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Siebener Anzeiger (General-Anzeiger fiir Gberhessen)

Donnerstag, (5. September 1927

Nr. 216 Zweites Blatt

Ausrufezeichen farm, welches

wird; bis kühl entschieden werden

Wort den: Wesen dieses zum

Sprechstunden der Redaktion.

12 bis 1 Uhr mittags, 5 bis 7 Uhr nachmittag». Samstag nachmittag geschlossen.

Dies ist. im wesentlichen, der , Fall Konners­reuth", die Geschichte der Resl. Hierdurch wurde Konnersreuth mit einem Schlage aus seiner Lln-

So steht es heute. Schon geht das Bild der Stigmatisierten durch die illustrierten Zeitungen, schon fangen die Witzblätter an. Glossen zu mach n und Karrikaturen zu veröffentlichen. Schon pro­phezeit man, Konnersreuth werde ein neuer Wall­fahrtsort, kommendes Pro-cssionsziel; schon er­heben sich Stimmen, die zur Besonnenheit und Zurückhaltung, zum Abwarten mahnen. Und es wird wohl noch eine Weile dauern, bis alle Fragen gelöst, alle Möglichkeiten geprüft, alle Erscheinungen gedeutet sind; bis aus den vielen Fragezeichen um Konnersreuth und die Resl ein

Hysterie, der wissenschaftlichen Beargwöhnung, keine plumpe Schaustellung und kein aufgelegtes Geschäft ist, sondern einfach ein Wunder; für die ist der schlichte, alltägliche, unwunderliche Rame kein Hinderungsgrund, ihn mit übernatür­lichen. unfaßbaren mittelalterlichen Dingen in Verbindung zu bringen.) Um 1430 sagte man Ieanne" oderPucelle"; und aber nach 500 Jahren sagt manResl"... und meint damit dasselbe. Wie viele dabei freilich nicht an Scanne denken, sondern an Hille Dobbe oder Cagliostro, wie viele nichtWunder" sagen, sondernFall" oderSchwindel" oderfauler Zauber" das wissen wir nicht, und es kann und soll auch hier nicht entschieden werden, wer recht hat und wer unrecht.

gedrückt, das Krankheitsbild der Therese Reu­mann hat seit geraumer Zeit außergewöhnliche Erscheinungsformen angenommen, die sich einer rein klinischen oder psychotherapeuthischen Be­handlung en'ziehen. Sie hat Visionen.Schauun- gen", wie es heißt, sie gerät jeden Freitag in Ekstase, erlebt in langen, qualvollen Stunden die Passion Christi mit vielenStationen"; sie ist stigmatisiert, ihre Hände tragen Wundmale, sie weint blutige Tränen, sie hörtStimmen" (wie jene Scanne d'Arc); sie soll sogar bei der Wieder­gabe dessen, was sie sah, Worte eines galiläi­schen oder aramäischen Dialektes gebraucht haben, wie er zur Zeit Christi gesprochen wurde man hört, daß Fachautoritäten, namhafte Philologen, sich der Untersuchung dieses Sonderphäiwmens angenommen haben, wie denn schon Mediziner, Psychiater und Raturwusenschaftler mit der Deu­tung oder Erklärung des Falles von Konners­reuth sich zu beschäftigen beginnen. Und man hat in großen Tageszeitungen eine rohe, unbeholfene, aber immerhin nicht unrichttge Skizze von der Hand der Therese Reumann abgebildet gesehen, worin der Schauplatz der Leidensgeschichte mit Serusalem, Oelberg und Golgatha ausgezeichnet war; und der Vergleich mit einer Lagekarte aus den üblichen Atlanten ergab nur unbedeutende Abweichungen im Grundriß der Reum arm.

Dies mag unwesentlich sein. Bemerkenswerter ist im Zusammenhang mit alledem etwas anderes: die Therese hat seit vier Sahren, bis Weih­nachten 1926, nur von flüssiger Rahrung gelebt; seit dieser Zeit nimmt sie überhaupt keine Speise mehr zu sich; nur ein Stückchen Oblate, einen geringen Teil der Hostie täglich und ein wenig Wasser. Dabei hat sich ihr Gewicht nicht ver­mindert. Rur an den Freitagen, in der Ekstase, verliert sie etwa zwei Pfund, erreicht aber bald das vorherige Maß wieder; 55 Kilogramm sind es wohl. Die Aerzte schütteln den Kopf, und viele sagen, es sei ein frecher Schwindel, eine gröbliche Täuschung des Publikums, man habe ja vor einiger Zeit, als dasMode" war, mit denHungerkünstlern" die fatalsten Erfahrungen gemacht...

Therese Reumann, so wird berichtet, wurde am 9. April 1898 geboren; nach Angaben ihrer Mutter an einem Karfreitag. Als ältestes Äind einfacher Schneidersleute; hat neun Geschwister. Shre Sagend war ganz normal: sie besucht die Schule, kommt mit 14 Sahren in einenDienst", istbrav", arbeitet wie sich's gehört, und ist ein Menschenkind wie andere auch. Rurso viel krank" ist sie halt immer gewesen. Das begann wohl im Frühjahr 1918, da hat sie einen Brand löschen helfen, hat sich überanstrengt, erkältet... seitdem ist sie krank. Gliederschmerzen, Ohnmacht, Krämpfe, Lähmungserscheinungen. Man behan­delt sie auf Hysterie, aber es wird nicht besser, sondern schlimmer. Die Krankheitsgeschichte der Resl ist mitleiderregend. Man hört von Er­blindung, von Geschwüren und offenen Wunden, von Blinddarmentzündung und Muskelzerrungen.

mindesten merkwürdigen Falles entspricht..

Wunder... Rätsel... Krankheit... Geschäft.

Betrug. hth.

Dies alles ist freilich weder ein Rätsel noch ein Wunder, sondern nur eine lange Kette trau­riger Tatsachen; es werden aber darüber hinaus von der Reumann Dinge berichtet, die eben nicht mehr nur traurig und auch nicht mehr all­täglich genannt werden können; und wenn wir sie nun aufzählen, so ist es aus mehr als einem Grunde selbstverständlich, daß der Leser überall da. wo wir sagen:ist" oderhat" oderwurde", Übersetzen muß:soll" odersagt man oder wird berichtet".

Die in Konnersreuth sagen so:Die Resl leidet am Freitag." Das heißt, deutlicher aus-

bc4anntheit, feiner idyllischen Abgeschiedenheit, feiner ungestörten Fichtelgebirgseinsamkeit erlöst; wurde bekannt, berühmt (oder berüchtigt, wem das richtiger klingt), ein Tagesgespräch, Diskussions- thema, Sensationsname.

Fremdenverkehr seht ein nach der Oberpfalz, nach Konnersreuth, zur Resl. Hunderte, Tausende kommen hin, zu Fuß, mit der Bahn, im Auto. Ernsthafte und Spötter. Wissenschaftler und Laien, Gläubige und Ungläubige; Touristen und Der- anügungsreisende, Kurgäste aus Karlsbad und Riarienbad; Aerzte und Sournalisten und Pho­tographen; Heilungsuchende, Bittgänger und Hilfeflehende; unzählige von denen, die immer und überalldabei fein" müssen, wowas los" ist; Amerikaner, Engländer, Franzosen. Hollän­der. Oesterreicher, Tschechoslowaken alle wollen die Sungfrau Therese gesehen haben; aus Reu­gier, aus Senfattonslüsternhett, um davon er­zählen zu können, um darüber die Achseln zucken und die Mundwinkel verziehen zu können, um eine photographische Aufnahme mit heim zu bringen, ein paar hingekritzelte Worte der Resl, um ihre blutigen Hände berührt oder einen flüchtigen Blick in ihr bleiches Gesicht getan zu haben. Ganz flüchttg. denn ihrer sind viele: man steht an, in Schlangenlinie, wenn Besuchs­zeit ist und die Schaustellung beginnt; man schiebt sich Schritt um Schritt in die mit Heiligmbildern und Blumen geschmückte Stube der Therese Reu- mann hinein. Gendarmen regeln denVerkehr" ...

(Rachdruck; auch mit Quellenangabe, verboten.)

Aegypten feiert fein Rationalfest: die große Rilüberschwemmung. Was feit Jahr­tausenden der Gipfelpunkt der Begeisterung des Pharaonenvolkes gewesen, das hat auch heute seine Anziehungskraft für die Bewohner der Ufer des heiligen, ewigen Stromes bewahrt. Die Menschen, deren Sprache wir trotz aller Hiero­glyphen-Forschung nicht kennen, deren Kultur und Technik uns aber mit ehrfurchtsvollem Staunen erfüllt, sind verschwunden. Selbst der Kopte, der, in den Schreibstuben über Zahlen­reihen gebeugt, für seinen moslemitischen Arbeit­geber Rechnungen erledigt, ist kein Rachkomme der Pyramidenerbauer. Die alten Aegypter sind fort, getötet, verlaust oder vom Sande des Un­geheuers Wüste verschlungen, das unheildrvhend auch heute noch und vielleicht mehr denn je auf den Augenblick lauert, da der Vater Ril seinen fruchtbaren Schlamm nicht mehr seinen Kindern verschwenderisch austeilen wird.

Die Schauspieler auf der ägyptischen Bühne haben gewechselt, aber die Ratur hat auch die Reuankömmlinge in ihren Dann geschlagen, so daß sie, wie vor ungezählten Jahrhunderten das Volk der Ssis. mit unbeschreiblichem Subel das göttliche Wasser danVar bcgrüßen, weil es auch für sie das Leben schlechthin bedeutet.

Freilich, auch die Symbole der Dankbarkeit sind andere geworden. Die Braut des Ril, das schönste Mädchen Aegyptens, das der Pharao einst in prächtige Kleider hüllte und versenken ließ in Wasser und Schlamm, ist heute zur Strohpuppe geworden. Und wer weiß, ob nicht der ewige Vater der Flüsse und Ströme ob dieses Betruges zürnt? Die Regulierungs­arbeiten der Briten im sudanesischen Süden machen sich bereits bemerkbar. Der Schlamm bleibt in den Kanälen hängen imd der fette Boden des Pharaonenlandes wird stellenweise schon mit Kunstdünger verbessert. Die Düngereinfuhr aus Indien und Chile ist im Steigen begriffen, und die Menge des fruchtbaren Rilschlammes finft. Dort Said und Alexandria sehen mit Schrecken den unheimlich schnell wach­senden Konkurrenten im Südosten, das auf- blühende Port Sudan, über dem der Union Sack flattert

Und gls ob mit dieser brennenden Wunde dcB Volk nicht schon genug gestraft wäre, drückt noch eine neue Sorge auf das Land. D i e Baumwollbaisse. Der Fellache weiß buch­stäblich nicht mehr ein noch aus. Das Rezept des Hebräers der Vorzeit, das die Regierung jetzt anwandte, hat sich diesmal nicht bewährt. Die Daumwollvorräte, die in denfetten Sahren" es waren diesmal nicht 7, sondern 6 von 1920 bis 1926 aufkaufte, hängen wie ein Damvkles- Schwert über dem Land. Der Sowjetkom­mis f a r, der alles aufkaufen wollte, ist wieder mit seinem Gold nach Moskau gefahren, und so wird man doch einmal verkaufen müssen. Und diese Möglichkeit drückt die Preise und beugt das sorgenvolle Haupt des Farmers noch tiefer.

folg« der franwstschen Schwierigkeiten Rumänien jetzt mit Deutschland allein abschloß. Wenn die finanzielle Verlockung fehlschlug,- so bebaute man um so eifriger einen anderen Licker. Mit französischem Geld« wurden in Patts und Bukarestfranko-rumä- nische Gesellschaften" gegründet, um eine Annähe­rung der beiden Nationen vorzubereiten; bekannte Vertreter der Presse wie Tardieu, Tagespolitiker wie Deschanel, Gelehtte und ehemalige Offiziere gingen nach Rumänien (Anfang 1914), um Vorträge über die französische Geschichte, Literatur, die Armee und dergleichen zu halten. In den überschwänglichsten Worten wurden die Leistungen Frankreichs auf allen Gebieten gepriesen, wobei es an Seitenhieben gegen die Mittelmächte nicht fehlte. Oesterreich, hieß es z. B., sei der natürliche Gegner Rumäniens, habe es sich doch schon der Uebernahme der Regierung durch König Karl im Jahre 1866 widersetzt. Und Deutschland habe Rußland auf dem Berliner Kon­greß gezwungen, Bessarabien zu annektieren, um

An Sensationen hat es uns bisher in den Lagen der Ozeanftüge wahrhaftig nicht gefehlt, und Betrug, Vorspiegelung, Uebervorteilung, grobe und plumpe Spekulation sind uns auch nichts Reues unter der Sonne. Aber... ein Wunder? Davon hat man in unserer nüchternen, zahlengerechten, formelbereiten, aufgeklärten und fortschrittlichen Welt seit langem nichts gehört. Wunder: das ist cm Wort aus verschollenen Legenden, ein mittelalterliches Wort, das klingt wie »Heilige Cäcilie" oderSungfrau von Or­leans. Heute haben wir eineSungfrau von Konnersreuth"; ihr Rame ist Therese Reu­mann. ('Sie Leute dort unten sagen in der Sprache ihres Landes ganz einfach:Resl"; so sagen sie halt, und für die, denen dieses Mädchen kettre Sensatton, kein Rätsel, kein Fall der

Auch mit dem Tabak hat man seinen Kummer. Die Produktion selbst ist ja gering und spielt im übrigen auch keine so große Rolle. Aber die Einfuhr für die Veredelungs Industrie geht zurück. Ein bedenkliches Zeichen! Zwar sind Die Bakterien, die dem importierten Tabak jenes wundervolle Aroma verleihen, das dieägyp­tische Zigarette" weltberühmt gemacht hat, die­selben geblieben. Aber man kehrt sich offen­bar draußen in der Welt nicht mehr so an die Originalität. Begnügt sich damit, ein eittsprechen- des Etikett mit der Phantasiegestalt eines rau­chenden Fellachen aufzukleben, und das un­wissende Raucherpublilum ist zufrieden. Die Re­gierung hat ihr Konsuln im Auslande ange­wiesen. im Snteresse der ägyptischen Volkswirt­schaft diesen Mißbrauch zu bekämpfen ver­geblich.

Die Fremdensaison hat noch nicht begannen. Die komfortablen Salondampfer, die nach Assuan fahren, sind leer. Aber schon laufen in Kairo und Port Said die telegraphischen Bestellungen für Kabinen ein. Und bald werden sie kommen mit Baedeker. Kamera und Fernrohr. Run, man wird das Museum bewundern, die Gräberstadt und das Gizeh-Tal. Aber die Sorgen dieses Volkes wird man nicht beachten und würde tze übrigens auch nicht verstehen. Die Sorgen die­ses Volkes, dessen höchstes und heiligstes Fest durch eine nationale Trauerbotschaft zerstört worden ist. Der Subel, der sonst um diese Zeit hier herrschte, findet keinen richtigen Boden, kein Echo. Wohl bekam der Ril auch diesmal sein Ströhvpfer, aber über der Pseudo- braut schwebte der Schatten des toten Fellachen, um dessen Palast die Vertreter der ägyptischen Sugend Rächte hindurch die Ehrenwache hielten.

Die Trauer um Zaghlul Pascha über­tönte den Festjubel. Diese Trauer ist unermeß­lich wie der Verlust dieses klugen, geschickten, diplvmattschen Vorkämpfers siir die ägyptische Freiheit. Die Waft-Partei hat ihren Füh­rer verloren. Diese Partei, die, wie ihr Rame schon sagt (Waft = Delegation) gar keine Partei war, sondern nur eine Vereinigung von Ele­menten, die die nationalen Ziele durch geschickt» Diplomatte erreichen wollten. Diese stärkste Ver­einigung im Lande wird sich auflosen und ihre Mitglieder werden zu den Radikalen übergehen. Die englandsreunduchenLiberalen" und die königlicheUnion" werden dem überuqellenden Rationalismus kein Gegengewicht leisten können, und so dürfte London bald wieder Grundzum Einschreiten" haben. Und England ist noch niemals umsonst eingeschritten...

Man hat dem Ril seine Braut aus Fleisch und Blut genommen. Richt jetzt erst natürlich, aber die Rache des heiligen Stromes braucht eben ihre Zeit, so wie Gottes Mühlen langsam mahlen. Vielleicht ist dies, wie manche munkeln, der Grund für das Unglück, das dieses Land bestürmt. Vielleicht, wer kann es wissen? Sn den silbernen Mondscheinnächten von Gizeh lächelt die Sphinx...

Nilbraut.

Von unserem O.-Derichterstatter.

Konnersreuth.

Konnersreuth ist ein bahetrischer Markt­flecken im Fichtelgebirge unweit der tschecho­slowakischen Grenze (Regierungsbezirk Oberpfalz, Bezirksamt Tirschenreuth), hat kaum 1000 Ein­wohner und war vor kurzem so gut wie unbe­kannt. Auf einmal ist der Rame dieses Ortes In aller Munde, und in dem, was man davon sprechen hört oder geschrieben liest, lauten die wichtigsten und immer wiederkehrenden Worte: Wunder... Rätsel... Sensation ... Schwindel. Und in Verbindung damit: die ausschlaggebenden Satzzeichen, geschrieben oder gesprochen, sind ent­weder Ausrufestriche oder Fragezeichen; diese überwiegen durchaus, meist schon in der Ueber- schrift oder der Anrede:Was sagen Sie dazu?" Was halten Sie davon?"

Weil aber der Rame des idhUischen Ortes immer wieder auftaucht, weil Berichte. Ge­spräche, Anklagen, Debatten, Streit der Geister für und wider nicht verstummen, sondern eher zuzunehmen und anzuschwellen scheinen, ist es vielleicht geboten, auch an dieser Stelle einmal den geheimnisvollen Ramen auszusprechen. Ob­wohl, und hieraus muß eine besondere Betonung gelegt werden, ein großes Fragezeichen in Ver­ladung mit dem Ramen noch immer die den bisherigen Ergebnissen am ehesten entsprechende Signatur ist; wenn von Ergebnissen überhaupt die Rede sein kann.

warf, den ältefien Sohn des rumänischen Thron­folgers mit einer Zarentochter zu vermählen, um Den deutschen dynastischen Einfluß in Bukarest durch den russischen zu ersetzen (Herbst 1913).

In dieser Zeit fand auch der Bundesgenosse Ruß­lands wieder Gelegenheit zur Propaganda. Als Ru­mänien eine Anleihe auf dem Pariser und Berliner Markt unterzubringen suchte, verlangte die französi­sche Regierung, daß Deutschland von der Beteiligung ausgeschlossen werde, und daß Rumänien weit­gehende Konzessionen für die französische Industtie mache.Es handelte sich", schtteb der deutsche Ge­sandte in Bukarest,von französischer Seite um einen regelrecht vorbereiteten Schlag, der gegen unseren politischen und wirtschaftlichen Einfluß in Rumänien geführt werden sollte." Allerdings waren die An­strengungen umsonst. Die französische Regierung hatte geglaubt, der deutsche Geldmarkt werde nicht imstande sein, die Anleihe unterzubringen, wenn sich Frankreich fernhielt; sie mußte erfahren, daß in-

es mit Rumänien zu verfeinden. Allerdings habe sich Rumänien später auf Oesterreich stützen müssen, weil es sich durch den Panslawismus bedroht fühlte, aber diese Zeit sei jetzt vorbei, denn Rußland vertrete feine panslawistischen Ziel« mehr. Oesterreich sei dagegen seiner rumänenfeindlichen Haltung treugeblieben, wie die Behandlung der siebenbürgischen Rumänen und seine Rolle in der bulgarischen Frage beweise. Der Dreibund endlich könne Rumänien nichts mehr bieten, da Italien fith bereits tatsächlich von ihm losgelöst habe und Oesterreich bei seinem inneren Zerfall einen Machtfaktor nicht mehr darstelle. Rumänien gehöre daher an die Seite Rußlands und Frank­reichs: nur mit ihrer Hilfe könne das nationale Ziel, Errichtung eines großen rumänischen Reiches durch Erwerbung Siebenbürgens, erreicht werden. Durch die Presse geschickt vorbereitet, sanden solche Vor­träge viele Hörer, und der russische Gesandte Po- klewski, dem in der Diplomatenwelt cme besondere Geschicklichkeit für solche Agitationen zugeschrieben wurde, vereinte selbstverständlich seine Anstrengungen mit denen der Franzosen. Mit ©enugtuung berichtete er, daß in der rumänischenöffentlichen Meinung ein bedeutender, ja vielleicht ein entscheidender Um­schwung zugunsten Rußlands eingetreten sei".

Die Sprache der rumänischen Presse wurde in- folgedessen immer schärfer gegen Oesterreich, und an Straßenkundgebungen fehlte es abermals nicht. Die Regierung, voran der König, sahen diese Vorgänge mit schwerer Besorgnis. Der König, der entschlossen war, am Dreibund festzuhalten, erkannte doch, Daß er bei der augenblicklichen Stimmung seines Landes nicht imstande jein werde, im Kriegsfälle feinen Bundesgenossen veizustehen. Er empfahl daher drin­gend, einen Ausgleich zwischen Magyaren und unga­rischen Rumänen zu suchen; dann werde, meinte er, der Dreibund wieder populär werden. Bon Berlin wurden solche Ratschläge in Wien lebendig unterstützt, und dort fanden sie namentlich beim Herzog Franz Ferdinand Beachtung. Indessen, ehe Durchgreifendes auf diesem schwierigen Gebiete der inneren öster­reichisch-ungarischen Politik geschehen konnte, setzten die serbischen Mörder seiner Tätigkeit ein Ziel.

In Rußland wußte man ganz genau, daß der kluge und loyale König Karl sich zu einem Bruch mit Oesterreich nicht verleiten lassen werde, infolge­dessen stellte man ihm gegenüber die russische Politik als möglichst harmlos yin, um ihm das Zusammen­gehen mit Rußland zu erleichtern. Weder gegen Oesterreich noch gegen die Pforte hege man An­griffsabsichten, versicherte Sasonow auf einer Zu­sammenkunft in Eonstanza (Juni 1914): man wünsche nur die Offenhaltung der Meerengen für den Handel, eine politische Beherrschung liege der russischen Re­gierung fern. Wie es mit der Wahrheit dieser Be­hauptungen bestellt ist, wissen wir jetzt zur Genüge: eine geheime Beratung des russischen Ministeriums aus dem Januar 1914 hatte mit Genehmigung des Zaren als Ziel der russischen Politik, die Meerengen unter russische Herrschaft zu bringen, hingestellt und zugleich ausgesprochen, daß diese Lösung nur durch einen europäischen Krieg erreicht werden könne. Und was die Politik gegen Oesterreich angeht, so braucht man nur auf die Gespräche Sasonows und des Zaren mit Pasitsch, dem serbischen Minister aus der­selben Zeit, zu erinnern, in denen ein neuer Balkan­bund mit dem ausgesprochenen Ziele der Zertrüm­merung Oesterreichs verabredet wurde. In einigen Jahren hoffte man zum Werke schreiten zu können. Es waren also durchaus offensive Ziele, von denen die russisch-französische Agitation in Rumänien ge­leitet wurde.

Die Dinge tn Rumänien logen mithin behn Aus­bruch des Krieges so, daß ein beträchtlicher Teil des Volkes für die Entente gewonnen war, die Regie- rung baaegen, noch voll Mißtrauen gegen Rußland, einen offenen Bundesbnich ablehnte, ohne aber ihren Pflichten gegen die Mittelmächte nachkommen zu können. Ein rascher Erfolg über Rußland hätte Rumänien für die Mittelmächte retten können: Ruß­lands Ansehen wäre gesunken, und die rumänische Begehrlichkeit hätte sich von Siebenbürgen auf Bessarabien gewendet. Da der Erfolg ausblieb, Oesterreich vielmehr zuerst Niederlagen erlitt, ge­wann die österreichfeindliche Richtung im Kriege täglich an Boden, bis man schließlich nach zwei Jahren, nach einer neuen Schlappe Oesterreichs, offen Partei zu nehmen wagte.

Vorbereitung Des Weltkriegs durch Rußland undZrankr ich in Rumänien Don Dr. Gustav R o l o f f, o. Professor der Ge­schichte an der Universität Gießen.

Wenn die russisch-serbische Propaganda unter den Südslawen das Gefüge des österreichisch-ungari­schen Staates im Frieden zu zermürben suchte, um oen Dreibund für die von Rußland längst geplante kriegerische Auseinandersetzung zu schwächen, so war das nicht das einzige Operationsfeld der Feinde der Mittelmächte: es wurde zugleich planmäßig daran gearbeitet, Rumänien von ihnen zu trennen und es für die russische Ofsensivpolitik zu gewinnen. Die Vorgänge in den Balkanwirren 1912/13 erleichterten das Vorhaben.

Deutschland hatte in dieser Krisis, wie frül)er ein­mal bargelegt, bas verdünbete Rumänien begünstigt, Oesterreich dagegen mehr zu Bulgarien gehalten, um an ihm ein Gegengewicht gegen bas erheblich ver­größerte Serbien zu erlangen unb mit seiner Hilfe die friedensfeindliche panslawistische Politik Ruß- kmbs einzudämmen. Bulgarien bot aber nach der Anschauung der deutschen Regierung fein« sichere Stütze für eine solche Politik, da weder der König noch das Pattament Vertrauen verdienten. Wenn Rügland zehn Deputierte kaufe, sagte der Staats­sekretär Iagow, werde die Regierung gestürzt, und der Botschafter in Rom meinte, Rußland besitze in Bulgarien zur Bearbeitung der Regierung und der öffentlichen Meinungsolche Gewaltmittel der Ver­schwörung, des Mordes, der Bestechung und andere, daß es für ein« andere Macht unmöglich [ein würde, damit zu konkurrieren". Man solle sich also das zu­verlässige Rumänien nicht durch Begünstigung feines unsicheren Nachbars verscherzen. Die Wiener Regie­rung verschloß sich dieser Anschauung nicht völlig. Auch sie wollte Rumäniens Bundesgenossenschaft behaupten, aber zugleich die Bulgariens gewinnen, sie suchte daher nach Mitteln, die Gegensätze zwischen Bulgarien und Rumänien Rumänien hatte sich auf Kosten Bulgariens vergrößert auszugleichen, konnte aber Erfolge nicht erzielen, führte vielmehr jtur eine Abkühlung in den Beziehungen zu Ru­mänien herbei.

Die Späheraugen der Entente entdeckten diese Lücke in der Rüstung der Mittelmächte sogleich und bemühten sich nach Kräften, sie zu erweitern. Kaum waren die ersten Anzeichen der beginnenden Span­nung erkennbar, da bot Potncars der rumänischen Regierung Unterstützung in ihren Vergrößerungs- wünfchen an, falls Rumänien im Kriegsfälle feine Bundesgenossen verlasse (Ans. 1913). Zugleich setzte eine lebendige russische Propaganda in Rumänien ein. Durch die Presse und mündliche Agitatoren wurden unter Anleitung der russischen Gesandtschaft namentlich die unteren Bevölkerungsschichten bear­beitet, um sie gegen Oesterreich einzunehmen, wobei ebenso die rumänifch-bulgarische Frage wie das ge­spannte Verhältnis zwischen den Magyaren und den Rumänen in Ungarn vortrefflichen Agitationsstoff gewährten. Bald griff man zu stärkerem Geschütz. Als während der Verhandlungen über die Wieder­herstellung des Dalkanfriedens in Petersburg eine Konferenz der Großmächte den Gegensatz zwischen Rumänien und Bulgarien zu schlichten vernicht war, wollten die Vertreter des Dreibundes Rumänien SHiftria und eine Ausdehnung feines Gebietes am Schwarzen Meere verschaffen, während der Dreiver­band Widerstand leistete und schließlich auch die Be­schränkung Des rumänischen Anteils an der Küste durchsetzte (April 1913). Das Ergebnis der Konferenz sollte einstweilen geheimgehalten werden: ttotzdem teilte Sasonow, der russische Minister des Auswär­tigen, sogleich insgeheim oen Konferenzbeschluß nach Bukarest mtt unb benutzte bie Gelegenheit, bie öster­reichische Politik zu verleumden: auf ihren Wider­stand sei das unbefriedigende Ergebnis der Kon­ferenz zurückzusühren, wahrend Rußland alles tue, um die rumänische Freundschaft zu verdienen. Die russische Saat ging in der Tat auf: Demonstrationen fanden in Bukarest gegen Oesterreich' statt, bie zu Vorstellungen der Wiener Regierung Anlaß gaben (Juli 1913). Mit großer Freude verzeichnete man in Petersburg diese Anzeichen des Zwistes zwi­schen den Bundesgenossen; es sei Sasonows Meister­stück, schrieb Iswolski, der Botschafter in Paris, daß er Rumänien von Oesterreich getrennt habe. Er selbst habe als Minister (bis 1910) immer davon geträumt, ohne es erreichen zu können. So eng glaubte man scyon die Beziehungen, daß Sasonow den Plan ent-

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