Zwischen fünf und sieben
Roman von Liesbet Dill.
Copyright bei Morawe & Scheffelt Verlag, Berlin. 15. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Dor dem Grab des Dichters Frauenlob, das an die Wand aufgerichtet stand, hielt der Pater die Laterne hoch und das Licht glitt flüchtig über den Namen des Minnesängers, zu Grab getragen von den Frauen der Stadt ... Hier ruhte der galanteste Ritter, der sein Leben den Frauen geweiht ... Ein Schutthaufen lag zu seinen Füßen.
Manfred warf einen Blick auf Melittas ernstes Profil. Weinte sie im Schatten der Säule? ... Oder sah es nur so aus? ... Dachte sie an jenen Abend, als sie hier gesessen hatte und einer vergrabenen Liebe nachtrauerte? Zwilchen damals und dem Heute lag etwas--unüberorückbar--. Er wußte es
nun ... Sie gingen von Grab zu Grab. Das Licht glitt weiter, über Grüfte und Steinsärge, über Grab- mäler, sie wanderten auf plattgetretenen Rasen und Bischofsmützen aus Stein, durch die eiskalten Kreuzgänge. Man stieg über Schutthaufen. Eiskalt wehte es durch den hohen gotischen Kreuzgang, lange dunkle Schatten folgten ihnen an den Wänden. Die Laterne in der Hand des Priesters schwankte und warf zuckendes Licht auf die Gräber ... Jenen steinernen Sarg, der einem Backtröge glich, hatte man vorgestern ausgegraben mit den Ueberreften eines Erzbischofs aus dem 17. Jahrhundert ...In dem anderen schweren Steinsarg hatte man die Leiche des im Jahre 1020 verstorbenen Erzbischofs Aribo gefunden. Seine Knochen, seine roten Haarbüschel, einen Ring und ein paar Lorbeerblätter, die sich über tausend Jahre erhalten hatten, das war alles ... Er war in Italien gestorben, man hatte seine Leiche hergebracht, in Leder eingenäht, und sie einbalsamiert hier aufbewahrt, bis die Maurer in die Gewölbe hier einbrachen.
Sie waren verstummt, von der Stimmung gesungen, die sie gespenstig umgab wie Nebel, der sie eiuhüllte und die Welt von ihnen abschloß. Sie standen zusammengedrängt im Lichtkreis der alten Laterne und der Pater nannte die Namen derer, die hier ruhten.
ttm Töt rechte Hm TMttta tit Hand tmb bairtfe ihm. Dann wandte sie sich noch einmal zurück, ihre Augen suchten das Grabmal Frauenlobs . . . Aber der Priester war schon in der Kapelle verschwunden und der Kreuzaang lag finster, Nebel wallte durch die engen Gassen . . .
In einer grauen dichten Wolke von Nebel fuhren sie heim. Sie waren alle schweigsam. Die Leslie ordnete ihre eingekauften Bilder auf den Knien...
Manfred schaute hinunter auf den Rhein. Dor seinen Augen stand die Madonna mit den zwei Gesichtern und dem rätselvollen Lächeln und das Scylangenannband der römischen Patrizierin in dem gläsernen Sarg . . .
„Frau Gräfin zu Hause?"
„Ich werde Nachsehen."
Manfred wartete in dem bildergefchmuckten Vorzimmer, den Hut in der Hand . . . Gleich darauf führte ihn der alte Diener in den Salon . . . „Frau Gräfin wird gleich kommen, sie ist eben beim Umkleiden."
Es war derselbe hohe, helle Empiresalon mit den mattgoü) glänzenden Seidentapeten . . . Dor dem runden Ecksofa stand ein gedeckter, niedriger Teetisch mit verschobenem Silbergeschirr und grünen chinesischen Teetassen. Darüber hing das lebensgroße Kniebild eines schlanken brünetten Herrn im roten Frack mit Monokel und Reitgerte. Daß sie den noch dort hängen läßt, dachte Manfred ... Wahrscheinlich weil er gut gemalt ist.
Die Gräfin erschien. Sie hatte ihre Toilette offenbar unterbrochen und nur rasch eien leichten, rosa Schlafrock übergeworfen. „Verzeihen Sie, daß ich Sie so empfange. Ich hatte ein paar Gäste zu Tisch und mich gerade etwas hingelegt--. Wie
nett, daß Sie mich einmal besuchen ... zur Teestunde ... Sie nehmen doch eine Tasse?" Sie wollte die Klingel unter dem Tisch berühren, aber er wehrte ab.
„Nein, danke, ich nehme nichts. Ich habe nur etwas zu fragen.
Sie sah ihn an. „Ist es etwas — mit Ihrer grau?"
„Ja, es ist etwas mit Melitta. Wir sind doch allein? . . ."
„Jg — cs ist niemand da . . . Aber — — um Gottes willen, sprechen Sie ... Was ist geschehen?"
„örfifln . . . ich will feint langen Umschweife machen . . . Sie . . . müssen mir Rede stehen . . . ich ertrage feine Lügen mehr . . . Ich will jetzt die Wahrheit wissen." Er öffnete den Mantel und legte den Hui auf den Tisch. Sein Gesicht war aschfahl und verstört . . .
„Um was handelt es sich denn?"
Er sah sie fest an. „Um wen, wollen Sie wohl fragen? . . ."
Sie fnäulte das kleine mattblaue Batisttuch in der Hand... „Um wen?... Ich verstehe nicht..."
„Sie werden mich verstehen, wenn Sie diesen Brief lesen..." Er entnahm feiner Brieftasche einen mit Maschine geschriebenen Brief und reichte ihn ihr. Sie nahm ihn zögernd. Ihre Augen glitten rasch über die Zeilen. Ihre Hand zitterte leicht, ihr Atem ging rasch ... „Wer kann das fein ... der das an Sie schrieb?"
Er zuckte die Achseln. „Das weiß ich nicht, Dieb mehr, ich kann es nicht beweisen, ich ahne es nur ..
„Eine ... Frau?"
„Sicher."
„Aber ... die Maschinenschrift?"
„Hier ist der zweite Bries. Lesen Sie."
Sie las ihn und ließ ihn auf die Knie sinken, „grau Anna Heine?"
„Sie wissen nicht, wer das ist, Gräfin?"
„Keine Ahnung, habe nie den Namen gehört ..." Sie konnte kaum sprechen, so schlug ihr das Blut in den Halsadern ... „Eine Rache sicher ... aber --wer ist diese grau? ... Und wie kam der Brief in Ihre Hand? Die beiden Briefe? Der andere ist, wie ich sehe, gar nicht an Sie gerichtet ..."
„Es ist gleichgültig, an wen er gerichtet ist jedenfalls ist sie in die Schlinge gegangen."
„Die Sie ihr ... gestellt?"
„Sie wundern sich? ... daß ich so ... bin? ... Ja, man verändert sich, die Erfahrung reift ..."
„Seit — — wann sind Sie im Besitz dieser Briefe, Manfred?"
„Seit einigen Tagen ... Der erste kam in einer Probe zu meinem Novemberkonzert ... russischer Abend. Sie erinnern sich noch?"
„Gewiß ..." Sie sah ihn an.
„Kurz vor dem Beginn der Generalprobe wurde er mir überbracht."
„Don wem? Don der Poft?"
„Nein. Don einem grünlivrierten Liftboy ... 3d) habe nachträglich herausbekommen, daß es ein den Lift bedienender Jüngling aus einem Badehaus war. Ein junger Mann hatte ihr den Brief zur Besorgung übergeben."
„Ein junger Mann?"
„Ja ... irgendeiner ... der Zwischenträger natürlich) ... die Dame wird vorsichtig sein ... es gibt ja Dienstmänner genug, die keine roten Mützen tragen". Er fuhr sich über die Stirn. „Eine Minute vor Beginn kam der Brief an. Ich machte ihn auf ... las ihn ... aber der Briefbote war schon verschwunden ..."
„Das hat Sie sehr erschreckt?"
„Ja . . . zuerst ... Ich dachte an irgendeine Schurkerei, aus Neid ... von einem Kollegen, der am Ende im Saal saß ... Wer weiß denn, in was für einer Umgebung er lebt?!"
„Und dann ... was taten Sie?"
„Ich steckte den Brief ein ..."
„Und dirigierten?"
„Meine Probe ..."
„Ohne zu forschen?"
„Doch ... in der ersten Pause ging ich ans Telephon ... mein Diener antwortete. Melitta war zur Stadt gegangen ... niemand wußte, wo sie war ... sie hatte nur gesagt, sie käme zum Tee nicht zurück ..."
„Wann hatten Sie sich zuletzt gesehen?"
„Zu Tisch, wie jeden Tag. Sie war ruhig, gelassen, in bester Stimmung, sie hatte morgens Lieder geprobt ... wie immer ... Wir sprachen bei Tisch von ihrem Konzert. Nachmittags um drei ging ich zu einem Arzt, der mein Herz untersuchte. Es dauerte sehr lange und ich tarn gerade um vier ins Kurhaus ... Ein Geiger hielt mich noch auf, der alte Schmidt, der sich krank meldete. Ich bat ihn, trotzdem zu spielen, er tat’s--von der Kata
strophe nachher in der Generalprobe haben Sie gehört?"
„Ja, davon habe ich gehört."
Sie betrachtete noch immer die beiden Briefe und die gewöhnliche, kritzlige Handschrift, „grau Anna Heine" stand schief unter dem Maschinenbrief ... „Und bann?"
(gortsetzung folgt.)
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