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Gegen den Reichrschulgesetzentwnrs.

Eine sehr gut besuchte Versammlung, die von der Deutschen Dolkspartei auf gestern abend in den Saal des Cafe Leib einberufen und von Angehörigen aller Parteien, darunter sehr vielen Lehrern, besucht toar, befchästigte sich mit dem Entwurf des neuen Reichsschulge- s e h e s. Der Abend brachte ein starkes Bekennt­nis für die Simultonschule und die klare For­derung, diese Schulart nicht nur, wie der Entwurf es vorsieht, noch auf einige Jahre, sondern als dauernde Einrichtung beizubehalten.

Rachdem der Versammlungsleiter Prof. Dr. Kraus in üller betont hatte, dotz es sich beim Reichsschulgesetzentwurf um eine der wichtigsten innenpolitischen Fragen der Gegenwart handle, begann der Referent

LandtagsabgeordneterOberstudiendirektor Dr. Kelter, Büdingen

seinen auf ausgezeichneter Beherrschung der Materie aufgebauten und infolge der Klarheit seiner Formulierungen sehr instruktiven Vortrag. Der Redner erörterte eingangs kurz die Llmstände des zahlenmäßigen Rückganges des deutschen Liberalismus, der besonders dadurch herbeige» führt wurde, daß die Weltanschauungsfragen immer bedeutungsloser wurden gegenüber denen der Wirtschaft, um mit dieser Betrachtung zu erklären, warum hinter dem starken geistigen Widerstand der Deutschen Volkspartei gegen den Reichsschulgefehenttvurf nicht die entsprechende ziffernmäßige Macht der physischen Kräfte steht. Weiter sagte der Redner dann u. a.:Ruch im neuen Staate standen zunächst die Fragen der Wirtschaft immer mehr im Vordergrund, und die Wirtschaft mußte ja auch immer stärker werden, weil sie sich ihrer Haut zu wehren hatte und weil die Staatsautorität so ohnmächtig war. Mit Kulturpolitik war bis vor kurzem kein Hund hinterm Ofen hervvrzulocken. Jedoch ist in neuester Zeit darin ein LIinsOvung eingetreten: im Augenblick ist es so, daß die Bildungs-, die Kulturfragen eine größere Rolle spielen als die Fragen der Wirtschaft. Rach langer, langer Zeit hat die Kulturpolitik den Primat. Das ist so ziemlich das einzig Erfreuliche an dem neuen Reichsschulgesehentwurf, erfreulich ist auch die zwangsläufige Entwicklung, daß Parteien sich jetzt finden, die kaum mehr Berührungs' punkte hatten. Für den Liberalismus ist eines eine Selbstverständlichkeit: die Erziehung der künftigen Staatsbürger ist für den Staat so entscheidend wichtig, daß er sie nicht aus der Hand geben darf, auch nicht stückweise. Roch dazu wo wir einen Volksstaat haben, wo alle Gewalt vom Bürger ausgeht. Man spricht heutzutage so viel vom Elternrecht. Aber in der Praxis wird sich das meist so auswirken, daß die Eltern meinen, sie schieben und dabei gar nicht merken, daß sie von anderen, die nicht Eltern find, ge­schoben werden. Der Staat hat das Recht, in den Schulftagen seine Autorität zu wahren und verlangen, daß der einzeln« Bürger zurück­tritt, wenn das Wohl des Staates, das Wohl des Ganzen es verlangt." Bei einem Rückblick auf die geschichtliche Entwicklung erwähnte der Redner den stufenweisen Gang von der Kirchen­schule zur Staatsschule, die geistliche Herrschaft, die geistliche Aufsicht in der Schule uird betonte mit Rachdruck, für die Deutsche Volkspartei sei jede Aenderung unvertretbar, die rückwärts gehe. Wolle man die Bekenntnisse einander näher­bringen, so dürfe man nicht di« Kinder aus- eincmderreißen, auch nicht in der Schule.Wollen wir die Staatsschule, so begünstigen wir nicht jene Form, die naturgemäß zur Kirche hinstrebt. Verlangen wir bestmöglichen Lehrplan im aus- gebauten System, so verurteilen wir doch alles, was zur Zerbröckelung führt. And liegt uns an Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit, so kommen wir zum gleichen Ergebnis."

Der Redner beschäftigte sich hierauf mit der Rechtslage, soweit das Reich in Betracht kommt. Er wies dabei vor allem auf den § 146 der Wei­marer Verfassung hin, der hier maßgebend ist. Dieser Paragraph ist ein Kompromißergebnis völlig gegensätzlicher Anschauungen und die untaug­lichste Grundlage dessen, was sie ankündigte: eines Reichsschulgesetzes. Diese Grundlage ist von der Weimarer Koalition geschaffen worden, die nur ge­meinsam hatte, daß sie den neuen Staat bejaht, die aber sonst nichts gemeinsam hatte. Hinter ihr lag die Rätezeit, vor ihr stand Versailles, sie mußte mit der Verfassung zu Ende kommen und schuf da den

Wechselbalg des § 146, verschob Schwerwiegendes auf die Zukunft. Man handelte in einer Zwangslage und schuf schwerwiegendes Unglück. Damals hätte das Zentrum in Schuldingen manches hingenommen, was es heute hinzunehmen nicht geneigt ist. Deshalb plagen wir uns immer noch um das Schulgesetz für das Reich ab." Der Redner beleuchtete hierauf" den neuen Entwurf in seinen wesentlichen Grundlagen, soweit di« rechtliche Seite in Betracht kam, und warf die Frage auf, ob die in dem Entwurf enthaltene Gleichstellung der Gemeinschasts-, der Bekenntnis- und der bekenntnisfreien Schul« nicht verfassungs­widrig sei, denn der § 146 der Verfassung räume der Gemeinschaftsschule deutlich eine Vorzugsstellung ein; nach dem ersten Absatz dieses Paragraphen sei dies sehr wahrscheinlich, nach dem Verhandlungs­stenogramm als Meinung der Schöpfer der Der, sassung sicher und durch höchste Gerichtsentscheidung sogar bestätigt. Die Gemeinschaftsschule sollt« also die wichtigste, die wesentliche Schule sein. Weiter verlange § 174 der Reichsverfasfung vom künftigen Gesetz besondere Berücksichtigung der Simultanschul- länder. Der Entwurf gebe diesen Ländern aber nur einige Jahre Schutzfrist, di« man nicht alsBerück­sichtigung" ansehen könne. Die Gleichstellug der drei Schultypen des Entwurfs bedeute, daß nach Ablauf der Schonfrist von fünf bis zehn Jahren die Simul­tanschule zurückgedrängt wende, bedeute Aushöhlung, Zertrümmerung der Gemeinschaftsschule. Also auch hierin müsse man die Verfassungsmäßigkeit anzwei- seln. Endlich lasse sich di« Auffassung vertreten, daß an mehreren Entwurfsstellen der Kirche mehr ein­geräumt werde, als sich mit den § 143, 144 und 149 der Reichsverfasfung vertrage. Reichsrechtlich be­trachtet, müßten also gegen den Entwurf schwere Be­denken geltend gemacht werden.

Rach den hessischen Rechtsgrundlagen sei zu sagen, daß durch das hessische Schulgesetz von 1874 als Regelschule das geschaffen wurde, was wir Simultanfchule nennen, die für alle gemein­same Schule, die auf religiös-sittlicher Grund­lage beruht. Das neue hessische' Schulgesetz voir 1921 hielt das alte Gesetz von 1874 für so liberal, daß es in allen wesentlichen Punkten die alten Bestimmungen übernahm. Das Gesetz von 1374 sei eine Schöpfung der damaligen national- liberalen Partei.

Der Redner ging nunmehr zu einer Be­sprechung des neuen Reichsschulgesetzentwurfs im einzelnen über, wobei er sich nur mit dem § 1 völlig einverstanden erklärte. Don allen drei Schultypen des Entwurfs werde nur die Be­kenntnisschule den Vorteil haben. Die Bekenntnis- schr»le des Entwurfs sei aber nicht identisch mit den preußischen Bekenntnisschulen. Er beanstan­dete weiter den Paragraphen über die Bean­tragung einer neuen Schuld durch die Erzie­hungsberechtigten von 40 Schulrindern und sogar noch weniger und die Umwandlung besteheirder Schulen. Das sei ein Kautschukparagraph aller» übelster Sorte. Für Hessen sei es betrübend, daß die scheinbare Gleichsetzung der Schultypen nie­mals eine wirkliche Gleichsetzung sein könne. Wenn neben einer Gemeinschaftsschule eine Be­kenntnisschule errichtet werde, .so verliere die erste ihr altes Gesicht und damit auch die Da­seinsberechtigung. Weiter sei eine Erschütterung des Aufsichtsrechtes des Staates auf Grund der verschiedenen Auslegungsmöglichkeiten zu be­fürchten. Don den plebergangsk^stimmungen sei die wichtigste der § 20, der die Zertrümmerung unserer seit 53 Jahren erprobten Volksschule bedeute. Heute feien von 150 000 Kindern 9000 der Gemeinschaftsschule entzogen, wie aber wäre das Bild nach 15 Jahren? Das wertvollste Jn- »ftrument und Sinnbild der Volkseinheit werde zerstört, die Leistungsfähigkeit herabgemindert, die Kostenlast unnütz vermehrt. Das Reich dekre­tiere, Land und Gemeiirdrn sollten bezahlen Darum protestiere der hessische Staatsbürger aus prinzipiellen, pädago­gischen und praktischen Gründen gegen diese Ver­einheitlichung, die keinen Sinn habe. Wenn man im Reiche uniformieren wolle, dann müsse der Teil die Uniform stellen, der bisher schon am fortschrittlichsten war. und nicht der, der am rückschrittlichsten geblieben ist. Die Simultan­schule habe noch nie die Bekenntnistreue unier- höhlt. Selbst ein Mann wie der frühere Reichs­kanzler Dr. Wirth habe öffentlich von sich erklärt:Ich vergesse nie, was ich der Simultan- schule verdanke." Trotzdem habe das Zentrum im Reichstag wie im Landtag und auch auf dem jüngsten Dortmunder Katholikentag unzweideutig

Flugzeug im Zimmer.

Aus Berlin wird uns geschrieben: Da die große Berliner Funkausstellung 1927 augenblicklich zu bestimmten Tagesstunden Ver­ständigungsversuche zwischen einem Flugzeug und Witzleben anstellt, wo sich die Funkschau befin­det, war es ein sehr glücklicher Gedanke, dieses Experiment einmal auf den Sender Berlin zu übertragen und so alle Funkhörer daran teil» nehmen zu lassen.

Prosaisch beginnt das damit, daß der Funk­sprecher von Wihleben die S.tuation erläutert; aus dem Lautsprecher schallt es: das Flugzeug der Lufthansa D 370 schwebe in einer Höhe von 900 Metern und in einer Entfernung von iy3 Kilometern vom Witzlebener Funkturm über der Stadt. Dann schaltet Wihleben auf Empfang, und nun wird der aus dem Flugzeug reden. Er redet auch, er spricht stark und mit ungeheurer Energie, immer durchsurrt von dem Rauschen des Propellers. Der in Wihleben tadelt den Sprecher in der Maschine: nein, so ginge das freilich nicht, er möge seine gewaltige Stimme mäßigen, das Mikrophon des Flugzeuges muß doch wohl von anderer Art sein als das, welches im Senderaum besprochen wird.... und nach einigem Hin und Her haben die da oben über der Stadt sicheingeredet". Dann aber wird Alfred Braun,*) der sich auch unter den Flug­gästen befindet, an den Apparat zitiert.

Ja, wenn wir unseren Alfred Braun nicht hättenwer rettete die Ehre dieses Rachmittags? Aber er ist unnachahmbar. Er hat sofort erfaßt, wie der störrische Flugzeugapparat zu behandeln ist, und da er nun spricht, schweben ihm sicherlich die Herzen von einigen Hunderttausenden von Backfischen in die Höhe zu: so reizend und ge­fällig weiß er zu plaudern. Ach, meint er. wie schön ist doch solch ein Wochenende in der Luft es ist gerade ein Samstag -- und wie herrlich ist die Stimmung da oben, und sie sitzen allewie in einem Auto" gemütlich beisammen

) Der Berliner Rundfunkleiter.

und schlürfen schönen Kaffee.... Das ist alles mächtig banal, aber wie die Stimme Brauns aus der Maschine D 370 durch den Lautsprecher das Zimmer füllt, da wird doch plötzlich der technische Sieg dieser Zeit wieder offenbar. Wundern, wun­dern, ja, wir sollten uns eigentlich immerzu wundern aber eben diese Technik hat ja das Gefühl des Staunens in uns erstickt.

Inzwischen werden dem Flugzeug von Wih­leben aus Kommandos erteilt: es soll eine Acht fliegen den Flug senken, eine Kurve fahren usw. Endlich wird die Maschine vom Kurfürstendamm nach Witzleben zu dirigiert, und da in mein Fenster der Witzlebener Turm nachts seine Strah­len sendet, kann ich D 370 fliegen sehen: ein winziger grauer Vogel vor e.nem melancholisch verhangenen Himmel.

Reues Kommando: wenn die unten am Turm bis acht gezählt haben, soll das Flugzeug eine rote Leuchtkugel abschießen. Man hört die Stimme im Lautsprecher:Eins, zwei, drei....... sieben,

acht." Lind da fliegt pünktlich der leuchtende rote Ball aus der Höhe und schwebt langsam durch die schiefergrauen Wolken des trüben Rachmittags.

Lind das wirkt, ich möchte keine großen Worte gebrauchen, aber es wirkt doch unheimlich. Lin- heimlich, auch wenn man natürlich weih, daß alles natürlich zugeht, und daß es mit den und den Instrumente, Mikrophonen und Wellen ge­macht wird. Ich weiß ja auch von einem Zauber­künstler, wie es gemacht wird aber das hier, diese rote schwebende Kugel, ab­geschossen auf ein Kommando von der Erde, jetzt herabschwebend und lustig vor grauem Himmel glitzernd, ist viel elementarer, das hat mit den Elementen zu schaffen, mit diesen Aetherwellen, die nun da sind und von denen doch niemand etwas weiß. Warum Wun­dern wir und eigentlich nicht, daß Alfred Braun Wochenendkaffee im Slugaeug D 370 trinkt, daß seine Stimme hier durch mein Zimmer tönt, seine liebliche Stimme? Weil wir mitten in einem rasenden technischen Tempo ft eben, nehme ich an, daß wir das alles nur als Spielerei, als Vor­bereitung betrachten, deren Gipfel wir noch lange nicht sehen.

gesprochen, seine Haltung liege fest. Leider habe im Reiche und in Preußen di« Deutschnationale Partei dem Zentrum in vollem Umfange Heeres- folge geleistet. Zu begrüßen sei aber, daß die Gießener Deutschnationalen sich am Montagabend in einer Entschließung unbedingt für die Beibe­haltung der Simultanschule aussprachen. Wenn nun die Linke für die Ablehnung des Entwurfs eintrete, so sei doch auf das Versprechen der Koalition von Weimar hinzuweisen, das doch gerade von denen gehalten werden müsse, die es gegeben. Seine (des Redners) Partei lehne trotz aller schweren Bedenken den vorliegenden! Entwurf nicht in Bausch und Dogen ab, sondern sie wolle das Gute an dem Entwurf behalten und das Schlechte so verbessern, daß es annehm­bar axrbe. Wieweit das gelinge, hänge von der Rechten ab. Die Deutsche Dolkspartei rechne dabei aus das Verständnis der liberalen Wähler­schaft, und finde sie dieses Verständnis auch bei anderen Parteien, dann um so besser. Die Frage der deutschen Jugenderziehung sei der Deutschen Volkspartei zu ernst, um an ihr das Partei^ süppchen zu kochen. Don ihrer Lösung hänge mehr deutsche Zukunft ab als von vielen anderen Dingen, um die großes Geschrei gemacht werde.

Zusammensasfend

stellte der Redner dann folgende bedeutsame Leitsätze auf:

Wir haben den ehrlichen Willen, ein Reichs­schulgesetz schaffen zu helfen, obgleich Hessen kein eigenstes Bedürfnis dafür hat. Es muh jedoch bestimmte Bedingungen erfüllen, von denen wir nicht abgehen können, ohne unserer Vergangen­heit und unserer Weltanschauung untreu zu wer­den. Lind das wäre: Die deutsche Schule bleibt Staatsschule. Ihr Streben mutz darauf gehen, die gesamte Jugend nicht zu trennen, sondern zu vereinigen. Bestes Instrument dafür ist die Gemeinschafts­schule, wie sie 14/js aller hessischen Kinder seit Jahrzehnten besuchen. Doch können auch die De - kenntnisschulen diese Aufgabe erfüllen. Rur muß bann ihr gesamter Lehrplan der gleiche sein, wie der der anderen, und sich von jeder konfessivnellen Einseitigkeit fernhalten. Richt staatliche und nichtfachliche Einmischung gleichviel welcher Instanzen über den bisherigen ilmfang hinaus ist abzulehnen. Es ist jedoch eine Selbstverständlichkeit, daß die religiös-sittliche Grundlage, wie in unserem ganzen Kulturleben, so auch in der Schule zum Ausdruck kommt. Das Schulgesetz hat verfassungsgemäß zu fein, so im ganzen wie auch in der Berücksichtigung Hessens usw. Gegenüber allen jenen Forderungm aber, die Abschließung der Kinder verschie­dener Bekenntnisse voneinander in der ganzen Erziehung mit dem Elternrecht und dem Elternwillen begründen wollen, stellen wir ben Leitgedanken auf: Richt das evangelische Kind in die evangelische, das katholische Kind in die katholische, das jüdische Kind in die i ü d i s ch e und das Kind des Atheisten in die atheistische Schule, sondern das deutsche Kind, unser kostbarstes Volksgut, in die Pflege sfä 11e deutschen Geistes, die deutsche Jugend in die deutsche Schulei" (Langanhaltender lebhafter Beifall.)

Die Aussprache

ergab insofern U ebereinftimmung, daß fein einziger Redner sich f ü r den Gesetzentwurf ins Zeug legte. Kreisschulrat Fischer ver­urteilte mit dem Referenten den Entwurf in vollem Llmfange. mit Ausnahme des § 1; er ging aber in seiner Stellungnahme insofern a>et- ter als Dr. Keller, daß er von der Deutschen Volkspartei die.unbedingte Ablehnung des Ent­wurfes forderte. Wenn die Deutsche Volkspartei ihre Zustimmung verweigere, sei der Entwurf erledigt, er werde bann glatt in der Versenkung verschwinden. Redner forderte, einen nachdrück­lichen Protest gegen diesen Entwurf nach Berlin zu schicken. Studienrat Dr. König wünschte die baldmöglichste Schaffung eines wirklich vorbild­lichen Reichsschulgesetzes, schon im Hinblick auf die Deutschen in Oesterreich und im Burgenland, für die ein solches Gesetz bei der Anschlußfrage von Wichtigkeit sei. Lehrer Kling als Vor­sitzender des Deutschnationalen Volkspartei in Gießen stimmte der Stellungnahme des Refe­renten zu und gab der Hoffnung Aus­druck, daß auch die Deutfchnationale Reichstagsfraktion dem Entwurf in dieser Gestalt ihre Zustimmung versagen werde. Rektor Loos sprach sich, wie sein Parteifreund Schulrat Fischer, nachdrücklich für die Ablehnung

Wo aber liegt der Gipfel? Sind wir schon soweit, dann kann es auch nicht lange dauern, bis der Mensch im Flugzeug ausgeschaltet wird und die Wellen die Maschine von sich aus zu lenken vermögen. Lind wenn wir diese Wellen endlich gefunden haben, warum sollen wir nicht auch noch andere Zwischenreiche entdecken, ge­heimnisvolle Dinge, von denen wir jetzt nichts ahnen, die auch zu den Objekten gehören, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt? Jemand, der es wissen mühte, hat mir gesagt, alle diese Wellen seien nur tausendstel Bruchteile eines Amperes stark. Run, ein Am­pere ist nicht gerade viel, und einen so winzigen Teil dieser Kleinigkeit kann sich der Laie nicht vorstcllen. Wie nun, wenn eines Tages einer das feine Mikrophon finjet, das Gedankenwellen ausnimmt^ und den Uec ertraget, der diese Wellen deutlich macht? Aber hier weigere ich mich, wei­ter zu denken. A.

Polarbesiedlung.

Der englische Geograph Dr. R udm v se - Drown ist in einem Vortrag, den er auf dem englischen Wifsenschaftskongreh zu Leeds hielt, nachdrücklich für die bereits von dem Polar­forscher S t e f a n s s o n vertretene Anschauung eingetreten, das Polargebiet zu besiedeln. Rach feiner Anschauung bietet das Gebiet des Rordpols eine gewaltige Flache von etwa acht Millionen Quadratkilometern, jeden­falls bedeutend größer als die Vereinigten Staaten, in der Menschen ein reichliches und behagliches Auskommen finden können. Er hat selbst beide Polarkreise erforscht und hebt die Raturreichtümer der Arktis gegenüber dem Süd­polarkreis hervor, der eine furchtbare Wüste dar­stellt. Die Lebensbedingungen im hohen Rorden sind in neuester Zeit bedeutend verbessert toor- den. Der Skorbut, der früher für die Polar­forscher so verhängnisvoll war, kann jetzt ver­mieden werden: Kleidung und Rahrung, alle Rotwendigkeiten und Erleichterungen des Lebens kann man sich auch hier sichern. Der Transport

des Entwurfs und für einen Protest nach Berlin aus, ferner begrüßte er die Erklärung des deutsch- nationalen Gießener Sprechers. Der Referent. Oberstudiendirektor Dr. Keller, hob in seinen Schlußworten noch einmal hervor, daß der Schul- gesetzentwurf in seiner gegenwärtigen Gestalt ihm ebensowenig befriedige wie die Herren von bcr demokratischen Partei, und daß er glaube, der Entwurf werde nicht die Zustimmung der Deut­schen Dolkspartei-Frattion im Reichstag finden. Er sei aber nach wie vor nicht für die Ablehnung kurzer Hand, sondern für den Weg der Verhand­lungen, den ja auch die Weimarer Koalition seinerzeit gegangen sei, um ein brauchbares und annehmbares Gesetz zu schaffen. Hierauf schloß der Vorsitzende, Prof. Dr. Krausmüller, mit Dankesworten an den Redner und die Ver­sammlung die bedeutsame Kundgebung..

Oderhessen.

Landkreis Gießen.

£ Wieseck, 14. Sept. Der Verlauf der diesjährigen Reichsjugendwettkämpfe an der hiesigen Volksschule brachte zunächst die erfreuliche Tatsache, daß der Wert der sport­lichen Betätigung auch von der Schuljugend mehr und mehr erkannt wird. Dies toirb illustriert durch die im Vergleich zur Gröhe unseres Dorfes beachtliche Teilnehmerzahl von 106, während im vergangenen Jahre 85 Schüler und Schülerinnen an den Wettkämpfen teilnahmen. Roch mehr als durch die Teilnehmerzahl tritt das Interesse der Jugend aber durch das erreichte Ergebnis her­vor, denn von den 106 Teilnehmern an den dies­jährigen Wettkämpfen erreichten 91 die erforder­liche Punktzahl zur Verleihung einer Llrkunde. Rach dem Darrenturnen der Schüler «ruf dem Schulhofe ging es in geschlossenem Zuge nach dem schön gelegenen Sportplatz, wo sich unter der Leitung der Lehrer die einzelnen Wett­kämpfe glatt abwickelten. Die Schüler der Ober­stufe, 7. und 8. Schuljahr, führten einen Fünf­kampf durch (außer der Barrenübung m>ch Weit­sprung, Dreisprung, 100-Dieter-Lauf, Dallweit- wurf), die Llnterstufe, 5. unb 6. Schuljahr, und die in gleicher Weise gestaffelten beiden Schülerinnen- stufen maßen in einem Dreikampf, Weitsprung. Ballweitwurf und 75-Meter-Lcruf, ihre Kräfte. Die hierbei erzielten Leistungen sind durchweg als sehr gute zu bezeichnen und lassen in den Spitzenleistungen di« gute Trainingsarbeit der beiden hiesigen Turnvereine erkennen. Folgende 9 Teilnehmer erhalten die Ehremnckunde des Reichspräsidenten: Schüler (Oberstufe): 1. Otto Weller, 146 Punkte, 2. Otto Deibel, 116 Punkte, 3. Adolf Ql bei, 113 Punkte, 4. Otto Balser, 108 Punkte: Schülerinnen (Oberstufe): 1. Elli Pausch, 70 Punkte, 2. Hildegard Bre­mer, 67 Punkte: Schüler (Llnterstufe): 1. Walter Kreiling, 68 Punkte. 2. Otto Leib, 61 Punkte: Schülerinnen (Llnterstufe): Äina Schöffmann, 68 Puickte. Die Llrkunde des Reichsausschusses für Leibesübungen erhalten 82 Schüler und Schü­lerinnen, von deren Veröffentlichung mit Rück­sicht auf die geringe Anzahl der verbliebenen Richtpreisträger Okbstand genommen wird.

~ Trohe, 14. Sept. LandwirtschaftSvat Trautmann, Direktor des LcrndwirtschastS- amtes Grünberg, hielt am Sonntag einen inter­essanten Vortrag über Jungviehauf- z u ch t. Der Redner erörterte in afigemeinDer» stündlicher Weise vor zahlreich erschienenen Landwirten die richtige und die falsche Aufzucht der Jungtiere. Die Olussprache war sehr an­regend und zeigte, welche- 3ntereffe man dem Vortragsthema geschenkt hatte. Reicher Beifall belohnte die lehrreichen Ausführungen deS Vor­tragenden.

V" Mainzlar, 14. Sept. Die Kartoffel- ernte ist jetzt hier in vollem Gange. Der Er­trag ist als recht zufriedenstellend zu bezeichnen. Besonders gute Erttäge liefern In­dustrie, Preußen und Odenwälder Blaue. Die Kartosfelfäulnis tritt hier ganz wenig auf, da der Boden zum Teil etwas sandig ist. Von den Landwirten sind bis jetzt noch keine Verkäufe abgeschlossen worden, infolgedessen läßt sich über die Preisbildung auch noch nichts Be­stimmtes sagen.

z. A11 e n d o r f (Lumda), 14. Sept. Der hiesige Kleinkaliber-Schützenverein beendete jetzt sein diesjähriges PreiS- schießen. Geschossen wurde auf lOer-Ring- scheibe. Die Schuhleistungen waren durchweg gut. Die vier ersten Preise, alle mit 29 Ringen, wurden durch Stechen wie folgt entschieden:

nach der Polarzone geht sehr viel leichter und sicherer vor sich; Luftschiff und Flugzeug eröffnen die Aussicht auf rasche Hilfe in notwendigen Fällen. Erfindungen, wie das Grammophon oder das Radio, können eintönige Stunden verkürzen, und der Rundfunk ermöglicht eine beständige Be­ziehung zu der übrigen Welt. So hat das Leben auch in sehr hohen Breiten jene Mühen und Entbehrungen verloren, die wir auf Grund der Berichte früherer Polarreisender noch immer da­mit verbinden. Aber Besiedlung verlangt einen dauernden gewinnbringenden Aufenthalt, nicht die Anlegung für wissenschaftliche Beobachtung und Forschung, wie es die meteorologischen Sta­tionen sind, für die ein deutsches Komitee jetzt internationale Llntcrstühung sucht. Dr. Rudmose- Brown entwirft ein anziehendes Bild von der Anmut der geschützten Polartäler, die im Som­mer mit Blütenpracht geschmückt und im Winter reich an Moosen und Flechten sind. Er legt weniger Wert auf die M.neralschätze der Arktis, wenngleich auch darin Grönland, Spitzbergen und das nördliche Kanada bedeutende Aussichten bie­ten. Sekne Hoffnungen beruhen auf der Zucht des Moschusochsen und des Renntiers. Diese Tiere leben in dem arktischen Kanada, in Spitz­bergen, auf der Südinsel von Rowaja Demlja und in weiten Gebieten der Hauptländer von Alaska, Kanada und Sibirien. In den ausge- dehnten Tundren ist eine Lleppigkeit des Wachs­tums, die .alle Erwartungen übertrifft", und das sind die natürlichen Weideplätze des Karibu oder amerikanischen Renntiers, des Renntters der Alten Welt und des Moschusochsen. Diese Ge­schöpfe der Arktik können die Ibinterfälte er­tragen und haben keinen Feind außer dem Wolf und dem Menschen. Der Mensch sollte nun nicht der Gegner, sondern der Hüter und Züchter dieser Tiere fein, die ihn mit einem unbeschränk­ten Vorrat von Fleisch und Fellen und vielleicht auch von Wolle versorgen würden. Da Rudmose- Brown die Tropen für ungeeignet für Besiedlung durch Weiße hält, so bleiben nach seiner Mei­nung nur die Polarzonen übrig, um der Mensch­heit große, neue und glückliche Siedlungsgebiete zu erschließen.