurzhoff, ein beflissener Maller. Gehre, Polizelkommlssar mit Mühlsteintragen und Gänsekiel, ein bürokratisch-würdige^ Gesetzeshüter. —
DaS Lefling-Lustspiel hatte D o l ck, obschon vielleicht nicht mit voller Ausnutzung aller räumlichen Möglichkeiten, schr witzig arrangiert; Die klein« Sjenenfolge rollte mit einer so verblüffenden Schlagkraft und Unbekümmertheit ab. dah manchem vielleicht gar nicht die überlegene dialektisch« Kunst Diese« Einakters völlig zum Dewuhtsein gekommen ist. die doch allein Die um stürzende Wendung Der Begebenheiten für Den Zuhörer möglich macht; Die galante Leichtigkeit des Spiels mag auch für viele den tief pessimistischen Grundakkord DeS Fragmentes wohltuend gedämpft und die unbarmherzige Schärf« der Satire ein wenig gemildert Haven
Susanne H « h m war Die flatterhafte Witwe, sah sehr gut auS und steuerte Die delikate urtb schauspielerisch ebenso Dankbar« wie schwierige Partie mit Taft und Reserve bis zum halb glücklichen, halb fatalen Ende. Die siegessichere und wortgewandte Haftung ihres Partners Hanke gab Den glorreichen Hauptmann Phllo- krates erleichterte ihr die sprunghaften, gewagten Hebergänge in ihrer geschwinden Bekehrung vom Tode zum Leben Die zwesie Geige spielten sehr Drollig — sie hüben und er Drüben, i.uletzt in innigem Verein — Die beiden Welt- linder Mysis und Dromo: Alix K r a h m e r und der junge Eisig. —
Es war ein toob (gelungener, erfreulicher Mend. Dr. Th.


